Woche 52: Greinende Gesellen

Montag: Der Franzose sagt „gueule de bois“, wenn er den Kater am nächsten Morgen meint. Das mag für das westfälisch sozialisierte Ohr freundlich klingen, bedeutet jedoch so viel wie „Maul aus Holz“ und macht es nicht besser. Als Bezeichnung für die manchmal auftretende depressive Verstimmung am Tag danach schlage ich „Ethanocholie“ vor.

Dienstag: Freue dich, o Christenheit, ein Kind ist dir geboren. Ich habe keine Kinder, was ich keineswegs beklage, ich erwähnte es gelegentlich. Hätte ich jedoch welche, und mein Sohn, meine Tochter oder was auch immer die Kraft meiner Lenden hervorgebracht hat, fragte mich, ob Religion gut oder schlecht sei, so antwortete ich also dieses: Lieber Sohn / liebe Tochter / liebes Wesen, dem das Bundesverfassungsgericht endlich ebenfalls eine Existenzberechtigung zugesprochen hat, wir nur noch nicht dazu kamen, ein Wort für dich zu finden: Es ist gut, an einen Gott zu glauben und zu ihm zu beten, viele Menschen tun es und es gibt ihnen Halt in ihrem Leben. Es ist genauso gut, das nicht zu tun. Es ist jedoch schlecht, andere Menschen zu unterdrücken oder ihnen Gewalt anzutun, weil sie nicht, an den falschen Gott oder an den richtigen falsch glauben, oder weil irgendwer das vor hunderten von Jahren in irgendein Buch schrieb.

Mittwoch: Nach Weihnachten kehrt der Alltag auch ins Radio zurück. Fast habe ich die Reklame dort vermisst, weniger indes den Werbespot von Möbel Hardeck, der mit Rufen durchzogen ist, die wie „Sieg heil“ klingen, ich hoffe das liegt nur an meiner Hörschwäche. Zwiegespalten bin ich bei diesen englisch-amerikanischen Weihnachtsliedern mit künstlichem Glockenklang und Schlittenschellen im Hintergrund, welche ich einerseits nicht vermisse, deren Ausbleiben andererseits nun wieder mehr Raum schafft für Bourani, Foster, Giesinger, Ich & Ich, Revolverheld, Tawil und all die anderen greinenden Gesellen.

Donnerstag: Wie schlecht es um unsere Welt wirklich steht, verdeutlicht ein Blick in die Zeitung. Laut einem Bericht des General-Anzeigers bilden sich auf der Rigal’schen Wiese in Bonn-Bad Godesberg trotz umfangreicher Sanierungsmaßnahmen bei Regen immer noch Pfützen. „Ich war doch sehr er­staunt“, so ein Leser, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Freitag: Und noch einmal Radioreklame, ein unerschöpflicher Quell für meine alltäglichen Betrachtungen. Sie soll Interesse für das Produkt wecken und Vertrauen schaffen. Letzteres geht ein Reiseveranstalter, dessen Name ich mir nicht gemerkt habe, in sehr subtiler Weise an: Die im üblichen aufgeregt-schleimigen Werbergeplärre vorgetragene Anzeige endet mit dem Satzfragment „AGB beachten“. Nicht etwa „Bitte beachten Sie unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ oder „Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage …“, sondern ein kurzes, verschämt hingerotztes „AGB beachten“, so wie Hundebesitzer „Platz!“ rufen oder Schilder mit „Betreten verboten“ oder „Einfahrt freihalten“ angeschraubt werden. Ich werde dort wohl trotzdem keine Reise buchen.

Samstag: An einem Bahnübergang im Bonner Süden wurde ein Dreizehnjähriger von einem Zug erfasst und getötet, nachdem er über die geschlossene Schranke geklettert und über die Gleise gelaufen war. Wieder werden Forderungen nach besseren Sicherungen an Bahnübergängen laut, vermutlich werden genau jetzt, da ich diese Zeilen notiere, wutschäumend Leserbriefe verfasst, in denen die böse Bundesbahn als wahre Schuldige hingestellt wird, weil sie immer mehr Güterzüge durch das Rheintal fahren lässt. (Nicht ein Güterzug, sondern ein ICE erfasste den Jungen, was es nicht besser macht.) „Was muss denn noch alles passieren?“ – „Denkt auch mal jemand an die Kinder?“ – und so weiter. Ich möchte keinesfalls zynisch erscheinen und es liegt mir fern, das Leid der Angehörigen und Freunde des Jungen zu ignorieren, oder gar so etwas wie „Geschieht ihm recht“ zu äußern, das wäre niederes Facebook-Niveau, auf welches ich mich nicht begebe. Doch frage ich mich, welche Sicherheitsvorkehrungen die Bahn noch treffen soll. Selbst dem allerdümmsten Menschen sollte spätestens etwa ab dem achten Lebensjahr bewusst sein, man steigt nicht über eine geschlossene Bahnschranke. So wie man auch nicht, wie kürzlich wieder geschehen, auf einen Güterwagen klettert, schon gar nicht, wenn darüber eine Oberleitung gespannt ist. Wer es dennoch tut, muss leider mit den Konsequenzen leben. Oder kann es eben nicht mehr.

