Woche 1: Leeres Geschwätz

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Montag: Wenn am Morgen, oder eher: Mittag nach einer alkoholschwangeren Nacht das Portemonnaie nicht am üblichen Platz liegt und sich auch nicht in der Jackentasche befindet, kann dies schreckauslösend sein. Zum Glück fand es sich bald in einer Hosentasche ein, also alles in Ordnung, oder alles gut, um eine beliebte Massenfloskel zu gebrauchen. Ansonsten ist das einzig Sinnvolle, das man an einem Neujahrstag tun kann, gar nichts.

Dienstag: In seiner Neujahrsansprache beklagte der Papst zu viel „leeres Geschwätz“ in der Welt. Na da könnten er und seine Leute ja mal mit gutem Beispiel vorangehen. – Ich maße mir nicht an, jedes Gespräch, bei dem ich nicht mitreden kann, vorgenannter Kategorie zuzuordnen. Ein solches Thema ist die Fachsimpelei unter Elektrorauchern beziehungsweise -dampfern, wenn sie sich über die Vorzüge ihrer Geräte austauschen und, nach Mundstücktausch, gar zum gegenseitigen Probedampfen einladen, während ich mit meiner herkömmlichen Zigarette daneben stehe und staunend nur zuhören kann. Zitat einer Dampfmaschinenbesitzerin: „Das ist mein abendlicher Genussverdampfer“.

Mittwoch: Meinen Glückwunsch zum Namenstag an alle Damen mit dem wohl nicht sehr häufigen Namen Genovefa. Auch der Name Burglind war mir bislang nicht geläufig. Seit heute, da das gleichnamige Sturmtief uns heftigst einen blies, genießt er indes zweifelhafte Prominenz.

Donnerstag: Bleiben wir beim Wetter. Während uns nach Abzug der stürmischen Dame eine frühlingshafte Milde umspielt, versinken Teile der USA im Schnee. Ihr Präsident sieht darin den Beweis erbracht, dass die Erderwärmung nur die verrückte Idee irgendwelcher amerikafeindlicher Spinner ist, weil es für ihn keinen Unterschied zwischen Wetter und Klima gibt. So wie es mir nahezu unmöglich ist, die beiden WDR-Wetterfrösche Sven Plöger und Karsten Schwanke auseinander zu halten. Möglicherweise ist es gar derselbe.

Freitag: Im Zusammenhang mit Managergehältern ist immer wieder ‚verdienen‘ zu lesen. Das erscheint mir unangemessen. Können wir uns auf ‚bekommen‘ einigen?

Samstag: Manchmal liegt das größte momentane Glück in einer Bockwurst mit Kartoffelsalat. Dagegen erscheint mir die mit knapp 23,5 Millionen Stellen größte bislang entdeckte Primzahl, über welche die Zeitung heute berichtet, bedeutungslos.

Sonntag: „Wenn man nicht unter Druck steht und die Zeit fließen lassen kann, ist der Kater oft interessanter als der Rausch.“ (Max Goldt)

Woche 50: Nie zuvor sah ich eine beeindruckendere Jogginghosendichte

Montag: Laut Radioreklame eines bekannten Möbelbausatzlieferanten erzeugt Schenken genauso viel Glückshormon wie beschenkt zu werden. Umso erschreckender empfinde ich die Gleichgültigkeit, mit welcher wir – mich selbst eingeschlossen – die Tatsache zur Kenntnis nehmen, dass es in einem Land wie unserem Obdachlose gibt. Wie die beiden mit dem Hund in der U-Bahn-Haltestelle, an denen ich – zusammen mit zahlreichen anderen hochbeschäftigten Menschen – jeden Morgen möglichst schnell vorbeigehe, ihre Frage nach etwas Kleingeld ignorierend, bloß keinen Blickkontakt entstehen lassen. Das geht so nicht weiter. Ab sofort habe ich ein paar Münzen griffbereit, die ich in ihren Becher lege, dazu ein freundliches „Guten Morgen“ tut auch nicht weh. Nicht jeden Tag, aber doch regelmäßig. Und zwar nicht nur die paar Kupfercent, Münzabfall, den ich üblicherweise zweifelhaften Musikern in ihr Schälchen lege, nachdem sie mich vor dem Straßencafé oder beim Spanier an der Ecke mit unerträglichem Gitarrengeschrammel belästigt haben, sondern richtiges Geld. „Aber die kaufen sich doch nur Alkohol und Zigaretten davon“, sagen Sie? Glaube ich nicht. Und selbst wenn, haben nur wir Reichen ein Anrecht auf ein bisschen Rausch? Mögen also die Endorphine sprudeln. Apropos Schenken: Meinen größten Weihnachtswunsch, den ich seit Jahren äußere, erfüllt mir leider niemand, dabei wäre das so einfach: endlich aufzuhören mit der überflüssigen Schenkerei unter Leuten, die schon alles haben. Solche wie ich.

