Woche 35/2026: Ohne größere Anstrengung bei farbenfrohem Wetter

Hinweis: Der folgende Wochenrückblick kann Wiederholungen in Text und Bild zu Vorjahren enthalten. Hierfür bitte ich um Verständnis.

Montag: Der Rosé des Vorabends wirkte etwas nach. Deshalb begab ich mich nach dem Frühstück zunächst zum Lesen mit dem Liegestuhl in den Zypressenschatten im Garten. Dort wachsen zurzeit seltsame braune Kugeln aus dem Boden, die (zum Glück nur optisch) eine gewisse Ähnlichkeit mit den Hinterlassenschaften von Pferden aufweisen. Wie das allwissende Netz erklärt, handelt es sich dabei um Exemplare des Gemeinen Erbsenstreulings, einer Pilzart.

Pisolithus arhizus

Mittags fuhren wir mit dem Bus nach Vaison-la-Romaine, wo der Liebste bei einem Fahrradverleih Räder reserviert hatte, etwa zum halben Preis wie die örtlichen Anbieter hier in Malaucène. Die Rückfahrt war trotz elektrischer Unterstützung anstrengend, da es wieder heiß geworden ist, dazu blies permanent warmer Gegenwind aus Süden. Aber man kann ja nicht zwei Wochen nur im Liegestuhl verbringen. Wobei: warum eigentlich nicht?

Gegen Abend wurde der Wind stärker und es bewölkte sich. Dabei wurde ein interessantes Schauspiel geboten: Während sich die oberste Wolkendecke gemächlich in Richtung Norden schob, zogen die Wolken darunter schneller nach Westen. Im Osten über dem Mont Ventoux verdunkelte sich der Himmel. Der angekündigte Regen traf etwas früher ein als erwartet und nötigte uns mit gegrilltem Abendessen unter das Dach der Terrasse, von wo aus wir gute Aussicht auf die Gewitter hatten, die mit beeindruckenden Blitzen südwestlich vorbeizogen.

Nicht ganz geglückter Versuch eines Blitzbildes

Dienstag: Die Gewitter brachten wenigstens vorübergehend etwas Abkühlung mit sich, die beim Frühstück ein leichtes Jäckchen erforderte, jedenfalls wenn man so fröstelig ist wie ich.

Nach dem Frühstück fuhren wir (mit dem Auto) nach Vaison, um dort auf dem Wochenmarkt Austern und anderes Meeresgetier zu kaufen. Der Markt war stark besucht, nur langsam bewegten wir uns mit den anderen Menschen, Kinderwagen und Hunden durch die schmalen Straßen, gesäumt von Ständen, die Textilien, Taschen und sonstigen Tinnef aller Art feilboten. In der Menge vor uns rief ein Mädchen ungefähr im Dreisekundentakt „Martine!“, offenbar war im Gewühl jemand verloren gegangen. Immer wieder blieben vor uns welche stehen, um die angebotenen Waren zu betrachten oder auf ihr Datengerät zu schauen, während ich befürchtete, von hinten einen Kinderwagen in die Hacken geschoben zu bekommen. Beim Fischhändler waren Austern aus, die erstanden wir später in erforderlicher Anzahl (für abends erwarteten wir Besuch) im Supermarkt.

Nach Rückkehr erledigte ich die Entsorgung von Abfall und Altglas, verband dies mit einem angenehmen Spaziergang. Auch im Urlaub darf die Erfüllung notwendiger Pflichten nicht vernachlässigt werden.

Mittwoch: Die erste größere Radtour des Urlaubs führte in die nördliche Umgebung über Entrecheaux, Mollans-sur-Ouvèze bis zum ehemaligen Eisenbahntunnel bei Pierrelongue, wo die örtliche Gastronomie aufgrund seltsamer Öffnungszeiten von Donnerstags bis Montags leider geschlossen war. Zurück ging es durch das Tal des Toulourenc und über den Berg zurück nach Malaucène. Die Parkplätze am Toulourenc, einem kleinen Fluss hinter dem Berg mit augenscheinlich hohem Erholungswert bei Touristen wie Eingeborenen, waren die Parkplätze belegt, was mehrere Fahrzeuglenker, auch Deutsche unter den Irren, nicht davon abhielt, auf der schmalen Straße nach Malaucène darauf zu warten, bis ein Platz frei wird, so dass man gerade so mit dem Fahrrad vorbeikam, jedoch keine anderen Kraftfahrzeuge. Zum Glück nicht unser Problem. Auch wenn ich mich wiederhole: In dieser Berg-und-Tal-Gegend begeistert mich die elektrische Unterstützung am Fahrrad immer wieder.

