Woche 49/2023: Selbstbeherrschung ist und bleibt ein mühsam zu beackerndes Feld

Montag: Da ich einen Weinkarton für den Kollegen zu transportieren hatte und wegen einer ungünstigen Niederschlagsprognose für den Nachmittag entschied ich mich morgens für die Stadtbahn. Die verspätete sich aufgrund üblicher Imponderabilien, das störte mich nicht weiter. Es stand morgens kein Termin an, und das Gleitzeitkonto sollte bis zum Jahresende möglichst leer laufen.

Die jugendliche Hosenmode erfährt zurzeit einen unvorteilhaften Wandel, wie ich auch heute während der Hinfahrt wieder sah: Bevorzugte man in Jungenkreisen bislang enganliegende Beinkleider, gerne etwas kürzer mit bei jeder Witterung freiliegenden Fußfesseln, so hüllen sie sich nun zunehmend in weit geschnittene, bollerige Beinsäcke. Es ist äußerst angenehm, an derartige Trends nicht (mehr) gebunden zu sein.

Gelesen in einer internen Mitteilung über den Werksweihnachtsmarkt am kommenden Donnerstag: »Wer es lieber „flüssig“ mag, muss sich zwischen klassischem oder leckerem Apfel-Zimt-Glühwein entscheiden.«

Dienstag: Heute ist der fünfte, daher ist alles Wesentliche zum Tage bei Interesse hier nachzulesen.

Mittwoch: Deutschland ist in Aufregung wegen der Ergebnisse der jüngsten Pisa-Studie, der mittelfristige Schaden für die Wirtschaft soll mehrere Billionen Euro betragen, wie auch immer zweifellos kluge Leute das berechnet haben. Als Gründe werden ein hoher Ausländeranteil mit schlechten Deutschkenntnissen, Benachteiligung bei finanzschwachem Elternhaus und Lehrermangel vermutet. Ohne in rentnerbeiges Genörgel verfallen zu wollen: Kann es nicht auch daran liegen, dass immer mehr vor allem junge Menschen Teile ihres Hirns ins Datengerät ausgelagert haben? Vielleicht ist das nicht schlimm, weil bei den Tests Kenntnisse abgefragt wurden, die aufgrund fortschreitender Digitalisierung mittel- bis langfristig nicht mehr benötigt werden, jedenfalls nicht, solange noch Strom fließt. Rechnen? Taschenrechner-App. Schreiben? ChatGBT. Längere Texte lesen und verstehen? Zeitverschwendung.

Passend dazu erreichte mich abends eine Nachricht

Mittags nach Rückkehr aus der Kantine (heute wieder vorzüglich) tönte im Werkshof „Last Christmas“ in erheblicher Lautstärke. Gerade als mein rechter Fuß im Takt zu wippen begann, verstummte es wieder.

Donnerstag: »Ihr Paket ist da!«, verkündet ein Benachrichtigungszettel des rot-weißen Paketdienstleisters. Offen bleibt, wer mit Ihr gemeint ist, auch, wie da zu deuten ist. Hier ist es jedenfalls nicht, der unbekannte Empfänger erfährt auch nicht, wo es sich befindet und wie er dessen habhaft werden kann. Danke, DPD, für dieses nette Weihnachtsrätsel.

Der Tag endete mit einem Weihnachtsmarktbesuch und anschließendem Essen im Kollegenkreis. Mein Zurückhaltungsvorhaben bezüglich Getränkeverzehr gelang nur so halb. Selbstbeherrschung ist und bleibt ein mühsam zu beackerndes Feld.

Freitag: Erfreulicherweise lagen im Büro keine anspruchsvollen, heute dringend zu erledigenden Geschäfte an; auch der Eingang an Mails, Anrufen und sonstigen Belästigungen war gering. Daher konnte ich nach Abarbeitung einiger Dinge zeitig das Werk verlassen.

