Woche 41/2024: Kiloweise Trüffel, nicht geleerte Teller und Abschied

(Der letzte Blogeintrag vergangener Woche war der eintausendste, wie ich erst jetzt bemerkt habe. Somit ist dies der tausenderste.)

Montag: Die Woche begann bewölkt mit ein wenig Regen, dafür ungewöhnlich warm. Also nicht T-Shirt-kurze-Hosen-warm, jedenfalls nicht für mich, immerhin ließ es sich mit Pullover im Liegestuhl ganz gut aushalten. Wobei ich dazu kaum kam, nachmittags unternahmen wir eine Ausfahrt in die Umgebung: In Saint-Maurice-sur-Eygues erstanden wir in der Bisquiterie eine größere Menge regionaltypischen Gebäcks. In Vinsobres besuchten wir das befreundete Weingut, wo man gerade gut mit der Lese beschäftigt ist. Wie überall ist die Erntemenge in diesem Jahr wegen des Wetters gering, dafür wird eine hohe Qualität erwartet. Auf einen größeren (W)Einkauf verzichteten wir, irgendwann muss das ganze Zeug in unserem Keller ja mal getrunken werden. In Nyons besorgten wir im Brauerei-Werksverkauf lokales Bier und Limonade, außerdem in der Coopérative zwei Eimer Oliven für das befreundete Restaurant in Bonn.

Für das Abendessen (wegen ungünstiger Wetterprognose zu Hause) kauften wir bei Puyméras weißen Trüffel, dessen Preis, wie bei Trüffeln üblich, mit einem vierstelligen Betrag je Kilogramm ausgewiesen war. Wer kauft kiloweise Trüffel? Warum keine Preisangabe je Tonne? Für alles weitere, wie Nudeln und Knoblauch, suchten wir den Super-U in Vaison-la-Romaine auf. Gelernt, als ich einfach einen Beutel Bandnudeln aus dem Regal nehmen wollte: Man muss sich an das Produkt herantasten.

Bewölkung, morgens
Krokusse im Oktober? Nein, Herbst-Goldbecher, sagt die künstliche Intelligenz. Und eine Schnecke.
Besuch zum Aperitif am Abend (Foto: Stefan K.)
0,000018 Tonnen Weißer Trüffel; nach meinem Geschmack überbewertet, was am erkältungsbedingt immer noch eingeschränkten Geschmacksempfinden liegen mag

Dienstag: Der Regen, der seit der Nacht bis zum Mittag teils heftig fiel, verwandelte den Hof vor dem Haus in einen kleinen See. Immerhin, die von Wetter Online für heute Vormittag in tiefstem Violett angekündigte Gewitterzelle, in deren Zentrum Malaucène liegen sollte, blieb aus. Daher begab ich mich nach dem Frühstück zunächst lesend in den Liegestuhl auf der Terrasse, um mich herum zahlreiche kleine Schnecken, denen es wohl draußen zu naß war. Dabei stelle ich es mir recht heimelig vor, sich bei Regen einfach ins Spiralhäuschen zurückzuziehen und abzuwarten, bis es vorbei ist. Nach dem ersten Knacks unter der Schuhsohle bemühte ich mich, keine weiteren zu zertreten.

Land unter am Morgen
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Nachmittags schien wieder die Sonne, wir unternahmen eine kleine Wanderung durch die nähere nördliche Umgebung, die im Ort mit zwei Bierchen endete.

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Massenhaft Kakteen, als wäre es das natürlichste von der Welt, dass hier massenhaft Kakteen wachsen
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Herzliche Grüße an den Kiezschreiber, auch wenn die Schreibweise etwas abweicht.

Abends versuchten wir es mal wieder mit einem Dreigängemenü im Restaurant. Es ging einiges zurück, was will man machen. Satt ist satt.

Mittwoch: Trotz am Vorabend nicht geleerter Teller erfreuten heute blauer Himmel und warme Luft Auge und Seele, nur der Wind blies unangemessen heftig. Selbst einer Frostbeule wie mir war es problemlos möglich, große Teile des Tages ohne Jacke und Pullover zu verbringen. Nach dem Frühstück (wegen des Windes weiterhin drinnen) besuchten wir den Wochenmarkt von Malaucène, um Gegrilltes und diverse Sättigungsbeilagen für das Abendessen einzukaufen. Der Markt war wesentlich kleiner als im Sommer, die Durchgangsstraße nicht gesperrt. Als wir um kurz nach zwölf ankamen, wurden einige Stände schon abgebaut, obwohl offiziell bis dreizehn Uhr geöffnet.

Bereits gestern Abend hatten wir für mich ein (elektrisch unterstütztes) Leihfahrrad geholt. Der Liebste hat seins schon seit Samstag für seine Alleinzeit jeden Morgen mit Kaffee in der Bar und Baguettekauf, derweil ich zu Hause das Frühstück vorbereite. Nach Rückkehr vom Markt machten wir damit heute eine Tour, wie wir sie ähnlich schon im Sommer letzten Jahres gemacht hatten: über den Berg (nicht den Mont Ventoux, im Leben fiele mir, im Gegensatz zu vielen anderen, nicht ein, den mit einem Fahrrad zu bereisen, auch nicht elektrisch unterstützt) bis Mollans-sur-Ouvèze, zurück über Entrechaux, teilweise auf der ehemaligen Schmalspurbahn-Trasse. Immer wieder von heftigen Windböen umtost, die uns mehrfach vom Sattel zu pusten versuchten.

Nach Rückkehr zogen wir uns bald ins Haus zurück, als die Sonne hinter Wolken verschwand und der Wind kühl unter das Terrassendach blies. Später kam Regen dazu und wir waren froh, zum Abendessen nicht mehr raus zu müssen.

