Woche 50/2024: Verwendungsfreie Wörter und angemessene Getränkebegleitung

Montag: Aus einer Intranet-Mitteilung: „Was sieht man lieber als lächelnde Kinderaugen? Nichts.“ Ungeachtet der Frage, wie man Augen zum Lächeln bringt – als eher antinatalistisch eingestellter Mensch entzücken mich derlei Anblicke nicht übermäßig, dennoch würde ich sie einer oben nahegelegten Erblindung ganz klar vorziehen.

Was nur wenig entzückt ist Liederlichkeit in der Berichterstattung. Liebe dpa, Kohlenmonoxid ist ein unsichtbares und geruchloses Gas, mit Rauch kaum zu verwechseln, das sollten Sie wissen.

(Aus General-Anzeiger Bonn)

Ebenfalls nicht zu verwechseln aufgrund unterschiedlicher Bartpracht sind die zwei syrischen Brüder, die nebenan den Friseurladen unseres Vertrauens betreiben und schon lange in Deutschland leben. Dort war ich am Abend zur Nachschur. Da ich annehme, dass sie es heute schon ganz oft beantworten mussten und in den kommenden Tagen weiterhin müssen, verzichtete ich darauf, sie nach ihrer Einschätzung der aktuellen Entwicklungen in ihrem Heimatland zu fragen. Aus ähnlichen Gründen vermeide ich es grundsätzlich, jemanden mit einem augenscheinlich verarzteten Körperteil nach der Ursache zu fragen.

Vielleicht wurde er/sie/es in der Fußgängerzone von einem radelnden Speisesklaven umgemäht. Über nämlichen Berufsstand ergeht sich Herr Gunkl in interessanten Betrachtungen:

„Im Fernsehen gibt es gleichermaßen echt viele Kochsendungen und echt viel Werbung für Essensbringdienste. Das ist nur dann ein Widerspruch, wenn man nicht weiß, daß die Menschen, die Pornos anschauen, sich sehr selten an interpersoneller Lustventilation beteiligen. Es geht nicht darum, das nachzumachen, sondern man sieht’s halt gern, und die in der Darstellung gezeigte Problemlösung wird in der billigstmöglichen Art erledigt.“

Dienstag: Um fünf Uhr früh erwachte ich aus einem unspektakulären Traum, dessen Inhalt sogleich verflog, und schlief bis zum Wecker eineinhalb Stunden später nicht mehr ein, obwohl mich weder trübe Gedanken noch Schmerzen noch störende Schlafgeräusche von nebenan daran gehindert hätten. Stattdessen fiel mir ohne erkennbaren Grund ein weiteres komisches Wort ohne akuten Verwendungszweck ein, das ich mir immerhin merkte, um es nach dem Aufstehen für einen eventuellen späteren Gebrauch zu notieren: Pudelzucker. Weitere früher notierte, bislang verwendungsfreie Wörter sind: Antischocken, Apothekalypse, Bedonis, Blamierraupe, Eisprung-Weltrekord, Hedonistan, Inflatulenzer, Kackordnung, Katholiker, Konsensmilch, Nudistan, Pfarrerflucht, Pilsener Urknall, Reiseamboss, Rekanalisation, Reinhardsgebot, Reinheitsgebet, Schnapsatmung, Stinktanga, Tindermädchen, Wixiklo. Immerhin werden Stinktanga und sechs weitere von der Rechtschreibprüfung nicht beanstandet, Sie dürfen gerne raten, welche. Ansonsten dürfen Sie sich gerne bedienen, wenn Sie eins oder mehrere gebrauchen können.

Ohne erkennbaren Sinn auch, was morgens im Radio gemeldet wurde: Die Jura-Studenten der Uni Bielefeld müssen ihre Examensklausuren im siebzig Kilometer entfernten Hamm schreiben, weil an der heimischen Hochschule die Toiletten defekt sind. Einige reisen sogar am Vortag an, um pünktlich zu erscheinen. Manches muss man nicht verstehen. Warum stellt man in Bielefeld keine Toilettenwagen oder WDixiklos auf, sind die den Herrschaften in der kalten Jahreszeit nicht zumutbar? Warum ausgerechnet Hamm?

