Woche 10/2026: Es wird einfach zu viel gequatscht

Montag: Kürzlich äußerte ich mich über die wachsende Zahl an Baustellen in Bonn. Eine weitere macht derzeit eine schmale Durchgangsstraße in der Inneren Nordstadt, nicht weit von unserer Wohnung entfernt, vorübergehend zur Sackgasse, wie ich abends beim Gang zum Rewe sah. An der Einmündung ist sie ordnungsgemäß per Verkehrszeichen als solche gekennzeichnet, was zahlreiche Autofahrer nicht davon abhält, trotzdem reinzufahren, vielleicht ist es ja ein Scherz, vielleicht kommt man trotzdem durch, schließlich fährt man hier täglich durch, das wäre ja gelacht. Nicht gelacht, nur ein wenig gegrinst habe ich, als sie langsam rückwärts wieder rausrollten.

Ansonsten bleibt es spannend, nicht nur angesichts der Weltlage und der jüngsten Ereignisse im Nahen Osten. Gelesen in einem ansonsten lesenswerten Blogartikel über das Schwinden der Langeweile: „Psychologisch betrachtet, ist Langeweile ein extrem spannender Zustand.“ So weit ist es gekommen, nun ist sogar Langeweile spannend.

Apropos Weltlage, ein Gruß aus der Symbolbilder-Hölle:

(General-Anzeiger Bonn online)

Beim Blick aus dem Bürofenster über die sonnenbeschienene Stadt kam mir der alte Hit „Sun Of Jamaica“ in den Sinn und er blieb als Ohrwurm für längere Zeit. Sollte es Ihnen beim Lesen dieser Zeilen nun ähnlich ergehen, bitte ich um Entschuldigung.

Im Übrigen war der Beginn dieser aufgrund Leifsteil-Teilzeit kleinen Woche insgesamt angenehm, auch wenn der Arbeitstag erst nach siebzehn Uhr und damit für mein persönliches Empfinden viel zu spät endete. Das Gleitzeitkonto freut sich. Obschon ich dadurch später als gewöhnlich zu Hause war, suchte ich nicht sogleich das Sofa, sondern zuvor das Sportstudio auf. Ab und zu staune ich über mich selbst.

Dienstag: In größerer Runde stellten sich drei neue Kollegen vor, dabei nannten sie jeweils als erstes bereitwillig und ungefragt Familienstand und Anzahl der Kinder. Wie immer fragte ich mich: Warum tun die das?

„Alles gut“ hörte ich im Laufe des Tages in auffälliger Häufung von unterschiedlichen Personen, diese auch in Frageform erhältliche Floskel, gleichsam die moderne Variante von „Wie geht’s?“, von mir zumeist und situationsunabhängig mit „Hervorragend“ oder „Ausgezeichnet“ beantwortet, was regelmäßig zu Verwunderung oder Erheiterung führt. Nun ist nicht alles schlecht, aus meiner persönlichen Perspektive jedenfalls überwiegt das Gute bei weitem, dennoch erscheint mir „Alles gut“ mindestens so übertrieben wie „Ausgezeichnet“ und „Hervorragend“ am Montagmorgen.

Ohne Zweifel gut war der Fußweg in die Wertschöpfung und zurück, morgens noch etwas handkühl, nachmittags durch frühlingshafte Milde, die ich wegen eines anschließenden Termins nicht für ein Feierabendgetränk nutzte.

Mittwoch: Nach dem Mittagessen war ich zur Untätigkeit gezwungen, was für einen insichbeurlaubten Beamten besonders bitter ist. Das kam so: Vor ein paar Tagen wurde ein Windows-Update angekündigt, dessen Installation eine halbe bis eineinhalb Stunden dauern würde, währenddessen wäre der Rechner nicht nutzbar. Nachdem heute angezeigt wurde, dass das Update zur Installation bereitsteht, wählte ich die Mittagspause dafür, zumal ich vor dem Essen mit der Kollegin auf einen Spaziergang im Park verabredet war (selbstverständlich buchte ich mich dafür aus dem Zeiterfassungssystem aus), der Rechner sollte also genug Zeit für die Installation haben. Indes: Als ich nach knapp einer Stunde ins Büro zurückkehrte, zeigte der ansonsten schwarze Bildschirm nur den HP-Sicherheitswolf an, eine Aktivität war nicht erkennbar. Na gut, die maximal eineinhalb Stunden waren noch nicht rum. Als sich eine Stunde später immer noch nichts tat, rief ich den Helpdesk an, wo man mein Anliegen freundlich zur Kenntnis nahm und ein Ticket anlegte. Danach passierte weiterhin nichts. Dank dienstlichem iPhone konnte ich immerhin den Maileingang sichten und über Teams ein Gespräch führen, somit war ich nicht ganz untätig, vielmehr wie stets bemüht. Nach einer weiteren Stunde Schwarzsehens erlaubte ich mir entgegen der Anweisung, den Rechner aus- und wieder einzuschalten. Kurz darauf erschien wieder der Sicherheitswolf, darunter drehte sich nun das Rödelrädchen, das war vorher nicht da und ließ hoffen. Siehe da, nach weiteren zehn Minuten des Rödelns und Hoffens tat sich endlich was, schließlich erschien der Startbildschirm und ich konnte mich wieder anmelden. Da es inzwischen fast halb vier war, verzichtete ich auf die übliche Sichtung des Pressespiegels, arbeitete noch ein paar Sachen ab und verschob den Rest der offenen Aufgaben auf Freitag – morgen habe ich frei – und Montag. An mir hat es nicht gelegen.

