Woche 36/2025: Regionaltypische Produkte in fester und flüssiger Form

Montag: Das Grillen mit den Freundinnen gestern Abend erwies sich als nicht ganz so einfach, weil der Grill des Hauses, bei unserem letzten Besuch noch einwandfrei, mittlerweile einen Zustand angenommen hat, den man ohne Übertreibung als schrottreif bezeichnen kann. Ich weiß nicht, wie Gäste vor uns es hinbekommen haben, jedenfalls ist die Feuerroste, auf der die Kohlen liegen beziehungsweise lägen, großflächig durchgebrannt und die untere Luftklappe abgerissen. Warum hinterlässt man sowas anderen? Es gelang dennoch, das Grillgut hinreichend zu garen, am Ende waren alle zufrieden, niemand blieb hungrig, durstig schon gar nicht.

Desolat

Heute ist der erste September, somit meteorologischer Herbstanfang, meine Lieblings-Jahreszeit beginnt, auch wenn hier in Südfrankreich optisch noch nichts darauf hinweist. Meteorologisch interessant war die vergangene Nacht. Wie angekündigt kamen starke Gewitter auf, die zunächst westlich vorüberzogen und den Himmel über den Bergen für längere Zeit dauerhaft aufblitzen ließen, vom Fenster aus sicherer Entfernung faszinierend anzuschauen. Später setzte auch hier heftiger Regen ein, der die Fläche vor unserem Haus in eine temporäre Seenplatte verwandelte, während die Gewitter weiterhin nur als fernes Leuchten und Grummeln auszumachen waren.

Am Morgen hatte es sich beruhigt, das Wasser vor dem Haus war abgelaufen und versickert. Der Tag war überwiegend bewölkt, hin und wieder fiel etwas Regen, längst nicht so viel wie die Wetter-App gestern in Aussicht gestellt hatte; auch vereinzelte Sonnenstrahlen zeigten sich. Wir frühstückten unter dem Dach der Terrasse, wo wir auch sonst die meiste Zeit des Tages verbrachten und in urlaubsangemessener Liegestuhlhaltung die Wechselhaftigkeit des Wetters zufrieden zur Kenntnis nahmen.

Auf Regen …
… folgt Sonne

Positive Überraschung am Abend: Vormittags hatte der Liebste dem Vermieter per Kurznachricht einen freundlichen Hinweis (keine Beschwerde) den Grill betreffend geschickt. Als wir vom Abendessen im Ort zurückkehrten, stand ein neuer Grill vor dem Haus. Nicht fabrikneu, schon gebraucht, jedenfalls in einem guten Zustand, was einen spontanen Grillbeschluss für den nächsten Abend auslöste.

Dienstag: Beinahe hätten wir heute eine Radtour gemacht. Als wir die Fahrräder beim Verleih abholen wollten, wurde uns beschieden, dass wir sie erst ab morgen reserviert haben, dafür eine Woche länger als unser Urlaub hier dauert. Nicht schlimm, kann passieren. Wo wir schon unten im Ort waren, zogen wir das Nachmittagsbier in der dafür bevorzugten Gaststätte vor, so brauchten wir später nicht nochmal runter zu gehen. Auch im Urlaub wegeoptimiert planen.

Somit erlebten wir auch diesen Nachmittag bis zur Pastisstunde aus der Liegestuhlperspektive, es gibt schlimmeres. Fahrrad fahren wir dann voraussichtlich ab morgen.

Pastisstunde

Mittwoch: Am frühen Morgen wurden wir geweckt durch ein flatterndes Geräusch, das bei Lichte der Nachttischlampe betrachtet von einer kleinen Fledermaus ausging, die sich offenbar durch den Spalt des Fensters ins Schlafzimmer verirrt hatte und nun durch den Raum raste. Als freundlicher Mensch auch gegenüber Chiropteren – man weiß nie, wofür es gut ist und wann und in welcher Lebensform man sich vielleicht irgendwann wiederbegegnet – öffnete ich das Fenster ganz, bald darauf fand sie den Weg nach draußen und konnte hoffentlich noch ein paar Mücken jagen.

Ansonsten erschien der Himmel heute besonders blau, dazu war es angenehm warm, also unter dreißig Grad. Nach dem Frühstück gingen wir runter zum Wochenmarkt und kauften ein gegrilltes Huhn mit Zubehör für das Abendessen, anschließend holten wir die Fahrräder ab. Die erste Radtour führte durch Hameau des Valettes, Sainte-Marguerite und Beaumont-de-Ventoux; wie immer in dieser Gegend, wo ebene Straßen eher unüblich sind, freute ich mich über die elektrische Unterstützung.

Bei Sainte-Marguerite

Donnerstag: Heute hätte ich frei, da kleine Woche ist. Da Urlaub ist, habe ich auch frei, das ist ohne Zweifel so oder so erfreulich. In (maximal) sechseinhalb Jahren habe ich dauerhaft frei. Das klingt lange, ist es aber im Rückblick gar nicht. März 2019 war doch gerade erst.

Den Tag verbrachten wir mit einem Autoausflug in nördliche Richtung über Vaison-la-Romaine, Saint-Maurice-sur-Eygues, Vinsobres und Nyons, dabei kauften wir regionaltypische Produkte in fester und flüssiger Form. Nachmittags bildeten sich Gewitter mit Regen, denen wir nach Rückkehr von der Terrasse aus beim Vorüberziehen zuschauten. Und dann wurde es auch schon wieder Zeit für den Apéro.

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Freitag: Auch heute, da der Himmel wieder provencalischblau über dem Land lag, als wäre nichts gewesen, unternahmen wir eine Ausfahrt mit dem Auto. Zuerst über den Mont Ventoux, von dessen Gipfel die Aussicht ungetrübt war, dann weiter durch Beaumes-de-Venise und Gigondas, wo wir zwei bekannte Weingüter besuchten, ein wenig probierten und aus Gründen der Höflichkeit ein paar Kartons erstanden. Wird ja nicht schlecht, jedenfalls nicht so bald und nicht bei uns. Zur Pastisstunde waren wir zurück. Das war schön.