Warum nicht zum Beispiel Duisburg? Von dort erreichte mich heute der nächste Brief des Blogkollegen. Dieses Mal nicht handschriftlich, sondern mit einer echten Schreibmaschine geschrieben, einschließlich weniger über-x-ter Tippfehler, die dem Brief schon optisch eine individuelle Anmutung verleihen. So einen habe ich schon lange nicht mehr gesehen, geschweige denn im Briefkasten gehabt. Lieber M., herzlichen Dank dafür! Antwort folgt. Demnächst.

Mittwoch: Kollegen, die schon morgens um acht bei Ankunft im Büro „Mahlzeit“ sagen, verfügen auch über einen sehr speziellen Humor.

Kantinengespräch während der Mahlzeit, nachdem die Kollegin begeistert von unserer Lesung vergangene Woche erzählt hatte: „Was, du bloggst? Ein Buch hast du auch geschrieben? Warum weiß ich davon nichts?“ – Vielleicht zur Wahrung des Bürofriedens.

Die Tage hat ein Frachtschiff auf der Mosel ein Schleusentor schwer beschädigt, voraussichtlich werden sich die Reparaturarbeiten bis März hinziehen. Bis dahin wird die Schleuse nicht passierbar sein, zurzeit hängen siebzig Schiffe fest. Der erwartete Schaden für die Wirtschaft ist immens:

General-Anzeiger Bonn

Wort des Tages, aus einem Versprecher des Geliebten und sogleich notiert: Eierzangenbowle.

Frohes Fest (gesehen auf dem Bonner Weihnachtsmarkt, ansonsten versichere ich, damit nichts zu tun zu haben)

Donnerstag: Ich war nicht selbst dabei, jedenfalls wurde mir durch eine verlässliche Quelle folgender Satz aus einer Besprechung zugetragen: „Das ist doch eine Milchpersonrechnung.“ Übrigens heißt es in bestimmten Kreisen wohl nicht mehr „Mutter“, sondern „milchgebende Person“. Immerhin wurde „Milch“ noch nicht durch „Nachwuchsnährsekret“ ersetzt.

Freitag: Der Tag begann mit einem regelmäßigen Zahnarztbesuch, ansonsten lag eine gewisse Müdigkeit darüber. Ein Zusammenhang mit einem kollegialen Weihnachtsmarkbesuch am Vorabend ist nicht völlig auszuschließen.

Beim Mittagessen wurde ich Opfer eines langen Monologs zu Brandbekämpfung. Der Kollege ist Mitglied der freiwilligen Feuerwehr, was ohne Frage zu loben ist. Doch schafft er es immer wieder, von jedem beliebigen Thema zu seinem Lieblingsthema zu wechseln, schlimmstenfalls zeigt er dazu auf seinem Telefon Bilder von Feuerwehrfahrzeugen. Ich mag nicht auf anderer Leute Telefone schauen, es ist eine Unflätigkeit, sie mir ungefragt vor die Nase zu halten. Bei solchen Anlässen gelingt es mir ganz gut, Zuhören zu simulieren, ab und zu fließt automatisch ein „Aha“ oder „Mmh“ ein, manchmal sogar „Sieh mal an“ und ähnliche scheinbare Interessensbekundungen, während ich gedanklich woanders bin und hoffe, der Redefluss des Gegenübers möge bald versiegen. Immer wieder erstaunlich, dass die Leute das nicht merken. Eigentlich ist das sehr unhöflich von ihnen.

Gehört in einer Besprechung: „Das halte ich für kreuzgefährlich.“ Verstehe ich nicht, allerdings wollte ich den Verlauf durch Nachfragen nicht unnötig in die Länge ziehen.

In einer anderen Besprechung zuckte der Sprachnerv etwas, als nämliches gefragt wurde: „Braucht ihr das detailliert oder etwas high leveler?“

Samstag: Ein angenehmer Tag mit den üblichen Samstäglichkeiten ohne besonderen Notierenswert.

Laut kleiner kalender ist heute Affentag. Aus der Beschreibung: „Der Affentag soll durch individuelle Aktionen begangen werden, beispielsweise indem man sich mit einem Affenkostüm verkleidet oder wie ein Affe spricht und gestikuliert.“ Sprechen wie ein Affe? In dieser Hinsicht machen sich viele Mitmenschen täglich zum Affen.

Abends waren wir auf der Weihnachtsfeier der Karnevalsgesellschaft. Traditionell gab es das rheinische Gericht auf Kartoffelbasis, das je nach Laune, Postleitzahl oder was weiß ich mit unterschiedlichen Bezeichnungen auf den Teller kommt, unter anderem Külles, Kesselsknall, Döppekuchen. Schmeckt jedenfalls sehr gut. Dazu gab es eine angemessene Getränkebegleitung; gelacht und gesungen wurde auch.

