Nicht-Vorsätze für 2015

Silvester. Mit i, nicht y, auch wenn der Kater am nächsten Tag fast so sicher* ist wie Norbert Blüms Rente. Zeit für gute Vorsätze – darum erstellen viele Menschen in diesen Tagen wieder eine Liste mit den Dingen, die sie im neuen Jahr besser, öfter, weniger, gar nicht mehr oder überhaupt endlich machen wollen. Läsen sie diese Liste nach zwölf Monate erneut, stellten sie fest, dass sie nichts, aber auch gar nichts von alledem in die Tat umgesetzt haben. Tun sie aber nicht, sie haben die Liste spätestens Ende Februar vergessen.

 

Ich dagegen erstelle traditionell jahresendlich eine Liste mit Dingen, die ich im neuen Jahr nicht angehen, umsetzen, erreichen oder ändern will. Das Erfolgserlebnis am Jahresende ist garantiert. 2015 werde ich nicht:

 

+ Mein gelöschtes Facebookprofil wiederbeleben. Dieses Mal hoffentlich endgültig…

+ Ein Herbert-Grönemeyer-Konzert besuchen.

+ Ein Udo-Jürgens-Konzert besuchen – leider.

+ Mir die Achseln rasieren.

+ Urlaub in der Türkei machen. Es soll dort sehr schön sein, aber dieser größenwahnsinnige Herrscher ist mir unheimlich.

+ Eine Fernreise machen. Wenn auch Reisen für viele Menschen das Größte ist – ich würde Europa nur ungern verlassen. Nach Russland will ich auch nicht. Nicht, so lange Schwule dort um ihr Leben fürchten müssen.

+ Die Menschen verstehen, z.B. warum Mord am Sonntagabend höchste Familienfernsehkultur, Porno jedoch igitt ist. Oder was so schwer daran ist, Rad- und Fußwege ihrem jeweiligen Zweck entsprechend zu benutzen. Diese Aufzählung ließe sich beliebig verlängern, vielleicht schreibe ich im neuen Jahr mal einen eigenen Aufsatz dazu.

+ Mir Eiswasser über den Kopf gießen oder was auch immer Vergleichbares 2015 Trend sein wird, sei der Zweck auch noch so gut gemeint. Dazu gehört wohl auch

+ mir einen Schnauzbart wachsen lassen.

+ Aufhören zu rauchen.

+ Ein Haustier zulegen. Silberfische, Filzläuse und Fruchtfliegen zählen nicht.

+ Ohne Not billigen Wein trinken.

+ Vor 9 Uhr morgens freiwillig und ungefragt reden.

+ Danke sagen, wenn jemand in der vollen Bahn erst auf Anfrage seine Tasche vom Platz nimmt, auf dass ich mich setzen kann.

+ Nach Paris fahren – ich würde ja gerne endlich mal, aber irgendwie klappt das leider nie.

+ Eins der zahlreichen Bücher von oder über Helmut Schmidt lesen.

+ Elektronische Bücher statt solche aus Papier lesen. 

+ “Spaß beiseite“ sagen.

+ Jahresrückblicke lesen oder anschauen.

+ Einen vielbeachteten Blogtext verfassen.

 

Die Liste ist natürlich nicht vollständig, unter anderem habe ich auch nicht vor, mir die Haare grün zu färben, ein Auge auszustechen, mich vom Posttower zu stürzen, an Schleimmonster zu glauben oder mit Gips zu gurgeln. Aber das soll erstmal reichen. In diesem Sinne: ein gutes neues Jahr Ihnen allen!

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* Früher schrieb man auch „vorprogrammiert“, bis Sebastian Sick heraus fand, dass das doppelt gemoppelter Unfug ist. Seitdem schreiben Journalisten stattdessen gerne „programmiert“, was zwar korrekt im Sickschen Sinne ist, jedoch nicht schön oder gar originell. 

Driving home for christmas

Nein, dies soll kein Jammertext sein über den alljährlichen Weihnachtswahnsinn: Geschenkebeschaffungsstress, Familienpflichtbesuche, unendliches Weihnachtsradiogedudel mit Pferdeschlittenschellen, Glockenklangimitationen, rot(z)näsigen Rentieren und „Christmas“ in jeder zweiten Zeile, zu viel Essen und Trinken, Niedlichfindeverpflichtung gegenüber anwesenden Kleinkindern oder jungen Hunden, die immergleichen Geschichten am Esstisch mit der Verwandtschaft. Weil hierzu schon genug geschrieben wurde, in Blogs und „augenzwinkernden“ Kolumnen. Und weil es nichts nützt, darüber zu jammern – im nächsten Jahr machen wir alles wieder genau so, weil wir es immer so gemacht haben, weil es von uns so erwartet wird.