Blick vom Mont Ventoux

Samstag: Hätte ich nicht eine tiefe Abneigung gegen Fußballmetaphern, schriebe ich jetzt einen Satz, in dem das Wort „Halbzeit“ vorkommt. Jedenfalls ist die erste Urlaubswoche vorüber, erschreckend, doch eine weitere liegt vor uns, herrlich. Bei weiterhin blauem Himmel und Kurze-Hosen-Temperatur stand keine besondere touristische Aktivität an, muss ja auch nicht, man hat ja Urlaub. Nach dem Frühstück verbrachten wir ein paar Stunden Alleinzeit, ein jeder auf die von ihm bevorzugte Art: Während der Liebste in den großen Supermarkt nach Vaison fuhr, las ich zuerst nach, was die Mitblogger so geschrieben haben, dann unternahm ich einen längeren Spaziergang in die Umgebung. Sehen Sie:

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Hinten Beaumont-de-Ventoux
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Warten auf das Mittagessen

Und schließlich …

Frage 773 lautet: „Welche Tradition wird überbewertet?“. Ich möchte nicht mehr das Geschwafel über die „christlich-jüdische Tradition“ hören und lesen, in der wir angeblich leben. Die aus meiner Sicht am meisten überbewertete Tradition ist jede Art von Religion, da wiederhole ich mich. Vor allem wenn man bedenkt, welche Macht Christentum, Islam, Judentum und wie sie alle heißen noch heute haben und wieviel Leid in ihren Namen Menschen zugefügt wurde und immer noch wird. Im Übrigen gehören Staat und Religion streng getrennt und eine Partei sollte nicht das „C“ in ihrem Namen führen, schon gar nicht eine in Regierungsverantwortung.

Sonntag: Beim Frühstück habe ich gelacht. Sie lesen doch auch regelmäßig das Blog von Frau Novemberregen? Sollten Sie tun, denn sie schreibt wunderbare Sätze wie diese:

Und noch etwas sehr Aufregendes ist passiert: ich habe einen genetischen Zwilling! Und rechne es allen, denen ich bisher davon erzählt habe, hoch an dass sie nicht sofort „Auch das noch!!“ sagten.

Nach dem Frühstück unternahmen wir eine längere Radtour bis Buis-les-Baronnies, schließlich haben wir die Räder für viel Geld gemietet, da müssen sie bewegt werden. Wobei der Liebste mit seinem (das eigentlich meins ist, erkläre ich gleich) täglich runter in den Ort zum Baguetteholen fährt, während ich Kaffee koche und den Tisch decke, eine wie ich finde gerechte Arbeitsteilung. Also die Fahrräder: eins ist schwarz, das andere in diesem, ich weiß nicht, wie die Farbe genau heißt, vielleicht pastellblau. Man sieht immer mehr Autos in dieser Farbgebung, es gibt sie auch in beige und grau. Im Gegensatz zu den Autos sieht das Fahrrad damit richtig gut aus. Als wir die Räder am Mittwoch entgegennahmen, war mir das blaue, dem Liebsten das schwarze zugeteilt worden und die Sattelhöhen entsprechend angepasst. Nachdem wir mit den Rädern zu unserem Haus gefahren waren, fiel dem Liebsten ein, dass er lieber das blaue hätte. Meine Frage, warum, wurde argumentativ eher flachwurzelnd beantwortet, sinngemäß mit „Isso“ oder ähnlich. Ich halte mich keineswegs für klüger, ganz im Gegenteil, dennoch folgte ich dem Sprichwort „Der Klügere gibt nach“, letztlich war und ist es mir egal, Fahrrad ist Fahrrad, ob schwarz oder blau. Wobei das schwarze keine Klingel hat, damit komme ich auch klar.

Heute also über Entrechaux, Mollans-sur-Ouvèse und Pierrelongue bis Buis-les-Baronnies und wieder zurück. Ein großer Teil der Strecke führt über die Trasse der ehemaligen Schmalspurbahn von Orange bis Buis-les-Baronnies, von der noch zahlreiche Bahnhofsgebäude, Bahnwärterhäuser, Brücken und zwei Tunnel erhalten sind. Dadurch gestaltete sich vor allem die Rückfahrt zu einem angenehmen Rollenlassen mit nur wenig Trampeln. Vor jeder Wegkreuzung zog ich gedanklich an der Dampfpfeife der Lokomotive und stellte mir vor, wie wunderbar eine Fahrt mit dieser Bahn gewesen sein muss. Schade, dass sie schon 1938 stillgelegt wurde, heute wäre sie vermutlich eine Touristenattraktion.

Während des gemeinsamen Radfahrens entsteht stets eine gewisse kommunikative Asymmetrie: Der Liebste möchte sich dabei gerne mit mir unterhalten, ich möchte lieber schweigend die Fahrt genießen, zumal ich durch den Fahrtwind auf den Ohren nichts verstehe, wenn er vor oder (seltener) hinter mir fährt, auch nebeneinander Fahren finde ich anstrengend, weil man immer aufpassen muss, ob von hinten ein Auto kommt; bei der robusten Fahrweise der Eingeborenen ist das im eigenen Interesse ratsam.

Nach Rückkehr nutzten wir erstmals in diesem Urlaub unser Schwimmbecken, nach der üblichen Überwindung des ersten Kälteschocks war das sehr angenehm. Danach wurde es Zeit, das hier alles bis zum Apéro aufzuschreiben.

Pierrelongue mit der Chapelle Notre-Dame de la Consolation
Zwischen Pierrelongue und Buis-les-Baronnies. In der Mitte letzte Gleise, rechts ein ehemaliges Bahnwärterhaus, heute gastronomisch genutzt. Doch wir mussten weiter.
Buis-les-Baronnies

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 35/2025: Die erste Liegestuhlprobe verlief erfolgreich

Montag: Morgens auf dem Fahrrad war es recht kühl, vor allem an den Händen. Doch Handschuhe im August erscheinen selbst mir als ausgewiesenem Scheinfrostfühler unangemessen. Auf dem Rückweg war es dann in Anzugjacke fast etwas zu warm. Man hat es nicht leicht.

Dafür, dass die Sommerferien zu Ende sind, war es im Büro und den Nachbarzellen ungewöhnlich ruhig, auch der Eingang an Anliegen in Wort und Schrift war gering. Das darf gerne bis einschließlich Donnerstag so bleiben, danach habe ich Urlaub.

Gelesen bei Herrn Fischer und tatsächlich für gut befunden:

Also (ich hatte kurz überlegt, ob ich „genau“ schreiben sollte, fürchtete aber, dass die Ironie darin nicht rüber käme, weil schon zu viele, selbst von den klügeren viele ständig „genau“ sagen, weil sie sonst selbst nicht wissen, dass sie fertig sind mit Denken, von daher also:
Also: …

Genau.

Dienstag: Eine der wichtigsten Fragen in dieser meteorologischen Übergangszeit: Was ziehe ich an? So, dass es morgens nicht zu kalt und nachmittags nicht zu warm ist. Für den heutigen Fußweg ins Werk und zurück war langärmliges Hemd ohne Jacke genau die richtige Wahl. Auf dem Hinweg schien die Sonne, auf dem Rückweg nicht mehr, es war dennoch sehr warm, was zu einem Feierabendbier am Rheinufer motivierte. Wer weiß wie lange noch, ehe wieder Daunenjacke und Wollmütze erforderlich sind. Ebendiese trug einer, der mir morgens begegnete. Das fand sogar ich übertrieben.

