Woche 51/2022: Wer jetzt nicht viel zu tun hat, fängt auch nichts Neues mehr an

Montag: Wie angekündigt kam zur Nacht der Regen, mit ihm zunächst Eisglätte auf Straßen und Wegen, aber auch ein Nachlassen der Kälte der letzten Tage. Als ich morgens aufbrach, war es auf den Gehwegen noch immer glatt, doch nicht so sehr wie befürchtet. Daher kam ich ungestürzt mit nur geringer Verspätung im Werk an, letztere verursacht durch die inzwischen verlässliche Unzuverlässigkeit der Stadtbahn, deren Nutzung mir heute dennoch sicherer schien als Fahrrad oder Fuß. Da mich in der letzten Arbeitswoche des Jahres nichts mehr drängt und das Gleitzeitkonto gut gefüllt ist, beklage ich das nicht. Zur Verkürzung der Wartezeit an der Haltestelle erfreuten die Stadtwerke ihre Kunden mit einem Rätsel: Am unteren Rand der elektronischen Fahrplananzeige über dem Bahnsteig lief ein Schriftzug: »… Es wird noch einige Zeit zu Verzögerungen kommen. dem Betriebshof zu ihren Einsatzpunkten. Es wird noch einige Zeit …« und so weiter. Erst später fiel mir darüber der feste Text »Die Busse fahren nun aus« auf, und es dauerte noch eine weitere Weile, bis ich verstand.

Bei Ankunft im Büro zeigte das Schreibtischthermometer fünfzehn Grad an, was mich zu einer Störungsmeldung an den Hausservice veranlasste. Mal sehen, ob es was bewirkt außer einem stimmlos geflüsterten „Heul doch“ des Servicemitarbeiters bei Empfang meiner Nachricht.

Später zählte ich während einer halbstündigen Besprechung, wie oft „tatsächlich“ gesagt wurde und kam am Ende tatsächlich auf sechzehn.

Dienstag: Vom Eise befreit sind Straßen und Wege. Während des Fußweges ins Werk umspielte den Gehenden nahezu milde Luft, morgens sang im Werkshof eine Amsel. Das Thermometer auf dem Schreibtisch zeigte erst sechzehn, später achtzehn Grad an, höher kam es heute nicht. Bis Feierabend keine Reaktion vom Hausservice. Vielleicht kommt der Frühling ja früher.

Erster Termin des Tages war eine Teams-Besprechung der IT, die kurz nach Beginn ein wenig ins Emotionale abglitt. Es fielen Begriffe wie „komische Notion“, „tendenziöse Scheiße“, auch der beliebte Satz „Es geht hier doch gar nicht um Fingerpointing“ (Doch, genau darum ging es); gegen Ende dann folgende wunderschöne Aussage einer Führungskraft: „Das ist nicht mit der Weisheit letztem Löffelchen aufgefressen.“ Als weitgehend Unbeteiligter empfand ich es als äußerst unterhaltsam, lachte mehrfach (bei stummem Mikrofon und blinder Kamera) und bedanke mich ausdrücklich für die Einladung. Für Januar ist ein Follow Up vorgesehen, darauf freue ich mich sehr.

Der Geliebte ist erkältet. Wirklich nur ganz kurzzeitig erwachte in mir der böse Gedanke, was wäre, wenn es schlimmer wird, wir uns anstecken, gegen Ende der Woche womöglich gar der Corona-Selbsttest ausschlägt und wir deswegen über Weihnachten leider nicht nach Ostwestfalen … nur so ein böser Gedanke.

Mittwoch: In einer Kolumne zum Thema Weihnachtsfrieden im Kreise der Lieben ist die Empfehlung einer Familienberaterin zu lesen, es könnte helfen, andere Personen wie eine andere Tierart zu betrachten, hierdurch gerate man „in eine neugierige Beobachterhaltung“, die im besten Falle dazu führe, der anderen Verhaltensweisen nachvollziehen zu können. Ich finde das eine wunderbare Sichtweise, nicht nur zur Weihnachtszeit. Fußgänger auf dem Radweg? Mobiltelefonierer in der Bahn? Gehkaffeetrinker? Ist halt artspezifisch. Wer wollte es einer Möwe persönlich verübeln, wenn sie ihm auf den Kopf kotet? Sie kann halt nicht anders.

Sie können auch nicht anders. (General-Anzeiger Bonn)

Reinhard Mey wird heute achtzig, wozu ich ihm herzlich gratuliere, auch wenn er es hier vermutlich nicht liest; sollten Sie ihn zufällig oder auch absichtlich treffen, richten Sie ihm bitte meine Glückwünsche aus. Kein Medienartikel darüber kommt ohne das Wort „Liedermacher“ als Berufsbezeichnung für ihn aus, was ein wenig an ein Kind erinnert, das im Sandkasten sitzt und mit seinen Förmchen Kuchen backt. (Tun Kinder das noch, oder ist das inzwischen aus Gründen der Hygiene, Diskriminierung oder kultureller Aneignung verpönt?) Während zumeist „Über den Wolken“ und „Gute Nacht, Freunde“ als seine bekanntesten Lieder genannt werden, verweise ich auf „Es gibt keine Maikäfer mehr“. Das mochte ich besonders.

»Was sind deine fünf Lieblingsartikel im Lebensmittelgeschäft?« lautet heute die Frage des Tages bei WordPress. Das ist schnell beantwortet: Nougat-Marzipan-Baumstämme. Nur noch wenige Tage erhältlich, danach bis Ostern aus nicht nachvollziehbaren Gründen leider nicht mehr. Deshalb gerne auch mehr als fünf.

Donnerstag: Der Arbeitstag war angenehm kurz. Wer jetzt nicht viel zu tun hat, fängt auch nichts Neues mehr an.

Den gestern beschriebenen Rat mit der anderen Tierart wendete ich gleich heute an, als ich auf dem Rückweg vom Werk auf dem Weihnachtsmarkt an einem Warmgetränk labte. Eindeutig einer anderen Spezies zugehörig war jener Jugendliche in Hörweite, der seinen Artgenossen in arttypischem, mit zahlreichen Sch-Lauten durchsetztem Rapper-Idioten-Slang mitteilte, seine Mutter habe ihm aufgetragen, um achtzehn Uhr zu Hause zu sein. Das war fast so drollig wie balgende Babyschildkröten. Gedanke: Was, wenn ich derjenige bin, der einer anderen Art angehört, der einzige, letzte? Da ich keine Vermehrungsabsichten in mir trage, wäre das auch in Ordnung.

So sehr sie auch alle „Last Christmas“ schmähen – viel schlimmer finde ich „Feliz Navidad“.

„Jetzt werden die Tage wieder länger“ ist vielfach zu hören und lesen. Bezichtigen Sie mich gerne der Klugschei Besserwisserei, jedenfalls werden die Tage keineswegs länger. Dem Himmel sei Dank, möchte ich hinzufügen.

Abends begleitete ich den Geliebten in ein Brillengeschäft. Während die freundliche junge Dame die Auftragsdaten aufnahm, hier maß, dort peilte, sah ich auf das Namensschild an ihrem Pullover, das sie als „Augenoptikerin“ auswies und mich zu der unausgesprochenen Frage veranlasste, welche Arten von Optikern es sonst noch gibt.