Und doch: Als ich heute nach der Rückkehr aus der ostwestfälischen Heimat alleine durch schäbiges, nasskaltes Schneegestöber am Rhein entlang spazierte, die Ohren, Hände und Füße langsam kalt wurden, da fühlte ich mich glücklich wie seit Tagen nicht mehr.

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Vielleicht im nächsten Jahr doch mal Weihnachten anders verbringen? Oder noch besser: ignorieren?

Den Marsch geblasen

Meine Begeisterung für Kirche, Papst und jedwede Religion führt bekanntlich ein kümmerliches Dasein. Einerseits reklamieren sie sofort die „Verletzung religiöser Gefühle“, sobald es jemand wagt, Kritik zu üben oder nur einen harmlosen Witz zu machen, andererseits beanspruchen sie für sich das Recht, getrieben von ebendiesen Gefühlen die Würde anders- oder nichtgläubiger Menschen zu verletzen, sei es durch Ausgrenzung oder gar durch Gewalt. Und doch bin ich mir sicher, die Menschen fänden andere Gründe, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen, gäbe es keine Religionen – wegen Fußball tun sie es ja heute schon, wobei die Fifa wenig Göttliches an sich hat, eher im Gegenteil.

Allerdings komme ich nicht umhin, dem derzeit amtierenden Katholikenhäuptling Franzl meine Anerkennung auszudrücken. So schlug er jetzt seinen Kurienkardinälen und -bischöfen statt des erwarteten Jahresrückblicks ihre Verfehlungen um die Ohren: den Glauben an die eigene Unsterblichkeit, Immunität und Unverzichtbarkeit, blinden Aktionismus, Machtstreben um jeden Preis, geistige Verhärtung, Rivalität, Intrigantentum, Eitelkeit, Geschwätzigkeit, falsche Unterwürfigkeit, Karrieredenken, Abschottung, Bildung von Seilschaften, ungenügende Koordination mit anderen, theatralische Strenge und weitere. Es überrascht wenig, dass die Gescholtenen die Rede ihres Chefs mit versteinerten Minen verfolgten und am Ende nur verhalten applaudierten.

Des Papstes Worte belegen deutlich, dass sich die Katholische Kirche nicht sehr stark von einem DAX-30-Konzern unterscheidet. Denken wir uns statt der bunten, wallenden Roben dunkle Anzüge, statt des Gottesbezuges den Blick auf das Konzernergebnis, so könnte dieselbe Rede auch der Aufsichtsrats- oder Vorstandsvorsitzende seinen sogenannten Managern zu Gehör bringen. Eher wird eine Jungfrau schwanger, als dass dies geschieht, doch scheint es wünschenswert, angemessen und längst fällig.

In diesem Sinne: frohe Weihnachten!

Über Integration, menschliches Miteinander und Nussnougatcreme

Die CSU möchte ausländische Mitbürger ermuntern, deutsch zu sprechen, auch wenn sie unter sich sind, nur so könne Integration gelingen. Ausgerechnet die Partei also, deren Mitglieder selbst kaum des Deutschen mächtig sind, also jedenfalls nicht in einer für Außerbayerische verständlichen Weise. Gerne erinnern wir uns an Edmund Stoiber, als er die Vorzüge einer Magnetschwebebahn vom Münchner Hauptbahnhof zum Flughafen pries oder den Bären Bruno problematisierte. Immer wieder begibt sich die CSU hart an die Grenze zur Satire, fast möchte man ihr Kürzel als Christlich-satirische Unterhaltungspartei verstehen.

Apropos Grenze: Etwa zur gleichen Zeit erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort ‚Lichtgrenze‘ zum Wort des Jahres. Nachdem ich mich vergewissert hatte, mich nicht verlesen zu haben, musste ich erstmal schauen, was das sein sollte, eine Lichtgrenze, denn weder hatte ich das Wort zuvor gehört oder gelesen, noch hatte ich eine Vorstellung von seiner Bedeutung. Was wie ein Begriff aus der Astrophysik anmutet, stellte sich dann als eine künstlerische Installation in Berlin zur Feier des Mauerfalls vor fünfundzwanzig Jahren heraus. Was qualifiziert ein flüchtiges Kunstwerk dazu, das Wort des Jahres zu gebären? Warum nicht stattdessen zum Beispiel ‚Eistonne‘?