Nachmittags rief mich jemand vom Bonner General-Anzeiger an, um mit mir über die Kündigung des Abonnements zu sprechen, die ich zum Ersten dieses Monats veranlasst hatte. Bereits vergangene Woche hatte er deswegen angerufen, ich hatte ihm die Gründe erklärt: Zunehmend empfinde ich die Berichterstattung als meinungslastig; mich interessiert überhaupt nicht, was unbekannte Menschen zu einem Thema meinen und am allerwenigsten, was sie dazu auf Facebook gepostet haben; das Sahnehäubchen sind Qualitätsmängel im Text wie regelmäßig dieser: „Die Stadt Bonn hat seine Mitarbeiter angewiesen …“. Dafür sind mir über vierhundert Euro im Jahr zu teuer. Das fand der Anrufer schade und wir verblieben, dass ich es mir nochmal überlege (manchmal bin ich zu weich) und er in dieser Woche noch einmal anrufe. Heute also. Zu meinem Erstaunen fragte er mich genau dasselbe wie letzte Woche. Auf meinen Einwand, dass hätte ich ihm doch schon letzte Woche erzählt, ob er sich nicht erinnere, stammelte er so etwas wie „Doch, aber ich wollte nochmal …“ Unnötige Wiederholungen, sei es in Besprechungen oder in Gesprächen wie diesen zerren erheblich an meiner Geduld, mein Tonfall wird dann schnell ungehalten bis genervt. Daran muss ich noch arbeiten. Übrigens habe ich nun das wesentlich günstigere Online-Abo gebucht.

Mittwoch: Die Schule hat wieder begonnen. Auf dem Fahrrad muss man nun wieder besonders achtgeben auf andere Radfahrer, die ohne zu schauen den Weg kreuzen oder von der Seite einbiegen, was mich morgens auf dem Weg zum Büro veranlasste, einen, der mit hoher Geschwindigkeit von vorne rechts kam und unmittelbar vor mir schräg die Straßenseite wechselte, einen Idioten zu schimpfen, was mich wiederum sofort ärgerte; nicht so sehr der Radfahrer, sondern mein verbaler Ausfall. Manchmal passiert es einfach, da kann man nichts machen.

In ein Anforderungsformular schrieb ich als fachlichen Nutzen „Fahlervermeidung“, bemerkte es und freute mich.

Abends im Bett war ich mit dem neuen Buch „Aber?“ von Max Goldt durch, auf dessen Lektüre ich mich sehr gefreut hatte. Es ist mit knapp hundertsechzig Seiten nicht sehr umfangreich, doch auch inhaltlich hatte ich etwas mehr erwartet. Viele der Texte lesen sich wie Verschriftlichungen von Comics des Duos Katz & Goldt, sind es vermutlich auch, das Gedicht zum Schluss machte mich ratlos, was an meiner lückenhaften Lyrikkompetenz liegen mag. Ich vermisse die für ihn typischen Abschweifungen und Themenwechsel innerhalb desselben Textes und Wortschöpfungen wie die legendäre „Klofußumpuschelung“ oder „beliebte Fernkugel“ als Synonym für den Ex-Planeten Pluto aus früheren Büchern. Vielleicht ist er nach so langer Zeit ein wenig aus der Übung und muss erst wieder in den richtigen Schreibfluss kommen. Hoffen wir also auf weitere Bücher von ihm in nicht so ferner Zukunft. Ich werde sie auf jeden Fall kaufen und lesen.

Donnerstag: Besser kann der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub kaum sein. Bis zum Mittag war alles Wesentliche abgearbeitet, bis zum Nachmittag kam nichts Aufwendiges, dringend zu Erledigendes mehr hinzu, so dass ich guten Gewissens und bester Laune den Heimweg antreten konnte, nachdem der Rechner in der Schreibtischschublade verstaut und das dienstliche Telefon ausgeschaltet waren. Da der Regen durch war und die Sonne wieder schien, stand einem urlaubseinleitenden Getränk auf dem Rückweg nichts im Wege.

Laut kleiner kalender ist Maus-flitz-Tag. Ah ja. Demnächst dann vielleicht Beutel-kratz-Tag.

Freitag: Was schön war: der erste Urlaubstag, externes Frühstück mit den Lieben im Sonnenschein, eine störungsfreie Autofahrt nach Beaune im Burgund, das Wiedersehen mit dem freundlichen Hotelpersonal, das erste Glas Burgunder nach der Ankunft, das Abendessen im Hotelrestaurant.

Blick aus dem Hotelzimmer auf ein vorüberziehendes Gewitter

Samstag: Nach dem Frühstück im Hotel verließen wir Beaune mit Ziel Malaucène, wo wir nach staureicher Fahrt am frühen Abend ankamen. Es ist spätsommerlich warm, die Sonne scheint vom blauen Himmel und lässt die Provence in den üblichen Grün- und Ockertönen leuchten. Die erste Liegestuhlprobe verlief erfolgreich. Rosé ist im Kühlschrank. Wir sind sehr zufrieden und freuen uns auf die vor uns liegenden zwei Wochen an diesem wunderbaren Ort.

Apropos zwei – Frage 2 lautet: „Mit wem verstehst du dich am besten?“ Ganz klar: Mit dem Liebsten, und das nun schon seit vielen Jahren. Das schließt gelegentliche Zankereien nicht aus, aber ohne die wäre es ja auch etwas langweilig.

Blaugrün
„So strahlt kein Atommüll“ sagte einer.
Abendglas

Sonntag: Auch der erste Tag hier in Malaucène lag unter blauem Himmel bei Kurze-Hosen-Temperatur, dazu ab Mittag ein leichter Wind. Nach dem ersten Frühstück draußen vor dem Haus blieb ich am Tisch sitzen und stellte diesen Wochenrückblick fertig; heute besonders früh, da nachher Bonner Freundinnen, die ebenfalls zurzeit in Malaucène weilen, zum Grillen kommen. Nach Fertigstellung werde ich mit einem Buch in den Liegestuhl wechseln und dort bis auf weiteres zu einer zufriedenen Freizeitstatue erstarren. Sollte sich im Laufe des Tages noch etwas Berichtenswertes ergeben, wird es nachgereicht. Jetzt entschuldigen Sie mich bitte.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche.