Sonntag: Gelesen bei Herrn Buggisch und zustimmend genickt:

Taylor Swift, jenes musikalische Phänomen, das mir Rätsel aufgibt. Rätsel Nummer 1: Wie heißen ihre Songs? Ich kann spontan keinen einzigen Titel nennen. Rätsel Nummer 2: Wie klingen ihre Songs? Ich habe spontan keine einzige Melodie von ihr parat. Und ich bin eigentlich ziemlich gut in so was. Ich mag Musik, ich höre viel Musik, und meine Frau staunt immer ein bisschen, wenn ich bei einem Lied im Radio nach 3 Sekunden Künstler und Titel nennen kann. Aber zugegeben: Das ist Musik aus andern Zeiten. Es ist also gar nicht so, dass ich Taylor Swifts Musik nicht mag. Sie existiert für mich nicht.

Beim Spaziergang sah ich erstmals einen der neuen Straßenbahnwagen in freier Wildbahn. Im Übrigen zeigte sich der Tag, nach anfänglich blauen Stellen am Himmel, dezembrig-grau. Aber das mag ich ab und an durchaus ganz gerne.

Rheingrau
Wagen 2253 auf dem Weg nach Auerberg. Hübsch, finde ich.

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Kommen Sie gut durch die vorletzte Woche des Jahres.

Woche 49/2024: Für Fußgängerinnen sind keine Einschränkungen zu erwarten

Montag: Wegen der Dienstreise nach München war der Wecker auf halb fünf eingestellt, zwei Stunden früher als gewöhnlich an Arbeitstagen. Um kurz nach drei wachte ich auf, umgehend stellten sich die vor Reisen üblichen Gedanken darüber ein, was alles schief gehen kann, von Verschlafen über Stellwerksstörung bis Zugausfall, die mich am Weiterschlafen hinderten. Dennoch schlief ich nach mehreren Sorgenrunden nochmal ein, kurz vor dem Wecker wachte ich wieder auf und kam erstaunlich leicht aus dem Bett.

Ich möchte mich nicht allzu sehr in Eigenlob ergehen, jedenfalls war der Beschluss, eine Regionalbahn früher als die in der Bahn-App angezeigte nach Köln zu nehmen, obwohl alles pünktlich sein sollte, genau richtig, auch auf die Gefahr hin, dadurch eine Dreiviertelstunde in der Kälte des Deutzer Bahnhofs auf den ICE nach München warten zu müssen. Nach pünktlicher Abfahrt in Bonn stand der Zug später wegen einer Weichenstörung längere Zeit vor Köln-Süd, aus der Dreiviertelstunde in Deutz wurden schließlich wenige Minuten. Das Unbehagen wäre vermeidbar gewesen, da der ICE entgegen dem Fahrplan auch in Siegburg/Bonn hielt, das bequem und zuverlässig mit der Stadtbahn zu erreichen ist. Warum wurde das geheim gehalten?

Immerhin erreichte ich in Deutz den ICE, während die planmäßige Regionalbahn aus Bonn vermutlich noch vor Köln-Süd im Stau stand. Entgegen der Anzeige in der App war er nicht besonders voll, jedenfalls nicht Wagen 31. Schönheitsfehler: Mein reservierter Platz war einer von den allgemein beliebten, von mir indes gemiedenen Sitzen in einer Vierergruppe mit Tisch, obwohl ich das anders gebucht hatte. In Frankfurt, wo ein größerer Fahrgastwechsel erfolgte, fand ich einen zufriedenstellenden Reihensitz mit Fußfreiheit. Mit etwa einer Viertelstunde Verspätung kamen wir in München an, somit am unteren Rand des Rahmens meiner Planung.

Das Hotel, im wenig pittoresken Stadtteil Obergiesing gelegen, ist einfach und zweckerfüllend. Immerhin verfügt das Zimmer über zwei Jackenhaken, dafür keinen Kleiderschrank oder wenigstens Ablageflächen für Kleidung. Aber ich war hier ja nicht im Urlaub, für zwei Nächte reichte es.

