Woche 49/2022: Einigermaßen wunschlos glücklich

Montag: Vergangene Nacht träumte ich bunt in zahlreichen, häufig wechselnden Szenen. Wie wenn man durch die verschiedenen Fernsehsender zappt, nur eben nicht selbst sondern durch fremde Hand, man gleichsam gezappt wird. (Im Englischen bedeutet to zap übrigens abknallen oder jemandem eine vor den Latz knallen; da ich das nicht wusste, habe ich es eben kurz nachgeschaut. Weiß der Himmel, wie es dazu kam, dass dieses Wort im Deutschen für das sinnlose Durchschalten durch die Fernsehsender benutzt wird.) Eine Traumszene ist mir erinnerlich geblieben, obwohl sie vermutlich genauso wenig Sinn ergab wie die vergessenen: In einer Abteilungsbesprechung präsentierte ein junger Kollege mithilfe einer umfangreichen Powerpointpräsentation eine absolute Marginalie als die große, von ihm erdachte Innovation, wofür er von allen Anwesenden ebenso umfangreich gelobt wurde. Dass die gelobte Marginalie keineswegs neu war, wusste nur ich, behielt es aber für mich. Nach der Besprechung nahm mich die neue Chefin, die äußerlich große Ähnlichkeit aufwies mit der amtierenden Entwicklungsministerin, deren Name mir momentan entfallen ist, beiseite und teilte mir mit, sie würde sich freuen, auch von mir mal derartiges präsentiert zu bekommen. Danach gingen wir, die Chefin und ich, durch die Fußgängerzone, bis ich sie schließlich im Gewühl verlor. Mehr weiß ich nicht mehr. Reicht auch.

Kein Traum, sondern Realität: In der Nacht hatte es geschneit. Stellenweise blieb der Schnee bis in den frühen Nachmittag liegen, was für Bonn und das südliche Rheinland ungewöhnlich ist.

Mittags bei nur kurzem Gang durch den Park

Im Büro ist es mit maximal neunzehn Grad weiterhin nicht warm, dank zusätzlicher Fleecejacke indes erträglich. Nachmittags fiel mir während der Zubereitung eines Tees ein Reim über Weihnachtsunlust ein. Leider versäumte ich es anschließend, ihn zu notieren, daher ist er mir entfallen. Sollte er mir wieder einfallen, werden Sie die ersten sein, die ihn lesen.

Abends aßen wir bei ortsüblichem Regen Brat- und Currywurst auf dem Weihnachtsmarkt. Dabei wurde mir fast mein Schlüsselbund geklaut, jedenfalls vermisste ich es auf dem Rückweg in der Jackentasche. Ich hatte es aber nur zu Hause vergessen, wo es nach Rückkehr an seinem angestammten Haken hing. Die sich bei solchen Gelegenheiten einstellende Erleichterung ist ungefähr so angenehm wie der Moment, wenn der Schmerz nachlässt, nachdem man sich den Kopf gestoßen hat. Oder eine vor den Latz geknallt bekommen hat. Oder einen Tritt in die Marginalien.

Dienstag: Nikolaustag. Ich wurde beschenkt und etwas beschämt. Seit Jahren versuche ich meine Lieben davon zu überzeugen, uns zu Weihnachten nichts mehr zu schenken, weil wir alles haben und nichts brauchen. Ich gebe zu, das ist ein wenig vorgeschoben. Die Wahrheit ist: Mir fehlen die Ideen und ich bin etwas bequem, darüber nachzudenken, a) was ich schenken kann, worüber sie sich wirklich freuen, also keine Unterhosen oder Staubsaugerbeutel, und b) was ich mir selbst wünschen soll; in materieller Hinsicht und auch sonst bin ich einigermaßen wunschlos glücklich. Heute früh nun bog sich die Küchentischplatte fast vor Nikolausgaben, wohingegen ich mit leeren Händen auftrat. Ohne jede Frage freue ich mich über jedes einzelne davon, und doch frage ich mich: Wohin soll das führen? Ich habe mit jedenfalls fest vorgenommen, nicht einzusteigen in dieses Geschenkewettrüsten. Daher, meine Lieben, erwartet bitte auch im kommenden Jahr von mir nichts zu Nikolaus, bitte nehmt es mir nicht übel. Ich mag euch auch ohne Geschenke. Sehr sogar. Mal mehr, mal noch mehr; und nur ganz selten etwas weniger.