Bei Malaucène, mit herzlichen Grüßen an das Fachblog für Bewölkung
Blick über den Berg auf den nächsten und Wolken
Mollans

Eine schlechte Nachricht erreichte uns aus Bonn, einen sehr lieben Menschen betreffend, dem wir es unter anderem zumindest indirekt verdanken, dass wir so oft und gerne hier in Malaucène sind.

Donnerstag: Vorletzter Urlaubstag, wie immer vergeht so eine Woche viel zu schnell. Während der Liebste ein paar letzte Einkäufe in Vaison erledigte, machte ich einen Spaziergang, der ungeplant zu einer Wanderung wurde, weil ein von Google Maps behaupteter Weg nicht existiert. Zum Glück hatte ich vorsorglich Wanderschuhe angezogen. So zog sich der Weg stetig ansteigend mit schönen Aussichten in die fernere Umgebung, bis der Bergkamm erreicht war und es auf der andere Seite über steinige Pfade wieder herunter ging bis Beaumont-du-Ventoux. Von da an flanierte es sich recht entspannt weiter durch Obstplantagen und Weinfelder, wie ursprünglich beabsichtigt. Zu meiner Freude begegnete mir niemand. Man möge mir verzeihen, dass mich das freut, doch manchmal, wirklich nur manchmal, betrachte ich die Abwesenheit von (anderen) Menschen als Geschenk. Was mir auch nicht begegnete, daran dachte ich erst in des Waldes Einsamkeit, waren Wildschweine, deren es hier dem Vernehmen nach reichlich gibt; in den letzten Tagen waren immer wieder Gewehrschüsse aus den umliegenden Wäldern zu hören, die Jagd ist eröffnet. Auch hielt mich glücklicherweise kein Chasseur im Pastisnebel für ein solches.

Nach ziemlich genau zwei Stunden kam ich wieder am Haus an, wo ich mich mit einem kleinen Imbiss belohnte. Kurz darauf traf auch der Liebste wieder ein und wir genossen noch etwas Liegestuhlzeit auf der Terrasse bei Sonnenschein und nur noch leichtem Wind.

Aufstieg
Aussicht
Abstieg
Reptil mitten auf dem Weg
Für Frau Lotelta
Blick auf Vaison-la-Romaine
Moos
Obst
Imbiss nach Rückkehr

Obwohl noch letzte Ausläufer der Erkältung spürbar sind, scheint der Appetit wieder hergestellt. Abends im Restaurant gelang es, das Dreigängemenü rückstandsfrei und mit Genuss zu verzehren.

Freitag: Letzter Urlaubstag. Die Sonne schien vom wolkenlosen Himmel, die Luft war zunächst kühl, im Laufe des Tages wärmte sie sich auf, ich war genötigt, den Pullover gegen ein Polohemd zu tauschen. Nachmittags begannen wir, die ersten Sachen ins Auto zu packen, ansonsten verbrachten wir die meiste Zeit auf der Terrasse, wo diese Zeilen sowie der Entwurf eines neuen Blog-Aufsatzes entstanden. Außerdem las ich den Stanišić fertig. Es bleibt dabei, das Buch kommt demnächst in den öffentlichen Bücherschrank, wenn es niemand haben möchte.

Was ich mir für den Urlaub vorgenommen hatte, jedoch nicht getan habe: an meinem Romandings weiter zu schreiben. Im Moment hänge ich etwas in der Geschichte, auch fehlen Antrieb und Inspiration. Das ist nicht schlimm, es hat keine Eile. Zudem ist, wie der SPIEGEL gestern meldete, der Literatur-Nobelpreis für dieses Jahr ohnehin bereits vergeben. (Die Meldung erreichte mich während des Aufstiegs auf den Berg. Deswegen stört ihr mich?, dachte ich. Meldet euch erst wieder, wenn der Preis an mich geht. Was man so denkt in Momenten größerer Anstrengung.)

Die Müllentsorgung verband ich mit einem Spaziergang durch die environs. Man hat hier übrigens keine verschiedenfarbigen Hausmülltonnen, die regelmäßig durch die Müllabfuhr geleert werden. Stattdessen stehen an vielen Stellen öffentliche Müllcontainer, in die man die Abfälle einwirft, immerhin seit einigen Jahren auch hier getrennt nach Verpackung, Papier, Glas und Restmüll.

Gegend und unser Haus (Pfeil)

Die übliche Urlaubsende-Melancholie und das Bedauern über die morgige Abreise hielten sich in Grenzen. Nicht, dass ich mich wieder auf die Werktätigkeit ab Montag gefreut hätte, doch löste der Gedanke daran auch kein Unbehagen aus. Vielleicht liegt das etwas an meinem neuen Arbeitszeitmodell, der nächste freie Donnerstag steht schon im Kalender.

Zum Abendessen gingen wir runter in die Pizzeria, die erst seit gestern wieder geöffnet hat. Dort war es sehr laut durch eine sechsköpfige Herrenrunde am Nachbartisch, später kam noch eine vierköpfige, nicht viel leisere am Nebentisch hinzu. Hatten wohl alle Ausgang. Der Genuss von Pizza und Rosé wurde dadurch nicht wesentlich gemindert.

Malaucène-Zentrum, nach der Pizza

Samstag: Abreisetag. Morgens um sieben schlug der Wecker an, eine halbe Stunde später standen wir auf; noch hatten wir Urlaub, da kann der Wecker allenfalls unverbindliche Vorschläge machen. Eine gute Stunde später war alles Restliche zusammengeräumt, der Kühlschrank geleert, ohne Frühstück verließen wir das Haus. Bevor es in Richtung Autobahn ging, fuhren wir zu einem Obstbauern ein Tal weiter, um eine Kiste frisch geernteter Muscat-Trauben für das befreundete Restaurant in Bonn abzuholen.

