Woche 45/2024: Wählerwille, Waldeslust, Liberalenliquidierung und Grünkohl

Montag: Es ist deutlich kühler geworden, auf dem Fahrrad trug ich erstmals wieder Handschuhe und Helmunterziehmütze. Vormittags umhüllte Nebel die Umgebung, in mir sah es kaum anders aus, nicht nur in der ersten Tageshälfte. Gegen Mittag setzte sich die Sonne durch, sie ließ das verbliebene Herbstlaub im Rheinauenpark bunt leuchten, bitte denken Sie sich entsprechende Bilder. Wobei viele Bäume noch weitgehend grün sind, während andere das Laub bereits vollständig abgeworfen haben, auf dass es von städtischen Laubblas-Monstern mit Getöse zu langen Haufen zusammengepustet werde. Insofern weisen die Bäume Ähnlichkeit mit Männern auf: Die einen haben mit sechzig noch volles Haar, von einzelnen Silberfädchen durchzogen, andere sind mit vierzig schon kahl.

Zum Haareraufen auch, was nachmittags in einer Besprechung zu hören war: „… damit wir alle on the same page sind“ und „Wir sind hier in charge“ – Bei letzterem erlaubte ich mir, die liebe Kollegin nach der Bedeutung zu fragen. Die schlichte Antwort entlarvte die völlige Lächerlichkeit dieser aufgeblasenen Phrase.

Städtisches Laubblas-Monster (Archivbild)

Künstliche Intelligenz ist überwertet:

Wie viele mögen diesen Korrekturvorschlag ungefragt übernehmen?

Dienstag: In einer Remscheider Grundschule fällt für längere Zeit der Sportunterricht aus, weil die Turnhalle von Schimmel befallen ist, wurde morgens im Radio gemeldet. Als Schüler hätte mich diese Nachricht wohl in mehrtägige Jubelgesänge versetzt: „Hurra hurra die Halle fault!“

Diese Woche ist kleine Woche, das heißt, Donnerstag ist frei, hurra. Wegen günstiger Wetterprognose wird es wieder ein Wandertag, dieses Mal dank der neuen Schuhe voraussichtlich ohne Fußweh. Inzwischen habe ich mich auch für eine Tour aus der Geplant-Liste in der Wander-App entschieden, auf die ich mich freue. Sofern ich mich nicht noch umentscheide und mich auf und über eine andere freue.

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Mittwoch: Morgens lag ein zarter Nieselhauch in der Luft, bei Ankunft im Werk waren die Brillengläser mit Tröpfchen benetzt. Der den Niesel gebärende Nebel hielt sich den ganzen Tag, die Sonne zeigte sich nicht und es wurde nicht richtig hell. Wie es sich gehört für November. Auf meine persönliche Stimmung wirkte sich das kaum aus, die blieb ganztägig zufriedenstellend, vielleicht durch die Vorfreude auf den freien Tag morgen.

Wenig Grund zur Vorfreude bietet das Wahlergebnis in den USA. Sie haben es so gewollt, auch das ist Demokratie, selbst wenn sie damit womöglich bald abgeschafft wird. Vielleicht ist das aber auch eine etwas gewagte These. Darüberhinaus will ich den amerikanischen Wählerwillen nicht bewerten, das können und tun andere ausführlicher und kompetenter. Wie groß mag der wirtschaftliche Schaden sein, weil die Leute heute weltweit über Trump gesprochen haben, statt ihren Geschäften nachzugehen? Auch aus den Nebenbüros war diesbezügliches Geraune zu vernehmen.

Lichtblick des Tages trotz Dauerdunst und Nachrichtenlage: Mittags in der Kantine gab es Erbseneintopf. Erbseneintopf macht glücklich, den hätte ich am liebsten einmal wöchentlich, gerne auch abwechselnd mit Linsen und Grünkohl. Während des Essens fiel von einem Kollegen, der sich bisweilen für den Schnabel der Welt zu halten scheint, der Begriff „Siamesische Zwillinge“. Spontan kam mir der Gedanke, durch einen mehr als unglücklichen Umstand würde ich mit ebendiesem Kollegen siamesisch verschmelzen. Ohne ihm zu nahe treten zu wollen: eine Horrorvorstellung, nicht nur wegen der penetranten Parfümwolke, in die sich mein gedachter Zuwachs gerne hüllt.

Als wenn die US-Wahl nicht schon genug wäre: Abends beeindruckten mich die für ihn ungewohnt deutlichen Worte unseres Bundeskanzlers, mit denen er endlich den Lindner vom Hof gejagt hat. Derartige Deutlichkeit hätte man sich von ihm öfter gewünscht, nicht nur gegenüber der FDP.

Donnerstag: Volker Wissing will trotz Liberalenliqidierung weitermachen als Verkehrsminister, während die anderen FDP-Minister zurücktreten. Außerdem verlässt er die Partei. Vielleicht kommt er dadurch zur Vernunft? Könnte er dann nicht Tempo 130 auf Autobahnen einführen? Nur ein Gedankenspiel, so vernünftig wird er nun auch nicht werden.

Wie bereits angedeutet hatte ich heute frei. Den Inseltag nutzte ich für eine Wanderung durch die Wahner Heide, eines meiner liebsten Wandergebiete in näherer Umgebung mit vielfältiger Landschaft. Morgens spazierte ich zunächst über den Rhein nach Beuel, wo ich in einer Bäckerei frühstückte, danach weiter zum Beueler Bahnhof. Von dort brachte mich die Bahn (pünktlich, man muss es erwähnen) innerhalb weniger Minuten nach Troisdorf, dem Ausgangs- und Endpunkt der Wanderung. Sie führte im Uhrzeigersinn durch die südliche Heide mit Überquerung des Fliegen- und des Güldenbergs, wobei die Bezeichnung „Berg“ für diese leichten Erhebungen ein wenig übertrieben ist. Aus den geplanten knapp fünfzehn wurden gut neunzehn Kilometer, wegen bewusster Abweichung von der Planroute, einmal führte mich Komoot hinter die Fichte bzw. Buche, einmal verpasste ich eine Abzweigung. Alles überhaupt nicht schlimm, im Gegenteil, das Wanderglück war trotz durchgehendem Hochnebel ungetrübt. Auch die neuen Wanderschuhe bewährten sich bestens.

