Nicht-Vorsätze für 2017

Jahreswechsel – in diesen Tagen erstellen wieder viele Menschen eine Liste mit Dingen, die sie im neuen Jahr besser, öfter, weniger, gar nicht mehr oder überhaupt endlich machen wollen. Läsen sie diese Liste nach zwölf Monate erneut, stellten sie fest, dass sie nichts von alledem in die Tat umgesetzt haben. Zu ihrem Glück werden sie die Liste jedoch spätestens Ende Februar vergessen haben.

Ich dagegen erstelle traditionell jahresendlich eine Liste mit Dingen, die ich im neuen Jahr nicht angehen, umsetzen, erreichen oder ändern will. Das Erfolgserlebnis am Jahresende ist garantiert. 2017 werde ich nicht:

An Schleimmonster glauben

Mir freiwillig eine Talkshow ansehen

Mir einen Vollbart wachsen lassen

Meinen Mehrtagesbart abrasieren

Meine Skepsis gegenüber der Digitalisierungsverherrlichung ablegen

Pokemon spielen beziehungsweise das, was als Nachfolger die Menschen im Datenfieber irre werden lässt

Mich wegen Überwachungskameras im öffentlichen Raum empören

AfD wählen oder zumindest die Leute verstehen, die das tun

Religionen respektieren

Meinen runden Geburtstag groß feiern

Den Montag zu lieben lernen

Ohne Not etwas bei Amazon bestellen

Rote Fußgängerampeln beachten

Über Karnevalisten lästern

Über Last Christmas lästern

Trotz Trump, Putin, Erdogan und wie sie alle heißen: Die Hoffnung für diese Welt aufgeben

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Und noch ein paar Dinge mehr. Ich wünsche Ihnen allen ein angenehmes Jahr 2017, und schauen Sie ab und zu mal hier herein!

Auch wenn Montag ist

Verfolgt man die Nachrichten, so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, in den letzten Monaten finde ein wahres Prominentensterben statt: Helmut Schmidt, David Bowie, Hans-Dietrich Genscher, Guido Westerwelle, Prince, Mohammed Ali, nun Götz George, um nur einige zu nennen. *

Auch Roger Cicero ist im März gestorben. Ich würde mich nicht als ausgewiesenen Kenner, gar als Fan seiner Musik bezeichnen wollen, nicht mal könnte ich auch nur ein Lied aus seinem Repertoire nennen oder gar vorsingen, wohingegen mehrere Tonträger von David Bowie und Prince meine Sammlung bereichern (hingegen keine von Hans-Dietrich Genscher). So weit ich mich dunkel erinnere, vertrat er mal unser Land beim Eurovision Song Contest, sang irgendwas mit Frauen, war dort nicht sehr erfolgreich damit, zu recht, wie ich damals empfand. „Das ist doch der mit dem Hut“, mehr wäre mir zu ihm nicht eingefallen.

Roger Cicero wurde gerade mal fünfundvierzig. Er soll einem Hirnschlag erlegen sein, plötzlich und unerwartet. Vermutlich gibt es wesentlich unangenehmere Möglichkeiten, aus dem Leben zu scheiden. Jedenfalls für den Scheidenden, nicht für die Hinterbliebenen. Wenn man alt und krank ist, dann darf (oder soll) man sterben, aber doch nicht in der Blüte des Lebens, auf der Welle des Erfolgs.

Im kommenden Jahr werde ich fünfzig. Von schweren Krankheiten blieb ich glücklicherweise bislang trotz einem wohl nicht gerade vorbildlichen, weder veganen, rauchfreien noch abstinenten Lebenswandel verschont. Und wieder einmal erkenne ich: Es hat keinen Wert, viele Überstunden zu machen, die am Jahresende verfallen, sich über Management-Entscheidungen zu ärgern, große Teile des Lebens auf einen Bildschirm starrend zu verbringen, oder zu sagen: Das mache ich später, wenn ich im Ruhestand bin.

Warum muss immer erst einer zu jung sterben, damit ich das zu erkenne? Darum: Genießen wir das Leben, jetzt und heute, auch wenn Montag ist; möglicherweise haben wir nur das eine.


