Woche 46: Sie werden ihre Gründe haben

Montag: Pünktlich zu Beginn der Karnevalssession erfreuen die Stadtwerke die Jecken und Berufstätigen vorübergehend aufgrund von Bauarbeiten mit einer neuen, kreativen Linienführung der Stadtbahn 66. Welcher von beiden Gruppen der Mann zuzuordnen ist, der morgens bei Temperaturen nahe Null mit Jacke, Laptoptasche, kurzer Hose und baren Füßen in der Bahn Richtung Königswinter stand, war auf die Schnelle nicht zu ermitteln. Wobei sich jeck und berufstätig nicht gegenseitig ausschließen, wie immer wieder zu beobachten ist, nicht nur in der Session.

In die Kantine ging ich heute Mittag unbegleitet, da die üblichen Mitesser too busy waren. Merke: Wer keine Zeit für die Mittagspause hat, hat wesentliche Teile der Kontrolle über sein Leben abgegeben.

Dienstag: Des Morgens steht ein Elektroroller quer auf dem Gehweg. Mannhaft widerstehe ich der Versuchung, das Teil umzutreten. Zudem gebührte der Tritt ja eher dem Trottel, der den Roller dort abgestellt hat.

„Wir sollten erstmal die Lernkurve nehmen, statt die eierlegende Wollmilchsau zu haben, und proaktiv die Quick Wins indentifizieren.“ Es sind Sätze wie diese, für die es sich lohnt, morgens aufzustehen.

Verkehrte Welt: An manchen Tagen liegen die Haare abends, kurz vor dem Zubettgehen, am besten.

Mittwoch: Während einer Skype-Konferenz klingelt mein Telefon. Was geht in Menschen vor, die es zwanzig mal klingeln lassen, ehe sie begreifen, dass der Angerufene gerade das Gespräch nicht annehmen kann oder will?

Zunehmend erwische ich mich mittwochabends bei der Frage, ob es ein Wort dafür gibt, wenn man etwas, das man früher sehr gerne tat, nur aus einem Pflichtgefühl heraus nicht aufgibt.

Bei Herrn jawl las ich das wunderbare Wort „sinnentnehmend“.

Donnerstag: An manchen Tagen gehe ich aus dem Haus und fühle mich genervt von Menschen, die nichts anderes tun als an anderen Tagen auch, genau deswegen.

Auf dem Fußboden der U-Bahnhaltestelle liegt ein ausgepackter Tampon, glücklicherweise augenscheinlich unbenutzt. Eines der großen Rätsel des Lebens: Warum sind Dinge, wo sie sind?

Freitag: Ein weiteres Rätsel: „Ich bin fein mit einem Slot am Nachmittag.“ Was mag Menschen im Leben schlimmes widerfahren sein, wenn sie sich einer solchen Ausdrucksweise bedienen?

Vielleicht ist das auch genetisch bedingt. Für solche Fälle hat der Geliebte eine Idee: „Kann man da nicht ein anderes Gen einspritzen, das das eine überredet, oder so?“

Samstag: Auftritt am Abend in Zell an der Mosel, wo sie „Miau“ rufen, wenn der Rheinländer „Allaaf“ meint. Sie werden ihre Gründe haben.

Sonntag: Die (mir zugegebenermaßen unbekannte) Autorin Yasmina Reza im Interview mit der FAS: „Mit dem Alter verlässt man gewisse Zonen innerhalb seiner selbst, die man einfach nicht mehr besucht.“ Das klingt angenehm herbstlich.

Am Nachmittag lockte der Herbst ein wenig vor die Tür.

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(Im Frühling kommen sie in Scharen, um die Blüte dieser Bäume zu instagramieren. Jetzt, wo sie in herbstlicher Farbschönheit stehen, interessiert das niemanden.)

