Über Kometen, Dickhäuter und den Bonner Nahverkehr

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Unerfreuliches ist dieser Tage zu lesen über den öffentlichen Personennahverkehr in Bonn, also das Tätigkeitsfeld der Stadtwerke und nicht irgendwelche zwischenmenschlichen Intimitäten, welche zu thematisieren ich mich bisweilen hinreißen lasse. So singt das vielstrophige Klagelied von Verspätungen, Ausfällen, überfüllten Bussen und Bahnen und ähnlichem mehr. Ein erboster, leidgeprüfter Fahrgast weiß laut General-Anzeiger gar von unerträglichem Chaos zu berichten, welches allmorgendlich gegen acht Uhr in der U-Bahn-Haltestelle Hauptbahnhof die Herrschaft an sich reißt. Dies nachzuvollziehen fällt mir indes schwer: Seit die Haltestelle Stadthaus für sechs Millionen Euro in ein Trümmerfeld verwandelt wurde, in welchem aufgrund vorübergehender Bahnsteiglosigkeit keine Bahnen halten, steige ich jeden Morgen kurz vor acht am Hauptbahnhof ein. Jeden Morgen seitdem das gleiche Bild: Die Anzahl der wartenden Fahrgäste ist überschaubar, nie muss ich länger als fünf Minuten auf eine Bahn warten und stets finde ich mühelos darin einen Sitzplatz, ohne mich durch Schülerhorden drängeln oder Omas über das notwenige Maß hinaus schubsen zu müssen.

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(Chaotische Zustände in der U-Bahn-Haltestelle Bonn Hauptbahnhof am 9. Dezember 2014 gegen 7:55 Uhr)

Womöglich meint der Zitierte eine Haltestelle in einer anderen Stadt, die auch eine U-Bahn-Station „Hauptbahnhof“ innerhalb ihrer Mauern aufzuweisen sich rühmen kann, das mag es geben, Bielefeld zum Beispiel oder Boppard. Nein, Boppard nicht – dort heißt der Bahnsteig der DB zwar seit ein paar Jahren auch Hauptbahnhof, aber eine U-Bahn sucht man vergebens und vermutlich auch das Chaos gegen acht, außer vielleicht abends im Frühherbst zu Weinfesten. Wo war ich? Ach ja, Bonn. Vielleicht bricht das beobachtete und beklagte Chaos immer erst kurz nach meiner Abfahrt ein, oder es hat die bedauernswerten Pendler inzwischen in ihr Auto getrieben oder aufs Fahrrad, oder sie laufen; ist ja auch viel gesünder, sich des Morgens an der frischen Luft zu bewegen anstatt mürrische Gesichter oder fremder Leute Gequatsche ertragen müssen wie diesen von mir kürzlich gehörten Satz: „Als Universitätsbuchhandlung hast du nochmal einen anderen Anspruch, auch an das Klientel“. Solches anzuprangern erscheint mir als langjährigem Bahnfahrer viel naheliegender.

Es ist doch so: Seit Menschen zusammenleben, gehen sie sich gegenseitig auf die Nerven, nur an wenigen Orten wird dies deutlicher als im Kino und in öffentlichen Verkehrsmitteln. Das beginnt schon auf der Rolltreppe zum Bahnsteig, wo das Prinzip „links gehen – rechts stehen“ trotz zahlreicher gleich lautender Hinweisschilder, die sicher, trotz der großen Abnahmemenge, auch nicht billig waren, nur von den wenigsten verstanden wird; stattdessen hemmen handypnotisierte Kaffeebecherschicksen (ich liebe es, wenn das Textverarbeitungsprogramm seine Unkenntnis solcher Wörter mit einer roten Strichellinie schmückt) das zügige Vorankommen. Es sei denn, die Rolltreppe rollt nicht. Ein für mich unerklärliches Phänomen ist das Unbehagen, eine stillstehende Rolltreppe zu betreten, niemand tut das gerne und freiwillig, warum auch immer. Nähern wir uns – und ich schreibe bewusst ‚wir’, weil ich mich hier ausdrücklich einbeziehe – nähern wir uns also einer Rolltreppe und bemerken ihren Stillstand erst dann, wenn die erste geriffelte Stufe nur noch wenige Zentimeter von unserer Schuhspitze trennen, so nehmen wir Abstand, machen einen Ausfallschritt nach links und besteigen lieber ihr steinernes Pendant nebenan. Ob die Gründe dafür schon erforscht sind, entzieht sich meiner Kenntnis, erforschenswert erscheinen sie mir allemal, mehr jedenfalls als Staubkorngröße und -geschmack auf fernen Kometen. Und billiger wäre es auch.