* Soeben erfahre ich, auch Bud Spencer ist tot.

Ode an den Montag

Montagmorgen, sieben Uhr. Bevor der Nachrichtensprecher im Radiowecker einen Satz zu Ende sprechen kann, bringe ich ihn mit einem blind beherrschten Knopfdruck zum Schweigen. Nicht die Schlummertaste – eine in meinen Augen höchst unsinnige Erfindung, sie verlängert das morgendliche Leiden nur unnötig. Ich bin wach, oder – na ja – ich schlafe jedenfalls nicht mehr. Eine neue Woche beginnt, fünf neue Arbeitstage, fünfmal früh aufstehen. Eine grausame Erkenntnis, jede Woche erneut. Noch ein paar Minuten bleibe ich liegen, beklage stumm das Dasein, dann aktiviere ich alle verfügbaren Kräfte, raus aus dem Bett, ins Bad, wo mich zwei müde Augen aus dem Spiegel bedauernd anschauen.

Später lustlos eine Tasse Kaffee und ein Glas Wasser am Küchentisch, mehr bekomme ich um diese Zeit nicht runter, an essen nicht zu denken. Es soll Menschen geben, denen es mühelos gelingt, schon frühmorgens ein ausgiebiges Frühstück im fröhlichen Kreise der Lieben zu genießen. Wie machen die das nur? Stattdessen Trübsal am Küchentisch. Wenn sich die Menschen aufteilen in Eulen und Lerchen, dann bin ich eine Miesmuschel. Montagmorgen ist Mist.

Es hilft nichts, um kurz vor acht muss ich mich unter Menschen begeben, verlasse den Küchentisch und schleppe mich zur Haltestelle der Bahn. Da ist wieder dieser komische Vogel mit dem Käppi, der den Fahrscheinautomaten mit Münzgeld aus einem Blechdöschen füttert und sich einen Einzelfahrschein zieht, jeden Morgen. Warum macht er das? Warum kauft er sich keine Mehrfahrten- oder Monatskarte? Vielleicht sieht er darin ja einen unangemessenen Vorschuss an die Verkehrsbetriebe, dessen Einlösung er sich nicht sicher sein kann, könnte ihn doch noch heute der Schlag treffen. Es gibt solche Menschen.

Im Büro ringe ich mir ein „Guten Morgen“ ab, wissend, dass nichts an diesem Morgen gut ist. Meine um diese Zeit schon gut gelaunten Kolleginnen und Kollegen, allesamt Lerchen, wissen, dass Sprechen für mich um diese Zeit höchste Qual bedeutet, und nehmen Rücksicht darauf, meistens jedenfalls. Nicht nur deshalb mag ich sie, trotz ihrer guten Morgenlaune.

Während der Rechner hoch fährt, gönne ich mir einen Kaffee und einen Biss ins mitgebrachte Bütterchen, so langsam gelingt es mit fester Nahrung. Das Telefon klingelt, Unverschämtheit. Da ich die angezeigte Nummer nicht kenne, ignoriere ich es, soll später noch mal anrufen, oder eine Mail schreiben – oder am besten mich in Ruhe lassen. Mit Desinteresse schaue ich die seit Freitag aufgelaufenen Mails an. Mein Körper sitzt am Schreibtisch, der Geist ist noch nicht angekommen, befindet sich noch im Wochenend-Modus; es fühlt sich an, als sei das Hirn in Bleiwatte gepackt. Verständnislos nehme ich zwei Mails zur Kenntnis, die am Sonntagnachmittag geschrieben wurden. Warum glauben manche Menschen, das tun zu müssen, wissen die am Wochenende nichts mit sich anzufangen?