Sicherheitswolf im Schneegestöber

Donnerstag: Am freien Tag frönte ich der Wanderlust. Nach dem Frühstück im Bäckereicafé am Hauptbahnhof fuhr ich mit der Bahn bis Bonn-Duisdorf. Ab da ging es durch das Vorgebirge* über die Orte Gielsdorf, Alfter, Brenig, Dersdorf, Waldorf bis Kardorf (nicht zu verwechseln mit Karstadt, hi hi), dort bog ich rechts ab, runter in die Rheinebene, durch das Eichenkamp-Wäldchen bis nach Uedorf, von dort mit der Stadtbahn zurück nach Bonn.

*Das klingt spektakulärer als es ist. So heißt die mäßig hohe Erhebung westlich des Rheins zwischen Bonn und Köln. Mehr dazu bei Bedarf hier.

Die erste Hälfte führt überwiegend durch rheinische Dörfer, es gibt es auch Abschnitte durch Wald und Feld. Das Wetter war bestens, schon nach einer halben Stunde wurde es so warm, dass die Daunenjacke im Rucksack verstaut wurde. Die Landschaft auf der zweiten Hälfte zwischen Vorgebirge und Rhein ist zunächst eintönig: Nachdem man ein tristes Gewerbegebiet mit viel Schotterfläche unterhalb von Kardorf hinter sich gelassen und die Vorgebirgsbahn (Stadtbahnlinie 18) überquert hat, flaniert man auf asphaltierten Wegen durch weite, ebene Felder ohne Baum und Strauch, dafür mit Hochspannungsmasten, ehe es ab der Rheinmittelterrassenkante (ein schönes Wort mit hohem Scrabblepunktepotential) wieder abwechslungsreicher wird. Zur Querung der Bahnstrecke Köln – Bonn muss man eine Anrufschranke passieren. Die ist grundsätzlich geschlossen, nur auf Anforderung per Knopfdruck an einer Gegensprechanlage wird sie geöffnet, falls nicht gerade ein Zug kommt. Wenn doch, sagt die freundliche Dame „Moment, eine Zugfahrt“, so wie bei mir heute, und öffnet anschließend. Ob am anderen Ende eine echte Eisenbahnerin sprach oder ein Bot (bzw. eine – wie heißt das – Botin?), war nicht klar zu erkennen. Egal, Hauptsache, man kommt über die Gleise und nicht unter die Räder.

Kurz vor dem Eichenkamp wich ich von der vorgegeben Route ab, weil die Karte eine schönere Strecke entlang des Bornheimer Baches in Aussicht stellte. Dazu überquerte ich die stark befahrene Landstraße 192 an einer nicht für Überquerungen vorgesehenen Stelle, es ging gut und hat sich gelohnt. Am Bach sah ich erstmals einen Eisvogel, jedenfalls glaube ich, dass es einer war, so ein blauglänzender. Im übrigen sah ich heute den ersten Schmetterling des Jahres, ob Tagpfauenauge oder Kleiner Fuchs war im Flattern nicht klar zu erkennen, und die erste Hummel.

Den Eichenkamp-Wald müssen erst kürzlich schwere Maschinen der Forstwirtschaft heimgesucht haben, einige Wege waren aufgewühlt, zum Glück wegen der Trockenheit der vergangenen Tage nicht mehr matschig. Ansonsten ist das Wäldchen erfüllt vom Dauerrauschen der Autobahn 555 in unmittelbarer Nähe.

Fazit: Eine schöne Wanderung, auch wenn die Freunde lauschiger Pfade durch wilde Wälder und Landschaften vielleicht etwas zu kurz kommen. Warum Komoot sie als „schwer“ klassifiziert, ist nicht nachvollziehbar. Mit gut zweiundzwanzig Kilometern ist sie nicht besonders lang, nennenswerte Steigungen und Wege mit Rutsch- und Stolpergefahr weist sie auch nicht auf, in fünf Stunden einschließlich Mittagsrast ist sie gut zu schaffen.

Blick von Gielsdorf auf die Rheinebene
Zwischen Gielsdorf und Alfter
Alfter
Ebenfalls
Brenig
Links die Rheinmittelterrassenkante
Anrufschranke
Unendliche Weiten und Hochspannung
Bornheimer Bach
Im Eichenkamp
Ebendorten

Freitag: Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Mails sich während eines freien Tages ansammeln können. Dadurch war ich heute gut beschäftigt mit Dingen, deren Inhalt und Notwendigkeit Außenstehenden, zum Beispiel Ihnen, nur schwer zu erklären wären, was nicht, dessen können Sie versichert sein, an Ihrer Intelligenz liegt. Das wichtigste: Es hängen keine Menschenleben davon ab.

Der Vormittag war wieder eine lückenlose Aneinanderreihung von Besprechungen. Es wird einfach zu viel gequatscht, diese Erkenntnis ist nicht neu und nicht als Klage zu verstehen; wie bereits mehrfach ausgeführt, werde ich dafür gut bezahlt. Auf zwischendurch per Teams-Chat eingehende Anfragen, ob ich kurz Zeit hätte, reagierte ich mit einem vor mich hin gemurmelten „Nein“, mein Redebedarf für den Tag war gedeckt, jedenfalls in Büroangelegenheiten. Zum Schluss war nicht alles abgearbeitet, auf dass kommende Woche auch noch was zu tun ist.