Wie auch immer – ich mag meine Muttersprache sehr, wobei der Begriff an sich schon irreführend ist. Wieso eigentlich Muttersprache? Auch Vater, Bruder, Oma, Opa, Nachbar und weitere mehr oder weniger nahestehende Personen bedien(t)en sich des Deutschen, welches es ermöglicht, schnell auf den Punkt zu kommen, allein schon durch die wunderbare Möglichkeit, zusammengesetzte Substantive zu bilden wie ‚Dampflokomotivtenderdrehgestellkonstrukteursschule‘. Das ist natürlich nur ein spontan konstruiertes Beispiel, welches jeglichen Praxisbezuges entbehrt, erscheint doch die Notwendigkeit eines eigenen Berufsstandes ausschließlich zur Konstruktion von Tenderdrehgestellen sehr zweifelhaft und zudem auch wenig zukunftssicher, da die Nachfrage nach Lokomotivtendern in den letzten Jahren stark rückläufig ist. Ein weiteres Beispiel ist ‚Lichterkettenwettrüstungsspirale‘, das mir letztens während einer Zugfahrt durch die adventliche Dunkelheit einfiel und das mir beim Scrabblespiel sicher eine beachtliche Punktzahl einbringen würde.

Eine weitere schöne Sprache ist das Französisch, auch wenn es mir trotz mittlerweile zahlreicher Frankreichaufenthalte nicht gelingen will, es zu verstehen oder gar erlernen. Dort ist der Ansatz der Begriffsbildung ein anderer: zusammengesetzte Hauptwörter sind unüblich, stattdessen besingt der Franzose den zu bezeichnenden Gegenstand mit einem bunten Strauß aus Einzelwörtern. Beispiel: Pâte à tartiner aux noisettes für Nussnougatcreme.

Zugegeben – das ist natürlich nur ein Frankreich-Klischee wie allgegenwärtiges Akkordeongedudel, Baskenmützen, sprachliche Unflexibilität und Baguette. Gut, das mit dem Baguette stimmt wirklich. Aber die Franzosen kennen durchaus auch kurze und zudem schöne Wörter für Dinge, die im Deutschen nicht mal eine richtige Bezeichnung haben. Zum Beispiel dieses Rührdings, was es dazu gibt, wenn man seinen Pappbecherkaffee gerne mit Milch und/oder Zucker zu sich nimmt, Sie wissen schon, dieses weiße Plastikteil mit der länglichen Öse an einem Ende. Wir würden Sie das nennen? Der Franzose weiß es: l´agitateur! Ist das nicht herzallerliebst? Wie germanisch-kalt klingt dagegen Pappbecherkaffeerührdings…

Vor allem aber verfügt das Französische über zwei sehr nützliche Alltagsbegriffe der persönlichen Anrede, welche in ständigem Gebrauch sind und die das menschliche Miteinander sehr viel angenehmer und höflicher erscheinen lassen: monsieur und madame. „Gibts im Deutschen auch“, mag der Leser nun einwerfen, „Herr und Dame/Frau“. Gewiss, doch beschränkt sich der alltägliche Gebrauchswert im wesentlichen auf die Fälle, in denen der Name der angesprochenen Person bekannt ist, etwa wenn wir dem Versicherungsvertreter unseres Vertrauens „Hallo Herr Kaiser“ zurufen. Doch fehlen uns die Worte, wenn wir im Restaurant nach der Rechnung verlangen oder ein am Sektkühler klebendes blutiges Heftpflaster beanstanden möchten. Stattdessen rufen wir „Herr Ober“, „Fräulein“, „Hallo“, „Verzeihung“, wohingegen „mein Herr“ / „meine Dame“ zumeist in unterwürfigen Zusammenhängen gebräuchlich sind, etwa seitens des zuvor gerufenen, wenn er uns die verlangte Rechnung oder einen neuen, unbepflasterten Sektkühler bringt.

Anders der Franzose: keine persönliche Anrede ohne „monsieur“ und „madame“, und für den Fall gleichzeitiger Anrede von Menschen unterschiedlichen Geschlechts gibt es ein Wort, das nicht in meinem Wörterbuch enthalten ist, gleichwohl in der Praxis benutzt wird, es heißt ‚monsieurdame‘ oder so ähnlich. „Meine Damen und Herren“, das sagen bei uns nur Politiker während Wahlkampfreden oder Parteitagen, nicht nur von der CSU.