Geht doch.

Freitag: Da ab Mittag Regen angekündigt war, fuhr ich nicht mit dem Fahrrad ins Werk, sondern ging bei leichtem Niesel zu Fuß. Nur wenige Menschen sah ich auf dem Weg, anscheinend sind schon viele im Weihnachtsurlaub. Kurz vor Ankunft fragte ich mich, warum ich nicht ebenfalls bereits heute frei genommen hatte. Wichtige Aufgaben standen nicht mehr an, das Gleitzeitkonto war ausreichend gefüllt. Zu spät.

…

Auch im Mutterhaus augenscheinlich nur wenig Tätigkeit

Da zum Zeitpunkt des erfreulich frühen Feierabends (oder eher: Feiermittags) verlässlich der angekündigte Regen fiel, fuhr ich mit der Bahn nach Hause. Darin erlebte ich eine weitere interessante Spezies: Eine ältere Frau saß alleine in einer Vierersitzgruppe zum Gang hin, den Fensterplatz neben sich belegt mit Rucksack und Regenschirm, am Haken über dem freien Fensterplatz gegenüber hing ein Mantel. Die Dame selbst hatte raumeinnehmend die Beine übereinander geschlagen, somit schaffte sie es, vier Sitzplätze in Beschlag zu nehmen. Damit war sie bei mir richtig. Gegen den Fuß des überschlagenen Beines stoßend setzte ich mich ohne Entschuldigungsgesuch auf den Fensterplatz unter dem Mantel, was mit einen missbilligen Blick der Besitzerin quittiert wurde, zumal die Berührung des Mantels mit meinem Kopfe nicht zu vermeiden und dies zu vermeiden auch nicht von mir beabsichtigt war. Kurz vor Erreichen der Haltestelle Hauptbahnhof, wo ich auszusteigen beabsichtigte, fragte sie, ob sie an ihren Mantel dürfe, sie wollte hier also auch raus. Erst nachdem ich mich vom Platz erhoben hatte, die Dame hinter mir, bemerkte ich, dass die nächste Wagentür sich wegen einer Störung nicht öffnete, so ging ich weiter bis zur nächsten. Da diese bereits geöffnet war und durch sie Leute den Wagen betraten, kam ich nur langsam voran. Das wiederum veranlasste die Dame hinter mir, gegen meinen Rücken zu drücken. Auf meinen mit der Situation angemessener Freundlichkeit vorgetragenen Hinweis, es ginge nicht schneller, wenn sie mich anzuschieben versuche, antwortete sie: Doch, doch. Auf eine weitere Erörterung verzichtete ich.

Samstag: Wie in der Zeitung zu lesen war, wird das Weihnachtsfest im häuslich-privaten Familienkreis mit Geschenken erst seit Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in dieser Form begangen, nachdem ein gewisser Friedrich Schleiermacher es so in einem Buch beschrieben hatte. Zuvor ging man nur zum Mitternachts-Gottesdienst uns saß anschließend betrunken im Wirtshaus. – Noch drei Tage. (Bitte denken Sie sich hier ein tiefes Seufzen.)

Ins Wirtshaus ging ich mittags auch, zu einem vorweihnachtlichen Umtrunk mit lieben Nachbarn. Die Idee, dort bei Eifeler Landbier sitzen zu bleiben bis Weihnachten vorbei ist, war verlockend, indes nicht zu verwirklichen a) wegen familiärer Verpflichtungen und b) weil um vierzehn Uhr geschlossen wurde. Immer wieder faszinierend: Der Weihnachtsmarkt, bis gestern Abend noch gut besucht, war bis auf ein paar Tannenzweige vollständig verschwunden, als wäre nichts gewesen.

»Der Mensch bleibt in sich gefangen. Gerade zu Weihnachten« schreibt Kurt Kister in seiner Wochenkolumne.

Sonntag: Aufgrund vorgenannter Pflichten finde ich hier heute nur wenig Gelegenheit zur Niederschrift. Gegebenenfalls Berichtenswertes wird kommende Woche nachgereicht, ich bitte um Verständnis. Jedenfalls: Allen Leserinnen und Lesern wünsche ich schöne Weihnachten, wie auch immer Sie dazu stehen!

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, einen frohen Weihnachtsrest und einen guten Start in ein hoffentlich erfreulicheres Jahr.

Woche 50/2022: Alkoholzufuhr im Kollegenkreis und komische Vögel

Montag: »Wen beneidest du?« lautet die Tagesfrage von WordPress. Niemanden, jedenfalls nicht als Ganzes. Es gibt einige Einzelattribute, die ich anderen neiden könnte, vielleicht weil sie besser schreiben oder mehr Haare auf der Brust haben. Doch hat auch der Schönste, Reichste, Erfolgreichste, Wasauchimmerste seine eigenen Probleme, auf die ich gerne verzichte. So wie es ist bin ich sehr zufrieden, gerne darf es vorläufig so bleiben.

Nicht Neid, eher ein gewisses Erstaunen empfand ich für den Radfahrer, der mittags mit hoher Geschwindigkeit durch den Park fuhr, dabei freihändig eine Jacke vom Gepäckträger nahm und sie während der Fahrt anzog. Ich gebe zu: Wäre er dabei vom Weg abgekommen und in den Teich gestürzt, hätte ich ein Zucken der Mundwinkel nicht ganz unterdrücken können.

Was anderes: Fast zwei Drittel der Arbeitnehmer, die über Weihnachten Urlaub haben, werden für ihren Arbeitgeber dennoch erreichbar sein, davon wiederum über siebzig Prozent aus eigenem Antrieb, berichtet die Zeitung. Auch das erzeugt Erstaunen, mit einer kräftigen Beimischung von bedauerndem Unverständnis. Ein Kommentar dazu endet mit dem wunderbaren Satz »Das Nützliche vom Unnützen zu trennen, ist schwierig, aber notwendig.«

Dienstag: Wie im Radio zu hören war, plant man in Essen, kleine Waldflächen anzulegen, bevorzugt bepflanzt mit heimischen Hölzern. Diese Haine sollen „Tiny Forest“ heißen. Warum nur werden grundsätzlich gute Ideen immer wieder durch zwangsenglische Bezeichnungen der Lächerlichkeit preisgegeben?

Wo Bäume sind, fällt Laub. Dieses zu beseitigen schuf der HERR (oder eher Luzifer) den Laubbläser, dessen Klang auch heute Mittag auf dem Weg aus der Kantine in mein Ohr drang. So lange es noch genug Benzin für Laubbläser gibt, müssen wir uns um die Energieversorgung nicht sorgen.

Abends sah ich in der Stadt den Weihnachtsmann. Augenscheinlich hatte er Feierabend, denn er stand, ohne Mütze und Bart, mit drei anderen Männern in der Runde, vor sich eine große Tragetasche, eine Zigarette rauchend. Hoffentlich wurden nicht allzu viele Kinder durch dessen Anblick desillusioniert oder gar traumatisiert.

