Woche 36/2021: Eine gewisse Würze und ausgefüllte Kästchen

Montag: „Ganz kurz nur.“ Schon als der Kollege das Gespräch mit vorstehenden Worten eröffnete, war klar: Das dauert etwas länger.

Meiner Freude über die wiedereröffnete Kantine verlieh ich bereits Ausdruck. Dort darf aus bekannten Gründen bis auf weiteres nur jeder zweite Sitzplatz benutzt werden, auf den freizuhaltenden Stühlen sind einlaminierte Hinweisblätter ausgelegt. Das hielt zwei Hungrige in meiner unmittelbaren Nähe nicht davon ab, sich an einen Zweier-, somit zurzeit Einzeltisch setzen zu müssen, obwohl ausreichend Mehrpersonentische frei waren; den Hinweiszettel legten sie gut sichtbar und ohne Unrechtsbewusstsein auf den Nebentisch. Den Sicherheitsmann, der wenige Meter daneben stehend über die Einhaltung der Platzregeln zu wachen hatte, interessierte es nicht. Mich immerhin genug, dass ich es notierte.

„Ich liebe Stachelbeeren“, hörte ich im Gehen einen Entgegenkommenden zu seinem Nebenmann sagen. Ich mag sie auch, am liebsten direkt vom Strauch, vor allem die roten; auf Kuchen oder als Kompott hingegen nicht ganz so gerne. Liebe wäre für dieses Mögen daher ein zu starkes Wort.

Dienstag: Wie ich morgens beim ersten Kaffee des Tages in der Zeitung las, plant Helene Fischer im nächsten Jahr ein Deutschlandkonzert. Nicht, dass ich dorthin wollte, indes spielte seitdem mein Hirnradio mindestens bis in den frühen Nachmittag hinein „Die Hölle morgen früh ist mir egal“, mit erschreckend großer Textsicherheit.

Egal könnte und sollte mir sein, wie andere Leute ihre Kinder rufen, und vielleicht verstößt es gegen irgendeinen Bloggerkodex, wenn ich folgendes anzumerken mir nicht verkneifen kann: Es erscheint mir fragwürdig, wenn nicht unverantwortlich, als Mutter den zwölfjährigen Sohn, der einen eigentlich recht schönen anderen Namen hat, öffentlich „Ona“ zu nennen. An das falsche Mitschülerohr geraten könnte das zu unschönen Neckereien führen. Man stelle sich vor, das Kind hieße mit Zweitnamen auch noch Nils. Aber mir soll es egal sein. Zudem steht mir als Kinderlosem derartiges Urteil nicht zu.

Mittwoch: Wie die Zeitung in einer kurzen Meldung wissen lässt, erhalten sieben Länder, darunter ausgerechnet die Türkei, von der EU in den nächsten sechs Jahren wegen Aussicht auf einen Beitritt etwa 14,2 Milliarden Euro an sogenannter „Heranführungshilfe“. Ein wunderbares Wort für eine nach den aktuellen Erfahrungen mit Polen und Ungarn eher fragwürdige Ausgabe.

„Für Kinder ist dieser Virus absolut harmlos. Und die Gefahr von so einer Impfung, die man nicht erforscht hat, ist ungleich höher als der Virus selber.“ – Warum tut Til Schweiger nicht, was sein Nachname ihm nahelegt?

Apropos Name – Namenstag haben laut Zeitung heute diejenigen, die „Mariä Geburt“ in ihrem Ausweis oder vielleicht auf dem Grabstein stehen haben. Das mag ich nicht recht glauben, andererseits ist es dagegen vergleichsweise erträglich, Ona gerufen zu werden.