Bei Abfahrt stellte Frau Navi eine Ankunft nach bereits neuneinhalb Stunden in Aussicht. Gedanklich schlug ich aus Erfahrung eine halbe bis ganze Stunde drauf für Pausen und Staus. Lyon durchfuhren wir dann ohne die übliche Umleitung auf eine Ausweichstrecke und ohne auch nur einmal staubedingt anhalten zu müssen, das ist sehr selten. So kamen wir wirklich fast zur angezeigten Zeit zu Hause an, vom Geliebten wiedersehensfreudig und mit Cremant begrüßt.

Sonntag: Der Tod ist unabwendbarer Teil des Lebens* – das sagt sich so leicht. Wenn er dann in der näheren Umgebung zuschlägt und einen lieben Menschen holt, trifft es einen doch. Was sich am Mittwoch ankündigte, wurde heute Morgen zur Gewissheit. Lieber K, wir werden dich sehr vermissen.

*Auch wenn irgendwelche Spinner glauben, die natürliche Alterung des Körpers ließe sich aufhalten und umkehren, somit wäre ewiges Leben möglich. Welch furchtbare Vorstellung.

Für uns geht das Leben vorerst weiter. Heute mit einem herbstlichen Spaziergang durch die Südstadt und an den Rhein. Hier ist deutlich mehr Herbst als in Südfrankreich. Die Außengastronomien sind noch nicht überall eingeräumt, dort, wo noch Tische und Stühle vor den Lokalen stehen, sitzt niemand mehr. Der Rhein fließt bräunlich dahin, er scheint anzusteigen.

Südstadt
Rheinufer

„Das Mittel gegen den rauen Ton“ wird eine Halspastille an einer Litfaßsäule beworben. Davon sollten einige Politiker, und nicht nur die, ganz viel nehmen.

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Kommen Sie gut durch die Woche. Wenn auch Sie Urlaub hatten, einen guten Start in den Alltag. Sonst auch.

Woche 40/2024: Auf Kosten des Hauses

Montag: „Österreich ist nach rechts gerückt“, hieß es morgens im Radio. Vermutlich rätseln die Geologen noch, wie es dazu kommen konnte. Nicht auszuschließen ist, dass Bayern und die Schweiz nachrücken werden. (Zugegeben, das war jetzt eher flachwurzelnd.)

Ansonsten verlief der erste von drei letzten Arbeitstagen vor dem Urlaub insgesamt zufriedenstellend. Ein Kollege aus der Nachbarabteilung hatte seinen letzten Arbeitstag, ab morgen ist er Pensionär. Wie stets zu solchen Anlässen, die sich in letzter Zeit häufen, beneide ich ihn ein klein wenig. Also im positiven Sinne, fernab jeder Missgunst.

Mittags nahm ich erstmals an einem Fire Side Chat mit dem Oberchef teil, von einem Townhall Meeting kaum zu unterscheiden. Letztlich eine Informationsveranstaltung vor internem Publikum in einem Konferenzsaal, mit Interview durch eine Dame der Kommunikationsabteilung und einer Q&A Session. Hauptsache es klingt modern und bedeutend. Was solls – ich werde gut dafür bezahlt, es mir anzuhören.

Etwas in Sorge bin ich wegen eines Kratzens im Rachen, das vormittags ganz dezent anfing und sich im Laufe des Tages steigerte. Zur Sicherheit verzichtete ich zum Abendessen auf den Rosé, stattdessen Rotwein.

Dienstag: Ein gewöhnlicher Dienstag mit Fußweg ins Werk und zurück, morgens mit etwas Regen zwischendurch, das war nicht schlimm. In einer Gruppe von Schulkindern sah ich ein Mädchen, das statt Ranzen oder Rucksack einen rosa Rollkoffer hinter sich herzog (erst beim Notieren bemerke ich die R-Lastigkeit des Satzes). Nun also auch die Schüler, und warum auch nicht.

Weg ins Werk vor Regenschleier

In einer Besprechung zuckte der Sprachnerv etwas, als eine Kollegin etwas als „specialig“ (sprich: sspeschelig) bezeichnete.

Das Halskratzen konnte mit Lutschbonbons kleingehalten werden, die sich allerdings negativ auf das Geschmacksempfinden auswirken. Der Genuss von Currywurst und roter Götterspeise mittags wurde dadurch nicht beeinträchtigt, wohl aber das Glücksgefühl beim Verzehr eines Nougat-Marzipan-Baumstammes am Nachmittag. Deshalb suchte ich auf dem Rückweg statt einer Gastronomie eine Apotheke auf.

Darüber könnte Max Giesinger mal singen. Titelvorschlag: Und wenn sie surft

Mittwoch: Der letzte Arbeitstag vor dem Urlaub endete zeitig und ohne die gelegentlich auftretende Vorurlaubshektik, wenn kurz vor Schluss noch Sachen reinkommen, die dringend zu erledigen sind. Nun ist es für derartige Anliegen zu spät: Der Rechner ruht in der Schreibtischschublade im Büro, das dienstliche Datengerät ist ausgeschaltet.

Die Vorfreude ist bereits da, nun muss nur noch Urlaubsstimmung aufkommen. Das Rachenkratzen ist abgeklungen, dafür läuft sich die Nase gerade ein; als erste Maßnahme wurde die vorübergehende Umstellung von Stoff- auf Papiertaschentücher bereits vollzogen. Egal: Die Sachen sind gepackt, morgen früh gehts los. Immer optimistisch bleiben.