Einfach und zweckerfüllend

Die Kollegen besuchten abends den Tollwood-Weihnachtsmarkt auf der Theresienwiese. Ich verzichtete zugunsten eines ruhigen Alleinabends mit Aussicht auf frühe Nachtruhe. Ob die den Namen verdiente, würde sich zeigen; die Tegernseer Landstraße ist nicht, wie der Name vermuten lässt, eine ruhige Allee zum gleichnamigen Gewässer, sondern eine brausende, sechsspurige Hauptverkehrsstraße.

Dienstag: Die Kollegen erschienen mit Restmüdigkeit zum Frühstück, nachdem sie um zwei Uhr nachts zurück ins Hotel zurückgekehrt waren. Ich erfreute mich hingegen einer der Tageszeit angemessen Munterkeit, sogar meine Abneigung gegenüber Hotelfrühstücksräume überwand ich. (Pluspunkt: ausreichend große Saftgläser.) Auch die Nachtruhe war gegeben, dank ausreichendem Schallschutz gegen den brausenden Verkehr.

Etwas rätselhaft zwei Bedienelemente über dem Kopfende des Bettes mit flackernden Buttons, über die wohl das Raumlicht zu steuern ist. So sehr ich auch drauftippte und -drückte, nichts ging an oder aus. Ein wenig fühlte ich mich wie Polizeichef Heribert Pilch im Dauerkampf mit dem Kaffeeautomaten in der Krimikomikserie „Kottan ermittelt“.

Satz des Tages in einer Besprechung: „Das Team zeichnet sich durch maximale Humorlosigkeit aus.“

Abends besuchten wir in größerer Gruppe den Augustiner-Bierkeller. Dort war es sehr laut, was die verbale Kommunikation nicht nur für mich erschwerte. Den Biergenuss, unter anderem eine nur mäßig gefüllte Maß, beeinträchtigte das indes nicht. Außerdem wurde Wiener Schnitzel als typisch bayrisches Gericht ausgewiesen. Auf meine Essensauswahl – Ente mit Rotkohl und Knödeln – hatte das keinen Einfluss. Laut Karte sogar eine Bauernente, was auch immer das bedeuten mag.

Mäßig

Mittwoch: Die Rückfahrt mit der Bahn verlief zufriedenstellend. Pünktlich verließ der ICE München, wegen Stockungen vor Frankfurt wurde der Zielbahnhof Siegburg/Bonn mit fünf Minuten Verspätung erreicht. Da kann man nun wirklich nicht meckern.

Ich reiste im Ruhebereich. Vor mir zwei junge Damen, die sich angeregt, jedoch wenigstens mich nicht sehr störend unterhielten. Eine weitere junge Frau daneben sah bzw. hörte das wohl anders: Empört wies sie die beiden zurecht, ehe sie sich wieder dem Film auf ihrem Datengerät widmete, dem sie über Ohrstöpsel lauschte. Man kann sich auch ein bisschen anstellen.

Ab Frankfurt saß eine Dame neben mir, die es mit dem Ruhebereich ebenfalls nicht so eng sah. Deutlich für mich und alle Umsitzenden telefonierte sie mit einem Lokal, wo sie gestern anlässlich einer Weihnachtsfeier einen Ohrring verloren hatte. Muss ein rauschendes Fest gewesen sein.

„Nenne fünf Dinge, in denen du gut bist“ lautet der heutige Themenvorschlag des Blogvermieters. Ich wäre schon froh, wenn ich eins nennen könnte.

Donnerstag: Kleine Woche – Inseltag. Statt der üblichen Wanderung gönnte ich mir einen ruhigen Tag mit Ausschlafen. Zu Frühstück und Zeitungslektüre suchte ich das Kaufhof-Restaurant auf, wie weitere ältere Herren ohne Begleitung an den anderen Tischen. Auch wenn es voraussichtlich noch ein paar Jahre dauert, nähren solche Tage die Vorfreude auf den Ruhestand deutlich. Nach Rückkehr begann es kräftig und für längere Zeit zu regnen, was den Nichtwanderbeschluss bekräftigte.

Nachmittags legte ich die Reihenfolge der Texte für die Lesung am Abend fest und beantwortete den Brief eines Blogkollegen.

Die Lesung hätte ein paar weitere Besucher vertragen können, war ansonsten für die Lesenden wie (hoffentlich auch) die Hörenden vergnüglich, die Zeit verging schnell. Vielen Dank an die Stage Gallery für die Bereitstellung des Raumes und ganz besonders an dich, lieber Lothar, dass ich wieder an deiner Seite vortragen durfte!