Kurz vor dem Ziel. Hinten der Tunnel der ehemaligen Schmalspurbahn von Orange nach Buis-les-Barronnies
Über den Berg

Die vergangene Woche noch vermisste Urlaubsstimmung ist inzwischen vollständig eingetroffen.

Donnerstag: Ein ruhiger Urlaubstag ohne Aktivitäten außerhalb des Grundstücks, das wir nicht einmal für ein Nachmittagsgetränk unten im Ort verließen. Es ist zu warm. Bereits gestern Abend deutete sich das an, als wir im Restaurant waren und mir erst dort auf der Außenterrasse einfiel, dass ich mein Jäckchen vergessen hatte, das ich an den Vorabenden bei Einsetzen der Abendkühle gerne überzog. Gestern brauchte ich es nicht; auch als wir wieder zurück waren bei unserem Haus, wo es üblicherweise etwas kühler ist als unten in Malaucène und den Tagesabschlussrosé öffneten, blieb es überraschend mild. Heute liegt eine drückende Schwüle über dem Land, der Himmel ist dunstig von Saharastaub, die Berge gegenüber erscheinen zunehmend schemenhafter, aus Süden bläst warmer Wind durch die Bäume neben dem Haus. Laut Vorhersage steht eine warme Nacht bevor, für morgen werden Gewitter erwartet.

Stattdessen, Sie ahnen es, verbrachte ich wieder längere Zeit im Liegestuhl lesend. Nachmittags nahm ich mir nach monatelanger Untätigkeit daran mal wieder die Romanbaustelle vor. Die Geschichte (was mit Eisenbahn, Leben und Sterben und gänzlich ohne Liebeswirren bzw. Kopulationsdrängen) gefällt mir gut, sie erscheint mir auch schlüssig. Einziges Manko: Der Umfang beträgt bislang nur knapp dreißig Seiten und ich habe keine Idee, wie ich ihn auf romanübliche ein- bis zweihundert Seiten ausdehnen kann.

Für heiße Sommertage haben Haus und Grundstück zwei große Vorzüge: erstens drinnen eine Klimaanlage und zweitens draußen ein Schwimmbecken, von dem wir nachmittags Gebrauch machten und das dank blickgeschützter Lage bedenkenlos auch ohne Badehose beplanscht werden kann. Ich bitte um Verständnis, davon keine Bilder zu zeigen, um die Bevölkerung nicht unnötig zu beunruhigen, oder wie der frühere Innenminister Thomas de Maizière, ich weiß nicht mehr, aus welchem Anlass, das mal ausdrückte.

Gleich muss ich grillen und die vom Dienstag übrig gebliebenen Austern knacken, denn, wie der Liebste es ausdrückt, ich bin nicht nur hier zum Lesen und Austernschlürfen.

Liegestuhlperspektive vormittags
Saharadunst abends

Freitag: Die erwarteten Gewitter äußerten sich – jedenfalls hier – nur durch gelegentliches Grummeln in den frühen Morgenstunden und im Laufe des Vormittags. Nächtlicher Regen hinterließ bräunlichen Belag auf der Tischplatte vor dem Haus. Bis in den Nachmittag zogen dunkle, tiefliegende Wolken über die Gegend, die immer wieder einige Regentropfen abließen, deswegen wurde das Frühstück auf die überdachte Terrasse verlagert, wo wir danach vorläufig blieben.

Am späteren Nachmittag blaute der Himmel auf und die Sonne zeigte sich. Das veranlasste uns zu einer spontanen, kleinen Radtour in die nähere Umgebung durch Beaumont-du-Ventoux, Des Valettes und Sainte-Marguerite, die sich gut mit einem Abendanfangsbier in Malaucène verbinden ließ. Plötzlich war dann schon wieder Apérozeit und ich hatte bis dahin während des gesamten Tages nicht eine Sekunde lang auch nur eine Andeutung von Langeweile empfunden.

Mittags
Nachmittags
Apéro
Abendglimmen

Samstag: Auch heute unternahmen wir eine Radtour: über Le Barroux, Baumes-de-Venise, Lafare und Suzette, zurück nach Malaucène über den Col de la Chaine, wo die Lavendelfelder längst abgeerntet sind. (Das müssen Sie sich nicht alles merken oder gar auf einer Karte nachvollziehen, es wird nicht später abgefragt. Es dient nur der persönlichen Chronik, wenn ich es später nochmal nachlese.)