Mittwoch: Es ist weiterhin kalt. Warum auch nicht Mitte Dezember. Das Schreibtischthermometer zeigte morgens siebzehn Grad an, wie jeden Morgen bei Ankunft (außer Montag, da waren es sechzehn), im Laufe des Tages kam es nicht über achtzehn hinaus. Ich beklage das nicht, dank dienstlich zur Verfügung gestellter Fleecejacke ist es erträglich. Frieren für den Frieden. Allemal besser als Heimarbeit. Vormittags begann es zu schneien bis in den späten Nachmittag hinein, daher wurde die Rückfahrt mit dem Fahrrad interessant, jedoch unproblematisch, da der Radweg am Rhein geräumt war, wodurch er noch mehr Fußgänger anzog als sonst. Was soll ich mich darüber immer wieder aufregen? Menschen sind so. Nur meine Fingerkuppen schmerzten vor Kälte. Die derzeit benutzten Handschuhe sind für Radfahrten bei Minustemperaturen nur bedingt geeignet.

Mittags im Park

Donnerstag: Gelungenes Marketing zeichnet sich aus durch originelle, eingängige Werbeaussagen und Produktnamen, die dem Konsumenten im Idealfall jahrelang im Gedächtnis bleiben, denken Sie etwa an „Advocard ist Anwalts Liebling“ oder „Ariel wäscht nicht sauber, sondern rein“. (Oder war es Persil? Oder Weißer Riese? Frosch jedenfalls nicht. Egal.) Das gelingt mal besser, mal nicht so gut. Eher der zweiten Kategorie zugehörig ist die Namensgebung für die weihnachtliche Konfektmischung eines bekannten Bonner Süßwarenherstellers, die unter der Bezeichnung „Merry Mixmas“ gehandelt wird.

Morgens auf dem Weg ins Werk

Freitag: Da ich mich als eher kältescheu bezeichnen würde, beschloss ich morgens, mit der Stadtbahn ins Werk zu fahren. Das war gar nicht so einfach. Zunächst kam keine Bahn, dann gleich drei direkt nacheinander. Da Zug eins erwartungsgemäß voll war, ließ ich ihn fahren und stieg in den folgenden. Der Beförderungsfall währte nicht lange, bereits an der nächsten Haltestelle Hauptbahnhof hieß es „Zug defekt, bitte aussteigen, der nächste Zug folgt direkt am Bahnsteig gegenüber“. Das tat er auch, und also fuhr ich mit Zug drei ins Werk, wo ich schließlich fast fünfzig Minuten nach Verlassen des Hauses ankam. Zu Fuß hätte es kaum länger gedauert. Immerhin war die Bahn geheizt, auch hier das Positive sehen.

Nachmittags ging ich zu Fuß zurück. Da am Abend noch Alkoholzufuhr im Kollegenkreis bevorstand, ausnahmsweise ohne Zwischenhalt an der Glühweinbude am Rheinpavillon.

Wirklich jede Freude wollen sie uns vergällen.

Wir bleiben noch etwas beim öffentlichen Nahverkehr. Den Leserbrief der Woche schrieb Frau Dorothea G. May an den General-Anzeiger. Darin beklagt sie, dass sie am Sonntag auf dem Weg zum Gottesdienst vergeblich auf den Bus gewartet hätte, weil der seit dem Fahrplanwechsel nur noch stündlich fährt. Sie vermisse hier den „Aufschrei der Kirchen“. Gegen wen oder was soll sich der heilige Zorn richten? Vielleicht gegen das Versäumnis der Schäflein, sich über die Bus-Abfahrtzeiten zu informieren.

Samstag: Morgens wurde ich übler Knoblauch-Ausdünstungen bezichtigt, eine direkte Folge des Abteilungs-Weihnachtsessens am Vorabend in einer spanischen Gaststätte. Aufgrund einer weiteren Folge dieser Zusammenkunft verzichtete ich mittags nach den üblichen Samstagserledigungen in der menschengefüllten Innenstadt auf den Besuch der Weinbar meines Vertrauens und ging ein wenig am Rhein spazieren, wo mich der Anblick zahlreicher Wasservögel an und in den eisigen Fluten schaudern ließ. Besonders, als ein schwarzer Vogel (vielleicht ein Kormoran, ich bin ornithologisch nicht sehr bewandert), der auf dem Wasser schwamm, erst den Kopf unter Wasser steckte und kurz darauf komplett abtauchte. Für mich ein Wunder der Natur, dass die das überleben und nicht erfrieren, augenscheinlich gar so etwas wie Freude an ihrem Tun empfinden. Letzteres gilt natürlich auch außerhalb des Tierreiches – man wundert sich oft, an welchen Dingen andere Freude haben, wobei es mir fern liegt, Fußball für ein Naturwunder zu halten.

…

Gelesen: »Dabei wird gern vergessen, dass womöglich erst das Siezen einer Beleidigung eine gewisse Bedeutung geben kann. […] Es ist ein allzu schlichtes Weltbild, das sich da abzeichnet: Weil man sich duzt, haben sich alle schrecklich lieb, wird alles hierarchiefrei, vertrauter und besser«, schreibt Ulrich Bumann in seiner lesenswerten Kolumne im General-Anzeiger zum allüberall grassierenden Duz-Zwang.

Sonntag: Seltsames Vogelverhalten beobachtete ich auch während des Spazierganges in der Bonner Innenstadt, wo mehrere Möwen etwas vom Gehweg aufpickten, das sich bei näherer Betrachtung als eine gerade an Wochenenden auf innenstädischen Gehwegen nicht selten vorzufindende menschliche Hinterlassenschaft erwies, ich möchte das mit Rücksicht auf empfindsame Gemüter nicht weiter ausführen. Immerhin: In der Natur kommt nichts um.

Weiterhin ungeklärt sind Herkunft und Sinn dieser komischen Vögel, die in unterschiedlichen Größen und Farben zahlreich im Bonner Stadtgebiet vorzufinden sind.

In der Rheinaue vor Schwarzrheindorf

Dem unvergesslichen Verkehrsminister A. Scheuer (CSU) verdanken wir diese innovativen Fortbewegungsmittel, die als Teil der dringend notwendigen Verkehrswende nicht mehr wegzudenken sind.

Während der Bearbeitung vorstehender Zeilen führe ich mir mehrere Scheiben eines Marzipanbrotes zu Gemüte, das mir der Liebste mitgebracht hat. »Mindestens haltbar bis: 23.05.2023« steht auf der Verpackung. Ganz sicher nicht.

Bei Redaktionsschluss am Sonntagnachmittag lassen die Wetteraussichten für die Nacht und morgen früh Glatteis erwarten. Das wäre selbst für mich ein Grund zur Heimarbeit, auch wenn ich sie nicht mag. Geht jedoch nicht, da sich mein Rechner im Büro befindet. Ich muss also morgen ins Werk, wie auch immer. Zu Fuß und Fahrrad scheiden wohl aus, die Stadtbahn zeichnet sich in letzter Zeit durch erhebliche Unzuverlässigkeit aus. Es könnte interessant werden.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Vorweihnachtswoche. Kommen Sie nicht ins Rutschen, lassen Sie sich nicht hetzen und vergessen Sie nicht, das Unnütze vom Nützlichen zu trennen.