Die Gruppendruckbetankung am Vorabend zog heute eine gewisse Unpässlichkeit nach sich. Eigentlich mag ich Glühwein nicht in größeren Mengen. Doch kaum war der Becher geleert gewesen – es nützte nichts, durch langsameres Trinken eine niedrigere Frequenz anzustreben, weil der Trunk dann durch Abkühlung ungenießbar wird – schon stand der nächste auf dem Tisch. Dazu wurde später ein cremeartiger Likör mit adventlichen Aromen gereicht, vom Chef persönlich, was soll man da machen.

Danach suchten wir eine spanische Gaststätte auf. Das Essen war gut (andere würden es als „lecker“ bezeichnen), mehrere Platten und Teller mit unterschiedlichen Speisen wurden serviert, von denen sich jeder nahm, und wovon später, als alle gesättigt waren, erschreckend viel zurück ging. Anscheinend wurde für die Zubereitung in großen Mengen Knoblauch nicht der höchsten Qualitätsstufe verwendet, jedenfalls beklagten meine Lieben heute bis zum Abend entsprechende Ausdünstungen meinerseits.

Samstag: Aus einem Zeitungsbericht über Extras, die Firmen ihren Mitarbeitern zur Arbeitsluststeigerung gewähren: »Richtet ein Unternehmen einen Fitnessraum ein, kann man ihn nutzen, muss es aber natürlich nicht.« Das finde ich sehr beruhigend.

Auch gelesen und für gut befunden:

»Wer glaubt, dass sich ein vergangenes oder zukünftiges Ereignis ändern lässt, indem man sich lange genug schlecht fühlt oder Sorgen macht, der lebt auf einem anderen Stern mit anderen Gesetzen.«

William James

Gesehen:

Claudia W. und Jan-Malte L. aus B. bereiten ihre Kinder Lea-Charlotte (links) und Paula-Marie für das nächste Pisa-Debakel vor.

Sonntag: In der aktuellen Ausgabe der PSYCHOLOGIE HEUTE, die ich noch bis Juni erhalte, ehe das Abonnement endet, ein interessanter Artikel über (positive) Alleinzeit in Abgrenzung zur (negativen) Einsamkeit. Darin wird der Begriff „aloneliness“ genannt, für den es wohl keine passende deutsche Entsprechung gibt. Er bezeichnet die Unzufriedenheit, wenn man nicht genug Zeit für sich selbst zur Verfügung hat.

Bestandteil meiner persönlichen Alleinzeit ist der regelmäßige Spaziergang am Sonntag. Dieser führte mich heute bei Sonnenschein und milder Temperatur zunächst nach Bonn-Beuel, und zwar – welch Zufall – genau dorthin, wo ich eine Woche zuvor einige meiner Aufsätze einem erlesenen Publikum vortragen durfte. Im Kellergeschoss desselben Gebäudes betreibt der Modelleisenbahnclub Köln eine beeindruckende Anlage in Spur 1, die heute öffentlich zugänglich und in Betrieb zu besichtigen war.

Dieser Triebwagenzug der Baureihe 515/815 beeindruckte mich besonders

Danach ging es in einer größeren Schleife über Schwarzrheindorf (mit spontanem Besuch des örtlichen Weihnachtsmarktes), die Nordbrücke und am Rhein entlang zurück nach Hause, wo die heutige Alleinzeit endete.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

24 T – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 10

Vorbemerkung: Vor einigen Wochen fragte mich Frau Graugans an, ob ich Lust hätte, mich mit einem Text an ihrem Blogprojekt 24 T zu beteiligen, einer Art virtuellem Adventskalender. Als ich das Thema sah, dachte ich erst: Was?, siehe Überschrift. Gleichwohl habe ich mich sehr über die Anfrage gefreut und gerne mitgemacht.

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Wer nichts wird In der Fußgängerzone wäre ich neulich fast jemandem begegnet, mit dem ich bis vor einiger Zeit noch – nun ja: befreundet wäre ein zu …

24 T – Mutmaßungen über die Freiheit des Scheiterns, Tag 10: Carsten Kubicki

#WMDEDGT im Dezember: Wörtliche Rede und Vorfreude

Am fünften eines jeden Monats ruft die geschätzte Mitbloggerin Frau Brüllen zur Pflege der Tagebuchblogkultur auf. Hierzu schreibt der geneigte Teilnehmer einen Aufsatz zum Thema „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, und verlinkt ihn auf dem Brüllen-Blog.

