Den frühen Wurm holt der Vogel

Wieder einmal erlaube ich mir, einen älteren Text aus den Tiefen dieses Blogs hervorzuholen und ihn nach leichter Politur erneut Ihrer Lektüre anheim zu stellen. Da ich den ursprünglichen Aufsatz bereits 2010 schrieb, fürchte ich nicht, irgendjemanden durch Wiederholung zu langweilen. Hoffentlich auch sonst nicht.

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Man gewöhnt sich an fast alles: nächtlichen Harndrang, Reklame für Mittel gegen Scheidenpilz, Kaffee-zum-Gehen-Trinker, tätowierte Waden, den Kater am nächsten Morgen, Max Giesinger, Deppen Leerzeichen und Donald Trump. Eines indessen werde ich niemals mit der über die Jahre eingeschliffenen Milde als gegeben hinnehmen: morgens aufstehen zu müssen, wobei die Betonung zwar auf „morgens“ liegt, das Aufstehen an sich aber schon einen Akt allergrößter Überwindung bedeutet. Gut, sagen wir, vor elf Uhr; keineswegs möchte ich den Eindruck erwecken, ich sehnte mich in die dauerhafte Bettlägerigkeit oder gar unter des Käfers Keller.

Dabei ist es nahezu unerheblich, ob der Wecker um fünf losgeht oder „erst“ um halb acht; sobald es so weit ist, wird ein Leidensprozess in Gang gesetzt, der bis mindestens zehn Uhr anhält, manchmal sogar, vornehmlich montags, ganztägig. Während dieser Phase gilt: Sprechen Sie mich bloß nicht an, oder zumindest erwarten Sie keine Antwort! Ich beneide Menschen, die einen Sprecher haben: Popstars, Bundeskanzler, Konzerne, der Papst. So einen hätte ich auch gerne, also einen Sprecher, keinen Papst. In Teilzeit, täglich von sieben bis zehn Uhr.

Was ich liebe: aufwachen, kurzer Blick auf die grün leuchtenden Ziffern des Radioweckers, noch dreieinhalb Stunden bis zum Aufstehen, umdrehen, in die Decke kuscheln (oder, schöner noch, an den Bettnachbarn), derweil draußen der Regen gegen das Fenster schlägt, weiter schlafen. Was ich hasse: aufwachen, nur noch vier Minuten bis zum Wecker, der Zauber der Nacht ist gebrochen, kein Einschlafen mehr möglich; diese Minuten, dieses Warten auf den Wecker sind schlimmer als von eben diesem aus den Träumen gerissen zu werden.

Der Laune Tiefpunkt ist erreicht, nachdem ich die Möbelhauswerbung kurz vor den Nachrichten mit einem automatischen, jahrelang geübten Handgriff zum Verstummen gebracht habe. Von der Schlummertaste mache ich keinen Gebrauch, da sie das Leiden nur unnötig verlängert. So verbringe ich zwei bis drei Minuten in tiefster Qual, während die allmorgendliche Diskussion der beiden inneren Stimmen ihren Lauf nimmt:

A: „Aufstehen.“

B: „Ich will nicht.“

A: „Aufstehen!“

B: „Ich will nicht!“

A: „AUFSTEHEN!!!“

Jeden Morgen gewinnt A, das ist zwar blöd, aber nicht zu ändern. Schlimmer noch als der Wecker ist der Moment, da ich mich aus dem Tuche ins Bad quäle, noch die letzten diffusen, in Auflösung begriffenen Reste nächtlicher Traumwirren im Kopf. Die Tage etwa, nachdem ich vom Aufenthalt in einem Atombunker geträumt hatte, dessen Tür sich nur von außen öffnen ließ, was ungefähr so sinnvoll ist wie eine Kaffeetasse mit Henkel innen, fragte ich mich noch beim Morgenstrahl: Wer sollte nach dem Atomschlag die Tür öffnen? Was man halt so vor sich hin sinniert, wenn noch kein klarer Gedanke möglich ist.

Es gibt keine Lösung für dieses Problem. Morgens aufstehen ist einfach wider meine Natur. Vielleicht sollte ich endlich eine Karriere als Schrift- oder Pornodarsteller beginnen. Für ersteres fehlt mir leider das Talent, und zweiteres … lassen wir das.