Woche 12: Marielle und Julian auf dem Münsterplatz

Montag: Wolf Biermann möchte nach seinem Ableben in Berlin bestattet werden, steht in der Zeitung. Wieder so eine Nachricht, die mich ratlos zurück lässt mit der Frage: Wen interessiert das? Auch sonst ein Tag ohne besonders notierenswerte Ereignisse und Beobachtungen. Ist es nicht herrlich, wenn man beim Einsinken in des Sofas Behaglichkeit so grundlos stöhnen kann?

Mir ist es übrigens ziemlich egal, wenn nicht gar „wurscht“, wie und wo mein Kadaver dereinst entsorgt wird. Meinethalben dürfen sie ihn auch kompostieren (das soll bald mithilfe besonders leistungsfähiger Mikroben möglich sein, las ich die Tage), an die Tiere im Zoo verfüttern oder ihn in einem unpittoresken Kaff über einen Zaun hängen.

Dienstag: Bereits um acht in der Frühe die erste Skype-Konferenz, sogar mit Sprechrolle meinerseits, also etwa eine Stunde vor meiner täglichen Buchstabenlieferung.

Es wird ohnehin zu viel geredet. Während alle über 5G reden, freue ich mich über 2H: Hoch Hannelore soll zum Wochenende den Frühling bringen.

Mittwoch: Zu Hoch Hannelore schreibt der Bonner General-Anzeiger auf der Titelseite: „Marielle und Julian nutzten die Wetterbesserung bereits gestern für ein erstes Eis auf dem Münsterplatz,“ dazu ein Bild mutmaßlich von Marielle und Julian auf dem Münsterplatz, jeweils mit einem Eis in der Hand, das sie sich dankenswerter Weise nicht verzückt blickend gegenseitig zu Munde führen. Na endlich, möchte ich rufen, siehe Rückblick zu Woche 7, Samstag.

Hauptsache glücklich. Am heutigen „Weltglückstag“ tagt unsere Abteilung in tiefsten Eifelgefilden, ohne WLAN und mit nur schwacher Mobilfunkanbindung; man warte auf den Telekom-Techniker, so das Hotelpersonal. Während meine Kollegen (beziehungsweise „Kollegi“, siehe vergangene Woche Samstag) hektisch mit ihren Geräten in der Luft herumwirbeln, auf dass ein Datenstrahl sie treffe, genieße ich die Funkstille, welche mein Glücksempfinden nicht nennenswert beeinträchtigt. Merke: Mails, die heute und morgen nicht gelesen werden, sind übermorgen auch noch da.

„Wir fahren da auf Sicht“, lese ich in einem Zeitungsbericht zum Brexit. Jedes Mal, wenn Politiker oder Manager diesen Satz verlauten lassen, ist davon auszugehen, dass sie sich eher im Blindflug befinden.

Eine ähnliche Aussage mit ganz anderen Worten traf heute ein Tagungsteilnehmer: „Wir sind da noch nicht sehr sexy unterwegs.“ Das tut schon ein ganz kleines bisschen weh, trotz Weltglückstag.

Übrigens: Wenn Sie wie ich ein Tempolimit von hundertdreißig Stundenkilometern auf deutschen Autobahnen für richtig, meinetwegen auch „sexy“ halten, beteiligen Sie sich bitte hier: https://epetitionen.bundestag.de/petitionen/_2019/_01/_09/Petition_89913.nc.html

Donnerstag: Schon schön hier in der Eifel.

KW12 - 1

Angeblich wurde der Telekom-Techniker gesichtet, dennoch blieb das WLAN bis zum Ende der Tagung stumm. Macht nichts. Auch nach Rückkehr in heimische Stube mit Netzanbindung spürte ich wenig Neigung, den dienstlichen Rechner einzuschalten. Zum einen, weil ich Heimarbeit möglichst meide, zum anderen muss ich all die Blogs nachlesen, wozu ich gestern nicht kam.

Freitag: Wie erwartet waren die Mails der letzten zwei Tage heute noch da, und zwar in erfreulicher Anzahl, wodurch mir ein Feierabend zu angemessener Zeit und ein Heimweg zu Fuß möglich waren. Gehen bringt Erkenntnis, wie etwa diese: Die Welt wäre wohl etwas besser, blieben Leute nicht unvermittelt einfach irgendwo stehen.

Am Abend grillen wir eine Kleinigkeit.

Samstag: Wozu benötigt die Bundeswehr eigentlich ein Segelschulschiff? Die Ausbildung von Lokführern erfolgt doch üblicherweise auch nicht mehr auf Dampflokomotiven, und ein Busfahreranwärter braucht keine Kenntnisse über den Umgang mit Pferden. Wozu benötigt man überhaupt eine Bundeswehr? Vielleicht, damit die Beschäftigten der Rüstungsindustrie ihr Tun als nicht allzu sinnlos empfinden?