Donnerstag: Morgens brachen wir auf, sechs Stunden später erreichten wir nach recht entspannter Autofahrt Beaune im Burgund, mittlerweile traditionell unser Zwischenziel auf der Reise in den Süden. Unterkunft nahmen wir wieder im Hotel la Poste, obwohl wir beim letzten Mal unzufrieden waren, weil die gebuchte Suite (man gönnt sich ja sonst nichts) sich als geräumige Dachkammer mit defektem Dachfenster erwiesen hatte. Nachdem der Liebste sich per Mail ausführlich beschwert hatte, Cc an die französische Tourismus-Ministerin, darauf muss man erstmal kommen, zeigte sich die Hausleitung zerknirscht und bot uns an, beim nächsten Aufenthalt, also jetzt, in der besten Suite zu residieren, und zwar, das ist das beste, auf Kosten des Hauses. Ich finde das etwas übertrieben, aber nun sind wir hier und sehr zufrieden. Von der Terrasse blickt man über die Stadt und auf die Weinberge. Leider ist es inzwischen zu kühl für längeres Terrassenverweilen, irgendwas ist ja immer.

Beaune im Abendlicht
Hinten die Côte d‘Or

Was auch ist: Die Erkältung plagt mich weiterhin mit Nasenlauf, Hustenreiz und Kopfdröhnen wie nach übermäßigem Alkoholverzehr am Vorabend. Zwar hatten wir gestern Abend auf den Urlaub angestoßen, von Übermaß kann indes keine Rede sein. Jedenfalls verzichtete ich nach Ankunft in Beaune auf eine Runde durch die Stadt mit dem Liebsten und hielt ein Schläfchen; wenn man schon die beste Räumlichkeit bewohnen darf, sollte man das nutzen. Anschließend teebegleitetes Bloggen, voila.

Für das Abendessen hatte der Liebste schon vor Monaten in einem Restaurant in der Stadt reserviert. Das Essen war ausgezeichnet, wegen der Erkältung allerdings Appetit und Genuss eingeschränkt. Bedauerlich, aber nicht zu ändern.

Freitag: Zwei kleine Kritikpunkte wies das Hotelzimmer doch auf, so klein, dass eine Mail ans Ministerium unangemessen erscheint. Zum einen fehlen auch hier Jackenhaken; immer wieder frage ich mich, warum die meisten Hotels an dieser Kleinigkeit sparen. Vielleicht sollte ich gelegentlich nach Reisejackenhaken recherchieren, die man ins Türblatt einhängen kann, vielleicht gibt es sowas. Zum anderen die Dusche: Zwar mit extravaganter Armatur, doch ohne Möglichkeit, die Brause über Kopf irgendwo einzuhängen, um sich darunter berieseln zu lassen. Stattdessen muss man sich mit der Brause in der Hand bewässern. Als Spritzschutz gegen das Badezimmer ein gerade mal etwa vierzig Zentimeter breiter Glasstreifen, entsprechend sah der Boden neben der Wanne aus, als ich abgebraust war.

Extravagente Armatur

Auch die Weiterfahrt nach Malaucène verlief entspannt, auffallend viele deutsche Autos waren unterwegs. Nach Verlassen der Autobahn in Bollène wurden wir von einem LKW hinter uns bedrängt und angehupt, dessen Fahrer die zulässigen achtzig Stundenkilometer offenbar für einen nicht ernst zu nehmenden Vorschlag hielt. Im nächsten Kreisverkehr, derer es hier viele gibt, ließen wir ihn vor.

Bei Meursault

Nach viereinhalb Stunden Fahrt kamen wir an unserem Haus an. Die Sonne scheint, leichter Mistral pustet den Himmel blau. Wunderbar.

Kurz nach Ankunft. Bitte denken Sie sich den Wind dazu

Samstag: Der erste Tag in Malaucène verlief bei erfreulichem Wetter ohne besondere Unternehmungen. Alles Weitere ist hier nachzulesen.

Sonntag: Vergangene Nacht träumte ich, mein Bruder wäre mit einem Lied über Biertrinken zum Youtube-Star geworden, man muss sich wirklich wundern, was sich so ein Hirn zusammenspinnt, während man schläft. Da sich das Thema über mehrere Traumphasen hinweg hielt, schaute ich morgens zur Sicherheit nach, bekam nur die Fratze das Antlitz von FDP-Kubicki angezeigt, schloss Youtube daher schnell wieder; schlimm genug, sich mit dem den Familiennamen teilen zu müssen. Lieber M., wenn ich was übersehen habe, lass es mich bitte wissen.

Des Himmels Blau war morgens hinter einer dichten Wolkendecke verschwunden, für den weiteren Verlauf des Tages war Regen angekündigt. Der perfekte Tag zum Nichtstun. Und also taten wir: Der Liebste zog sich nach dem Frühstück zum Lesen und Genesen in die Gemächer zurück, ich begab mich in Daunenjacke in den Liegestuhl auf der Terrasse, wo ich auf Empfehlung des daheim gebliebenen Geliebten die heute-Show und Böhmermann, außerdem Nuhr vom vergangenen Freitag nachschaute, danach las ich weiter im Stanišić. Vorläufiges Urteil nach der ersten Hälfte: Nach dem Auslesen werde ich das Buch wohl in einen öffentlichen Bücherschrank bringen. Wenn Sie es haben wollen, melden Sie sich gerne. Am frühen Nachmittag kam der erwartete Regen, nur so wenig, dass die Dachziegel über der Terrasse die Tropfen aufsaugten, es rann nichts vom Dache herab. Unterdessen terrorisierte eine Gruppe PS-Freunde über längere Zeit die Umgebung, indem sie mit motordröhenden Fahrzeugen ohrenscheinlich in größerer Anzahl den Mont Ventoux überquerten.

Erst abends verließen wir Haus und Grund für das Abendessen im Ort.

