Woche 14/2023: Posende PS-Äffchen und Ankunftsgetränk in der Außengastronomie

Montag: Die Bürger von Paris konnten gestern darüber abstimmen, ob man in ihrer Stadt weiterhin Elektroroller mieten können soll. Die Beteiligung war gering, das Ergebnis eindeutig: Fast neunzig Prozent der Abstimmenden stimmten für die Abschaffung. Das ist bedauerlich für all diejenigen, die für sich in den Rollern eine Alternative zum Kraftfahrzeug sehen, die damit in angemessener Geschwindigkeit auf den vorgesehenen Wegen und Spuren fahren und sie hinterher so abstellen, dass sie niemandem im Wege stehen. Aber auch nur für die. Ende August werden die Dinger aus dem Pariser Stadtbild verschwinden. Sollte es in Bonn jemals eine solche Abstimmung geben, wüsste ich, wo mein Kreuzchen zu machen ist.

Dienstag: Zu den ersten Geschäftigkeiten eines jeden Tages gehört nach mehr oder weniger erfolgreicher Inbetriebnahme des Körpers ein erster Blick in die Tageszeitung. Dort las ich die Artikelüberschrift »Anzeige nach Raddemo-Vorfall«. Raddemo? Was soll das sein? Eine neuartige Krankheit? Eine Glaubensrichtung? Eine perfide Methode, anderen Geld und Gut abzunehmen? Erst bei weiterem Lesen verstand ich: Es ging um eine polizeiliche Maßnahme während einer Fahrrad-Demonstration am vergangenen Wochenende. Ein Bindestrich wirkt manchmal Wunder.

Ansonsten ging ich dienstagsüblich zu Fuß ins Werk …

Magnolienblütenpracht am Rheinufer

… und wieder zurück.

Abendsonne über Beuel

Mittwoch: Als Wort der Woche hat wohl „beispiellos“ gute Chancen. Jedenfalls kommt kaum ein Pressebericht über den Gerichtstermin eines gewissen Donald Trump ohne seine Verwendung daher.

In Bad Godesberg wird übernächste Woche Samstag von 10 bis 17:30 Uhr ein „Wut-Trainig für Erwachsene“ angeboten, ausdrücklich auch für „Menschen, die wenig bis keine Wut spüren“. Wenn Sie also gerne etwas wütender wären, melden Sie sich gerne wegen der Kontaktdaten.

Übrigens sind hier alle Texte garantiert handgemacht. Sollte zur Erstellung ausnahmsweise eine künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen, wird ausdrücklich darauf hingewiesen.

Donnerstag: Der Tag begann sonnig und nicht mehr ganz so eisig wie die letzten. Auf dem Fußweg ins Werk sah ich an einem Lampenpfahl einen Aufkleber mit der Aufschrift »Freiheit für alle Gelenke« mit jeweils links und rechts einer schwarzen Hand. Wer lässt solche Aufkleber drucken, und warum?

Ansonsten war es nicht nur der letzte Arbeitstag vor Ostern, sondern auch vor einer Woche Urlaub in Avignon, der ich angesichts der derzeitigen Unruhen in Frankreich mit etwas gemischten Gefühlen entgegen sehe. Wird schon, immer optimistisch bleiben und nicht gleich die Katastrophe erwarten.

Die Abendstimmung ist von Reisevorabendunruhe geprägt: Der eine fühlt sich gehetzt und murrt, der andere lässt sich davon anstecken und murrt zurück. Alles wie immer. Nur der Chronist bewahrt bei einem Osterfestbier die Ruhe.

Freitag: Die gereizte Stimmung setzte sich am Morgen zunächst fort, legte sich jedoch mit dem ersten Becher Sekt kurz nach Abfahrt, selbstverständlich nicht für den Fahrer.

An der Tankstelle im Bonner Norden rotteten sich junge Männer zweifelhaften Charakters mit ihren mehr oder weniger auffälligen Autos zusammen, vermutlich zur örtlichen Car-Freitags-Prozession. Passend dazu wurde im Radio „Drive“ von The Cars gespielt.

Davon unbehelligt verlief die Fahrt zu unserem ersten Etappenziel, Beaune im Burgund, entspannt.

Wetter über Dijon

Anschrift an einem Zementwerk bei Dijon: „dijon béton“. Eine reizvolle Melange aus profaner Produktionsstätte und Poesie.

Nach Ankunft unternahmen wir einen Gang durch den Ort, wurden jedoch bald vom Regen in eine Weingaststätte getrieben. Was soll man machen. Abends aßen wir in einem vorzüglichen Restaurant, wo der Liebste Souveränität bei der Weinbestellung bewies: „pour le fish is‘n bisschen strong.“ Mehrsprachig kann er.

Beaune nach dem Regen

Samstag: Die Weiterreise nach Avignon verlief angenehm, mit dem üblichen Stau bei Valence, nachdem uns die künstliche Navigationsintelligenz staumeidend um Lyon herumgeleitet hatte.

Von der Autobahn aus sah man leuchtende Rapsfelder und Lavendel, der bis zur Postkartenblüte noch ungefähr zwei Monate braucht.