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Während der Zeitungslektüre zum ersten Kaffee am Morgen las ich diesen Satz: »Es wird Zeit, dass Bund und Land sich ehrlich machen.« Sich ehrlich machen – eine weitere Floskel für die Liste.

Ehrlich machen sollte sich auch eine Metzgerei in der Bonner Innenstadt, an deren Fenster seit Tagen, wenn nicht Wochen, ein handschriftlicher Zettel angebracht ist: »Heute nur Barzahlung«.

»Wir bringen das Mittelmeer in Ihre Küche«, wirbt ein paar Meter weiter ein Fachgeschäft für olivenhölzerne Haushaltswaren. Das muss nun wirklich nicht sein.

Der dienstagsübliche Fußmarsch ins Werk erfolgte bei Trockenheit und etwas milderer Temperatur gegenüber den letzten Tagen. Auch der Rheinpegel liegt wieder auf einem normalen Niveau, mal sehen, wie lange angesichts der Schneefälle der vergangenen Tage im Süden.

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Kurz nach Ankunft im Büro klopfte ein Kollege an die Tür, den ich nur selten sehe, weil er im Gegensatz zu mir meistens zu Hause arbeitet. Es kam zu einem längeren Plausch über Gott und die Welt, was in diesem Fall wörtlich zu verstehen ist; trotz meiner grundsätzlichen Abneigung gegen wörtliche Rede am frühen Morgen (also vor neun Uhr) war es sehr angenehm.

Der Arbeitstag floss recht erfreulich dahin; die gestern herrschende Generalunlust hatte sich gelegt, wie so häufig von Montag auf Dienstag. Vor dem Fenster kam immer wieder die Elster zu Besuch, vielleicht waren es auch mehrere abwechselnd, und machte(n) sich, nachdem das von mir dort aufgestellte Futterhäuschen auf mysteriöse Weise abhanden gekommen war, über das nun auf einem profanen Teller dargereichte Vogelfutter her. Ansonsten habe ich zweimal Nein gesagt. Das war gar nicht schwer und fühlte sich gut an.

Der SPIEGEL meldet das »Pisa-Debakel«, nach dem »Pisa-Schock« von 2001. Was kommt als nächstes, Pisa-Krise, -Katastrophe, -Misere? -Horror? Wir werden es vielleicht noch erleben, wenn nicht andere Imponderabilien dazwischenkommen.

Zum Mittagessen in die Kantine gingen wir zu sechst, bis Ende 2019 nichts Besonderes. Jetzt, da ich es gewohnt bin, mittags zumeist allein, allenfalls mal zu zweit zu essen, weil fast alle überwiegend zu Hause arbeiten, empfinde ich derartige Gruppenessen als gewöhnungsbedürftig bis anstrengend. Anscheinend hat meine Sozialtoleranz während der Coronazeit einen irreparablen Schaden genommen. – Gegessen habe ich vegetarisch: Kartoffelpolenta an Grünkohlsalat, ganz gut, hätte etwas mehr sein dürfen. Zum Dessert gab es laut Karte »Schichtdessert von Erdbeeren und Waldmeister-Quark-Creme«. De facto ein Schälchen mit sehr fester, säuerlicher grüner Götterspeise (wenig göttlich), darauf fünf bis sechs kleine Erdbeeren, wo auch immer die herkommen Anfang Dezember, gekrönt mit einer Haube aus einer sahneartigen Vanillecreme. An den meisten Tagen bin ich mit dem Angebot der Kantine höchst zufrieden, heute würde ich allenfalls ein Ausreichend vergeben.