Freitag: Der letzte Arbeitstag der Woche war sogleich der erste im Büro. Regen und Sturmerwartung legten die Anfahrt mit der Bahn nahe. Auf der Etage war ich fast allein, die anderen zogen Heimbüro vor. Mir war es recht, so konnte ich nachmittags, als alle Besprechungen überstanden waren, in Ruhe Angefallenes wegarbeiten. Nachmittags war der Regen vorerst durch, was den Rückweg zu Fuß ermöglichte.

Für den Abend hatte der Liebste kurzfristig beim Franzosen unseres vollen Vertrauens reserviert. Seit Weggang des ambitionierten, schon von Sternen träumenden Jungkochs steht der Chef selbst in der Küche, das Niveau ist wieder traditioneller ausgerichtet und die Preise wurden gesenkt, was dem Restaurant nicht geschadet hat. Es war gut besucht, wir waren höchst zufrieden.

Samstag: Beim Aufwachen spürte ich eine gewisse postethanolische Unpässlichkeit, dabei war die Weinbegleitung am Vorabend nicht übermäßig gewesen. Manchmal ist das so, dann vertrage ich nicht viel. Vielleicht das Wetter?

Das, so morgens die Frau im Radio, starte heute mit dichter Bewölkung, erst zum Nachmittag hin werde es voraussichtlich „schöner“, so die Frau. Wieder frage ich mich: Was ist an Bewölkung, sofern sie uns nicht Starkregen, Hagel oder Orkan um die Ohren haut, schlecht?

Aus einem Zeitungsartikel über die anstehende Untersuchung einer der drei Bonner Rheinbrücken: „Radfahren­de und Fußgänger müssen daher in dieser Zeit die Brücke auf der jeweils anderen Seite überqueren.“ Für Fußgängerinnen sind demnach keine Einschränkungen zu erwarten.

Aus einem anderen Artikel über Modelleisenbahnen als mögliches Weihnachtsgeschenk:

Finde den Fehler (General-Anzeiger Bonn)

Sonntag: Im Radio sind nun wieder auf allen Sendern die Weihnachts-Popsongs mit künstlichen Glocken und Pferdeschlittenschellen zu hören, manche eine echte Ohrenplage. Vielleicht äußerte ich es schon in den Vorjahren, in diesem Fall verzeihen Sie mir bitte die Wiederholung: In meinen Ohren das diesbezüglich schlimmste Lied ist nicht das vielgeschmähte „Last Christmas“, sondern „Wonderful Christmas Time“ von Paul McCartney. Ding-dong, ding-dong … Grauenvoll.

Nachmittags verband ich den üblichen Spaziergang mit der Freilassung mehrerer Bücher in öffentliche Bücherschränke. In der Südstadt treiben die Magnolien schon Knospen aus. Sie werden wissen, was sie tun. Die Innenstadt war an diesem verkaufsoffenen Sonntag gefüllt mit kaufoffenen Menschen, die sich auf der Jagd nach Besinnlichkeit durch die Gassen des Weihnachtsmarktes schoben.

Nebenan auf der Hofgartenwiese feierten unterdessen die Syrer mit Flaggen und Freudenrufen die Vertreibung des Tyrannen aus ihrem Land, auch hupende Autokorsos waren später, als ich wieder zu Hause war, zu vernehmen. Ich freue mich mit ihnen. Hoffentlich entwickelt sich dort alles zum Guten, ein wenig skeptisch bin ich noch.

Schöne Adventszeit
Poppelsdorfer Allee
Am botanischen Garten

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Kommen Sie gut und möglichst adventsstressfrei durch die Woche. Ding-dong.

Woche 48/2024: Vielleicht werden jetzt auch die Vögel irre

Montag: Wie mir die DB Reisebegleitung per Mail mitgeteilt hat, ist meine Fahrt nach München am nächsten Montag „nicht wie geplant möglich“. Was genau nicht und wie sie stattdessen möglich ist und ob überhaupt, bleibt offen.

Der Arbeitstag war besprechungsvoll und endete früh, da wir nachmittags Abschied nahmen von einem lieben Menschen. Das war, sofern man einem solchen Anlass dieses Attribut zuschreiben möchte und kann, sehr schön. Anschließend wurde wieder gelacht, das wäre in seinem Sinne gewesen.