Hier in Avignon haben wir eine schöne Ferienwohnung an einem zentralen Platz nahe der Markthalle bezogen. Die Sonne scheint, die Temperatur ist mild, für manche schon Kurzehosenwetter, während ich beim Ankunftsgetränk in der Außengastronomie immerhin den Reißverschluss der Daunenjacke ein paar Zähne öffnete.

Kurz nach Ankunft am Place Pie

Abends beim Essen war vor dem Restaurant ein bizarrer Vorgang zu beobachten: Eine Gruppe Soldatinnen und Soldaten bezog Stellung, mit gezückten Waffen blickten sie in alle Richtungen und verharrten. Nachdem der Feind es vorgezogen hatte, nicht in Erscheinung zu treten, zogen sie weiter. Etwa eine Stunde später wiederholte sich das ganze. Ansonsten blieb es friedlich.

Sonntag: Bereits am frühen Morgen drehte eine Kehrmaschine dröhnend ihre Runden über den Platz, auf dass er in österlicher Reinheit erstrahle. Ich frage mich, warum die Dinger so laut sein müssen. Vielleicht ist das eine gesetzliche Vorgabe, damit niemand in einem unachtsamen Moment, vielleicht abgelenkt vom Datengerät, unter die rotierenden Bürsten gerät. So wie Elektroautos seit geraumer Zeit einen Teil der geladenen Energie in Geräusch umsetzen müssen, wobei ich den Akustikdesignern dankbar bin für das neutrale Surren. Sie hätten stattdessen auch knallende Motoren simulieren können, um posende PS-Äffchen für die Elektromobilität zu gewinnen.

Nach dem Frühstück gingen wir in die Markthalle, wo bereits Rosé gereicht wurde, danach ein wenig durch die Stadt, wie weitere zahlreiche Touristen.

Protest
Handwerkskunst
Lieblingsplatz
Der Mont Ventoux

Einen Teil des Tages verbrachte ich damit, per Whatsapp übermittelte Ostergrußbildchen zu sichten und wegzuwischen. Für sowas müsste es automatische Filter geben.

***

Ich wünsche Ihnen, je nach Glaubensbekenntnis, frohe Ostern oder wenigstens einen angenehmen, möglichst arbeitsfreien Montag. Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 13/2023: Im Übrigen ist mir nicht daran gelegen, Schlachten zu gewinnen

Montag: Trotz Sommerzeitbeginn fiel das Aufstehen am Morgen nicht schwerer als sonst. Auch die persönliche Stimmung blieb ganztägig zufriedenstellend.

Wenig sommerzeitlich zeigt sich das Wetter: Es ist kalt und abwechslungsreich, ab und zu fällt Schneeartiges, etwa als ich mit dem Fahrrad abends nach Hause fuhr, dann scheint wieder die Sonne. Was soll man machen.

Der große, von Verdi und der Bahngewerkschaft ausgerufene Verkehrsmittelstreik blieb dem Vernehmen nach ohne größere Auswirkungen. In Erwartung voller Straßen blieben offenbar viele zu Hause. So geht es auch. Mein Fahrrad fährt erfreulicherweise tarifungebunden, wenn es mal streikt, bringe ich es in die Werkstatt.

In einer internen Mitteilung las ich mal wieder das Wort „Preisanpassung“. Wie häufig kommt es vor, dass ein Preis nach unten angepasst wird? Ist es den Leuten nicht mehr zuzumuten, die Preissteigerung beim Namen zu nennen?

Ein anderes Wort, das in mir stets ein Störgefühl auslöst, ist „verbeamtet“. Man wird zum Beamten ernannt, mit Ernennungsurkunde und Amtsbezeichnung, wenn es gut läuft auf Lebenszeit mit Pensionsansprüchen. Dann ist man beamtet. Aber wieso ver-beamtet? Klingt wie eine irrtümliche oder fehlerhafte Ernennung durch ein Büroversehen. Es ist wohl wie oft: Das sagt man halt so.

Dienstag: Bereits um kurz nach fünf in der Frühe wachte ich aus interessanten Träumen auf, deren Inhalt ich nicht wiedergeben kann, da wie meistens jede Erinnerung daran sich innerhalb von Minuten auflöste. Zudem würde eine Wiedergabe vermutlich keinen erkennbaren Sinn ergeben, wohingegen während des Träumens noch alles logisch und richtig erscheint, Sie kennen das sicher. (Vielleicht denke ich dereinst ähnlich über mein Leben, wenn ich darauf zurückblicke, wer weiß.) Danach schlief ich nicht wieder ein, weil mich ein grundsätzlich angenehmes Gedankengemisch daran hinderte. Hinzu kam eine gewisse Unruhe der Mitschläfer, was ich ihnen nicht vorwerfe.

Ganz anders Frau Kaltmamsell, die da schreibt: »Wieder sehr gut geschlafen. Richtig viel guter Schlaf erreicht Körper- und Seelenstellen – da kommt Urlaub gar nicht hin.« Welch wunderbarer Satz.

