Brillen

Es ist nicht zu leugnen: ich werde älter. Das Haar wird dünner, dafür grauer, die Runzeln und Falten um die Augen tiefer und mehr, ein noch kleines und doch bei unverhüllter Betrachtung nicht zu übersehendes Bäuchlein wölbt sich oberhalb der Schamgrenze und bildet einen reizvollen Kontrast zu meinen dürren Beinen und Spillerärmchen; die Ohren- und Augenleistung lassen nach, weshalb ich zum einen des öfteren Gesprächen nicht mehr folgen kann, was nicht in jedem Fall ein Nachteil ist, vor allem im öffentlichen Personennahverkehr und an anderen Orten, wo man fremder Leute Geschwätz ausgesetzt ist, zum anderen trage ich seit geraumer Zeit eine Brille.

Ich mag meine Brille, unbeeinträchtigt von Eitelkeit trage ich sie gerne (abgesehen von gelegentlichen Aufenthalten in gewissen Spelunken, aber dort ist es ohnehin dunkel); ein schlankes Modell mit relativ kleinen Gläsern, eingefasst in ein schlichtes Gestell aus dezentem Draht. Ich mag meine Brille, obgleich sie keineswegs im Trend liegt: Wer heute mit der Zeit gehen will, trägt eine große Brille mit schwarzer, möglichst breiter Horneinfassung, früher AOK-Standard, heute Designerstück, prominente Träger sind/waren Woody Allen und Erich Honecker, nicht ganz so prominent mein Großvater mütterlicherseits; was vor kurzem noch als Karnevalsartikel mit Fensterglas verkauft wurde und jedem Kostüm das humoristische Sahnehäubchen aufsetzte, ist heute die große Mode der sehgeschwächten.

Waren es früher vor allem ältere Herren, die diese Art von Brillen trugen, weil sie die Reife erlangt hatten, da Äußerlichkeiten nur noch eine untergeordnete Rolle spielen (eine dezentere Sehhilfe hätte der Physiognomie etwa eines Erich Honeckers nur unwesentlich zum Vorteil gereicht), so sind es heute vor allem Herrn in meinem Alter und jünger, deren Antlitze schwere schwarze Horngestelle zieren, selbst unser verehrter Herr Außenminister stieg unlängst auf ein markanteres Modell um, wenn auch nicht ein ganz so großes, ohnehin gibt er sich in letzter Zeit ja ungewohnt bescheiden; allüberall bin ich umgeben von dunklen Riesenbrillen, auf der Straße, in der Firma, in der Bahn…

Ich mache das nicht mit, zumal ich befürchte, dass mir ein solches Gerät die Anmutung eines ausgehungerten Uhus verliehe, trotz des erwähnten Bauchansatzes. Sollte allerdings eines Tages die Achtzigerjahre-Helmut-Kohl-Brille ihre modische Wiedergeburt erfahren, dann, ja dann könnte ich schwach werden.

Fürs Leben gezeichnet

Die Tätowierung der Menschheit begann vor etwa siebentausend Jahren, wie entsprechende Mumienfunde im nördlichen Chile belegen. War die dauerhafte Körperzeichnung bis vor einigen Jahren noch überwiegend Kennzeichen gewisser Randgruppen, etwa Knastbrüder, Seefahrer und zweifelhafter Damen, deren Hauptkunden Knastbrüder und Seefahrer waren, so bildet heute die nicht-tätowierte Minderheit eine immer geringer werdende Randgruppe. Nicht nur der Punk auf dem Bahnhofsvorplatz oder die Aushilfsuschi im Lidl, auch leitende Angestellte und Zahnarzt- wie Bundespräsidentengattinnen bekennen heute Farbe.

Meine erste Begegnung mit einer Tätowierung hatte ich in den Siebzigerjahren, als die Popgruppe Sailor auf dem Höhepunkt ihrer Zeit angekommen und regelmäßig in Ilja Richters Disco oder dem Musikladen mit Manfred Sexauer (ob der wohl wirklich so hieß? Der Name erinnert  ein wenig an ungeübten Analverkehr) zu sehen war, die älteren von Ihnen erinnern sich vielleicht: Girls, Girls, Girls, A Glas Of Champagne und The Old Nickelodeon Sound; die vier Jungs aus England, Erfinder und Nutzer des Nickelodeons, einem sperrigen, von zwei gegenüberstehenden Personen zu bedienenden Tasteninstrument, heute längst in den popmusikalischen Tiefen abgetaucht, sowohl die vier Jungs als auch ihr tönendes Sperrmöbel.