Nur akustisch wurde die Waldeslust leicht beschattet: Im östlichen Viertel durch das Brausen von der Autobahn 3, zudem durchgehend durch startende Flugzeuge vom nahen Flughafen Köln/Bonn, die deutlich zu hören, durch den Hochnebel indes nicht zu sehen waren; umgekehrt wäre es netter gewesen. Nach ziemlich genau vier Stunden war ich wieder in Troisdorf. Da dies nach meinem Empfinden, Troisdorfer mögen es mir verzeihen, kein Ort ist, wo man sich gerne unnötig lange aufhält, nahm ich das nächste öffentliche Verkehrsmittel nach Bonn, den Bus 551. Der braucht wesentlich länger als die Bahn, weil er sich durch zahlreiche enge Ortschaften zwängt, doch das störte nicht; ich saß im Warmen am Fenster und hatte was zu schauen. Nach Rückkehr in Bonn belohnte ich mich, Sie ahnen es vielleicht, mit Currywurst und bayrischem Hellbier.

Wenn Sie schauen möchten:

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Stechpalme für Frau L
Die Wahner Heide ist auch ein Kriegsspielplatz
Heide, Herbstausführung
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Ganzjährig schön: Birken
Aufstieg auf den Fliegenberg
Mehr Moos
Was für ein Pilz ist das?
Kartoffelbovist, wenn ich nicht irre
Buchen auf dem Güldenberg, wo ich vom Wege abkam
Wieder so ein Fall, bei dem man sich fragt, was die Geschichte dahinter ist
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Leyenweiher

Freitag: Wikipedia setzt die richtigen Prioritäten. (Zur Sicherheit haben sie dazugeschrieben, dass sich das Bild auf die erste Meldung bezieht.)

Quelle: Hauptseite Wikipedia vom 8.11.2024

Wie ich bei der Rückfahrt vom Werk aus den Augenwinkeln sah, liegt die Rheinnixe, die ehemalige Personenfähre nach Beuel, wieder an ihrem Anlegeplatz auf der anderen Seite. Laut einem Zeitungsbericht bekam sie neue Fenster eingebaut, ihre künftige Verwendung ist weiterhin offen.

Abends aß ich den ersten Grünkohl der Saison, der traditionell im Winterhalbjahr gegessen wird, wohingegen Erbsensuppe zu jeder Jahreszeit zulässig ist. Erste Winteranmutung kam auf dem Weg zur Gaststätte beim Überqueren der Rheinbrücke auf, wo uns kalter Wind aus Süden mangels Handschuhen die Hände tief in die Hosentaschen versenken ließ.

Samstag: Nachtrag zu den Ausführungen vom 1. November: Donald Trump hat angekündigt, die USA (mal wieder) aus dem Pariser Klimaschutzabkommen herauszuführen. Das ist nicht sehr überraschend. Man könnte es als altersbedingte Minderleistung bewerten, doch es ist nicht auszuschließen, dass weitere Länder folgen werden.

Gedanke während der Morgentoilette: Viele Leute müssen aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen ihr Essen fotografieren, bevor sie es verspeisen. Alternativ könnte man doch auch im Bild festhalten, was am Ende herauskommt. Allerdings verwarf ich den Gedanken sogleich wieder.

Sonntag: Morgens waren die Augenbrauen zu stutzen, da eine baldige Verwechslung meiner Person mit Theo Waigel zu befürchten war, das will man ja nun wirklich nicht. Aus Erfahrung stellte ich die Schermaschine auf Stufe acht, aber ach, anscheinend setzte ich das Gerät nicht richtig an, dadurch sind die Brauen arg kurz geraten. Anscheinend ist das noch niemandem aufgefallen, man selbst ist ja oft der einzige, der so etwas wahrnimmt. Sie wachsen ja wieder nach.

Morgen ist der Elfte im Elften, somit offizieller Beginn der Karnevalssaison. Das hinderte die Jecken im Stadtteil Tannenbusch nicht daran, bereits heute ihre Sitzung abzuhalten. Unsere Gesellschaft war auch dabei, zugleich der erste öffentliche Auftritt der Session, es lief gut. Ob es Unglück bringt, vor dem Elften aufzutreten, oder man dafür später in der Kamellehölle schmort, weiß ich nicht.

Für die Lektüre der Sonntagszeitung blieb keine Zeit, da ich bereits eine Stunde nach Rückkehr vom Auftritt nach Beuel aufbrach zur Lesung der TapetenPoeten. Wegen Ausfalls einer Teilnehmerin war ich gestern angefragt worden, ob ich lesend aushelfen könnte. Da hilft man doch gerne.

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Foto: Lothar Schiefer

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Kommen Sie gut durch die Woche und, wenn Sie es mögen, in die neue Session. Alaaf! (Oder Helau oder was auch immer bei Ihnen zu diesem Anlass gerufen wird.)

Woche 44/2024: Eine altersgerechte Begleiterscheinung und ungeplante Lustigkeit

Montag: Der erste Tag in Mitteleuropäischer Zeit, umgangssprachlich auch als Winterzeit bezeichnet, verlief insgesamt angenehm; dafür, dass die Herbstferien vorüber sind, war es am Arbeitsplatz vergleichsweise ruhig.

