Montag

Eigentlich ein typischer Montag: Letzte Nacht schlecht geschlafen, oft aufgewacht, wirres Zeugs geträumt, geschwitzt, heute Morgen dann mit gesundem Widerwillen aus dem Bett. An der Bahnhaltestelle die Anzeige, die nächste Bahn komme erst in vierzehn Minuten, sonst kein Hinweis auf Störungen oder ähnliches. Kurz überlegt, die zehn Minuten zum Hauptbahnhof zu gehen und eine andere Bahn zu nehmen, aber wozu, das Wetter war schön und ich hatte es nicht eilig, ins Büro zu kommen, gelobt sei die Gleitzeit.

Der Arbeitstag war ohne besondere Ereignisse, müde halt, wie fast jeder Montag. Ich weiß, morgen ist das wieder anders, Körper und Geist brauchen einfach einen Tag, um vom natürlichen (Wochenend-) auf den erzwungen (Arbeitstags-) Rhythmus umzustellen, das war bei mir schon immer so und ist ausnahmsweise mal keine Alterserscheinung. Und das schöne ist, jeder Arbeitsmontag geht vorbei, so lange er mir auch vorkommen mag.

Und doch sind es meistens die kleinen spontanen Freuden, die das Leben erfreulich machen. Heute war es die Frage unserer Nachbarin, ob wir Lust hätten, mitzukommen in unseren Lieblingsbiergarten. Es gibt Orte, die ich als magisch bezeichne (ich glaube ich erwähnte das schon mal), Orte, an denen ich mich im Hier und Jetzt fühle, ohne dass die Gedanken schon wieder, wie so oft, ganz woanders sind. Ein solcher Ort ist dieser Biergarten,nicht nur, weil es dort bayrisches Bier und Weißwurst gibt, sondern weil er einfach schön ist: unter hohen Kastanien, direkt am Rhein.

So gesehen doch noch ein schöner Montag.

IMG_0804

Weltuntergang

Wie aus Mayakreisen verlautet, wird am 21. Dezember dieses Jahres die Welt untergehen. Gewiss, bislang hat sich die Welt über derartige Ankündigungen hinweggesetzt und sich einfach weiter gedreht, etwa am 31. Dezember 999 (Papst Silvester zwo), 1. Februar 1524 (diverse Astronomen), 22. April 1959 (Sekte der Davidaner), 31. Dezember 1999 (Joseph Kibweteere); auch diverse Ankündigungen der allseits beliebten Zeugen Jehovas konnten unserer Erde bislang wenig anhaben.

Kleinere Weltuntergänge mit nur marginalen Auswirkungen auf das Gesamtgefüge hat es bis in die jüngste Vergangenheit immer wieder gegeben, zum Beispiel der Abstieg des 1. FC Köln in die zweite Bundesliga (Anm. d. Verf.: Ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas mal schreiben würde), für Thomas Gottschalk nach Absetzen seiner Talkshow in der ARD, und für die FDP, die an ihrem Untergang gerade fleißig arbeitet, wobei nicht klar ist, ob sie es noch vor dem 21. Dezember schafft.

Auch für mich ereigneten sich schon Teil-Weltuntergänge, etwa als die Band Oasis ihre Auflösung bekannt gab, was sich im Nachhinein jedoch als halb so schlimm erwies, da sie kurz darauf wieder auferstand, gleich doppelt in Form von Beady Eye und High Flying Birds, beide klingen wie einst Oasis, alles ist wieder gut, ALDI Nord und ALDI Süd des Britpop, wenn man so will.

Ich bin mir sicher: Dieses Mal klappt es, am 21. Dezember gehen die Lichter aus, und wir sind live dabei. Was genau dann passieren wird, ist unklar, darauf kommt es auch nicht an; Hauptsache, es passiert. Ich sehe das positiv, so ein Gesamt-Weltuntergang hat durchaus Vorteile.

