Woche 3: Skandal im Karneval

Montag: Wohl wissend um den in olfaktorischer Hinsicht zweifelhaften Ruf des Eigenlobes möchte ich dennoch nicht verschweigen, mich heute über das Kompliment „Du malst Bilder mit Worten“ sehr gefreut zu haben. – Auch die Kommunikationsabteilung eines großen Konzerns greift zum Wortpinsel und taucht ihn tief ein in die Farbe der Formulierungen, wobei das Ergebnis eher abstrakt-expressionistisch anmutet: „Digitale Vertriebskanäle sind zu einem wesentlichen Bestandteil unserer kommerziellen Stärke und unseres Leistungsversprechens geworden. Aus diesem Grund werden wir wichtige digitale Themen mit Bezug zur Kundenorientierung mit unseren digitalen Kompetenzen in Customer Solutions & Innovation (CSI) bündeln. Dies ist eine logische Erweiterung der kommerziellen Schnittstellenfunktion, die CSI in der Vergangenheit erfolgreich gespielt hat. Im Rahmen des zukünftigen CSI-Setups werden u.a. die folgenden digitalen Themen angegangen: […] Den (!) Aufbau kommerzieller Funktionen, um unsere API-Strategie zu orchestrieren (!!) und mit großen 3PV-Initiativen in Kontakt zu treten und somit Marktführer […] zu werden.“ Es ging noch weiter, doch hätte ich beim Weiterlesen mit großer Wahrscheinlichkeit den Verstand verloren.

Dienstag: Ich habe einen recht unspektakulären Bürojob mit schöner Aussicht in einem großen Unternehmen. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Mittwoch: Trotz allem sind Besprechungen und Tagungen etwas Wunderbares. Ich sitze im Warmen, trinke Kaffee, gehe meinen persönlichen Gedanken nach und werde zudem gut dafür bezahlt.

Donnerstag: Zum Thema E-Mails schrieb Corinne Maier in ihrem schon erwähnten Buch dieses:

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Freitag: Skandal im Karneval: Der Sessions-Orden der Kar­ne­vals­frün­de Dur­schlö­scher weckt die Empörung zahlreicher Bonner Katholiken, weil er die Form einer sogenannten Monstranz aufweist, die statt einer Hostie ein Kölschglas beherbergt. „Wie weit soll un­se­re Ge­sell­schaft noch sin­ken, was Ach­tung und Re­spekt vor den Ge­füh­len an­de­rer Mit­men­schen an­geht?“, wird eine gewisse Mar­git S. in der Zeitung zitiert. Auch Stadtdechant Wilfried Schumacher reagiert schmallippig und wirft den Jecken vor, statt vor dem Herrgott die Knie vor einem alkoholischen Getränk zu beugen. Das erscheint bemerkenswert aus dem Munde des Vertreters einer Glaubensgemeinschaft, die traditionell das Kreuz anbetet, welches ursprünglich den daran Genagelten auch nicht gerade Achtung und Respekt erwies. O ja, ich bin sehr für Religionsfreiheit. Eine Welt frei von Religionen wäre wohl eine friedlichere.

Samstag: Zwei Auftritte unserer Karnevalsgesellschaft: Am Vormittag zum Prinzenempfang in einem Godesberger Autohaus, abends auf der „Miljöhsitzung“ der KG Sternschnuppen in Beuel. Über die Notwendigkeit, in einem Autohaus aufzutreten, kann man geteilter Meinung sein (trotzdem machte es Spaß), der Auftritt am Abend erscheint mir dagegen sehr wichtig. Vor wenigen Jahren wäre mir das noch ziemlich schnuppe gewesen, auch wäre ich nicht auf den Gedanken gekommen, eine solche Sitzung zu besuchen, doch sehe ich das heute aus naheliegenden Gründen anders: Möglicherweise ist das allgemeine Interesse an solchen traditionellen Karnevalsfeiern im Schwinden begriffen. Man geht heute lieber zu den großen, kommerziellen Massenveranstaltungen wie in Kölnarena oder Telekom-Dome statt auf die kleinen, von örtlichen Vereinen getragenen Sitzungen. Manche Besucher lassen dort Anstand und Höflichkeit vermissen, indem sie Wortbeiträge auf der Bühne ignorieren und stattdessen lieber mit ihren Begleitern quatschen und Selfies anfertigen. Wenn ich durch meine aktive Beteiligung bei den Fidelen Burggrafen einen kleinen Beitrag dazu leisten kann, diese Entwicklung etwas zu verzögern und denjenigen, die daran noch Interesse haben, Freude zu bereiten, so mache ich das sehr gerne.