Samstag: Schon um sieben stand ich auf, da eine Reise nach Bielefeld anstand zum Besuch der Mutter. Auch wenn vorzeitiges Aufstehen wider meine Natur ist, gerade am Wochenende, so mag ich doch die ruhige Stimmung am Samstagmorgen in der Stadt, wenn noch wenige auf den Straßen sind. Nach pünktlicher Abfahrt in Bonn schaffte es die Bahn auch heute wieder, bis Bielefeld eine halbstündige Verspätung aufzubauen; vor nahezu jedem Halt blieben wir stehen und es kam die Ansage, unser Gleis sei noch belegt. Die Weiterfahrt verzögerte sich des öfteren, weil vor uns die Strecke noch nicht frei war. Als ob die ganze Zeit ein lästiger Bahntroll mit einer Handhebeldraisine vor uns her bummelte. Insgesamt dauerte es von Tür zu Tür fast fünfeinhalb Stunden, mit dem Auto hätte es, freie Autobahn vorausgesetzt, weniger als die Hälfte gedauert. Doch meine tiefe Abneigung gegen das Autofahren war stärker. (Diese Zeilen wurden während der Rückfahrt notiert, was als Wagenlenker nur schwierig zu bewerkstelligen wäre, wobei ich nicht ausschließe, dass viele Autofahrer diesbezüglich nur geringe Hemmungen haben, wenn man sieht, wie viele während der Fahrt auf ihr Datengerät schauen.)

Hier standen wir etwas länger wegen Überholung durch einen ICE

Die Rückfahrt verlief dagegen absolut pünktlich, es geht also doch manchmal. In Dortmund stieg jemand zu und setzte sich neben mich. Als er sein Notizbuch hervorholte und längere Zeit etwas hineinschrieb, anstatt aufs Datengerät zu schauen oder gar zu telefonieren, wurde er mir sogleich sympathisch. Aus Sympathiegründen holte ich ebenfalls mein Notizbuch aus der Tasche und notierte diese Beobachtung darin.

Sichtung während der Fahrt: Die Forsythien beginnen zu blühen. Jedes Jahr freue ich mich darüber, als ob etwas in mir fürchtete, sie könnten irgendwann die Blüte dauerhaft einstellen.

Sonntag: Die warme Frühlingssonne lockte zahlreiche Menschen zu Fuß und Rad nach draußen, auf den dicht bevölkerten Rheinuferwegen sah man viele Sonnenbrillen und über dem Arm getragene Jacken – ich hatte gar nicht erst eine angezogen -, vermehrt auch kurze Hosen. Auch ich unternahm den tagesüblichen, wetterunabhängigen Spaziergang, heute auf die andere Rheinseite, wo in den Auen vor Schwarzrheindorf die Mirabellen in voller Blüte stehen. Besonders erfreulich: Der Lieblingsbiergarten hat schon geöffnet. Daran konnte ich nicht vorbeigehen. Nach Rückkehr schien die Sonne auf unseren Balkon, so dass ich die Sonntagszeitung erstmals in diesem Jahr draußen lesen konnte. Bis sie hinter den Häusern verschwand und es sogleich kühler wurde.

Mirabellenblüte
Utepils

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

(18:30)

Woche 49/2025: Bedarfsgerecht und ohne Dankbarkeitsvortäuschung

Montag: Ein Wochenstart ohne ausgeprägte Montäglichkeit. Wider besseren Wissens ging ich mit dem Kollegen in die Kantine, als er um kurz nach zwölf fragte, ob ich mitkomme. Das hätte ich besser nicht getan. Nicht wegen des Kollegen, der ist nett. Vielmehr ist es dort um diese Zeit zu voll und zu laut, was den Essgenuss schmälert, vielleicht bin ich da (und nicht nur da) etwas empfindlich. Künftig also wieder konsequent früher essen (ging heute nicht wegen Besprechung) oder später. Außer freitags, da kann man auch um zwölf gehen, weil dann die meisten im Heimbüro sitzen oder was auch immer sie dann tun.

Gelesen bei Andreas Moser, dem reisenden Reporter, und gelacht:

Daran habe ich gedacht, als ich am Freitag bei der Impfung gegen die Grippe war. Das ist die Influenza, nicht zu verwechseln mit den Influencern. Gegen die gibt es leider noch keine Prophylaxe, da hilft nur die Vollnarkose.

Auch sonst empfehle ich die Lektüre des Textes, er ist lehrreich und amüsant.

Dienstag: Der dienstagsübliche Fußweg in die Wertschöpfung und zurück fiel buchstäblich ins Wasser, weil es regnete, sowohl morgens als auch nachmittags. Doch schuf der HERR die Stadtbahn, auf dass der Werktätige sie nutze. Deshalb müssen Sie, falls Sie mir auf Instagram folgen, heute auf das gewohnte #weginswerk-Bild mit Rhein, Siebengebirge und Postturm im Hintergrund verzichten, ich bitte um Verständnis und hole es voraussichtlich am Donnerstag nach, sofern es trocken ist. Wenn nicht, schauen Sie einfach die Bilder der letzten Wochen an, viel wird sich daran nicht ändern.

Gleichwohl führte der Rückweg zufällig* über den Weihnachtsmarkt. Dort traf ich, ebenso zufällig, einen früheren Kollegen, jetzt im Ruhestand. Ein wenig Neid erfüllte mich, als er also sprach: „Als ich heute Morgen aufwachte, war ich mir nicht sicher, ob es hell oder dunkel ist. Ich entschied mich für dunkel und drehte mich nochmal um.“ Hach …

*Aus nicht nachvollziehbaren Gründen zweifelt der Geliebte solche Zufälle an

Eines meiner Grundprinzipien ist, niemals etwas bei Amazon zu bestellen, ich erwähnte es mehrfach, weil ich davon ausgehe, jede Bestellung macht Herrn Bezos noch etwas reicher, das muss nun wirklich nicht sein. Deshalb gilt: Was es nur bei Amazon gibt, das gibt es für mich nicht. — Ich habe gesündigt. Heute. Das kam so: Vor ein paar Tagen wurde ich in den Maschen des Netzes auf ein Buch aufmerksam, das mir sehr geeignet als Geschenk scheint. Da ich üblicherweise sehr unbegabt bin bei der Geschenkfindung, freue ich mich stets über solche Hinweise. Und also wollte ich das Buch beim Buchhändler um die Ecke erwerben, aber ach, es sei nur direkt beim großen A. erhältlich, beschied er mir. Daher nahm ich notgedrungen Anlauf zu einem ziemlich großen Sprung über meinen eigenen Schatten. Als ich auf „Bestellen“ klickte, meinte ich, Bezifer diabolisch lachen zu hören.

