Woche 43/2026: Helau und Hotelfrühstückshöllen

Montag: Der Mensch neigt dazu, Fehler stets bei anderen zu sehen, die eigenen hingegen übersieht er gerne. Das trifft auf mich gleichermaßen zu, wie zwei Korrekturhinweise zum letzten Wochenrückblick zeigen, die mich im Laufe des Vormittags erreichten. Beim ersten staunte ich über meine Blindheit, die Verwechslung von „ich“ und „ist“ erst auf Rückfrage zu erkennen. Besonders gefreut habe ich mich über die Art und Weise, mit der der geschätzte Mitblogger Nömix den Unterschied zwischen Bund- und Buntfaltenhosen aufzeigt:

Symbolbild (Foto: Nömix)

Als selbsternannten Sprach- und Rechtschreibpingel sehen Sie mich zerknirscht, gleichwohl danke ich sehr für die Hinweise.

Jeden Tag eine gute Tat: Morgens öffnete ich einem neuen Kollegen die Tür zu seinem Büro, weil er noch nicht dafür freigeschaltet war. Kurz darauf bedankte er sich per Mail für den Tür Support. Was junge Leute so von sich geben.

Aufzeichnung einer Besprechung mit einem montagsangemessenen Redeanteil meinerseits

Nachmittags sah ich zwei Jungs gemeinsam auf einem Elektroroller durch unsere Straße brausen. Für manchen vielleicht eine willkommene Gelegenheit, einen anderen männlichen Körper zu umklammern, ohne in Schwulitätsverdacht zu geraten.

In einem Zeitungsinterview über Künstliche Intelligenz wunderte ich mich über die Verwendung des Wortes „Superintelligenz“, kaum dass der amerikanische Präsident in seiner Herrlichkeit die Umbenennung verkündet hat. Die Selbstverständlichkeit, mit der Journalisten es mittlerweile Deal nennen, wenn sich irgendwo auf etwas geeinigt wurde, finde ich hingegen geradezu widerlich.

Dienstag: Morgens fuhren mit mir im Aufzug zwei Personen, die sich offensichtlich kannten und länger nicht gesehen hatten. Während der Fahrt erzählte sie ihm in einer für die Tageszeit unangemessen Lebhaftigkeit und Lautstärke, sie sei gerade aus Elternzeit mit dem zweiten Kind zurück, kürzlich seien sie in Madrid gewesen, insgesamt sei alles anstrengend aber gut. Ich war froh, als ich aussteigen und mich in die vorläufige Ruhe meines Büros begeben konnte.

Ein Nachtrag zum letzte Woche gekauften Anzug: Bevor ich ihn am Sonntagmorgen anziehen konnte, mussten Gesäßtaschen und die äußeren Taschen der Jacke geöffnet werden, da sie wie bei neuen Anzügen üblich mit lockerem Faden zugenäht waren, damit sie beim Transport oder wann auch immer, also vor erstmaliger Nutzung nicht ausbeulen. Jedenfalls nehme ich an, dass das der Grund ist. Bei der Hose und der Brusttasche funktionierte das auch durch leichtes Auseinanderziehen und Einsatz einer Nagelschere. Nicht so bei den Seitentaschen der Jacke, die sehr solide vernäht waren. So sehr ich auch zog und zerrte, tat sich kein Spalt auf. Da ich die Jacke nicht ruinieren wollte, nahm ich zunächst an, das müsste so sein, die angedeuteten Taschen wären nur Attrappe. Ungewöhnlich, aber möglich; die Knöpfe an den Jackenärmeln dienen ja meistens auch nur noch zur Zierde.

Gestern und heute trug ich den Anzug im Büro und war von dessen Tragekomfort weiterhin begeistert, trotz zuer Taschen. Da der Rückweg mich heute an dem Bekleidungsgeschäft in der Friedrichstraße vorbeiführte, ging ich spontan hinein und fragte nach. Siehe da: Es sind doch Taschen, nur eben besonders haltbar vernäht. Mit fachfraulichen Fingern und einer Schere öffnete die freundliche Verkäuferin sie in wenigen Minuten. Manchmal ist man einfach zu ängstlich.