Sonntag: Ich weiß, mittlerweile ist es ausgelutscht und nicht mehr besonders erheiternd, sich wegen überflüssiger Apostrophen und fehlender Bindestriche zu ereifern. Dennoch möchte ich Ihnen das Schild eines Instituts in der Bonner Inneren Nordstadt, welches sich ausgerechnet der Förderung von Sprache und Bildung widmet, nicht vorenthalten.

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Den frühen Wurm holt der Vogel

Wieder einmal erlaube ich mir, einen älteren Text aus den Tiefen dieses Blogs hervorzuholen und ihn nach leichter Politur erneut Ihrer Lektüre anheim zu stellen. Da ich den ursprünglichen Aufsatz bereits 2010 schrieb, fürchte ich nicht, irgendjemanden durch Wiederholung zu langweilen. Hoffentlich auch sonst nicht.

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Man gewöhnt sich an fast alles: nächtlichen Harndrang, Reklame für Mittel gegen Scheidenpilz, Kaffee-zum-Gehen-Trinker, tätowierte Waden, den Kater am nächsten Morgen, Max Giesinger, Deppen Leerzeichen und Donald Trump. Eines indessen werde ich niemals mit der über die Jahre eingeschliffenen Milde als gegeben hinnehmen: morgens aufstehen zu müssen, wobei die Betonung zwar auf „morgens“ liegt, das Aufstehen an sich aber schon einen Akt allergrößter Überwindung bedeutet. Gut, sagen wir, vor elf Uhr; keineswegs möchte ich den Eindruck erwecken, ich sehnte mich in die dauerhafte Bettlägerigkeit oder gar unter des Käfers Keller.

Dabei ist es nahezu unerheblich, ob der Wecker um fünf losgeht oder „erst“ um halb acht; sobald es so weit ist, wird ein Leidensprozess in Gang gesetzt, der bis mindestens zehn Uhr anhält, manchmal sogar, vornehmlich montags, ganztägig. Während dieser Phase gilt: Sprechen Sie mich bloß nicht an, oder zumindest erwarten Sie keine Antwort! Ich beneide Menschen, die einen Sprecher haben: Popstars, Bundeskanzler, Konzerne, der Papst. So einen hätte ich auch gerne, also einen Sprecher, keinen Papst. In Teilzeit, täglich von sieben bis zehn Uhr.

Was ich liebe: aufwachen, kurzer Blick auf die grün leuchtenden Ziffern des Radioweckers, noch dreieinhalb Stunden bis zum Aufstehen, umdrehen, in die Decke kuscheln (oder, schöner noch, an den Bettnachbarn), derweil draußen der Regen gegen das Fenster schlägt, weiter schlafen. Was ich hasse: aufwachen, nur noch vier Minuten bis zum Wecker, der Zauber der Nacht ist gebrochen, kein Einschlafen mehr möglich; diese Minuten, dieses Warten auf den Wecker sind schlimmer als von eben diesem aus den Träumen gerissen zu werden.