Woche 49/2022: Einigermaßen wunschlos glücklich

Montag: Vergangene Nacht träumte ich bunt in zahlreichen, häufig wechselnden Szenen. Wie wenn man durch die verschiedenen Fernsehsender zappt, nur eben nicht selbst sondern durch fremde Hand, man gleichsam gezappt wird. (Im Englischen bedeutet to zap übrigens abknallen oder jemandem eine vor den Latz knallen; da ich das nicht wusste, habe ich es eben kurz nachgeschaut. Weiß der Himmel, wie es dazu kam, dass dieses Wort im Deutschen für das sinnlose Durchschalten durch die Fernsehsender benutzt wird.) Eine Traumszene ist mir erinnerlich geblieben, obwohl sie vermutlich genauso wenig Sinn ergab wie die vergessenen: In einer Abteilungsbesprechung präsentierte ein junger Kollege mithilfe einer umfangreichen Powerpointpräsentation eine absolute Marginalie als die große, von ihm erdachte Innovation, wofür er von allen Anwesenden ebenso umfangreich gelobt wurde. Dass die gelobte Marginalie keineswegs neu war, wusste nur ich, behielt es aber für mich. Nach der Besprechung nahm mich die neue Chefin, die äußerlich große Ähnlichkeit aufwies mit der amtierenden Entwicklungsministerin, deren Name mir momentan entfallen ist, beiseite und teilte mir mit, sie würde sich freuen, auch von mir mal derartiges präsentiert zu bekommen. Danach gingen wir, die Chefin und ich, durch die Fußgängerzone, bis ich sie schließlich im Gewühl verlor. Mehr weiß ich nicht mehr. Reicht auch.

Kein Traum, sondern Realität: In der Nacht hatte es geschneit. Stellenweise blieb der Schnee bis in den frühen Nachmittag liegen, was für Bonn und das südliche Rheinland ungewöhnlich ist.

Mittags bei nur kurzem Gang durch den Park

Im Büro ist es mit maximal neunzehn Grad weiterhin nicht warm, dank zusätzlicher Fleecejacke indes erträglich. Nachmittags fiel mir während der Zubereitung eines Tees ein Reim über Weihnachtsunlust ein. Leider versäumte ich es anschließend, ihn zu notieren, daher ist er mir entfallen. Sollte er mir wieder einfallen, werden Sie die ersten sein, die ihn lesen.

Abends aßen wir bei ortsüblichem Regen Brat- und Currywurst auf dem Weihnachtsmarkt. Dabei wurde mir fast mein Schlüsselbund geklaut, jedenfalls vermisste ich es auf dem Rückweg in der Jackentasche. Ich hatte es aber nur zu Hause vergessen, wo es nach Rückkehr an seinem angestammten Haken hing. Die sich bei solchen Gelegenheiten einstellende Erleichterung ist ungefähr so angenehm wie der Moment, wenn der Schmerz nachlässt, nachdem man sich den Kopf gestoßen hat. Oder eine vor den Latz geknallt bekommen hat. Oder einen Tritt in die Marginalien.

Dienstag: Nikolaustag. Ich wurde beschenkt und etwas beschämt. Seit Jahren versuche ich meine Lieben davon zu überzeugen, uns zu Weihnachten nichts mehr zu schenken, weil wir alles haben und nichts brauchen. Ich gebe zu, das ist ein wenig vorgeschoben. Die Wahrheit ist: Mir fehlen die Ideen und ich bin etwas bequem, darüber nachzudenken, a) was ich schenken kann, worüber sie sich wirklich freuen, also keine Unterhosen oder Staubsaugerbeutel, und b) was ich mir selbst wünschen soll; in materieller Hinsicht und auch sonst bin ich einigermaßen wunschlos glücklich. Heute früh nun bog sich die Küchentischplatte fast vor Nikolausgaben, wohingegen ich mit leeren Händen auftrat. Ohne jede Frage freue ich mich über jedes einzelne davon, und doch frage ich mich: Wohin soll das führen? Ich habe mit jedenfalls fest vorgenommen, nicht einzusteigen in dieses Geschenkewettrüsten. Daher, meine Lieben, erwartet bitte auch im kommenden Jahr von mir nichts zu Nikolaus, bitte nehmt es mir nicht übel. Ich mag euch auch ohne Geschenke. Sehr sogar. Mal mehr, mal noch mehr; und nur ganz selten etwas weniger.

Der heutige Inhalt des Werks-Adventskalenders. Wenig überraschend, jedoch nicht zu beanstanden. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist er längst entkleidet und verzehrt.

Durch ein von mir geschätztes und regelmäßig gelesenes Blog wurde ich aufmerksam auf einen anderen Blogtext, den ich heute mit Interesse und gelegentlichem Kopfnicken las. Bis zu dieser Stelle: »… noch vor wenigen Jahren wären weite Teile der Bevölkerung fein damit gewesen, …« – Ab „fein … gewesen“ musste ich die Lektüre leider abbrechen. Schade.

Schon wieder las ich entgegen jeder Gewohnheit im Sportteil der Zeitung und fand dieses:

(General-Anzeiger Bonn)

Mittwoch: Zu den Unarten der Bürokommunikation zähle ich, mir einen langen Mailverlauf weiterzuleiten mit der lapidaren Frage, ob ich helfen könnte, voraussetzend, ich würde mir den ganzen Verlauf durchlesen, um zu verstehen, um was es überhaupt geht, anstatt das Anliegen kurz zusammenzufassen. Weiterhin schätze ich es nicht, das erwähnte ich schon, wenn man mich spontan und unvorbereitet in eine Teams-Besprechung hineinzieht und ebenso spontan von mir eine fundierte Auskunft erwartet.

Beides widerfuhr mir heute Morgen bereits vor neun Uhr, also zu einer Zeit, in der meine Bereitschaft zu verbaler Kommunikation gering ist. Im ersten Fall schrieb ich ebenso lapidar zurück „Um was geht es?“, woraufhin die Fragestellerin umgehend anrief und mir erklärte, das stünde doch weiter unten. Nach einer angemessenen Unmutsäußerung meinerseits konnte ich dann, um Freundlichkeit bemüht, helfen. Spontane Besprechungsnötigungen hingegen ignoriere ich grundsätzlich, es sei denn, es ist der Chef oder es könnte wichtig sein, wobei Chefanliegen selbstverständlich immer wichtig sind. Heute vermutete ich aufgrund aktueller Ereignisse Wichtigkeit und nahm das Gespräch an. Es stellte sich dann als völlig unwichtig und durch einfache Weiterleitung einer (kurzen) Mail wesentlich effizienter zu lösen heraus, was mich zu einer weiteren Unmutsäußerung veranlasste.