Ja, da fehlt der deutschen Sprache was. ‚Alter‘ ist jedenfalls keine adäquate Entsprechung.

Über Kometen, Dickhäuter und den Bonner Nahverkehr

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Unerfreuliches ist dieser Tage zu lesen über den öffentlichen Personennahverkehr in Bonn, also das Tätigkeitsfeld der Stadtwerke und nicht irgendwelche zwischenmenschlichen Intimitäten, welche zu thematisieren ich mich bisweilen hinreißen lasse. So singt das vielstrophige Klagelied von Verspätungen, Ausfällen, überfüllten Bussen und Bahnen und ähnlichem mehr. Ein erboster, leidgeprüfter Fahrgast weiß laut General-Anzeiger gar von unerträglichem Chaos zu berichten, welches allmorgendlich gegen acht Uhr in der U-Bahn-Haltestelle Hauptbahnhof die Herrschaft an sich reißt. Dies nachzuvollziehen fällt mir indes schwer: Seit die Haltestelle Stadthaus für sechs Millionen Euro in ein Trümmerfeld verwandelt wurde, in welchem aufgrund vorübergehender Bahnsteiglosigkeit keine Bahnen halten, steige ich jeden Morgen kurz vor acht am Hauptbahnhof ein. Jeden Morgen seitdem das gleiche Bild: Die Anzahl der wartenden Fahrgäste ist überschaubar, nie muss ich länger als fünf Minuten auf eine Bahn warten und stets finde ich mühelos darin einen Sitzplatz, ohne mich durch Schülerhorden drängeln oder Omas über das notwenige Maß hinaus schubsen zu müssen.

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(Chaotische Zustände in der U-Bahn-Haltestelle Bonn Hauptbahnhof am 9. Dezember 2014 gegen 7:55 Uhr)

Womöglich meint der Zitierte eine Haltestelle in einer anderen Stadt, die auch eine U-Bahn-Station „Hauptbahnhof“ innerhalb ihrer Mauern aufzuweisen sich rühmen kann, das mag es geben, Bielefeld zum Beispiel oder Boppard. Nein, Boppard nicht – dort heißt der Bahnsteig der DB zwar seit ein paar Jahren auch Hauptbahnhof, aber eine U-Bahn sucht man vergebens und vermutlich auch das Chaos gegen acht, außer vielleicht abends im Frühherbst zu Weinfesten. Wo war ich? Ach ja, Bonn. Vielleicht bricht das beobachtete und beklagte Chaos immer erst kurz nach meiner Abfahrt ein, oder es hat die bedauernswerten Pendler inzwischen in ihr Auto getrieben oder aufs Fahrrad, oder sie laufen; ist ja auch viel gesünder, sich des Morgens an der frischen Luft zu bewegen anstatt mürrische Gesichter oder fremder Leute Gequatsche ertragen müssen wie diesen von mir kürzlich gehörten Satz: „Als Universitätsbuchhandlung hast du nochmal einen anderen Anspruch, auch an das Klientel“. Solches anzuprangern erscheint mir als langjährigem Bahnfahrer viel naheliegender.

Es ist doch so: Seit Menschen zusammenleben, gehen sie sich gegenseitig auf die Nerven, nur an wenigen Orten wird dies deutlicher als im Kino und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das beginnt schon auf der Rolltreppe zum Bahnsteig, wo das Prinzip „links gehen – rechts stehen“ trotz zahlreicher gleich lautender Hinweisschilder, die sicher, trotz der großen Abnahmemenge, auch nicht billig waren, nur von den wenigsten verstanden wird; stattdessen hemmen handypnotisierte Kaffeebecherschicksen (ich liebe es, wenn das Textverarbeitungsprogramm seine Unkenntnis solcher Wörter mit einer roten Strichellinie schmückt) das zügige Vorankommen. Es sei denn, die Rolltreppe rollt nicht. Ein für mich unerklärliches Phänomen ist das Unbehagen, eine stillstehende Rolltreppe zu betreten, niemand tut das gerne und freiwillig, warum auch immer. Nähern wir uns – und ich schreibe bewusst ‚wir’, weil ich mich hier ausdrücklich einbeziehe – nähern wir uns also einer Rolltreppe und bemerken ihren Stillstand erst dann, wenn die erste geriffelte Stufe nur noch wenige Zentimeter von unserer Schuhspitze trennen, so nehmen wir Abstand, machen einen Ausfallschritt nach links und besteigen lieber ihr steinernes Pendant nebenan. Ob die Gründe dafür schon erforscht sind, entzieht sich meiner Kenntnis, erforschenswert erscheinen sie mir allemal, mehr jedenfalls als Staubkorngröße und -geschmack auf fernen Kometen. Und billiger wäre es auch.