Auf dem Rückweg vom Werk kehrte ich auf einen Tee in der Gaststätte am Rheinufer ein, wo ich einmal mehr über einen jungen Mann am Nebentisch staunte, der ununterbrochen auf seine Begleitung einredete. Sie schien es zu mögen. So verschieden sind Menschen.

Zu den akustischen Umweltunerträglichkeiten zählen auch junge Weiber, die bereits aus nichtigen Gründen „Oh mein Goott“ kreischen.

Mittwoch: Mittags wurde der sehr geschätzte Kollegen K. in den wohlverdienten Ruhestand verabschiedet, mit launiger Ansprache des Abteilungsleiters, Verlesung und Überreichung der Zurruhesetzungsurkunde. Wieder einer, der es geschafft hat, ein wenig beneide ich ihn; nicht so dagegen um die Großvaterpflichten, der nun umso mehr auf ihn zukommen. Ich werde ihn vermissen. Nach dem offiziellen Teil wurde billiger Sekt gereicht, der später beim Abteilungs-Jour Fixe ermüdend wirkte, also noch mehr, als mich Jour Fixes ohnehin regelmäßig ermüden; zudem lag er übel im Magen und verursachte unwohlschmeckende Aufstoßer. Der Nachteil einer gewissen Champagnerverwöhnung.

Ein weiterer Beitrag zum Thema Duzen und Siezen: »Ich kann als Chef meine Mitarbeitenden duzen und trotzdem ein Arschloch sein«, sagt darin der Sprachwissenschaftler Horst Simon. Das kann ich bestätigen, wobei der Chef, an den ich dabei sofort denke, nicht mehr im Unternehmen ist.

Donnerstag: Durch die Bezeichnung „Onepager“ für eine Kurzpräsentation gewinnt selbst der trivialste Unfug an Bedeutung.

WordPress schlägt vor, etwas zu nennen, was die meisten Leute nicht verstehen. Bitte sehr: 1) die Relativitätstheorie, 2) Abseits, 3) das Sitzplatznumerierungssystem der Bahn.

Etwas, das ich nicht verstehe, findet sich im aktuellen SPIEGEL, wo der s.Oliver-Chef Bernd Freier zitiert wird: »Ich wache um 4 Uhr auf, schreibe E-Mails und telefoniere mit meinen Managern in Asien, bei denen dann schon Mittag ist. Um 7 Uhr gehe ich aufs Laufband oder stemme Gewichte. Mein Gehirn ist permanent unter Strom, ich rede von früh bis spät und halte in Sitzungen durch, wenn viele schon eingeschlafen sind. Die junge Generation ist anders, die wollen mehr Freizeit. Wenn ich freitagnachmittags über den Parkplatz gehe, steht da kein Auto mehr. Und ab 17 Uhr soll man keine dienstlichen SMS mehr verschicken – wie willst du damit eine Schlacht gewinnen?« Ich empfinde Mitleid mit derart Getriebenen, trotz ihrer Erfolge und aller Befriedigung, die sie für sich aus ihrem Treiben ziehen. Im Übrigen ist mir nicht daran gelegen, Schlachten zu gewinnen. Und schon gar nicht, von früh bis spät zu reden. Vielleicht ein Indiz, dass auch mir im Herzen noch eine gewisse Jugend innewohnt

Freitag: Da Regen drohte und die Drohung wahr machte, fuhr ich mit der Bahn ins Werk. Dort sah ich einen vielleicht zehnjährigen Buben sich die Frisur richten. Immer wieder schaute er sich im Spiegel der Fensterscheibe kritisch an, die Stirn in Falten gelegt, zupfte hier, legte da, korrigierte dort. Ob er am Ende zufrieden war, weiß ich nicht. Ich kenne das, nur fing das bei mir mit etwa achtzehn an, vorher war mir die Frisur weitgehend wurscht. Auch hier ist die Jugend heute weiter.

Auch Pflanzen haben laut Forschung Gefühle, nehmt dies, Veganer: »Der Tomate ist es ganz und gar nicht egal, wenn man ihr an den Fruchtkörper rückt. Auch Tabak, Weizen oder Mais geben demnach Laut, stehen sie unter Stress. Nur dass die Pflanzen damit beim Menschen auf taube Ohren stoßen und ein Mähdrescher ohnedies das letzte Stöhnen aus dem Kornfeld zuverlässig übertönt.«

Samstag: Heute ist der erste April, kein Scherz; somit ist das erste Vierteljahr bereits wieder Vergangenheit. Erschreckend.

Bereits am frühen Morgen machten der Liebste und ich uns auf ins niedersächsische Dransfeld, wo Tante und Onkel zum jeweils achtzigsten Geburtstag geladen hatten. Nach störungsfreier Autofahrt kamen wir gegen elf an, kurz darauf trafen die anderen Gäste ein. Alle waren gekommen: meine Mutter, mein Bruder nebst Gattin, alle noch lebenden Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, die ich teilweise seit vielen Jahren nicht mehr gesehen habe, ein jeder und eine jede wie ich auf ihre Art gealtert. Dazu eine Schar an Kindern, die zu benennen und den jeweiligen Eltern zuzuordnen mir kaum möglich war. Es wurde gegessen, getrunken, gesprochen, gelacht und erinnert. Alles in allem eine ganz wunderbare Zusammenkunft, die es in dieser Form und Vollständigkeit womöglich nicht wieder geben wird. Obwohl ein eher sozialphlegmatischer Mensch habe ich das frühe Aufstehen an diesem Morgen kein bisschen bereut.