Der Laune Tiefpunkt ist erreicht, nachdem ich die Möbelhauswerbung kurz vor den Nachrichten mit einem automatischen, jahrelang geübten Handgriff zum Verstummen gebracht habe. Von der Schlummertaste mache ich keinen Gebrauch, da sie das Leiden nur unnötig verlängert. So verbringe ich zwei bis drei Minuten in tiefster Qual, während die allmorgendliche Diskussion der beiden inneren Stimmen ihren Lauf nimmt:

A: „Aufstehen.“

B: „Ich will nicht.“

A: „Aufstehen!“

B: „Ich will nicht!“

A: „AUFSTEHEN!!!“

Jeden Morgen gewinnt A, das ist zwar blöd, aber nicht zu ändern. Schlimmer noch als der Wecker ist der Moment, da ich mich aus dem Tuche ins Bad quäle, noch die letzten diffusen, in Auflösung begriffenen Reste nächtlicher Traumwirren im Kopf. Die Tage etwa, nachdem ich vom Aufenthalt in einem Atombunker geträumt hatte, dessen Tür sich nur von außen öffnen ließ, was ungefähr so sinnvoll ist wie eine Kaffeetasse mit Henkel innen, fragte ich mich noch beim Morgenstrahl: Wer sollte nach dem Atomschlag die Tür öffnen? Was man halt so vor sich hin sinniert, wenn noch kein klarer Gedanke möglich ist.

Es gibt keine Lösung für dieses Problem. Morgens aufstehen ist einfach wider meine Natur. Vielleicht sollte ich endlich eine Karriere als Schrift- oder Pornodarsteller beginnen. Für ersteres fehlt mir leider das Talent, und zweiteres … lassen wir das.

Woche 2: Mit Befremden hinter die Fichte geführt

Montag: Heute begann der Abbruch des Immenrather Domes in Erkelenz, auf dass dort demnächst Braunkohle abgebaggert werde. Ich stehe der Kirche nicht sehr nahe, dennoch empfinde ich beim Betrachten der Bilder tiefe, hilflose Wut.

Dienstag: Es ist wohl keine besonders gewagte These, zu behaupten, eine Bank müsse vor allem Vertrauen wecken, um zu erreichen, dass die Leute ihr Geld bringen oder welches bei ihr leihen. Insofern bleibt völlig im Dunkeln, welchen Zweck die alberne Fernsehreklame der RaboDirect-Bank verfolgt. Vertrauen wecken jedenfalls nicht.

Mittwoch: Es erscheint mir zunehmend unsinniger, den ganzen Tag auf einen Bildschirm zu schauen. Umso absurder empfinde ich den Trend zum Zweitbildschirm auf immer mehr Schreibtischen.

Donnerstag: Über die Beschäftigung in einem Konzern schrieb Corinne Maier schon 2005 in ihrem Buch „Die Entdeckung der Faulheit“ (meiner derzeitigen Stadtbahnlektüre):

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Zu ergänzen sind sinnlose Besprechungen und Telefonkonferenzen. Manches ändert sich nie.

Freitag: Mit Freude las ich heute in einem Zeitungsartikel, man habe „mit Befremden“ reagiert, eine Formulierung, die im heutigen Zeitalter allgegenwärtiger Empörung nur noch selten gebraucht wird. Im selben Zusammenhang, auf welchen inhaltlich einzugehen ich aus Zeitgründen verzichte, war zu lesen, die derart Befremdeten fühlen sich „hinter die Fichte geführt“, was geradezu heiter klingt im Vergleich zum Synonym „verarscht“.

Samstag: Prunksitzung der Karnevalsgesellschaft Fidele Burggrafen in der Stadthalle zu Bad Godesberg. Noch vor wenigen Jahren hätte ich jedem, die mir voraussagte, es würde mir einmal große Freude bereiten, in grün-weißer Uniform auf eine Bühne aufzumarschieren und dort als „vierter Mann der drei Tenöre“ jecke Lieder zu singen, zu seiner blühenden Phantasie gratuliert.