Stichwort Kaffeebecher – jegliche Art der Nahrungsaufnahme ist in Bussen und Bahnen deplatziert. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, das heißt zu Hause, in gastronomischen Einrichtungen oder notfalls auch auf mehrstündigen Flugreisen – nicht jedoch in der Stadtbahn. Wagenfüllenden Dönergeruch und den Anblick essender Menschen empfinde ich als zutiefst abstoßend, erst recht, wenn sie dabei unter schwerem Atmen grunzende Geräusche absondern. Aus gutem Grunde ist jeglicher Verzehr in Köln verboten: „Beachten Sie das Verzehrverbot auf Kölner Stadtgebiet“ mahnen entsprechende Hinweise in den Bahnen, wobei ich für die Bewohner Kölns hoffe, das Verbot beschränkt sich wirklich nur auf Busse und Bahnen. Wäre ja blöd, wenn die Kölner zum Verzehr eines einfachen Big Macs extra jedes Mal nach Hürth, Brühl oder Leverkusen reisen müssten. (Wäre ich ein Journalist, hätte ich statt ‚Kölner’ jetzt ‚Domstädter’ geschrieben, so wie bei anderer Gelegenheit ‚Alpenrepublik‘, ‚Vierbeiner‘, ‚Dickhäuter‘ oder ‚Medienmogul‘. Andere wiederum finden es normal oder gar amüsant, den Big-Mac-Markeninhaber ‚Mäckes‘ zu nennen, das ist mindestens genau so schlimm, wenn auch nicht ganz so schlimm wie ‚McDoof‘.) Das größte Ärgernis aber sind für mich immer noch – ich erwähnte es früher bereits – Menschen, die sich mit ihrem Fahrrad, anstatt es seiner ureigenen Bestimmung gemäß zu verwenden, im Berufsverkehr in die volle Bahn quetschen, manchmal nur für wenige Stationen. Ich bin wahrlich kein Freund übertriebener Verbote, aber das gehört dringend untersagt, noch weit vor einem Verzehrverbot!

Doch sind die Verkehrsbetriebe auch ein nimmer versiegender Quell der Komik, etwa wenn in der Blüte ihrer Adoleszenz stehende Jungs sich unbeobachtet wähnen und daher minutenlang im Spiegelbild der dunklen Scheibe an ihrer mühsam und unter Zuhilfenahme diverser Gele, Wachse und Schäume hergerichteten Frisur herum zupfen. Nicht lustig, eher dämlich kommt hingegen die Werbung der Stadtwerke für ihr Handy-Ticket daher, die sich des kreativ eher flach wurzelnden Slogans „Tipp tipp hurra“ bedient. Wiederum erheiternd empfand ich den Ausspruch eines etwa Dreizehnjährigen, der während der Einfahrt der Bahn in die Haltestelle zu seinem Kumpel sagte: „Alter, das ist die neue Bahn!“ – gemeint war einer der jüngst einer Grundüberholung unterzogenen Stadtbahnwagen aus den Siebzigerjahren, von den Bonner Stadtwerken 2012 zu recht als „das Comeback des Jahres“ gefeiert, die Wiederkehr von ‚Dallas‘ verblasst dagegen. Der General-Anzeiger betitelte übrigens neulich einen Artikel, dessen Inhalt ich vergessen habe, mit dem Wort ‚Telecomeback‘ in der Überschrift, auch nicht schlecht, zumindest besser als ‚Tipp tipp hurra‘ und ‚handypnotisierte Kaffeebecherschickse‘. Übrigens ist, wie ich neulich perzipierte, „Alter“ auch eine übliche Anrede, wenn Mädchen unter sich sind, vielleicht nicht gerade im Kreise südstadtresidierender Anwalts- und Lehrertöchter, sondern eher unter jungen Tannenbuschbewohnerinnen.