Dienstag: Wie morgens im Radio gemeldet wurde, ist geplant, im Kreis Heinsberg zwei Bahnstrecken für den Güterverkehr zu reaktivieren. Die Stadt Wegberg will das verhindern, weil dadurch angeblich Lärm erzeugt und Flächen verbraucht werden. Lieber weiterhin alles mit LKW durch die Gegend fahren. Ein weiterer Stein im Schotterbeet unseres Verderbens, wir können und wollen es nicht anders.

Außerdem will Erdogan entgegen der Verfassung bis 2033 Obertürke bleiben und die Anklagen gegen Trump werden fallen gelassen. Dagegen wirkt der erklärte Anspruch von Scholz, Bundeskanzler zu bleiben, geradezu drollig.

Manchmal ist es nur noch im Zustand angenehmer Angetrunkenheit zu ertragen. Anscheinend gibt es auf der Terrasse des Rheinpavillons in diesem Jahr keine Glühweinbude; in den vergangenen Jahren war sie um diese Zeit schon in Betrieb. Vielleicht ist auch hier der allgegenwärtige Personalmangel der Grund. Schade, aber der Weihnachtsmarkt bietet zum Glück Alternativen für ein Heimweggetränk.

Serviervorschlag

Mittwoch: In der Abenddämmerung am Rheinufer flogen mir unzählige Halsbandsittiche entgegen, nacheinander in mehreren Schwärmen zu schätzungsweise je hunderten Vögeln. Sie flogen tief und rasend schnell, dabei wichen sie geschickt Hindernissen wie Bäumen und Menschen aus. Augenscheinlich hatten sie große Freude dabei. Etwas später war der Reviergesang einer Amsel zu vernehmend, anscheinend hatte sie sich in der Jahreszeit vertan. Vielleicht werden jetzt auch die Vögel irre.

Abends hatte ich die Ehre und das Vergnügen, als letzter Vortragender bei der letzten Lesebühne im Limes aufzutreten. Eigentlich wollte ich nach grandiosem Scheitern vor vielen Jahren bei einem Poetry Slam nie wieder an einem Wettlesen teilnehmen, doch hier machte ich gerne eine Ausnahme, zumal am Ende zwar der Gewinner (nicht ich, sondern völlig verdient der liebe L.), nicht jedoch der Verlierer bekanntgegeben wird, beziehungsweise wurde, es war ja das letzte Mal. Für diesen Abend schrieb ich extra einen Text, der hier nachzulesen ist.

Foto: Lothar Schiefer

Donnerstag: Den zweiten Tag in Folge gab es aus terminlichen Gründen (gestern Lesung, heute Musikprobe) kein Abendessen für mich. Da ich unter der Woche außerdem nicht frühstücke, war das Mittagessen somit jeweils die einzige Mahlzeit des Tages. Dennoch hielt sich der Abendhunger in erträglichen Grenzen. Intervallfasten kann ich. (Die während der Musikprobe in größerer Menge verzehren Weingummis zählen nicht.)

Morgens

Freitag: Ich halte mich nicht für einen, der oft und gerne „Habe ich doch gleich gesagt“ sagt. Jedenfalls nehme ich die aktuelle Blamage der FDP wegen ihres D-Day-Konzepts mit gewisser Genugtuung zur Kenntnis. Oder wie der Ostwestfale sagt: Dä!

Samstag: Aus einer Laune heraus habe ich mich jetzt auch bei diesem Bluesky angemeldet. Mal sehen, wie lange die Laune dieses Mal anhält. Nach den Erfahrungen mit Mastadon und Threads nicht lange. Immerhin ähnelt Bluesky dem früheren Twitter, allerdings wird meine damalige Begeisterung, die ich letzterem entgegenbrachte, wohl nicht wiederkehren. Das ist nicht schlimm.

Sonntag: Die Bluesky-App zeigte morgens den Eingang einer Meldung an, jedoch war da nix, weder ein neuer Folgender noch ein Herzchen. Egal.

Erster Advent, in den Blogs und zu Hause werden zahlreiche virtuelle wie physische Türchen geöffnet; ich habe den Eindruck, jedes Jahr werden es mehr, vielleicht irre ich mich auch.

Der Sonntagsspaziergang führte über die Rheinbrücken ans andere Ufer. Zwar schien die Sonne vom fast wolkenlosen Himmel, doch kalter Wind gab einen Vorgeschmack auf den nicht mehr fernen Winter, was innere Wärmung durch einen Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt angezeigt erscheinen ließ.