Woche 45: Ein Born unnützen Wissens

Montag: Als ich am frühen Abend das Werk verließ, flog ein großer Schwarm Krähen krähend über mich hinweg. Das erinnert mich an meine Kindheit in Bielefeld, wo in den Feldern bei Oldentrup, nicht weit von meinem Elternhaus entfernt, in hohen Bäumen eine große Kolonie dieser sympathischen Vögel wohnte. Schon damals empfand ich ihr abendliches Krähen als sicheres Zeichen, dass der Herbst nun endgültig da ist, so wie heute das Lied des Laubbläsers. Doch wie den Laubbläser mochten nicht alle die schwarzen Biester: In den Achtzigern oder Neunzigern gab es Berichte, wonach an manchen Stellen die Feuerwehr beauftragt wurde, die Vögel aus den Baumkronen zu spritzen, weil sich Anwohner von ihnen gestört fühlten, ein Vorgehen, das heute wohl nicht nur die zweifelhafte PETA empören würde.

Am Abend stellte ich diverse Gegenstände, die den Herbst ihrer Nutzungszeit überschritten haben, vor das Haus, auf dass der Sperrmüllwagen sie morgen hole. Wie immer bei dieser Gelegenheit beschleicht mich dabei ein schlechtes Gewissen, das mir zuraunt: Warum stellst du das raus? Das ist doch noch gut! Vielleicht sucht jemand nach genau dieser Schale / Korbtruhe / Lampe. Andererseits ist es befreiend, sich von Sachen zu trennen. Und bis zur Abholung vergehen noch einige Stunden, vielleicht greifen die nächtlichen Sammler ja das eine oder andere Stück ab und gewähren ihm ein zweites Leben.

Dienstag: Beim Mittagessen ein neues Wort gelernt: „Huta“, was in diesen abkürzungsfreudigen Zeiten, gleichsam als Pendant zur Kita, für „Hundetagesstätte“ steht. Was woanders Grundstücke bewacht, Schafe einschüchtert, Schlitten zieht oder in den Kochtopf kommt, genießt hier Vollpension. Demnach wäre ein Kuhstall eine Rita, also Rindertagesstätte.

In welcher Art von Stätte nachfolgendes Foto entstand, war in der Kürze der Zeit nicht zu recherchieren. Man beachte das pittoreske Trinkmöbel und die Bommel am Hosenbund des lässigen Herren. Kaum zu fassen, dass „Anzugträger“ in manchen Kreisen noch immer ein beliebtes Schimpfwort ist.

Mittwoch: Nicht nur in Journalistenkreisen sind im Zeitalter allwissender Apps Grundkenntnisse in Bruch- und Prozentrechnung vorteilhaft.

(General-Anzeiger Bonn)

Donnerstag: „Rettet den Wald! Esst mehr Spechte!“, lese ich an einem Lastwagen auf der Autobahn 1 in Richtung Norden.

Freitag: Fahrt nach Daun in der Eifel zum Chorwochenende bis Sonntag. Obwohl Singen glücklich macht, hält sich meine Lust in Grenzen. Aber das ist ja manchmal die beste Voraussetzungen dafür, dass etwas richtig gut wird.

Richtig gut ist die Jugendherberge. Statt rotem Tee aus einer großen Blechkanne trinke ich weißen Wein zum Abendbrot. Danach macht das Singen noch glücklicher.

Samstag: Nach dem Mittagessen spazieren wir durch den Wald und um ein Maar herum. Währenddessen preist Chorbruder A die kulinarischen Vorzüge von Hagebuttenmark, ein Wort, das ich bis dahin nie hörte, und das in mir die Vorstellung auslöst, wie ein Junge namens Marc mit einem Korb voller roter Früchte auf dem Dauner Marktplatz steht und die Leute sagen: „Kuck mal, da ist ja unser Hagebutten-Marc!“ Eine fast identische Geschichte ließe sich über Tomaten-Marc erdenken; bei Knochen-Marc ist indes etwas mehr Phantasie vonnöten.

