Schmerzwach: Pimmel zeigen

Hier nun wieder ein Text aus dem Blog von Jannis. Ich weiß nicht, wie viel davon Dichtung und wie viel Wahrheit ist, auf jeden Fall äußerst witzig. Viel Vergnügen!

Pimmel zeigen

Meine Mutter glaubt, dass ich verrückt bin. Verrückt. Ich weiß gar nicht, wie sie darauf kommt! Doch! Ich weiß es! Sie findet nicht gerade normal, dass ich….

…mit sechs eine ihrer Freundinnen auf den Mund küsste, als diese gerade ihre Kaffeetasse auf den Tisch gesetzt hatte. Meine Erzeugerin war zunächst perplex, entschuldigte sich dann tausend Mal für mein Verhalten, die Geküsste lachte und nahm mich in ihre Arme, allerdings entriss mich meine Alte daraus und brachte mich in mein Zimmer, während ich meiner Angebeteten einen Heiratsantrag zuschrie. Seitdem durfte ich an keinem der Kaffeekränzchen meiner Mutter teilnehmen.
…mit sieben jedem erzählte, dass ich nur noch ein halbes Jahr zu leben hätte, weil ich an einer unheilbaren Krankheit litte. Und mit jedem meine ich wirklich jeden. Wenn wir durch die Stadt bummelten, redete ich wildfremde Leute an, denen ich mein angebliches Todesschicksal aufzwang; meine Mutter schämte sich so sehr für mich, dass sie diese Ausflüge mit mir strich.
…mit neun behauptete, von Außerirdischen entführt worden zu sein, die mir ihr geheimes Wissen anvertraut hätten, damit ich die Welt retten könnte; ich gab ständig solche Weisheiten von mir wie: „Spucke drei Mal auf den Boden, bevor du durch ein Maisfeld gehst“ oder „Wer blaue Strümpfe trägt, sollte sich nicht darüber wundern, dass er beim Duschen nicht vollständig sauber wird“.
…mit elf nackt in unserem Reihenhausgarten lag, um mich zu sonnen. Die Nachbarn auf beiden Seiten schauten mich schräg an, schließlich war ich kein Kleinkind mehr, schon alt genug, um Scham zu besitzen. Als meine Mutter das sah, kam sie mit einer Badehose in den Händen aus dem Haus gerannt, die ich allerdings trotz ihrer Proteste und der von dem alten Knacker, der auf der rechten Seite neben uns wohnte, nicht anzog, stattdessen schlenderte ich frivol an unseren Zaun, der sehr niedrig war, stellte mich demonstrativ so davor, dass mein Pimmel über dem Zaun baumelte, steif wurde und ich onanierte auf das Grundstück des alten Sacks, der kurz vor dem Herzinfarkt stand, hechelte, schnaubte, meine Alte schmierte mir eine, zog mich ins Haus hinein; auch Sonnenbaden im Garten wurde mir verboten.
…mit zwölf in unseren Dorfpfarrer verliebt war, mit Freuden nicht nur jeden Sonntag in die Kirche ging, sondern in der ersten Reihe saß, diesen jungen Geistlichen anschmachtete, mich nach einer Predigt meldete und fragte, wie man Pfarrer werden könne. Erfreut sagte er mir es und bot mir an, mir nach dem Gottesdienst etwas über das Studium zu erzählen. Als wir in seinem Zimmer saßen, eröffnete ich ihm meine Liebe zu ihm, fragte ihn, ob ich ihn in vier oder fünf Jahren heiraten könne, das sei mein größter Wunsch. Erschrocken fragte er mich, ob ich ihn zum Narren halten wolle und ich sagte: „Nein, ich meine das wirklich so.“ Und danach meinte ich lässig: „Du kannst mir deinen Pimmel in meinen Popo stecken und ich mache das dann bei dir auch.“ Völlig errötet zerrte er mich sofort aus dem Zimmer, brachte mich nach Hause und erzählte meinen Eltern alles; ich durfte nie wieder in die Kirche mit.
…mit vierzehn mich angeblich umbringen wollte, was allerdings gar nicht der Wahrheit entspricht, da ich lediglich auf unserem Balkon im ersten Stock stand, weil ich darauf balancieren wollte. Ich meine, wenn ich mich selbst um die Ecke hätte bringen wollen, dann wäre ich doch von einem Hochhaus hinuntergestürzt.
…mit sechzehn meine Haare abrasiert habe, nur noch braune Gewänder anzog und den ganzen Tag vor mich hin meditierte; ich wollte ein perfekter Buddhist werden und das Nirwana so bald als möglich finden.
…mit achtzehn Jahren von einer Studienfahrt in London heimgeschickt wurde, weil ich meine Englisch-Lehrerin angeblich auf mieseste Weise sexuell belästigt hätte. Da war ich gerade dabei, Tim einen zu blasen, wir beide dementsprechend nackt und erregt, es klopft jemand an die Tür, ich sage: „Sind gerade voll beschäftigt.“ Die Antwort lautet: „Beeilt euch mal, wir müssen los, das Musical fängt gleich an, auf, eins, zwei, drei, macht mal.“ Ich sage: „Wenn Sie reinkommen, geht’s schneller.“ Während sie die Tür öffnet, ins Zimmer tritt, holt mir Tim einen runter und ich sage: „Wenn Sie mitmachen ist es noch geiler und erregender und ich komme schneller.“ Sie rannte schnurstracks aus dem Zimmer, verbannte mich am gleichen Abend zurück nach Deutschland.
…mit zwanzig vom Zivildienst suspendiert wurde, weil ich mir aus Versehen eine E in mein Maul stopfte, anstatt einer Kopfschmerztablette und dann hohldrehte, ich schob einen Behinderten im Rollstuhl, es ging ein wenig bergab und ich begann schneller zu werden, immer schneller, plötzlich rannte ich wie ein Irrer, konnte nicht mehr stoppen, was ja nicht so schlimm gewesen wäre, wenn mir die Rollstuhlgriffe nicht aus den Händen geglitten wären und der gute Behinderte schmerzhafterweise einen Crash mit einer Laterne gehabt hätte.
…mit zweiundzwanzig aus einem Seminar geflogen bin, weil ich – zugekifft wie ich war – von Peace, Love and Happiness träumend meine Professorin angelächelt und ihr gesagt hatte, dass sie Humanbiologie auch interessanter gestalten könnte, wir zwei könnten uns ja ausziehen und Sexualkunde plastisch darstellen, ich sei sowieso schon längst spitz auf sie.
…mit dreiundzwanzig als Stripper durch das Land zog, um mir mein Studium zu verdienen, allerdings nicht lange, denn ich ging meinen Chefs zu weit, was das Ausziehen und Erotisieren des Publikums betraf, ich zog zum Beispiel einmal einen Schwulen ganz aus, tanzte um ihn herum, er bekam einen Steifen, genauso wie ich, was sich durch meinen Slip abzeichnete, er zog ihn mir erregt herunter und begann meinen Pimmel zu lutschen, was die Veranstalter noch gestatteten, mich aber nie wieder irgendwo auftreten ließen. Doch ein Pornofilm-Produzent entdeckte mich bei dieser Gelegenheit und ich drehte einige Streifen, bis mich das annervte.