13:30

Woche 34/2025: Manchmal ist es verrückt

Montag: Der vergangene Wochenrückblick zog ungewöhnlich viele freundliche Kommentare nach sich, dabei fand ich den gar nicht so dolle. Vielen Dank dafür. Manchmal, um nicht zu schreiben öfter, ist es umgekehrt, dann denke ich: Jetzt hast du aber mal richtig einen rausgehauen, und dann kommt fast nichts. Keine Klage, nur Feststellung.

Ansonsten bot der Wochenbeginn keinen Grund zur Klage (oder es war ein ganz okayer Start, wie manche zu schreiben keine Hemmungen haben, auch das an Grässlichkeit kaum noch zu steigernde Wort okayisch hörte ich in diesem Zusammenhang schon), dafür auch wenig Berichtenswertes.

Mit Verspätung gelesen bei Gunkl:

Es wird nicht passieren, aber lustig wäre es schon, wenn eine höchstpotente künstliche Intelligenz nach Abschätzung möglicher Ergebnisse beschließt, daß Krieg einfach blöd ist, und unter unautorisiertem Zugriff auf die Steuerelektronik aller Waffensysteme alles Kriegsmaterial unbrauchbar macht und so Weltfrieden herbeiführt, weil das einfach intelligenter ist, als Krieg zu führen.

Dialog des Tages: „Ich war in Sorge.“ – „Musst du nicht, ich bleibe bei dir.“ – „Das ist ja meine Sorge.“ So geht Liebe.

Dienstag: Gestern brachte ich meine Freude über zahlreiche Kommentare zum Blogbeitrag letzter Woche zum Ausdruck, heute freute ich mich sehr über einen Brief von jemandem, der meinen Ausführungen bei mehreren Lesungen lauschte. Angereichert war das Schreiben mit dem Gedicht „Wenn die Möpse Schnäpse trinken“ von James Krüss, das so endet:

Wenn an Stangen Schlangen hangen / Wenn der Biber Fiber kriegt,

Dann entsteht zwar ein Gedicht, aber sinnvoll ist es nicht.

Weiterhin beigefügt war eine Stilblüte der Kategorie Manager-Gequatsche und das Bild einer Skulptur von Asier Sanz. Lieber F., herzlichen Dank dafür! Eine angemessene briefliche Antwort folgt.

Der Schreiber bloggt übrigens auch, nämlich hier, schauen Sie mal rein, es lohnt sich.

Was Vorstandsmitglieder so sagen
Asier Sanz

Gefreut habe ich mich auch über eine Mail von Epubli, wonach jemand im vergangenen Monat das Buch gekauft hat. Auch dafür herzlichen Dank, ich wünsche gute Unterhaltung damit.

Gespräch beim Abendessen, einer fragt „Wie heißt nochmal die mit der Nase?“ Zwei antworten synchron: „Barbra Streisand.“ Manchmal ist es verrückt.

Mittwoch: Als ich morgens beim ersten Kaffee auf dem Balkon saß, lag ein latenter Fäkalgeruch in der Luft. Der war auch noch deutlich zu vernehmen, während ich mit dem Fahrrad auf dem Weg ins Werk durch die Innere Nordstadt fuhr. Da er sich danach auflöste und ich morgens mit der gebotenen Gründlichkeit geduscht hatte, gehe ich davon aus, dass ich nicht selbst die Quelle war.

In Köln beginnt die Computerspielemesse Gamescom, wo tausende Besucher erwartet werden. Auch so eine Welt, die keinerlei Gemeinsamkeiten mit meiner aufweist, was daran liegen mag, dass meine, in der Dinge wie Fußball, Netflix oder Amazon keine Bedeutung haben, sehr speziell ist.

Beides auch nicht in meiner Welt

Donnerstag: Diese Woche ist kleine Woche, Viertagewoche, also hätte ich heute frei gehabt, Inseltag. Konjunktiv, weil es in Werkszusammenhängen eine Veranstaltung gab, an der teilzunehmen mir wichtig war, auch das gibt es. In den vergangenen Jahren war sie stets mit vier sehr angenehmen Dienstreisen verbunden, ich berichtete; in diesem Jahr fand sie leider nur am Bildschirm per Teams statt. Dennoch hätte ich ungern auf die Teilnahme verzichtet. Nicht verzichten muss ich auf den freien Tag, der auf morgen verlegt wurde, wodurch der Insel- zu einem Halbinsel-, Landzungen-, Polder- oder Koogtag wird. Jedenfalls wird es ein langes Wochenende.

Freitag: Den freien Tag nutzte ich auch heute wieder für eine Wanderung. Diese führte von Köln-Rath-Heumar durch das Königsforst und die Wahner Heide bis Troisdorf. Beim Umstieg von der Regional- in die Stadtbahn in Köln-Deutz kamen mir zahlreiche Besucher der Gamescom-Messe entgegen, teilweise in bizarren Verkleidungen. Wie oben bereits geschrieben, eine andere Welt, was nicht ablehnend oder überheblich gemeint ist; vielleicht finden die Wandern völlig absurd, was es vielleicht auch ist.

Das Wetter war ideal zum Wandern, trocken und um die zwanzig Grad, nur kurz zeigte sich die Sonne. Wie erhofft blüht inzwischen die Heide. Nicht so flächendeckend und postkartengrell wie in nordniedersächsischen Touristenanlockungsmedien, dennoch augerfreuend. Hier und da kündigt sich schon der Herbst an mit ersten gelben Blättern. Kurz vor Troisdorf fand ich Erquickment im wunderschönen Heidekönig-Biergarten, trotz trübem Wetter war er gut besucht.

Sehen Sie:

Aggertalbahn
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Herbsterwachen
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Womit die Rubrik „Was schön war“ auch heute hinreichend bedient ist.

Samstag: Die Nacht endete früh, weil eine Bahnreise nach Bielefeld anstand, um die Mutter zu besuchen. Obwohl der Regionalexpress ab Bonn ausfiel und der Ersatzzug – immerhin gab es einen, das ist nicht selbstverständlich – knapp eine halbe Stunde Verspätung hatte; obwohl wir in Duisburg wegen eines Polizeieinsatzes, dem laut Durchsage eine „kleine Auseinandersetzung“ im vorderen Zugteil vorausgegangen war, länger standen, erreichte ich das Ziel dank üppiger Umsteigezeit in Köln mit nur geringer Verspätung.