Erkenntnis: Auch in Verwandtschaftskreisen wird dieses Blog gelegentlich zur Kenntnis genommen. Das freut mich und wird bei künftigen Einträgen berücksichtigt.

Sonntag: Bereits am frühen Morgen lärmten auf dem Flur unserer Unterkunft Amerikaner. Die sind wirklich überall, sogar in Südostniedersachsen.

Nach Rückkehr in Bonn am frühen Nachmittag holte ich den sonntagsüblichen Spaziergang nach. Zur Abwechslung ist es wieder kühler geworden, „der Wind ist frisch unterwegs“ sagt die Frau im Radio. Immerhin ist das Frühlingsergrünen und -blühen hier gegenüber dem östlichen Niedersachsen deutlich fortgeschritten. Die Zierkirschblüte in der Inneren Nordstadt hat begonnen, bis jetzt nur die früheren Sorten in einigen Nebenstraßen, was schon die ersten Blütenkucker und Selfiesüchtigen anlockt. Die Bäume in Heer- und Breitestraße zeigen nur rötliche Knospen. In schätzungsweise ein bis zwei Wochen werden sie wieder zu den inzwischen weltberühmten Blütentunneln erblühen und Touristen mit Datengeräten aus aller Welt anlocken.

Archivbild aus dem Vorjahr – offenbar war es da auch kühl, wie die Fellkapuze rechts ahnen lässt
Auch in der Inneren Nordstadt – was mit Liebe

Noch immer sieht man Radfahrer mit angelegter Schutzmaske im Gesicht. Vielleicht wollen sie einfach nicht erkannt werden, wenn sie unter Missachtung aller Verkehrsregeln durch die Stadt sausen.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die FDP verboten werden muss. (Das hatte ich vergangene Woche vergessen.)

***

Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 12/2023: Polyamore sind keine chemische Verbindung in der Kunststoffproduktion

Montag: Dass der Internationale Glückstag auf einen Montag fällt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Gleichwohl: Wenn man als Minimaldefinition für Glück das Ausbleiben von Unglück gelten lässt, war der Tag trotz in beruflicher Hinsicht bemerkenswerter Antriebslosigkeit durchaus als geglückt zu bezeichnen.

Dienstag: Wie der Weltklimarat mitteilt, steigt die Temperatur schneller als erwartet, was wohl nur wenige wundert. Als eine Lösung wird die beschleunigte Elektrifizierung genannt. Ich habe Zweifel. Wir sind bereits jetzt komplett abhängig von elektrischem Strom, ohne ihn funktioniert nichts mehr: Lebensmittel-, Trinkwasser- und medizinische Versorgung, Heizung, öffentliche Verkehrsmittel, Warenlieferungen, Tik Tok. Wie sich ein längerer flächendeckender Stromausfall auswirken könnte, ist eindrucksvoll im Roman „Black Out“ von Marc Elsberg dargestellt. – Eine bessere Lösung weiß ich allerdings auch nicht. Verbrennungsmotoren und die Rückkehr zur Dampfmaschine sind wohl keine.

Doch sorget euch nicht: Europas Automarkt erholt sich weiter, wird gemeldet. Der Markt regelt es. Jedenfalls so lange, bis demnächst die Natur übernimmt.

Die Zeitung berichtet über fünfzig leerstehende städtische Immobilien in Bonn. Direkt daneben ein Artikel über eine Initiative gegen Obdachlosigkeit. Da hätte ich eine Idee.

Mittwoch: Eine halbe Stunde vor der planmäßigen Aufstehzeit aufgewacht, wegen Arbeitskram im Kopf nicht mehr eingeschlafen. Das kommt zum Glück nur selten vor. Ich werde das demnächst durch eine etwas ausgedehntere Mittagspause ausgleichen.

Die Lurche sind wieder in Liebeslaune, was nicht ganz ohne Konflikte mit einer anderen, ganzjährig vermehrungswilligen Spezies bleibt. Dazu die Zeitung: »Autos nehmen Fröschen die Vorfahrt« – Das wirft die Frage auf, womit Frösche zur Kopulation fahren. Vielleicht mit dem Amphibienfahrzeug.

Oder das hier: »Ich heiße Katharina M. und bin in meiner journalistischen Arbeit in zweierlei Funktion unterwegs. Als Autorin (weniger Zeit im Jahr) pitche ich Themen.« Gelesen in einem Newsletter für besseres Schreiben, wo man derartige Sätze eher nicht vermutet. Zur Versöhnung wird im selben Text verlinkt auf einen lesenswerten Artikel über Polyamore, was zunächst wie eine chemische Verbindung in der Kunststoffproduktion klingt, aber eine menschliche Verbindung beschriebt. Immerhin.

