Woche 45: Ein Born unnützen Wissens

Montag: Als ich am frühen Abend das Werk verließ, flog ein großer Schwarm Krähen krähend über mich hinweg. Das erinnert mich an meine Kindheit in Bielefeld, wo in den Feldern bei Oldentrup, nicht weit von meinem Elternhaus entfernt, in hohen Bäumen eine große Kolonie dieser sympathischen Vögel wohnte. Schon damals empfand ich ihr abendliches Krähen als sicheres Zeichen, dass der Herbst nun endgültig da ist, so wie heute das Lied des Laubbläsers. Doch wie den Laubbläser mochten nicht alle die schwarzen Biester: In den Achtzigern oder Neunzigern gab es Berichte, wonach an manchen Stellen die Feuerwehr beauftragt wurde, die Vögel aus den Baumkronen zu spritzen, weil sich Anwohner von ihnen gestört fühlten, ein Vorgehen, das heute wohl nicht nur die zweifelhafte PETA empören würde.

Am Abend stellte ich diverse Gegenstände, die den Herbst ihrer Nutzungszeit überschritten haben, vor das Haus, auf dass der Sperrmüllwagen sie morgen hole. Wie immer bei dieser Gelegenheit beschleicht mich dabei ein schlechtes Gewissen, das mir zuraunt: Warum stellst du das raus? Das ist doch noch gut! Vielleicht sucht jemand nach genau dieser Schale / Korbtruhe / Lampe. Andererseits ist es befreiend, sich von Sachen zu trennen. Und bis zur Abholung vergehen noch einige Stunden, vielleicht greifen die nächtlichen Sammler ja das eine oder andere Stück ab und gewähren ihm ein zweites Leben.

Dienstag: Beim Mittagessen ein neues Wort gelernt: „Huta“, was in diesen abkürzungsfreudigen Zeiten, gleichsam als Pendant zur Kita, für „Hundetagesstätte“ steht. Was woanders Grundstücke bewacht, Schafe einschüchtert, Schlitten zieht oder in den Kochtopf kommt, genießt hier Vollpension. Demnach wäre ein Kuhstall eine Rita, also Rindertagesstätte.

In welcher Art von Stätte nachfolgendes Foto entstand, war in der Kürze der Zeit nicht zu recherchieren. Man beachte das pittoreske Trinkmöbel und die Bommel am Hosenbund des lässigen Herren. Kaum zu fassen, dass „Anzugträger“ in manchen Kreisen noch immer ein beliebtes Schimpfwort ist.

Mittwoch: Nicht nur in Journalistenkreisen sind im Zeitalter allwissender Apps Grundkenntnisse in Bruch- und Prozentrechnung vorteilhaft.

(General-Anzeiger Bonn)

Donnerstag: „Rettet den Wald! Esst mehr Spechte!“, lese ich an einem Lastwagen auf der Autobahn 1 in Richtung Norden.

Freitag: Fahrt nach Daun in der Eifel zum Chorwochenende bis Sonntag. Obwohl Singen glücklich macht, hält sich meine Lust in Grenzen. Aber das ist ja manchmal die beste Voraussetzungen dafür, dass etwas richtig gut wird.

Richtig gut ist die Jugendherberge. Statt rotem Tee aus einer großen Blechkanne trinke ich weißen Wein zum Abendbrot. Danach macht das Singen noch glücklicher.

Samstag: Nach dem Mittagessen spazieren wir durch den Wald und um ein Maar herum. Währenddessen preist Chorbruder A die kulinarischen Vorzüge von Hagebuttenmark, ein Wort, das ich bis dahin nie hörte, und das in mir die Vorstellung auslöst, wie ein Junge namens Marc mit einem Korb voller roter Früchte auf dem Dauner Marktplatz steht und die Leute sagen: „Kuck mal, da ist ja unser Hagebutten-Marc!“ Eine fast identische Geschichte ließe sich über Tomaten-Marc erdenken; bei Knochen-Marc ist indes etwas mehr Phantasie vonnöten.