In Köln stellte die Bahn ihre Kunden auf eine besondere Probe: Angezeigt war die Einfahrt des RE 6 nach Minden (mit dem ich fuhr), angesagt wurde und es fuhr ein der RE 26 nach Remagen. Verwirrung, man stieg erst ein, bald wieder aus, fragte einander „Ist das der Zug nach …“, die Abfahrt verzögerte sich dadurch um mehrere Minuten. Wie viele mögen, vielleicht abgelenkt durch Ohrstöpsel und Datengerät, erst in Köln-Süd bemerkt haben, dass sie in der falschen Bahn saßen, oder erst in Remagen.

Zum Mittagessen hatte die Mutter Kohlrouladen zubereitet, die schmeckten wie bei Muttern. (Kleiner Scherz.) Während sie danach ein halbes Stündchen ruhte, unternahm ich einen Spaziergang durch Bielefeld-Stieghorst, der etwas länger ausfiel als geplant, wie das so ist, wenn ich einmal so im Gehen bin. Das war nicht schlimm, rechtzeitig zu Kaffee und Kuchen (Marzipantorte von Bäckerei Kriemelmann, der Geburtstagskuchen meiner Kindheit, Gutes vergeht nicht) war ich zurück.

Während der Fahrt nahm ich auffallend viele Männer mit Blumensträußen wahr, als ob heute Tag des schlechten Gewissens wäre. (Ist es nicht, laut kleiner kalender ist Sklavenhandels-, Regensing- und Windreite-Tag. Alles ohne erkennbaren Blumenbezug.)

„Geld macht dumm – Armut auch“ las ich an eine Wand gesprüht, soweit ich mich erinnere in Düsseldorf. Ein unlösbares Problem, die allgemeine Verdummung ist nicht aufzuhalten, wie zunehmend zu bemerken ist. „Denk absurd“ war woanders zu lesen. Damit kann man sogar Präsident eines großen Staates werden, bitte denken Sie sich zutreffende Staatsoberhäupter selbst dazu.

Schlimm finde ich die künstliche Zugansagerin in den Zügen von National Express, die auch erhebliche Verspätungen mit der klebrigen Fröhlichkeit einer Reklamesprecherin verkündet. Doch verkündete sie auf der Rückfahrt, die auffallend pünktlich verlief, Gutes. Als sie sagte „Nächster Halt: Köln Hauptbahnhof“ erschrak ich fast ein wenig.

Ebenfalls auf der Rückfahrt telefonierte einer laut und ausdauernd. Da er das auf Französisch tat, verstärkte es die Vorfreude auf den baldigen Urlaub in der Provence.

Auch heute sah ich viele Bäume mit ersten Herbsterscheinungen. Ist der Herbst dieses Jahr früher dran als sonst?

Was sonst noch so an Wände geschrieben wird

Sonntag: In der Sonntagszeitung (FAS) Innenansichten sogenannter Latte-Macchiato-Eltern, die mit ihren kleinen Kindern gerne in Cafés gehen; konkret berichtet Sebastian Eder, ein solcher Vater:

Warum aber fühle ich mich so wohl in Cafés? Andere Eltern hassen es, wenn ihre Kinder dort an ihnen zerren, noch ein Croissant wollen, das nächste Bilderbuch anschleppen oder schon wieder das ganze Essen auf dem Boden verteilen. Bei mir stellt sich eher eine Entlastung ein: Das Kinderchaos gibt es sowieso, hier bringt mir währenddessen wenigstens jemand Kaffee und Essen, ich muss danach weder aufräumen noch spülen.

[…]

Genervte Blicke von Gästen wären mir auch egal. Wer seine Ruhe haben will, soll zu Hause bleiben.

[…]

Bei mir jedenfalls hilft mit kranken Babys nur: rausgehen und tragen, tragen, tragen – und wenn das Baby eingeschlafen ist, Kaffee trinken. Wird das Kind größer, kann es selbst etwas bestellen und ist auch mal ein paar Minuten zufrieden. Selbst wenn der bellende Husten durchs Café schallt.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, wenn Sie sowas lesen oder gelegentlich selbst erleben. Bei mir erzeugt derartig arrogante Rücksichtslosigkeit, die vorausgesetzte Selbstverständlichkeit, mit der Eltern ihre Bedürfnisse und die ihrer Blagen über alles stellen, stets eine gewisse Wut. Aber man darf ja nicht sagen, sonst sieht man sich schnell, gerade als Kinderloser, der Kinderfeindlichkeit bezichtigt (was so schlimm nun auch nicht ist). Dieselbe Empörung schäumt regelmäßig auf, wenn Hotels und Restaurants aus jedenfalls für mich nachvollziehbaren Gründen keine Kinder als Gäste wünschen. In Anlehnung an Herrn Eder sei entgegnet: Wer seine Kinder aushäusig toben lassen will, soll ein anderes Restaurant bzw. Hotel aufsuchen.

Gerade fällt mir auf, ich muss ja noch eine Frage beantworten.

Frage Nr. 37 lautet: „Weißt du normalerweise, wann es Zeit ist, zu gehen?“ Normalerweise ja. Heute Nachmittag war ich verabredet auf dem Bonner Weinfest, möglicherweise verweilte ich dort etwas länger als nötig, wodurch Auswirkungen auf die Schlussredaktion dieses Wochenrückblickes nicht völlig auszuschließen sind. Eventuelle Liederlichkeiten in Rechtschreibung, Satzbau und Logik bitte ich deshalb zu entschuldigen.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche.

19:00

Woche 33/2025: In sicherem Abstand

Montag: Eine der wesentlichen Aufgaben des Tages war es, einen Karton Wein auf dem Fahrradgepäckträger zum Büro zu transportieren, auf dass ihn der liebe Kollege, wenn er demnächst nach seinem und in meinem Urlaub in Bonn ist, übernehmen kann. (Ich schrieb erst: nach seinem und während meines Urlaubs, das las sich unrund. Korrekt, indes noch unrunder hätte sich „nach seinem Urlaub und während meines Urlaubs“ gelesen. Egal.) Lieber S., der Wein ist unbeschädigt angekommen, er steht im Hochschrank hinter meinem Schreibtisch. Einen schönen Urlaub euch weiterhin!

Ansonsten verlief der Arbeitstag in gewohnter Montagsmüdigkeit und -unlust. Im übrigen war es sehr ruhig, weil viele Kollegen und Chef Urlaub haben. Er sei ihnen von ganzem Herzen gegönnt.

Morgens ließ eine Mischung aus Sonnenstand, Rhein und Reflexion eines der UN-Hochhäuser in Sichtweite sehenswert glitzern:

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Es ist wieder sehr warm. Auch das beklage ich nicht, denn, analog zu Karl Valentin, klagte ich, wäre es trotzdem warm. Als Kind mochte ich Sommerhitze nicht. Nicht wegen der Hitze an sich, sondern weil ich dann genötigt wurde, kurze Hosen zu tragen. Das tat ich ungern wegen meiner dünnen Beine, die mir von anderen, bei denen nicht nur die Beine wesentlich dicker waren, ständig eingeredet wurden.