Manchmal scheint es, man hätte mir auf die Seele geschaut und das dort vorgefundene notiert. Zum Beispiel Frau Anje, bei der dieses zu lesen ist:

„Dazu kommt, dass mein Interesse an anderen Menschen deutlich unterausgeprägt ist. Manchmal bekomme ich durch Zufall mit, was andere Menschen so machen oder planen und es kommt öfter vor, dass ich dann innerlich die Augen verdrehe, äußerlich versuche ich dann aber meist krampfhaft, mir nichts anmerken zu lassen, eben weil ich finde, es geht mich nichts an, soll doch jeder selber tun, was er für richtig hält.“

Erst heute Mittag in der Kantine empfand ich wieder so, als die Mitesser ausführlich ihre Kinder besprachen. Dankenswerterweise versuchten sie gar nicht erst, mich in das Gespräch einzubeziehen; mangels Kenntnis und Interesse hätte ich nichts dazu beitragen können. Wie bei Fußball, Autos, Serien und Skiurlaub.

Dienstag: Morgens während einer hochrangig besetzten Informationsveranstaltung zum bevorstehenden Weihnachtsgeschäft äußerte sich der IT-Chef zufrieden mit der Stabilität der Systeme. Wenige Stunden später trat eine umfangreiche Störung ein, die bis zu meinem Arbeitsende nicht behoben war und zu deren Behebung ich auch nichts beitragen konnte. Vielleicht hätte er besser nichts gesagt.

Mittwoch: Die IT-Störung konnte bereits gestern Abend behoben werden. Nach bisherigen Erkenntnissen sind keine Menschen zu Schaden gekommen.

Im Anschluss an den Werktag war ich letztmals zur Physiotherapie wegen Rücken. Das hintere Zwicken ist nicht ganz behoben, immerhin nur noch in einem Maße zu spüren, das ich als altersgerechte Begleiterscheinung zu akzeptieren bereit bin. Vielleicht habe ich mich auch einfach daran gewöhnt. Was will man machen, besser wird es voraussichtlich nicht.

Abends besuchte ich die Lesebühne in einer nahegelegenen Kneipe. Beim nächsten Mal, das zugleich das letzte Mal ist, da die Kneipe Ende des Jahres schließt, darf ich dort auch was lesen. Darauf freue ich mich.

Donnerstag: Morgens auf dem Fußweg ins Werk sah ich einen Silberstreif am Horizont. Ansonsten freute ich mich mittags über roten Wackelpudding zum Dessert und ganztägig auf das bevorstehende lange Wochenende. Viel mehr Berichtenswertes bot der Tag nicht, muss ja auch nicht.

Silberstreif am Horizont (Pfeil)

Vielleicht noch das: Aus hier nicht näher darzulegenden Gründen empfiehlt es sich, beim Kauf von Erdbeermilch die Augen aufzuhalten. Wie schnell labt man sich an Erdbeer-Limes und wundert sich zunächst ob unerwarteter Schärfe, später ungeplanter Lustigkeit.

Freitag: Bei aller Skepsis gegenüber der Katholischen Kirche und überhaupt Religionen jedweden Glaubensbekenntnisses, die Sache mit den arbeitsfreien Feiertagen auch für Anders- und Ungläubige finde ich immer wieder gut geregelt, dafür auch mal dankbar sein, nicht immer nur kritisieren. Heute also Allerheiligen, warum auch nicht.

Als morgens die Vorhänge des Schlafzimmers aufgezogen wurden, zeigte sich der Tag novemberlich trüb, als nehme die Meteorologie irgendeine Rücksicht auf den Kalender. Ich mag den November. „Die Bestattungsbranche wächst“ wird im Radio gemeldet, während ich noch im Bett liege. Gestorben wird immer, nicht nur im November, wenigstens darauf kann man sich verlassen in diesen Zeiten.

Samstag: Offenbar bin ich nachts nur knapp einem feigen Anschlag entgangen. Nach dem Aufstehen fand sich an meiner Liegestelle, wo ich mich zuvor behaglich im Tuche gewälzt hatte, eine ausgewachsene Stecknadel. Das hätte ins Auge oder vielmehr andere Körperteile gehen können.

In der Zeitung lese ich von der Gruppe „Liste undogmatischer Student*innen“ und muss etwas grinsen. Ebenso über das Wort „Wirkungstrinken“ in einem anderen Artikel über Alkoholverzehr in der Tierwelt, für das ich Verwendung in meinem Wortschatz sehe.

Die erste Verwendungsgelegenheit ergab sich bereits am Abend beim Ordensfest der Karnevalsgesellschaft, wo die neue Session begrüßt wurde. Die Uniform passt noch, jedenfalls meine, was nicht selbstverständlich ist. Schon mancher wunderte sich, wenn Hosenbund und Weste nach mehrmonatiger Nichtnutzung eingelaufen sind.

Sonntag: Manchmal wirkt das Wirkungstrinken etwas nach bis in den Folgetag hinein. Zur Linderung haben sich längere Spaziergänge bewährt. Heute erweiterte ich das übliche Spazierrevier um einen Gang durch Poppelsdorf und das Melbtal bis nach Ippendorf, zurück mit dem Bus. Immer wieder erstaunlich, welch idyllische Wege es nur eine Gehstunde von der Haustür entfernt gibt, die mir bislang unbekannt waren.

Melbtal I
Melbtal II

Laut einer Umfrage glauben fast dreißig Prozent an Spuk und Geister in der eigenen Wohnung, steht in der Sonntagszeitung. Vielleicht haben die auch schon Stecknadeln oder Schlimmeres im Bett vorgefunden, oder die Hose ist auf unerklärliche Weise eingelaufen.

Die allgemeine Sprachverdummung schreitet voran

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Wir können nicht anders

In dieser Woche wurden Teile Spaniens heimgesucht von heftigen Regenfällen und Überflutungen mit zahlreichen Toten, Verletzten und erheblichen Verwüstungen. Der Hurrikan „Milton“ zog kürzlich über Florida, wohl nicht ganz so heftig wie zuvor befürchtet, dennoch ebenfalls mit Überschwemmungen, Zerstörung, Tod und Leid. Mittlerweile sind drei Jahre vergangen, seit die große Flut das Ahrtal verheerte. Bis heute sind die Schäden sichtbar, nicht nur in Dernau und Mayschoß. Viele Häuser wurden inzwischen wieder aufgebaut, manche genau dort, wo die Flut sie zuvor weggerissen hatte. Anscheinend glauben die Menschen immer noch an die „Jahrhundertflut“, die nächsten hundert Jahre hätten sie Ruhe. Rückblickend stimmt das sogar, zuletzt erlebte das Ahrtal im Jahre 1912 ein vergleichbares Ereignis. Aber künftig?