Mittwoch: Die kürzlich bemerkte Verschnauzbartung von Kollegen im Geschäftsbereich hält auch im Dezember an. Offenbar sind Mo- und November nicht zeitlich deckungsgleich. Oder die Kollegen (und ihre Partnerinnen) haben daran inzwischen Gefallen gefunden. Das wäre ein bisschen tragisch.

Eine schwierige Entscheidung war mittags in der Kantine zu treffen: zwischen Rumpsteak und Linseneintopf, beide stehen auf der Liste der Lieblingsgerichte sehr weit oben. Die trotz des recht hohen Preises lange Warteschlange an der Rumpsteakausgabe nahm mir die Entscheidung ab. Beim Linseneintopf wiederum konnte man als Beilage zwischen Bock- und Weißwurst wählen. Die Entscheidung war leicht.

Donnerstag: Fast niemand sagt mehr „Tschüs“ (oder „Tschö“ im Rheinland) zum Abschied, vielmehr hört man nur noch, vor allem von den Jüngeren, „Ciao“. Das ist nichts Neues, doch gehe ich im Bemerken solcher Tatsachen oft etwas nach. Auch sei diese Bemerkung keineswegs als Klage über den Vergang guter alter Zeiten zu verstehen, vielmehr nur als Wahrnehmung eines weiteren Körnchens im Müsli des Sprachwandels; das eine Wort ist mir so lieb wie das andere. Vielleicht ist das eine Folge der allgemeinen Verpizzerung und Latte-Macchiatorisierung.

Freitag: Freitags herrscht, wie bereits am Montag erwähnt, üblicherweise angenehme Stille im Turm, weil kaum wer im Büro ist. Das war heute anders, wegen einer Informationsveranstaltung am Nachmittag war Anwesenheit angeordnet, alle Büros waren belegt, einige Kollegen mussten gar mit einem Platz in einem Besprechungsraum Vorlieb nehmen, weil kein Büroplatz mehr frei war. Entsprechend groß war die Unruhe.

Schreck in der Morgenstunde – Wie ich beim Buchen des freien Donnerstags kommende Woche feststellte, war dieser noch nicht in meinem Outlook-Kalender eingetragen, warum auch immer. Vielmehr standen schon zwei Termine darin, die ich offenbar leichtfertig angenommen hatte. Da ich auf den Inseltag auf keinen Fall verzichten möchte, blockte ich den Tag, bat um Verlegung des einen Termins auf Mittwoch (der Bitte wurde entsprochen) und sagte die Teilnahme am anderen Termin, dem Kick Off eines Projekts mit zweistelliger Teilnehmerzahl, ab; ich bin mir sicher, sie werden das auch ohne mich schaffen.

Vom Kick Off zum Townhall: Nachmittags informierte der Chefchefchef in einem vollen Konferenzraum über die großen Themen der vergangenen und kommenden Monate. Das war interessant und kurzweilig, wobei mich kurz nach dem Mittagessen und bei abnehmendem Sauerstoffgehalt im Saal Müdigkeit beschlich. Gerade rechtzeitig bevor die Augen endgültig zufielen, war die Veranstaltung zu Ende. Zum Glück wurden die Inhalte nicht hinterher per Test abgefragt.

Was schön war: Die Kollegin war gestern beim großen örtlichen Süßwarenhersteller, der nach eigenem Bekunden nicht nur Kinder froh macht. Von dort brachte sie heute eine große Dose Weingummikirschen mit, die nun die Anrichte in meinem Büro ziert. Nicht nur deshalb mag ich meine Kollegen sehr. Nicht alle, aber doch viele.

Abends gehört: „Ich hätte Lust auf Fisch, Schattenmorelle oder sowas.“

Samstag: Heute ist Nikolaustag, es kommt zu ersten Geschenkeaustauschen. Seit geraumer Zeit, ich schrieb es mehrfach, lege ich keinen Wert mehr auf Geschenke, nicht zu Nikolaus, nicht zu Weihnachten, nicht zum Geburtstag und auch sonst nicht. Ich habe alles, brauche nichts, und wenn doch, kann ich es mir bedarfsgerecht und ohne Dankbarkeitsvortäuschung kaufen. Wenn es nach mir ginge, würde der ganze Geschenkewahnsinn abgeschafft, außer für Kinder und Bedürftige, die sollen gerne weiter und reichlich beschenkt werden. Ja ja, ich weiß, die Wirtschaft und so; auch mein Arbeitsplatz hängt wesentlich daran, dass Leute möglichst viel Zeug kaufen, sich schicken lassen und bei Nichtgefallen wieder zurückschicken. Zum Glück geht es nicht nach mir. Dessen ungeachtet wurde auch ich heute beschenkt, und zwar, das muss ich eingestehen, perfekt:

Nix in aufwendiger Verpackung

Weiteres zum Nikolaus ist hier sehr vergnüglich nachzulesen.