Ab Mittag setzte Regen ein, der sich bis zum Arbeitsende hielt. Deshalb verzichtete ich auf den Fußweg zurück (und auf die Einkehr auf einen Glühwein am Rheinpavillon) und nahm die Bahn. Den Glühwein gab es dann an einer etwas abgelegenen Bude auf dem Weihnachtsmarkt in der Innenstadt, der trotz Regen recht gut besucht war, insbesondere die überdachten Trinkstellen.

Abends war ich ein weiteres Mal auf dem Weihnachtsmarkt, nun mit dem Liebsten, zum Abendessen (erst Reibekuchen, dann Bratwurst) und auf ein Warmgetränk, derweil bei immer noch leichtem Regen eine feuchte Kälte langsam durch die Jacke drang.

Auf dem Rückweg reservierten wir für den Vorheiligabend in unserem Lieblingsrestaurant. Es ist immer schön, wenn man sich auf etwas freuen kann.

Woche 48/2023: Zum ganzjährigen Verzehr zugelassen

Montag: Der Tag war meteorologisch herausfordernd. Wie angekündigt regnete es von morgens bis abends ununterbrochen, was Ende November keineswegs zu beklagen ist und mich veranlasste, mit der Bahn in die Werktätigkeit zu fahren. Ich empfinde es als großes Privileg, nach Lust und Wetter wahlweise mit dem Fahrrad, der Bahn oder auf Schuhsohlen zur Arbeit zu gelangen und nicht auf ein Auto angewiesen zu sein wie angeblich so viele, für die jeder weggefallene Parkplatz in der Innenstadt ein Skandal ist.

Mittags bemitleidete (müsste es nicht bemitlitt heißen?) ich vor dem Mutterhaus zwei Männer auf einer Hebebühne, die windumtost und regenbegossen die Lichterkette in den großen Weihnachtsbaum flochten, was schon in der warmen, trockenen Stube eine Zumutung ist.

In zwei Besprechungen hörte ich zwei Kollegen unabhängig voneinander betonen, sie hätten einen harten Anschlag, was ja immer auch ein Anschlag auf die Sprachhygiene ist.

Vielleicht plant derjenige auch einen Anschlag, der nämliches an eine Wand schrieb: »Ich räche mich AUCH für mein Aussehen«. Eine gewisse Unzufriedenheit klingt an.

Ansonsten gab es an dem Tag wenig auszusetzen.

Dienstag: Nach einem Wintereinbruch (Wo oder in was bricht der Winter ein?) fragte morgens der Mann im Radio: „Was macht der Schnee mit uns?“ Manchmal möchte man schon vor dem ersten Kaffee schreien.

Gehört in einer Besprechung: „… und zwar zeitnah, auf gut deutsch.“ Nein, lieber Kollege, das ist kein gutes Deutsch, verkniff ich mir anzumerken.

»Konkret bedeutet das, ich brauche keinen Glauben. Und zwar in keine Richtung, d.h. ich bin weder Atheist noch Agnostiker, ich bin einfach nur extrem desinteressiert.« Das und mehr kluge Sätze über Religion und Fußball schrieb Frau Anje hier.

Auf dem Rückweg zu Fuß vom Werk genehmigte ich mir bei passender Kälte am Rheinpavillon das erste Kirsch-Glühbier der Saison und, soweit ich mich erinnere, überhaupt meines Lebens, derweil erste zarte Schneeflocken auf das Rheinland rieselten. (Es ist nicht anzunehmen, dass sie mit irgendwem irgendwas machten.)

Kann man trinken, demnächst jedoch wieder Glühwein mit einem Hauch Amaretto.

Mittwoch: Menschen, die sich zu Fuß, Fahrrad, Auto, Elektroroller oder Rhönrad von hier nach dort und zurück begeben, als „Verkehrsteilnehmende“ zu bezeichnen, wie heute in einem Artikel gelesen, werde ich mir voraussichtlich nicht angewöhnen.

Auch gelesen und gelacht: »Ja, scheiß doch in die Heide!« anstelle von »Ja leck mich doch …« – Sie wissen schon.