Nachmittags nahm ich an einem Workshop mit persönlicher Anwesenheit teil. Weitere Teilnehmer waren unter anderen ein Lead Solution Engineer, ein Senior Solution Consultant und eine Senior Strategic Account Executive, deren Wortschatz ebenfalls jede Menge bedeutend scheinender englischer Begriffe enthielt. Meine tiefe Abneigung gegen Gruppenarbeit, die ich schon seit der Schulzeit hege, wurde erneut bestätigt. Auch hierüber äußerte ich in der abschließenden Feedback-Runde mein Missfallen.

Dass ich auf der Rückfahrt vom Werk mit dem Fahrrad nass geregnet wurde, wirkte sich indessen kaum negativ auf das Wohlbefinden aus. Spätestens als zum Abendessen Glühwein gereicht wurde war aller Unmut verflogen.

Donnerstag: Bei WordPress, dem Vermieter dieses Blogs, gibt es etwas Neues. Vielleicht ist es auch gar nicht neu, jedenfalls ist es mir erst kürzlich aufgefallen: Eine Frage des Tages, hier „Daily Prompt“ genannt. Das finde ich gut, gerade für Tage, an denen mir nichts einfällt. Die heutige Frage lautet: »Siehst du manchmal wildlebende Tiere?« Ja, natürlich, in des Wortes wahrster Bedeutung. Heute früh auf dem Weg ins Werk wieder. Wobei, da es noch dunkel war, hörte ich sie mehr: Durcheinander keckernde Raben oder Krähen oder beides in den Baumwipfeln gegenüber am Beueler Rheinufer. Immer wieder flogen sie in Formationen über den Fluss und ließen sich im nächsten Baum nieder, wo sie weiter keckerten und krähten. Das war ganz schön wild. Wie schon berichtet sehe ich regelmäßig vom Büro aus Halsbandsittiche und Eichhörnchen, mittags im Park Wildgänse und ab und zu ein Nutria. Wilder wird es selten.

»Post erwägt Zwei-Klassen-Gesellschaft« übertitelt die Zeitung einen kurzen Artikel über die Erwägungen der Post, künftig neben Briefen, die am nächsten Tag ankommen sollen (ja ja ich weiß), solche anzubieten, die gegen ein geringeres Entgelt etwas später im heimischen Briefschlitz landen dürfen; also nichts, was im Zeitalter der überwiegend elektronischen Kommunikation noch Empörung hervorrufen oder gar zu einer gesellschaftlichen Zweiteilung führen sollte. Wieder einmal frage ich mich, was die Journalisten-Azubis heute beigebracht bekommen.

Eine Anzeige für den verkaufsoffenen Sonntag in Bonn ist überschrieben mit »Stöbern, shoppen und schlemmen«, drei Wörter, gegen die ich eine unerklärliche Abneigung hege. „Schlendern“ und „(Eis) schlecken“ fallen auch in diese Kategorie. Schlafen hingegen nicht, und so verabschiede ich mich für heute ins Bett.

Freitag: „Mutti, Mutti, er hat gar nicht gebohrt“ lautete die Kernaussage einer Fernsehreklame für ein Zahnpflegeprodukt in den Siebzigern, die mir erinnerlich geblieben ist. Ob man in fünfzig Jahren noch eine Werbung für ein Mittel gegen Reizüberflutung im Gedärm zitieren wird, darf bezweifelt werden. Nur die Seitenbacher-Reklame wird die Menschen voraussichtlich auch in hundert Jahren noch terrorisieren, vorausgesetzt, es gibt dann noch Reklame und Zielgruppen. Wie kam ich jetzt darauf: Auch mein Zahnarzt hat heute Morgen nicht gebohrt, nur gereinigt und poliert. Somit ist das Kauwerkzeug für die Weihnachtstage gerüstet.

Aus hier nicht näher dargelegten Gründen schaute ich nach Rückkehr aus dem Werk nach Hotels in der näheren Umgebung, verwarf den zugrunde liegenden Gedanken jedoch auf unbestimmte Zeit.

Abends waren wir im Malente-Theater am neuen Standort in Pützchen. Wie immer haben wir gelacht, etwa über dieses: Was steht auf dem Grabstein eines Bäckers? Der Ofen ist aus. Am Ende sangen wir gemeinsam „Last Christmas“. Ein Besuch ist dennoch sehr zu empfehlen.

Samstag: Vor ein oder zwei Wochen berichtete die Tageszeitung über ein Gänseessen, das ein Bonner Karnevalsverein, soweit ich mich erinnere die Beueler Stadtsoldaten, für Obdachlose veranstaltet hatte. Während ich einmal mehr die Frage stelle, warum in einem Land wie unserem überhaupt Menschen auf der Straße leben müssen, äußert sich Frau Dr. Angelika B. hierzu in einem wirklich dummen Leserbrief an den General-Anzeiger, der nach Ausführungen über Gänsewohl und -herkunft so endet: »Ein Festessen auf pflanzlicher Basis könnte für alle – auch für Bonner ohne Zuhause – ein Leckerbissen sein. Vielleicht im nächsten Jahr, der Umwelt und den Gänsen zuliebe.«

Es müssen nicht immer Katzenbabys sein – gesehen heute in einem Tierbedarfshandel in der Bonner Nordstadt

Sonntag: An einem Garagentor sah ich beim Spaziergang einen freundlichen Hinweis an den Nutzer der Remise:

Bemerkenswert daran ist, der Zettel klebte auch schon vor zwei Wochen, als ich dort lang ging. Entweder hat der Adressat die Garage länger nicht benutzt, oder er verfügt über eine beneidenswerte Dickfälligkeit.

***

Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 48/2022: Kulturelle Aneignung, katarische Bademäntel, korrekte Mülltrennung und hochgezogene Buntsocken

Montag: Regen ließ mich am Morgen statt des Fahrrades die Bahn zur Anfahrt ins Werk nutzen, das mache ich seit Seuchenausbruch kaum noch. Nicht, weil ich immer noch fürchtete, mich darin zu infizieren, vielmehr weil ich es zu Rad oder Fuß einfach als viel angenehmer empfinde, trotz zunehmend egoistisch und rücksichtslos agierender Verkehrsteilnehmer, dafür mit Bewegung und ohne Fremdgeschwätz und -gerüche. Da der Regen zum nicht allzu späten Feierabend nachgelassen hatte, ging ich zu Fuß nach Hause, heute ausnahmsweise ohne innere Wärmung durch Rast an der Glühweinbude.

Bleiben wir noch ein wenig bei Innenwärmung: »Die Fußbodenheizung ist der Tod für den Baum«, wird ein Weihnachtsbaumverkäufer in der Zeitung zitiert. Das finde ich bemerkenswert, ging ich doch bis heute davon aus, der Tanne Tod sei Folge der gewaltsamen Trennung von Stamm und Wurzel.

Mittags hörte ich die Bezeichnung „Deppenzepter“ für Selfiestange. Sie kennen das vermutlich längst, ich hörte es heute zum ersten Mal und lachte sehr. An einem Montag auch nicht selbstverständlich.

Für Ende November keineswegs selbstverständlich: Ich habe schon recht konkrete Geschenkideen, sonst bin ich nicht gut im Erdenken von Geschenken. (Beim Duden auf Twitter las ich das schöne Wort „poetisieren“, es bedeutet: etwas dichterisch erfassen und durchdringen.) Was soll es – in einem Monat ist Weihnachten überstanden, alle Schenk- und Besuchspflichten erfüllt. Darauf freue ich mich sehr.