Kurz vor Suzette wird es sehr steil, dort mussten die Fahrräder zeigen, was sie können, auf einer Strecke von wenigen Kilo-, vielleicht auch nur Hundertmetern sank die Akkufüllung um mehr als zwanzig Prozent. Dabei ließ es sich ohne größere Anstrengung fahren. Nur die Arretierung meines Sattels hatte sich gelockert, vielleicht habe ich in den letzten Tagen an Gewicht zugelegt; er sank immer tiefer in den Rahmen ein, mit dem beigefügten Werkzeug ließ er sich nicht befestigen. Nach Rückkehr in Malaucène suchten wir eine der hier zahlreichen Fahrradwerkstätten auf, mit wenigen Handgriffen und gezielten Hammerschlägen wurde das Problem behoben, sogar gratuitement. Mit einem Scheinchen in die Kaffeekasse (oder wie das in Frankreich heißt) zeigte ich mich erkenntlich.

Auch wenn ich mich wiederhole, da sich auch die beschriebene Empfindung nach all den Jahren, in denen wir hier schon unsere Urlaube verbringen, stets wiederholt, ist es mir ein Bedürfnis, es nochmals aufzuschreiben: die beglückende Harmonie der Farben an solchen Tagen – die unterschiedlichen Grüntöne der Pinien, Kiefern, Eichen, Zypressen, Weinreben, Olivenbäume, Obstplantagen und was sonst noch fleucht; das Beige-Grau der Felsen und Steinmauern; die rötlichen Ziegeldächer und ocker-beigen Wände der alten Häuser; das Blau-weiß des Himmels über all dem. Im Frühsommer kommt noch das Violett der Lavendelfelder hinzu. Was ich auch schon mehrfach fragte: Bleibt das Entzücken ob dieser Schönheit bestehen, wenn man dauerhaft hier lebt? Auch hier gibt es einen Alltag mit seinen Verzwickungen und Prioritäten, die sich irgendwann über alles legen. Vielleicht freut man sich dann über zwei Wochen am Rhein mit Siebengebirge, Bonner Südstadt und Godesberger Villenviertel genauso.

Farbenspiel I
Farbenspiel II
Unsere Rechnung nach dem Abendessen in Beaumont-du-Ventoux

Sonntag: Bei weiterhin farbenfrohem Wetter unternahmen wir eine Ausfahrt nördlich des Mont Ventoux und über ihn zurück, aus Zeit- und Bequemlichkeitsgründen mit dem Auto statt Fahrrädern. Ich weiß, zahlreiche Menschen machen in dieser Gegend Urlaub, gerade um mit dem Fahrrad über diesen Berg zu fahren, und zwar ohne elektrische Unterstützung; ein Kollege von mir bezwang den Gipfel an einem Tag gleich dreimal. Eine Freizeitbeschäftigung, die meiner Welt in etwa so fremd ist wie ungesichert in Felswänden zu klettern, nach Haien zu tauchen oder Fußballkucken. Ein jeder wie er mag. Während der Abfahrt kam uns ein Auto entgegen mit Fahrrad am Heck befestigt. Vielleicht erzählt der Fahrer nächste Wochen den Kollegen, er sei im Urlaub mit dem Fahrrad über den Mont Ventoux gefahren, gelogen wäre es nicht.

Die Fahrt führte (wieder nur für die Chronik) über Entrechaux, Eygaliers mit Abstecher nach Plaisans, Brantes, Montbrun-les-Bains, wo wir in einer Creperie kurze Einkehr hielten, und Sault, ab da über den Mont Ventoux zurück nach Malaucène. Bei manchen Orten wie Brantes und Montbrun ist man versucht, den Gründern zu unterstellen, die Häuser wären nur pittoresk an die Hänge geheftet worden, damit später daraus Motive für touristische Ansichtskarten und Instagram-Beträge entstehen.

Brantes
Montbrun-les-Baines

Während der Fahrt über den Berg sahen wir nie zuvor so viele vor allem ältere Radfahrer, die auf den letzten Kilometern vor dem Gipfel, die steil durch schattenlose Schotterwüste führen, ihr Rad schoben; vielleicht hatten sie ihre Kräfte etwas überschätzt. Der Gipfel war voll von Menschen und Fahrzeugen, deshalb hielten wir gar nicht erst an. Ansonsten offenbarte die Fahrt wieder Einblicke in Abgründe menschlichen Verkehrsverhaltens, egal ob zu Rad, Motorrad oder Auto. Es wird ohne Helm zu Tal gerast, möglichst mit Pedalieren statt zu bremsen, es wird gedrängelt und vor unübersichtlichen Kurven überholt, als ob es irgendeinen Vorteil brächte.