Tja, meine Mutter fände da sicherlich noch sehr viel mehr Gründe, die gegen meine Zurechnungsfähigkeit sprechen, aber wen interessiert das?

Quelle: http://schmerzwach.blogspot.com/2010/03/pimmel-zeigen.html

Abschalten

Es gab mal Zeiten, da verließ ich das Büro und hatte Feierabend. Daran hat sich – theoretisch – bis heute nicht viel geändert, noch immer bleiben das Laptop und das geschäftliche Handy grundsätzlich in der Firma, wenn ich gehe, im Gegensatz zu vielen anderen Kolleginnen und Kollegen, die das Gebäude abends völlig selbstverständlich mit Laptoptasche verlassen und die auf dem Weg zur Bahn noch einige geschäftliche Dinge regeln oder schon morgens in der Bahn den aufgeklappten Rechner auf dem Schoß haben und geschäftig in die Tasten hauen und damit in mir eine diffuse Mischung aus (wenig) Bewunderung, Bedauern und schlechtem Gewissen erzeugen.

Das meine ich nicht. Ich meine das, was ich abends im Kopf mit nach Hause nehme: die Gedanken an unerledigte Aufgaben, Termine, ungelöste Probleme, kritische Worte des Chefs manchmal, ein Gefühl der Unzulänglichkeit, die Frage, wie ich das alles schaffen soll, und die Frage, ob ich mit meinem Job wirklich am richtigen Platz bin; ja, die stelle ich mir in den letzten Tagen immer öfter. Morgens wache ich auf, Stunden vor dem Wecker, und sofort springt der Gedankenapparat an, der mich am Weiterschlafen hindert. Dabei mag ich meinen Job: die Aufgaben sind interessant, die Kollegen sehr nett, die Arbeitsbedingungen passen, und auch der Chef ist einer, mit dem man klar kommen kann; auch die Bezahlung ist keineswegs schlecht.