Dienstag: Da mich Fußball nicht interessiert, ich erwähnte es, schaue ich mir kein Spiel an. Auch den Sportteil der Zeitung überblättere ich regelmäßig ungelesen. So war es Zufall, der dort mein müdes Auge an einem Artikel über das WM-Spiel Deutschland gegen Spanien vergangenen Sonntag verweilen ließ. Darin wird berichtet über einen gewissen Sandro Wagner, der sich als Kommentator für das ZDF betätigte und dabei wohl die weißwallenden Kutten der einheimischen männlichen Zuschauer als „katarische Bademäntel“ bezeichnete, was sogleich zu Aufruhr in den elektrischen Hetzwerken führte und das ZDF-Sportstudio zur Ankündigung „Wir werden das besprechen“ veranlasste. Herr Wagner zeigte sich unterdessen reuig. Warum eigentlich? Die Welt ist wirklich sehr humorlos geworden.

Einen sehr speziellen Humor zeigt die Deutsche Bahn, die seit sechs Jahren an einer S-Bahn-Verbindung von Köln nach Bonn-Oberkassel baut. Wie erst jetzt bemerkt wurde, vergaß man bei der Planung offenbar eine Brücke in Troisdorf, die für die Einfädelung der neuen Verbindung benötigt wird. Dadurch wird die künftige S 13, deren Baukosten von den ursprünglich veranschlagten fünfhundert auf mindestens siebenhundertfünfzig Millionen Euro ansteigen wird, nach Fertigstellung nur zwischen Troisdorf und Oberkassel pendeln. Wer also mit der S 13 von Bonn rechtsrheinisch zum Flughafen fahren möchte, muss in Troisdorf umsteigen. So lange, bis die fehlende Brücke geplant und gebaut wurde. Da wir uns in Deutschland befinden und man nie weiß, welche seltenen Lurche, Insekten oder Vögel dadurch gestört werden, kann das ziemlich lange dauern. (Man könnte allerdings auch bereits heute umsteigefrei mit der RB 27 fahren.)

Gelesen hier: »Der Mensch ist mitnichten seinem Mitmenschen ein Wolf — er ist ihm vielmehr ein Huhn: Immer wenn einer sich mal konzentrieren will, läuft ihm ein anderer laut gackernd um den Tisch!« – Kenne ich. Jeden Abend, wenn ich ermattet nach Heimkehr aus dem Werk in Ruhe die Zeitung und Blogs lesen will.

Mittwoch: Aus einem Präsentationstitel: »Verbesserung Usability und Enabler für neue Zielgruppen und Use-Cases« – Ein weiterer Grund, weshalb ich mein Gehalt manchmal auch ein wenig als Schmerzensgeld verstehe. Das gilt auch und besonders für das an Dümmlichkeit kaum zu überbietende Wort „cherrygepickt“, gehört in einer Besprechung am Nachmittag.

Mittags im Rheinauenpark

Immer mehr Führungskräfte unseres Unternehmens gefallen sich darin, Jacken aus dem Sortiment der Unternehmenskleidung zu tragen, die eigentlich vorgesehen ist für die Außendienstmitarbeiter, die täglich an der Front bei den Kunden die teils übertriebenen Gehälter der Chefs erwirtschaften. (Ja ich weiß, meins auch.) Kulturelle Aneignung ohne Empörungspotential.

Donnerstag: Kalter Wind aus Nordost ließ mich auf dem Weg ins Werk und zurück einen kühlen Kopf bewahren. Auch wenn das allgemein als durchaus schicklich gilt, holte ich abends die Mütze aus dem Schrank.

Am frühen Abend fuhren zahlreiche Autos wild hupend durch die Innenstadt. Entweder Teilnehmer einer etwas überdimensionierten türkischen Hochzeit oder irgendwer hat beim Fußball gewonnen, was weiß ich.

Später gewann die deutsche Mannschaft das Spiel und war dennoch raus. Würde ich mich für Fußball interessieren, fände ich das empörend.

Freitag: Morgens im Bad äußerte ich mich in unangemessenem Ton. Das tut mir leid, ich bitte den derart Angesprochenen um Verzeihung. Zu meiner Entlastung führe ich an, es macht mich aggressiv, wenn einer, während ich mir die Zähne putze, obwohl wir über ein zweites WC verfügen, reinkommt, sich hinsetzt und … genug. Da fallen schon mal Wörter, die bei Tisch oder in Besprechungen nur sehr selten fallen.

Während der Fahrt mit dem Rad ins Werk war es kalt, doch kam es mir bei weitem nicht so kalt vor wie aufgrund der Wettervorhersage befürchtet. Mittags auf dem Weg zur Kantine fror ich mehr, obwohl es bis dahin nicht kälter geworden war und das Büro alles andere als überheizt ist. Abend auf der Rückfahrt ging es dann wieder. Um es mit Loriot auszudrücken: Offenbar stimmt mit meinem Gefühl was nicht.

Im Büro habe ich einen Adventskalender, dessen zweites Türchen ich heute öffnete. Wobei er streng genommen keine Türchen hat, sondern vierundzwanzig Pappwürfelchen mit Naschwerk darinnen, das nur am Rande. Ich habe diesen Kalender nicht, weil ich Adventskalender auch für Überfünfzigjährige für notwendig erachtete, vielmehr bekam ich ihn geschenkt, und einem geschenkten Kalender schaut man nicht ins … ich kann mir gerade keinen Reim machen. „Gender“ ergibt keinen Sinn, weder hier noch sonst; das ist ein anderes Thema, ich schweife ab. Die Frage ist: Darf man die Samstags- und Sonntagstürchen beziehungsweise -würfelchen bereits am Freitag öffnen oder erst am Montag? Womöglich bringt der vorzeitige Verzehr Unglück, so wie man ja auch nicht jemandem vor dem Geburtstag gratulieren soll. Oder über Kreuz Hände schütteln, wobei man Händeschütteln ohnehin vermeiden sollte, und das nicht nur zur Virenzeit.

Aus den heute-Nachrichten: Deutschland jammert, weil es keine „Fußballnation“ mehr ist. An der Zugspitze beginnt die Skisaison mit zusammengekratztem Schnee aus dem Vorjahr. Der Bundestag debattiert über die Bestrafung der Klimaaktivisten anstatt deren Anliegen. – Irgendwas läuft schief.