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In der Nacht zuvor waren augenscheinlich Außerirdische zum Zwecke der Eiablage in den Eifelhöhen gelandet.

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Sonntag: „Du bist wirklich ein Born unnützen Wissens“, sagt ein Chorbruder zu einem anderen mit umfangreichem Allgemeinwissen. Wenn auch etwas gemein – ein Satz, den ich mir merken muss, da sich für ihn sicher ein Anwendungszweck finden lässt.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Bundeswehr – wie auch jede andere Armee – in anderen Ländern nichts zu suchen hat.

Woche 44: Womöglich peinlich berührt

Montag: Es ist kalt geworden, weshalb ich wieder mit der Bahn statt mit dem Fahrrad zum Werk fahre, die, am Rande gelobt, bezüglich Zuverlässigkeit heute keinen Grund zur Beanstandung bot. Stattdessen zwei Erkenntnisse bei der Betrachtung der Mitreisenden. Erstens: Die schlimmsten Entstellungen entstehen oft durch Frisuren. Zweitens: Es ist kein Wunder, wenn die Welt, in der alle nur noch auf ein Datengerät starren, immer bekloppter wird.

Dienstag: In einer Besprechung höre ich mehrfach das Wort „Zielbild“. Was soll das sein? Ein Bild von einem Ziel? Etwas, das nur wie ein Ziel aussieht?

„Wir haben uns dazu intensiv zusammengesetzt„, sagt ein anderer. Darüber möchte man auch nicht näher nachdenken.

Mittwoch: Statt Ziel- hier ein Herbstbild, entstanden kurz vor Ankunft im Werk:

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Für gewöhnlich werden öffentlich geführte Telefonate von Unbeteiligten als eher störend empfunden. Nicht so heute Abend im Bonner Hauptbahnhof. Nachdem der Zugansager den Regionalexpress nach Koblenz angesagt hatte, vergaß er offenbar, das Mikrofon zu deaktivieren, oder sich zu muten, wie Menschen es auszudrücken pflegen, wenn sie sich smart fühlen wollen. Was sonst eine Zumutung ist, zauberte zahlreichen Menschen auf den Bahnsteigen ein Lächeln ins Gesicht, als sie hörten, wie der Ansager mit Nicki oder Micki telefonierte, etwa so: „Alles klar bei dir, Nicki? … Ja … Nein, nicht? Dann ist das eben so, Nicki …“ und so weiter. Also nichts für fremde Ohren Interessantes oder gar Intimes, mehr so das Übliche, was man auf der Straße und in der Bahn täglich zu hören bekommt und was keiner Notiz würdig erschiene. Doch in dieser Situation gereichte es zahlreichen Menschen zur Freude. Bald verstummte der Lautsprecher mitten im Satz, der Sprechende hatte wohl seinen Fehler bemerkt und – womöglich peinlich berührt – schnell den Mikrofonknopf gedrückt, wohingegen das Lächeln der Wartenden noch etwas länger anhielt.

Donnerstag: Heute lächelte ich bereits am frühen Morgen beim Rasieren, obwohl das aus unlängst genannten Gründen seit geraumer Zeit in einer inhäusigen Baustelle erfolgt. Der Grund für meine Freude kam aus dem Radio, ich beschrieb ihn schon mal hier.

Auch die Lektüre der Tageszeitung hob mir die Mundwinkel ein wenig: „Drei Wochen nach dem Anschlag in Halle hat das Bundeskabinett ein Neun-Punkte-Paket beschlossen, um Betroffene von Hass und Drohungen im Netz, aber auch real vor der Haustür besser zu schützen.“ Haustüren sind ja schon lange eine völlig unterschätzte Quelle des Ungemachs.

„Staat muss mit weniger Geld auskommen“, steht auf der Titelseite derselben Ausgabe, bereits drei Seiten weiter diese Überschrift: „Mehr Geld für den Bund“. Die Zeiten sind sehr schnelllebig geworden.