Disco und Musikladen, so was gibt es  heute leider gar nicht mehr, heute muss man Wetten, dass…? kucken, wenn man im Fernsehen internationale Popstars auf der Bühne sehen will, und wer will das schon, also Wetten, dass…? kucken, meine ich. In diesem Zusammenhang unbedingt erwähnenswert erscheint mir auch die Plattenküche mit Helga Feddersen, Gott habe sie selig, und Frank Zander, eine Mischung aus Musikladen und Klimbim, nur ohne die Titten von Ingrid Steeger.

In den Achtizigern gab es dann Formel Eins mit Peter Illmann, gefolgt von Ingolf Lück, Stefanie Tücking und Kai Böcking. Die Stars traten nun nicht mehr in Form von Bühnenpräsenz in Erscheinung, dafür aber in ihren Musikvideos, eine musikalische Darreichungsform, die kurz zuvor in Mode gekommen war. Formel Eins, ich habe es geliebt (während ich den gleichnamigen Autorennsport ungefähr so interessant fand und finde wie die Betrachtung eines Grashalmes beim Wachsen); leider musste es mit dem Aufkommen von MTV und VIVA bald sterben, sehr bedauerlich. Manchmal wird Formel Eins heute noch wiederholt, leider in unerträglicher Form, anstatt die damaligen Folgen einfach noch einmal zu senden, zeigen sie nur einzelne Ausschnitte, ständig unterbrochen von völlig überflüssigen Kommentaren nicht minder überflüssiger sogenannter B-Prominenter („Oh ja, bei dem Lied habe ich damals zum ersten Mal onaniert“ und so weiter).

Zurück zum Thema. Zu Zeiten von Formel Eins war das Schiff von Sailor längst gesunken oder bestenfalls im hintersten Winkel eines Hafenbeckens für alle Zeiten festgemacht als seeuntüchtiges Restaurantschiff. Ihr Sänger, George Kajanus, sang nicht nur sehr schön, während er auf seiner Gitarre spielte (übrigens eine sogenannte akustische Gitarre, was für ein Unfug in sich, das Gegenteil ist dann wohl eine optische oder olfaktorische oder was??), sondern er trug auf seiner Wange die Tätowierung eines kleinen Ankers. Also ich nehme nicht an, dass der wirklich tätowiert war, aber man weiß ja nie bei so einem richtigen Seebären. Ich gebe zu, es gab Zeiten, da vergötterte ich Sailor, konnte viele ihrer Lieder, frei von jeglichen Englischkenntnissen, mitsingen, und zu Karneval ging ich als – nein, nicht als Seemann – als George Kajanus, ohne Gitarre, aber mit Ringelpullover, Schiffermütze und Anker auf der Backe, also auf der Wange, meine ich. (Ich bin mir sicher, heute gibt es nicht wenige Menschen, die einen Anker oder andere Bildnisse auf der Backe, nicht auf der Wange tragen.)

Sah man früher Tätowierungen bei den oben genannten Randgruppen vor allem auf Unterarmen und im Falle von George Kajanus im Gesicht, auch die alten Nordchilenen beschränkten sich zunächst auf Hände und Füße, so ist heute nahezu keine Körperregion mehr davon ausgenommen. Während das in den Neunzigern vor allem bei Damen beliebte Arschgeweih aus gutem Grund aus der Mode gekommen ist (was bei einer Tätowierung ja eher eine Art langfristiges persönliches Pech bedeutet), sieht man zunehmend junge Männer mit tätowierten Waden. Ich finde das schlimm. Ein Jungsbein soll haarig sein, aber nicht tätowiert, so ist es meines Wissens in der päpstlichen Schöpfungsordnung vorgesehen, vielleicht irre ich mich aber auch. Vielleicht ist ja auch der Papst unterhalb seines wallenden Gewandes großflächig gefärbt, niemand wird es je erfahren, ist wohl auch besser so.