Nehmen wir das Sterben an sich. Irgendwann müssen wir es alle, dennoch ist der Tod für alle Beteiligten stets mit gewissen Unannehmlichkeiten verbunden, zum einen für den Gestorbenen (gerne wird auch vom „Verstorbenen“ gesprochen; was soll das sein? Man kann sich verfahren oder verschreiben, aber versterben, wie soll das gehen? „Oh, da habe ich mich wohl verstorben, entschuldigen Sie bitte…“), zum anderen noch viel mehr für die Hinterbliebenen, die nicht nur den Verlust eines geliebten Menschen verkraften, sondern auch die fachgerechte Entsorgung seiner sterblichen Überreste sicherstellen müssen. Wie angenehm ist es da doch, wenn wir alle auf einen Schlag ausgelöscht werden, ein gewaltiger Knall und alle sind weg, niemand muss trauern, niemand hat die Lauferei und die hohen Kosten einer Leichenentsorgung zu tragen.

Ich habe bereits alle Vorkehrungen getroffen. Der Job ist gekündigt, mein Erspartes müsste bei nur leicht gesenktem Lebensstandard bis zum 11. Oktober reichen, für den Rest nehme ich einen Kredit auf, Zinssatz egal.

Ich habe einen genauen Plan erstellt, in welcher Reihenfolge der Weinkeller leergetrunken wird. Die Vorräte würden zwar mindestens noch für drei Jahre reichen, aber man muss Opfer bringen, schließlich wäre es schade um jeden Tropfen, der umkommt.

Unangenehmen Verpflichtungen wie Verwandtschaftsbesuche habe ich auf das kommende Jahr verschoben, auch auf die Anfrage meines Freundes Karl, ob ich ihm im Februar beim Umzug helfen könne, habe ich freudig zugesagt.

Selbstverständlich fahre ich über Silvester gerne mit drei befreundeten Pärchen und ihren gar reizenden Kindern nach Oberstorf, zumal meine bisherigen Ausreden von Jahr zu Jahr dünner wurden, und wenn meine Kollegin Christine im April auf die Malediven fliegt, hüte ich gerne ihre Katzen, ist doch selbstverständlich.

Bislang hat noch niemand Verdacht geschöpft ob meiner Zusagen zu Dingen, die ich bislang mied wie der Feingeist das Dschungelcamp, dafür sind mein Ansehen und meine Beliebtheit in letzter Zeit stark gestiegen, ich werde gefragt, gelobt und gepriesen.

Morgen bei der Landtagswahl werde ich die FDP wählen, nur um einmal zu spüren, wie sich das anfühlt.

Sie benötigen hunderttausend Euro, jemanden, der mit Ihrem Hund Gassi geht, einen Sklaven, oder einfach nur jemanden, den sie morgens schon in der Bahn vollquatschen können? Ich stehe gerne zur Verfügung, ab dem 22. Dezember. Anfragen werden schnell und unbürokratisch wohlwollend geprüft.

Und wenn die Welt doch nicht untergeht? Na wer wird denn gleich mit dem schlimmsten rechnen…

An manchen Tagen

Es gibt Tage, da wäre ich gerne anders. Ich wäre dann gerne

jünger
schöner
sozialer
kreativer
makelloser
einzigartiger
interessierter
interessanter
disziplinierter
schlagfertiger
selbstbewusster
weniger mittelmäßig
entschlossener
unvernünftiger
vernünftiger
engagierter
gelassener
sportlicher
haariger
flexibler
witziger
mutiger
wacher
weiser
cooler

Aber dann blühen die Kastanien und Rapsfelder, als täten sie es nur für mich.
Und dann wache ich morgens auf, und du bist immer noch da, für mich.
Dann bin ich glücklich, weil ich einfach nur ich bin.

Ode an den Feiertag

Ich muss pinkeln. Eine Hecke. Ehe ich ihn heraus holen kann, hält ein Polizeiauto, ich muss einsteigen, Verstoß gegen den Wildpinkelparagraphen, Verhör, Zelle ohne Klo, scheiße.

Ich wache auf um kurz nach sieben, zu Hause in meinem Bett, nur ein Traum. Muss immer noch pinkeln. Warte, bis der Blasendruck stärker ist als der Widerwille zum Aufstehen. Quäle mich endlich aus dem Bett, ins Bad, Erleichterung. Bin froh, überzeugter Sitzpinkler zu sein, jedenfalls zu Hause.

Schlurfe zurück ins Bett, hülle mich in die noch warme Decke und schmiege mich an den Liebsten, der nur kurz wohlig brummt und weiter schläft. Regen trommelt an das Fenster.

In einer Viertelstunde geht der Wecker. Aber nicht heute, heute ist Feiertag.