Vielleicht brauche ich Urlaub. Früher war Urlaub so: Ich arbeite meine Sachen so weit auf, erkläre meinem Vertreter, was während des Urlaubs aufschlagen könnte, dann bin ich für zwei oder drei Wochen weg, schalte ab, erhole mich, und nach dem Urlaub lege ich frisch gestärkt und voller Tatendrang wieder los; ich kann mich dunkel daran erinnern, mich gegen Ende des Urlaubs sogar wieder auf die Arbeit gefreut zu haben. – Heute ist das anders: Die Woche vor dem Urlaub ist reiner Stress, weil ich so viele unerledigte Dinge noch auf die Reihe bringen muss, Stress, den ich ohne den Urlaub nicht hätte. Manches schaffe ich, anderes jedoch nicht, und dieses Andere nehme ich mit, im Kopf. So verlasse ich am letzten Arbeitstag das Büro, spät und als letzter, mit dem Gefühl, etwas wesentliches nicht bedacht zu haben, etwas, das während meiner Abwesenheit eine kleine Katastrophe auslöst. Und dieser Gedanke ist nun mein Begleiter für die nächsten zwei oder drei Wochen, nicht ständig, aber doch immer wieder zwischendurch.

Erholung? Ja, doch, trotz allem stellen sich die Erholung und der nötige Abstand zur Arbeit irgendwann ein. Das hält ziemlich genau einen Tag, manchmal auch zwei oder gar drei nach dem Urlaub; auch wenn die vorgenannte Katastrophe nicht eingetreten ist, schmilzt die Erholung unter dem Druck mehrerer hundert unbeantworteter E-Mails dahin wie ein Stück Bratfett in der heißen Pfanne.

Müdigkeit ist mein ständiger Begleiter spätestens ab 14 Uhr eines jeden Arbeitstages, hinzu kommen zunehmende Antriebslosigkeit und Unzufriedenheit; abends in der Woche bin ich meistens nur noch platt und unwillens, irgendetwas produktives zu machen. Nur am Wochenende lebe ich auf, der Samstag ist mein Tag, Sonntagnachmittag geht es dann meistens schon wieder los, die ersten Gedanken kreisen um Montag, die neue Woche.

Jammern auf hohem Niveau – vielleicht. Aber es muss doch möglich sein, Abstand zu finden von dem ganzen, nicht nur am Samstag oder nach einer Woche Urlaub. Nur wie?

Schmerzwach: Sonntagabend-Gefühle (am Montag)

Liebe Leser (so es euch denn gibt),

mit großer Freude kündige ich euch die Zusammenarbeit mit Jannis an, der den schönen Blog Schmerzwach
http://schmerzwach.blogspot.com/
betreibt und der dabei, ich gebe es zu, viiiiiel fleißiger ist als ich. Ich darf hier also regelmäßig Texte aus seinem Blog einstellen, die mir besonders gut gefallen, und genau so wird er es mit dem einen oder anderen Textchen aus meiner Feder in seinem Blog tun. Den Anfang mache ich mit seinem Text Sonntagabend-Gefühle, den er bereits 2009 geschrieben hat und der mir so richtig aus der Seele spricht. Viel Vergnügen!

Sonntagabend-Gefühle
Vielleicht haben es manche Kinder schon im Kindergartenalter…
Vielleicht wurde deswegen der Tatort Sonntag abends erfunden, damit man sich ablenken, durch die Spannung abschalten kann…
Vielleicht wurde „Das Traumschiff“ deswegen erfunden, um in andere Gefilde zu flüchten, nicht an den anderen Tag zu denken…
Dieses Sonntagabend-Gefühl, dieses „Scheiße-ich-muss-morgen-zur-Arbeit“-Gefühl, oder in die Schule, zur Uni, was auch immer. Dieses unangenehme Alltagstun…
Dieses maue Gefühl, diese innere Erregung, diese Qual…
Dieses Denken: Scheiße, Mann, ich will das nicht. Nicht schon wieder! Warum muss das denn schon wieder sein? Kann das nicht mal aufhören?! Ich will einfach meine Ruhe haben. Nicht aufstehen müssen, nicht studieren müssen, nicht arbeiten müssen; keine Verantwortung tragen, keine unangenehmen Aufgaben erledigen, nicht erwachsen sein…
Manchmal macht dieses Sonntagabend-Gefühl eine Pause- im Urlaub, in den Ferien. Aber dann fängt es wieder von vorne an. Schlimmer als je zuvor.
Manchmal ist es auch besonders schlimm: Wenn der Stress größer wird, vor Prüfungen, Jahresabschlüssen oder Präsentationen.
Manchmal ist es gar unerträglich, doch wohl nicht zu ändern.