Es liegt mir fern, mich plumper Vorurteile zu bedienen, aber es ist nicht völlig auszuschließen, dass die Protagonistin folgender Szene, deren Zeuge zu sein ich gestern das Vergnügen hatte, ebenfalls ihren Wohnsitz im Raum Tannenbusch hat. Ich stieg am Hauptbahnhof aus der 63 (Richtung Tannenbusch) und ging zum Ausgang Thomas-Mann-Straße. An der Sitzreihe kurz vor der Treppe lungerten ein junger Mann und eine nicht wesentlich ältere Frau herum und gaben sich dem Genuss von Flaschenbier und Zigaretten hin, bis die Frau sich von ihrem Bekannten trennte und zu der Bahn lief, aus welcher ich zuvor ausgestiegen war. Kaum war sie an mir vorbei, hörte ich erstens die Bahn abfahren und zweitens die Frau zetern: „Ey voll asi, der nimmt misch nich mehr mit, ey!“ Da musste ich ganz leicht grinsen.

Über Toleranz

Wannenspaß

Mag sein, dass ich mich wiederhole. Egal, das Thema ist mir ein Anliegen, obwohl ich nicht persönlich betroffen bin. Also: Der Bundestag hat kürzlich die gesetzliche Verschärfung des Sexualstrafrechts beschlossen. So ist es nunmehr nicht mehr nur – zu recht – verboten, Pornos mit Kindern zu produzieren, anzubieten und in welcher Weise auch immer zu konsumieren, auch dürfen nackte oder fast unbekleidete Kinder nun nicht mehr fotografiert werden, zum Beispiel am Strand oder im Freibad, zum Zwecke der lustmildernden Betrachtung.

 

Als Grund hierfür wird der Schutz des Kindes als schwächstem Glied der Gesellschaft genannt, dem ist kaum zu widersprechen. Und doch fühle ich dabei ein gewisses Unbehagen. Warum? Darum: So wie es Hetero-, Homo-, Bi- und weiß der Himmel was noch für Sexuelle gibt, so gibt es auch Pädophile, und auch die haben sich, genauso wie die Vorgenannten, ihre Neigung wahrlich nicht ausgesucht. Und wie jeder christlich-heterosexuelle Frauenunterdrücker haben auch sie ein Grundrecht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, so lange sie damit niemanden schädigen oder beeinträchtigen.

 

Ich frage mich: Inwieweit nimmt ein Kind durch ein heimlich gemachtes Foto Schaden? Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wird es niemals davon erfahren, erst recht wird ihm dadurch keine ohne Zweifel verabscheuenswürdige Gewalt angetan. Gewiss, auch mir würde es nicht behagen, ergötzte sich ein gereifter Herr zu Hause vor seinem Rechner am Bild meines Sohnes, der in Badehose oder ohne am Strand Sandburgen baut, und doch: was bleibt diesen Mitmenschen jetzt noch, sich auf legale Weise mit ihrer angeborenen, unfreiwilligen Präferenz zu arrangieren? Niemand komme mir jetzt bitte mit Therapie, Gebet, Enthaltsamkeit oder gar Sterilisation, so wollte man den Schwulen vor noch nicht allzu langer Zeit auch beikommen, und diese Zeiten sind zum Glück vorbei, jedenfalls erstmal, wobei nicht völlig auszuschließen ist, dass sich der Wind in dieser Hinsicht irgendwann wieder dreht, dazu muss man gar nicht auf muslimische Fundamentalisten oder die NPD schauen.

 

Wenn Kinder die schwächste und schutzbedürftigste gesellschaftliche Gruppe sind, so sind Pädophile wohl die am meisten gehasste und verachtete. „Schwanz ab!“ und „alle vergasen“, so die üblichen Forderungen in diversen Internetforen. Die ARD veranstaltete kürzlich ihre „Themenwoche Toleranz“. Wir sind heute tolerant gegenüber Liebhabern von Peitsche und Leder, Religionen aller Art einschließlich Veganismus, Apple und Facebook, allen denkbaren Hautfarben, Huren, Bankern, Mahlzeit- und Gesundheit-Sagern, Linkshändern, Rothaarigen, Glatzen, Schnauzbärten, Segelohren, Helene-Fischer-Fans*, Hundehaltern und -hassern, Schwaben, Liegeradfahrern, AfD-Wählern, sogar FDP-Politikern. Nur die Pädophilen können in absehbarer Zeit nicht damit rechnen. Da bin ich echt froh, nur auf Jungs zu stehen, die schon seit geraumer Zeit Haare um den Pillermann haben, es sei denn, sie rasieren sich die aus unerfindlichen Gründen ständig ab, aber das ist ein anderes Thema. Laut einer Umfrage unter jungen Jurastudenten befürwortet übrigens ein Drittel von ihnen die Einführung der Todesstrafe.