Vom Reisen und Ankommen

Aufgeschrieben am 18. April 2012 in Malaucène, Frankreich; mangels Gelegenheit und WLAN erst heute veröffentlicht

***

Ich habe mich sehr auf diesen Urlaub gefreut und freue mich jetzt, da er endlich gekommen ist, noch immer. Als ich am vergangenen Freitagnachmittag den Rechner im Büro herunterfuhr und das dienstliche Mobiltelefon ausschaltete und in die Schreibtischschublade legte, war von Urlaubsstimmung noch nicht viel zu spüren; immerhin war da das angenehme Gefühl, nun eine Woche ohne Termindruck der Projekte, E-Mail-Terror, unzählige Besprechungen und Telefonkonferenzen vor mir zu haben. Der E-Mail-Eingang war leer gearbeitet und die dringendsten Aufgaben meiner Liste abgehakt. Einem Büroarbeiter wie mir muss das genügen für ein Erfolgserlebnis, im Gegensatz zu einem Schreiner, der abends vor sich sieht, was er tagsüber geschafft hat, einen Schrank, Tisch oder eine Holzvertäfelung.

So verließ ich also das Büro mit gutem Gewissen, und die Gedanken an die Arbeit verflüchtigten sich spätestens in dem Moment, als mich die Drehtür des Gebäudes ausspuckte. Die Trennung von Arbeit und Freizeit ist mir heilig, deshalb blieben Laptop und Diensthandy im Büro. Das ist keineswegs selbstverständlich, viele meiner Kollegen sind der Verlockung erlegen, ihr Blackberry auch privat nutzen zu dürfen, was den Nebeneffekt hat, dass sie ihre dienstlichen E-Mails auch am Wochenende bei sich haben und sie lesen und bearbeiten, manche nehmen ihr Laptop gar mit in den Urlaub. Früher war die Eisenkette Merkmal der Leibeigenschaft, heute ist es die Laptoptasche. Egal, muss ja jeder selbst wissen, sind ja alt genug, die lieben Kollegen. Ich werde diese Trennung jedenfalls weiterhin strikt einhalten, so lange nichts anderes ausdrücklich verlangt wird. Und sollte sich hier die Erwartung meines Arbeitgebers eines Tages ändern, muss ich mir Gedanken machen, ob ich noch den richtigen Job habe.

Nun sind wir also wieder hier, in unserer geliebten Provence, Sonntagnachmittag sind wir angekommen. Es könnte etwas wärmer sein, letzte Ausläufer des Mistrals wehen noch kühle Luft über das Land und um die Häuser, ansonsten ist es schön wie immer, wenn auch nicht so grün wie im Sommer: die Weinreben ragen noch knorrig und nackt aus dem Boden, nur hier und da knospt das erste Grün an ihnen, und die Kirschblüten machen Platz für die ersten Blätter.

IMG_0722

Auch die Reize zweibeiniger Art sind sowohl von ihrer Anzahl als auch von ihrer Intensität her noch vergleichsweise gering, was meinem Streben nach Erholung eher förderlich ist.

IMG_0695

Die Sonne scheint, und der blaue Himmel über den Bergen, Dörfern und Feldern rückt den Büroalltag sowohl räumlich als auch gedanklich in weite Ferne. Wie essen (und trinken) gut, schlafen lange, ich habe endlich Zeit zum Lesen und – wie man sieht – Schreiben.

IMG_0700

Und doch habe ich das Gefühl, noch nicht richtig angekommen zu sein. Alles hier ist schön und vertraut, das Haus, die Stadt, die Leute, die Umgebung, dennoch fühle ich mich müde, und es fehlt das Gefühl, im Hier und Jetzt zu sein, als ob mein Körper hier wäre, meine Gedanken jedoch woanders. Wo, kann ich nicht sagen: weder sind sie im Büro – was das denkbar ungünstigste wäre – noch zu Hause in Bonn. Anscheinend machen sie getrennt von mir Urlaub, unbekannt verreist.

Sollen sie, schließlich sind die Gedanken frei. Dennoch: Falls Sie sie irgendwo antreffen, sagen Sie ihnen bitte, sie mögen unverzüglich herkommen, es bleiben nur noch drei Tage und der Rest von heute, um den Urlaub gemeinsam zu genießen. Vielen Dank!

***

Nachtrag: Einen Tag später trafen auch die Gedanken in Südfrankreich ein, so dass es doch noch ein ganz schöner gemeinsamer Urlaub wurde.