Gipfel des Mont Ventoux in Sicht
Gipfelblick

Nach Niederschrift dieses Eintrags begebe ich mich wieder in den Garten unter die Zypressen und freue mich, mit dem Liebsten weitere fünf Tage (Samstag ist Abreise, der zählt nicht mit) in dieser wunderschönen Gegend verbringen zu können, auch wenn meine Beine von Mücken zerstochen sind. Irgendwas ist ja immer.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

18:00

Schatzihasimausi

Die Zeitschrift NEON, welche nur noch ausnahmsweise den Weg in unseren Haushalt findet, weil wir mittlerweile der Zielgruppe entwachsen sind, enthält in jeder Ausgabe eine Rubrik „Unnützes Wissen“, in der kuriose, im weitesten Sinne interessante bis witzige Fakten aufgezählt werden, etwa der Name des Hausschweins eines mir unbekannten Fußballers oder der des männlichen Alter Egos einer gewissen Lady Gaga.

Der selben Kategorie zugehörig, jedoch nicht der NEON entnommen, sondern dem Bonner Generalanzeiger, ist das Ergebnis einer Befragung von rund 1400 Personen im Auftrag der Partneragentur Parship, wie sie ihren Partner nennen. Demnach sagen
38% „Schatz“,
10% benutzen eine Abkürzung / Verniedlichung / Verharmlosung des tatsächlichen Vornamens, wie etwa (Hanne-)“Lore“, „Flo“(-rian), „Chris“(-tian oder -toph), „Jo“(-hannes), (Jo-)“Hannes“ oder „Adi“ / „Willi“ / „HaJo“ und so weiter,
8% säuseln „Hase“,
5% „Maus“ und
3% „Bär“.
Immerhin 13% können mit Kosenamen gar nichts anfangen und nennen die Dinge beziehungsweise den Partner beim Namen. Oder sagen einfach „Du“ oder vergleichbares, zum Bespiel „Ey“ oder „Alde / Alder“. Oder sprechen gar nicht mehr miteinander, das soll es ja auch geben, verbale Kommunikation wird in unserer Welt ohnehin überbewertet, überall und unentwegt wird gequatscht und gelabert, dabei zeichnet sich eine wirklich harmonische Partnerschaft doch gerade dadurch aus, dass man sich auch ohne Worte versteht.

Ich persönlich bevorzuge, je nach Situation und Laune, „Hase“, wobei der Liebste, derart benamt, sehr süß genervt die Augen rollt, oder „Ratte“; der Liebste hingegen nutzt in der Regel die namenlose Variante oder „Kröte“, woran Sie schon erkennen, dass bei uns Harmonie herrscht (oder „groß geschrieben wird“, natürlich, wie sonst, es ist ja ein Substantiv). Ernst wird es erst, wenn er mich bei meinem richtigen, unabgekürzten / -verniedlichten Namen ruft, dann droht Ungemach. So wie bei einem befreundeten Ehepaar: in guten Zeiten heißt er Willi, aber wehe, sie zischt Hans-Wilhelm, dann zieht ein Gewitter auf.

Was für das zwischenmenschliche Miteinander gilt, trifft in gleicher Weise auch auf Koalitionspartner zu. Nun dringen solche Details des politischen Alltags selten an die Öffentlichkeit, allgemein bekannt ist nur der Name „Mutti“ für Frau Merkel, wobei anzunehmen ist, dass Seehofer, Gabriel und Steinbrück nur hinter ihrem Rücken von dieser Anrede Gebrauch machen. Bei Rösler bin ich mir nicht so sicher. Als unwahrscheinlich gilt indes, dass positiv belegte Tiernamen wie die oben genannten auf politischem Parket gebräuchlich sind, wobei „Wildsau“ ein situativ zu bewertender Grenzfall ist. Unvergessen auch das Fabelwesen „Übelkrähe“, mit welchem Herbert Wehner (SPD) einst den CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe liebkoste. Gerne bediente man sich in jüngerer Vergangenheit Begriffen aus dem Pflanzenreich, wir erinnern uns an die „Gurkentruppe“.

Aber verfolgt man die derzeitigen Koalitionsverhandlungen, dann haben sich alle lieb. Doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis Seehase, Gabri-Bär und Steini wieder verbal übereinander herfallen, derweil Mutti schweigt und Raute zeigt.

Für die FDP hat sich das Thema eh erledigt. Und was soll man an Brüderle noch verniedlichen.