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In der Nacht zuvor waren augenscheinlich Außerirdische zum Zwecke der Eiablage in den Eifelhöhen gelandet.

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Sonntag: „Du bist wirklich ein Born unnützen Wissens“, sagt ein Chorbruder zu einem anderen mit umfangreichem Allgemeinwissen. Wenn auch etwas gemein – ein Satz, den ich mir merken muss, da sich für ihn sicher ein Anwendungszweck finden lässt.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Bundeswehr – wie auch jede andere Armee – in anderen Ländern nichts zu suchen hat.

Woche 42: Wieder ist die Welt etwas unübersichtlicher geworden

Montag: „Bauhof in Gutenstetten ist nun elektrisch unterwegs„, steht über einem Zeitungsartikel. Stellen Sie sich mal einen in einer Straßenbahn reisenden Bauhof vor!

Gleichsam unterwegs waren heute auch zahlreiche Kollegen und ich, da ein Gebot von höherer Stelle ausging, auf dass ein jeder umziehe in ein anderes Büro in einem anderen Gebäude, warum auch immer das sein muss. Statt aus der 27. Etage auf den Rhein blicke ich nun aus dem zweiten Stock in einen Hinterhof. Doch will ich dessen nicht klagen, immerhin habe ich noch ein Büro, was ja nicht mehr selbstverständlich ist in diesen agilen Zeiten.

Dienstag: Konnte ich im bisherigen Büro während langweiliger Telefonkonferenzen Schiffe auf dem Rhein zählen, so kann ich nun Halsbandsittiche (Pfeil) beobachten. Auch nicht schlecht.

Mittwoch: Apropos komische Vögel – ein echter Vorteil des neuen Büros: Ich muss mir nicht bereits am frühen Morgen und auch sonst nicht im Aufzug das Gelaber irgendwelcher wichtig-witziger Businesskasper anhören.

Ganz andere Probleme heute bei Porsche: Wie aus einer Meldung hervorgeht, war dort nach einer IT-Störung die Produktion lahmgelegt. Das ist nun wirklich nicht sehr schlimm.

Donnerstag: Ähnlich überflüssig wie ein Porsche sind Elektroroller. „Rollern ist töricht“, klebt an einem solchen, ganz im Stil der bekannten Warnhinweise auf Zigarettenschachteln. Sehr nette Aktion, wo erhält man diese Aufkleber? Vielleicht gibt es demnächst auch die passenden Schockbilder dazu, Motive wären reichlich denkbar. Vielleicht wird in tausend Jahren, wenn wir uns längst erfolgreich ausgerottet haben, eine intelligente Spezies zu der Erkenntnis gelangen, dass das Ende des „Homo Sapiens“ zeitlich in etwa zusammenfiel mit dem Aufkommen dieser Roller, wer weiß. Wir werden es nie erfahren.

Freitag: Die Bonner Stadtbahnlinie 66 steht seit längerem wegen Unpünktlichkeit, Ausfällen und überfüllter Züge in der Kritik. Laut einem Zeitungsbericht zum Thema erwägt ein Unternehmensberater aus Montabaur deswegen gar, seinen Arbeitsplatz in Bonn zu kündigen. Liebe Stadtwerke, soweit darf es nicht kommen, jeder Verlust eines Unternehmensberaters ist ein Verlust zu viel!

Seit Jahren fahre ich fast täglich mit der 66, bislang konnte ich die angeprangerten Missstände nur eingeschränkt nachvollziehen: Meistens kam die Bahn, wenn auch oft ein paar Minuten später, egal, und fast immer fand ich einen Sitzplatz. Nicht so diese Woche: Von fünf Fahrten nachmittags nach Hause entfielen drei, eine fiel laut Anzeige aus, kam dann aber doch, und eine endete bereits am Hauptbahnhof. Sollte ich deswegen in das allgemeine Bahnbeschimpfen einstimmen? Nein. Gibt es doch eine wunderbare Alternative: Zu Fuß gehen. So wie heute. Aus der U-Bahn hätte ich nicht des Morgens Röte erblickt.