Proportional zur Anzahl der Tätowierwilligen wächst auch die Zahl der Tattoo-Studios, in der Nachbarschaft zum Beispiel erfolgt die piksende Färbung direkt hinter einem Schaufenster, der einzufärbende sitzt mit entblößtem Körper(teil) in einer Art Frauenarztstuhl, während der Künstler mit mächtigen, von oben bis unten tätowierten Armen für jedermann sichtbar seinem stechenden Werk nachgeht. Ich frage mich, tätowiert der sich eigentlich selbst, oder geht er dafür seinerseits in ein Tatoo-Studio seines Vertrauens? Sinngemäß dieselbe Frage stelle ich mir schon seit langem für Frisöre und Zahnärzte, ohne je eine verlässliche Antwort erhalten zu haben.

Ich gestehe: auch ich wollte nicht länger zur Randgruppe der Nichttätowierten gehören, deswegen ließ ich das bereits vor geraumer Zeit ändern, nur was ganz kleines aus dem Tätowiererkatalog, etwas größeres hätte auch nicht auf meinen spillerigen Oberarm gepasst; ein Ornament ohne jede symbolische Aussage, so hoffe ich jedenfalls, aber genau weiß ich es nicht, vielleicht ist es ja ein fremdländisches Schriftzeichen, welches mich in ein eher ungünstiges Licht rückt, etwa als Kinderhasser oder Paarhuferkopulierer. Wenn es so sein sollte, werde ich es hoffentlich niemals erfahren.

Tätow

Eine Bitte zum Schluss: keine Wort darüber an meine Eltern, auch mit Mitte vierzig bin ich kein Freund unnötiger Diskussionen. Vielen Dank!

 

Herbstimpressionen

Mein Sonntagsspaziergang führte mich heute ungeplant durch den Bonner Norden über die Friedrich-Ebert-Brücke bis zur Siegmündung und auf der anderen Rheinseite wieder zurück. Die Herbstsonne ließ dabei die Siegauen in wunderschönen Farben erleuchten.

Hier ein paar Eindrücke, teilweise mit Instagram bearbeitet.

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Von Ziegelsteinen und Kartoffelstärke

Eine der größten Fragen der Menschheit, genau genommen sind es ja zwei, lautet seit geraumer Zeit: Woher kommen wir, wohin gehen wir? Die nachfolgenden Ausführungen erheben keinerlei Anspruch darauf, diese Frage aufzugreifen oder auch nur annähernd einer Antwort zuzuführen, das überlasse ich gerne anderen, die sich auf diesem Gebiet auskennen, die die Frage gar überhaupt als beantwortenswert erachten, denn bei genauer Betrachtung ist es mir ziemlich egal, eines Tages sind wir halt da, und irgendwann dann wieder weg, das haben wir schon immer so gemacht, um ein beliebtes Argument älterer Kollegen zu zitieren.

Weitaus interessanter erscheint mir die Frage der Herkunft und des Verbleibs alltäglicher Dinge. Nehmen wir einen an Profanität kaum zu überbietenden Gegenstand wie den Ziegelstein. Woher kommen Ziegelsteine? „Dumme Frage, aus der Ziegelei natürlich“, werden Sie nun antworten, und ich werde entgegnen, nun, Sie sind wohl eine(r) von der schlauen Sorte. Ziegelei also. Ziegeleien gab es in meiner Kindheit und Jugend fast so zahlreich wie Pfannen auf dem Dach, also Dachpfannen meine ich, keine teflonbeschichteten Bratgefäße. Ziegeleien waren zumeist aus roten Ziegelsteinen gebaut, was mir schon als Kind ein Rätsel war. Nun könnten Sie, als ausgewiesener Schlaumeier, wiederum behaupten: „Aus was denn sonst, aus Styropor? Immerhin stellen Ziegeleien Ziegelsteine her!“

Gewiss; aber wie machen die das? Ich meine, die fangen mit der Produktion doch erst an, wenn die Fabrikationsstätte fertiggestellt ist, also woher kommen die vielen Ziegelsteine, die die Ziegeleibaufachfirma für den Bau des Werkes verwendet hat? – Dafür gibt es eine ganze Reihe nachvollziehbarer Erklärungen.