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Kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie eine Erkältung oder Schlimmeres plagt, baldige Genesung.

#WMDEDGT im Oktober: Wolkenlos blau

Am Fünften eines jeden Monats ruft die geschätzte Mitbloggerin Frau Brüllen zur Pflege der Tagebuchblogkultur auf. Dann schreibt der geneigte Teilnehmer etwas zur Frage „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“, kurz #WMDEDGT, und verlinkt es hier.

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Bereits um kurz nach halb neun beschlossen wir, wach zu sein, nachdem wir am Vorabend früh, wirklich sehr früh das Bett aufgesucht hatten, um noch etwas zu lesen und uns dann von der Anreise und der Erkältung zu erholen. Letztere scheint langsam abzuklingen, das ist gut. Die letzte ihrer Art hatte mich wochenlang begleitet.

Der Mistral hat gestern den Himmel wolkenlos blau gepustet, heute weht nur noch leichter Wind. Für ein Frühstück am großen Tisch vor dem Haus war es morgens noch zu kühl, deshalb deckte ich den Tisch in der Küche, begleitet von Radio Nostalgi, derweil der Liebste für den Erwerb von Baguette und den ersten Morgenkaffee in der Bar runter in den Ort gefahren war. – Nur weniges schmeckt so gut wie das erste Frühstück am Urlaubsort.

Wolkenlos blau

Nach dem Frühstück gingen wir runter in den Ort für ein paar weitere Einkäufe, unter anderem ein Grillhähnchen für das Abendessen und eine Flasche Tavel-Rosé. Anschließend fuhr der Liebste in den Supermarkt nach Vaison.

Ich blieb am Haus und suchte den idealen Standplatz für den Liegestuhl, was mehrerer Umpositionierungen bedurfte: In der Sonne war es zu warm, im Schatten zu kalt, erst im Halbschatten unter dem Dach der Terrasse war ich zufrieden. Dort las ich auf dem Tablet die Bonner Tageszeitung zu Ende, weiterhin in den Blogs sowie – nicht auf dem Tablet sondern auf Papier, da, und nicht nur da bin ich altmodisch – im Buch „Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne“ von Saša Stanišić, das mehrfach in den Medien recht positiv bewertet wurde. Meine Begeisterung nach den ersten zwei Geschichten hielt sich noch in Grenzen, ab der dritten begann es, mir zu gefallen.

Da der Appetit noch immer nicht auf ein mehrgängiges Menü im Restaurant ausgerichtet ist und die Lieblingspizzeria ein paar Tage geschlossen hat, essen wir heute inwärts. Zur Begleitung des mittags erworbenen Grillhähnchens wurde ein weiteres Baguette benötigt. Dazu gingen wir nochmals ins Dorf, wo wir schon mal da waren, stärkten wir uns vor dem beschwerlichen Rückweg in der Bar des Vertrauens, von Restsonne beschienen, mit zwei Bier. Während der Niederschrift vorstehender Zeilen steht der erste Pastis bereit. Viel mehr passiert heute voraussichtlich nicht.

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Fazit, zurückkommend auf die Ausgangsfrage, was ich heute gemacht habe: außer Essen, Trinken, Lesen und zweimal in den Ort und zurück gehen nicht viel. Ich bin sehr zufrieden.

Verschlusssache

Es gibt wieder Grund zur Empörung, vermutlich sind die Grünen schuld oder die Bürokraten in Brüssel. Nein, keine neuen Vorgaben, wie man sein Haus zu beheizen hat. Auch werden Gendersterne nicht verbindlich eingeführt, und auf deutschen Autobahnen darf weiterhin ungehemmt gerast werden. Gegenstand des Anstoßes sind die Plastikverschlüsse von Einwegflaschen und Getränkepackungen, die nun gemäß einer neuen Vorschrift über eine Lasche fest mit dem Behältnis verbunden sein müssen und sich ohne Gewalt oder technische Hilfsmittel nicht mehr ablösen lassen. Zweck der Verordnung soll die Vermeidung von Plastikmüll in den Meeren sein. Ob es nützt, ich weiß es nicht; ob die Flaschen nun fest verbunden mit den Verschlüssen auf den Wellen tanzen oder davon separiert, ist kein großer Unterschied. Zudem dürften deutsche Flaschen nur selten den Weg ins Meer finden, das verhindert schon das hohe Pfand. Nicht alles ist schlecht.

Jedenfalls ist die öffentliche Erregung groß, in Leserbriefen und den asozialen Hetzwerken wird gewettert: Gibt es keine dringender zu lösenden Probleme? Das ist meine Flasche, damit mache ich, was ich will! Dazu Anleitungen, wie man die Kappe am besten wegbiegen muss oder ganz abtrennt, um sich beim Trinken aus der Flasche nicht am Auge zu verletzen oder beim Einschenken von Milch nicht den Tisch zu fluten. Es würde mich nicht wundern, wenn manche die Verschlüsse extra mit dem Seitenschneider abknipsen, sammeln und sie beim nächsten Urlaub auf Sylt oder Mallorca persönlich den Fluten überlassen, um es denen da oben mal richtig zu zeigen, aber so richtig!

Ich verstehe die Aufregung nicht. Meine erste Begegnung mit angeleinten Verschlusskappen von Mineralwasserflaschen hatte ich schon vor einigen Jahren in Frankreich, wo das anscheinend schon länger vorgeschrieben ist. Zunächst hielt ich es für einen Produktionsfehler, zog und zerrte an der Kappe, ehe ich erkannte, dass das wohl so sein musste. An den Meeresschutz dachte ich dabei nicht, überhaupt machte ich mir, wie so oft, keine größeren Gedanken über das Warum, bog die Kappe nach hinten, bis sie mit einem leisen Knacken einrastete und es so ermöglichte, mich ohne nennenswerte Augenverletzung und sonstige Beeinträchtigungen am Nass zu erquicken.