Oder das Werbeplakat des bekannten Süßbrauseherstellers. Früher war Fanta gelb und Cola dunkel. Laut der Werbung gibt es jetzt auch dunkle Fanta. Wieder ist die Welt etwas unübersichtlicher geworden.

Gelesen bei Herrn Firla über Uhren:

»Das Akustische wie auch das analog Optische der symbolträchtigen Zeiger sind fast verschwunden. Zur bloßen Zahlenfolge wegdigitalisiert. Und wie Fotoapparat und Telefon hat sich die Taschen- und Armbanduhr längst in eine Multifunktionsflachbox zurückgezogen, der wir als Monstranz menschlicher Allmacht vertrauensvoll folgen.«

Samstag: „Immobilenverkauf ohne Makler ist wie Bonn ohne Beethoven“, behauptet ein Plakat der Maklerinnung. So lange ich auch darauf herumdenke: Das ist und bleibt Unfug.

Das hier auch:

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Sonntag: Von morgens bis abends Regen, was mich nicht vom sonntäglichen Spaziergang abhielt. Ich mag es sehr, wenn mir beim Flanieren durch die Nordstadt nur wenige Menschen unter Schirmen begegnen. Nur die radelnden Speisesklaven mit den riesigen Tornistern, die in durchnässter oranger Arbeitskleidung den Appetit und die Bequemlichkeit derer bedienen, die bei Regen nicht vor die Tür gehen, tun mir etwas leid.

Woche 29: Wiedereingliederung für Urlaubsrückkehrer

Montag: „Ich habe heute Morgen total intensiv an dich gedacht“, rief am Morgen eine mir unbekannte Frau einer anderen auf dem Weg ins Werk zu. Woran ich heute früh total intensiv dachte, ich mir entfallen. Vielleicht an meine Abneigung gegen die unsägliche Begrüßung „Der Urlauber ist wieder da“, wenn man zurück ist. Kam dann auch. Ansonsten war der erste Tag erträglich. Nach Sichtung meiner etwa zweihundertfünfzig Mails hätte ich indes nichts dagegen gehabt, wieder zu gehen. Warum gewährt man Urlaubsrückkehrern nicht eine Wiedereingliederung, also zunächst einige Tage lang maximal zwei Stunden Anwesenheit, dann langsam steigern, bis man wieder urlaubsreif ist?

Urlaubsreif ist vielleicht auch ein Redakteur des Bonner General-Anzeigers, der  zum Thema französischer Nationalfeiertag dieses schrieb: „Vor zwei Jahren hatte ein Attentäter in Nizza Feiernde mit einem Lastwagen über den Haufen gefahren und 86 Menschen getötet“. Passenderweise äußert sich zwei Seiten weiter ein Bonner Linguist über angemessene und unangemessene Metaphern. Ich freue mich schon auf die Leserbriefe dazu.

Dienstag: Erkenntnis der Morgenstunde: Es gibt gute Gründe, den sommerlauen Montagabend nicht mit einer Flasche Rosé zu veredeln. Allerdings gibt es ebensogute Gründe, genau das zu tun.

Gewitter am Abend. „Schwacher Brummler“, „Mittlerer Roller“, „Starker Knaller“ – das sind nicht etwa Drogensorten, sondern so lautet die kachelmannsche Klassifizierung für Blitze. Diese ließe sich ohne besondere Phantasie auch auf Geräusche übertragen, welche dem menschlichen Körper gelegentlich entfahren, wobei dann noch der „Leise Stinker“ hinzuzufügen wäre.

Mittwoch: Manchmal sehe ich jemanden und denke: Es gibt aber auch hässliche Vögel. Im Übrigen bin ich der Meinung, es gibt keine Grund, außerhalb von Schwimmbädern oder fern eines Badestrandes öffentlich seine Füße zur Ansicht zu stellen.

