Gratwanderung

Eher zufällig wurde ich auf das Projekt *.txt im Blog Neon|Wilderness aufmerksam. Ein wenig erinnert es an die Schulzeit, als der Deutschlehrer ein Thema an die Tafel schrieb, zum Beispiel „Mein peinlichstes Nahtoderlebnis“ oder „Warum mich mein Schutzengel mittlerweile hasst und ich trotzdem so weiter mache“, und wir dann bis zur nächsten Deutschstunde Zeit hatten, darüber einen Aufsatz zu schreiben, Sie erinnern sich: Einleitung, Hauptteil, Schluss. So ähnlich ist *.txt auch, nur gibt Dominik, der Initiator, nicht ein Thema vor, sondern nur ein Wort, und die Teilnehmer haben nicht nur einen oder zwei Tage Zeit, darum einen Aufsatz zu spinnen, sondern sage und schreibe drei Wochen. Und benotet wird das ganze am Ende (hoffentlich) auch nicht. 

 

„Das ist doch reizend“, dachte ich mir und meldete mich spontan an. Mit Spannung erwartete ich also das Wort, welches für den 7. Januar angekündigt war, und also kam es und lautete: „Gratwanderung“. Gratwanderung? Hm – daraus sollte sich was machen lassen, so mein erster Gedanke, aber was? Eine spontane Idee hatte ich nicht, also erstmal gedanklich ablegen und auf Inspiration hoffen, drei Wochen sind eine lange Zeit. 

 

Dann kamen plötzlich noch am selben Tag die schrecklichen Meldungen aus Paris, wo wahnsinnige Islamisten auf perfide Weise deutlich machten: auch im einundzwanzigsten Jahrhundert, auch in unserer „freien westlichen Welt“ ist die Wahrnehmung der Meinungsfreiheit, erst recht wenn sie in Form von Satire daher kommt, immer noch riskant. (Mehr möchte und werde ich nicht dazu schreiben, weil erstens dazu bereits sehr viel geschrieben wurde und zweitens von Leuten, die das viel besser können.)

 

Doch muss man gar nicht den Wahnsinn des Terrors vor Augen haben, es genügt schon ein Blick in die Arbeitswelt. Große Konzerne rühmen sich, das Wohl ihrer Mitarbeiter als eines der wichtigsten Unternehmensziele hinzustellen, bezeichnen sie gar gerne als ihr „Aushängeschild“ (was nicht selten bedeutet, dass sie sie im Regen stehen lassen), predigen den offenen Dialog zwischen Führung und Fußvolk. Die Wahrheit sieht oft anders aus: Wie weit kann ich beim jährlichen Mitarbeitergespräch gehen, wie offen kann ich dem Chef seine – nennen wir es mal – Optimierungspotentiale aufzeigen, ohne berufliche Nachteile befürchten zu müssen? Haben wir es nicht schon erlebt, dass allzu offene Kollegen in Ungnade fielen und plötzlich aus an den Haaren herbeigezogenen Gründen die Abteilung oder gar das Unternehmen verließen?

 

Oder nehmen wir die Partnerschaft. Soll ich dem Partner ständig vorhalten, was mir an ihm nicht passt, etwa dass er „ständig“ seine Hose irgendwo rumliegen lässt, „schon wieder“ denn Müll nicht mit runter genommen hat oder hinter meinem Rücken mit meinem Auto zum Cruising fährt? Möchte ich riskieren, dass der Haussegen dauerhaft schief hängt wegen Dingen, die an sich ziemlich unwichtig sind?

 

Auch wenn es vielleicht bequem oder gar feige ist: Manchmal ist es besser, die Klappe zu halten und die Dinge hinzunehmen, wie sie sind. Das gilt ausdrücklich nicht für die Ereignisse in Paris!

 

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Nachtrag: Auf schmalem Grat wandeln auch Frisöre, die diese Bilder ins Fenster hängen, um für ihr Handwerk zu werben – bleibt doch oft unklar, ob die Frisur der dort abgebildeten Person den Zustand vor oder nach der angebotenen Dienstleistung darstellt. Da nützt es dann auch nichts, dass Frisöre können, was nur Frisöre können.

Tragisch

Drei junge Männer rasen des Nachts in mitgebrachten Kinderschlitten die Winterberger Bobbahn hinunter. Sie verlieren die Kontrolle, prallen schließlich gegen einen zufällig am Ende der Bahn abgestellten Traktor, verunglücken dabei schwer, einer tödlich.

Übermütige Jugendliche klettern auf abgestellte Güterwaggons, unterschätzen die tödliche Gefahr, welche von den 15.000 Volt in der Oberleitung ausgeht, kommen ihr zu nahe – ein Blitz, ein Knall, schwere Verbrennungen, meistens mit Todesfolge.