Nun sind die Franzosen nicht gerade für ihre ausgeprägte Obrigkeitshörigkeit berühmt, vielmehr reagieren sie gerne lautstark und heftig schon auf die kleinste staatlich verordnete restriction. Doch wurde meines Wissens wegen der angebundenen Verschlüsse keine Guillotine aus dem Heimatmuseum gerollt, keine Plastikflaschenhalden vor dem Élysée-Palast abgekippt und in Brand gesetzt, auch die gelben Westen blieben in den Schränken.

Ich glaube, einem Land, in dem angebundenen Drehverschlüssen derartige Aufmerksamkeit wie bei uns zuteil wird, geht es, trotz Klimawandel, zunehmender politischer Bräunung und der Auferstehung von Stefan Raab, noch ganz gut. Und solange sich Weinflaschen noch problemlos entkorken lassen, sehe ich keinen Grund zur Sorge. Santé!

Woche 39/2024: Unreife Brombeeren, Buskursionen und Gaudi ohne Lederhose

Montag: Gegen fünf in der Frühe erwachte ich aus einem ungemütlichen Traum (jemand jagte mich mit gezücktem Messer ein Treppenhaus hoch, dabei war er wesentlich schneller als ich) und fand erst eine knappe Stunde später wieder in den Schlaf, kurz bevor der Wecker des Geliebten anschlug.

Heute wäre mein Vater neunzig Jahre alt geworden. Ich erhebe das Glas auf ihn, das hätte ihn gewiss gefreut.

Der angekündigte Regen blieb weitgehend aus, was die planmäßige Fahrradfahrt ans Werk ermöglichte, wo ich erstaunlich gut gestimmt und in trockener Hose ankam. Der Arbeitstag bot wenig Berichtenswertes, er endete zu angemessener Zeit.

Ekaterina hat eine Mail geschrieben:

Willkomm!!!
Vielleichtdu uberrascht, einen Brief von mir zu sehen!
Sie scheinen mir nur ein interessanter Person zu sein! Ich habe mich nicht in dir geirrt?!?
Im den nachfolgenden Nachricht kann ich Ihnen weitere Informationen uber mich selbst schreiben.. Ich bin eine sehr lange Zeit keine mehr Ich hoffe dass Sie bist nicht dagegen? Wenn Sie die Kommunikation fortsetzen und mehr wissen mochten uber mich, dann antworten
Ich bin ein attraktives und freundliches Person mit ernsthaften Planen fur die Zukunft.. Aber in letzter Zeit empfinden ich mich oft Traurigkeit und Einsamkeit!
Ich bin Ekaterina ..
ernsthafte Beziehung gelebt..
Deshalb ich habe wollte, dir zu schreiben, um kennen zu lernen!
Sie mir.. Ich werde warten auf eine E-mail von Ihnen ! Ekaterina.

Dazu das Bild einer jungen Frau mit langen blonden Haaren, dunkel umschminkten Augen und bedrohlich langen Fingernägeln. Leider habe ich gerade keine Kapazitäten frei, mich der Dame anzunehmen, auch sollte sie an ihrer Zielgruppenbestimmung arbeiten. Wenn Sie interessiert sind, kann ich den Kontakt gerne herstellen.

Dienstag: Die Zeitung bezeichnet eine mögliche Koalition aus CDU, BSW und SPD als „Brombeer-Koalition“. Wie kommen die nur darauf? Reife Brombeeren, also die Früchte, sind schwarz, vorher rot, vielleicht auch ein bisschen violett. Außerdem neigen sie, also die Büsche, dazu, alles in ihrer Umgebung stachelbewehrt zuzuwuchern. Vielleicht deshalb?

Lange nichts Neues über die Rheinnixe geschrieben, die ehemalige Personenfähre nach Beuel. Am dortigen Ufer lag sie seit längerem und wartete auf bessere Zeiten. Laut einem Zeitungsbericht hat sie ein Privatmann gekauft ohne nähere Angaben, was er damit vorhat. Vielleicht ist ihm jetzt was eingefallen, seit heute Morgen ist sie verschwunden. Dieses Mal vielleicht für immer. Wir werden sehen.

In einer internen Mitteilung war etwas vom „richtigen Mindset“ zu lesen, auch so ein Begriff, der mich regelmäßig schaudern lässt. Außerdem nahm ich am Kick Off eines zweifelhaften Projektes teil. Bei solchen Anlässen ist es immer wieder beruhigend, wenn mein Name nicht im Projekt-Organigramm zu lesen ist.

Der Arbeitstag war wegen einiger spontan per Mail eingetroffener Handlungsbedarfe und wegen abzuwartenden Regens etwas länger als erwartet, das war nicht schlimm. Ohnehin empfiehlt es sich dienstags nicht, zu früh nach Hause zu kommen, um bei des Heimes Pflege nicht im Wege zu sein. Wozu das gerade in der Vorweihnachtszeit führen kann, wissen wir dank Loriot.

Mittwoch: Anscheinend bin ich nicht der einzige, bei dem das gestern beschriebene Brombeerbild Verwunderung auslöst. Heute sah sich die Zeitung veranlasst, per Kolumne auf der ersten Seite aufzuklären. Demnach hat sich das ein Parteienforscher (was es alles gibt; demnächst, wenn es einigermaßen gut läuft, forscht er vielleicht nach kaum noch nachweisbaren Spuren der FDP) namens K.-R. Korte ausgedacht, inspiriert durch noch nicht ganz reife Brombeeren, die neben schwarzen auch dunkelrote Fruchtperlen aufweisen. Das finde ich sehr weit hergeholt. Wobei: Unreife Brombeeren sind unbekömmlich, insofern passt das Bild.