Neun Uhr dreißig. Die Woche zieht sich. Telefonkonferenz. Man redet gegen die üblichen Störgeräusche an (wobei schon mancher Wortbeitrag quasi ein Störgeräusch ist), mir gelingt es nicht, mich am Gespräch zu beteiligen, dem besprochenen Thema Interesse entgegen zu bringen. Ich nehme eine bequeme Sitzposition auf dem Schreibtischstuhl ein, popele ausgiebig und ziehe Grimassen, ein echter Vorteil der Telefonkonferenz gegenüber einer Besprechung am Tisch. In jeder Hinsicht abwesend, lasse ich meinen Blick schweifen nach draußen, über den Rhein, und wünschte, jetzt dort unten zu sein, am Rheinufer, wo ich mit einem kühlen Getränk den Schiffen zuschauen könnte. Ob so ein Rheinschiffer wohl seinen Beruf liebt? Oder schaut er neidisch zu uns herauf, denkt sich „Die haben es gut in ihren klimatisierten Büros, mit geregelter Arbeitszeit, Fünftagewoche, Kantine und Bonuszahlung“? In der Tat, tauschen möchte ich nicht mit ihm, oder jedenfalls nur ganz selten.

Doch ab etwa sechzehn Uhr wird es besser. Die Aussicht auf den mehr nicht allzu fernen Feierabend lässt die Bleiwatte aufreißen wie ein Sonnenstrahl die Wolkendecke nach einem trüben Regentag. Auf dem Flur ist es ruhiger geworden, die ersten Lerchen sind schon abgezwitschert. Eine gute Stunde später fahre auch ich den Rechner runter mit halbwegs passabler Laune und der Gewissheit, dass es morgen besser wird.

Zu Hause tausche ich den Anzug gegen Laufklamotten, gleich wieder raus, runter zum Rhein, laufe bis zur Nordbrücke und auf der anderen Seite zurück. An manchen Tagen eine Qual, an anderen läuft es richtig gut, fast wie von selbst. Spätestens nach dem anschließenden Brausebad ist die Bleiwatte vollständig aufgelöst. Die Wetterkarte im Fernsehen zeigt die Vorhersage für Freitag an, ein erster Ausblick auf das nun schon etwas näher gerückte Wochenende. Während der Verlesung der Sportnachrichten lese ich, was die Ironblogger in der letzten Woche geschrieben haben. Später ein Glas Rotwein mit dem Liebsten, der Rest vom Wochenende. Dazu ein Abendzigarettchen. Zeitig ins Bett. Glücksgefühl.

Montagabend ist schön.

Über Schwermut

Das elfte Wort des Blogprojekts *.txt stellt mich vor eine Aufgabe, welche zu erfüllen mir schwer fällt: „Schwermut“. Viel las ich bereits über das Thema Depression, Melancholie und Burn Out, auch kenne ich hiervon betroffene Menschen persönlich, doch blieb ich selbst, der sich nahezu wunschlos glücklich schätzt, bislang davon verschont und ich hoffe sehr, dass mir diese Erfahrung auch künftig erspart bleibt.

Nur vage erahnen kann ich daher, wie es sich anfühlen muss, Lebenszeit in schwermütiger Dunkelheit zu verbringen. Etwa an Tagen, an denen nach weingetränkter Nacht die postalkoholische Melancholie Besitz von mir ergreift: Ich wache auf, nass geschwitzt, von diffuser innerer Unruhe erfüllt, Gedanken an tausend Katastrophen, die mich ereilen könnten und so mein bislang krisen- und schicksalsschlagsverschontes Leben jäh aus der Bahn reißen, hindern mich am entspannten Weiterschlafen.

Oder regelmäßig montags. Das Aufstehen am Morgen ist eine Qual, Körper und Geist laufen noch im angenehmen Wochenend-Modus. Doch es hilft nichts: Mails, Telefon und persönlich anwesende Kollegen und Chefs behelligen mich mit Dingen, welche ich am Freitagnachmittag im Büro zurückließ und mit denen zu beschäftigen mir am Wochenende nicht in den Sinn kam. Wie durch Watte aus Blei versuche ich, die angetragenen Anliegen zu verstehen, zu bearbeiten, einer Lösung zuzuführen, überhaupt Interesse für sie aufzubringen.

Auch der Zustand unglücklichen Verliebtseins, welcher mich in jüngeren Jahren mehrfach ereilte, Tage und Nächte erfüllt von um diese eine begehrte Person kreisenden Gedanken, dabei ohne die geringste Aussicht auf Annäherung, vermag eine zeitlich befristete Depression auszulösen; in manchen Augenblicken gar eine ganz schöne, im nächsten Moment, wenn ich den Angebeteten in Begleitung einer anderen Person sah, schmerzhaft wie eine Herdplatte auf Stufe neun.