Abends erprobten wir ein für uns neues Restaurant auf der anderen Rheinseite bei Bonn-Oberkassel. Wir wählten das Menü mit Weinbegleitung und waren sowohl mit dem Essen als auch mit dem Service sehr zufrieden, wenngleich mir, nicht zum ersten Mal, der Fehler passierte, alle fünf Gänge zu nehmen anstatt mich mit drei oder vieren zu begnügen, was völlig gereicht hätte. So ließ ich einen Teil des dritten Gangs, Forelle, zurückgehen, um noch etwas Appetit auf die Entenbrust, ebenfalls auf der Liste der Lieblingsgerichte sehr weit oben, zu bewahren, und ärgerte mich angemessen über mich selbst. Welch ein Luxusproblem.

Am Nebentisch saßen fünf Personen, zwei Paare und ein junger Mann, der fast nichts sagte und auch sonst nicht richtig dazu zu gehören schien. Umso mehr redete einer der beiden anderen Männer, anscheinend ein Anwalt oder jedenfalls einer Berufsgruppe zugehörig, die in einer Kanzlei tätig ist, das Wort fiel mehrfach. Er sprach laut, jedes Wort war auch für mich gut zu verstehen, der ich sonst Schwierigkeiten habe, Gesprächen zu folgen bei Hintergrundgeräuschen, die es an Orten wie Restaurants immer gibt. Was er redete ist hier nicht von Belang, jedenfalls schien er von sich selbst recht angetan. Als sie fertig waren und gingen, vermissten wir sie nicht sehr.

Sonntag: Ein ruhiger Tag ohne besondere Aktivitäten und Vorkommnisse, wie ein Sonntag sein soll. Der Spaziergang am Nachmittag war nicht sehr lang, da es zwar ungewöhnlich mild war, jedoch nieselig; er endete gar nicht zufällig auf dem Weihnachtsmarkt, wo ein katzengesichtiger Weihnachtskasper in grünem Fell herumstakste und den Kindern zuwinkte, die lieber Abstand hielten. Wer wollte es ihnen verdenken.

Weststadt
Südstadt
Hätte Jesus das vorausgesehen, hätte es sich wohl in der Krippe umgedreht.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut und möglichst unbelästigt durch die Woche. Ciao, tschüs oder adieu, gehaben Sie sich wohl.

19:00

Woche 46/2025: Ahrsteig und eine gewisse Anwesenheitspflicht

Montag: Der letzte Wochenrückblick war der tausendste veröffentlichte Artikel in diesem Blog, wie WordPress mir morgens mitteilte. Zunächst war ich überrascht, weil es bereits 1.072 Beiträge sind, nur nicht alle veröffentlicht. Warum ich über siebzig Texte geschrieben habe, ohne sie Ihnen zur Kenntnis zu geben, weiß ich nicht; wenn ich mal viel Zeit haben sollte, schaue ich nach. Jedenfalls muss es länger her sein, ich erinnere mich nicht mehr.

In einer Besprechung schwafelte einer von Herausforderungen, Mitarbeitenden, Use Cases, nicht wirklich und tatsächlich. Ich wünschte mir ein Beißholz, oder hilfsweise Alkohol. Ansonsten war der Arbeitstag erträglich und nicht zu lang. Unmittelbar danach vollzog ich, weiterhin erstaunlich motiviert, drei Runden im Sportstudio.

Aus der Zeitung: „In mehreren iranischen Provinzen droht das komplette Austrocknen der Staudämme.“

Es liegt mir fern, andere Blogger zu kritisieren. Doch sei mir erlaubt, diese seit einiger Zeit häufig zu sehenden, durch sogenannte künstliche Intelligenz erzeugten Comic-Beitragsbilder mindestens albern zu finden.

Dienstag: „Alle sieben Minuten wird man in der Sternstraße angelächelt. Bald siehst du es auch.“ So wirbt ein Brillengeschäft in vorgenannter Straße, wie ich morgens auf dem Fußweg zur Wertschöpfung sah. Es würde mich außerordentlich irritieren, wenn ich in der Fußgängerzone ständig angelächelt würde. Spätestens beim dritten Mal würde ich an mir herabschauen und prüfen, ob ich morgens vergaß, eine Hose anzuziehen. Im Übrigen ist die Sternstraße nicht sehr lang, man müsste schon sehr langsam gehen, um wenigstens einmal angelächelt zu werden.

Vermutlich bemerke ich es schon mal, heute fiel es mir wieder auf: Manche junge Frauen laufen mit betont genervt-gelangweiltem Blick durch die Gegend. Üben die das vor dem Spiegel oder ist ihnen das angeboren?

Vom Karnevalsstart am heutigen elften Elften bekam ich nicht viel mit, zumal unsere Gesellschaft an diesem Tag keine besondere Aktivität pflegt, wofür ich durchaus dankbar bin. Auf dem Rückweg sah ich in der Innenstadt noch wenige mehr oder weniger Verkleidete, manche sichtlich um Haltung bemüht.

Aus einem Zeitungskommentar über die Klimakonferenz in Brasilien:

Zehntausende Teilnehmer auch diesmal im brasilianischen Belém, und jeder reist mit dem CO2-Fußabdruck eines kleinen Dorfes an. Die Veranstaltung auf der großen Bühne der Unverbindlichkeit verläuft nach einem vertrauten Muster: Erst wird der „noch nie dagewesene Ernst der Lage“ beschworen, dann feilscht man über Kommastellen, um schließlich ein „historisches Abkommen“ zu verkünden, dass letztlich nur viel Papier bedruckt.

(General-Anzeiger Online)

So ist es. Leider. (Im letzten Satz stand wirklich „dass“.)