Mittwoch: Der Arbeitstag war erfreulich arm an Besprechungen, bis zum Mittagessen waren sie durch. Solche Tage sind selten. Ich fühlte mich produktiv, auch wenn ich Ihnen als Außenstehende den Inhalt der bearbeiteten Gewerke nicht auch nur ansatzweise erklären könnte.

Wie einem Zeitungsbericht zu entnehmen war, heißt das auch bei jungen Leuten sich zunehmender Beliebtheit erfreuende Hobby, Vögel zu beobachten und zu fotografieren, Birding. (Die direkte Übersetzung dieses Begriffs ins Deutsche bezeichnet hingegen eine völlig andere, nicht nur bei jungen Leuten beliebte Beschäftigung.) Ich selbst geriet nachmittags eher zufällig ins Vög Börding, als ich vom Büro aus mehrere große Greifvögel dabei beobachtete, wie sie nebenan über dem Gebäude kreisten, in dem die Deutsche Welle residiert. Wer mag, kann darin eine gewisse Symbolik erkennen, muss man aber nicht.

Donnerstag: Der Fußweg ins Werk war von Morgenröte begleitet. Bei Ankunft schlug die Motivklingel des Datengerätes an, ausgelöst durch reizvolles Lichtspiel zwischen den Glasfronten von Turm und Kantinenanbau. Als ich nach Erfüllung der Fotografenpflicht das Gebäude betrat, kam eine Dame des Sicherheitsdienstes auf mich zu und fragte, ob ich draußen gerade fotografiert hätte, wahrheitsgemäß bejahte ich. Das sei nicht erlaubt, wurde ich daraufhin belehrt. Ach was: Die Stelle ist jederzeit für jedermann frei zugänglich, auch am Wochenende und nachts, es ist nichts betriebsgeheimnisvolles zu sehen, warum also soll man man da nicht fotografieren dürfen, zumal kein Schild es verbietet? Anstatt sie das zu fragen, sagte ich, und da staune ich, dem sonst fast jede Regel heilig ist, über meine Renitenz mit einem Hauch von Arschloch: Das ist mir eigentlich egal. (Warum ich „eigentlich“ sagte, weiß ich nicht, jedenfalls sagte ich es.) Damit ließ ich sie stehen, ging zu den Aufzügen und fuhr hoch in mein Büro. Mehr passierte nicht. Da ich deswegen keine arbeitsrechtlichen Konsequenzen fürchte, erlaube ich mir, Ihnen das Bild zu Kenntnis zu geben. Voila:

Es wäre doch zu schade, wenn das unfotografiert geblieben wäre, oder nicht?

Freitag: Apropos Regeln: Als Radfahrer kann man nicht nur Fußgänger irritieren, indem man vor einem Zebrastreifen anhält und sie passieren lässt; auch andere Radfahrer rechnen nicht damit, dass man ihnen vor einer einmündenden Straße aufgrund der Rechts-vor-links-Regel Vorfahrt gewährt. Die Erfahrung lehrt, sich besser nicht darauf zu verlassen, dass diese Regel auch anderen Radfahrern bekannt ist oder von ihnen Beachtung erfährt.

Sturmtief Luise bringt Wind und Regen. Zum Zeitpunkt des Auslösens waren die erwähnten Blätter offenbar bereits verflogen. (General-Anzeiger Bonn online)

Samstag: Es geht wieder los. Mittags fuhren wir in karnevalistischer Mission nach Düsseldorf, die dortige Ehrengarde hatte zu ihrem Generalappell eine kleine Abordnung unserer Gesellschaft eingeladen. Nun gilt im Köln-Bonner Raum Düsseldorf als verbotene Stadt, jedenfalls unter Eingeborenen, was mich als Zugezogenen nicht sonderlich kratzt. Jedenfalls war es vergnüglich, das Altbier genießbar und auch der in Köln und Bonn bei Strafe verbotene Schlachtruf „Helau“ ging nach anfänglichem Zögern und weiteren Alt gut über die Lippen.