Donnerstag: Inseltag. Da die Wetteraussichten trocken waren, holte ich die Wanderung durch Vorgebirge und Ville nach, die ich im vergangenen Jahr wegen mangelhafter Wanderschuhe und daraus resultierenden Blasen abgebrochen hatte. Angelegt hatte ich sie in Komoot von Bonn bis Brühl, davon ausgehend, sie wegen der Länge von 37 Kilometern wahrscheinlich vorher zu beenden und mit der mehr oder weniger parallel zur Wanderstrecke verkehrenden Stadtbahn zurückzufahren. Die ersten drei Kilometer durch die äußere Nordstadt sind alles andere als pittoresk: Verkehrsgebrause, schmuddelige Gewerbegebiete, die Gesichter unfroh. Doch dann erreicht man das Messdorfer Feld, der Blick wird weit, vogelgesangbegleitet. Im weiteren Verlauf durchquerte ich recht idyllische Orte, Felder und viel Wald; auf langen Strecken begegnete mir kein Mensch, und wenn doch, grüßte man sich. Ab einer bestimmten – mir fällt nicht das passende Wort ein für geringe Dichte. Undichte? Jedenfalls irgendwann grüßt man sich bei Begegnungen, bis die Dichte wieder steigt und man grußlos aneinander vorübergeht. Wie in der Fußgängerzone, wo ständiges Grüßen äußerst unpraktisch wäre und zu großem Gemurmel führte.

Ich schaffte es immerhin bis Walberberg, nur wenige Kilometer vom Maximalziel Brühl entfernt. Es reichte: Beine und Füße waren deutlich zu spüren. Es war mir ein Vergnügen, und doch angenehm, als ich sitzen konnte.

Das Messdorfer Feld
Ein besonders eindrucksvolles Moospolster
Birken – mein Lieblingsbaum
Da haben die Kollegen ganze Arbeit geleistet
Autsch
Allee oberhalb von Bornheim
Unendliche Weiten bei Merten mit dem Siebengebirge im Hintergrund (Pfeil)
Berggeistweiher bei Walberberg
Waldhumor
Huflattich sieht man auch nur noch selten

Freitag: Gleichsam als Nachtrag zu gestern hat sich unter der linken Fußsohle eine größere Blase gebildet. Vielleicht sollte ich künftige Wanderungen auf maximal zwanzig Kilometer Strecke begrenzen.

Es gibt laut interner Mitteilung einen neuen „Chief of Customer Service & Strategy […] Deutschland“. Es fällt nicht immer leicht, die Dinge ernstzunehmen.

Aus Kurt Kisters Wochenkolumne:

Die damalige SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles, der das Entstehen der Wahrheit auf der Basis subjektiver Annahmen nicht fremd war, sang 2013 am Rednerpult im Bundestag mal: „Ich mach mir die Welt, wide, wide, wie sie mir gefällt …“ Dieses Pippi-Langstrumpf-Lied soll nach Aussagen von Zeitzeugen auch als geheimes Zusatzprotokoll in den Koalitionsvertrag der Ampel übernommen worden sein.

[…]

Das Sich-beleidigt-Fühlen ist das epochendefinierende Kriterium der Zeit, in der wir gerade leben.

Aus: Deutscher Alltag

Samstag: Gestern Abend, nach Rückkehr aus dem Wirtshaus, schauten wir Fernsehen. Erst die heute-Show, dann Böhmermanns ZDF Magazin Royale. Letzteres war gestern sehr außergewöhnlich: Zu sehen war nicht Jan Böhmermann im Anzug am Schreibtisch, musikalisch begleitet vom Rundfunk- und Tanzorchester Ehrenfeld. Stattdessen sah man Dieter Nuhr auf seiner donnerstäglichen ARD-Bühne. Er sah etwas älter aus, die Haare grauer als sonst, ansonsten wie man ihn kennt. Verwundert schaltete ich hin und her, vielleicht hatte ich mich im Programm vertan, nach ein paar Kölsch kann das passieren, aber nein, auf ZDF lief Nuhr im Erst … nein, erst jetzt bemerkte ich: Dort stand »Nuhr im Zweiten«. Also doch Böhmermann. Der leicht ergraute Dieter Nuhr war nicht nämlicher, sondern Sebastian Rüger, der ihn nahezu perfekt imitierte. Das gilt auch für Sophie Berger, die als „Milli Probst“ die beim echten Nuhr regelmäßig auftretende Lisa Eckhard darstellte, wenn auch mit dunklen Haaren, ansonsten trefflich.

Dieter Nuhr und Lisa Eckhard sind umstritten, weil sie regelmäßig über Themen mit hohem Beleidigungs- und Empörungspotential wie Gendern, Veganer, kulturelle Aneignung und Klimakleber lästern. Das anzuprangern war Böhmermanns Anliegen, der selbst gestern nur ein paar mal kurz im Publikum zu sehen war und ansonsten nicht in Erscheinung trat.

Ich gestehe: Ich mag Dieter Nuhr, schaue mir nicht regelmäßig aber doch hin und wieder seine Sendung an. Lisa Eckhard finde ich zwar speziell-eigenartig, indes ganz amüsant. Vermutlich, weil ich ein alter, weißer Spätboomer bin, der Gendersternchen als unschön empfindet, Fleisch isst, nichts daran verwerflich findet, wenn sich Menschen zu Karneval als Indianer oder Bayern verkleiden und manche Aktionen der Letzten Generation als der Sache schadend ansieht, wie kürzlich den abgesägten Baum vor dem Bundeskanzleramt. Nuhr „rechten Humor“ vorzuwerfen, wie etwa hier, finde ich übertrieben.