Doch gibt es nicht nur ästhetisch benachteiligte Menschen, sondern auch – zurückhaltend formuliert – seltsame Namen. In dieses Regalfach würde ich Answer legen. Laut Zeitung haben Menschen, die so heißen, heute Namenstag. Dazu habe ich keine weiteren Fragen.

Donnerstag: Wie ich am Morgen während des Fußweges ins Werk sah, hat sich jemand die Mühe gemacht, fast alle Laternenpfähle am Rheinufer mit einem Aufkleber zu versehen:

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(Für Nicht-Bonner: eine ironische Anspielung auf das offizielle Stadt-Motto „Freude. Joy. Joie. Bonn.“ Er hätte auch wählen können: „Stadt. Land. Fluss. Bonn.“) Irgendwann werden städtische Mitarbeiter ähnliche Mühe aufwenden, diese Aufkleber wieder von den Pfählen abzuknibbeln. So geht die Arbeit niemals aus, hat ja auch sein Gutes.

An der Arbeitsstelle angekommen, las ich dann in der Mail eines Kollegen, der vermutlich nicht in einer Gehaltsklasse über mir liegt, dieses: „Da ich ab Dienstag im Urlaub bin, kannst du mich bei Rückfragen auch gerne per Handy erreichen.“ Das ist wohl dieses „Work-Life-Blending“.

Was geht nur vor in diesen Menschen?

Freitag: Die Digitalisierung ist „Chefsache“ und nicht aufzuhalten, werden sie zu verkünden nicht müde. Wer wollte dem widersprechen. Wie ich las, werden einem gewissen Douglas Adams, Science-Fiction-Autor von Beruf, folgende Axiome zugeschrieben:

„1. Alles, was es schon gibt, wenn du auf die Welt kommst, ist normal und üblich und gehört zum selbstverständlichen Funktionieren der Welt dazu.

2. Alles, was zwischen deinem 15. und 35. Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend und revolutionär.

3. Alles, was nach deinem 35. Lebensjahr erfunden wird, richtet sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge.“

Dazu erlaube ich mir zu ergänzen:

1. Es ist nicht zu beanstanden, abwegige Ideen zu haben.

2. Es ist erstaunlich bis bedenklich, wenn solche Ideen verwirklicht werden.

3. Es ist unfassbar, wie viele Menschen sich so ein Zeugs in die Wohnung holen.

Samstag: Laut Zeitungsbericht fürchtet der Wehrbeauftragte, „dass der Gesellschaft das Militärische fremd wird“. Das wäre ja nun wirklich nicht das Schlechteste.

Sonntag: Den Seinen gibts der Herr im Schlaf. Demnach ist es um meine göttliche Gunst nicht allzu schlecht bestellt, denn vergangene Nacht fiel mir im Traum ein äußerst origineller, tiefsinniger Aphorismus ein, dessen Qualität sich bonmottechnisch nicht hinter Äußerungen von Oscar Wilde, Mark Twain und Robert Lembke zu verstecken brauchte, der sie vielleicht gar hätte denken lassen: Brillant, warum ist mir das nicht eingefallen? Vor Begeisterung wachte ich auf und dachte: Wirklich gut, musst du gleich morgen früh notieren. Am Morgen hatte sich der Sinnspruch leider in Nichts aufgelöst, daher kann ich ihn Ihnen nicht zur Kenntnis bringen und muss mich bezüglich meiner Berühmtheit als Bonmoteur noch ein wenig in Geduld üben. Sollte er mir wieder einfallen, werden Sie die ersten sein, die ihn lesen, versprochen.

In der Bäckerei in der Inneren Nordstadt, wo ich am Morgen Brötchen für die Lieblingsmenschen und mich holte, zeigte die Leuchtschrift der Registrierkasse an: „Es bedient Sie S. Sen“. Passend dazu das Schild in der Eingangstür eines Friseursalons: „Inhaber Karl G. Schoren“, welches ich allerdings nirgendwo gesehen, sondern mir soeben ausgedacht habe.