Die Demokraten sind schuld, sagt Donald Trump, und erschreckend viele glauben ihm das. Folgen des Klimawandels, sagt die Wissenschaft. Unsinn, sagen andere, nicht nur die, die Donald Trump glauben, Hurrikans und Überschwemmungen hat es immer gegeben, warum sollte ich also mein Verhalten ändern? Und warum überhaupt ich? Sollen doch erstmal die Chinesen anfangen.

In Bonn, nicht nur dort, bilden sich erboste Bürgerinitiativen, wenn wegen der Neuanpflanzung von Bäumen ein paar Parkplätze wegfallen. Neue Bäume schön und gut, gerne, muss ja sein wegen Klima und so, klar, sieht auch nett aus, ein bisschen Grün – aber warum gerade in unserer Straße? Wir sind doch auf das Auto angewiesen! Laut neuester Erhebung gibt es in Deutschland so viele Autos wie nie zuvor, fünfhundertachtzig angemeldete Fahrzeuge je tausend Einwohner. Vati hat eins, Mutti auch, wie sollen sie sonst zur Arbeit kommen und die Brut in die Kita oder Schule bringen. Sohnemann hat auch eins, wie soll er sonst in die Uni oder zum Gym kommen. Zu Fuß oder mit dem Fahrrad? Viel zu gefährlich. Mit dem Bus? Ich bitte Sie. Viel zu unzuverlässig und teuer, und voller Krankheitserreger. Nach wie vor gilt es als natürliches Recht, jederzeit jede noch so kurze Strecke mit dem Auto zurückzulegen, einen kostenlosen Abstellplatz auf öffentlichem Grund eingeschlossen, dafür zahlt man schließlich Steuern.

Das anzuprangern wäre doppelzüngig von mir, besitze ich doch selbst ein Auto, sogar die schlimmste Form: einen Dieselverbrenner. Na gut, die zweitschlimmste, immerhin kein SUV. Der Liebste, das ist kein Vorwurf, fährt damit zur Arbeit, ich selbst nutze es nur selten und mit großem Widerwillen, wenn es nicht anders geht, weil ich, im Gegensatz zu den meisten Deutschen, kein guter Fahrer bin und es mir überhaupt keinen Spaß macht, wenn mich die anderen Autofahrer in ihrer rücksichtslosen, von der FDP garantierten freien Fahrt bedrängen.

Es gibt keine Lösung, jedenfalls sehe ich keine. „Wir können die Katastrophe noch abwenden, wenn wir unser Verhalten jetzt ändern“, sagt die Wissenschaft, dazu nennt sie irgendwelche tolerierbaren CO2-Mengen und Temperaturanstiege, auf die man sich vor Jahren mal geeinigt hat und sich dafür feierte. Tun wir aber nicht, und wenn ich „wir“ schreibe, schließe ich mich selbst ausdrücklich mit ein, siehe oben. Achtzig Millionen Deutsche, acht Milliarden Menschen weltweit wollen nicht verzichten auf Wohlstand, Konsum, Reisen, Internet, Spaß, und vermehren wollen sie sich auch. Zu viele Menschen für zu wenig Erde. Kein Politiker würde sich trauen, dort anzusetzen, wie auch. Die Ein-Kind-Politik der Chinesen ist gescheitert, und der Einsatz von Massenvernichtungswaffen ist auch kein Ansatz, der der näheren Betrachtungen würdig erscheint.

„Die Menschen waren immer erfinderisch, wenn Probleme zu lösen sind“, ist oft zu hören, auch und gerade aus der oben genannten Partei. Mögen sie recht behalten, ich bleibe skeptisch. Ob uns die immer umfassendere Digitalisierung mit künstlicher Intelligenz retten wird, ich weiß es nicht. Auch am vielfach gepriesenen Elektroauto habe ich meine Zweifel. Die Dinger einschließlich Batterien müssen hergestellt und irgendwann wieder verschrottet werden, und irgendwoher muss der ganze Strom kommen. Auch die Rechenzentren der digitalen Welt benötigen Strom, sehr viel Strom, künftig dreimal so viel wie heute, wird geschätzt. Solange es noch Strom gibt, ein anderes Thema.

Für alle, die heute jung sind oder noch geboren werden, tut es mir leid, bitte verzeihen Sie meinen Fatalismus. Wenn es gut läuft, habe ich noch zwanzig bis dreißig Jahre zu leben. Bis dahin werde ich meinen Müll trennen, möglichst wenig Auto fahren und nicht fliegen, in der Kantine noch häufiger das vegetarische Gericht wählen, wenn es nicht mit Tofu ist, Gehkaffee finde ich sowieso überflüssig. Und ich werde mich nicht vermehren, das garantiere ich. Ich finde, damit habe ich schon einen ganz ordentlichen Beitrag für das Wohlergehen der Menschheit geleistet. Danach wird mich mittel- bis langfristig niemand vermissen. Was vielleicht noch etwas länger von mir bleiben wird, sind etwas Materie und ein paar digitale Spuren wie dieses Blog. Bis zum großen Stromausfall.

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Nachtrag am 9. November: Nachdem das Volk der US-Amerikaner beschlossen hat, es sei das beste für sie und ihr Land, wenn der nächste Präsent wieder Donald Trump heißt, hat nämlicher angekündigt, dass die USA aus dem Pariser Klimaschutzabkommen austreten werden. Das ist nicht sehr überraschend, und es ist nicht auszuschließen, dass weitere Länder folgen werden.