Dazu Harald Welzer im aktuellen SPIEGEL:

„Wieso soll es sinnvoller sein, in der Rüstungsindustrie zu arbeiten und Waffen zu produzieren, deren einziger Zweck die Zerstörung ist, als auf der Wiese zu liegen und in den Himmel zu schauen?“ 

Sonntag: Oder in der chemischen Agrarindustrie, deren wesentlicher Zweck die Herstellung von Gift ist? Der Vorstandsvorsitzende von Bayer, Werner Baumann, in der FAS zur aktuellen Monsanto-Misere:

„Unsere Aktionäre sind verärgerte, das verstehe ich, sie leiden darunter massiv. Ich selbst bin übrigens auch betroffen, da ich erheblich in unsere Aktie investiert habe.“

Nichts für ungut, möchte man da sagen. Oder besser: Heul doch.

 

Schatzihasimausi

Die Zeitschrift NEON, welche nur noch ausnahmsweise den Weg in unseren Haushalt findet, weil wir mittlerweile der Zielgruppe entwachsen sind, enthält in jeder Ausgabe eine Rubrik „Unnützes Wissen“, in der kuriose, im weitesten Sinne interessante bis witzige Fakten aufgezählt werden, etwa der Name des Hausschweins eines mir unbekannten Fußballers oder der des männlichen Alter Egos einer gewissen Lady Gaga.

Der selben Kategorie zugehörig, jedoch nicht der NEON entnommen, sondern dem Bonner Generalanzeiger, ist das Ergebnis einer Befragung von rund 1400 Personen im Auftrag der Partneragentur Parship, wie sie ihren Partner nennen. Demnach sagen
38% „Schatz“,
10% benutzen eine Abkürzung / Verniedlichung / Verharmlosung des tatsächlichen Vornamens, wie etwa (Hanne-)“Lore“, „Flo“(-rian), „Chris“(-tian oder -toph), „Jo“(-hannes), (Jo-)“Hannes“ oder „Adi“ / „Willi“ / „HaJo“ und so weiter,
8% säuseln „Hase“,
5% „Maus“ und
3% „Bär“.
Immerhin 13% können mit Kosenamen gar nichts anfangen und nennen die Dinge beziehungsweise den Partner beim Namen. Oder sagen einfach „Du“ oder vergleichbares, zum Bespiel „Ey“ oder „Alde / Alder“. Oder sprechen gar nicht mehr miteinander, das soll es ja auch geben, verbale Kommunikation wird in unserer Welt ohnehin überbewertet, überall und unentwegt wird gequatscht und gelabert, dabei zeichnet sich eine wirklich harmonische Partnerschaft doch gerade dadurch aus, dass man sich auch ohne Worte versteht.

Ich persönlich bevorzuge, je nach Situation und Laune, „Hase“, wobei der Liebste, derart benamt, sehr süß genervt die Augen rollt, oder „Ratte“; der Liebste hingegen nutzt in der Regel die namenlose Variante oder „Kröte“, woran Sie schon erkennen, dass bei uns Harmonie herrscht (oder „groß geschrieben wird“, natürlich, wie sonst, es ist ja ein Substantiv). Ernst wird es erst, wenn er mich bei meinem richtigen, unabgekürzten / -verniedlichten Namen ruft, dann droht Ungemach. So wie bei einem befreundeten Ehepaar: in guten Zeiten heißt er Willi, aber wehe, sie zischt Hans-Wilhelm, dann zieht ein Gewitter auf.

Was für das zwischenmenschliche Miteinander gilt, trifft in gleicher Weise auch auf Koalitionspartner zu. Nun dringen solche Details des politischen Alltags selten an die Öffentlichkeit, allgemein bekannt ist nur der Name „Mutti“ für Frau Merkel, wobei anzunehmen ist, dass Seehofer, Gabriel und Steinbrück nur hinter ihrem Rücken von dieser Anrede Gebrauch machen. Bei Rösler bin ich mir nicht so sicher. Als unwahrscheinlich gilt indes, dass positiv belegte Tiernamen wie die oben genannten auf politischem Parket gebräuchlich sind, wobei „Wildsau“ ein situativ zu bewertender Grenzfall ist. Unvergessen auch das Fabelwesen „Übelkrähe“, mit welchem Herbert Wehner (SPD) einst den CDU-Abgeordneten Jürgen Wohlrabe liebkoste. Gerne bediente man sich in jüngerer Vergangenheit Begriffen aus dem Pflanzenreich, wir erinnern uns an die „Gurkentruppe“.

Aber verfolgt man die derzeitigen Koalitionsverhandlungen, dann haben sich alle lieb. Doch ist es nur eine Frage der Zeit, bis Seehase, Gabri-Bär und Steini wieder verbal übereinander herfallen, derweil Mutti schweigt und Raute zeigt.

Für die FDP hat sich das Thema eh erledigt. Und was soll man an Brüderle noch verniedlichen.