 

So, und jetzt beschimpfen Sie mich bitte unflätig und zahlreich. Vorschläge: Schwanzlutscher, Arschficker, Drecksau, Kinderfickerversteher. Ihnen fällt bestimmt noch was besseres ein.

 

 

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  • * Das geht zu weit, Lenchen F. ist die Größte, sie bedarf keiner Toleranz, sondern verdient unsere volle Bewunderung.**

 

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** Während ich obige Fußnote hinzufüge, drückt sich der kalte Stahl eines Pistolenlaufs gegen meine Schläfe. Kann mal bitte jemand unauffällig die Polizei rufen?

Gedanken zum Gedenken

friedhof

Nicht ohne Grund gilt der November als grauer, stiller Monat: Der Himmel trübe, die Sonne zeigt sich seltener und ihre Strahlen spenden kaum noch Wärme an des Menschen Haut, weshalb er sich in Schals und dicke Jacken hüllt, nachdem er schon vor Wochen kurze Hosen und Flip Flops im Schrank verstaut hat (nun gut: während ich diese Zeilen nachfeile, ehe ich sie dem Leser zumuten möchte, strahlt die Sonne von einem blauen Himmel bei milden elf Grad – der November ist auch nicht mehr, was er mal war); die Kraniche haben sich kreischend in den Süden verzogen, ebenso die Rentner, die es sich leisten können; die meisten Bäume haben sich ihres Laubes entledigt, welches nun gelb-matschig den Gehsteig vergoldet, sofern es nicht von Laubbläsern weggelärmt wurde; Eisdielen haben geschlossen, die Scheiben von innen mit speiseeismotivlich bedrucktem Packpapier verklebt, oder das Lokal beherbergt vorübergehend eine Boutique für Damenbekleidung, was die Frage aufwirft, wo der Damenbekleidungshändler im Sommerhalbjahr seinem Geschäft nachgeht. Vielleicht packt er ja im März alles in einen Lieferwagen und macht sich damit auf nach Madagaskar, während über ihm die Rentner und Kraniche kreischend zurückkehren.

Im November gedenkt der Mensch seiner Toten, hierzu hat er den Volkstrauertag und den Totensonntag erfunden. Weiß der Himmel, warum ausgerechnet im November, gestorben wird schließlich das ganze Jahr, der Sensenmann packt ja nicht im März seine Sense ein und düst ab nach Mauritius. Aber wahrscheinlich bildet die Novembertrübe mit den allgegenwärtigen Blattleichen dem Gedenken einen passenderen Rahmen als sommerliches Freibadwetter.

Der Tod übt eine unerklärliche, diffuse Faszination auf mich aus. So gilt meine Aufmerksamkeit den Todesanzeigen in der Zeitung, insbesondere den Geburtsdaten der Verblichenen. Ist jemand meines Alters oder gar jünger dabei, überkommt mich eine Art wohliger Schauer, genauer erklären kann ich das nicht, es ist dieser gewisse Grusel, der mit dem Gefühl der näher kommenden Einschläge einhergeht, eine innere Stimme, die da flüstert: »Siehst du, Freundchen, fühl dich nicht so sicher, auch dein Name könnte hier bald schon stehen«, worauf dann ein diabolisches Lachen wie am Ende von Michael Jacksons ‚Thriller‘ folgt. Vielleicht ist es ein ähnlicher Grund, der Menschen veranlasst, Splatterfilme oder Tatort zu kucken, die AfD zu wählen oder Helene Fischer zu hören. Haaaaahahahahahar…

Oder bin ich lebensmüde? Also nicht im Sinne größter auswegloser Verzweiflung, sondern eher nach dem Grundsatz »Wer saufen kann, kann auch arbeiten«, Verzeihung: »Wenn es am schönsten ist, soll man aufhören«, also eine positive Lebensmüdigkeit, falls es das gibt. Ja ich gebe zu, schon über Selbsttötung nachgedacht zu haben. Also nur theoretisch, ohne jegliche konkrete Absicht – keine Sorge, ich hege zurzeit keine Suizidabsichten, habe sie mangels Grund auch noch niemals gehegt und bin guter Hoffnung, dass es nicht dazu kommen wird. Und falls doch, wüsste ich schon, wie ich es anstellte, ganz ohne Schmerzen, Blut und Sauerei; zum einen, weil ich schmerz-, wärme- und kälteempfindlich bin, zum anderen, um denjenigen, die mich finden, den Tag nicht völlig zu versauen.