Der heutige Inhalt des Werks-Adventskalenders. Wenig überraschend, jedoch nicht zu beanstanden. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ist er längst entkleidet und verzehrt.

Durch ein von mir geschätztes und regelmäßig gelesenes Blog wurde ich aufmerksam auf einen anderen Blogtext, den ich heute mit Interesse und gelegentlichem Kopfnicken las. Bis zu dieser Stelle: »… noch vor wenigen Jahren wären weite Teile der Bevölkerung fein damit gewesen, …« – Ab „fein … gewesen“ musste ich die Lektüre leider abbrechen. Schade.

Schon wieder las ich entgegen jeder Gewohnheit im Sportteil der Zeitung und fand dieses:

(General-Anzeiger Bonn)

Mittwoch: Zu den Unarten der Bürokommunikation zähle ich, mir einen langen Mailverlauf weiterzuleiten mit der lapidaren Frage, ob ich helfen könnte, voraussetzend, ich würde mir den ganzen Verlauf durchlesen, um zu verstehen, um was es überhaupt geht, anstatt das Anliegen kurz zusammenzufassen. Weiterhin schätze ich es nicht, das erwähnte ich schon, wenn man mich spontan und unvorbereitet in eine Teams-Besprechung hineinzieht und ebenso spontan von mir eine fundierte Auskunft erwartet.

Beides widerfuhr mir heute Morgen bereits vor neun Uhr, also zu einer Zeit, in der meine Bereitschaft zu verbaler Kommunikation gering ist. Im ersten Fall schrieb ich ebenso lapidar zurück „Um was geht es?“, woraufhin die Fragestellerin umgehend anrief und mir erklärte, das stünde doch weiter unten. Nach einer angemessenen Unmutsäußerung meinerseits konnte ich dann, um Freundlichkeit bemüht, helfen. Spontane Besprechungsnötigungen hingegen ignoriere ich grundsätzlich, es sei denn, es ist der Chef oder es könnte wichtig sein, wobei Chefanliegen selbstverständlich immer wichtig sind. Heute vermutete ich aufgrund aktueller Ereignisse Wichtigkeit und nahm das Gespräch an. Es stellte sich dann als völlig unwichtig und durch einfache Weiterleitung einer (kurzen) Mail wesentlich effizienter zu lösen heraus, was mich zu einer weiteren Unmutsäußerung veranlasste.

Nachmittags nahm ich an einem Workshop mit persönlicher Anwesenheit teil. Weitere Teilnehmer waren unter anderen ein Lead Solution Engineer, ein Senior Solution Consultant und eine Senior Strategic Account Executive, deren Wortschatz ebenfalls jede Menge bedeutend scheinender englischer Begriffe enthielt. Meine tiefe Abneigung gegen Gruppenarbeit, die ich schon seit der Schulzeit hege, wurde erneut bestätigt. Auch hierüber äußerte ich in der abschließenden Feedback-Runde mein Missfallen.

Dass ich auf der Rückfahrt vom Werk mit dem Fahrrad nass geregnet wurde, wirkte sich indessen kaum negativ auf das Wohlbefinden aus. Spätestens als zum Abendessen Glühwein gereicht wurde war aller Unmut verflogen.

Donnerstag: Bei WordPress, dem Vermieter dieses Blogs, gibt es etwas Neues. Vielleicht ist es auch gar nicht neu, jedenfalls ist es mir erst kürzlich aufgefallen: Eine Frage des Tages, hier „Daily Prompt“ genannt. Das finde ich gut, gerade für Tage, an denen mir nichts einfällt. Die heutige Frage lautet: »Siehst du manchmal wildlebende Tiere?« Ja, natürlich, in des Wortes wahrster Bedeutung. Heute früh auf dem Weg ins Werk wieder. Wobei, da es noch dunkel war, hörte ich sie mehr: Durcheinander keckernde Raben oder Krähen oder beides in den Baumwipfeln gegenüber am Beueler Rheinufer. Immer wieder flogen sie in Formationen über den Fluss und ließen sich im nächsten Baum nieder, wo sie weiter keckerten und krähten. Das war ganz schön wild. Wie schon berichtet sehe ich regelmäßig vom Büro aus Halsbandsittiche und Eichhörnchen, mittags im Park Wildgänse und ab und zu ein Nutria. Wilder wird es selten.