Sonntag: Die Kritik an der zweimal jährlich stattfindenden Uhrenumstellung reißt nicht ab, auch ich könnte gut darauf verzichten. In der vergangenen Nacht kam die zusätzliche Stunde indessen gelegen.

Morgens sah ich wieder meine Vorbehalte gegen Hotelfrühstückshöllen* bestätigt: Es war voll, laut und beim Büffet stand man sich gegenseitig im Wege, selbst wenn man nur eine Tasse Kaffee zapfen wollte. Immerhin waren der Service gut und die Saftgläser ausreichend groß.

*Zunächst stand dort „-hallen“, „höllen“ erscheint mir angemessener.

Ein heimisches Projekt befasst sich mit dem Raum, der als Büro und Modelleisenbahnzimmer dient. Die Möblierung ist uneinheitlich zusammengestückelt und mit den Jahren ist eine gewisse Zunahme der Entropie nicht zu übersehen, anders ausgedrückt, das Zimmer wurde immer mehr vollgerümpelt. Das zu ändern haben wir uns schrittweise für das kommende Jahr vorgenommen. Im ersten Schritt wird der Inhalt des Bücherregals stark reduziert, im Rahmen des Sonntagsspaziergangs brachte ich den Inhalt zweier großer Tragetaschen in öffentliche Bücherschränke. Darunter auch einige Büchlein von Loriot und sämtliche Bücher von Ephraim Kishon, deren sich im Laufe der Zeit einige angesammelt hatten. Ich war früher ein großer Freund seines Schaffens, zu Anlässen wie Weihnachten und Geburtstagen kamen stets weitere dazu. Seine Art, die Alltäglichkeiten zu beschreiben, mochte ich sehr, er inspirierte mich, selbst mit Schreiben anzufangen, sein Stil hat mich sicher beeinflusst. (Was selbstverständlich nicht heißen soll, ich könnte und wollte mich mit ihm messen; gleiches gilt für Max Goldt.) Nun ist es nicht so, dass ich Kishon nicht mehr mag, doch war die Wahrscheinlichkeit, dass ich demnächst wieder zu einem seiner Bücher greifen würde, gering. Deshalb dürfen die Bücher jetzt andere lesen; vielleicht nehme ich irgendwann wieder eins mit, wenn ich es im öffentlichen Bücherschrank vorfinde.

Als nächstes werden dann die meisten Bücher aus der Reihe Süddeutsche Zeitung | Bibliothek, eine Auswahl „50 große Romane des 20. Jahrhunderts“ der SZ-Feuilletonredaktion Anfang der Zweitausenderjahre, den Weg in die öffentlichen Bücherschränke finden. Mit ihren in unterschiedlichen Farben, ansonsten gleich gestalteten, mittlerweile etwas ausgeblichenen Buchrücken machten sie sich gut im Regal, gelesen habe ich indes nur einen geringen Teil davon, woran sich in absehbarer Zeit nichts ändern wird. Ein paar davon werde ich zumindest anlesen, auf Dauer behalten wohl keines.

Was schön war diese Woche: Morgenrot, geöffnete Anzugjackentaschen, Luft im Bücherregal.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Mögen wir von Auswirkungen der PHP2Shell-Lücke verschont bleiben.

19:00

Woche 42/2026: Hat die Jugend gar nichts gelernt aus unseren Fehlern?

Montag: Es gelang mir, dem ersten Arbeitstag nach einer Urlaubswoche mit angemessener Gelassenheit zu begegnen; schwierigere Anliegen, die vergangene Woche aufkamen, vertagte ich auf frühestens Donnerstag. Eigentlich hätte ich dann wegen kleiner Woche frei, verzichte jedoch darauf, weil ich morgen und übermorgen auf einer Tagung (nur ich nenne es so, für alle anderen ist es ein „Offsite“) des Geschäftsbereichs in der Eifel weile und außerdem sich das Gleitzeitkonto erst wieder ein wenig erholen muss.