Donnerstag: Als ich morgens nach einem Fußmarsch mit angenehmer Müdigkeit ins Werk kam, fand ich im Maileingang einen von Inhalt und Umfang her völlig unklaren Arbeitsauftrag vor, der im wesentlichen das Ausfüllen von Kästchen beinhaltet, zu erledigen bis spätestens kommenden Dienstag. Warum ich?, fragte ich mich. Als kurz darauf die Mitteilung über den Eingang der nächsten Gehaltsabrechnung auf dem Datengerät eintraf, fiel es mir wieder ein.

Abends auf dem Rückweg sah ich am Rheinufer etwas, das morgens noch nicht da war und wahrscheinlich schon jetzt, da auch Sie es sehen, von irgendwelchen Vollidioten kaputt gemacht wurde.

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Die Sichtung eines neuen Nachbarn im Nebenhaus durch den Geliebten verlieh der häuslichen Abendkonversation eine gewisse Würze. Ich war zu müde für einen Ausdruck der Missbilligung und sehe vielmehr mit großer Gelassenheit dem langen Gesicht entgegen, wenn erstmals die Freundin des Herrn Nachbarn in Erscheinung tritt.

Freitag: Es hat sich vielfach bewährt, erstmal nichts zu tun. Zu dem gestern beklagten Arbeitsauftrag stellte man sich heute auch an höherer Stelle die Frage nach dem Sinn, bezeichnete dessen Vollzug gar als „overdone“. Leider waren da schon die meisten Kästchen ausgefüllt. Doch wozu klagen – es geschah in gut bezahlter Arbeitszeit.

Samstag: Anscheinend ist es von Relevanz, zu wissen, wo man heute vor zwanzig Jahren war, an dem Tag, als in Amerika … Sie wissen schon. Ich weiß es auch, möchte Sie aber ungern damit belästigen. Eine beliebte Aussage aus jenen Tagen war, von nun an sei nichts mehr, wie es war. Das ist nicht eingetreten, ob zum Glück oder leider, mag jeder für sich bewerten.

Laut Aufschrift auf der Zahnpastatube ist ihr Inhalt für den täglichen Gebrauch bestimmt. Ja was denn sonst?

Gemessen an der Zahl der zerstörten und heruntergerissenen Wahlplakate muss die Politikverdrossenheit erheblich sein. Was würden politische Parteien und Werbetreibende wohl dafür zahlen, wenn es ihnen gelänge, direkt in unsere nächtlichen Träume eingreifen zu können?

Sonntag: Wandertag im Siebengebirge mit lieben, seit Monaten nicht gesehenen Menschen; dazu Wiedersehensfreude unterstreichende Begleitgetränke und eine abschließende Einkehr in Königswinter. Die Hölle morgen früh ist mir egal.

Woche 35/2021: Natürlich gealterte Originale

Montag: Mittags im Rheinauenpark war bei den Wildgänsen eine gewisse Aufgeregtheit auszumachen. Vielleicht stritten sie darüber, ob sie angesichts der aktuellen Wetterlage früher aufbrechen sollen in den Süden, wer wollte es ihnen verdenken. (Danach spielte mein Hirnradio stundenlang „Nils Holgerson“ in Dauerschleife. Sollte es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen nun ähnlich ergehen, bitte ich dies zu entschuldigen.)

Ein nicht zu unterschätzendes Problem in südlichen Regionen ist der Diebstahl von Sand, wie die Zeitung heute berichtet. Demnach wurden auf Sardinien durch den Zoll kürzlich 4,1 Kilogramm Sand sicherstellt, was mit Strafen bis zu dreitausend Euro geahndet wurde. Wohlgemerkt: Sand, nicht Goldstaub.

Man muss nicht alles verstehen. Auch dieses nicht:

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Ganz anderes Thema, dafür absolut verständlich im Sinne von nachvollziehbar, gelesen hier:

Denn wenn man auf Silberhochzeiten geht, dann sind das ja normalerweise die von alten Leuten, die von den Freunden der Eltern etwa. Also normalerweise ist das so. Es war diesmal aber die Silberhochzeit meiner Freunde, was zwingend bedeutet, dass wir das jetzt sind, die Zuständigen für derlei.