Freitag: Allerheiligen. Ich muss nicht ins Werk, weil die Katholiken heute irgendwas feiern. Da mir als bekennendem Agnostiker nichts besonders heilig ist, mache ich es mir auf dem Sofa bequem, schaue dem jungen November zu, wie er mit Regen, Wind und Herbstestrübe Einzug hält, und lese. Nämlich in der Kulturbeilage des SPIEGEL ein Interview mit dem norwegischen Schriftsteller Jo Nesbø, wo er dieses sagte:

„Ein Schriftsteller wie ich besitzt keinen besseren Zugang zu Wissen und Informationen als seine Mitmenschen. Das macht es ein bisschen altmodisch und lächerlich, Schriftsteller nach ihrer Meinung zu wichtigen Weltproblemen zu fragen.“

Danach beendete ich die Lektüre des Buches „Das Ende vom Ende der Welt“ von Jonathan Franzen, von dem ich mir mehr oder was anders versprochen hatte, weshalb es demnächst Ihrer Abholung aus einem öffentlichen Bücherschrank anheim gestellt wird. Dennoch fand ich auch darin zwei zitierenswerte Sätze:

„Es stimmt, dass die effektivste Einzelmaßnahme, die ein Mensch treffen kann, nicht nur im Kampf gegen den Klimawandel, sondern auch zur Erhaltung der Biodiversität, darin besteht, keine Kinder zu kriegen.“

[…]

„Selbst in einer Welt, in der alles stirbt, wächst neue Liebe nach.“

Den zweiten Satz könnte ich mir gut in meiner Todesanzeige oder auf meinem Grabstein vorstellen. Wobei – der erste passte auch.

Samstag: Apropos Grabstein – „Stirb, du Hund“, hörte ich jemanden sagen, der mir in der Fußgängerzone begegnete. Da ich ihn nicht kannte und mir auch sonst keiner Schuld bewusst bin, durch was ich seinen Groll auf mich gezogen haben könnte, nehme ich an, die Anrede galt nicht mir, sondern war Teil der Unterhaltung mit seiner Begleiterin. Aber man weiß ja nie in dieser immer bekloppteren Welt.

Sonntag: WDR 2 sendet mittags den „Tatort-Check“ als Appetitanreger auf den „Tatort“ am Abend auf ARD, wo Millionen ihn mit großer Begeisterung anschauen und am Montag im Büro darüber reden. Einen Porno-Check hörte ich indessen noch nie, weder öffentlich-rechtlich noch privat, denn Porno ist bäh. „Porno hat mit echtem Sex nichts zu tun“ – „Porno zeigt nicht die Wirklichkeit“ – Ich mag es nicht mehr hören und lesen! Porno bedeutet gerade nicht, dass Frauen mit hochhackigen Schuhen spitze Schreie ausstoßen, während sie von dickbäuchigen Männern mit schmierigen Haaren von hinten an der Küchenanrichte penetriert werden, und auch nicht, dass alte Männer mit haarigem Rücken schlanken körperrasierten Jünglingen ihren Dings in Körperöffnungen treiben. Es gibt auch gute Pornos, die der Wirklichkeit sehr nahe kommen, und es gibt echten Sex, der gefilmt einen ziemlich guten Porno ergäbe, glauben Sie mir, ich kann das beurteilen, ohne prahlerisch wirken zu wollen. Was sagt das über uns aus, wenn die Betrachtung heimtückischer Morde breite gesellschaftliche Anerkennung findet, während es die Jugend gefährdet, anzusehen, wie zwei oder mehr Menschen den natürlichsten Spaß der Welt miteinander haben?