Im Übrigen trug ich zur Steigerung der allgemeinen Vorfreude für Oktober nächsten Jahres eine weitere Woche Urlaub in den Kalender ein, die ich unbegleitet im Allgäu zu verbringen beabsichtige, sofern ich dann noch lebe und nicht aufgrund anderer Unpässlichkeiten daran gehindert werde, man weiß ja nie. Dann war der Tag auch schon wieder vorüber.

Dienstag: Die Geschäftsbereichstagung fand am Nürburgring statt, jener berühmten Rennstrecke in der Eifel, die im kommenden Jahr ihr hundertjähriges Bestehen feiert und die, wie zu erfahren war, nicht nur für Autorennen, sondern auch als Erprobungsstrecke für die Autohersteller gebaut wurde. Ein Ort, an den ich mit meinem ausgeprägten, in Richtung Ablehnung neigendes Desinteresse an Kraftfahrzeugen ohne diese Tagung wohl nicht gekommen wäre und danach voraussichtlichen so bald nicht wieder kommen werde.

Wie vergangene Woche berichtet, war während einer Bahnfahrt inmitten von Schülern häufig das Wort „Digga“ zu hören. Annähernd genauso oft hörte ich heute „Mindset“.

Nach der Tagung wurde eine Besichtigung der Rennbaulichkeiten, Boxen usw. angeboten. Für alle, die derlei interessiert, vermutlich sehr interessant. Wer wollte, konnte in einer Halle Kart fahren. Ich mochte lieber nicht und bevorzugte es, vom Rand aus männlichem Testosteron bei der Wirkung zuzuschauen.

Das Hotel lässt nichts zu wünschen übrig
Manche Botschaft ist rätselhaft
Abends

Mittwoch: In der ansonsten gut durchschlafenen Nacht wachte ich auf und spürte ein Kratzen im Hals, das auf eine aufkommenden Erkältung hindeutete. Die traf im Laufe des Tages mit Nasenlaufen und Kopfdrücken ein, hoffentlich bleibt sie nicht zu lange. Spätestens Sonntagmorgen muss ich bei Stimme und in guter Stimmung sein. Deshalb nahm ich nach Rückkehr aus der Eifel ein paar Mittel ein und begab mich ins Liegen.

Hotelfensterblick, morgens

Tricia Narwani, Editor in Chief des Verlags Penguin Random House hat mir eine Mail geschrieben, in der sie zunächst das Buch* in höheren Tönen lobt und sich anschließend erkundigt, ob ich weitere Buchprojekte in Arbeit und Interesse an der Zusammenarbeit mit dem Verlag habe. Ich fühlte mich geschmeichelt, hegte indessen gewisse Zweifel an der Ernsthaftigkeit der Anfrage, vielleicht, weil die Mail auf Englisch beginnt und deutsch endet, ansonsten ist sie frei von spamüblichen Fehlern. Deshalb nahm ich mir vor, später den Verlag um Bestätigung anzufragen. Das konnte ich mir sparen, am späten Nachmittag erreichte mich die Mail einer Bekannten, die ebenfalls bereits Bücher veröffentlicht hat, in der sie meinen Verdacht bestätigt. Vielleicht antworte ich Frau Narwani dennoch und schaue mal, was passiert. Mich würde schon interessieren, was die tatsächliche Absicht dahinter ist.

*Noch immer staune ich darüber, dass epubli das Cover aus angeblichen Jugendschutzgründen nicht anzeigt. Eine diesbezügliche Anfrage wurde nicht plausibel beantwortet.

Aus der Zeitung:

(General-Anzeiger Bonn online)

Donnerstag: Morgens kam mir in der Innenstadt wieder der neulich bereits erwähnte Mann unter einem aufgespannten Regenschirm entgegen, obwohl es nicht regnete. Wäre ich gewillt und in der Lage, vor neun Uhr und überhaupt ohne Not fremde Menschen anzusprechen, würde ich ihn bei der nächsten Begegnung fragen.