Doch so wie die Liebe irgendwann wurzelt, wie der Kater am Sonntag irgendwann seine Krallen einzieht und ich mich erneut empfänglich zeige für ein Abendglas, so geht auch der Montag vorüber, und ab Dienstag wird es ohnehin täglich besser.

Nein, zu diesem Thema vermag ich nichts substanzielles beizutragen, was zu beklagen mir aus naheliegenden Gründen fern liegt.

Leben, jagen, kacken

Ein Montag muss nicht beschwerlich sein, jedenfalls nicht, wenn man fernab des Büros in einem Liegestuhl sitzt, umgeben vom Sommer. Im Schatten der Dachterrasse, mit Blick auf die Berge, den Himmel und die Dächer befinden wir uns mittendrin und doch fern von allem. Die Arbeit ist erfreulich weit weg, auch gedanklich.

Leichter, lauer Wind umbläst den Körper, Vögel zwitschern, eine Taube ruft ihr „Bubuubu, bubuubu…“, in der Ferne fröhliches Kindergeschrei, Straßenrauschen und ab und zu Arbeitsgeräusche von den Handwerkern in der Nachbarschaft. Mir wäre es jetzt zu warm zum arbeiten, kann mir kaum vorstellen, diesen Liegestuhl überhaupt jemals wieder zu verlassen. Irgendwann werden mich Hunger, Durst oder die Blase daraus vertreiben, aber das hat noch Zeit.

In einem Spalt des alten Holzbalkens über uns schläft eine Fledermaus, sie hat sich verraten durch die Kotbröckchen auf dem Terrassenboden unter dem Spalt. Wie beneidenswert: den ganzen Tag schlafen und kacken. Das ist natürlich Unfug, ich weiß. Denn heute Nacht, wenn ich im Arm des Liebsten hoffentlich angenehmen Träumen entgegenschlummere, muss sie raus aus ihrem Spalt, Motten und Mücken jagen, damit sie auch morgen was zu kacken hat.

Damit ist das Leben umfassend beschrieben – schlafen, jagen und kacken. So gesehen ist der Unterschied zwischen Mensch und Fledermaus nur gering.

Montag

Eigentlich ein typischer Montag: Letzte Nacht schlecht geschlafen, oft aufgewacht, wirres Zeugs geträumt, geschwitzt, heute Morgen dann mit gesundem Widerwillen aus dem Bett. An der Bahnhaltestelle die Anzeige, die nächste Bahn komme erst in vierzehn Minuten, sonst kein Hinweis auf Störungen oder ähnliches. Kurz überlegt, die zehn Minuten zum Hauptbahnhof zu gehen und eine andere Bahn zu nehmen, aber wozu, das Wetter war schön und ich hatte es nicht eilig, ins Büro zu kommen, gelobt sei die Gleitzeit.

Der Arbeitstag war ohne besondere Ereignisse, müde halt, wie fast jeder Montag. Ich weiß, morgen ist das wieder anders, Körper und Geist brauchen einfach einen Tag, um vom natürlichen (Wochenend-) auf den erzwungen (Arbeitstags-) Rhythmus umzustellen, das war bei mir schon immer so und ist ausnahmsweise mal keine Alterserscheinung. Und das schöne ist, jeder Arbeitsmontag geht vorbei, so lange er mir auch vorkommen mag.

Und doch sind es meistens die kleinen spontanen Freuden, die das Leben erfreulich machen. Heute war es die Frage unserer Nachbarin, ob wir Lust hätten, mitzukommen in unseren Lieblingsbiergarten. Es gibt Orte, die ich als magisch bezeichne (ich glaube ich erwähnte das schon mal), Orte, an denen ich mich im Hier und Jetzt fühle, ohne dass die Gedanken schon wieder, wie so oft, ganz woanders sind. Ein solcher Ort ist dieser Biergarten,nicht nur, weil es dort bayrisches Bier und Weißwurst gibt, sondern weil er einfach schön ist: unter hohen Kastanien, direkt am Rhein.

So gesehen doch noch ein schöner Montag.

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