Aus einer per Kurznachricht erhaltenen Stellenanzeige im Hotelbereich: »Zu den Arbeitsinhalten gehören vor allem einfache Buchungsaufgaben, die Steigerung des Kundenstroms sowie Entspannung und Zufriedenheit.« Den beiden letzten Anforderungen fühle ich mich gewachsen.

Abends auf dem Weihnachtsmarkt gingen wir an einer Gruppe junger Leute vorbei, die sich unter Begleitung einer Geige daran machte, „O du fröhliche“ anzustimmen. Das war schön. Noch schöner wäre es gewesen, hätte man sich auf eine gemeinsame Tonart geeinigt, idealerweise die der Geige.

Donnerstag: Die Stadt Düren beschafft Iglu-artige, verschließbare Zellen aus Hartschaumstoff mit Liegefläche als Behausungen für Obdachlose, wie morgens gemeldet wurde. Das ist erstaunlich, schließlich leben wir in Deutschland, wo mutmaßlich zahlreiche Vorschriften unter anderem zu Miet-, Sozial-, Steuer und Urheberrecht, öffentlicher Ordnung, Brand-, Daten-, Natur-, Klima- und Jugendschutz einer Aufstellung derartiger Behausungen auf öffentlichen Flächen entgegenstehen, hinzu kommen Einwendungen von ADAC, ADFC, PETA, Katholischer Kirche, Letzte Generation und Amnesty International. Gleichwohl: Gäbe es einen Spendenaufruf, sich als Bürger an der Beschaffung zu beteiligen, wäre ich sofort dabei.

Zu den Dingen, über die mich zu ärgern wundern ich nicht müde werde, gehört dieses: Morgens auf dem Weg ins Werk sah ich zwei Läufer, die nebeneinander plappernd mitten auf dem Radweg am Rhein liefen, so dass Fahrräder nur knapp an ihnen vorbei kamen. Wegen zu erwartender Ein- und Aussichtslosigkeit verzichtete ich auf eine Ansprache, zumal ich mich zu Fuß auf dem mindestens genauso breiten Fußweg fortbewegte.

»Wir sprechen Baumarkt«, stand an einem Lieferwagen am Wegesrand. Offenbar eine sehr seltsame Sprache.

Aus einem Zeitungsbericht über Forderung nach einer Umstrukturierung der Deutschen Bahn: »Die Bahn müsste eigentumsrechtlich in seine Einzelteile zerlegt werden.«

Freitag: Waren Sie auch vor längerer Zeit darüber irritiert, wie viele Eltern ihr Kind plötzlich Miles nennen und dies in der üblichen Weise auf ihrer Autoheckscheibe kundtun? Bis Sie bemerkt haben, dass es sich um Fahrzeuge eines neuen Mietwagenanbieters handelt? Einen solchen Wagen sah ich morgens am Straßenrand abgestellt; bei diesem hatte sich jemand die Mühe gemacht, jeweils den unteren Querbalken des E zu entfernen. Ich musste kurz und heftig grinsen.

Während der Rückfahrt mit dem Rad blies mir eisiger Gegenwind ins Gesicht und ließ mich leiden. Dabei sind es mal gerade um die null Grad. Wie soll das erst werden, wenn es richtig kalt wird?

Samstag: Nach dem Frühstück, das heute den Namen verdiente, da wir einigermaßen zeitig aus den Betten kamen, unternahmen der Liebste und ich eine Ausfahrt ins Ahrtal, wo wir drei Weingüter etwas reicher machten, auf dass die heimischen Vorräte in unserem Keller niemals versiegen. Wobei damit auch ohne die heutigen Einkäufe auf absehbare Zeit nicht zu rechnen ist, voraussichtlich werde ich den Tag nicht erleben, da die letzte Flasche entkorkt wird. Nach mir die Trinkflut.

Pendler über Dernau

Abends begaben wir uns mit befreundeten Nachbarn zum Gänseessen in einem Restaurant. Weiß der Himmel, warum Gänse ausschließlich in der Vorweihnachtszeit gegessen werden, wohingegen Hühner und Enten zum ganzjährigen Verzehr zugelassen sind. Wie auch immer, es war sehr angenehm mit angemessener, nicht ausufernder Weinbegleitung.