Sonntag: Hätts jo nä sage könne, dann wör dat nit passiert. Aus vorgenannten Gründen verließ ich das Bett erst am späteren Mittag. Während der anschließenden Zahnpflege belästigten mich Bundesligageräusche aus dem Radio. Mein Desinteresse an Fußballdingen wird niemals dieselbe Erosion erfahren wie meine frühere Reserviertheit gegenüber dem Karneval. Da bin ich mir sicher.

Woche 1: Leeres Geschwätz

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Montag: Wenn am Morgen, oder eher: Mittag nach einer alkoholschwangeren Nacht das Portemonnaie nicht am üblichen Platz liegt und sich auch nicht in der Jackentasche befindet, kann dies schreckauslösend sein. Zum Glück fand es sich bald in einer Hosentasche ein, also alles in Ordnung, oder alles gut, um eine beliebte Massenfloskel zu gebrauchen. Ansonsten ist das einzig Sinnvolle, das man an einem Neujahrstag tun kann, gar nichts.

Dienstag: In seiner Neujahrsansprache beklagte der Papst zu viel „leeres Geschwätz“ in der Welt. Na da könnten er und seine Leute ja mal mit gutem Beispiel vorangehen. – Ich maße mir nicht an, jedes Gespräch, bei dem ich nicht mitreden kann, vorgenannter Kategorie zuzuordnen. Ein solches Thema ist die Fachsimpelei unter Elektrorauchern beziehungsweise -dampfern, wenn sie sich über die Vorzüge ihrer Geräte austauschen und, nach Mundstücktausch, gar zum gegenseitigen Probedampfen einladen, während ich mit meiner herkömmlichen Zigarette daneben stehe und staunend nur zuhören kann. Zitat einer Dampfmaschinenbesitzerin: „Das ist mein abendlicher Genussverdampfer“.

Mittwoch: Meinen Glückwunsch zum Namenstag an alle Damen mit dem wohl nicht sehr häufigen Namen Genovefa. Auch der Name Burglind war mir bislang nicht geläufig. Seit heute, da das gleichnamige Sturmtief uns heftigst einen blies, genießt er indes zweifelhafte Prominenz.

Donnerstag: Bleiben wir beim Wetter. Während uns nach Abzug der stürmischen Dame eine frühlingshafte Milde umspielt, versinken Teile der USA im Schnee. Ihr Präsident sieht darin den Beweis erbracht, dass die Erderwärmung nur die verrückte Idee irgendwelcher amerikafeindlicher Spinner ist, weil es für ihn keinen Unterschied zwischen Wetter und Klima gibt. So wie es mir nahezu unmöglich ist, die beiden WDR-Wetterfrösche Sven Plöger und Karsten Schwanke auseinander zu halten. Möglicherweise ist es gar derselbe.

Freitag: Im Zusammenhang mit Managergehältern ist immer wieder ‚verdienen‘ zu lesen. Das erscheint mir unangemessen. Können wir uns auf ‚bekommen‘ einigen?

Samstag: Manchmal liegt das größte momentane Glück in einer Bockwurst mit Kartoffelsalat. Dagegen erscheint mir die mit knapp 23,5 Millionen Stellen größte bislang entdeckte Primzahl, über welche die Zeitung heute berichtet, bedeutungslos.

Sonntag: „Wenn man nicht unter Druck steht und die Zeit fließen lassen kann, ist der Kater oft interessanter als der Rausch.“ (Max Goldt)

Was 2017 auch in der Zeitung stand

Wer da glaubt, die Zeit der unzähligen Jahresrückblicke sei überwunden, der irrt, hier kommt noch einer. Neben der Wahl eines Wahnsinnigen zum Präsidenten der Vereinigten Staaten, unfreundlichen Worten aus der Türkei, Atomkriegsdrohungen von und nach Nordkorea, Triebfahrzeugstörungen beim Schulz-Zug, Jamaika-Aus als Wort des Jahres, #MeToo und einem angeblich verregneten Sommer standen zahlreiche kleinere Meldungen in der Zeitung, die mir bemerkenswert erschienen, wobei die Auswahl völlig subjektiv ist und keinen Anspruch auf Relevanz und hohes allgemeines Interesse stellt.