Man muss den örtlichen Einzelhandel stärken, gerade die kleinen Läden. In diesem Sinne besuchte ich auf dem Rückweg vom Werk ein Bekleidungsgeschäft in der Friedrichstraße und kaufte einen Anzug aus blauem Cordstoff, der mir im Schaufenster schon seit mehreren Wochen zugezwinkert hatte. Das ging sehr schnell, er passt gut, ich bin sehr zufrieden und weiß auch schon, wann ich ihn das erste Mal tragen werde.

Ein weiterer Gruß aus der Symbolbildhölle:

(General-Anzeiger Bonn online)

Freitag: Per Mail erreichte mich eine weitere Anfrage das Buch betreffend, nun von Patricia Mora pérez [sic], ihres Zeichens Professional Literary Translator. Sie schlägt vor, das Buch ins Spanische zu übersetzen, ob ich darüber schon einmal nachgedacht hätte. Nein, habe ich nicht, und es würde mich wundern, wenn es dafür in nennenswerter Anzahl spanische Leser gäbe, wo es schon auf deutsch kaum jemand liest.

Wie ich mit etwas Sorge beobachte, erfreuen sich weite Bundfaltenhosen unter jungen Leuten zunehmender Beliebtheit. Wie bei uns in den Achtzigern, inspiriert durch Fernsehserien wie Miami Vice, die ich vor allem wegen der Klamotten schaute, die Handlung habe ich nie verstanden. Hat die Jugend gar nichts gelernt aus unseren Fehlern?

Nicht nur die Kraniche reisen dieser Tage wieder in den Süden, in dieser Woche flog auch der Zeppelin wieder am Turm vorbei

Samstag: In Ermangelung berichtenswerter Erleb- und Erkenntnisse bis zum frühen Abend sei die nächste der tausend Fragen beantwortet. Heute ist der 290. Tag des Jahres, daher Frage Nr. 290, die lautet: „Welche Geschichten würdest du gern mit der ganzen Welt teilen?“ Die unbescheidene Antwort würde lauten: Die aus dem oben genannten Buch. Wenn die ganze Welt es kaufte, nicht nur auf Deutsch und Spanisch, wäre ich reich, müsste nicht mehr ins Büro gehen und könnte mir einen Rundflug mit dem Zeppelin leisten. Als bescheidener Mensch hingegen würde es mich schon freuen, wenn zu der Lesung morgen Vormittag Zuhörer in zweistelliger Anzahl kommen und größtenteils bleiben, bis ich fertig bin.

Als Zugabe für heute noch einige Einträge von meiner Fragmente-Liste: Duzifer, Schankmaul, Primblume, Umgehungsstrafe, Witzewelle.

Sonntag: Die Lesung am Vormittag verlief zur vollen Zufriedenheit. Die Zahl der Zuhörerinnen (deutlich in der Überzahl) und Zuhörer war zufriedenstellend zweistellig und blieb es bis zum Schluss, auch wenn einige wenige in der Pause gingen, was ich nicht persönlich nehme. Es wurde applaudiert und manchmal gelacht, und zwar, das ist nicht unwichtig, an erwarteten Stellen. Da einer der Vortragenden krankheitsbedingt kurzfristig absagte, blieb für die Verbliebenen etwas mehr Zeit zum Vortrag. Ich danke dem Organisator Lothar Schiefer und dem Rüngsdorfer Kulturbad sehr dafür, dass ich dort heute auf der Bühne stehen durfte.

Erster Einsatz des neuen Anzugs (Foto: Lothar Schiefer)
Beim Vortrag dieses Textes geriet ich ein wenig in Bewegung (Foto: Lothar Schiefer)

Damit nicht genug der Bühnenkultur für diesen Tag: Am späten Nachmittag gab der Bonner Chor Gemeinsang sein Konzert im Stadtteil Duisdorf. Das ließ sich wunderbar verbinden mit einem einstündigen Spaziergang, bei dem einsetzender leichter Regen kurz vor dem Ziel die Harmonie nicht störte. Auch die Harmonien des Chorgesangs erfreuten das Ohr und es würde mich freuen, bei einem der nächsten Konzerte selbst mit ihnen auf der Bühne zu stehen und Teil dieser Harmonie zu sein. Die Chancen stehen ganz gut.