Dienstag: Von alt zu jung – üblicherweise übe ich mich in Zurückhaltung darin, andere Leute als dumm zu bezeichnen, wohnt dieser Bezeichnung doch stets eine gewisse, möglicherweise ungerechtfertigt-peinliche Selbsterhöhung inne. Doch scheint es mir hier zutreffend: Wie das Radio meldete, kletterte in Troisdorf mal wieder ein Jugendlicher auf einen Güterwaggon der Bahn, wo ihn umgehend und final der Schlag aus der Oberleitung traf; fünfzehntausend Volt leisten hier stets schnelle und gründliche Arbeit. Warum tun die das immer wieder? Werden die Digital-Naiven in ihren Ätzwerken, denen sie einen nicht unerheblichen Teil ihrer Zeit widmen, nicht davor gewarnt, Eisenbahnfahrzeuge zu besteigen, erst recht wenn sie unter einer Oberleitung stehen? Oder werden sie dort in zweifelhaften Challenges gar dazu ermutigt? – Und allen Vollkasko-Eltern, die nun bald wieder nach besseren Umzäunungen von Bahnanlagen verlangen, sei geschrieben: Das ist Unsinn, eure Nachzucht wird sie mühelos überwinden. So „schlau“ sind sie dann doch.

Mittwoch: Mit fünfunddreißig war ich ziemlich zufrieden – in Bonn die ersten Wurzeln geschlagen, frisch und glücklich verheiratet, auch sonst lief alles erfreulich. Heute diene ich seit fünfunddreißig Jahren demselben Arbeitgeber, auch das immer noch überwiegend zufrieden. Klar, manchmal sehnt man den Feierabend, das Wochenende, den nächsten Urlaub oder den Ruhestand etwas mehr herbei als sonst, aber insgesamt begebe ich mich immer noch ganz gerne ins Werk, auch wenn sich das hier vielleicht manchmal anders liest. So viele Jahre beim selben Arbeitgeber – wohl nur wenige heute Fünfunddreißigjährige können sich das noch vorstellen. Ach ja: Auch sonst bin ich immer noch ziemlich zufrieden, geradezu glücklich, vielleicht anders, aber keineswegs weniger als mit fünfunddreißig.

Donnerstag: Morgens auf dem Fußweg ins Werk sah ich das Rheintal in Nebel gehüllt, was die Motivklingel der Datengerätkamera anschlagen ließ.

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Ab Mittag wurde es sonnig-warm. Nach langen, entbehrungsreichen Monaten gab es abends dienstlich veranlasste Alkoholzufuhr, so richtig mit Menschen. Die häufig gestellte Frage des Abends lautete daher „Wann haben wir uns das letzte Mal gesehen?“ Anlass war der erfolgreiche Abschluss eines großen Projekts bereits Anfang letzten Jahres, das dann aus bekanntem Grund nicht mehr angemessen begossen werden konnte. Es war sehr schön, man ist so etwas ja gar nicht mehr gewohnt, also das mit den Leuten, das mit dem Alkohol schon noch.

Nach vierzig entbehrungsreichen Jahren gibt es Erfreuliches für das Ohr, ich hätte nicht gedacht, das noch zu erleben, ABBA hallo. Öffentlich wollen die vier wohl nur noch in Form künstlicher Abbatare in Erscheinung treten, was ich einerseits verstehe, andererseits bedaure, da sie sich auch als natürlich gealterte Originale durchaus noch sehen lassen können.

Freitag: Ein nur kleiner Kater schnurrte in des ersten Stunden des Arbeitstags, das war es wert, siehe Eintrag von gestern. „Das ist ein getoggeltes Feature“ sagte einer während einer Präsentation und ließ meinen Sprachnerv leicht zucken.