Am frühen Abend packte ich den Rucksack für die Dienstreise nach München morgen. Die alternative Bahnverbindung, die sich nur geringfügig von der ursprünglichen unterscheidet, siehe Eintrag vom Montag, steht zum Zeitpunkt der Niederschrift noch, es besteht Hoffnung. Was leider ausfallen wird ist das Treffen mit der Blogfreundin morgen Abend, aus Krankheitsgründen. Liebe N., auch auf diesem Wege nochmal alles Gute, irgendwann werden wir wieder zueinander finden.

Das andere Ufer
So sind Menschen nunmal
Noch mehr komische Vögel

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Kommen Sie gut durch die Woche. Falls auch Sie eine Krankheit plagt, wünsche ich baldige Gesundung.

Wenn ihr wüsstet

Vorbemerkung: Heute fand zum letzten Mal die Lesebühne im Limes statt. Ich hatte die Ehre und das Vergnügen, daran teilzunehmen. Unter anderem las ich folgenden, extra für diesen Abend verfassten Text.

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Das Sharlie war eine Eckkneipe in der nördlichen Bonner Innenstadt. Keine ganz gewöhnliche Kneipe, auch wenn das an der Außenwand neben der Eingangstür angebrachte Schild, das das Lokal als Stützpunkt eines Männergesangsvereins auswies, nichts Außergewöhnliches erkennen ließ. Jedenfalls: Frauen waren als Gäste unerwünscht, um hinein zu gelangen, musste Mann einen Klingelknopf neben der Tür drücken, woraufhin einem nach Sichtprüfung durch eine Klappe in der Tür, sofern man zutrittswürdig erschien, aufgetan ward. (Vielleicht erfolgte die Einlasskontrolle auch über eine Kamera, ich erinnere mich nicht mehr genau, es ist rund zwanzig Jahre her.) Ich schien die erforderlichen Zugangskriterien zu erfüllen, zumindest war ich schon damals keine Frau oder „weiblich gelesene Person“, wie es heute korrekt heißt; meinem Einlassbegehren wurde stets stattgegeben.

Nach Überwindung der Pforte betrat man einen größeren Raum mit schummrigen Licht, rechter Hand die Theke, dahinter der Wirt, wegen seines robust-spröden Charmes von den Gästen „die Herrin“ genannt. Mit ihr legte man sich besser nicht an. Ihr beziehungsweise sein richtiger Name ist mir entfallen, vielleicht wusste ich ihn auch nie.

Links von der Theke führte ein Gang zu den Toiletten sowie einem weiteren, nur knapp beleuchteten und eher spärlich möblierten Raum. Soweit ich mich erinnere, war er gefliest, aus gutem Grund: Während vor der Theke gewöhnlicher Kneipenbetrieb herrschte mit Getränkeverzehr, Musik und mehr oder weniger gepflegtem Gespräch, diente das Hinterzimmer nicht etwa der wöchentlichen Chorprobe des Gesangsvereins, sondern anderen, sehr speziellen zwischenmännlichen Vergnügungen, nach denen eine unkomplizierte Reinigungsmöglichkeit des Raumes nicht von Nachteil war. Am Rosenmontag – der Bonner Zoch ging direkt am Sharlie entlang – konnte es dazu kommen, dass hier der böse Wolf den Matrosen vernaschte und der Schotte ihnen mit gehobenem Rock dabei zuschaute, während im Vorderzimmer „Es ist noch Suppe da“ gesungen wurde.

Irgendwann änderte sich der Name der Gaststätte von Sharlie in Kwai Lounge. Auch der Besitzer wechselte, statt der Herrin stand nun ein mäßig sympathischer Österreicher hinter der Theke, daneben sein jüngerer asiatisch gelesener Freund. Letzterer konnte ziemlich zickig werden, weshalb ihn manche wenig respektvoll „Asia-Muschi“ oder „Reisschüssel“ nannten. Am Grundkonzept des Ladens hatte sich nichts geändert: vorne Bier, hinten Gier.

Sehr lange gab es die Kwai Lounge nicht, schon nach wenigen Jahren schloss sie. Vielleicht fuhr Mann inzwischen für das besondere Unterleibsvergnügen lieber nach Köln, wo es zahlreiche Etablissements ähnlicher Zweckbestimmung gab, oft mit besonderen Motto-Veranstaltungen wie Sportswear, Underwear, Leder, Bären, U30, Ü40, Anzug, Stutenmarkt oder naked, ich möchte da nicht zu sehr ins Detail gehen. Woher ich das weiß? Das ist mir entfallen, es ist lange her.