Deshalb also
Nanu?

Morgens war es trocken, deshalb fuhr ich planmäßig mit dem Rad zum Büro. Dadurch geriet ich nach Arbeitsende in eine Situation: Wegen eines überzogenen Cheftermins kam ich erst später raus, eine halbe Stunde später hatte ich einen Gesundheitstermin in der Inneren Nordstadt. Zeitlich kein Problem, leider regnete es nun mittelstark. Deshalb versuchte ich, mir die morgens vom Geliebten gereichte, ungefähr auf Postkartengröße (falls Sie damit noch was anfangen können) gefaltete Regenschutzfolie überzuziehen, was im windbegleiteten Regen nicht ganz einfach und für mögliche Beobachter erheiternd gewesen sein muss. Wieder so ein Moment, in dem ich dachte: Hoffentlich filmt das keiner. Trotz aller Ungeschicklichkeit meinerseits leistete die Pelle, bis über den Lenker gezogen, was die Lenkung etwas einschränkte, gute Dienste: Die Hose blieb trocken, die Schuhe wurden nur etwas feucht. Vielleicht sollte ich das demnächst mal trocken üben.

Ob die originäre Zweckbestimmung des Produktes der Regenschutz ist, mag aufgrund der Abbildung angezweifelt werden

Donnerstag: Heute hatte ich frei. Da für den Tag Regen angekündigt war, verzichtete ich auf eine Wanderung, zumal die letzte erst zwei Wochen zurück liegt. Stattdessen startete der Tag mit Frühstück und Zeitunglesen im Kaufhof-Restaurant. Zu meiner Überraschung stand ich zunächst vor verschlossener Tür, weil sie erst um zehn öffnen, das muss ich mir merken für künftige freie Tage mit Auswärtsfrühstück.

Die Zeitung berichtet über den vierzehnten Extremwetterkongress in Hamburg. Experten fordern von den Menschen und der Politik sofortiges Umdenken und Handeln ein, wenn uns das Klima nicht schon bald um die Ohren fliegen soll. – In Bad Godesberg geht eine neu gegründete Bürgerinitiative gegen Baumpflanzungen an, weil dadurch Parkplätze entfallen. „Wir sind doch auf das Auto angewiesen“, so die Bürger. – Unterdessen sorgt sich die Weltgesundheitsorganisation um die Jugend, weil sie zu viel Zeit in den sogenannten sozialen Medien verbringt, die bekanntlich einen hohen Energieverbrauch haben. So passt eins zum anderen.

Nach dem Frühstück tat ich, was ich mir schon lange vorgenommen hatte: eine Buskursion in einen mir bislang unbekannten Stadtteil. Auch nach fünfundzwanzig Jahren, die ich nun in Bonn lebe, kenne ich nur wenige der Außenbezirke in den Zielanzeigen der Linienbusse. Also begann ich heute mit der Linie 611 ab Hauptbahnhof nach Heiderhof, ein Stadtteil, den ich bei der vorletzten Wanderung am Rande streifte. Die ersten Kilometer waren vertraute Strecke, sie entsprachen exakt meiner Radfahrt zum Büro. Bei Vorbeifahrt am Mutterhaus sah ich die ersten Hungrigen von den anderen Bürogebäuden in die Kantinen strömen. Die weitere Fahrt führte über Plittersdorf durch das Godesberger Villenviertel, das zu Fuß zu erkunden sich lohnt; falls Sie mal in Bonn sind, empfehle ich Ihnen das sehr. Am Godesberger Bahnhof gab es einen längeren Aufenthalt, weil der Fahrer den Bus verließ, vielleicht drückte die Blase. Es dauerte einige Minuten, ehe es weiter ging, während der ganzen Zeit lief der Motor. Wieviel CO2 mag täglich völlig unnötig ausgestoßen werden, weil Fahrer von Kraftfahrzeugen aller Art es nicht für nötig befinden, während längerer Haltezeiten den Motor abzustellen? Was haben sie davon, wenn der Motor läuft?

An der Godesberger Stadthalle wechselte der Fahrer, was wenige Minuten dauerte, immerhin wurde währenddessen der Motor abgestellt. Dann ging es weiter, nach einigen Kilometern bergauf durch den Wald wurde Heiderhof erreicht. Darüber ist nicht viel zu schreiben: eine nach meinem Empfinden eher seelenlose Ansammlung von Wohnblocks und Bungalows aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, immerhin mit viel Grün dazwischen. Ein wenig erinnert es mich an Bielefeld-Sennestadt, das ungefähr zur selben Zeit auf der grünen Wiese bzw. im Wald entstanden ist. Da es keinen Grund zum längeren Verweilen gab, ging ich nach Ausstieg eine Haltestelle vor und fuhr direkt mit dem nächsten (bzw. demselben) Bus zurück.

Die Linie 611 fährt in Gegenrichtung bis Lessenich, das ich ebenfalls noch nicht kannte. Deshalb blieb ich am Hauptbahnhof, wo ein größerer Fahrgast- und der nächste Fahrerwechsel erfolgte, sitzen. Während der Fahrt nach Lessenich, durch die Weststadt, Endenich und Dransdorf, war der Bus wesentlich voller als nach Heiderhof. Lessenich ist im Gegensatz zu Heiderhof ein alter, gewachsener Ortsteil mit teilweise dörflichem Charakter. Bei Erreichen der Endhaltestelle am Sportplatz, direkt am Messdorfer Feld gelegen, war mein Bedarf an Busfahren nach etwa drei Stunden für heute gedeckt, daher beschloss ich, zu Fuß nach Hause zu gehen, zumal der angekündigte Regen ausblieb. Somit kam ich zwar nicht zu einer Wanderung, immerhin einem längeren Spaziergang, mit Einkehr auf Kaffee und Kuchen nach Rückkehr in der Innenstadt.