Die Böhmermann-Sendung gestern hat mir dennoch gut gefallen. Inhaltlich unterschied sie sich nur wenig vom Original, hier und da etwas überzogen; die Nuhr- und Eckhard-Darsteller machten ihre Sache jedenfalls grandios, siehe oben oder in der ZDF-Mediathek. Ich bin gespannt ob Dieter Nuhr darauf reagiert, und wenn, wie.

Fundsache zur bevorstehenden Zeit-, Verzeihung: Uhrenumstellung:

Sonntag: Nun also wieder Sommerzeit. Dazu ist alles Wesentliche gesagt und geschrieben, daher beklage ich diesen Unfug nicht und hoffe weiterhin darauf, dessen Abschaffung noch zu erleben. Ohnehin entfaltet sie erst ab morgen ihre missliche Nebenwirkung, heute haben wir einfach weitergeschlafen.

Regenbedingt fiel der Spazierganz heute kürzer aus. An eine Wand hat jemand »MIBA SENIL GERNE« gesprüht, was auch immer das zu bedeuten hat. Ein Erklärungsversuch: MIBA ist der Name einer Fachzeitschrift für Modelleisenbahner. Ein Hobby, dessen Ausübung durch eine gewisse Senilität kaum eingeschränkt wird, vielleicht ist sie gar förderlich, um es besonders gerne zu betreiben. (Bevor man mich nun der Altersdiskriminierung bezichtigt: Ich habe selbst eine Modelleisenbahn.)

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, kommen Sie gut in die Sommerzeit.

Woche 11/2023: Ein bisschen Störgefühl und explodierende Baugenehmigungen

Montag: Das Wort zum Montag las ich hier bei Herrn S.: »Hin und wieder tut er einfach so, als würde er sich über irgendeinen Stuss aufregen, redet dann einfach auch mal empört daher. Sonst denken die Leute, man ist keiner von ihnen. Gerade auf Arbeit ist das wichtig.« Besser kann man das Leid der beginnenden Arbeitswoche kaum auf den Punkt bringen.

Worüber ich mich nicht mehr aufrege sind Kollegenanfragen per Teams-Chat, wann ich Zeit hätte, um über irgendeinen Stuss zu sprechen, anstatt kurz in den Outlook-Kalender zu schauen und eine Einladung zu senden. Überhaupt ignoriere ich Teams-Chatnachrichten grundsätzlich; ich benötige neben Mail und Telefon (und zwar in der Reihenfolge) keinen weiteren Kommunikationskanal.

Nach Rückkehr von der Mittagspause roch es in der Eingangshalle des Werks nach nassem Hund. Ein Geruch, der sich mir, obwohl nie Hundebesitzer, eingeprägt hat: Im Schwiegerelternhaus lebte die Labradordame des Liebsten. Aika, so ihr Name, zeichnete sich nicht nur durch nahezu unerschütterliche Gutmütigkeit aus, sondern auch durch ihre Vorliebe für Gewässer aller Art. Näherte man sich mit ihr unangeleint einem Teich, Bach oder einer Pfütze, war sie nicht davon abzuhalten, sich in die Fluten zu stürzen und darin zu toben. Bis sie des Tobens müde zurückkehrte, nass und mit Entengrütze im Fell, und sich erst in unmittelbarer Nähe des Menschen ausgiebig schüttelte. Dementsprechend roch es in dem Haus, noch lange nach ihrem Ableben. Woher der Geruch heute Mittag kam, war nicht zu ergründen, er bestärkte mich indessen darin, vorerst weiterhin von Hundehaltung Abstand zu nehmen.

Dienstag: Bonner Oper und Schauspielhaus erhalten laut Zeitung nunmehr vierzig Millionen Euro jährlich an städtischen Zuschüssen. Vierzig Millionen, damit eine relativ kleine Bevölkerungsgruppe sich angemessen vergnügen kann. Zu recht, befindet ein Kommentator, schließlich seien die Besucher nicht nur Angehörige elitärer Kreise. Das schließt er daraus, dass das Garderobenpersonal an Opernabenden nicht unter der Last schwerer Nerzmänteln ächze und im Parkhaus nicht nur Porsches stünden. Was man auch mit vierzig Millionen Euro im Jahr tun könnte: vier bis fünf Vorstandsmitglieder von Dax-Konzernen vergüten. Auch darüber rege ich mich nicht mehr auf, ich merke nur an.

Porsche meldete übrigens für das vergangene Jahr eine Steigerung des operativen Ergebnisses um mehr als siebenundzwanzig Prozent. Ich will jetzt nicht schon wieder auf der FDP rumhacken, die kann da vermutlich nichts für. Jedenfalls läuft irgendwas schief.

Ich empfinde es immer wieder als Privileg, bei Bedarf zu Fuß ins Werk gehen zu können. Heute hatte ich Bedarf.