Dienstag: Der Fußweg ins Werk verlief sonnenbeschienen, jedoch nicht mehr ganz so warm; ohne Jacke gut auszuhalten. Dabei lag schon eine Anmutung von Spätsommer in der Luft.

Spätsommer

In letzter Zeit fallen mir zunehmend Radfahrer auf, die einen Helm mit sich führen, ihn jedoch nicht auf dem Kopf tragen, wo er im Falle des Unfalls den größten Nutzen entfaltete, sondern ihn während des Fahrens materialschonend-lässig am Lenker baumeln haben. Vielleicht gab es das schon immer, manchmal fallen einem Dinge, die es schon lange gibt, ja erst spät auf. Bei mir war es zum Beispiel der Schmetterlingsflieder, auch als Sommerflieder bekannt, den ich erstmals bewusst 1990 während des Grundstudiums in Köln wahrnahm. In Ostwestfalen, wo ich mich zuvor die meiste Zeit aufgehalten hatte, nur war er mir nie aufgefallen, obwohl es ihn dort mit Sicherheit auch gab und gibt. Zurück zu den unbehelmten Radfahrern, übrigens aller Geschlechts- und Altersklassen, somit lässt es sich nicht als pubertärer Leichtsinn abtun: Warum machen die das? Meinen die, den Helm im Sturz, kurz vor dem Aufprall noch schnell aufsetzen zu können?

Bleiben wir im Kopfbereich: Vor allem im asiatischen Raum gilt Gesichtsverlust als großes persönliches Unglück, wobei er manchen Menschen, nicht nur in Asien, wenn man sie sich so anschaut, nicht unbedingt zum Nachteil gereichen würde. Einen speziellen Fall davon sah ich morgens am Rheinufer:

Wozu mag es vorher gedient haben? Nach einem unterleibserfreuenden Spielzeug sieht es eher nicht aus, auszuschließen ist es aber nicht.

Auf dem Fußweg zurück, nun deutlich wärmer, überholte mich ein Läufer mit Schriftzug auf dem Rücken des T-Shirts: „Reden kostet nichts. Schweigen schon.“ Das gefällt mir, auch wenn ich es nicht ganz verstehe. Man kann sich – auch mit Helm – um Kopf und Kragen reden; ähnliche Folgen durch Nichtreden sind mir unbekannt. Ich werde darüber nachdenken.

Mittwoch: Aus einem Zeitungsartikel über den Drang mancher Männer, sich in der Öffentlichkeit mit freiem Oberkörper zu zeigen: „… Aktivistinnen und Aktivisten, die für geschlechtsneutrale Körper eintreten, sei ein entblößter Männer-Oberkörper ein Dorn im Auge.“ Geschlechtsneutrale Körper? Ich möchte das nicht. Im selben Artikel heißt es auch: „Doch bei nackten Oberkörpern bleibt eine Geschlechterkluft (Gender Gap)“. Das muss dieses Sommerloch sein.

Das neue Buch von Max Goldt ist eingetroffen. Es kommt nach ganz oben auf den Stapel der ungelesenen, ich freue mich sehr darauf.

Aber?

Donnerstag: „Achtziger und die größten Klassiker“ spielt der Radiosender WDR 4 nach eigenem Bekunden. Deshalb war ich morgens entsetzt, als sie, gerade als ich wehrlos unter der Dusche stand, dieses furchtbare, nicht endende etwa 44-strophige, bislang im Nachbarsender WDR 2 rauf- und runter gespielte Wellerman-Lied brachten, das mich danach noch längere Zeit ohrwurmte.

Auf dem Fußweg zum Werk begegnete mir eine etwas abgerissene Person unklarer Binärität, vertieft ins Selbstgespräch mit verteilten Rollen. Mal sprach sie ruhig wie mit einem Gegenüber, dann schrie sie so unschöne Sätze wie „Halt endlich dein Maul, du Schlampe!“, auch das Wort „Fotze“ fiel mehrfach, ehe sie wieder im ruhigen Ton sprach. Irgendwo hörte oder las ich mal einen Satz, der sinngemäß lautete: „Jeder kämpft seinen eigenen Kampf, von dem die anderen nichts ahnen.“ Wir ahnen nicht, welchen Kampf diese Person führt, jedenfalls erscheint ein Wellerman-Ohrwurm dagegen als ein zu vernachlässigendes Problem.

Passend zum gestern erwähnten Zeitungsartikel kam mir am Rheinufer ein Läufer ohne T-Shirt entgegen, dessen Körper zum Glück weder geschlechtsneutral noch mir ein Dorn, eher eher ein Lusttränchen im Auge war. Aber ich bin ja auch kein Aktivist.

Kurz vor Ankunft am Turm sah ich im Rheinauenpark unter einem Baum einen blonden jungen Mann in sommerlicher Sportbekleidung, der etwas am Boden herumnestelte (komisches Wort, fällt mir gerade auf), dann zog er sich die Schuhe aus, kniete sich hin, beugte sich nach vorne in Richtung Osten und verharrte so für längere Zeit. Als Religionen skeptisch begegnender Mensch fand ich das irritierend, zumal er nicht dem derartiges praktizierenden Kulturkreis zugehörig aussah. Aber was weiß ich schon.

Gelesen im Kieselblog und zustimmend genickt:

Ich glaube, dass wir Menschen plappern wie Affen sich lausen: Es handelt sich um ein soziales Ritual. Eigentlich ist es dabei zweitrangig, um welches Thema es geht – hauptsache, wir teilen mit, wie wir uns fühlen und unser Gegenüber tut das auch (wobei komplett egal ist, was das Gegenüber sagt oder fühlt).

Das Problem an der Sache ist, dass ich Geplapper nicht kann. Ich denke immer, es würde richtig gesprochen werden, es gäbe immer einen richtigen Austausch. Auch wenn ich rational verstehe, wie wichtig die soziale Fellpflege ist, bin ich dazu nicht wirklich fähig. Entweder gehe ich dann in ein richtiges Gespräch (bzw. versuche ich es), oder ich stehe stumm da und lächle, denn ich weiß ja nicht, wie ich plappermäßig korrekt reagieren soll.

Vielleicht ist das gemeint mit Schweigen kostet, siehe oben: Viele Menschen kostet es Mühe und Überwindung, mal die Klappe zu halten.