Man mag das für Zeitverschwendung halten, mir hat es gut gefallen, ich werde das wieder tun. Das Busnetz ist groß, es erreicht viele Orte, in denen ich noch nie war.

Heiderhof I
Heiderhof II
Oft ist böses über Busfahrer zu hören und lesen, sie seien unfreundlich und ließen Leute einfach an der Haltestelle stehen. Doch wie sie ihr Fahrzeug durch enge Straßen mit Baustellen und parkenden Autos lenken, ohne anzuecken, verdient Hochachtung. Meine haben sie.
Messdorfer Feld

Freitag: „Wer bereits geantwortet hat: disregard“ beendete einer seine Mail. Vermutlich war ich der einzige im Verteiler, der das letzte Wort nachschlagen musste. Laut einer Umfrage von Allensbach lehnen nur einunddreißig Prozent der Befragten die Verwendung englischer Begriffe in der deutschen Sprache ab, las ich letztens in der Sonntagszeitung. Offenbar muss ich diesbezüglich an meinem Mindset arbeiten.

Das Morgenlicht war wieder augstreichelnd

Aus der Zeitung:

Da bekommt das Wort Verbrenner eine ganz neue Bedeutung (General-Anzeiger Bonn)

Samstag: Die britische Schauspielerin Maggie Smith ist tot. Sie spielte in der Serie Downton Abbey die Countess of Grantham, Violet Crawley, Mutter des Hausherrn, und zwar ganz großartig, aber das wissen Sie vermutlich selbst, wenn Sie es gesehen haben. Downton Abbey war eine der wenigen Serien, die ich mir in den letzten zehn bis zwanzig Jahren angesehen habe; aus Gründen, die ich selbst nicht benennen kann, langweilen mich bewegte Bilder eher. Daher schaue ich – außer der Tagesschau, gelegentlich der heute-Show und Nuhr im Ersten* – kaum Fernsehen, gehe nur sehr selten ins Kino, per WhatsApp zugesandte Filmchen werden konsequent disregarded. Auf der Liste der Dinge, die ich im Leben benötige, stünde ein Netflix-Anschluss weit unten. Deshalb kann ich, neben Fußball und überhaupt Sport, beim Thema Filme, Serien und Schauspieler nicht mitreden. Maggie Smith war für mich jedenfalls eine der großen.

*Dazu stehe ich, auch wenn Dieter Nuhr umstritten ist

Zusammenhangloses Spaziergangsbild aus der Nordstadt. Finde den Fehler

Auch ziemlich weit unten auf besagter Liste stünde der Besuch von Oktoberfesten. Manchmal lässt es sich nicht ganz vermeiden, so veranstaltete unsere Karnevalsgesellschaft heute Abend ein solches in ihrem Zeughaus. Dem konnte ich mich als Mitglied nicht ganz entziehen, zumal ich mich freiwillig als Helfer an der Kasse gemeldet hatte. Wessen ich mich jedoch entzog war das Tragen einer pseudo-bayrischen Verkleidung, weil mir als ostwestfälisch-rheinischer Nichtbayer derartige kulturelle Aneignung albern erscheint, aber wer es möchte, bitte sehr. Ich kann auch ohne Lederhose a Gaudi haben, gell.

Sonntag: Das gestrige Oktoberfest geriet recht angenehm, auch negative Auswirkungen auf das heutige Wohlbefinden blieben weitgehend aus, was vielleicht auf die hohe Qualität des gereichten Festbieres zurückzuführen ist. Gleichwohl verließen wir die Schlafstätte erst spät, warum auch nicht, es ist Sonntag.

Für den Sonntagsspaziergang wählte ich nicht eine der schon oft gegangenen Strecken durch die Südstadt oder an den Rhein, sondern verband ihn, nachdem ich am Donnerstag auf den Geschmack gekommen bin, mit einer weiteren Bus-Erkundungstour. Am Friedensplatz stieg ich in den 608, der über den Rhein, durch Beuel, Pützchen und Holzlar bis zum Endpunkt Gielgen fährt. Schon immer wollte ich wissen, wie es in Gielgen sein mag, wohin die Busse an Wochentagen im Zehnminutentakt fahren. Seit heute weiß ich es: Es ist, ähnlich Lessenich, ein recht ansehnlicher, gewachsener Ort überwiegend mit Einfamilienhäusern.

Zurück ging es zu Fuß, am Wald entlang, durch eine Siedlung von Holzlar mit Bebauung mutmaßlich aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Die Häuser passen architektonisch nicht zusammen, was sehr unharmonisch wirkt. Aber was weiß ich schon über Architektur, man wird sich was dabei gedacht haben. Weiter führte der Weg entlang dem Festplatz von Pützchen, wo gleich vier Trafotürme in unmittelbarer Sichtweite stehen und für die Sammlung fotografiert wurden. (Machen Sie sich keine Sorgen, es geht mir gut. Andere fotografieren Flugzeuge oder seltene Käfer.)

Suchbild – finde die vier Trafotürme
Interessante und harmonische Architektur hingegen in Pützchen

In Beuel beendete ich den Spaziergang nach immerhin achteinhalb Kilometern, als ein Bus kam, der mich zurück in die Innenstadt brachte, wo ich einen Gang über das Bonnfest machte, ehe ich zu den Lieben nach Hause zurückkehrte, wo dieser Wochenrückblick vollendet wurde.

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Kommen Sie gut durch die Woche, bleiben Sie heiter oder, falls Sie es nicht sind, werden Sie es.