Montag: Die Woche begann kalt, auch hier im Rheinland, wo es üblicherweise stets ein paar Grad weniger kalt ist als in anderen Gegenden. Während (nicht nur) Ostwestfalen unter einer dichten Schneedecke liegt, wie die Mutter morgens am Telefon berichtete, puderten in Bonn erst im Laufe des Vormittags einige Flocken die Dächer und Rasenflächen; die Straßen blieben indes frei, so dass ich gut mit dem Fahrrad ins Werk kam und nach einem besprechungsreichen, ansonsten recht angenehmen Arbeitstag wieder zurück.
Abends packte ich für die Dienstreise morgen nach München, mit dem Packen stellte sich wieder die bei mir übliche Nervosität vor längeren Bahnreisen ein, selbst wenn eine verspätete Ankunft kein größeres Unglück wäre. Das wird sich wohl nicht mehr ändern, mit dem Alter werde ich wunderlich, merke ich selbst.
Dienstag: Wie der erste Blick in die Bahn-App morgens zeigte, gab es eine „technische Störung am Zug“, dennoch sollte er laut Anzeige pünktlich in Siegburg/Bonn abfahren. Bei Ankunft in Siegburg zeigte die Anzeige am Bahnsteig, mittlerweile auch die App, eine Verspätung von vierzehn Minuten an, schließlich fuhren wir zwanzig Minuten verspätet ab. Das war nicht schlimm, bei weiteren Bahnreisen plane ich inzwischen eine Verzögerung von mindestens einer Stunde ein. Zudem war es eine bequeme Direktverbindung ohne Umsteigen. Was mich mehr störte: Ganz sicher hatte ich bei der Platzreservierung einen Reihenplatz am Wagenende gewählt, stattdessen bekam ich einen der von mir verhassten Plätze mit Tisch in der Vierergruppe. Ein junger Anzugträger neben mir bearbeitete auf dem Laptop eine Tabelle, während auf seinem Telefon ein Spielfilm lief. Beeindruckend, welche Fähigkeiten die jungen Leute entwickelt haben. Ein weiterer Anzugträger mir gegenüber kramte kurz vor Frankfurt Flughafen ein Paar Schuhe aus dem Rucksack und zog sie sich an.
Immerhin, in Frankfurt wurde der Zug deutlich leerer und ich konnte auf einen freien Reihensitz wechseln, von dem aus ich Fußfreiheit und die Fahrt durch überwiegend verschneite Landschaften und Orte mit malerischen Namen wie Großkotzenburg* genießen konnte. Um den Genuss zu verlängern, wuchs die Verspätung ohne nähere Begründung (wie Signalstörung oder Personen im Gleis) bis München schließlich auf fast eine Stunde an; im Sinne der oben genannten Kalkulation erreichte ich das Ziel somit pünktlich und der weitere Tag verlief ohne nennenswerte Ereignisse.
„Anwalt ist die beste Verteidigung“ wirbt ein Anbieter für Rechtsschutzversicherungen auf Plakaten. Das ist doch endlich mal wieder eine originelle Reklame.
*Ein Verleser im Vorbeifahren, wie sich im Nachhinein heraus stellte. Der Ort heißt Großkrotzenburg. Es ist allerdings nicht auszuschließen, dass er von Bewohnern unwohlmeinender Nachbargemeinden wie oben ausgesprochen wird.

Mittwoch: Heute kein Eintrag, weil …
Donnerstag: … es abends spät wurde und ich keine Lust mehr zum Schreiben hatte, das kommt auch nicht oft vor. Das Problem bei Dienstreisen, gerade in Orten wie München: Man bekommt nicht viel mit von der besuchten Stadt außer der Strecke zwischen Hotel und Tagungsort in Oberhaching und abends dem Weg zum Abendessen und socializing im Wirtshaus am Bavariapark, der immerhin Gelegenheit für zwei etwa halbstündige Fußmärsche bot. Obwohl es in ethanolischer Hinsicht völlig im akzeptablen Rahmen blieb, zog ich mich danach sofort ins Hotelzimmer zurück, während die meisten anderen noch ein Häuschen weiter zogen auf einen Absacker. Ich war müde, schreibunwillig und ein klein wenig stolz auf meine ungewöhnliche Vernunft.
Das Hotel in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof war gut, es lag in einer Straße, deren Anlieger ausschließlich Hotels und Schmuckgeschäfte zu sein schienen. Zum Frühstück standen Saftgläser in drei Größen zur Verfügung, einzig an Jackenhaken im Zimmer wurde mal wieder gespart, was mich wieder daran erinnert, endlich nach einem Reisejackenhaken Ausschau zu halten.