Woche 43: Frühstück auf dem Gleis und Feuer in der Hose

Montag: „Er gehört zu mir, wie mein Name an der Tür“, sang Marianne Rosenberg einst. Dieser unter meinesgleichen in den Neunzigern überaus beliebte und gerne mitintonierte Schlager („Nananana nanaaa na …“) kam mir heute Morgen in den Sinn, als ich das neue Türschild an meinem Büro erblickte. Offenbar wurde das in der vergangenen Woche provisorisch angebrachte am Wochenende gegen die offizielle ausgetauscht. Einziger Schönheitsfehler: Mein Name fehlt darauf, wohingegen die beiden künftigen Zellengenossen, die ab dieser Woche einziehen, gut lesbar ausgewiesen sind. Mein Chef versicherte auf Anfrage einigermaßen glaubhaft, es handele sich um ein Missverständnis aufgrund ursprünglich anderer Raumplanung. Als grundsätzlich das Gute im Menschen Vermutender glaube ich ihm selbstverständlich. Vorsichtshalber habe ich ein neues Türschild beauftragt.

Eine geänderte Raumplanung hat vom Guten weniger Beseelte möglicherweise dazu bewogen, neben einem Parkplatz bei Ahrweiler eine Küche zu entsorgen. „Es handelt sich um eine 1991 produzierte Küche mit Eichenfront sowie einer Arbeitsplatte mit einer Edelstahleinbauspüle“, so die Zeitung. Falls ein Leser an einer Übernahme interessiert sein sollte, nehme ich an.

Dieses Blog kennen Sie nun, aber haben Sie schon mal was über den Blob gehört oder gelesen? Ich vorher auch nicht. Interessant, aber in gewisser Weise auch unheimlich, nicht nur wegen der 720 Geschlechter.

Dienstag: Das neue Türschild, nun mit meinem Namen, wurde angebracht. Ich werde das im Auge behalten.

Es wird Sie vielleicht nicht sonderlich interessieren, es stand heute in der Zeitung: Die Philippinen bestehen aus 7.641 einzelnen Inseln. Ist dann jede davon eine Philippine?

Gelesen in einem Blog für Berufspendler, was ja an sich ein blödes Wort ist, ich denke dabei immer als erstes an einen Hypnotiseur, der anderen Menschen einen an einem Faden hängenden Gegenstand vor den Augen hin und her schwingen lässt und sie mit leiser, beschwörender Stimme dazu bringt, einzuschlafen oder merkwürdige Dinge zu tun, aber das nur am Rande:

„Besser ist in Ruhe daheim zu frühstücken, hier kann man sich in Ruhe etwas hinrichten (vll. schon Tag zuvor mit deiner Abendroutine). Es ist auch gemütlicher als irgendwo am Bahnhof auf dem Gleis zu stehen und mit klebrigen Fingern etwas zu essen.“

Wer auf dem Gleis sein Frühstück einzunehmen pflegt, hat bezüglich Hinrichtung schon recht gut vorgesorgt.

Mittwoch: Bonn wurde nun als eine der schönsten Städte weltweit in den Lonely-Planet-Reiseführer aufgenommen. Völlig zu recht.

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Gehört: „Wie ist Rapunzel eigentlich gestorben? An einem Apfel, oder? Ach nee, das war die Schlange.“ Diverse Bücher müssen wohl umgeschrieben werden.

Donnerstag: „Mistarbeiter“ steht in einer Präsentation. Das muss nicht zwingend ein Schreibfehler sein.

Aus einer Zeitungsmeldung: „… als gegen 10.45 Uhr ein 28-jähriger Polizeibeamter und seine 34-jährigen Kollegin vom Ordnungsamt vorbeikamen.“ Gerne hätte ich noch die Sternzeichen, Telefonnummern und Bankverbindungen der beiden erfahren.