Dienstag: Kann man bei zwei Personen schon von einer Warteschlange sprechen? Wenn ja, musste ich heute früh schlangestehen (oder schlange stehen? Schlange stehen?), um meine Münzen wie geplant in den Becher der Bedürftigen einzuwerfen, da ein Herr vor mir augenscheinlich entweder den gleichen Gedanken hegte oder sich spontan zu einer Spende entschlossen hatte. Wie auch immer: Ich tat es gerne und werde es wieder tun, auch wenn die Schlange länger wird, womit ich nicht rechne.

Mittwoch: Max Goldt zu lesen beglückt nicht nur die Seele, man lernt auch noch etwas dabei. So findet in einem seiner Aufsätze, der sich Frauen mit unangenehmen Stimmen widmet, die Knäkente (Anas querquedula) Erwähnung. Ohne je einem solchen Tier begegnet zu sein, ahne ich, was er meint, wobei ich die Gründe mit Rücksicht auf den interkollegialen Frieden nicht näher darlegen werde.

Donnerstag: Nachdem der Kater von der gestrigen Weihnachtsfeier endlich seine Krallen eingezogen hat, mache ich mich nun fertig für die nächste. Es hört einfach nie auf.

Freitag: Schadenfreude ist ein schändliches Gefühl. Meine Verachtung für Porschefahrer ist unermesslich. Am Abend traten diese beiden Tatsachen, die scheinbar unabhängig nebeneinander bestehen wie Bonn und Bielefeld, in eine unanständigeVerbindung, als ein SUV des vorgenannten Herstellers einem anderen Wagen (zum Glück nur leicht, aber mit einem deutlichen Rums) hinten drauf fuhr und meine Mundwinkel kurz nach oben zuckten.

Samstag: Weihnachtseinkäufe in Metz (Frankreich). Auf dem Weg dahin vor uns auf der Autobahn ein Molkerei-Tankzug mit der Aufschrift „Frische Milchideen“. Dazu fällt mir leider nichts ein. Auf dem Rückweg Zwischenhalt im Leclerc von Thionville. Nie zuvor sah ich eine beeindruckendere Jogginghosendichte als dort.

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Sonntag: Haushaltstipp der Woche: Die Anschaffung eine zweiten Spülmaschine macht Küchenschränke entbehrlich.

Über Pfingsten

schänzchen

Acht von zehn befragten kennen nicht die Bedeutung von Pfingsten, und die zwei, die es zu wissen vorgeben, können nicht erklären, was es mit dem Heiligen Geist auf sich hat. Das ist erschreckend und bedarf dringend der Aufklärung. Folgendes also trug sich zu:

An einem sonnigen, warmen Freitagabend verabredete sich die erste Mannschaft des FC Jerusalem (Kreis Soltau) in ihrem Lieblingsbiergarten, um den Aufstieg in die Kreisliga zu feiern. Am Nebentisch saß eine japanische Reisegruppe, daneben drei französische Austauschstudentinnen; die Japaner fotografierten die Fußballer und die Studentinnen empfingen erste interessierte Blicke.

Das Bier floss in Strömen, und je später es wurde, desto beschwingter die Stimmung und schwerer die Zungen, bald verständigten sie sich nur noch über konsonantenarme Laute, Gesten und Zeichensprache, zunächst nur die Fußballer untereinander, bald bezogen Sie auch die Japaner mit ein und stellten die Tische zusammen, schließlich traten auch die jungen Französinnen der lustig-lallenden Runde bei.

Da stand Petrus, der Mannschaftstrainer, auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden: „Ihr Japaner, Französinnen und alle Bewohner von Jerusalem! Dies sollt ihr wissen, achtet auf meine Worte! Diese Männer sind nicht betrunken, wie ihr meint; es ist ja erst die dritte Stunde am Morgen!“ Die Runde lachte, Blitzlichter leuchteten auf und die Studentinnen blickten lasziv über ihre riesigen Sonnenbrillen hinweg, die sie noch immer trugen.

Also geschah es. Die Aufstiegsfeier zog sich hin bis zum frühen Sonntagabend, am Montag wurden sie alle heimgesucht von einem riesigen Kater, auf dass sie nicht arbeiten konnten. (Die absurde These „Wer saufen kann, kann auch arbeiten“ wurde erst Jahrhunderte später durch die evangelische Kirche in die Welt gesetzt.) Daher haben wir noch heute am Pfingstmontag frei.

Jetzt wissen Sie es, falls mal wieder einer fragt, was genau Pfingsten ist. De rien.