Ich halte es für richtig, auch abweichenden Meinungen gegenüber offen zu sein, selbst wenn der Klimawandel mit seinen Auswirkungen als „fachpolitische Detailfrage“ bezeichnet wird. Daher mein ausdrücklicher Dank an Bundesstadt.com für dieses Gespräch.

Samstag: Wie morgens das Radio meldet, wird in Xanten heute die Schnick-Schnack-Schnuck-Meisterschaft ausgetragen, ohne Publikum, zudem nur mit Schere, Stein und Papier, aber ohne Brunnen, warum auch immer.

Als Mensch mit einer generellen, nicht rassistisch motivierten Fremdenreserviertheit lasse ich mich ungern von Unbekannten ansprechen. Daher ist es zurzeit anstrengend, durch die Fußgängerzone zu gehen: Überall stehen Leute an sonnenbeschirmten Tischchen, die einem etwas in die Hand drücken wollen und womöglich gar das Gespräch suchen.

Abends vernahm ich erstmals das schöne Wort „Pilzputzchampagner“ und übernahm es sogleich in die Schatulle meines aktiven Wortschatzes, auf dass es zur Verfügung steht, wenn mich der Liebste das nächste Mal zu Hilfstätigkeiten bei der Essenszubereitung heranzieht, selbstverständlich auch in analoger Anwendung beim Kartoffel- und Spargelschälen; „Schälchampagner“ dann eben. Es muss auch nicht zwingend Champagner sein, ein Cremant tut es auch.

Sonntag: Eimal mehr stellt sich die Frage, wie es diese Spezies so weit bringen konnte.

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Ich habe das Buch „Das Glück des Gehens“ von Shane O’Mara ausgelesen. Das Glück des Lesens war dabei begrenzt, da stellenweise etwas langatmig-theoretisch die zum Gehen erforderlichen Körper- und Hirnfunktionen erläutert werden. Etwas zu kurz kam mir dagegen das, was den eigentlichen Gehnuss ausmacht, nämlich aufmerksam und unabgelenkt durch ein Datengerät die Details am Wegesrand wahrzunehmen. Siehe auch vorstehendes Bild.

Von der Theorie zur Praxis: Warmes Spätsommerwetter lockte zahlreiche Menschen nach draußen; während des Sonntagsspaziergangs erforderte es einiges an Aufmerksamkeit, auf den Rheinbrücken nicht von Fahrrädern und Elektrorollern angefahren zu werden, während ich notorischen Linksgehern auswich. Als ich während des Gehens mit Blick auf eine öffentliche Uhr bemerkte, dass meine Armbanduhr drei Minuten vorgeht, stellte ich mir vor, wie ich sie abnehme und korrigiere, und wie, während der große Zeiger zurückwandert, alles um mich herum rückwärts läuft wie in einem Film, der zurückgespult wird. Was man so denkt, wenn die Sonne auf die ungeschützte Hinterkopflichtung sticht. Vielleicht wäre das was für die Mainzelmännchen.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit möglichst vielen erfreulichen Details am Wegesrand.

Woche 34/2021: Nach vorne gerichtet

Montag: Ich danke sehr für die ungewöhnlich zahlreichen Kommentierungen meiner letzten Wochenbetrachtung. Anscheinend habe ich mit WDR 4 einen Nerv getroffen.

Gar nicht so nervig wie befürchtet war der erste Arbeitstag der Woche. Auch die nicht vorhergesehene, gleichwohl anscheinend einem Naturgesetz folgende Kombination aus weißem Hemd und Spaghetti Bolognese in der Kantine ging gut aus im Sinne eines unbefleckten Genusses.

Keinen Genuss dagegen versprechen zurzeit Reiseabsichten mit der Bahn. Komödie der Woche: Jim Klopf (alias Claus W.) und Luci (alias G. de Ell), die leeere Lolomotive.