Freitag: Was schön war: Ruhe im Büro, mehrere Haken in der Outlook-Aufgabenliste, roter Wackelpudding mittags als Dessert, anschließend ein Spaziergang durch den Park, die vorläufige Entschärfung eines Konflikts (machmal wünsche ich mir ein Teinihaus, für das nur ich einen Schlüssel habe) und gemeinsames Grillen, Essen und Trinken am Abend.

Samstag: Über Nacht hat es sich deutlich abgekühlt, die Sonne blieb ganztägig hinter einer dicken Wolkendecke versteckt. Dennoch ließ es sich weiterhin gut jackenlos und kurzärmlig draußen aufhalten. Wie üblich verband ich den Leergutentsorgungsgang mit einem Spaziergang an den Rhein. Dort, am Rheinufer hatten die Grünen unter einem gleichfarbigen Sonnenschirm einen Informationsstand aufgebaut. Um nicht angesprochen zu werden, schaute ich im Vorbeigehen betont desinteressiert und beschleunigte den Schritt ein wenig. Nicht, weil ich eine Abneigung gegen diese Partei hegte, ganz und gar nicht, sondern weil ich generell ungern zu einem Gespräch mit Fremden genötigt werde. In sicherem Abstand setzte ich mich auf eine Bank, schaute den vorübergehenden und -radelnden Menschen mit und ohne Hunden zu und las Blogs. Einige Passanten, die aus Richtung der Grünen kamen, hielten ein Faltblatt der Partei in der Hand, das sie sich vielleicht aus Interesse, vielleicht aus Höflichkeit in die Hand drücken gelassen hatten. Wie viele davon mögen ungelesen im Abfall entsorgt werden.

„Kuck mal wie tief … oder wie flach“ rief eine Radfahrerin ihrem Begleiter zu und deutete auf den Fluss, der zur Zeit wenig Wasser führt. „Ja“ lautete die knappe Antwort, offenbar hatte er verstanden, was sie meinte.

„Mittwoch ist Lesetag“ stand auf dem Stoffbeutel, der an einem anderen Radfahrer hing. Warum nur Mittwoch? Und warum gerade an diesem Tag? Wird an den übrigen Tagen nicht gelesen? Aber jedem wie er mag.

Hier ist, regelmäßige Leser und -innen ahnen es, Samstag Fragetag.

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Frage Nr. 9 lautet: „Was machst du morgens als Erstes?“ Das hängt vom Tag ab, oder kommt darauf an, wenn Ihnen das lieber ist: An Arbeitstagen den Radiowecker ausschalten, wenn die Halb-sieben-Nachrichten durch sind, am Wochenende das iPad heranholen, um etwas zu lesen, bis das Bad frei ist; bei mir ist nicht nur Mittwoch Lesetag. Als allererstes aber, das ist mir jetzt etwas unangenehm, doch Frage ist Frage, bohre ich, einer langjährigen Angewohnheit folgend, ausführlich in der Nase. Das bleibt bitte unter uns.

Sonntag: Der Tag begann zunächst kühl, weshalb zur Lektüre der Sonntagszeitung auf dem Balkon ein Jäckchen angebracht war. Das führte zur Erheiterung meiner weniger kälteempfindlichen Lieben, aber ich kann es nicht ändern. Wer nicht frieren will, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Zum Spaziergang am Nachmittag wärmte es merklich auf, sodass ich das Jäckchen ablegen konnte. Auch auf der anderen Rheinseite gibt es einen schönen Biergarten mit Ausschank bayrischen Bieres, der gut besucht war und sich in den Spaziergang integrieren ließ.

Beobachtung: Nicht nur die Fahrer von Renn- und Lastenfahrrädern zeigen oft bemerkenswerte Rücksichtslosigkeit gegen andere Verkehrsteilnehmer, sondern auch auch manche Nutzer elektrisch angetriebener Rollstühle, die ohne jede Hemmung durch die Fußgängerzone rasen und sich dabei, das ist jetzt nur eine empirisch nicht belegte Vermutung, völlig im Recht glauben.

Was ist nur los mit diesen Menschen?

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die Woche.

17:30

Woche 32/2025: Was so geschrieben und gesagt wird

Montag: „Zähle 30 Dinge auf, die dich glücklich machen“ lautet der Vorschlag des Tages hier in der Wörterpresse. Das ist schnell getan: Die dreißig arbeitsvertraglich festgelegten Urlaubstage im Jahr machen mich ziemlich glücklich, jeder einzelne davon. In vier Wochen die nächsten elf. Nicht minder lieb sind mir die freien Inseltage jeden zweiten Donnerstag. Wie der kommende.

Dienstag: Der dienstagsübliche Fußweg ins Werk fiel ins Wasser wegen Regens, zurück ging es auf trockenem Weg.

In einer langen Besprechung am Nachmittag sagte einer in etwa jedem vierten Satz „am Ende des Tages“, wie so oft übertrug es sich im Laufe des Gesprächs wie ein Verbalvirus auf weitere Teilnehmer.

Auch ins Wasser gefallen

Nicht am Ende des Tages, doch kurz davor trafen wir uns im kollegialen Rahmen im Biergarten. Aus der ursprünglich geplanten Dreierrunde wurden elf, wie immer öfter in letzter Zeit war ich der Älteste. Ich fand es anstrengend, es wurde viel geschäftliches gesprochen mit der für die Altersgruppe Mitte zwanzig bis Ende dreißig typischen Wortwahl wie „Die Pommes sind krass crunchy“ und „Der Salat ist echt nice„. Zunehmend erschwert nicht nur mein nachlassendes Gehör die Teilnahme an solchen Unterhaltungen, sondern auch meine lückenhaften Englischkenntnisse. Als sie begannen, sich damit zu brüsten, wieviel Zeit man im Büro verbringt („Stell dir vor, jedes Mal würde einer ’ne Pizza ausgeben, nur weil man nach 22 Uhr noch da ist“) wurde es Zeit für mich, zu gehen. Die Runde zu dritt wäre mir lieber gewesen. Wie bereits vergangene Woche sei nochmals Ernst Jandl zitiert: „das stück, darin / ich keine Rolle spiele / ist meines.“ „/ nicht mehr“, wäre zu ergänzen.

Mittwoch: Ein weiterer Grund, weshalb ich es gestern Abend bei zwei Bieren beließ, war der heute Morgen anstehende Zahnarztbesuch zur Kontrolle und Reinigung, da will man nicht mit einer Fahne herumdünsten, auch sonst sind Arbeitstage unter Restalkohol erfahrungsgemäß wenig erfreulich. Nachdem alles zur beiderseitigen Zufriedenheit kontrolliert und gereinigt war, radelte ich jackenlos durch noch deutliche Morgenkühle zum Turm.