Sonntag: Als ich morgens Brötchen holte, erwachte langsam der Weihnachtsmarkt, die ersten Budenbetreiber bereiteten sich und ihr Angebot vor für den Besucheransturm des Tages. Eigentlich ist die Existenz von Weihnachtsmärkten ein Beweis für die Nichtexistenz Gottes: Wenn es ihn gäbe, würde er derartiges Treiben zu seines Sohnes Ehren wohl kaum dulden.

Nach Rückkehr hörte ich erstmals in diesem Jahr „Last Christmas“ im Radio, was ich nicht halb so schlimm finde wie die sprechenden, sich bewegenden Hirschköpfe an einer Weihnachtsmarktbude auf dem Münsterplatz.

Die Lesung am Abend hat Spaß gemacht, wobei sie mehr Besucher vertragen hätte. Mehrere, die mir ihr Kommen angekündigt hatten, blieben dann doch weg. Ich werfe das niemandem vor, vielleicht war der erste Adventssonntag nicht der ideale Termin dafür. Diejenigen, die da waren, hatten augenscheinlich Vergnügen, immerhin.

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Kommen Sie gut, ohne Zorn und harte Anschläge durch die Woche.

Woche 47/2023: Ich möchte lieber nicht

Montag: Die Woche begann wenig optimismusfördernd. Erst Giesinger im Radio (schon wieder am Montagmorgen, machen die das extra, um mich zu prüfen oder zermürben?), dann die Meldung, wonach eine internationale Konferenz zur Reduzierung von Plastikmüll am Widerstand der erdölfördernden Länder gescheitert ist. Meine Überzeugung, dass diese Spezies den baldigen Untergang verdient, festigt sich täglich.

Abends in der Innenstadt hörte ich über den bereits aufgebauten, noch dunklen Weihnachtsmarktbuden eine Amsel singen, als wäre April. Alle irre.

Dienstag: Dienstag ist Zufußtag, und also ging ich zu Fuß ins Werk und zurück, entlang dem noch immer hochwässrigen Rhein. Auf dem Rückweg hielt ich nach längerem mal wieder Einkehr auf einen Tee (jawohl!) im Rheinpavillon. Dort waren bei Ankunft die meisten Tische reserviert für eine größere Gruppe, weshalb ich mit einem Platz nahe dem Eingang vorlieb nahm, wo es jetzt schon wieder recht kühl ist. Kurz darauf trafen nach und nach die Gäste ein, es wurde immer lauter. Ab der kommenden Woche gibt es dort im Außenbereich wieder Glühwein; die Verkaufsbude ist bereits aufgestellt, aber noch geschlossen.

Tosende Wasser
Urlaubsfreuden
Weg ist der Weg

Vergangene Woche ließ ich mich über die Gewohnheit junger Menschen aus, ständig „genau“ zu sagen, nicht im Sinne von „exakt“, sondern eher „nun denn …“ oder „äh“, weshalb mir die Kategorie „Generation Genau“ passend erscheint. Was sie auch gerne und oft sagen, wie mir heute wieder auffiel, ist „keine Ahnung“. Sie deswegen als „Generation keine Ahnung“ zu bezeichnen erscheint mir indes unangemessen.

Mittwoch: Die Nachbarabteilung trifft sich heute zum Offsite, anschließend teambuildet man in einem Bash Room. Bislang unwissend, was das ist, recherchierte ich kurz und fand heraus: Dort trifft man sich zu einem zweieinhalbstündigen Game-Show-Event, wo es gilt, durch unterschiedliche Aufgaben und Spiele zu ermitteln, wer am Ende der/die/das Beste ist. Motto: „All About Skill“. Da halte ich es wie der Schreiber Bartleby: Ich möchte lieber nicht. Wann genau und wodurch ist berufstätigen Menschen die Fähigkeit abhanden gekommen, zum Zwecke des persönlichen Austauschs einfach nur gemeinsam zu essen und sich nett zu unterhalten? Warum muss daraus immer gleich ein Event gemacht werden?