Was Positives: Heute ist Steak-und-Blowjob-Tag, das sollten Sie wissen, Allgemeinbildung ist so wichtig. Für mich gab es indessen mittags Currywurst, geblasen hat nur der Wind ums Mutterhaus, und zwar ziemlich heftig.

Abends fertigte ich einen Tagebucheintrag über das Wetter und menschliche Launenhaftigkeit, den ich hier nicht wiedergeben kann. Ich bitte um Verständnis.

Mittwoch: Für nächste (das heißt, wenn Sie es lesen: diese) Woche Donnerstag einen Inseltag gebucht. Das hebt schon jetzt (da ich es schreibe) die Laune deutlich.

Heute ist Internationaler Tag zur Bekämpfung der Islamfeindlichkeit. Ich bin kein Feind des Islams, doch ich gestehe: Ich misstraue ihm. So wie ich dem Christentum und überhaupt allen Religionen misstraue. Es ist mir rätselhaft, warum derart viele Menschen deren Verheißungen und Märchen Glauben schenken und im Namen dieses Glaubens anderen, die nicht oder anders glauben, die Kehle durchschneiden oder sie auf dem Scheiterhaufen rösteten. Oder ihnen das Recht aberkennen, zu lieben, wen sie wollen. Der Staat muss sich davon fern halten, er darf das nicht unterstützen. Das heißt nicht, dass Religionsgemeinschaften verboten werden müssen. Wenn sie sich treffen wollen, um ihren Gott oder wen auch immer zu preisen, sollen sie das tun. Modelleisenbahn-, Folklore- und Schützenvereine sind ja auch erlaubt, wobei es bei letzteren schon fragwürdig ist, dass sie zur Ausübung ihres Hobbys, das absurderweise als Sport anerkannt ist, scharfe Waffen benutzen dürfen.

Abends wurde ich gefragt: „Kubicki? Haben Sie was mit dem Politiker zu tun?“ Antwort: „Nein. Und wenn, würde ich es nicht zugeben.“

Donnerstag: Deutschland verpasst im Verkehrssektor die Klimaziele, wer hätte das gedacht. Dazu der zuständige Verkehrsminister: „Die Antriebswende ist eingeleitet und ihr Hochlauf nimmt immer mehr zu.“ Zunehmender Hochlauf – dann kann ja nichts mehr schief gehen.

Gehört in einer Besprechung: „Ich hab da ein bisschen Störgefühl.“ Wer nicht, lieber Kollege, wer nicht.

Jedes Jahr freue ich mich erneut an diesem Tag, da Gummar Namenstag hat. Gesetzt den Fall, jemand heißt wirklich so: Wie oft im Leben mag er wohl, während er still seine Eltern verflucht, sagen: „Nein, mit Doppelemm in der Mitte“?

Aus einem Zeitungsartikel: »Immer wieder gibt es Streit und Diskussionen über die Anerkennung von Sportarten. Darts, Schach, eSports – Wir haben Spieler aus der Region mit den Vorwürfen konfrontiert.« Abgesehen von der durchaus berechtigten Infragestellung erscheint die Wortwahl fragwürdig, wenngleich mittlerweile allgemein üblich. Warum bezeichnen die Medien fast jede Meinungsverschiedenheit immer gleich als Streit? Und wieso Vorwürfe? Was ist den Leuten vorzuwerfen, die den oben genannten Beschäftigungen nachgehen? Laut dem Bericht erkennt der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) eSports nicht als Sport an, da ihm »ein gemeinnütziger und demokratischer Ansatz« fehle; weiter: »Gewinnorientierte, global agierende Unternehmen stünden im Vordergrund und würden allein über Regeln, Inhalte und Spielformen entscheiden.« Aha. Demnach wäre Fußball auch kein Sport, oder was ist die FIFA anderes als ein gewinnorientiertes, global agierendes Unternehmen, das über alles entscheidet? Sportschützen und -angler werden in dem Artikel übrigens nicht erwähnt. Denen wäre durchaus einiges vorzuwerfen.

Freitag: Aus logistischen Gründen, die darzulegen Ihnen erspart sei, fuhr ich morgens mit der Bahn ins Werk. Mir gegenüber saß ein etwa zwölfjähriger Junge, der mit einem Zauberwürfel beschäftigt war, was man nur noch selten sieht. Er ging dabei mit unglaublicher Geschwindigkeit und Fingerfertigkeit vor, nur kurz vor dem Ziel scheiterte er zunächst und begann von vorne. Fast war ich geneigt, ihn zu fragen, ob ich es mal versuchen darf. Am Ende, kurz bevor er mit seiner Begleiterin ausstieg, gelang es ihm, die Farbenreinheit des Würfels herzustellen, zufrieden packte er ihn in den Rucksack. Ich war beeindruckt. (Beim Aufschreiben war mir so, als hätte ich sowas hier schon mal geschrieben. Und richtig: Im April 2018 notierte ich eine ähnliche Beobachtung.)

„Hat noch jemand einen Nachbrenner?“, so die Frage am Ende einer Besprechung. Was soll das sein? Eine Spirituose? Oder eine Flatulenz?