Ein regelmäßig von mir gelesenes Blog schließt den Tagesbeitrag heute so:

„Verehrter Leser, ich danke abermals für das Lesen dieses Textes gerade in Zeiten, in denen sich Radikale aufmachen, unser System mit demokratischen Mitteln zu zerlegen, bevor wir dann von undemokratischen Mitteln zerlegt werden. So lange das Wort noch frei ist – ein Zustand, den ich allen Ernstes für zeitlich begrenzt halte -, sollten wir das Geschriebene genießen!“

Das gefällt mir so gut, dass ich es ungefragt wiedergebe, bei Aufforderung durch den Verfasser selbstverständlich umgehend zu löschen mich bereit erkläre. Hinzufügen wäre noch die freie Meinung, die zunehmend nur noch geäußert werden darf (und wird), wenn sie möglichst wenig abweicht von dem, was eine breite Mehrheit als korrekt und sagbar erachtet. Das finde ich sehr bedenklich.

Freitag: „Es gibt nichts, was mich mehr an den Untergang der Menschheit erinnert, als eine Touristengruppe auf Segways“, schrieb Alexander Osang vor einigen Wochen im SPIEGEL, was ich sofort notierte und danach vergaß. Heute fiel es mir wieder ein, als mir auf dem Heimweg vom Werk eine solche Gruppe am Rhein begegnete. Aus nämlichem Artikel notierte ich weiterhin den Satz „Wie immer haben die größten Idioten die breitesten Reifen“, den ich Ihnen ob seiner allgemeinen Gültigkeit auch ohne konkreten Bezug zum heutigen Tag zur Kenntnis zu geben mir erlaube.

Samstag: In Los Angeles (oder „Äl Ääy“, wie affektierte Scheinkosmopoliten gerne sagen) ist eine Villa mit einundzwanzig Badezimmern für vierundneunzig Millionen Dollar verkauft worden. Wir hingegen haben seit nunmehr einem Monat gar kein Bad. Vielen Dank an die namhafte Versicherung aus der süddeutschen Lebkuchenstadt, die uns im Zeichen der Burg seit Wochen hängen lässt, weil der zuständige Schadensregulierer Urlaub hat. Vielleicht ist er in Äl Ääy.

„Du bist so sexy! Du hast ein Feuer in meiner Hose gemacht“, schreibt mir ein(e) Unbekannte(r) per Mail. Gern geschehen.

Sonntag: Letzte Nacht träumte ich, so ein orange gekleideter Essensausfahrer hätte mich mit seinem Fahrrad umgefahren. Als ich am Boden lag, stieg er ab, trat mich zusätzlich in die Seite und rief: „Und das war für den Speisesklaven!“

Kürzlich verhinderten Demonstranten in Göttingen eine Lesung des ehemaligen Bundesinnenministers. Dazu schreibt heute die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung: „Unterstützt wurde die Blockade von der Göttinger Ortsgruppe von Fridays for Future, die neben dem Klima jetzt auch die nordsyrischen Kurden vor Thomas de Maizière schützen will.“

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die zu heute erfolgte Zeitumstellung die letzte ihrer Art sein sollte.

Woche 42: Wieder ist die Welt etwas unübersichtlicher geworden

Montag: „Bauhof in Gutenstetten ist nun elektrisch unterwegs„, steht über einem Zeitungsartikel. Stellen Sie sich mal einen in einer Straßenbahn reisenden Bauhof vor!

Gleichsam unterwegs waren heute auch zahlreiche Kollegen und ich, da ein Gebot von höherer Stelle ausging, auf dass ein jeder umziehe in ein anderes Büro in einem anderen Gebäude, warum auch immer das sein muss. Statt aus der 27. Etage auf den Rhein blicke ich nun aus dem zweiten Stock in einen Hinterhof. Doch will ich dessen nicht klagen, immerhin habe ich noch ein Büro, was ja nicht mehr selbstverständlich ist in diesen agilen Zeiten.

Dienstag: Konnte ich im bisherigen Büro während langweiliger Telefonkonferenzen Schiffe auf dem Rhein zählen, so kann ich nun Halsbandsittiche (Pfeil) beobachten. Auch nicht schlecht.