(General-Anzeiger Bonn)

Von Deutscher Bahn zu Taliban – gelesen hier und für gut befunden:

„Warum regen sich die Leute über die Taliban auf? Nächstes Jahr ist in Katar die Fußball-WM, da gilt auch die Scharia und der ganze andere Scheiß.“

Dienstag: Nun also Charly Watts. Einer der bedeutendsten Steine ist ausgerollt. Möge er in Frieden ruhen. Ob die verbliebenen Steine sich jetzt einen neuen Trommler suchen und weiterrollen? Vielleicht benennen sie sich irgendwann um in „The Rollators“.

Mittwoch: Nach Monaten textiler Nachlässigkeit ging ich probeweise wieder im Anzug ins Werk, der freut sich auch, wenn er mal wieder aus dem dunklen Schrank darf. Das hat nicht dazu beigetragen, die in dieser Woche besonders heftige Mailflut einzudämmen, aber wenigstens war ich während des darin Absaufens gut gekleidet.

Donnerstag: Ich liebe es, wenn, nachdem ich einen Kollegen um die Ermittlung einer bestimmte Zahl gebeten habe, dieser mir anschließend – frühmorgens um kurz nach acht – per Skype deren Herleitung ausführlich anhand einer umfangreichen Excel-Tabelle erklärt, anstatt mir einfach die Zahl zuzusenden, maximal eingerahmt in die üblichen Höflichkeitsfloskeln.

Glück des Gehens: Man sieht Vorfreude auslösendes …

(Bonner Innenstadt)

… und Ungewöhnliches.

(Bonn-Kessenich)

Freitag: „Ich bin sonst ein hoffnungsloser Optimist“, sagt der Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler gegenüber der Zeitung.

„Wenn wir es nicht gelöst bekommen, müssen wir es festhalten“, sagte einer in der Besprechung. In ebendieser fiel auch mehrfach die Phrase „Nach vorne gerichtet“ – das neue „Am Ende des Tages“?

Samstag: Die Katholische Kirchengemeinde von Bad Godesberg darf sich laut einer Zeitungsmeldung nun als „Pfairrgemeinde“ bezeichnen wegen ihrer Selbstverpflichtung zu „fairem Engagement“ und „fairer Grundhaltung“. Abgesehen von gewissen schmerzhaften Zuckungen meines Sprachnervs ist das bemerkenswert für eine Institution, die zu ihren Kernkompetenzen Barmherzigkeit und Nächstenliebe zählt. Auch bemerkenswert, dass diese Auszeichnung ausgerechnet vom Erzbistum Köln verliehen wird, für das die Bezeichnung „Pfailgemeinde“ nicht völlig unpassend erscheint.

Sonntag: Noch immer bin ich begeistert von WDR 4. Sie senden keine Werbung und fordern die Hörer nicht ständig auf, ihre unmaßgebliche Meinung zu irgendwelchen aktuellen Themen mitzuteilen. Auch hörte ich dort bislang weder den Wellerman noch Giesingers Klagelied über die tanzende frustrierte Mutter, aber das kann Zufall sein.

Gehdanken beim Sonntagsspaziergang durch Nieselregen: Das Verkehrsmittel, dem sich alle anderen unterzuordnen haben, sollte zur Abwechslung mal der Fußgänger sein.

Bitte beachten Sie die Länge des Radwegs.

„Manchmal bist du ein bisschen schrullig“, sagte der Geliebte. Da hat er wohl recht.

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Kommen Sie gut durch die neue Woche.