Woche 43/2024: Getrübte Wanderlust und Schafböcke ohne nennenswerten Beitrag zur Arterhaltung

Montag: Deutschland erwartet eine durchwachsene Kürbisernte, steht in der Zeitung. Das klingt immerhin besser als verdörrt oder verhagelt. Man hätte auch „mäßig“ schreiben können, aber vielleicht würde das kürbisaffine Teile der Bevölkerung so kurz vor Halloween beunruhigen.

Montäglich durchwachsen heute auch Motivation und Arbeitseifer. Gegen Mittag geriet ich in ein Stimmungstief, das sich nachmittags wieder auflöste, nachdem ein umfangreicherer, kurzfristig zu erledigender Arbeitsauftrag, der mich morgens erreicht hatte, als nicht so aufwendig erwies wie zunächst befürchtet und zügig abgeschlossen werden konnte. Das Mittagessen, Nudeln mit Kürbiscreme, ließ ich nach knapp zwei Dritteln zurückgehen, nicht wegen Kürbisabneigung, sondern mangels Appetit.

Dienstag: Ein Tag ohne besondere Nennenswertigkeiten. Zu Fuß ins Werk und zurück, weiterhin mild. Im Büro verbrachte ich die meiste Zeit mit dem Ausfüllen von Kästchen für ein neues Projekt. Ob ich damit zum Gelingen beitrage, ich weiß es nicht. Aber egal, man bezahlt mich gut dafür, an mir soll es nicht liegen. Wie ich schon öfter anmerkte: Man kann sein Gehalt wesentlich schwerer *hüstel* verdienen.

Stimmung und Appetit waren wieder stabil, wie so häufig von Montag auf Dienstag. Mittags gab es einen ganz vorzüglichen Eintopf mit Bohnen und Lammfleisch. Danach ein kurzer Spaziergang mit dem Kollegen durch den Park.

Abends holte ich die fertigen Maßschuhe vom Schuhmacher ab, schlichte schwarze Lederschuhe, sie sind sehr schön geworden. Nicht, dass ich sie unbedingt bräuchte, aber nun habe ich sie und freue mich darüber.

Jugendwort des Jahres ist Aura, wie wir seit vergangener Woche wissen. Was an dem Wort besonders jugendlich sein soll, erschließt sich mir nicht, muss es auch nicht, ich bin alt. Zur Auswahl stand auch das umstrittene Wort Talahon, das ich niemals zuvor gehört hatte. Seit ich es kenne, spreche ich es oft gedanklich aus, wenn mir Exemplare dieser freiwillig(?) lächerlichen Spezies begegnen.

Morgens

Mittwoch: „Die Achse Moskau-Pjöngjang lässt Südkorea näher an die Ukraine rücken“, steht in der Zeitung. Ein weiteres tektonisches Wunder, scheint es.

Morgens auf dem Fahrrad war es wieder handkalt, kühler als an den Vortagen; neben Handschuhen sollte ich auch die Helmunterziehmütze bald mal suchen. Das ist nicht als Klage zu lesen, immerhin ist der November nicht mehr fern, der Dreimonatswandkalender im Büro deutlich dünner geworden. Morgens bis zum Mittag schaute ich vom Schreibtisch aus wieder über eine geschlossene Wolkendecke, wie bereits am vergangenen Freitag berichtet und bebildert, bei Bedarf schauen Sie bitte dort nach.

Im Büro durchgehend zu tun, nicht zu viel, gerade richtig, zeitweise mit leichtem Flowgefühl. Arbeitsschluss fast eine Stunde später als üblich, auch das ist keine Klage, das Arbeitszeitkonto freut sich. Also nicht das Konto, sondern sein Besitzer, wenn die angesammelten Stunden in den nächsten freien Tag umgewandelt werden, konkret: morgen.

Erster Einsatztag der neuen Schuhe, es geht sich bequem darin. Wie ein Kind schaute ich immer wieder drauf und erfreute mich ihrer. (Waren ja auch teurer genug.)

Die Jetpack-App, mit der ich hier meistens schreibe und die abonnieren Blogs lese, wurde mal wieder unangekündigt umgebaut. Jedenfalls die für das Tablet, die iPhone-Variante ist unverändert. Zum Reader gelangt man nun über ein Seitenmenü, das man, nachdem man das herausgefunden hat, über ein neues Symbol oben links öffnet, früher fand man ihn in der Fußleiste. Zudem steht dort jetzt „Leser“ statt „Reader“, was mir als überzeugtem Anglizismenskeptiker eigentlich gefallen sollte. Wozu das alles gut sein soll, kann ich nicht erkennen, eine Verbesserung der Nutzerfreundlichkeit ist es nicht. Aber das ist ja mittlerweile häufig zu beobachten bei allen möglichen Anwendungen und Geräten.

Morgen also frei. Wegen der günstigen Wetterprognose freue ich mich auf einen Wandertag durch den Kottenforst (oder das?). Die Lokalität für die anschließende Einkehr ist auch schon gewählt.

Der frühere Tagesschau-Sprecher Jan Hofer macht nun Fernsehreklame für Trigema. Das finde ich deprimierend.

Donnerstag: Inseltag. Da wir in dieser Woche, so auch heute, einen Maler im Haus hatten, der im Laufe des Morgens eintreffen würde, stand ich bereits zur gewohnten Werktagszeit auf, was im Gegensatz zu den Vortagen, an denen ich morgens außergewöhnlich müde war, mühelos gelang. Es ist eben ein Unterschied, ob mich die Vorfreude auf einen Wandertag aus dem Tuche treibt oder auf das Büro.

Nach Proviantkauf und einem schmalen Frühstück in einer bahnhofsnahen Bäckerei fuhr ich mit der Bahn nach Alfter-Witterschlick, ein Ortsname, der wie eine akute Magen-Darm-Verstimmung klingt, wer auch immer sich den ausgedacht hat. Von dort wanderte ich durch den Kottenforst zurück in Richtung Bonn. Der Weg führte fast ausschließlich durch herbstbuntes Waldgebiet.