Abends gehört & notiert: „Sind dreihundert Milliliter Wasser dreihundert Gramm?“ – „Ja.“ – „Faszinierend.“

Samstag: Mülltrennung halte ich für sinnvoll und notwendig. Doch gibt es nichts, was sich nicht übertreiben ließe:

Gesehen an einer Essigessenzflasche

In welche Tonne gehören die getrennten Bestandteile jeweils, allesamt aus Kunststoff? Man mag sich fragen: Wer macht sich diese Mühe? Wie kompliziert korrekte Mülltrennung ist, sah ich heute Mittag, als ich Altglas entsorgte, selbstverständlich ordnungsgemäß nach Braun-, Grün- und Weißglas getrennt, was bei manchen Weinflaschen nicht ganz so eindeutig ist, deren Glas ein grün-braunes Grau mit einem Stich ins Ockerbeige aufweist. (Macht man das in anderen Ländern auch? In Frankreich nicht, wie ich aus eigener Erfahrung weiß, dort gibt es erst seit wenigen Jahren überhaupt Altglascontainer, allerdings ohne Farbtrennung.) Vor dem Grünglascontainer stand eine Flasche aus blauem Glas, was deren Vorbesitzer mangels entsprechender Einwurfmöglichkeit offenbar überfordert hatte. Der trennt vielleicht auch Flasche, Deckel und Etikett und legt sie dann vor die gelbe Tonne.

Nachmittags sah ich einen Wagen der Firma Rohrmann, deren Geschäftszweck die Reinigung von Leitungen ist, wie der Beschriftung des Wagens zu entnehmen war. Welchem Gewerbe sie wohl nachgingen, wenn sie Hamacher* hießen? Vielleicht irgendwas mit Humor beziehungsweise Comedy.

*Liebe M., bitte verzeih mir, dieses eine Mal noch.

Sonntag: Seit Tagen, wenn nicht bereits Wochen lag ein nervstrapazierender Piepton über der Inneren Nordstadt. Nicht so ein „Pip-pip-pip“ wie ein Feuermelder oder ein fertigmeldendes Haushaltsgerät, sondern ein etwas tieferer Dauerton. Zwischendurch brach er immer wieder mal für Stunden oder nur Minuten ab, doch kehrte er stets verlässlich zurück und vergällte den Schlaf bei gekipptem Fenster. Weder die Ursache noch die räumliche Herkunft diese kollektiven Tinnitus konnten ermittelt werden. Seit gestern ist er verschwunden, nachts liegt wieder Stille über der Siedlung, abgesehen von den üblichen und unvermeidlichen Geräuschen, die eine Innenstadt so macht, auch nachts.

Heute wurde es nicht richtig hell. Beim Spaziergang zog Kälte durch die leichten Wollhandschuhe und ließ mich frösteln, dabei waren die Pfützen noch nicht einmal eisbekrustet und der Windsack am Freibad hing schlaf herab. Noch mehr fröstelte ich beim Anblick des Radfahrers, der auf der Nordbrücke in kurzen Hosen an mir vorbeifuhr, immerhin mit hochgezogenen Buntsocken.

Auf der anderen Rheinseite war es auch nicht heller:

Die Auen vor Schwarzrheindorf

Gesträuch bei Beuel

Nur am Beueler Ufer ein Leuchten

***

Kommen Sie gut durch eine Woche voller innerer Wärme.

Woche 47/2022: Mopsfilet im Blätterteigmantel

Montag: Der Werktag begann mit einer Besprechung bereits um acht Uhr und endete mit einer solchen, die bis fast siebzehn Uhr ging. Daran gemessen war die Tageslaune erstaunlich gut.

Für die zahlreichen Rückmeldungen auf meine Betrachtungen der vergangenen Woche danke ich sehr. Wie ich von Frau Christine erfuhr, ist meine geschilderte Abneigung gegen Koriander genetisch bedingt, das war mir bislang nicht bekannt. Für die einen schmeckt er (mutmaßlich) nach Seife, für andere ganz passabel. So ähnlich wie die Sache mit der Spargelpipi, also nicht der Geschmack (das vielleicht auch, bei sehr speziellen Vorlieben, ich möchte das nicht weiter vertiefen), sondern der Geruch, der nur bei bestimmter genetischer Veranlagung der Produzenten entsteht. Oder wahrgenommen wird – wie auch immer.

Gänzlich unbekannt war mir bis heute auch der Name Amalberg, dessen Träger laut Zeitung heute Namenstag haben. Wie immer bin ich zu bequem, zu recherchieren, ob so wirklich jemand heißt, und warum. Klar, weil die Eltern das dem Standesbeamten in die Urkunde diktiert haben. Aber wie kamen sie darauf?

Seit jeher, nicht nur zu Zeiten irgendwelcher Meisterschaften und Ligen, graust es mich, wenn in geschäftlichen Zusammenhängen jemand sagt „Das ist wie beim Fußball“ und dann einen albernen Vergleich zum gerade behandelten Thema zieht. Nicht nur mich:

(Bitte klicken Sie auf das Bild, weiter unten kommt noch was.)

Im Übrigen nahm die Telekom heute die letzten Münzfernsprecher außer Betrieb, womit ein weiteres schönes deutsches Wort demnächst nur noch im Lexikon der ausgestorbenen Wörter zu besichtigen ist. Außerdem ist heute Tag des Fernsehens, hörte ich gerade im Radio. Auch das noch.

Dienstag: Morgens ging ich zu Fuß ins Werk. Beim Gehen kann ich wunderbar über verschiedenes nachdenken. Heute dachte nicht besonders intensiv nach, da es nichts Spezielles zu bedenken gab. Stattdessen erfreute ich mich an dem durchaus angenehmen Ohrwurm, der beim Wecken aus dem Radio in mein Hirn gekrochen war.

Die Flecken sind übrigens keine Verunreinigung des Bildes, was nach Ablösung von Dias durch Digitalbilder ohnehin nur noch selten vorkommt, sondern Kondensstreifen (Mitte) und Vögel (rechts)

Der Rückweg führt am Mutterhaus vorbei durch den nördlichen Ausläufer des Rheinauenparks, ehe man an den Rhein gelangt. Dort, in dem Parkausläufer, ging abends eine Frau einige Meter vor mir her. Hinter einer Wegabzweigung, an der ich rechts abbog zum Rheinufer, sie indes geradeaus weiter gegangen war, blieb sie plötzlich stehen und führte einige Schritte aus, die an Stepptanz erinnerten, freilich ohne das typische Klackediklackediklack, vielmehr ein Scharredischarredischarr, da sie die Tanzschritte auf Kiessand statt auf Parkett vollzog. Vielleicht kam sie gerade von einem Tanzkurs und wollte das soeben Erlernte noch einmal kurz vertiefen. Augenscheinlich hatte sie mich hinter sich nicht bemerkt; wenn man sich unbeobachtet fühlt, tut man ja manchmal merkwürdige Dinge, ich kenne das von mir selbst, ohne das weiter ausführen zu wollen.

Am Rheinufer kam mir ein jüngeres gemischtes Paar eingehakt entgegen. Wenige Meter vor unserer Begegnung griff sie an die ihr abgewandte Wange ihres Begleiters und zog sein Gesicht zu sich hin, um einen Kuss anzufordern und zu bekommen, keinen langen Knutscher Jungverliebter, sondern einen kurzen Wegekuss. Als wollte sie signalisieren, dass sie bereits vergeben ist. Vielleicht hatte sie mich auch durchschaut und wollte mir zu verstehen geben, dass er vergeben ist. Die Welt ist voller Missgunst.