Mittwoch: Apropos komische Vögel – ein echter Vorteil des neuen Büros: Ich muss mir nicht bereits am frühen Morgen und auch sonst nicht im Aufzug das Gelaber irgendwelcher wichtig-witziger Businesskasper anhören.

Ganz andere Probleme heute bei Porsche: Wie aus einer Meldung hervorgeht, war dort nach einer IT-Störung die Produktion lahmgelegt. Das ist nun wirklich nicht sehr schlimm.

Donnerstag: Ähnlich überflüssig wie ein Porsche sind Elektroroller. „Rollern ist töricht“, klebt an einem solchen, ganz im Stil der bekannten Warnhinweise auf Zigarettenschachteln. Sehr nette Aktion, wo erhält man diese Aufkleber? Vielleicht gibt es demnächst auch die passenden Schockbilder dazu, Motive wären reichlich denkbar. Vielleicht wird in tausend Jahren, wenn wir uns längst erfolgreich ausgerottet haben, eine intelligente Spezies zu der Erkenntnis gelangen, dass das Ende des „Homo Sapiens“ zeitlich in etwa zusammenfiel mit dem Aufkommen dieser Roller, wer weiß. Wir werden es nie erfahren.

Freitag: Die Bonner Stadtbahnlinie 66 steht seit längerem wegen Unpünktlichkeit, Ausfällen und überfüllter Züge in der Kritik. Laut einem Zeitungsbericht zum Thema erwägt ein Unternehmensberater aus Montabaur deswegen gar, seinen Arbeitsplatz in Bonn zu kündigen. Liebe Stadtwerke, soweit darf es nicht kommen, jeder Verlust eines Unternehmensberaters ist ein Verlust zu viel!

Seit Jahren fahre ich fast täglich mit der 66, bislang konnte ich die angeprangerten Missstände nur eingeschränkt nachvollziehen: Meistens kam die Bahn, wenn auch oft ein paar Minuten später, egal, und fast immer fand ich einen Sitzplatz. Nicht so diese Woche: Von fünf Fahrten nachmittags nach Hause entfielen drei, eine fiel laut Anzeige aus, kam dann aber doch, und eine endete bereits am Hauptbahnhof. Sollte ich deswegen in das allgemeine Bahnbeschimpfen einstimmen? Nein. Gibt es doch eine wunderbare Alternative: Zu Fuß gehen. So wie heute. Aus der U-Bahn hätte ich nicht des Morgens Röte erblickt.

Oder das Werbeplakat des bekannten Süßbrauseherstellers. Früher war Fanta gelb und Cola dunkel. Laut der Werbung gibt es jetzt auch dunkle Fanta. Wieder ist die Welt etwas unübersichtlicher geworden.

Gelesen bei Herrn Firla über Uhren:

»Das Akustische wie auch das analog Optische der symbolträchtigen Zeiger sind fast verschwunden. Zur bloßen Zahlenfolge wegdigitalisiert. Und wie Fotoapparat und Telefon hat sich die Taschen- und Armbanduhr längst in eine Multifunktionsflachbox zurückgezogen, der wir als Monstranz menschlicher Allmacht vertrauensvoll folgen.«

Samstag: „Immobilenverkauf ohne Makler ist wie Bonn ohne Beethoven“, behauptet ein Plakat der Maklerinnung. So lange ich auch darauf herumdenke: Das ist und bleibt Unfug.

Das hier auch:

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Sonntag: Von morgens bis abends Regen, was mich nicht vom sonntäglichen Spaziergang abhielt. Ich mag es sehr, wenn mir beim Flanieren durch die Nordstadt nur wenige Menschen unter Schirmen begegnen. Nur die radelnden Speisesklaven mit den riesigen Tornistern, die in durchnässter oranger Arbeitskleidung den Appetit und die Bequemlichkeit derer bedienen, die bei Regen nicht vor die Tür gehen, tun mir etwas leid.