Mittwoch: Der Arbeitstag war anstrengend, weil eine Vielzahl kleinerer Themen und Anliegen, teilweise inhaltlich miteinander verflochten, ständiges Hin- und Herdenken erforderte. Am Ende fühlte ich mich erschöpft, was mich nicht von anschließender sportlicher Betätigung abhielt. Das war auch anstrengend und die drei Runden an den Geräten reichten völlig aus. Jedenfalls macht es Spaß, oder „es sparkt bei mir auf jeden Fall Joy“, wie ich heute bei iberty las und mich kurz schüttelte.

Die schönste Freude soll Vorfreude sein, wie ein Sprichwort behauptet. Auf morgen freue ich mich vor, dann habe ich frei, die Wetteraussichten sind wandertauglich.

Vorfreudeauslösend für viele dürfte auch der Aufbau des Weihnachtsmarktes in der Innenstadt sein, der heute begann, wie ich abends sah. Wie jedes Jahr der Gedanke: Wurden die Buden nicht kürzlich erst abgebaut? Bis es so weit ist, dass auf dem Heimweg eine Feuerzangenbowle leuchtet, dauert es noch ein wenig, auch das geht schnell.

Donnerstag: Kleine Woche, Inseltag, Wandertag. Die Wanderung führte über die siebte Ahrsteig-Etappe in umgekehrter Richtung von Sinzig bis Bad Neuenahr. Morgens fuhr ich mit der Bahn nach Sinzig, wo ich in einem bahnhofsnahen Café sehr gut frühstückte. Danach machte ich mich bei bestem Wanderwetter auf den Weg durch Wälder, Weinberge und den recht hübschen Ort Ehlingen, teils auf breiten Wegen, von Mitbloggerin Sandra zutreffend als „Wanderautobahnen“ bezeichnet; im letzten Viertel streckenweise aber auch auf Waldpfaden, die unter hohem Laub kaum zu erkennen sind, auch die ansonsten sehr gute Kennzeichnung der Strecke weist hier Lücken auf. Zudem muss man aufpassen, nicht zu stolpern und stürzen, an einigen Stellen ist es sehr unwegsam und steil. Aufgrund der mangelhaften Wegmarkierung verlief ich mich hier, fand jedoch bald, ohne Stürze und mit nur wenigen leisen Flüchen, zurück auf den rechten Weg.

Nach knapp fünf Stunden erreichte ich Bad Neuenahr, wo auch heute noch Spuren der großen Flut von 2021 zu sehen sind. Dort fand ich ein Lokal, wo die traditionelle Belohnungs-Currywurst mit Bier serviert wurde; anschließend gabs einen Ouzo aufs Haus, das erlebt man auch nicht oft.

Die Rückfahrt mit der Bahn erfolgte über Remagen, von da weiter über Mainz-Hombach, Budenheim, Uhlenborn und Heidesheim (Rheinhessen), jedenfalls laut Ansagen in der Mittelrheinbahn; ab Bonn UN-Campus hatte die Technik oder das Zugpersonal den Irrtum offenbar bemerkt, ich kam wohlbehalten in Bonn Hbf an und nicht in Gau Algesheim. Vielleicht ist es da ja auch ganz schön.

Kurz hinter Sinzig kann man sich was stempeln
Bei Sinzig
Stechpalme für Lotte
Unten die Dächer von Ehlingen, dahinter Heimersheim, im Hintergrund die Brücke der A 61, die mit Dauerrauschen das Tal beschallt
Unten Ehlingen, hinten Lohrsdorf, links die Landskrone
Müsste das nicht INRI heißen?
Ehlingen
Bei Heimersheim
Wenige Meter weiter
Hier soll irgendwo der Weg sein
Blick vom Aussichtsturm auf dem Neuenahrer Berg über Bad Neuenahr, hinten das Siebengebirge
Die Ahr in Bad Neuenahr. Mögen sich die Ereignisse von 2021 niemals wiederholen, sicher kann man da leider nicht sein

Schön wars wieder.

Freitag: Eine Besprechung endete fünf Minuten vor dem geplanten Ende, eine Teilnehmerin sagte: „Jetzt haben wir fünf Minuten für die Zeitspardose.“ Daraufhin bekundeten die anderen Teilnehmer, die wie ich dieses Wort noch nie gehört hatten, ausführlich ihr Gefallen daran, so dass die Spardose letztlich leer blieb. Die nachfolgende Besprechung mit nahezu identischem Teilnehmerkreis wurde dagegen um eine Viertelstunde überzogen, weil immer wieder vom Thema abgeschweift wurde. Auch wenn es in die bezahlte Arbeitszeit fällt, strapaziert das regelmäßig meine Geduld.

Abends war ich wieder beim Sport, das dritte Mal in dieser Woche. Ich möchte Sie damit nicht langweilen und werde das künftig auch nicht mehr ständig erwähnen, nur bin ich weiterhin über mich selbst erstaunt, dass ich das freiwillig und auch in der zweiten Woche noch gerne mache. Laut Anzeige an den Geräten habe ich dabei insgesamt neununddreißig Tonnen bewegt.

Gunkl schrieb:

Was Golfplätze bestimmt auch interessanter macht, sind Bereiche wie Hochmoor, Schilfgürtel oder Brunnenschacht.

Samstag: „Das Wetter kommt uns mit vielen Wolken entgegen“ sagte morgens der Mann im Radio. Immerhin sagte er nicht, es sei mit vielen Wolken unterwegs.

Vormittags machten wir uns auf nach Bad Godesberg, wo um elf Uhr elf die Karnevalssaison eröffnet wurde (in Godesberg traditionell am Samstag nach dem elften Elften) mit Getränk und Bühnenprogramm, auch unsere Karnevalsgesellschaft war zugegen, was eine gewisse Anwesenheitspflicht begründete. Meine Lust darauf war eng begrenzt gewesen, nachdem mich dort im Vorjahr kalte Füße und Langeweile geplagt hatten. Doch wie es oft ist: Wenn man keine Lust auf etwas hat, wird es besonders schön. Zwar ließen die entgegenkommenden Wolken etwas Regen unter sich, doch war weder es kalt noch langweilig und das Kölsch lief gut ab. Erst am späten Nachmittag waren wir zurück zu Hause, wo die Niederschrift dieser Tagesnotiz aus vorgenannten Gründen nicht ganz leicht fiel.