Woche 33/2021: Salätchen und Pudding

Montag: Die Kette der schlechten Nachrichten scheint nicht abzureißen – Flutkatastrophe, brennende Wälder und Häuser, Klimawandel sowieso, Erdbeben, Afghanistan. Doch darf man dabei die guten nicht übersehen. Eine solche erreichte mich gegen Ende eines viel zu langen Arbeitstags mit viel zu vielen Besprechungen und gedanklichen Themensprüngen im Halbstundentakt ohne Denkpausen dazwischen, zwischendurch ging auf dem Bildschirm immer wieder das Skype-Fensterchen auf, weil schon wieder einer was wollte, dazu eingehende Mails im Minutentakt. An solchen Tagen fühle ich mich zunehmend zu alt für diese künstliche, unnötige Hektik. – Ach ja, die gute Nachricht: Ab Mittwoch öffnet nach monatelanger Umbauzeit endlich wieder die Kantine, so richtig mit Hinsetzen, Geschirr und Besteck, Salätchen dabei und Pudding danach. Vorbei die Zeiten, da es Mittagessen nur zum Mitnehmen gab, das man dann im günstigsten Fall auf einer Bank im Freien aus der Einwegverpackung löffelte. (Wobei es zum Verzehr nur in Ausnahmefällen eines Löffels bedurfte, aber „messerte und gabelte“ erscheint ungebräuchlich.) Als die Mitteilung kam, lächelte ich vermutlich kurz.

Damit nicht genug – die zweite gute Nachricht des Tages, die es ebenfalls voraussichtlich nicht in die Tagesschau schaffen wird: Der Liebste hat Urlaub angemeldet; wenn es gut läuft und die Seuchensituation es erlaubt, sind wir in fünf Wochen in Südfrankreich.

Dienstag: Regnerische Kälte den ganzen Tag. Ich mag den Herbst wirklich sehr, er ist meine liebste Jahreszeit, vielleicht weil auch für mich mittlerweile des Lebens Herbst angebrochen ist, oder mindestens Spätsommer mit ein paar letzten warmen Tagen; statt das Auge erfreuendem buntem Laub ergrauende Schläfen, weiße Nasen- und (wenige) Brusthaare; statt fallenden Blättern eine Lichtung am Hinterkopf. Führte ich eine persönliche Hitparade, stünde das Loblied für den Herbst ziemlich weit oben. Aber doch nicht jetzt schon – mitten im August.

Mittwoch: In Bonn wird seit geraumer Zeit gestritten um den Bau eines Radschnellweges, für den im Rheinauenpark eine größere Anzahl alter Bäume gefällt werden müsste. Eine nicht ganz einfache Situation für die regierenden Grünen. Im Übrigen Radschnellweg – wer braucht denn sowas? Sollen die Rennradraser in ihren bunten Stramplern und beigen Elektrorentner etwa noch schneller fahren?

Wie am Montag erwähnt, ist seit heute die Kantine wieder geöffnet. Schön ist sie geworden. Da ich es extrem albern finde, ein Foto von meinem Essen zu machen und es ins Netz zu stellen, habe ich davon Abstand genommen, wenngleich ich kurz versucht war, es heute ausnahmsweise zu tun. (Stellen Sie sich stattdessen eine Frikadelle mit grobkörniger Senfhaube an Kartoffel-Gurken-Beilage vor.) Jedenfalls war ich sehr zufrieden und bin es noch.

Als ich abends aus der Bahn stieg, ging vor mir eine Gruppe junger Burschen, Studenten vielleicht. Als sie an einer Spiegelwand vorbei gingen, winkte einer seiner Reflexion zu, als wollte er sich seiner selbst vergewissern: „Bin ich es wirklich, dieser überaus hübsche Jüngling? Schnell mal winken … ja, ich bin es tatsächlich!“

Donnerstag: Es dürfe „kein weiteres 2015 geben“, heißt es in diesen Tagen allüberall mit bangem Blick in Richtung Afghanistan. Da kann ich beruhigen: Nach jetzigen Erkenntnissen sieht unser Kalender das mittel- bis langfristig nicht vor.

Mein Werkskalender war heute prall gefüllt mit Besprechungsterminen, was die Morgenlaune ein wenig trübte. Doch soll man den Tag nicht vor dem Abend schmähen: Von geplanten 6,5 Stunden wurden 2,5 Stunden abgesagt.