Somit komme ich abschließend zur Rubrik „Was schön war“ in dieser Woche: das schnelle Abklingen der Erkältung, ein Hotelzimmer mit Jackenhaken, ein neuer Anzug, erhaltener und gerne gegebener Applaus.

Spaziergangsbild der Strecke Bonn – Euskirchen, Blickrichtung Bonn, bei Duisdorf

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

20:00

Woche 2/2024: Ein entkrönter Zahn und gefrorene Überschwemmungsreste

Montag: Die Schulferien sind zu Ende, auf Straßen und Radwegen wieder ein Sausen und Brausen. Was ein wenig nervt, vor allem dort, wo man schlecht überholen kann, sind Mitradfahrer, zumeist jüngere, die vor mir in den Pedalen stehend trampeln, sich nach wenigen Tritten setzen und das Rad fast ausrollen lassen, sich dann wieder stellen und ein paar mal trampeln, sich setzen, ausrollen lassen, und so weiter. Warum tun die das? Haben die nicht verstanden, dass man auch im Sitzen radfahren kann, kontinuierlich kurbelnd mit in etwa gleichbleibender Geschwindigkeit? Nicht nachvollziehbar auch die nicht mehr ganz so junge Radfahrerin, die morgens ohne Licht und Helm komplett dunkel gekleidet auf dem schmalen Schutzstreifen der von Autos stark befahrenen Adenauerallee fuhr. Überhaupt habe ich in letzter Zeit den Eindruck, die Anzahl unbeleuchteter Fahrräder ist gestiegen. Denken die Leute nicht nach, oder ist es ihnen egal?

Vormittags hörte ich vom Büro aus hupende Bauernproteste über die B9 treckern. Ich habe mich zu wenig mit dem Thema befasst, um dazu eine fundierte Meinung zu haben. Deshalb ist es nur so ein Gefühl, dass ich die Aktionen für überzogen halte. Vielleicht stimmt mit meinem Gefühl was nicht.

Dienstag: Morgens auf dem Weg ins Werk war es sehr kalt, dafür optisch ansprechend.

Bitte beachten Sie die Mondsichel

Satz des Tages, gehört in einer der zahlreichen Besprechungen: „Es stehen zwei ziemliche Dickschiffe auf der Agenda.“

Wie sich im Übrigen gerüchteweise abzeichnet, könnten die kommenden Wochen im beruflichen Umfeld interessant werden.

Mittwoch: Die Tageszeitung berichtet kolumnenmäßig über eine Maus in Wales, die nachts in einer Garage kleine herumliegende Gegenstände in eine Schachtel räumt, wie Videoaufnahmen belegen. Der Artikel endet mit dem Satz »Es ist eigentlich ganz nett, eine Maus zu sehen, die ein Verhalten an den Tag legt, das keinem notwendigen Zweck dient.« Das kommt mir in ähnlicher Form bekannt vor.

Beim Mittagessen in der Kantine mit drei weiteren Kollegen löste sich eine Zahnkrone, oben rechts ganz hinten. Schon seit längerem empfiehlt mir mein Zahnarzt, den Zahn, der schon etwas locker ist, zu entfernen. Da er bislang beschwerdefrei seinen Kauzweck erfüllte, sah ich dazu bislang keine Notwendigkeit. Nun scheint die Zeit des Abschieds gekommen, werde mal einen Termin vereinbaren. Aber diese Woche nicht mehr, es hat keine große Eile.

Die Krone barg ich dezent aus dem Kauraum und verstaute sie zunächst in der kleinen Zusatztasche der Jeans oberhalb der rechten Hosentasche, irgendeinen Zweck muss die ja haben. Als Jugendlicher trug ich darin meine geliebte Taschenuhr, die ich zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, mit Kette an der Gürtelschnalle befestigt. Ich fand es recht schick, bei Zeitablesebedarf nicht wie alle anderen aufs Handgelenk zu schauen, sondern die Uhr an der Kette aus dem Täschchen zu ziehen. Als sie irreparabel für immer stehen blieb, kaufte ich mir eine neue. Erst mit vierundzwanzig kehrte ich zurück zur Armbanduhr, deren Bahnhofsuhrdesign mir so gut gefiel. Noch heute besitze ich eine Taschenuhr, habe sie lange nicht benutzt. Vielleicht funktioniert sie gar nicht mehr.