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Eine Zugbegleiterin der Deutschen Bahn hatte im Januar wohl nach ihrem Dienst den Lieben zu Hause was zu erzählen, nachdem sie einen nackten Zweiundzwanzigjährigen bei der Intimrasur auf der Zugtoilette ertappt hatte, der zudem auch noch ohne gültigen Fahrausweis reiste. Gegenüber der herbeigerufenen Bundespolizei soll der Mann erklärt haben, er werde „zu Hause derzeit nicht gerne gesehen“. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren.

Ebenfalls im Januar verkündete die Bonner Stadtverwaltung, die Sanierung der Beethovenhalle werde voraussichtlich um etwa 1,6 Millionen auf 61,6 Millionen Euro steigen, zudem verzögere sich die Fertigstellung um einen Monat.

Im Februar teilte die Justizvollzugsanstalt im sauerländischen Attendorn mit, einen Betriebsversuch mit pink angestrichenen Zellenwänden zu beenden. Ziel des Versuches sei es gewesen, festzustellen, ob randalierende JVA-Kunden sich in Räumlichkeiten mit dem Farbton „Cool Down Pink“ schneller beruhigen als in herkömmlich-grauen Zellen, was sich als nicht zutreffend erwies. Ein wenig erinnert das an den Film „Ödipussi“ von Loriot, in dem unter anderem die Auswirkungen von Sitzgruppen-Polsterfarben auf das Suizidverhalten der Besitzer ausgiebig erörtert wird.

Nicht überliefert ist die Farbe des Bettbezuges, in dem eine Inderin im selben Monat mit einem unerträglichen Juckreiz hinter den Augen aufwachte. Als Ursache wurde nach ärztlicher Untersuchung eine Kakerlake festgestellt, die der Dame im Schlaf in die Nase gekrabbelt und inzwischen fast bis zur Schädelbasis vorgedrungen war. Mit einem staubsaugerartigen Gerät konnte der Eindringling schließlich beseitigt werden.

Das klingt medizinisch kompliziert, ist jedoch ein Klacks gegen die Ankündigung des italienischen Arztes Ser­gio Ca­na­ve­ro, bis Weihnachten 2017 die erste menschliche Kopftransplantation vorgenommen zu haben. Der zu verpflanzende Kopf müsse zuvor auf zwölf Grad heruntergekühlt werden, etwaigen Abstoßungsreaktionen des Körpers sei unter anderem mit „Vir­tu­al-Rea­li­ty-Trai­ning“ zu begegnen. Also Pokemons gegen Kopflosigkeit.

Als virtuelles Familienmitglied wird in immer mehr Haushalten Alexa von Amazon akzeptiert. Im März berichtet die Zeitung über ein sechsjähriges Mädchen in Texas, das aus Langeweile Alexa mit der Bestellung eines Puppenhauses und zwei Kilo Keksen beauftragte, was diese unwidersprochen ausführte. Als ein Fernsehsender über den Fall berichtete und den Bestellvorgang nachstellte, erwachten zahlreiche in Hörweite von Fernsehgeräten befindliche Alexas und bestellten ihren Besitzern ebenfalls Puppenhäuser. Zudem wird Alexas schlechter Einfluss auf die Kindererziehung bemängelt: Sie fordert weder ein „Bitte“ noch „Danke“, weiterhin suggeriere ihre weibliche Stimme, Frauen haben zu gehorchen. Vielleicht sollte man Alexa mal über ihre Meinung zur #MeToo-Debatte befragen.