Über Nacht hatte es geschneit, durch tauenden Schneematsch ging ich zum Bahnhof, wo mein ICE schon bereit stand und München pünktlich verließ. Nach dreiundzwanzig Kilometern verließ ihn die Pünktlichkeit, wegen einer „nicht näher definierten Störung“ standen wir in verschneiter Gegend. Mir war es recht, ich hatte Zeit, einen Fensterplatz und genug zum Lesen dabei, die Zugheizung funktionierte tadellos. Das einzige, was mir passieren konnte, war, mangels Platzreservierung und ausgefallener Reservierungsanzeigen irgendwann von meinem Platz vertrieben zu werden.

Unvertrieben vom Platz kam ich mit gut halbstündiger Verspätung schließlich in Siegburg/Bonn an. Der Zugführer, der zwischen München und Nürnberg die Durchsagen machte, sprach übrigens stets von „Toleranz“ statt Verspätung. Ob er sich das selbst ausgedacht hat oder es sich um einen neuen bahnsprachlichen Euphemismus handelt, weiß ich nicht. Gegen letzteres spricht, dass sein Ablöser ab Nürnberg wieder Verspätung sagte. Hauptursache für die Verzögerung war nach meiner Beobachtung, dass der Zug über weite Strecken langsamer fuhr als der Fahrplan vorsah, vielleicht wegen des Schnees. Sogar auf der Schnellfahrstrecke zwischen Frankfurt und Siegburg, wo freie Fahrt herrschte, kamen nochmal acht Minuten hinzu.
Wie auch immer, ich war mehr als rechtzeitig zu Hause, um mich in aller Ruhe umzukleiden für den Neujahrsempfang des Arbeitgebers im Maritim-Hotel.
Freitag: „Bedenke, dass du ein Mensch bist“ flüsterte einst während des Triumphzuges im alten Rom ein Sklave dem siegreichen Centurio zu. „Bedenke, dass du ein alter Sack bist“ flüsterte mir hingegen nach längerem mein Rücken zu, der seit gestern Abend wieder deutlich zwickt. Kurz nach Rückkehr von der Neujahrssause fing es an, einen Zusammenhang vermute ich nicht. Die war übrigens sehr schön und kurzweilig mit Essen, (nicht zu viel) Trinken und angenehmen Gesprächen. Zudem hielten sich fast alle an die in der Einladung geäußerte Bitte, in gepflegter Abendkleidung zu erscheinen. Schon lange sah ich nicht mehr so viele Kolleginnen und Kollegen in einer Weise bekleidet, wie sie bis vor wenigen Jahren noch büroüblich war, ehe mit der Coronaseuche eine neue textile Üblichkeit eintrat. Ich werde wohl künftig morgens wieder öfter zu Anzug oder Sakko greifen.
Entgegen der Üblichkeit ging ich heute zu Fuß ins Werk. Zum einen war ich in dieser Woche durch die Dienstreise nur wenig gegangen, außerdem war ich mir nicht sicher, ob der Rücken das schmerzlose Auf- und Absteigen aufs und vom Fahrrad erlaubt hätte. Auf dem Rückweg hörte ich mir das Album Circles & Squares von Malcolm F. an, das der geschätzte Mitblogger Christian erschaffen hat. Wenn Sie elektronische Instrumentalmusik mögen, empfehle ich es Ihnen, mir hat es gut gefallen. Im übrigen, nicht als Hörempfehlung, vielmehr ein für Sie irrelevantes Bemerknis, entspricht die Spieldauer des Albums exakt meiner Wegezeit vom Turm bis nach Hause.
Kurt Kister schrieb: „Aber was macht man, wenn eine rechtsradikale Politikerin einen so stechenden Blick hat, dass man gar nicht umhinkommt, ihre Okularität mit ihren Überzeugungen zu verknüpfen?“ Okularität muss ich mir merken.
Samstag: Ein angenehm ruhiger Tag mit aushäusigem Frühstück, einem Spaziergang und ansonsten ohne terminliche Pflichten und karnevalistische Aktivitäten. Auch der Rücken piesackt nicht mehr, vielleicht hatte er gestern nur einen schlechten Tag, kann man ja mal haben in diesen Zeiten.
Ein weiteres schönes Wort ist das Verb „ennuyieren“, gelesen hier, das statt langweilen, ärgerlich machen, lästig werden benutzt werden kann und für das sich vor allem in letzterer Bedeutung sicherlich Verwendung finden wird.
Sonntag: Und schon ist wieder Februar. Damit auch diese Woche nicht gänzlich karnevalsfrei endet, hatten wir nachmittags einen Auftritt in Euskirchen. Zum Treffpunkt, wo der Bus abfahren sollte, fuhren wir mit einer Uberdroschke. Bemerkenswert fand ich die Anmerkungen des palästinensischen Fahrers, der sich ausführlich über zu viele Ausländer in Deutschland beklagte, dabei mehrfach das unschöne Wort „entartet“ benutzte. Das empfand ich als äußerst ennuyierend (das ging schnell); aus eben diesem Grund meide ich stets unnötige Gespräche mit Taxifahrern und anderen fremden Menschen.
***
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche und lassen Sie sich nicht ennuyieren.
20:00