Sonntag: Die Holzverhüttung der Bonner Fußgängerzone ist weitgehend abgeschlossen, wie ich mittags auf dem Weg zum Bahnhof sah, dem Start der organisierten Besinnlichkeit am kommenden Freitag steht somit nichts mehr entgegen. Mit der Bahn fuhr ich nach Roisdorf, um eine Modellbahnbörse zu besuchen. Da meine Sammlung mittlerweile weitgehend komplett ist, bewog mich nicht so sehr Kaufabsicht, vielmehr war der Weg das Ziel, genauer: der Rückweg. Den verband ich mit dem Sonntagsspaziergang, nach knapp zwei Stunden war ich wieder zu Hause. Der Himmel blieb heute durchgehend grau und der Tag gab sich keine Mühe, richtig hell zu werden, dazu zeitweise zarter Niesel. Immerhin war es weiterhin recht mild, hier und da erfreute noch letztes Herbstgold das Auge. Ab der Nacht soll es dann deutlich abkühlen und erstmal kalt bleiben. Wie es sich für November und Weihnachtsmarkt gehört.

Herbstgold
Grau

Gelesen auf einem Schild in einem Dransdorfer Vorgarten: „Hier wohnt eine Katze mit seiner Familie.“ Autsch.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Ziehen Sie sich warm an.

Woche 25/2021: So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen

Montag: Achter Urlaubstag. Während Stadt und Menschen um mich herum sich aufmachten zur wöchentlichen Wertschöpfung, blieb ich noch ein wenig liegen und fragte mich, warum es keine leisen Kehrmaschinen gibt.

Doch machte auch ich mich später auf, zu einer Wanderung über die dritte Rheinsteig-Etappe von Bad Honnef nach Linz. Während des Wartens auf die Bahn wehte ein Windstoß Teile einer regionalen Zeitung, die von Inhalt und Aufmachung her der bekannten Boulevardzeitung mit den vier Buchstaben ähnlich ist, über den Bahnsteig. „Egal, die brauche ich nicht mehr“, sagte der Mann auf der Bank nebenan, der zuvor darin gelesen hatte. „Guter Mann, kein Mensch braucht die“, verkniff ich mir zu antworten.

Nach mehreren durchwanderten Stunden muss an einer entscheidenden Stelle meiner langsam ermüdeten Aufmerksamkeit eine Wegmarkierung entgangen sein, so dass ich falsch (oder nicht) abbog. Die Komoot-App war hier auch keine Hilfe, da die von ihr empfohlene Route teilweise erheblich von dem abwich, was die blau-weißen Markierungen an Bäumen und Pfählen als Rheinsteig ausweisen und nach denen ich mich richtete, weil es mir lästig ist, alle paar hundert Meter auf das Datengerät zu schauen. (Nachtrag: Die Möglichkeit, Touren von der Rheinsteig-Seite direkt nach Komoot zu exportieren habe ich erst Tage später entdeckt. Ab der vierten Etappe läuft es dann besser.) Umkehren war keine Option, daher schlug ich mich unter Zuhilfenahme der App durch Wald und Wiesen sowie über diverse Stöcke und Steine, bis ich irgendwann (eher zufällig) wieder auf eine Wegmarkierung traf. Wie der Rheinländer sagt:

Ob richtige oder Improvisierte Strecke – der Weg durch Wälder und Felder war beglückend, hier und da auch ein Bächlein, das mich des großen Dichters Wort singen ließ:

„Tagtäglich fließt der Bach durchs Tal,

mal fließt er breit, mal fließt er schmal.

Er steht nie still, auch sonntags nicht,

und wenn mal heiß die Sonne sticht,

kann man in seine kühlen Fluten fassen.

Man kanns aber auch bleiben lassen.“

Heinz Erhardt

Erwähnte ich schon meinen Zwang, Trafotürme zu fotografieren? Hier ein schönes Exemplar oberhalb von Unkel, leider mit einer ästhetisch fragwürdigen Zweckerweiterung verunziert.

Nicht mehr allzu fern des Ziels gewährt der Rheinsteig einen wunderbaren Blick auf den namensgebenden Strom:

Am Ziel in der Linzer Innenstadt gab es ein Belohnungsbier, ehe ich mit der Bahn zurück nach Bonn fuhr. Somit war wieder ein Eintrag in meiner Urlaubsliste abzuhaken. Und ich sah, dass es gut war.

Dienstag: Heute gab es den zweiten Piks. Abgesehen von einem kleinen Rausch, danach vorübergehendem Unwohlsein des Geliebten, einhergehend mit Schlechlaunigkeit, sind bislang keine der befürchteten Nebenwirkungen eingetreten.

In Krisenzeiten leiden ja am meisten immer die Kinder.