Zwischendurch stellte Komoot meine Pfadfinderfähigkeiten auf die Probe, als es mich über Wege leitete, die als solche nicht unmittelbar zu erkennen waren, und über einen Bachlauf, den zu überwinden nur mit einem Fußbad möglich gewesen wäre. Wobei den Füßen etwas Kühlung vielleicht ganz gut getan hätte, denn die Wanderlust war getrübt: Schon morgens beim Anziehen der Schuhe kamen sie mir sehr eng vor, vor allem der linke. Da sowohl Schuhe als auch Füße dieselben waren wie bei den letzten Wanderungen, hoffte ich, dass es sich bald fügt. Während der ersten Kilometer ging es auch ganz gut, dann begann der linke Zeigezeh zu schmerzen, erst leicht, mit jedem Kilometer mehr. Ich hielt durch, nach immerhin gut zwanzig Kilometern endete die Wanderung an der ersten erreichbaren Straßenbahnhaltestelle statt bei der vorgesehenen Gaststätte in der Innenstadt. Dorthin brachte mich dann die Straßenbahn, wo ich mich, mittlerweile Tradition, für die Mühen und Schmerzen mit Currywurst und Hellbier belohnte. Spätestens da ließ der Schmerz nach.

Als ich bei Heimkehr die Schuhe endlich ausziehen konnte, setzte erhebliches Wohlgefühl ein. Das war ihr letzter Einsatz, demnächst kaufe ich neue, bin ja ohnehin gerade in Schuhkaufstimmung. Dann, wie für Wander- und Laufschuhe empfohlen, eine Nummer größer.

Sehen Sie:

Nach Ankunft in Witterschlick, das sehen Sie ja selbst
Jahreszeitlich passend
Forst I
Auch hier jede Menge Stechpalmen (extra für Sie, liebe L)
Moos
Ich war das nicht mit dem Aufkleber
Hiervon hoffte ich mehr zu sehen, traf jedoch nur auf dieses eine angefressene Exemplar
Forst II
Kurfürsten-Weiher

Freitag: „Freihandel harkt beim Agrathema“ steht in der Zeitung. Da besser mal nachhacken.

„Wir sind als Menschen dazu geboren zu arbeiten“, sagte der Bundeskanzler beim Arbeitgebertag in Berlin. Die Rheinische Post berichtet hingegen in ihrer Online-Ausgabe über sogenannte Null-Bock-Tage. Wer morgens keine Lust hat, sich an die Arbeit zu machen, teilt das dem Arbeitgeber kurz mit und bleibt im Bett, bei voller Bezahlung. In Großbritannien soll es das schon länger geben unter der Bezeichnung „reset days“, Tage des Neustarts, was wesentlich wirtschaftsverträglicher klingt als null Bock. In Deutschland ist das Konzept laut Bericht etabliert bei einem (ebenfalls) Berliner Kondomhersteller mit dem für diese Branche wirklich herzallerliebsten Namen „Einhorn“; denken Sie sich dabei gerne mein spätpubertäres Kichern, als ich das las. Wohl jeder kennt diese Tage, typischerweise der Montag. Ob es indes die Lösung ist, dann der Arbeit fernzubleiben, zweifle ich an, weil dann der Montagseffekt am Dienstag doppelt zuschlägt.

Samstag: Laut Zeitungsbericht leisten neun Prozent aller Schafböcke keinen nennenswerten Beitrag zur Arterhaltung, da sie dem eigenen Geschlecht zugeneigt sind. Ein Schäfer aus Löhne in Ostwestfalen hat es sich zur Aufgabe gemacht, anderen Kollegen diese sprichwörtlich schwarzen Schafe abzukaufen für eine eigene schwule Herde, in der sie ihrer Liebe und Triebe nach Bockeslust nachgehen dürfen. Einundzwanzig hat er schon, für weitere hundert hat er Kapazität. Mit der gewonnenen Wolle werden (menschliche) queere Projekte unterstützt. Eine wunderbare Idee, die dem Wort „Wolllust“ eine neue Bedeutung verleiht. Glaubte ich an Wiedergeburt, wäre das ein Eintrag in der Wunschliste.

Von Woll- zu Wanderlust: Beim Kauf von Wanderschuhen in einem Sportgeschäft wurde ich an der Kasse nach langer Zeit mal wieder nach meiner Postleitzahl gefragt. Da fiel mir wieder die Aktion eines Menschen ein, der vor einigen Jahren im Netz dazu aufgerufen hatte, bei solcher Gelegenheit stets die Postleitzahl von Brunsbüttel zu nennen. Nach kurzem Hirnkramen sagte ich 25547. Später schaute ich nach: Der Aufruf des bayrischen Sängers Christoph Weiherer erfolgte bereits im November 2016, korrekt wäre 25541 gewesen. Nach so langer Zeit gar nicht schlecht gemerkt, finde ich.

Sonntag: In der vergangenen Nacht endete die diesjährige Sommerzeit. Wie die Zeitung gestern berichtete, unternehmen die EU-Verantwortlichen einen neuen Anlauf, sie endlich ganz abzuschaffen, nachdem bei einer Bürgerbefragung bereits 2018 eine Mehrheit von vierundachtzig Prozent für die Abschaffung der halbjährlichen Zeitumstellung gestimmt hatte. Wobei nur 4,6 Millionen Menschen an der Befragung teilnahmen, also etwas mehr als ein Prozent der EU-Bürger, woraus sich schließen ließe, neunundneunzig Prozent ist es egal. Ich wäre damit sehr einverstanden, auch wenn es heute bereits um siebzehn Uhr sehr dämmerig, eine halbe Stunde später fast dunkel war. Allerdings bin ich skeptisch, ob ich es noch erleben werde.