Das ist schlimm. Immer wieder ist dann in den Medien von „tragischen“ Unglücken zu hören und lesen. Doch was bedeutet eigentlich tragisch? Schauen wir in den Duden:

„auf verhängnisvolle Weise eintretend und schicksalhaft in den Untergang führend und daher menschliche Erschütterung auslösend“

Verhängnisvoll und schicksalhaft – also fremdgesteuert, vom Betroffenen weder zu beeinflussen noch zu vermeiden. Tragisch sind also zum Beispiel Zugunglücke wie das von Eschede, Flugzeugabstürze durch Blitzschlag, Vulkanausbrüche, Erdbeben oder der zufällige Aufenthalt in der Nähe einer von Terroristen gezündeten Bombe. (Morgens durch Herbert Grönemeyer im Radiowecker aufzuwachen, ist zwar auch verhängnisvoll und erschütternd, aber nicht besonders tragisch.)

Niemand zwang indes die Jungs, die Bobbahn hinunter zu fahren oder auf Güterwagen zu klettern – außer vielleicht ihr Testosteron. Möge mich der Schlag mit mindestens 15.000 Volt treffen, sollte in den Windungen meines Hirns ein Gedanke wohnen, der da ätzt „geschieht ihnen recht“ oder ähnliches. Doch bei allem Respekt und Mitgefühl für die Betroffenen und ihre Angehörigen: Das war nicht tragisch, das war einfach nur dumm. Meine menschliche Erschütterung hält sich daher in Grenzen.

Keineswegs wunderte es mich, würden jetzt Stimmen laut, die zur Vorbeugung gegen solche Ereignisse deutliche Warnhinweise auf Güterwagen* und vor Bobbahnen fordern. So wie auf Pappkaffeebechern vor möglicher Verbrühungsgefahr durch heißen Inhalt gewarnt wird, oder Anfang der Neunzigerjahre allen Ernstes gefordert wurde, in Mecklenburg-Vorpommern alle Alleebäume zu fällen, weil die dortigen Autofahrer aufgrund noch ungewohnter PS-Stärke westlicher Kraftfahrzeuge dieselben reihenweise vor den Baum setzten mit oft tödlichem Ausgang, also für die Fahrzeuginsassen, seltener für den Baum. Derartige Ansinnen sind nicht tragisch, eher schon fast komisch.

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* Schon seit Anbeginn der elektrischen Zugförderung sind auf Eisenbahnfahrzeugen im oberen Bereich Blitzsymbole als Warnung angebracht für kraft ihrer Tätigkeit befugte Eisenbahner, das Fahrzeug zu besteigen. Für besoffene Jugendliche reichen die anscheinend nicht aus.

Nicht-Vorsätze für 2015

Silvester. Mit i, nicht y, auch wenn der Kater am nächsten Tag fast so sicher* ist wie Norbert Blüms Rente. Zeit für gute Vorsätze – darum erstellen viele Menschen in diesen Tagen wieder eine Liste mit den Dingen, die sie im neuen Jahr besser, öfter, weniger, gar nicht mehr oder überhaupt endlich machen wollen. Läsen sie diese Liste nach zwölf Monate erneut, stellten sie fest, dass sie nichts, aber auch gar nichts von alledem in die Tat umgesetzt haben. Tun sie aber nicht, sie haben die Liste spätestens Ende Februar vergessen.

 

Ich dagegen erstelle traditionell jahresendlich eine Liste mit Dingen, die ich im neuen Jahr nicht angehen, umsetzen, erreichen oder ändern will. Das Erfolgserlebnis am Jahresende ist garantiert. 2015 werde ich nicht:

 

+ Mein gelöschtes Facebookprofil wiederbeleben. Dieses Mal hoffentlich endgültig…

+ Ein Herbert-Grönemeyer-Konzert besuchen.

+ Ein Udo-Jürgens-Konzert besuchen – leider.

+ Mir die Achseln rasieren.

+ Urlaub in der Türkei machen. Es soll dort sehr schön sein, aber dieser größenwahnsinnige Herrscher ist mir unheimlich.

+ Eine Fernreise machen. Wenn auch Reisen für viele Menschen das Größte ist – ich würde Europa nur ungern verlassen. Nach Russland will ich auch nicht. Nicht, so lange Schwule dort um ihr Leben fürchten müssen.

+ Die Menschen verstehen, z.B. warum Mord am Sonntagabend höchste Familienfernsehkultur, Porno jedoch igitt ist. Oder was so schwer daran ist, Rad- und Fußwege ihrem jeweiligen Zweck entsprechend zu benutzen. Diese Aufzählung ließe sich beliebig verlängern, vielleicht schreibe ich im neuen Jahr mal einen eigenen Aufsatz dazu.

+ Mir Eiswasser über den Kopf gießen oder was auch immer Vergleichbares 2015 Trend sein wird, sei der Zweck auch noch so gut gemeint. Dazu gehört wohl auch

+ mir einen Schnauzbart wachsen lassen.

+ Aufhören zu rauchen.

+ Ein Haustier zulegen. Silberfische, Filzläuse und Fruchtfliegen zählen nicht.

+ Ohne Not billigen Wein trinken.