Mittwoch: Die UEFA hat sich unbeliebt gemacht, weil das Münchener Stadion abends beim EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn nicht in Regenbogenfarben erstrahlen durfte. Hiermit wollten die Münchner ein Zeichen setzen wider ein absurdes Gesetz gegen Homo- und Transsexuelle, das das ungarische Parlament vergangene Woche beschlossen hat. So ärgerlich das sein mag, diese Entscheidung des Fußballkonzerns war zu erwarten. – Gestatten Sie mir eine Anmerkung zum Wort „Homophobie“, das in diesem Zusammenhang immer wieder fällt. Eine Phobie ist die Angst vor etwas Bestimmtem, zum Beispiel ist Nomophobie die Angst, ohne Mobiltelefonkontakt zu sein, für viele inzwischen wohl das, was sie am meisten fürchten. Bei dem, was als Homophobie bezeichnet wird, geht es jedoch nicht um Angst, sondern um Ablehnung und Hass. Das ist etwas anderes. Angst müssen allenfalls die Schwulen und Lesben in Ländern wie Ungarn haben; DAS wäre Homophobie.

Obwohl die Maskenpflicht im Freien inzwischen weitgehend aufgehoben wurde, sah ich in der Fußgängerzone zahlreiche Leute, die weiterhin Mund-Nasen-Schutz trugen. Haben sie es nicht mitbekommen, oder sollten die Menschen doch vernünftiger sein, als ich annahm, jedenfalls ein Teil davon?

Die Nebenwirkungen der zweiten Spritze blieben auch heute weitgehend aus, bis auf einen ganz leichten Druck im Oberarm. Die Angst vor Spritzen heißt übrigens Trypanophobie.

Donnerstag: In Kürze tritt die „Einwegkunststoffverbotsverordnung“ in Kraft, allein schon wegen des Wortes eine Bereicherung. Örtlichen Bäckereien sehen laut Zeitungsbericht fehlende Alternativen zu Papp-Kaffeebechern und zugehörigen Kunststoffdeckeln als problematisch an. Doch, die gibt es: Verkauft einfach keinen Kaffee zum Mitnehmen mehr, irgendwann werden die Leute vielleicht einsehen, wie idiotisch es ist, mit einem Kaffee durch die Gegend zu laufen.

Mancher Werbespruch hinterlässt vor allem Ratlosigkeit. (Die Angst vor Puppen heißt im Übrigen Pediophobie. Yeah.)

Freitag: Letzter Urlaubstag. Nach dem Frühstück erledigte ich ein paar mir aufgetragene Besorgungen, danach fuhr ich mit dem Fahrrad zum Lieblingsplatz am Rheinufer vor Bonn-Oberkassel. Ein wirklich außergewöhnlich schöner Ort, man sitzt/liegt dort im Schatten hoher alter Pappeln, mit Blick auf das Siebengebirge links, rechts grüßt das Mutterhaus des Arbeitgebers herüber. Ich grüßte kurz zurück und beachtete es nicht weiter. Erst ab Montag wieder, vorher noch das Wochenende.

In meinem Alter ist es beschwerlich, auf dem Boden liegend zu lesen oder gar schreiben, es gibt einfach keine Körperhaltung, jedenfalls ist mir keine bekannt, in der das über längere Zeit bequem ist, und bequem soll es ja sein. Gepriesen sei daher das kleine, praktische Klappstühlchen, das problemlos auf dem Fahrrad-Gepäckträger zu transportieren ist. So kann ich stundenlang verharren: Lesen, schreiben, Schiffe kucken. Dazu das vorletzte Fläschchen Maibock, das Zeug muss langsam mal weg, der Juli naht bereits.

Samstag: Durch den Kiezschreiber wurde ich auf den Begriff „Rautavistik“ aufmerksam. Hierzu weiß Wikipedia:

Rautavistik ist eine Art der Performance-Kunst, bei der Handlungen ohne erkennbaren Sinn oder Nutzen für den Ausführenden oder Dritte zur Kunstform erhoben werden. […] die Handlungen dienen einzig zur Unterhaltung der Ausführenden. Werden Dritte aktiv in eine rautavistische Handlung einbezogen, so geschieht dieses normalerweise in einer Art Statisten- oder gar Opferrolle. […] Die ausführenden Personen nennen sich selbst Rautavisten. Sie kommen meistens aus dem Umfeld von Hochschulen und organisieren sich […] in Gruppen und geben sich oft ausgefallene Namen, Titel und Dienstbezeichnungen. […] Ein fast immer verwendetes zusätzliches Stilmittel ist es, diese sinnlosen Dinge mit großem Ernst anzugehen, der natürlich insgeheim nur gespielt ist. Daher wird großer Wert darauf gelegt, bei der Aktion möglichst wenig zu lachen. Eine eventuelle Andeutung oder gar Erklärung Dritten gegenüber, dass es sich bei der fraglichen Handlung doch eigentlich nur um Unsinn handele, wird gemieden; […] Ein typischer rautavistischer Gegenstand wäre z. B. ein Automat oder Kasten mit einem großen Knopf, dessen Betätigung absolut nichts bewirkt. Eine rautavistische Handlung wäre es, diesen Knopf dennoch im vollen Bewusstsein, dass nichts geschehen wird, zu drücken. Die Person, die diese Handlung bewusst ausführt, ist der Rautavist. […] Rautavistische Gespräche sind bewusst völlig sinnentleerte Gespräche, die jedoch ein kohärentes Thema zum Inhalt haben.

Das kommt mir sehr bekannt vor, einschließlich Opferrolle und dem Knopf, der nichts bewirkt. Ab Montag wieder.

Sonntag: Zwei Wochen Urlaub ohne zu verreisen waren sehr schön. So ähnlich muss sich Ruhestand anfühlen.

In der zurückliegenden Woche las ich übrigens „Die Geschichte eines einfachen Mannes“ von Timon Karl Kaleyta, eine Geschichte über Egozentrik, Unvernunft, Selbstüberschätzung, arg strapazierte Freundschaften und Scheitern. Auch wenn nicht immer nachzuvollziehen ist, warum sich die Mitmenschen des Protagonisten so verhalten, wie sie es tun, ein lesenswertes Buch.