Die erste: Die leihen sich die Ziegel in entsprechender Anzahl bei einer anderen, schon fertigen und somit produzierenden Ziegelei mit der Vorgabe, dass die daraus zu bauende Steinbräterei gleichwertige Steine in dreifacher Anzahl zurück liefern muss, wenn die eigene Produktion begonnen hat. Somit unterstützt der Lieferant zwar zunächst die Konkurrenz, beutet sie hernach aber unbarmherzig aus.

Die zweite: Zuerst wird ein primitiver Brennofen gebaut, nicht viel mehr als ein Loch in der Erde, vergleichbar einem Holzkohlenmeiler (auch wenn dieser kein Loch in der Erde ist, sondern ein erdebedeckter, in sich glimmender Holzhaufen), und in diesem Ofen werden die ersten handgeformten Ziegel gebrannt; wenn genug davon zusammen gekommen sind, entsteht daraus ein halbwegs professioneller Ringofen, mit dem schon ein paar Ziegel mehr pro Monat gefertigt werden können; hiermit baut man dann Lagerhalle, Verwaltungsgebäude, Mitarbeitertoiletten und ganz zum Schluss den raffiniert ausgeleuchteten Verkaufs- und Präsentationsraum, „Showroom“, wie der Marketingler sagt, in welchem diverse Hohlblock- Dach- und Firstziegel dem interessierten Bauherren feilgeboten werden, nicht zu vergessen gelbe und bräunliche Klinker für das Einheitsneubausiedlungseinfamilientraumhaus mit Krüppelwalmdach und trapezförmigem Erker vor der Küche, Sie wissen was ich meine. – Schon nach wenigen Jahren kann so das Ziegelwerk quasi aus dem Nichts entstehen und die Menschheit mit täglichen Frischziegeln erfreuen.

Die dritte: Ziegel werden bekanntlich aus Lehm gemacht. Also vergräbt man einen fertigen Ziegelstein – woher der kommt, soll jetzt mal offen bleiben, um die Sache nicht unnötig zu verkomplizieren – man vergräbt ihn also an einer Stelle mit lehmigem Boden und genügend Platz, und überlässt den Rest der Natur. Diese Erklärung erschien mir als Kind die plausibelste, hatte ich doch oft genug die Kartoffelproduktion im Garten meiner ländlichen Großeltern begleitet: Furche in die Erde buddeln, Einzelkartoffeln im Abstand von einem halben Meter hinein, Erde drauf, warten, gießen. Nach Wochen wächst ein kniehohes Gewächs aus jeder Kartoffel, weiße Blüten, später grüne Beeren und bunte Kartoffelkäfer; die Beeren darf man nicht essen und die Käfer muss man umbringen, obwohl sie die Kartoffeln gar nicht antasten, aber sicher ist sicher.

Im Herbst, wenn die Blätter gelb geworden sind, öffnet man die Grube wieder, und siehe da, die im Frühjahr vergrabene Kartoffel hat sich auf wundersame Weise vermehrt, und ihre Kinder warten nun darauf, zu Salz-, Pell-, Brat- oder Herzoginnenkartoffeln, Pommes Frites oder Kroketten verarbeitet zu werden. Oder zu Kartoffelstärke; die Stärke der Kartoffel liegt ja gerade in ihrer mannigfachen Verarbeitungsmöglichkeit, denken Sie nur an die aus keiner gemütlich-geselligen Bierrunde wegzudenkenden Chipsletten. Obwohl diese wohl gar nicht aus Kartoffeln gemacht werden, wie ich kürzlich einem Appetit abregender Magazinartikel über Lebensmittelherstellung entnahm, sondern aus zahlreichen anderen mehr oder weniger naturnahen Grundstoffen, so weit ich mich erinnere waren Sägemehl und Torf auch darunter.

Aus dem vergrabenen Ziegel-Ei * also wächst dann in den nächsten dreißig bis fünfzig Jahren eine Ziegelei, zunächst eine ganz kleine, die sich jedoch aufgrund eigener (Re-)Produktion sehr schnell vergrößert und in rauhen Mengen Klinker, Hohlblock- und Dachziegel produziert. Dachziegel sind ja gewissermaßen die Chipsletten unter den Ziegelprodukten.