»Post erwägt Zwei-Klassen-Gesellschaft« übertitelt die Zeitung einen kurzen Artikel über die Erwägungen der Post, künftig neben Briefen, die am nächsten Tag ankommen sollen (ja ja ich weiß), solche anzubieten, die gegen ein geringeres Entgelt etwas später im heimischen Briefschlitz landen dürfen; also nichts, was im Zeitalter der überwiegend elektronischen Kommunikation noch Empörung hervorrufen oder gar zu einer gesellschaftlichen Zweiteilung führen sollte. Wieder einmal frage ich mich, was die Journalisten-Azubis heute beigebracht bekommen.

Eine Anzeige für den verkaufsoffenen Sonntag in Bonn ist überschrieben mit »Stöbern, shoppen und schlemmen«, drei Wörter, gegen die ich eine unerklärliche Abneigung hege. „Schlendern“ und „(Eis) schlecken“ fallen auch in diese Kategorie. Schlafen hingegen nicht, und so verabschiede ich mich für heute ins Bett.

Freitag: „Mutti, Mutti, er hat gar nicht gebohrt“ lautete die Kernaussage einer Fernsehreklame für ein Zahnpflegeprodukt in den Siebzigern, die mir erinnerlich geblieben ist. Ob man in fünfzig Jahren noch eine Werbung für ein Mittel gegen Reizüberflutung im Gedärm zitieren wird, darf bezweifelt werden. Nur die Seitenbacher-Reklame wird die Menschen voraussichtlich auch in hundert Jahren noch terrorisieren, vorausgesetzt, es gibt dann noch Reklame und Zielgruppen. Wie kam ich jetzt darauf: Auch mein Zahnarzt hat heute Morgen nicht gebohrt, nur gereinigt und poliert. Somit ist das Kauwerkzeug für die Weihnachtstage gerüstet.

Aus hier nicht näher dargelegten Gründen schaute ich nach Rückkehr aus dem Werk nach Hotels in der näheren Umgebung, verwarf den zugrunde liegenden Gedanken jedoch auf unbestimmte Zeit.

Abends waren wir im Malente-Theater am neuen Standort in Pützchen. Wie immer haben wir gelacht, etwa über dieses: Was steht auf dem Grabstein eines Bäckers? Der Ofen ist aus. Am Ende sangen wir gemeinsam „Last Christmas“. Ein Besuch ist dennoch sehr zu empfehlen.

Samstag: Vor ein oder zwei Wochen berichtete die Tageszeitung über ein Gänseessen, das ein Bonner Karnevalsverein, soweit ich mich erinnere die Beueler Stadtsoldaten, für Obdachlose veranstaltet hatte. Während ich einmal mehr die Frage stelle, warum in einem Land wie unserem überhaupt Menschen auf der Straße leben müssen, äußert sich Frau Dr. Angelika B. hierzu in einem wirklich dummen Leserbrief an den General-Anzeiger, der nach Ausführungen über Gänsewohl und -herkunft so endet: »Ein Festessen auf pflanzlicher Basis könnte für alle – auch für Bonner ohne Zuhause – ein Leckerbissen sein. Vielleicht im nächsten Jahr, der Umwelt und den Gänsen zuliebe.«

Es müssen nicht immer Katzenbabys sein – gesehen heute in einem Tierbedarfshandel in der Bonner Nordstadt

Sonntag: An einem Garagentor sah ich beim Spaziergang einen freundlichen Hinweis an den Nutzer der Remise:

Bemerkenswert daran ist, der Zettel klebte auch schon vor zwei Wochen, als ich dort lang ging. Entweder hat der Adressat die Garage länger nicht benutzt, oder er verfügt über eine beneidenswerte Dickfälligkeit.

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Kommen Sie gut durch die Woche.