Samstag: »Baugenehmigungen brechen zu Jahresbeginn ein« titelt die Zeitung. Bei wem und ob sie etwas gestohlen haben, blieb offen.

Ein neues Wort gelernt, gelesen auf einer Erklärungstafel zu einem städtischen Beet am Rheinufer: „Trittsteinbiotop“. So kann man einen geschotterten Vorgarten auch bezeichnen.

Anschrift an einem Schaufenster: »Stricken und Drucken für Bonn«. Neben Menschenketten für den Frieden und Laufen gegen den Hunger nun auch noch das.

Sonntag: Ich habe den Eindruck, die örtliche Rabenpopulation hat in letzter Zeit stark zugenommen. Oder sie „explodiert“, wie die Presse schreiben würde; vermutlich können sogar Baugenehmigungen mit lautem Knall explodieren. Zurück zu den Raben, sie sind mir sehr sympathisch. Das mag früher, also so richtig früher, nicht dieses Siebziger- oder Achtziger-Früher, anders gewesen sein, da wurden sie wegen ihrer Schwärze als Vorboten von Tod und Verderben gehalten*. Wer mag es den Leuten verdenken, wenn sie alles glaubten, was man ihnen erzählte. Es gab ja noch kein Internet.

*Unbelegte und -recherchierte Behauptung

Zum Schluss noch ein paar Bilder der Woche:

Irgendwann wird mich meine Pareidolie in den Wahnsinn treiben
Auch eine repräsentative Adresse entscheidet häufig über den Geschäftserfolg eines Unternehmens.
Mehr Bio ist kaum denkbar, allerdings nur für größere Wohnungen mit toleranter Nachbarschaft empfehlenswert

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die FDP verboten werden muss.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Gehampel und Glücksgefühl

Nachdem hier in letzter Zeit fast ausschließlich Wochenrückblicke erscheinen, heute mal wieder ein Aufsatz ohne tagesaktuellen Bezug. Das nachfolgende Textlein schlummerte schon seit längerem in den Entwürfen, höchste Zeit, es in des Netzes Weiten zu entlassen.

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Etwas, wozu ich nur noch selten, viel zu selten komme ist Tanzen. Also nicht als Paar: langsamer oder schneller Walzer, Tango, Cha Cha Cha, Foxtrott, all dieses Gehampel, das man mir in der Jugend erfolglos samstagnachmittags in der Tanzschule beizubringen suchte; noch immer denke ich mit Grausen an diese Zeit zurück und an das Glücksgefühl, als nach Grundkurs und Abschlussball diese wöchentliche Pein für mich überstanden war. Ohnehin besuchte ich die Tanzschule nur aus Gruppenzwang und auf mütterliches Flehen, aus mir selbst heraus wäre ich nie auf die Idee gekommen. Bis heute meide ich Aufforderungen zum Tanz, weil ich es nicht kann und nicht will; ebensogut könnte man mich zum Fußballspielen einladen oder vorschlagen, mir mit einem Hammer auf den Daumen zu hauen.

Was ich meine: Ich möchte mal wieder tanzen, alleine mit vielen auf einer Tanzfläche, zu Oasis, New Order, Tears For Fears. Am besten etwas, das ich mitsingen kann, wobei da nicht viel in Frage kommt, da mich Liedtexte nie interessierten und ich sie zumeist nicht verstehe, weder die englischen noch viele deutsche. „Bochum, ich komm aus dir, Bochum, ich häng an dir, aaafrika …“ Egal, Mitsingen macht auch Spaß, wenn es überhaupt keinen Sinn ergibt, jedenfalls solange keiner zuhört. „Sorry for the rock“ statt „Solid like a rock“. Ganz egal, Hauptsache es rockt. Mich im Takt der Musik bewegen, mich fallen lassen im Rausch des Klanges. Auch wenn es vielleicht komisch aussieht, ich weiß, ich bewege mich nicht gerade elegant (weshalb mich mal wer als „Bewegungslegastheniker“ bezeichnete), auch das ist egal, ich muss in der Menge der Tanzenden niemandem gefallen.

Die Zeiten regelmäßiger Tanzgelegenheiten sind lange vorbei, lange bevor Corona alles durcheinanderbrachte. Längst schon fuhren wir an den Wochenenden nicht mehr regelmäßig nach Köln zu irgendwelchen Partys, was ich keineswegs beklage; mit dem Fortschreiten der Jahre steigt das Ruhebedürfnis und man setzt andere Schwerpunkte. Und doch wäre es mal wieder schön.

Wobei, das letzte Mal ist noch gar nicht so lange her, das war am Sonntag nach dem Godesberger Karnevalszoch, als wir vereinsintern noch ein wenig in der Stadthalle nachfeierten. Zwischen den üblichen Karnevalsliedern und zweifelhaften Schlagern („Der Zug hat keine Bremse“) spielte der Musikbeauftragte immer wieder Hits der Achtziger, meiner großen Fetenzeit. Das war fast so schön wie früher, auch wenn es ganz sicher wieder komisch aussah. Das macht nichts. Hauptsache Glücksgefühl.