+ Vor 9 Uhr morgens freiwillig und ungefragt reden.

+ Danke sagen, wenn jemand in der vollen Bahn erst auf Anfrage seine Tasche vom Platz nimmt, auf dass ich mich setzen kann.

+ Nach Paris fahren – ich würde ja gerne endlich mal, aber irgendwie klappt das leider nie.

+ Eins der zahlreichen Bücher von oder über Helmut Schmidt lesen.

+ Elektronische Bücher statt solche aus Papier lesen. 

+ “Spaß beiseite“ sagen.

+ Jahresrückblicke lesen oder anschauen.

+ Einen vielbeachteten Blogtext verfassen.

 

Die Liste ist natürlich nicht vollständig, unter anderem habe ich auch nicht vor, mir die Haare grün zu färben, ein Auge auszustechen, mich vom Posttower zu stürzen, an Schleimmonster zu glauben oder mit Gips zu gurgeln. Aber das soll erstmal reichen. In diesem Sinne: ein gutes neues Jahr Ihnen allen!

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* Früher schrieb man auch „vorprogrammiert“, bis Sebastian Sick heraus fand, dass das doppelt gemoppelter Unfug ist. Seitdem schreiben Journalisten stattdessen gerne „programmiert“, was zwar korrekt im Sickschen Sinne ist, jedoch nicht schön oder gar originell. 

Driving home for christmas

Nein, dies soll kein Jammertext sein über den alljährlichen Weihnachtswahnsinn: Geschenkebeschaffungsstress, Familienpflichtbesuche, unendliches Weihnachtsradiogedudel mit Pferdeschlittenschellen, Glockenklangimitationen, rot(z)näsigen Rentieren und „Christmas“ in jeder zweiten Zeile, zu viel Essen und Trinken, Niedlichfindeverpflichtung gegenüber anwesenden Kleinkindern oder jungen Hunden, die immergleichen Geschichten am Esstisch mit der Verwandtschaft. Weil hierzu schon genug geschrieben wurde, in Blogs und „augenzwinkernden“ Kolumnen. Und weil es nichts nützt, darüber zu jammern – im nächsten Jahr machen wir alles wieder genau so, weil wir es immer so gemacht haben, weil es von uns so erwartet wird.

Und doch: Als ich heute nach der Rückkehr aus der ostwestfälischen Heimat alleine durch schäbiges, nasskaltes Schneegestöber am Rhein entlang spazierte, die Ohren, Hände und Füße langsam kalt wurden, da fühlte ich mich glücklich wie seit Tagen nicht mehr.

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Vielleicht im nächsten Jahr doch mal Weihnachten anders verbringen? Oder noch besser: ignorieren?

Den Marsch geblasen

Meine Begeisterung für Kirche, Papst und jedwede Religion führt bekanntlich ein kümmerliches Dasein. Einerseits reklamieren sie sofort die „Verletzung religiöser Gefühle“, sobald es jemand wagt, Kritik zu üben oder nur einen harmlosen Witz zu machen, andererseits beanspruchen sie für sich das Recht, getrieben von ebendiesen Gefühlen die Würde anders- oder nichtgläubiger Menschen zu verletzen, sei es durch Ausgrenzung oder gar durch Gewalt. Und doch bin ich mir sicher, die Menschen fänden andere Gründe, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen, gäbe es keine Religionen – wegen Fußball tun sie es ja heute schon, wobei die Fifa wenig Göttliches an sich hat, eher im Gegenteil.

Allerdings komme ich nicht umhin, dem derzeit amtierenden Katholikenhäuptling Franzl meine Anerkennung auszudrücken. So schlug er jetzt seinen Kurienkardinälen und -bischöfen statt des erwarteten Jahresrückblicks ihre Verfehlungen um die Ohren: den Glauben an die eigene Unsterblichkeit, Immunität und Unverzichtbarkeit, blinden Aktionismus, Machtstreben um jeden Preis, geistige Verhärtung, Rivalität, Intrigantentum, Eitelkeit, Geschwätzigkeit, falsche Unterwürfigkeit, Karrieredenken, Abschottung, Bildung von Seilschaften, ungenügende Koordination mit anderen, theatralische Strenge und weitere. Es überrascht wenig, dass die Gescholtenen die Rede ihres Chefs mit versteinerten Minen verfolgten und am Ende nur verhalten applaudierten.

Des Papstes Worte belegen deutlich, dass sich die Katholische Kirche nicht sehr stark von einem DAX-30-Konzern unterscheidet. Denken wir uns statt der bunten, wallenden Roben dunkle Anzüge, statt des Gottesbezuges den Blick auf das Konzernergebnis, so könnte dieselbe Rede auch der Aufsichtsrats- oder Vorstandsvorsitzende seinen sogenannten Managern zu Gehör bringen. Eher wird eine Jungfrau schwanger, als dass dies geschieht, doch scheint es wünschenswert, angemessen und längst fällig.

In diesem Sinne: frohe Weihnachten!