Keineswegs machtlos waren im April Mitarbeiter eines Berliner Supermarktes, als ein mit einer Grillgabel bewaffneter Mann die Herausgabe des Geldes aus der Kasse forderte. Unter beherzter Zuhilfenahme eines ihm in den Weg geschobenen Einkaufswagens konnte ihm die Beute entrissen werden.

Grillgabeln als Waffe dürften für die amerikanische Waffenlobby-Organisation NRA eine nur untergeordnete Rolle spielen. Ende des Monats dankte ihr Donald Trump für die Unterstützung im Wahlkampf, erklärte sie zu seinen Freunden und versprach, sich für ihre Belange einzusetzen.

Nicht nur von Waffen geht Missbrauchsgefahr aus, sondern auch von Alkohol. Dem tritt Anfang Mai der Geschäftsführer der Kölner Brauerei Gaffel gegenüber mit der Feststellung: „Bier ist ein Kul­tur­gut mit vie­len Tra­di­tio­nen. Der Haus­trunk ge­hört da­zu“. Zuvor hatte die Bun­des­dro­gen­be­auf­trag­te verlangt, die Abgabe von Bier an die Brauerei-Mitarbeiter als Lohnersatz einzustellen.

Zur Tradition geworden sind auch die Mitteilungen der Stadt Bonn, welche die Kostensteigerung für die Sanierung der Beethovenhalle betreffen. Anfang Juni ist es wieder so weit: Man geht von 2,5 Millionen Euro mehr gegenüber der ursprünglichen Planung aus.

Ebenfalls im Juni verbietet die Stadt Madrid das als „manspreading“ bezeichnete breitbeinige Sitzen in öffentlichen Verkehrsmitteln, welches vor allem männlichen Nutzern zur Angewohnheit geworden ist und neben einem entsprechenden Raummehrbedarf auch Unbehagen bei weiblichen Mitreisenden hervorruft.

Unterdessen verkündet die Stadt Bonn eine weitere Kostenspreizung von erneut 2,5 Millionen Euro für die Beethovenhalle, somit liegen die Gesamtkosten nach vorläufiger Schätzung nun bei 66 Millionen Euro.

Dass männlicher Geltungsdrang im Zusammenspiel mit freiem Waffenbesitz unerwünschte Folgen haben kann, zeigt ein Fall aus Minnesota, über den die Zeitung im Juli berichtete: Ein Mann bat seine Freundin, aus geringer Entfernung auf ihn zu schießen, während er sich eine Enzyklopädie als Schild vor den Leib hielt. Hiermit wollte er Millionen von Youtube-Nutzern beeindrucken. Offenbar hatte er ein zu dünnes Nachschlagewerk zu seinem Schutz ausgewählt, er überlebte den Schuss nicht.

Besondere Herausforderungen setzen nicht immer die Benutzung von Waffen voraus: Seit August bietet eine Schweizer Supermarktkette Burger mit Mehlwürmern an.

Der Zeitplan für die Fertigstellung der Beethoven-Halle gerät laut Stadtverwaltung in Bedrängnis, wenn auch zunächst ohne Mehrkosten.

Um nicht durch Rassismus-Vorwürfe in Bedrängnis zu geraten, entschloss sich ein bekanntes Lübecker Café im September, seine traditionelle Mohrenkopftorte umzubenennen in „Othellotorte“. Ich persönlich hätte „Roberto-Blanco-Torte“ origineller gefunden.

Die Beethoven-Halle wird wohl doch pünktlich fertig. Dafür steigen die Kosten auf etwas mehr als 72 Millionen Euro, so die Stadtverwaltung Bonn.