Donnerstag: »Doch kaum einer will’s oder interessiert’s«, schreibt Bild Online.

Interessiert vielleicht auch keiner:

*** Auftritt Mainzelmännchen ***

Ich hätte es längst erzählen sollen, wollte jedoch abwarten, bis es fertig ist, et voila: das Buch zum Blog. Rechtzeitig für die Gabentische ist es ab sofort fast überall erhältlich, zum Beispiel hier. Auch beim großen A., wenn es unbedingt sein muss.

276 Seiten, ISBN 978-3-758433-08-5

*** Abgang Mainzelmännchen ***

Freitag: »In Zeiten von Krieg macht es keinen Sinn, dass Millionen Euro in Böller fließen, die dann auf der Straße verpuffen«, wird der Landesvorsitzende der Polizeigewerkschaft in der Zeitung zitiert. Dazu erlaube ich mir zu ergänzen: Auch in Friedenszeiten macht es keinen Sinn. Die FDP ist erwartungsgemäß anderer Meinung: »Feuerwerk an Silvester ist häufig ‚Made in NRW’ und gehört für viele Menschen zum Jahreswechsel«, so eine Abgeordnete. Auch beim größten Unsinn immer schön an die Wirtschaft denken.

Dieselbe Zeitung über Geert Wilders: »… ein Mann mit einer platinblonden Haartolle aus Venlo«. Venlo ist ja weltberühmt für seine traditionsreichen Haartollenmanufakturen.

Wie ich auf der Rückfahrt vom Rad aus sah, ist die Glühweinbude am Rheinpavillon nun geöffnet, was spontane Vorfreude auslöste.

Abends besuchten wir den heute eröffneten Bonner Weihnachtsmarkt. Alles wie immer: Die üblichen Buden an den üblichen Plätzen, dazwischen die üblichen Menschenmengen, die sich durch die Gänge schieben. Am Feuerzangenbowlenstand blies unangenehm kalter Wind die Flammen von den brennenden Zuckerkegeln, auf dem Rückweg wurden wir nassgeregnet. Wir werden wohl trotzdem bald wieder hingehen.

Samstag: Vormittags erledigte ich ein paar Samstäglichkeiten in der Stadt, unter anderem ließ ich ein paar ausgelesene Bücher in einen öffentlichen Bücherschrank frei, in dem sich bei Ankunft seltsamerweise nur ein einziges Buch befand, ein Beziehungsratgeber; da der mir vermutlich auch nicht helfen kann, ließ ich ihn stehen und stellte meine Bücher dazu.

Abends hatten wir mit der Karnevalsgesellschaft einen Auftritt in Wachtberg-Niederbachem, voraussichtlich den letzten in diesem Jahr. Im Januar geht es dann wieder richtig los mit Alaaf und so.

(Fotos: Der Geliebte)

Sonntag: Nach etwas appetitlosem Frühstück (keine Folge des Auftritts gestern, eher der Wetten dass..?-Begleitweine; wir schauten die Sendung gestern Abend, weil der Geliebte unbedingt Cher sehen wollte, was der Alkoholunterstützung bedurfte; die deutlich gealterten Herren von Take That fand ich auch sehenswert) fuhr ich mit dem Bus nach Bonn-Duisdorf, um eine Modellbahnbörse zu besuchen, die zweite innerhalb weniger Wochen, nachdem ich zuvor jahrelang auf keiner mehr gewesen war.

Zurück bei leichtem Regen zu Fuß, damit war der Sonntagsspaziergang auch erledigt. In der Inneren Nordstadt eine kleine Überraschung: Das am vergangenen Sonntag an einem öffentlichen Bücherschrank halblegal angebrachte Plakat für die Lesung nächsten Sonntag war noch nicht entfernt.

Ansonsten gesehen:

Wer wollte das bezweifeln
Auch schön (Weststadt)

Einmal noch Werbung:

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Kommen Sie gut und voller Optimismus durch die Woche.