Was mögen meine letzten Worte sein? Vielleicht einfach nur »Oh oh…« oder »Ach du Scheiße«, oder »Zicke zacke Kranich- (bzw. Rentner-)Kacke« oder »Ich will ein Eis«, woraufhin mir mit tränenerstickter Stimme bedeutet wird, das sei schwerlich möglich, es sei November und die Eisdielen geschlossen. Doch nein: die am Kaiser-Karl-Ring hat noch geöffnet, kein Packpapier, keine Damenwäsche; die Zugvögel bleiben angesichts der milden Winter ja auch immer öfter hier. Man eilt also los, mir eine Portion Eis zu holen, und was sage ich, nachdem mir der Becher gereicht wurde? Vielleicht: »Das Eis hat keine Konsistenz.« Diesen Satz hörte ich vor einiger Zeit ein etwa achtjähriges Mädchen nörgeln, welches mit seinem Vater zuvor die oben besungene Eisdiele aufgesucht hatte. Was veranlasst etwa achtjährige Mädchen, solche Sätze zu sagen? Mit acht war mir das Wort ‚Konsistenz‘ unbekannt, aber heute reifen die Blagen ja immer früher heran. Vielleicht sage ich am Ende aber auch einen klugen Satz, den mir niemand zugetraut hätte und der, unter Tränen notiert, später oft zitiert wird, neben »Mehr Licht« und »Störet meine Kreise nicht«.

Wird man mir eine Todesanzeige in der Tageszeitung spendieren, wenn ja, was wird darin stehen? Bitte nicht »Plötzlich und unerwartet« oder so was. Vielleicht sollte ich mal gelegentlich einen Entwurf dazu erstellen, dazu ist es nie zu früh. Gleiches gilt für einen Grabsteinspruch, sofern meine Hinterbliebenen meine bleiche Hülle für eines Grabsteines würdig halten. »Wenn es am schönsten ist…«, siehe oben, finde ich gar nicht so schlecht. Ist mir aber egal, meinetwegen können sie nach meinem Ableben die noch brauchbaren Organe und sonstigen Körperteile entnehmen (der Organspenderausweis befindet sich in meinem Portmonee rechts) und den Rest entweder der Kadaververwertung zuführen oder, und das fände ich stilvoll, verbrennen und die Asche durch die Feuerbüchse einer Dampflok der Harzer Schmalspurbahn auf dem Weg zum Brocken jagen, oder gerne auch einer Lok der Dampf-Kleinbahn Mühlenstroth auf dem Weg nach Rödelheim. Aber dem steht wohl das deutsche Bestattungsrecht entgegen; was das angeht, verstehen die ja leider wenig Spaß.

Wie mag die Trauerfeier ablaufen? Da ich mittlerweile der hierfür traditionell zuständigen Institution den Rücken gekehrt habe, wohl ohne Kreuz und Pastor. Wer also wird die Trauerrede halten, und was wird er / sie sagen? Aber wieso überhaupt Trauer, vielleicht sind die ja alle froh, wenn ich mein Schirmchen endlich zugeklappt habe, wer mag es ihnen verübeln? Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann eine Feier, die den Namen verdient: mit Musik von ABBA oder Oasis oder dieses Zeug, was die den ganzen Tag in Frankreich auf Radio Nostalgi spielen, meinetwegen auch mit Werbe- und Nachrichtengeplapper zwischendurch; außerdem keine schwarze Kleidung und kummervolle Mienen, dafür reichlich Bier und Wein, und Cola für die Kinder, und Häppchen.

Wie alt will ich werden? Keine Ahnung. Siebzig? Achtzig? Gar noch älter? Oder sind siebenundvierzig Jahre genug? Wenn es am schönsten ist… siehe oben. Irgendwann wird der Tod anklopfen, oder klingeln, oder er trifft per E-Mail oder Facebooknachricht ein, was weiß ich; zum Glück weiß heute niemand, wann. Aber dass er kommt, das ist – trotz Gentechnik und Gesundheits-Apps – sicher und trotz aller damit verbundenen Unannehmlichkeiten auch gut so. Und was danach kommt, darüber habe ich mir schon vor längerer Zeit meine Gedanken gemacht.