Deutlich geringer dürfte der Streitwert eines Gerichtsverfahrens gelegen haben, dessen Gegenstand ein Drama war, welches sich vortrefflich für eine Lustspiel oder eine Oper eignet: In Rheinbach bei Bonn empfing eine Zahnarztgattin einen Malermeister in nur leichter Bekleidung, derweil der Herr Gemahl sich auf Reisen befand. Ihre Bemühungen, den Meister vor dem Anstrich in ein Frühstück mit Lachs und Sekt und wer weiß was sonst noch zu verwickeln, blieben erfolglos, vielmehr ergriff er die Flucht. Als der Gatte zurückkehrte, fand er die beauftragten Malerarbeiten in mangelhafter Qualität ausgeführt vor, daher verklagte das Paar den Malermeister wegen Schlechtleistung. Den Ausführungen der Gattin, dem Maler lediglich Kaffee und Wasser angeboten zu haben, schenkte das Gericht keinen Glauben, wohl aber der Beteuerung des Beklagten, keinen einzigen Pinselstrich gezogen zu haben. Vielmehr hatte die Dame des Hauses nach des Malers Flucht selbst zum Pinsel gegriffen, um ihre vergeblichen amourösen Avancen zu vertuschen. Die Klage wurde abgewiesen.

Noch einmal die Amerikaner und ihre Waffenliebe: Im Oktober geriet eine christliche Freikirche in die Kritik, weil sie als Hauptgewinn einer Verlosung halbautomatische Sturmgewehre in Aussicht stellte.

Mitte November verkündet die Stadt Bonn eine erneute Kostensteigerung für die Beethoven-Halle auf nunmehr 75 Millionen Euro.

Unterdessen sorgt sich Christian W. aus Bonn über die Zukunft unseres Landes. In einem Leserbrief fordert er die Bundeskanzlerin auf, statt ständig die Rechte von Schwulen, Lesben und „Gender etc.“ zu thematisieren, lieber die Deutschen anzuhalten, mehr Kinder in die Welt zu setzten, wobei er einen gleichartigen Aufruf des türkischen Präsidenten als positives Beispiel anführt.

Ganz andere Sorgen plagen den Amerikaner Mi­ke Hug­hes (61). Mit einer aus Altteilen selbst gebauten, dampfbetriebenen Rakete will er sich ins All schießen lassen, um den Beweis anzutreten, dass die Erde eine Scheibe ist. Das erscheint offenbar sogar den Amerikanern zu gewagt, denn bislang verweigerten ihm die zuständigen Behörden die Startgenehmigung.

Wie eine Rakete ab gingen Anfang Dezember die Bemühungen eines kleinen Weihnachtsmarktes in Overath-Kreutzhäuschen, über Facebook ein paar Besucher anzulocken. Daraufhin machten sich auch auf zahlreiche Menschen aus nah und fern, nicht um das Kindlein in der Krippe zu sehen, sondern wegen Bratwurst und Glühwein in idyllischem Ambiente. Schon bald bildeten sich lange Staus, der Verkehr im Dorf kam zum Erliegen und der kleine Weihnachtsmarkt wurde überrannt. Ein Facebook-Nutzer lässt es dabei natürlich nicht auf sich beruhen, sondern postet seinen Unmut über schlechte Organisation, fehlende Parkplätze und weggefressene Würstchen umgehend in sein geliebtes Netzwerk. Ob die Massen daraufhin an den folgenden Wochenenden ausblieben, ist nicht bekannt.

Kurz vor Jahresende meldet sich noch einmal die Stadt Bonn, Sie ahnen schon, zu welchem Thema: Die Sanierungsarbeiten an der Beethovenhalle sind ein wenig ins Stocken geraten, die Fertigstellung verzögert sich um wenige Monate auf voraussichtlich Februar 2019. Zudem vergaß man leider, in die Kostenplanung eine neue Bestuhlung mit einzubeziehen, daher sind die Bonner nun zu Spenden aufgerufen, wollen sie künftige Konzerte nicht im Stehen genießen.

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Soweit mein kleiner Jahresrückblick. Nochmals Ihnen alles Gute für 2018, behalten Sie stets einen kühlen Kopf, nicht nur für den hoffentlich unwahrscheinlichen Fall einer Transplantation. Im Übrigen: Wer braucht schon eine Beethoven-Halle.