Stichwort Kaffeebecher – jegliche Art der Nahrungsaufnahme ist in Bussen und Bahnen deplatziert. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, das heißt zu Hause, in gastronomischen Einrichtungen oder notfalls auch auf mehrstündigen Flugreisen – nicht jedoch in der Stadtbahn. Wagenfüllenden Dönergeruch und den Anblick essender Menschen empfinde ich als zutiefst abstoßend, erst recht, wenn sie dabei unter schwerem Atmen grunzende Geräusche absondern. Aus gutem Grunde ist jeglicher Verzehr in Köln verboten: „Beachten Sie das Verzehrverbot auf Kölner Stadtgebiet“ mahnen entsprechende Hinweise in den Bahnen, wobei ich für die Bewohner Kölns hoffe, das Verbot beschränkt sich wirklich nur auf Busse und Bahnen. Wäre ja blöd, wenn die Kölner zum Verzehr eines einfachen Big Macs extra jedes Mal nach Hürth, Brühl oder Leverkusen reisen müssten. (Wäre ich ein Journalist, hätte ich statt ‚Kölner’ jetzt ‚Domstädter’ geschrieben, so wie bei anderer Gelegenheit ‚Alpenrepublik‘, ‚Vierbeiner‘, ‚Dickhäuter‘ oder ‚Medienmogul‘. Andere wiederum finden es normal oder gar amüsant, den Big-Mac-Markeninhaber ‚Mäckes‘ zu nennen, das ist mindestens genau so schlimm, wenn auch nicht ganz so schlimm wie ‚McDoof‘.) Das größte Ärgernis aber sind für mich immer noch – ich erwähnte es früher bereits – Menschen, die sich mit ihrem Fahrrad, anstatt es seiner ureigenen Bestimmung gemäß zu verwenden, im Berufsverkehr in die volle Bahn quetschen, manchmal nur für wenige Stationen. Ich bin wahrlich kein Freund übertriebener Verbote, aber das gehört dringend untersagt, noch weit vor einem Verzehrverbot!

Doch sind die Verkehrsbetriebe auch ein nimmer versiegender Quell der Komik, etwa wenn in der Blüte ihrer Adoleszenz stehende Jungs sich unbeobachtet wähnen und daher minutenlang im Spiegelbild der dunklen Scheibe an ihrer mühsam und unter Zuhilfenahme diverser Gele, Wachse und Schäume hergerichteten Frisur herum zupfen. Nicht lustig, eher dämlich kommt hingegen die Werbung der Stadtwerke für ihr Handy-Ticket daher, die sich des kreativ eher flach wurzelnden Slogans „Tipp tipp hurra“ bedient. Wiederum erheiternd empfand ich den Ausspruch eines etwa Dreizehnjährigen, der während der Einfahrt der Bahn in die Haltestelle zu seinem Kumpel sagte: „Alter, das ist die neue Bahn!“ – gemeint war einer der jüngst einer Grundüberholung unterzogenen Stadtbahnwagen aus den Siebzigerjahren, von den Bonner Stadtwerken 2012 zu recht als „das Comeback des Jahres“ gefeiert, die Wiederkehr von ‚Dallas‘ verblasst dagegen. Der General-Anzeiger betitelte übrigens neulich einen Artikel, dessen Inhalt ich vergessen habe, mit dem Wort ‚Telecomeback‘ in der Überschrift, auch nicht schlecht, zumindest besser als ‚Tipp tipp hurra‘ und ‚handypnotisierte Kaffeebecherschickse‘. Übrigens ist, wie ich neulich perzipierte, „Alter“ auch eine übliche Anrede, wenn Mädchen unter sich sind, vielleicht nicht gerade im Kreise südstadtresidierender Anwalts- und Lehrertöchter, sondern eher unter jungen Tannenbuschbewohnerinnen.

Es liegt mir fern, mich plumper Vorurteile zu bedienen, aber es ist nicht völlig auszuschließen, dass die Protagonistin folgender Szene, deren Zeuge zu sein ich gestern das Vergnügen hatte, ebenfalls ihren Wohnsitz im Raum Tannenbusch hat. Ich stieg am Hauptbahnhof aus der 63 (Richtung Tannenbusch) und ging zum Ausgang Thomas-Mann-Straße. An der Sitzreihe kurz vor der Treppe lungerten ein junger Mann und eine nicht wesentlich ältere Frau herum und gaben sich dem Genuss von Flaschenbier und Zigaretten hin, bis die Frau sich von ihrem Bekannten trennte und zu der Bahn lief, aus welcher ich zuvor ausgestiegen war. Kaum war sie an mir vorbei, hörte ich erstens die Bahn abfahren und zweitens die Frau zetern: „Ey voll asi, der nimmt misch nich mehr mit, ey!“ Da musste ich ganz leicht grinsen.

3 Gedanken zu “Über Kometen, Dickhäuter und den Bonner Nahverkehr

  1. Habe grad begonnen, den 1000-Seiten-Roman „Der Turm“ von Uwe Tellkamp anzulesen. Die Ouvertüre und das 1. Kapitel waren echt mühsam. Somit könnte dich evtl. meine Rückmeldung freuen, dass du dieser Hinsicht mit deinem obigen Text dem Bestseller-Autor (Jahrgang 1968) das Wasser reichen könntest.

    Doch ebenso wie bei Tellkamp lasse ich mich als geübter Leser auch von diesem Text nicht aus der bahn schleudern! Soll heißen: Ich finde schon raus, auf was du hinaus willst … 😉

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