Wo früher Ziegeleien waren, sind heute Einkaufszentren, Baumärkte, Parkplätze oder triste Gewerbegebiete. Sie sind einfach verschwunden, die Ziegeleien meiner Kindheit. Daher zurück zur Ausgangsfrage: woher kommen denn nun die Ziegelsteine und Klinker für die Krüppelwalmdachvorstadtsiedlungsjungfamilienhäuser? Die Antwort liegt inhaltlich nahe, räumlich fern: aus China, woher sonst? Alles kommt heute aus China, vom Flachbildfernseher bis zum Stecknadelkopf, also natürlich auch Ziegelsteine.

Gut, die erste Teilfrage, das „Woher“, wäre also geklärt. Bleibt die zweite, und auch die ist schnell beantwortet: während alte Ziegelsteine früher Verwendung fanden als Beeteinfassung im Garten oder als Hofpflasterung, oder gar nach dem Kriege trümmerfraulich ** aufbereitet und geputzt wieder der natürlichen Ziegelsteinbestimmung zugeführt wurden, werden sie heute entweder von Manufactum aufgekauft und zu einem goldnahen Kilopreis im bekannten Katalog der guten Dinge als stilvolles Baumaterial angeboten, oder aber in großen lärmenden Maschinen geschreddert. Man sieht es überall: was gestern noch ein stolzes Parkhaus war, ist heute ein Haufen Schotter. Und wohin damit? Ganz klar: Der wird nach China exportiert. Dort wird er zu feinem Mehl zermahlen und ist wesentlicher Grundstoff für Chipsletten. Ohne es genauer recherchiert zu haben, gehe ich davon aus, das die chinesischen Schriftzeichen für „Dachziegel“ und „Chipslette“ eine große Ähnlichkeit aufweisen, vielleicht nur durch einen winzigen Strich in der Stimmmodulation zu unterscheiden.

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* Hierfür bitte ich den Leser aufrichtig um Vergebung. Ich habe lange (mindestens zwanzig Sekunden lang) überlegt, ob ich diesen humoristischen Flachwurzler wirklich bringen soll, aber es war wie ein Niesreiz, den man zwar einige Zeit unterdrücken kann, allein schon, um dem unvermeidlich-dämlichen Ausruf „Gesundheit!“ seiner Umgebung zu entgehen, aber schließlich entfährt es einem dann doch mit voller Wucht, ob man will oder nicht. Es lag nicht mehr in meiner Macht.

** Hier erstaunt mich das Textverarbeitungsprogramm: Es stellt die Existenz des Wortes oder zumindest seine Schreibweise nicht durch eine rote Schlangenlinie in Frage. Dem Duden, 24. Auflage, ist es unbekannt.

Alles furchtbar wichtig.

Am besten man macht keinen Urlaub mehr, nie mehr. Ich meine das ernst. Denn: Während ich zwei Wochen lang meinen Bauch und andere Körperregionen in die provencalische Sonne hielt, sammelten sich, gleich einem angestauten Bach, E-Mails und andere Unerfreulichkeiten an meinem Arbeitsplatz an, erfreulicherweise keine größeren Imponderabilien, aber Kleinmist ist bekanntlich auch Mist, die Menge macht’s. Nachdem ich mich Montag und gestern noch auf einer Tagung in – sei es drum – Düsseldorf halbwegs ausruhen durfte, heute nun der erste richtige Bürotag nach zweiwöchiger südfranzösischer Muße. Irgendwie habe ich das Gefühl, alle drehen im Moment am Rad, und sicherlich nicht am Glücksrad, denn ein größerer Gewinn als der früher oder später eintretende Feierabend beziehungsweise das nächste Wochenende steht nicht in Aussicht: alle wollen was, schicken irgendwelche Dokumente, die bis spätestens gestern freigegeben werden sollen, dazu Besprechungen, Termine und so weiter; wenigstens das Telefon, nach SMS die zweitgrößte Kommunikationsgeißel, ließ mich heute weitgehend in Ruhe.

Ich fühle mich wie ein kleiner Arbeiter, der mit Schaufel und Schubkarre bis morgen Mittag einen riesigen Sandhaufen abzutragen hat, während ein großer Radlader minütlich neuen Sand auf den Haufen kippt. Und fast allen Kollegen, mit denen ich spreche, geht es ungefähr ähnlich.