Freitag: Laut Zeitungsbericht werden in Bonn besonders viele Wahlplakate zerstört. Kein Wunder bei den inhaltsleeren, austauschbaren Floskeln um Wohlstand, Sicherheit, Klima, Bildung, Digitalisierung, Gerechtigkeit und Flüchtlinge. Warum steht da nicht mal was Ehrliches drauf? Vorschlag: „Eine bessere Welt können wir nicht versprechen. Doch lassen Sie es uns versuchen.“ Da würde ich mein Kreuzchen wohl machen.

Samstag: Zeitungsartikel-Überschrift des Tages: „Ruhe finden am Ort der Hinrichtung“.

Ach was: Heute vor zehn Jahren starb Loriot. Die Lücke, die er hinterließ, blieb seitdem ungefüllt.

Während einer Autofahrt ins Ostwestfälische zwang mich endloses Fußballgeschrei im Radio zu einem Senderwechsel. So landete ich bei WDR 4, jenem Sender, den ich seit den Acht- und Neunzigern möglichst mied, weil er störsendergleich mit billigstem Schlager-Trallala das Ohr quälte, der sich dennoch oder deshalb bei Älteren großer Beliebtheit erfreute. Wie ich nun feststellte, spielen die da inzwischen richtig gute Musik.

Sonntag: Auf der Rückfahrt begeisterte mich weiterhin WDR 4, wo mich unter anderem „Also sprach Zarathustra“ von Strauss und „Shout“ von Tears For Fears mehrfach die Lautstärke hochregeln ließen, was Roger Whittaker vor dreißig Jahren kaum gelungen wäre. Oder hat sich in Wahrheit der Sender gar nicht gewandelt, nur mein Musikgeschmack ist gealtert?

„Rauchen mindert Ihre Fruchtbarkeit“, steht auf einer Zigarettenschachtel. Wäre das nicht eher ein Argument für das Rauchen?

Die Taliban und die vierte Welle – beide kamen früher als von manchen erwartet.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme neue Woche mit möglichst vielen Lächelanlässen, guten Nachrichten und wenigen Besprechungen.

Woche 32/2021: Das ist dann eben so

Montag: Während der Kollege davon erzählt, wie er im Urlaub die Alpen mit dem Fahrrad überquerte, wobei das Rad mehrfach über Felsen und schmale Pfade getragen werden musste, frage ich mich: Warum tut man das?

Oder das?

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Oder dieses: „Die GDL fordert 3,2 Prozent höhere Entgelte und einen Corona-Bonus von 600 Euro für seine Mitglieder“, steht in der Zeitung. Wie wird man Mitglied beim Bonus? Warum merkt das niemand?

Dienstag: Nach dem aktuellen Bericht des Weltklimarats erscheint es fraglich, ob man sich wirklich noch Gedanken um die Altersvorsorge machen sollte. Persönlich sehe ich das relativ gelassen, mein bisheriges Leben verlief überwiegend in glücklichen Bahnen, außer der Erdanziehung frei von nennenswerten Belastungen, zudem muss man eigentlich, um dieses zumeist unnötige Wort mal zu gebrauchen, nicht viel älter als vierundfünfzig werden. Aber was ist mit all den Jüngeren, die noch alles vor sich haben?

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„Der Planet schwebt in Lebensgefahr und mit ihm seine Bewohner“, sagte die Bundesumweltministerin. Liebe Frau Schulze, gerne wiederhole ich das für Sie: Der Erde geht das weitgehend am Südpol vorbei, was wir hier treiben, sie hat schon ganz andere Phasen überstanden und wird sich auch in einigen Milliarden Jahren noch drehen. Nur eben sehr wahrscheinlich demnächst ohne uns.

Mittwoch: Auch die Frage der richtigen Ernährung gewinnt in der aktuellen Debatte zunehmend an Bedeutung.