Donnerstag: Der Tag begann mit Schlummertastenterror. Ich benutze diese zweifelhafte Weckerfunktion nie, da sie meines Erachtens das Leiden der Lakenvertreibung nur unnötig verlängert. Nicht so der Geliebte: Vier- bis fünfmal forderte er nach dem Piepen Aufschub an, ehe er endlich aufstand. Bis dahin gähnte und wälzte er sich genüsslich neben mir. Das sind diese Momente, in denen mir temporäre Taubheit als wünschenswerte Option erscheint.

Nachdem die bisherigen Vorräte aufgepickt waren, nahm ich einen großen Beutel Vogelfutter mit ins Werk, um es vor dem Bürofenster zum allgemeinen Verzehr bereitzustellen. Das sah äußerst schmackhaft aus, optisch von Müsli kaum zu unterscheiden, sogar Rosinen entdeckte ich darin; fast war ich versucht, ein Schälchen für den Eigenbedarf abzuzweigen. Auch bei der Kundschaft fand es baldigen Anklang, neben den üblichen Elstern und Raben heute erstmals Halsbandsittiche.

Während einer längeren Besprechung am Nachmittag sah ich aus dem Fenster nicht nur den Vögeln zu, sondern am kaltklaren Himmel erheblichen Flugverkehr Kondensstreifen hinter sich her ziehend. Es verging kaum eine Minute, in der nicht ein neuer Strich gezogen wurde. So wird das nichts mit einskommafünf Grad, aber diese Hoffnung habe ich eh längst aufgegeben.

Freitag: Im Radio wurde morgens vor Eisglätte gewarnt. Als ich das Haus verließ, fiel leichter Niesel auf den eiskalten Boden, ohne zu gefrieren. Daher wagte ich mich auf das Fahrrad, was, wie sich zeigte, problemlos möglich war. Dennoch prüfte ich bei jedem Ampelhalt per Schuhsohle den möglichen Glättegrad und nahm Kurven vorsichtshalber langsam.

Glatt verlief die Prunksitzung unserer Karnevalsgesellschaft am Abend, somit kann der Programmpunkt für dieses Jahr auch abgehakt werden. Ob ich wieder singen werde, frage mich eine unbekannte Person. (Bis vor einigen Jahren bestätigte ich mich bei unseren Auftritten mit mäßigem Erfolg als Bühnensänger, dem wohl eine gewisse unfreiwillige Komik innewohnte, zumal wenn ein geborener Ostwestfale versucht, rheinisches Liedgut vorzutragen.) „Ein Glück“ sagte er auf meine Verneinung hin. Das hätte er sich nun wirklich sparen können. – Gefreut habe ich mich hingegen über die Verleihung des Godesberger Prinzenordens durch die amtierende Godesia, auch wenn ich nicht weiß, wodurch ich mich des Ordens würdig erwiesen habe. Die werden es schon wissen.

Geschafft – der Elferrat verlässt die Bühne. (Zwei sind schon fott.)

Samstag: Gestern saß der Liebste als Mitglied des Elferrats den ganzen Abend neben einem Virologen, heute ist er krank. Ein Zusammenhang ist weitgehend auszuschließen.

Sonntag: Ein trüber Tag, an dem es nicht richtig hell wurde. Nach dem Frühstück und Sonntagszeitungslektüre führte der Spaziergang an die andere Rheinseite, wo gefrorene Überschwemmungsreste aus der Vorwoche zu besichtigen sind.

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Auch wenn es nicht mehr ganz so kalt ist wie an den Vortagen, staune ich, wie viele Menschen die Außengastronomien nutzen, selbst ohne Wärmung durch umstrittene Heizpilze.

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Kommen Sie gut und ohne Rutschen durch die Woche.