Manchmal beneide ich einen Winzer. Er hat auch einen langen Tag teilweise harter körperlicher Arbeit, vermutlich im Schnitt länger als meiner, und doch muss es sehr befriedigend sein, am Ende dieses Tages (NICHT zu verwechseln mit der heute so beliebten Floskel „am Ende des Tages“!!!) zu sehen, was er geschafft hat, die eingefahrene Traubenernte, letztlich den gelungenen Wein beim Fassanstich. Was kann ich dagegen vorweisen? 43 abgearbeitete E-Mails, 5 Aufgaben in meiner Liste abgehakt? Gut, ich will nicht undankbar sein, es gibt Tage, da sind es deutlich weniger. – Und vielleicht beneidet mich der Winzer ja auch um meinen geregelten Bürojob, immer im Warmen, ich säe nicht, ich ernte nicht, und doch kommt die monatliche Gehaltsabrechnung mit schöner Regelmäßigkeit, hat ja auch was für sich.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Insgesamt bin ich sehr zufrieden, ich gehe durchaus gerne zur Arbeit. Noch gelingt es mir, den von außen aufgebauten Stress nicht zu nahe an mich heran zu lassen, Feierabend zu haben zum Feierabend und Wochenende am Wochenende (nicht alle Kollegen schaffen das). Und doch denke ich immer öfter: Ist es das wirklich, ist es das, was ich wirklich will?

Jein.

Abi ’86

Älter werden bringt nicht nur die ersten grauen Haare, eine Lichtung am Hinterkopf, nachlassendes Hör- und Sehvermögen und den Ansatz eines Bäuchleins mit sich, sondern auch die Einladung zum fünfundzwanzigjährigen Abitur-Nachtreffen. Die Einladung kam bereits Ende März, gestern war es so weit. Also machte sich auf auch Carsten K. aus Bonn nach Bielefeld. Ich war gespannt: Wie viele würden kommen? Wie viele davon würde ich wieder erkennen? Wie oft würde ich die Frage „Und was machst du jetzt“ beantworten müssen? Mein Vorsatz war, selbst diese Frage nicht zu stellen, da ich mir die Antworten ohnehin nicht merken könnte.

Die ersten Erinnerungen an die Schulzeit kamen schon abends bei der Busfahrt von Bielefeld-Sieghorst nach Heepen auf, so wie früher jeden Morgen mit der „33“, auch wenn sich die Linienführung inzwischen leicht geändert hat, trotzdem war es noch seltsam vertraut. Kurz nach sieben kam ich dann an am „Runkelkrug“ in Brönninghausen an, der für die Feier reserviert war. Dort leichte Irritation: Dass ich nicht alle auf Anhieb wieder erkennen würde, hatte ich erwartet, aber so wenige? Das konnte ja ein anstrengender Abend werden… Doch die Irritation löste sich schnell auf, denn gleichzeitig feierte auch der Abi-Jahrgang 1991, und die kannte ich nicht, die waren ja noch so klein damals.

Nachdem ich dann endlich auf der richtigen Veranstaltung angekommen war, wurde es richtig schön. Ja, erstaunlich viele habe ich wieder erkannt, die einen sofort, andere etwas später, und die meisten Namen dazu fielen mir auch ein, und wenn nicht, konnte ich ja fragen. Über achtzig Leute kamen, eine sehr beachtliche Quote. Leider fehlten einige von denen, die ich besonders gerne wieder getroffen hätte; vielleicht konnten sie nicht, vielleicht wollten sie aber auch nicht.

Natürlich haben sich alle über die Jahre verändert, mehr Bauch, weniger Haare, ein paar Falten, die einen mehr, die anderen weniger, wobei ich mich, bei aller Bescheidenheit, eher der zweiten Kategorie zugehörig fühle, hat ja auch was tröstliches; fast alle haben Kinder. Mit den einen unterhielt ich mich mehr, mit anderen weniger, im Grunde auch so wie früher. Und die Was-machst-du-jetzt-Frage musste ich auch höchstens fünf mal beantworten…

Sehr gefreut habe ich mich über das Wiedersehen mit Frank S., den Schreiber des lesenswerten Blogs QUERGEFÖNT. Zu späterer Stunde und nach einigen Gläsern Bier kam uns eine wunderbare Idee für ein gemeinsames Projekt. Ich werde Sie darüber auf dem Laufenden halten!

Zum Schluss: Vielen vielen Dank an die vier Organisatorinnen Andrea, Anke, Ina und Susanne!