Mir selbst gönnte ich am Rheinpavillon einen Glühwein mit Amaretto, heute in weiß; dazu wurden Spekulatius gereicht.

…

Im Zwiebelblog las ich erstmals das herrliche Wort „Wortkörperschonung“. Es bezeichnet übrigens nicht eine Ansammlung in Reihe gepflanzter Wortstämmchen, auf dass sie dereinst zu langen Wörtern und ganzen Sätzen heranwachsen.

Mittwoch: In der Zeitung las ich erstmals das Wort Absentismus. Im Netzduden steht als Bedeutung, nachdem man sich der Werbung erwehrt hat: »gewohnheitsmäßiges Fernbleiben vom Arbeitsplatz«. Somit etwas, das als mittelfristiges Lebensziel erstrebenswert erscheint.

Klaus S. aus St. S. nimmt in einem Leserbrief an den Bonner General-Anzeiger daran Anstoß, als Nutzer der öffentlichen Verkehrsmittel nicht mehr als Fahrgast bezeichnet zu werden, sondern als Mitfahrender. »Bin ich als Restaurantgast denn heutzutage auch ein Mitesser?« fragt er am Ende. Nein, lieber Herr S., Mitessender.

Als Fahrradfahrender wurde ich abends auf der Rückfahrt vom Werk nass geregnet, woran ich indes keinen Anstoß nehme. Als praktizierender Absentist wäre mir das nicht passiert.

Am Montag der 42. Woche berichtete ich über die obsolete Operation am rechten Ellenbogen, weil mein Körper die Sache in der Zwischenzeit selbst erledigt hatte. Hierüber erhielt ich heute eine Rechnung der Chirurgischen Praxis über 17,70 Euro. Für knapp zehn Sekunden Anschauen und die Anmerkung „Da haben Sie Glück gehabt“ recht ordentlich.

Donnerstag: Der Radiosender WDR 4 rief heute auf zum „FEIER-DEIN-EINZIGARTIGES-TALENT-TAG“. (Ja, da fehlt ein E, ist mir auch aufgefallen, aber so steht es auf deren Internetseite.) Hörer sollten sich melden und erzählen, was sie besonders gut können. Während des Fußweges ins Werk dachte ich darüber nach, wegen was ich dort anrufen könnte, wenn mir derlei Rundfunkgeschwätz fremder Leute nicht grundsätzlich zuwider wäre. Das Ergebnis meiner Überlegungen war ernüchternd, mir fiel nichts ein. Es mag ein paar Dinge geben, die ich ganz gut kann, etwa Rechtschreibung einschließlich korrekter Verwendung von -s, -ss und -ß, mir per Mnemotechnik meine Kreditkartennummer merken oder den Zauberwürfel entzaubern; auch in beruflicher Hinsicht zeigten sich meine Chefs bislang zufrieden mit meinen Leistungen. Doch findet sich nichts darunter, das besonders hervorsticht, eher ist in allem, was ich tue, Mittelmaß meine Richtschnur. Sollte ich indessen meine Inkompetenzen aufzählen, fiele mir spontan vieles ein, zum Beispiel Autofahren, Trompete spielen oder Kinder hüten. Daher hat dieser Talentfeiertag für mich eine Relevanz wie Mariä Lichtmess oder Bundesligafinale.

Morgens gesehen an einem städtischen Laubsammelwagen

„Wir hatten einen smoothen Hochlauf“ hörte ich in einer Besprechung und nahm es auf in die Liste, die bei der Gelegenheit aktualisiert wurde und mittlerweile über fünfhundert Einträge enthält. Vielleicht zählt das auch als Talent.

Freitag: „Wie gehts dir“, wurde ich gefragt. Nun: Während andere vor Hunger und Kummer nicht in den Schlaf kommen, ist an manchen Tagen meine größte Sorge, was ich heute ins Blog schreiben soll. Ich glaube, es geht mir ganz gut.

Auf dem Bonner Weihnachtsmarkt gibt es jetzt eine Hundebäckerei. Liebhaber von Mopsfilet im Blätterteigmantel muss ich allerdings enttäuschen: Es ist nur Gebäck für des Menschen besten Freund im Angebot. Vielleicht Pansenplätzchen, ich habe mangels Haustier nicht genauer geschaut.

Samstag: Wie die Zeitung mehrspaltig berichtet, ist man in Wachtberg-Ließem empört, weil auf einem Straßenabschnitt wegen Asphaltmängeln die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf dreißig Stundenkilometer reduziert wurde und die Polizei deren Einhaltung zu allem Übel nun auch noch kontrolliert hat, wobei jeder fünfte Wagen zu schnell fuhr. Der Ließemer Ortsvorsteher zeigt sich befremdet: Zahlreiche „abgezockte“ Bürger hätten sich bereits bei ihm gemeldet und „absolutes Unverständnis für die Maßnahme“ geäußert. Nicht empörend, vielmehr verwunderlich finde ich, wie breit die Zeitung darüber berichtet und dabei gewisses Verständnis für die Zuschnellfahrer durchklingen lässt. Der Artikel endet mit dem Satz »Das städtische Presseamt beantwortete am Freitag eine Anfrage zur Ließemer Straße bis Redaktionsschluss nicht.« Warum sollte es auch.

Sonntag: Wieder eine Woche beendet ohne nennenswerte Imponderabilien.

Beendet habe ich auch die Lektüre des Buchs „Von der Nutzlosigkeit erwachsen zu werden“ von Georg Heinzen und Uwe Koch aus dem Jahre 1985, das ich vor längerer Zeit einem öffentlichen Bücherschrank entnahm. Dabei handelt es sich nicht um einen Ratgeber im Sinne von „Auch im fortgeschrittenen Alter jung bleiben“, vielmehr ist es ein Roman und beginnt so:

»Ich bin nicht Lokomotivführer geworden. Alles ist anders gekommen, als ich gedacht habe. Ich bin auch nicht Präsident geworden oder Urwalddoktor, nicht einmal Studienrat. Eigentlich bin ich gar nichts geworden.

Ich bin nicht Vater, nicht Ehemann, nicht ADAC-Mitglied. Ich habe keinen festen Beruf und kein richtiges Hobby. Mir fehlt alles, was einen Erwachsenen ausmacht, die Aufgaben, die Pflichten, die Belohnungen. Ich bin kein Vorgesetzter und keine Autoritätsperson, ich habe keinen Dispositionskredit und trage keinerlei Unterhaltslasten, außer für mich selbst.«

Nach längerer Zeit mal wieder ein Buch, bei dem ich bedauerte, dass es zu Ende war. Es kommt vorläufig nicht zurück in den öffentlichen Bücherschrank.

***

Kommen Sie gut durch die neue Woche, auch wenn die deutsche Mannschaft bei der Fußballweltmeisterschaft ausgeschieden ist. (Zum Zeitpunkt dieser Niederschrift, 17:30 Uhr, steht das Spiel noch bevor. Ich werde es mir nicht anschauen, so wie ich mir niemals Fußballspiele anschaue, egal wo und warum sie stattfinden, weil mich Fußball nicht interessiert. Das soll mich nicht daran hindern, einen Tipp abzugeben.)