Sonntag: „Diese Generation ist mit der massiven Eichenschrankwand aufgewachsen – dem Sinnbild der Frühversargung.“ (Der Psychologe Stephan Grünewald über die 68er-Generation im Interview mit der FAS)

Übrigens ist es mir inzwischen völlig schnuppe, wenn Silvester hier und da mit Ypsilon geschrieben wird. In diesem Sinne: Auf ein Neues!

Nicht-Vorsätze für 2015

Silvester. Mit i, nicht y, auch wenn der Kater am nächsten Tag fast so sicher* ist wie Norbert Blüms Rente. Zeit für gute Vorsätze – darum erstellen viele Menschen in diesen Tagen wieder eine Liste mit den Dingen, die sie im neuen Jahr besser, öfter, weniger, gar nicht mehr oder überhaupt endlich machen wollen. Läsen sie diese Liste nach zwölf Monate erneut, stellten sie fest, dass sie nichts, aber auch gar nichts von alledem in die Tat umgesetzt haben. Tun sie aber nicht, sie haben die Liste spätestens Ende Februar vergessen.

 

Ich dagegen erstelle traditionell jahresendlich eine Liste mit Dingen, die ich im neuen Jahr nicht angehen, umsetzen, erreichen oder ändern will. Das Erfolgserlebnis am Jahresende ist garantiert. 2015 werde ich nicht:

 

+ Mein gelöschtes Facebookprofil wiederbeleben. Dieses Mal hoffentlich endgültig…

+ Ein Herbert-Grönemeyer-Konzert besuchen.

+ Ein Udo-Jürgens-Konzert besuchen – leider.

+ Mir die Achseln rasieren.

+ Urlaub in der Türkei machen. Es soll dort sehr schön sein, aber dieser größenwahnsinnige Herrscher ist mir unheimlich.

+ Eine Fernreise machen. Wenn auch Reisen für viele Menschen das Größte ist – ich würde Europa nur ungern verlassen. Nach Russland will ich auch nicht. Nicht, so lange Schwule dort um ihr Leben fürchten müssen.

+ Die Menschen verstehen, z.B. warum Mord am Sonntagabend höchste Familienfernsehkultur, Porno jedoch igitt ist. Oder was so schwer daran ist, Rad- und Fußwege ihrem jeweiligen Zweck entsprechend zu benutzen. Diese Aufzählung ließe sich beliebig verlängern, vielleicht schreibe ich im neuen Jahr mal einen eigenen Aufsatz dazu.

+ Mir Eiswasser über den Kopf gießen oder was auch immer Vergleichbares 2015 Trend sein wird, sei der Zweck auch noch so gut gemeint. Dazu gehört wohl auch

+ mir einen Schnauzbart wachsen lassen.

+ Aufhören zu rauchen.

+ Ein Haustier zulegen. Silberfische, Filzläuse und Fruchtfliegen zählen nicht.

+ Ohne Not billigen Wein trinken.

+ Vor 9 Uhr morgens freiwillig und ungefragt reden.

+ Danke sagen, wenn jemand in der vollen Bahn erst auf Anfrage seine Tasche vom Platz nimmt, auf dass ich mich setzen kann.

+ Nach Paris fahren – ich würde ja gerne endlich mal, aber irgendwie klappt das leider nie.

+ Eins der zahlreichen Bücher von oder über Helmut Schmidt lesen.

+ Elektronische Bücher statt solche aus Papier lesen. 

+ “Spaß beiseite“ sagen.

+ Jahresrückblicke lesen oder anschauen.

+ Einen vielbeachteten Blogtext verfassen.

 

Die Liste ist natürlich nicht vollständig, unter anderem habe ich auch nicht vor, mir die Haare grün zu färben, ein Auge auszustechen, mich vom Posttower zu stürzen, an Schleimmonster zu glauben oder mit Gips zu gurgeln. Aber das soll erstmal reichen. In diesem Sinne: ein gutes neues Jahr Ihnen allen!

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* Früher schrieb man auch „vorprogrammiert“, bis Sebastian Sick heraus fand, dass das doppelt gemoppelter Unfug ist. Seitdem schreiben Journalisten stattdessen gerne „programmiert“, was zwar korrekt im Sickschen Sinne ist, jedoch nicht schön oder gar originell.