In der Sonntagszeitung las ich einen Artikel über Beinverlängerung. Vor allem junge Männer, die mit ihrer Körpergröße hadern, lassen diesen Eingriff über sich ergehen, trotz Schmerzen, gesundheitlicher Risiken und erheblicher Langwierigkeit, bis sie danach wieder einigermaßen laufen können. Man muss immer wieder staunen, was Menschen alles in Kauf nehmen für ein gesteigertes Selbstwertgefühl. In meinem Berufsleben lernte ich Führungskräfte kennen, die geringe Körpergröße stattdessen durch Arschlochhaftigkeit ausglichen und damit ziemlich weit kamen.

Apropos Gehen: Zur Erprobung der neuen Wanderschuhe wurde der Sonntagsspaziergang etwas wanderartiger gestaltet. Bei trübem Wetter, anfangs mit leichtem Regen, führte er durch die Südstadt über den östlichen Hang des Venusbergs bis nach Dottendorf, von dort mit der Straßenbahn zurück. Eine sehr schöne Waldstrecke für den Sonntagnachmittag, mit etwa neun Kilometern und eineinhalb Stunden Gehzeit ist sie gut zu schaffen. Im Gegensatz zu einer Donnerstagswanderung begegneten mir zahlreiche Spaziergänger mit und ohne Hund. Ein Paar mit Hund stand am Wegesrand und schaute in den Wald, immer wieder riefen sie etwas und der Mann blies in eine Pfeife. Offenbar widmete sich der zweite, für mich nicht sichtbare Hund einer interessanten Entdeckung. Davon ließ er sich nicht abbringen, noch lange, nachdem ich an ihnen vorbei war, hörte ich die Pfiffe, eingerahmt vom Geräusch von Blättern fallender Wassertropfen.

Die Wanderschuhe erwiesen sich als geeignet und bequem, somit kann diese Woche in Schuherwerbshinsicht als erfolgreich betrachtet werden.

Dörfliche Idylle in Dottendorf, hinten im Dunst der Venusberg

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Kommen Sie gut durch die Woche und viel Spaß mit Halloween, wenn Sie es nicht lassen können.

Woche 42/2024: Volle Hingabe und ein Naturschauspiel

Montag: Die Wiedereingliederung in das Arbeitsleben nach eineinhalb Wochen Urlaub gelang zufriedenstellend. Morgens auf dem Fahrrad war es fingerkalt, immerhin trocken. Erstmals nach längerem befuhr ich probeweise wieder den umstrittenen Radweg entlang der Adenauerallee (zur Erinnerung: umstritten, weil zugunsten breiterer Radwege nur noch zwei der einst vier Fahrspuren dem Autoverkehr zur Verfügung stehen), der wieder auf ganzer Länge nutzbar ist, ohne baustellenbedingt den gebeutelten Kraftfahrzeugführern ins Gehege zu kommen oder auf den Gehweg ausweichen zu müssen.

Im Büro keine nennenswerten Montäglichkeiten, weder im Maileingang noch im Gemüt; im Laufe des Vormittags waren alle Mails gesichtet, priorisiert, beantwortet oder, die meisten, nach mehr oder weniger interessierter Kenntnisnahme gelöscht. Außerdem besprach ich mit dem Kollegen, mit dem ich mich vertrete, unsere Urlaubsplanung für das kommende Jahr, dafür ist es nie zu früh. Das Mittagessen in der Kantine nahm ich ausnahmsweise unbegleitet zu mir, da die üblichen Mitesser beschäftigt waren. Das kam mir heute durchaus gelegen.

Da nichts Größeres anlag, das anzugehen nicht auch morgen oder im Laufe der nächsten Tage früh genug wäre, kam das Arbeitsende nicht sehr spät, gerade passend, um die Lücke zwischen zwei Regenschauern zu nutzen. Ab morgen wieder volle Hingabe.

Dienstag: Zu Fuß ins Werk und zurück durch den Herbst, das war schön. Am schönsten, nicht nur im Herbst, ist stets der Moment, wenn ich dem Innenstadtlärm von Kraftfahrzeugen und Kehrmaschinen entkomme und am Rheinufer in relativer Stille wandele, unterbrochen nur von mobilschwatzenden Mitmenschen und den Motoren der Schiffe. Kurz vor Ankunft am Mutterhaus empfing mich heute ein Duett aus Aufsitzrasenmäher und Laubbläser. Das war nicht schön.

Morgens I
Morgens II

Auf dem Rückweg dachte ich aus mehreren gegebenen Anlässen darüber nach, wie das Erscheinungsbild junger Männer im Wandel begriffen ist. Neben den allgegenwärtigen Einheitsjugendlichen mit Wuschelhaaren, knöchelfrei, weißen Turnschuhen, eingewachsenen Ohrstöpseln und stets auf das Datengerät gerichtetem Blick sind mittlerweile wieder vermehrt zweifelhafte Langhaarfrisuren, Schnäuzer und sackartige Hosen zu beobachten. Das finde ich ästhetisch bedenklich, aber mich fragt da keiner. Warum auch.

Weiterhin begegnete mir, während mich die Daunenjacke in Wohlfühltemperatur hüllte, ein Junge auf dem Fahrrad mit Rucksack, sonst obenrum mit nichts weiter bekleidet. Vielleicht hatte er sich kurz zuvor mit etwas sehr übel riechendem bekleckert und, da er in äußerster Eile war, keine Zeit gehabt, sich umzuziehen; man weiß ja oft nicht, warum Dinge sind wie sie sind.

Abends kaufte ich zwei Hosen, da es höchste Zeit ist, meinen Hosenbestand zu erneuern. Bei der Gelegenheit ließ ich mich, in Erwartung künftiger Rabatte, als Kunde registrieren, die Quittung erhielt ich per Mail. Darin werde ich abwechselnd geduzt und (im „Kleingedruckten“) gesiezt, was ich in letzter Zeit zunehmend erlebe. Ist das Absicht oder schlicht Schluderei?

Mittwoch: Ab Mittag schien die Sonne und heizte das Büro trotz heruntergelassener Jalousien stark auf wie während des ganzen Sommers nicht, achtundzwanzig Grad zeigte das Wandthermometer an. Vermutlich ist die Temperaturregelung des Gebäudes bereits auf Winterbetrieb umgestellt. Was solls, zu kalt hätte ich schlimmer gefunden.

