Über Integration, menschliches Miteinander und Nussnougatcreme

Die CSU möchte ausländische Mitbürger ermuntern, deutsch zu sprechen, auch wenn sie unter sich sind, nur so könne Integration gelingen. Ausgerechnet die Partei also, deren Mitglieder selbst kaum des Deutschen mächtig sind, also jedenfalls nicht in einer für Außerbayerische verständlichen Weise. Gerne erinnern wir uns an Edmund Stoiber, als er die Vorzüge einer Magnetschwebebahn vom Münchner Hauptbahnhof zum Flughafen pries oder den Bären Bruno problematisierte. Immer wieder begibt sich die CSU hart an die Grenze zur Satire, fast möchte man ihr Kürzel als Christlich-satirische Unterhaltungspartei verstehen.

Apropos Grenze: Etwa zur gleichen Zeit erklärte die Gesellschaft für deutsche Sprache das Wort ‚Lichtgrenze‘ zum Wort des Jahres. Nachdem ich mich vergewissert hatte, mich nicht verlesen zu haben, musste ich erstmal schauen, was das sein sollte, eine Lichtgrenze, denn weder hatte ich das Wort zuvor gehört oder gelesen, noch hatte ich eine Vorstellung von seiner Bedeutung. Was wie ein Begriff aus der Astrophysik anmutet, stellte sich dann als eine künstlerische Installation in Berlin zur Feier des Mauerfalls vor fünfundzwanzig Jahren heraus. Was qualifiziert ein flüchtiges Kunstwerk dazu, das Wort des Jahres zu gebären? Warum nicht stattdessen zum Beispiel ‚Eistonne‘?

Wie auch immer – ich mag meine Muttersprache sehr, wobei der Begriff an sich schon irreführend ist. Wieso eigentlich Muttersprache? Auch Vater, Bruder, Oma, Opa, Nachbar und weitere mehr oder weniger nahestehende Personen bedien(t)en sich des Deutschen, welches es ermöglicht, schnell auf den Punkt zu kommen, allein schon durch die wunderbare Möglichkeit, zusammengesetzte Substantive zu bilden wie ‚Dampflokomotivtenderdrehgestellkonstrukteursschule‘. Das ist natürlich nur ein spontan konstruiertes Beispiel, welches jeglichen Praxisbezuges entbehrt, erscheint doch die Notwendigkeit eines eigenen Berufsstandes ausschließlich zur Konstruktion von Tenderdrehgestellen sehr zweifelhaft und zudem auch wenig zukunftssicher, da die Nachfrage nach Lokomotivtendern in den letzten Jahren stark rückläufig ist. Ein weiteres Beispiel ist ‚Lichterkettenwettrüstungsspirale‘, das mir letztens während einer Zugfahrt durch die adventliche Dunkelheit einfiel und das mir beim Scrabblespiel sicher eine beachtliche Punktzahl einbringen würde.

Eine weitere schöne Sprache ist das Französisch, auch wenn es mir trotz mittlerweile zahlreicher Frankreichaufenthalte nicht gelingen will, es zu verstehen oder gar erlernen. Dort ist der Ansatz der Begriffsbildung ein anderer: zusammengesetzte Hauptwörter sind unüblich, stattdessen besingt der Franzose den zu bezeichnenden Gegenstand mit einem bunten Strauß aus Einzelwörtern. Beispiel: Pâte à tartiner aux noisettes für Nussnougatcreme.

Zugegeben – das ist natürlich nur ein Frankreich-Klischee wie allgegenwärtiges Akkordeongedudel, Baskenmützen, sprachliche Unflexibilität und Baguette. Gut, das mit dem Baguette stimmt wirklich. Aber die Franzosen kennen durchaus auch kurze und zudem schöne Wörter für Dinge, die im Deutschen nicht mal eine richtige Bezeichnung haben. Zum Beispiel dieses Rührdings, was es dazu gibt, wenn man seinen Pappbecherkaffee gerne mit Milch und/oder Zucker zu sich nimmt, Sie wissen schon, dieses weiße Plastikteil mit der länglichen Öse an einem Ende. Wir würden Sie das nennen? Der Franzose weiß es: l´agitateur! Ist das nicht herzallerliebst? Wie germanisch-kalt klingt dagegen Pappbecherkaffeerührdings…

Vor allem aber verfügt das Französische über zwei sehr nützliche Alltagsbegriffe der persönlichen Anrede, welche in ständigem Gebrauch sind und die das menschliche Miteinander sehr viel angenehmer und höflicher erscheinen lassen: monsieur und madame. „Gibts im Deutschen auch“, mag der Leser nun einwerfen, „Herr und Dame/Frau“. Gewiss, doch beschränkt sich der alltägliche Gebrauchswert im wesentlichen auf die Fälle, in denen der Name der angesprochenen Person bekannt ist, etwa wenn wir dem Versicherungsvertreter unseres Vertrauens „Hallo Herr Kaiser“ zurufen. Doch fehlen uns die Worte, wenn wir im Restaurant nach der Rechnung verlangen oder ein am Sektkühler klebendes blutiges Heftpflaster beanstanden möchten. Stattdessen rufen wir „Herr Ober“, „Fräulein“, „Hallo“, „Verzeihung“, wohingegen „mein Herr“ / „meine Dame“ zumeist in unterwürfigen Zusammenhängen gebräuchlich sind, etwa seitens des zuvor gerufenen, wenn er uns die verlangte Rechnung oder einen neuen, unbepflasterten Sektkühler bringt.

Anders der Franzose: keine persönliche Anrede ohne „monsieur“ und „madame“, und für den Fall gleichzeitiger Anrede von Menschen unterschiedlichen Geschlechts gibt es ein Wort, das nicht in meinem Wörterbuch enthalten ist, gleichwohl in der Praxis benutzt wird, es heißt ‚monsieurdame‘ oder so ähnlich. „Meine Damen und Herren“, das sagen bei uns nur Politiker während Wahlkampfreden oder Parteitagen, nicht nur von der CSU.

Ja, da fehlt der deutschen Sprache was. ‚Alter‘ ist jedenfalls keine adäquate Entsprechung.

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