Zwischenbilanz, Folge 2 – A wie Allgäu

Allgäu

Nachdem das sommerliche Urlaubsziel meiner Familie jahrelang Büsum an der Nordsee gewesen war (dazu komme ich später noch, wenn B dran ist), erfolgte Mitte der 1970er Jahre die große Abwechslung in Form eines neuen Urlaubszieles: Martinszell im Allgäu. Dabei ist der Begriff Abwechslung durchaus wörtlich zu nehmen, denn fortan hieß unser Urlaubsort im festen jährlichen Wechsel Büsum, Martinszell, Büsum, Martinszell, und so weiter. Dort, also in Martinszell, Ortsteil Oberdorf, war es durchaus nicht schlecht. Wir wohnten stets auf einem Bauernhof am Ortsrand, wobei wir sehr schnell Anschluss an die den Hof mit Fremdenzimmer betreibende Familie fanden, wirklich überaus nette Leute: Der Altbauer mit seiner Frau, der Bauer und seine Frau (welche die Tochter des Altbauern und seiner Frau war), sowie die kleine Tochter des Bauernpaares, welcher im Laufe der Jahre noch zwei Schwestern und zwei Brüder folgten; die Fruchtbarkeit dieses Hauses fand ihren Niederschlag offenbar nicht nur darin, dass der Dorfbulle zur Belegschaft des Stalles gehörte, siehe auch unten Bild 2.

Hinzu kam der Bruder des Altbauern, der meinem Bruder und mir von Anfang an sehr unheimlich war. Auf dem Hof nahm er die Funktion eines Knechtes wahr (darf man das schreiben, oder gibt es dafür eine offizielle Berufsbezeichnung, zum Beispiel Hilfskraft in der Landwirtschaft?) und er war, um es gelinde auszudrücken, geistig etwas zurück geblieben, möglicherweise als Folge des innerhalb einer derart kleinen Besiedlung eher bescheidenen Genpools, was dazu führte, dass er schon mal mit der Mistgabel hinter den Kindern des Dorfes her rannte, was aber meines Wissens niemals zu ernsthaften Verletzungen führte.

Bei unserer ersten Ankunft betraten wir das Haus mit einer gewissen Skepsis: Von jenseits der Türschwelle kam uns jener Duft entgegen, der im Grunde genommen für das ganze Allgäu charakteristisch ist und der in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Hauptgegenstand der Allgäuer Landwirtschaft, nämlich der Rinderhaltung, steht, wodurch ich mich in kindlicher Unbekümmertheit und ungehindert von jeglicher falscher Hemmung zu der auch für unsere Bäuerin unüberhörbaren Feststellung „“Puh, hier stinkt es aber““ hinreißen ließ, was meine Mutter veranlasste, der Bäuerin einen peinlich-entschuldigenden Blick zuzuwerfen, wenngleich ich genau das gesagt hatte, was alle, meine Mutter, mein Vater und mein Bruder, dachten. Zur Ehrenrettung 1. des Allgäus im Allgemeinen und 2. unserer Unterkunft im Besonderen muss ich dazu sagen, dass dieser Geruch zum Allgäu gehört wie der Fischgeruch zum Büsumer Hafen, und dass er, vermischt mit dem Duft frisch gemachten Heues, in keiner Weise unangenehm ist. Zudem waren unsere Zimmer und überhaupt das Dachgeschoss, in welchem wir untergebracht waren, weitgehend frei davon.

Mein Bruder, von jeher etwas praktischer veranlagt als ich, war dort sofort in seinem Element. Wie er es vom Rischenkrug (kommt viel später) nicht anders gewohnt war, stürzte er sich umgehend in die landwirtschaftliche Arbeit, die ihm stets große Freude bereitete, und so war er nach kurzer Zeit voll in den familiären Betrieb integriert. Ich dagegen verbrachte, meinem zarten Alter angemessen, viel Zeit mit den Kindern der anderen Touristen, die auf unserem Hof untergekommen waren, wobei wir stets aufpassten, dass wir dem unheimlichen Altbauernbruder nicht zu nahe kamen.