Vormittags hatte ich anlässlich einer überraschenden Übung meinen ersten Einsatz als Brandschutzhelfer. Als das Alarmsignal ertönte, zog ich die bereithängende Warnweste über und setzte einen wichtigen Gesichtsausdruck auf, mit dem ich im mir zugewiesenen Gebäudeabschnitt von Büro zu Büro ging, um die Kollegen aus dem Gebäude zu scheuchen. Die gingen allerdings freiwillig, so dass keine scharfe Ansprache oder Gewaltanwendung meinerseits erforderlich war. Schließlich meldete ich telefonisch die Etage als geräumt, dann verließ ich selbst durch das Treppenhaus den Turm. Der nächste Brand kann kommen, muss aber nicht.

Donnerstag: Falls Sie in der Inneren Nordstadt in Bonn wohnen und morgens jemanden etwas schräg, dafür einigermaßen textsicher „Unchained Melody“ singen hörten, das war ich. Während des Brausebades kam es im Radio, der Mitgesang war ununterdrückbar.

Wie am Montag bereits angedeutet, hatte ich heute frei. Wie üblich nutzte ich den Tag für eine Wanderung. Da Wärme angekündigt war, wählte ich eine nicht zu lange, möglichst bewaldete Route ohne stärkere Steigungen: einen Rundweg durch die Ville ab dem Bahnhof Erftstadt entlang mehrerer Seen, die durch Braunkohle-Tagebau im 19. und 20. Jahrhundert entstanden sind; ich habe das kurz für Sie recherchiert, nicht dass es heißt, hier lerne man nichts. Diese Route hatte mir vor einiger Zeit die Nachbarin empfohlen; vielen Dank, liebe M., eine gute Empfehlung, es war sehr schön. Kurz vor dem Ziel bog ich an einer Stelle falsch ab, wodurch eine Extraschleife zu gehen war. Das war nicht schlimm, auch wenn ich dadurch eine Teilstrecke zweimal ging.

Wie schön es war, können Sie hier sehen:

Dschungelartige Vegetation
Obersee
Untersee
Uferweg am Untersee
Mittagessen mit Blick auf den Heider Bergsee
Namenloser Tümpel am Wegesrand mit Bewohnern
Karauschenweiher

Nach Rückkehr in Bonn, Sie ahnen es, folgte eine Stärkung durch Currywurst und Bier. Bei dieser Gelegenheit herzliche Grüße an Leser Christian K., der mich angeschrieben hatte, um Nähres über das Bonner Currywurstangebot zu erfahren. Als Kleinblogger freut es mich immer sehr, wenn Geschriebenes Anerkennung und Rückmeldung erfährt.

Freitag: Nach den vorgenannten Annehmlichkeiten eines Inseltages noch einmal zurück in die Bürosphäre, ehe das Wochenende anbricht. Eine Kollegin lässt mich per Mail wissen, dass sie mich „fyi reingeloopt“ hat. Was so geschrieben und gesagt wird, wenn es bisi wirken soll.

In einer Besprechung gehört und notiert: „Ich habe keine Meldung erhalten, dass etwas unrund läuft, anscheinend läuft alles geradeaus.“ Ja wie denn nun?

Ansonsten war es ein angenehmer, nicht zu langer Arbeitstag, was überleitet zur Rubrik „Was schön war“:

Nach Rückkehr vom Werk standen Kaffee und Kuchen auf dem Balkontisch bereit. Ich kam gerade rechtzeitig an, bevor meine Lieben alles aufgefuttert hatten. Danach war ich beim Friseur, jetzt habe ich wieder die Haare schön. Nach der (wirklich!) letzten Färbung ergrauen auch die Schläfen langsam wieder.

Schön auch der folgende Satz eines Mädchens zu seiner Begleiterin vor dem Schaufenster eines Bekleidungsgeschäfts, gehört auf dem Weg zur (ebenfalls schönen) Abendgastronomie: „Alter, kuck mal der Rock, der ist ja cute.“

Samstag: Nachdem Kulturstaatsminister Weimar innerhalb seiner Behörde die Benutzung von Gendersternen und ähnlichen Sonderzeichen untersagt hat, empfiehlt er dasselbe nun auch anderen öffentlich geförderten kulturellen Einrichtungen, was gleichsam als Anweisung ausgelegt wird. Öffentliche Empörung und Zustimmung dürften sich in etwa die Waage halten. Auch ich verzichte aus Gründen der Sprach- und Schriftästhetik auf Genderzeichen, sowohl hier im Blog als auch in beruflichen Schriftlichkeiten; bislang hat sich keiner niemand darüber beschwert. Auch amüsieren mich immer wieder groteske Wort- und Satzkonstruktionen, die demselben Zweck dienen sollen wie „der Mitarbeitende“, „Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber“ oder die Anrede „Liebe:r Carsten“. Irgenwo las ich mal, nachdem der Schreibende zuvor das Femininum genutzt hatte, den Klammerzusatz „(das gilt auch für nicht-weiblich gelesenen Personen)“. Und doch habe ich überhaupt nichts dagegen, wenn andere es als richtig und notwendig erachten, geschlechtsneutral zu schreiben und sprechen. Ein wenig stolpere ich immer noch darüber, doch ich werde mich daran gewöhnen. Daher halte ich Weimars Weisung zumindest für fragwürdig.

„Alter“ ist übrigens, obwohl männlich gelesen, geschlechtsneutral, siehe Eintrag von gestern.

Zeit für die nächste Frage.

Vergangenen Donnerstag am Mittelsee

Frage Nr. 12 lautet: „Was möchtest du dir unbedingt irgendwann einmal kaufen?“ Unbedingt, aber nicht irgendwann, sondern sobald es erhältlich ist, das neue Buch „Aber?“ von Max Goldt, bestellt ist es schon beim Buchhändler des Vertrauens (selbstverständlich nicht beim großen A.). Irgendwann, aber nicht unbedingt möchte ich mir einen Hut kaufen, wie ich schon gelegentlich erwähnte. Ansonsten habe ich alles erforderliche.

Sonntag: Ein angenehmer Sommersonntag ohne größeren Berichtenswert mit gewohntem Ablauf: Balkonfrühstück mit den Lieben, Sonntagszeitungslektüre, ein längerer Spaziergang auf die andere Rheinseite und innere Erquickung im Biergarten. Laut Wetterprognose bleibt es erstmal warm, ich habe nichts dagegen.

Spaziergangsbild
Innere Kühlung
Mentale Abkühlung für die, die den Sommer nicht mögen

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit. Kommen Sie gut durch die warme Woche.

Redaktionsschluss: 17:00 Uhr