Dazu war es recht laut: Im Nebenbüro war man zu dritt, zeitweise ohrenscheinlich in derselben Teamskonferenz auf Englisch. Vor der großen Seuche, als noch alle täglich in die Büros kamen, war das selbstverständlich. Ich bin diesbezüglich deutlich empfindlicher geworden.

Auch mal wieder in einer Besprechung gehört: „Wir müssen uns ehrlich machen.“ Dann macht mal.

Manchmal habe ich den Eindruck, um mich herum sind alle irre, was allerdings darauf hindeuten könnte, dass ich der Irre bin. Heute wieder: Auf dem Rückweg sah ich nebenan auf dem Gehweg eine junge Frau, die im Gehen ihr Datengerät über Kopfhöhe hielt, auf das Display schaute und dazu eine ziemlich dämliche Schnute zog, in Infaulenzer-Fachkreisen wohl Duckface genannt. Scheiß die Wand an, so mein spontaner, zugegeben nicht sehr wertschätzender Gedanke. Das dürfte sie mitbekommen haben, denn ich dachte ziemlich laut. Im Übrigen bin ich der Meinung, auch wenn das wie ein alter Griesgram klingt: Diese Geräte machen die Leute bekloppt.

Donnerstag: Der Fußweg morgens ins Werk kam mir wesentlich dunkler vor als am Dienstag. Da ich nicht davon ausgehe, zwischenzeitlich in ein mehrwöchiges Zeitloch gefallen zu sein, lag es wohl an der Bewölkung. Am Rheinufer traf ich auf den Hochleistungsfrühsportler, der dort jeden Morgen seinen Leibesertüchtigungen* nachgeht und dabei schnauft wie das NDR-Pausenwalross Antje, die Älteren erinnern sich vielleicht. Wenn ich ihn passiere, schaut er mich an mit einem irren bis auffordernden Blick, als erwarte er eine Ansprache wie „Mann, Sie sind aber sportlich, während ich hier einfach nur gehe, was ja immerhin besser ist, als mit dem Auto zu fahren oder so einem Elektroroller, die wahre Straßenpest, nicht wahr … Was meinen Sie, ich soll mal Ihren Bizeps fühlen? Ich bitte Sie, wir kennen uns doch gar nicht. Ein anderes Mal vielleicht. Frohes Schnaufen und einen schönen Tag noch“. Aus Gründen, die ich nicht benennen kann, ist mir der Kerl unheimlich und ich gehe jedes Mal etwas schneller an ihm vorbei. Dabei geht von ihm vermutlich keine Gefahr aus, außer vielleicht angesprochen zu werden, was morgens schlimm genug wäre.

*So hieß noch in den Siebzigern der Schulsport an unserem Gymnasium, in den Stundenplänen abgekürzt „LE“. Das machte es nicht schlechter, aber auch nicht besser.

Vgl. Dienstag

Letzten Sonntag besang ich hier das Ende der diesjährigen Außengastronomiesaison. Dem Lied ist eine weitere Strophe hinzuzufügen, heute war die Terrasse des Rheinpavillons wieder gut besucht, da es in den letzten Tagen deutlich wärmer geworden ist. Auch zahlreiche T-Shirts und kurze Hosen wurden nochmals hervorgeholt. Von solchem Hin und Her lasse ich mich nicht treiben; für mich ist jetzt Daunenjackensaison und basta.

Immerhin kein Serviervorschlag

Freitag: Nach Ankunft im Büro bis in die erste Tageshälfte hinein war meine Konzentration auf die Geschäfte eingeschränkt, weil sich vor den Fenstern ein Naturschauspiel ereignete, wie ich es noch nicht erlebt habe, jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Dichter Nebel bedeckte bis zum Horizont Stadt, Land und Fluss, nur der Turm und das Siebengebirge ragten heraus, was mir von meinem Arbeitsplatz in der achtundzwanzigsten Etage aus einen grandiosen Blick über die Wolken ermöglichte. Caspar David Friedrich hätte wohl nicht lange gezögert, den Pinsel zu zücken. Deshalb war ich dankbar für die einstündige Teams-Konferenz mit viel Fensterkuckzeit. Sehen Sie:

Zwischenzeitlich zeigte sich die Godesburg (rechts)
Es gibt schlechtere Arbeitsplätze
Gegen Mittag zog sich der Nebel über den Rhein und ins obere Rheintal zurück

Mittags schien wieder die Sonne und ich hatte nach dem Essen Gelegenheit für einen kleinen Spaziergang durch den Park. Außerdem schickte ich den Stanišić (also nur das Buch) nach Meppen, von wo sich eine Interessentin dafür gemeldet hatte. Liebe E., ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre.

Im Park
Nachmittag

Ansonsten war die erste Arbeitswoche nach dem Urlaub insgesamt angenehm, sie verging ähnlich schnell wie zuvor die Urlaubswoche. So hat alles seine Vor- und Nachteile.

Samstag: Dieter Nuhr erhält den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten Söder, steht in der Zeitung. Ob er sich darüber freut?

„Lass mal wieder zusammen emotional werden“ las ich während des Spaziergangs an einer Litfaßsäule, für Kino werbend. Traurigkeit ist wohl eine angemessene Emotion für derart schludrigen Sprachgebrauch.

Wolkenemotionen über Schwarzrheindorf

Sonntag: Wesentliche Aktivitäten des Tages waren die Lektüre der Sonntagszeitung, ohne bloggenswerte Erkenntnisse, und ein längerer Spaziergang auf die andere Rheinseite bei sonnigem Herbstwetter. Gegen Ende hatte unerwartet der Lieblingsbiergarten geöffnet, was für das vielleicht letzte Freiluftbier des Jahres genutzt wurde, ehe bald wieder Glühwein das Freiluftgetränk der Wahl ist.

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Kommen Sie gut durch die Woche.