Etwas Schwierigkeiten bereitete mir die Sprache der Eingeborenen. Zum einen belustigte es mich, dass sie an ungefähr jedes vierte Wort die schwäbische Nachsilbe –-le anfügten, zum anderen irritierte es mich, dass „st“ immer und ausnahmslos wie „scht“ ausgesprochen wurde. Als mich die Altbäuerin fragte „“Wie heischt du““ verstand ich nicht, was sie von mir wollte. „“Na wie du heischt““, wiederholte sie, woraufhin ich hilflos meine Mutter ansah, die übersetzte, und ich schließlich meinen Namen sagte. „“Ach Carschten!“,“ sagte sie darauf erfreut. Von da an hatte ich das Prinzip verstanden. Man muss den Eingeborenen zu Gute halten, dass sie sich sehr bemühten, mit uns hochdeutsch zu sprechen, was eine Kommunikation auch ohne größere Schwierigkeiten ermöglichte. Wenn sie jedoch untereinander sprachen, entsprach der Informationsinhalt, der bei mir ankam, ungefähr dem, wie wenn sich drei Chinesen miteinander unterhalten hätten, mit oder ohne Kontrabass.

Unser Bauer und seine Frau waren Mitglieder in der örtlichen Trachtengruppe. So kam es, dass wir dem nächsten „Heimatabend“ (das hieß wirklich so und hatte keinerlei bräunlich-bitteren Beigeschmack) beiwohnen durften, wo die landestypische Folklore, vornehmlich das Schuhplatteln, aufgeführt wurde. Hiervon war ich dermaßen beeindruckt, dass ich mich fortan auch der Region gemäß kleiden wollte. Eine kurze Lederhose (die mit dem herunterklappbaren Hosenstall und dem Plastik-Edelweiß auf der Querstrebe zwischen den beiden Hosenträgern) hatte ich schon; die hatte damals jeder Junge in meinem Alter zwischen Lindholm* und Lindau. Ein weißes Hemd war auch im Gepäck, fehlte nur noch ein grünes Hütchen, welches (aus Stroh, nicht aus Filz) mir meine Eltern in einem örtlichen Andenkenladen (dort, wo es auch in rauhen Mengen und allen denkbaren Formen Enzianschnaps, Wanderstöcke und Wetterhäuschen gab) kauften. Von da an lief ich herum wie der Seppel aus Räuber Hotzenplotz.

Mein Bruder und ich waren stets in einem Dachzimmer untergebracht, von dessen Fenster man einen wunderbaren Blick auf die nahen Berge hatte, und, was mich schon damals sehr freute, auf die Bahnstrecke Kempten – Immenstadt. Meine Begeisterung für die Eisenbahn (dazu komme ich später auch noch) war damals schon sehr ausgeprägt. Diese Begeisterung trieb mich jedes Mal, wenn aus der Ferne das tiefe Brummen einer Diesellok zu vernehmen war, an das Dachfenster, um der Zugbeobachtung zu frönen. Das musste einfach sein, selbst wenn es schon dunkel war und ich von dem Zug nur noch das Lampendreieck der Lok und das beleuchtete Fensterband der Waggons erkennen konnte.

Der letzte gemeinsame Allgäu-Urlaub (schon ohne meinen großen Bruder) war 1984, danach fühlte auch ich mich dem Alter gemeinsamer Familienurlaube entwachsen. Ich habe mich dort immer sehr wohl gefühlt, obwohl dort wirklich nix los war (außer dem Heimatabend, siehe oben). Doch wenn ich heute sagen sollte, was dort so schön war – ich wüsste es nicht. Zumindest halte ich es für ziemlich unwahrscheinlich, dass mein Urlaubsziel irgendwann noch mal Martinszell im Allgäu heißen wird. Aber wer wei߅

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Bild 1 – Schon damals hatte ich Schlag bei den Frauen.

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Bild 2 – Ab und zu gab es richtig was zu sehen.

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* Lindholm, ca. 3.600 Einwohner, liegt in Schleswig-Holstein in der Nähe von Niebüll. Ich hätte natürlich auch schreiben können „zwischen Flensburg und Freilassing“.

Zwischenbilanz, Folge 1 – A wie Achtziger Jahre

Achtziger Jahre

Die achtziger Jahre waren im Grunde genommen meine Zeit, die Zeit meiner Jugend, der ersten Gefühlsverwirrungen, der ersten großen (unverstandenen) Liebe, des Abiturs, der merkwürdigen Frisuren und Bekleidung, der Entdeckung des Alkohols, des Einstiegs in das Berufsleben, der Selbstfindung… und der besten Musik aller Zeiten, und darüber wünsche ich keine Diskussion!

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(Foto: H.-U. Schwanke)