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Während die Rufe nach Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes eindringlicher werden, wird die weitere Vermehrung der Menschen als naturgegeben hingenommen. Wäre das nicht etwas, wo man auch mal ansetzen müsste: Kondome fürs Klima statt Brot für die Welt, oder ist das zu radikal gedacht? Aber vielleicht erledigt sich das ohnehin bald von selbst.

Donnerstag: Die Nacht hatte ich im Traum Gelegenheit, ein paar Sätze mit Max Goldt zu sprechen, anlässlich der Vorstellung seines neuen Buches. Er hörte sich mit freundlicher Geduld mein Geschleime an („Wie Sie mit der Sprache spielen … und dann diese genialen Überleitungen jedesmal … einfach großartig.“) Wenigstens verzichtete ich darauf, ihm mit Verweis auf dieses Blog mitzuteilen, dass ich auch gelegentlich was schreibe, ihm womöglich gar den Link auf einen Zettel zu schreiben, den er dann, nachdem er aus meinem Blickfeld verschwunden wäre, sofort in den nächsten Papierkorb entsorgt hätte, völlig zu recht.

Inseltag – das heißt: ein einzelner Urlaubstag ohne besonderen Anlass, einfach nur so für mich. Ich habe beschlossen, ab sofort jeden Monat, in den kein regulärer Urlaub fällt, einen Inseltag einzulegen. Für heute war ursprünglich eine weitere Wanderung durch die Wahner Heide geplant. Da dies die An- und Abreise mit der Deutschen Bahn erfordert hätte, was Herr Weselky und seine Bonusmitglieder momentan unterbinden, wurde spontan umgeplant. So fuhr ich morgens mit der unbestreikten Stadtbahn nach Rhöndorf, von wo aus ich eine Runde durch das Siebengebirge machte, die schon seit geraumer Zeit als „geplant“ in meiner Komoot-Liste stand. Bereits die ersten Kilometer den Großen Breiberg hinauf waren sehr anstrengend, ich schnaufte wie eine Güterzugdampflok der Baureihe 044, kurz bevor sie mit einem Dreitausend-Tonnen-Zug wegen Dampfmangels vor Dransfeld liegenblieb. Nach kurzer Pause, während der der innere Heizer einige Schippen Kohle nachgeworfen hatte, ging es weiter; in der Breiberghütte hinterließ ich schließlich im Hüttenbuch ein paar Zeilen.

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Danach ging es deutlich unanstrengender weiter. Besonders idyllisch ist das Tretschbachtal:

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Zurück in Rhöndorf die angemessene Belohnung:

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Aus der Zeitung: „Menschen, die sich aus ganz persönlichen Gründen nicht impfen lassen wollen, aber nur über ein geringes Einkommen verfügen, werden mit dem Ende der Gratis-Tests sehr stark belastet. Für sie sind zusätzliche Kosten von zehn oder 20 Euro in der Woche eine kaum zu schulternde Belastung“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Ja. Das ist dann eben so. Und?

Freitag: „Ich muss eben meinen Sohn in die Kita werfen“, sagte einer von unterwegs in der Telefonkonferenz, woraus sich interessante Bilder ergeben.

Samstag: Finde den Fehler.

(General-Anzeiger)

Auch wenn jetzt Sommer ist – erwachsene Menschen, die barfuß durch die Innenstadt gehen, erscheinen mir eher etwas seltsam.

Andererseits – Mit jedem Tag nimmt meine Bereitschaft, mich über Dinge oder Menschen zu wundern oder gar aufzuregen, ein kleines bisschen ab.

Sonntag: Das waren die schönsten Sommerferien seit langem – alle anderen Hausbewohner waren auf Reisen: kein Getrampel von oben, kein Geschwätz von unten, keine Kochgeräusche und Kindergeschrei von nebenan. Jetzt, wo sie alle wieder da sind, wird es höchste Zeit für eigene Urlaubserwägungen.

(Beim Gehen gesehen / Nähe Bonn-Schwarzrheindorf)

Kommen Sie gut durch die neue Woche!