Nach einiger Zeit wurde die Kneipe unter dem Namen Limes wieder geöffnet. Auch Damen sind nun gerne gesehen, man muss nicht mehr klingeln, um einkehren zu dürfen, im Sommerhalbjahr kann man draußen sitzen. Statt Fang-die-Wurst-Spielen im Separée gibt es einmal im Monat eine Lesebühne. Das Schild des Gesangsvereins ist noch immer angebracht.

Doch die Tage des Limes sind ebenfalls gezählt, zum Jahresende wird es geschlossen. Ich war nur wenige Male dort. Wenn ich heute durch die Theaterstraße gehe und durch das Fenster die Gäste an den Tischen im hinteren Raum ihr Bier trinken sehe, denke ich: Wenn ihr wüsstet.

Foto: Lothar Schiefer

Abschied

Aus gegebenem Anlass heute ein zweiter Beitrag.

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Lieber K,

zwei Wochen nach deinem vierundachtzigsten Geburtstag bist du gegangen. Es ging dir schon länger nicht gut. Vielleicht wusstest du schon länger von der Krankheit und dem unausweichlichen Ende, nur sagtest du es niemandem, nicht deiner Frau und den Söhnen. Vielleicht hattest du deinem Hausarzt verboten, es ihnen zu sagen, ich traue dir das zu. Du wolltest kein Aufheben um deine Person machen, niemandem zur Last fallen, so warst du. Ich verstehe das gut, vielleicht würde ich es genauso tun.

Verboten hast du zum Ende auch der Schwester im Krankenhaus, eine neue Ampulle für die Chemotherapie anzulegen. Du selbst hast bestimmt, wann es genug, vorbei ist, dann bist du ohne Schmerzen und Leiden für immer eingeschlafen. „Er hat es uns leicht gemacht, ihn gehen zu lassen“, steht in der Karte, die wir von deiner Familie erhalten haben. Besser kann man kaum aus der Welt gehen. Ich habe es anders erlebt, bei meinem Vater und meiner Schwiegermutter, die sich mit Demenz im Pflegeheim langsam auflösten, ihr Tod eine Erlösung.

Lieber K, ich habe dich erlebt als einen der liebsten, angenehmsten Menschen, die ich kennenlernen durfte. Danke, dass du mein Trauzeuge warst, bei der zweiten, kleinen Hochzeit, als wir endlich „richtig“ heiraten durften. Wie ich gingst du gerne spazieren, manchmal begegneten wir uns dabei, wechselten nur wenige Worte, ehe jeder weiter seines Weges ging. Die ersten Tage nach deinem Tod dachte ich manchmal beim Gehen durch die Stadt: Da drüben geht K, ehe es mir einfiel.

Du konntest gut allein sein, verbrachtest Wochen ohne Begleitung in Südfrankreich, in eurem Haus in Malaucène. Ich bin mir sicher, diese Zeiten hast du sehr genossen. Ein paar mal waren wir zusammen dort, du im großen, wir im kleinen Haus, ohne jede Verpflichtung, ständig etwas zusammen zu unternehmen. Doch pünktlich um sechzehn Uhr schautest du um die Ecke, da es Zeit war für das Nachmittagsgetränk.

Die Generation unserer Eltern, deine Generation verlässt nun langsam die Welt. Die nächsten sind wir. Angesichts der derzeitigen Weltlage kann ich nicht behaupten, dass mich das beunruhigt.

Heute haben wir deine Asche beigesetzt, in der Namen-Jesu-Kirche, ohne Pfarrer oder professionellen Trauerredner. Stattdessen sprachen deine Frau, deine Söhne und dein früherer Kollege ein paar Worte. Das war ergreifend schön, gerne hätte ich applaudiert. Anschließend gab es zu essen und trinken, auch Kölsch, wir stießen mit deiner Familie auf dein Wohl an, dabei wurde schon wieder gelacht. Ich bin mir sicher, das hätte dir gefallen.

Wir vermissen dich, du fehlst, als Nachbar, Freund, guter Geist des Hauses. Als nicht religiöser Mensch glaube ich nicht an Auferstehung und das ewige Leben. Doch wenn ich es täte, wäre die Aussicht auf eine Wiederbegegnung mit dir etwas, auf das ich mich sehr freuen würde.

Im April 2010 bei Malaucène