Was bin ich?

Irgendwann kommt sie immer – bei Urlaubsreisen, Wohnungseinweihungs- oder Geburtstagsfeiern, in der Kneipe, bei Abi-Nachtreffen sowieso, in der Sauna, im Darkroom: Die wie ein Zeckenbiss gefürchtete Frage „Und was machst du beruflich?“ – Treffer. Schweißausbruch, stammelnde Suche nach Worten.

Mein Vater war Nähmaschinenmechaniker, mein Großvater mütterlicherseits Kohlenhändler, mein Bruder ist Lokführer. Andere Menschen sind oder waren Maurer, Fleischereifachverkäuferin, Zahnarzt, Folterknecht, Lehrer, Pfarrer, Bundeskanzler oder Gebrauchtwarenhändler, alles mehr oder weniger ehrbare Berufe, jedenfalls aber mit einem nach außen hin klaren Berufsbild. Niemand wird einen Pornodarsteller fragen „Oh, das ist ja interessant. Und was machen Sie da konkret?“ Manchmal beneide ich Angehörige dieser Berufsgruppen deswegen ein bisschen.

Ich gehe auch arbeiten, und zwar, um es gleich vorweg zu nehmen, meistens gerne. Montags (oft nicht so gerne) bis freitags in einem großen Gebäude voller Büros. Zurzeit nenne ich mich ,Senior Specialist Production‘, was nicht bedeutet, ich produzierte etwas, jedenfalls nichts, „womit ich Ihnen eine Freude mache“, um mal die damals beliebte Frage bei ,Was bin ich?‘, dem heiteren Beruferaten mit Robert Lembke, zu beantworten, und schon wieder fünf Mark eingesackt.

Natürlich ist es nicht so, dass man mich fürs Nichtstun bezahlte, ich arbeite schon, meist sogar mehr als meine arbeitsvertraglich festgelegten vierzig Stunden in der Woche. In dieser Zeit bearbeite ich E-Mails, telefoniere, lese Dokumente oder erstelle selbst welche, auf dass andere diese vielleicht lesen, sicher kann man sich da nie sein, und nehme an Besprechungen teil. Zwischendurch Kaffee, Kantine und Kollegenschwatz, ich habe prima Kollegen.

Meinen Arbeitstag empfinde ich als erfolgreich, wenn der E-Mail-Eingang abgearbeitet und möglichst viele Häkchen in der Outlook-Aufgabenliste gesetzt sind; Outlook ist mein Schmiedehammer, meine Maurerkelle. Keineswegs halte ich meinen Job für überflüssig, und doch, träfe mich morgen der Schlag, würde es kein Kunde merken.

Und was antworte ich nun auf die Frage? Zunächst nenne ich das Unternehmen, meinen Arbeitgeber. Dann gibt es drei Möglichkeiten:
1) Der Fragesteller reklamiert wortreich sein Erlebnis kürzlich mit einem unserer Außendienstmitarbeiter, überhaupt seien die alle faul und unfähig, im Gegensatz zu denen der andersfarbigen Konkurrenz.
2) Er/sie bohrt weiter: „Und was machst du da genau?“ Dann wird es schwieriger. Nicht, dass ich nicht wüsste, was ich tue, jedenfalls meistens, aber wie es in Worte kleiden? Ich erkläre also grob das Aufgabengebiet unserer Abteilung, woraufhin sich oft 1) anschließt mit dem Zusatz „aber du arbeitest ja in der Zentrale, warum machst du denen nicht mal Beine?“
3) Er/sie arbeitet beim selben Unternehmen. Wir tauschen uns kurz darüber aus, welcher Bereich, und wechseln in stummem Einvernehmen schnell das Thema.

Unter Franzosen ist es absolut unüblich, den anderen nach seinem Beruf zu fragen, ja es gilt gar als unschicklich. Glückliches Frankreich!

Immerhin: Gäbe es ,Was bin ich?‘ noch, so wäre mein Schweinderl (das gelbe bitte) gut gefüllt, denn auf Senior Specialist wären Anett, Guido und Hans auch bei geschicktester Fragestellung nicht gekommen. Geht Schulterzucken eigentlich als typische Handbewegung durch?

Die Brust so blank

Mann trägt wieder Drei- und Mehrtagebart. Nicht nur der Bahnhofsbettler, dem ständig achtzig Cent für eine Fahrkarte fehlen oder Räuber Hotzenplotz, sondern auch der Student und der Büroarbeiter finden zunehmend Gefallen an der Gesichtsbestoppelung. Das hat zum einen ästhetische Gründe, zum anderen – und da spreche ich aus eigener Erfahrung – spart es morgens enorm viel Zeit; Zeit, die man stattdessen etwas länger im Bett verbringen kann.

Diese allgemeine Abwendung von männlicher Gesichtsglätte ist einem großen Klingenhersteller ein Dorn im Auge, verständlich, will er doch Rasierklingen verkaufen. Deshalb hat er die Kampagne „What women want“ gestartet und eine nicht näher benannte Zahl Frauen befragt, wie sie sich ihre Männer wünschen. Das Ergebnis ist wenig überraschend und so durchsichtig wie ein frisch geputztes Fenster: Vierundsiebzig Prozent der Frauen wünschen sich glatte oder jedenfalls gestutzte Körperhaare am Mann.

Nun ist das Fazit dieser „Studie“ in etwa so überzeugend wie wenn Marlboro „Rauchen bildet“ auf seine Schachteln schreiben würde. Aber nehmen wir mal an, rein hypothetisch, es entspräche den Tatsachen. Wäre das nicht schrecklich? Künftig allüberall nur noch Männerbeine wie bei der Tour de France, Arme und Achselhöhlen wie Achtjährige und Männerbrüste wie gerupfte Hühner? Ganz ehrlich, das fände ich beängstigender als die Bespitzelungen durch unsere amerikanischen Freunde! Nee, Mädels, das könnt ihr nicht ernsthaft wollen! Oder…?

Liebe Klingenmanufaktur, ich verspreche euch, mich künftig wieder jeden Morgen brav zu rasieren, jedenfalls im Gesicht. Aber hört bitte bitte auf, so einen Unfug zu verbreiten und die Jungs auf dumme Ideen zu bringen, ja?

Nix darf man!

Vorbemerkung: Den nachfolgenden Text schrieb ich bereits am 16. Juli. Aufgrund der aktuellen Meldung, dass die Grünen nun einen wöchentlichen ‚Veggie Day‘ in Kantinen staatlich verordnen wollen, ist es an der Zeit, ihn unters Volk zu bringen.

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Spätestens seit Moses mit einigen Steintafeln im Gepäck von seiner Bergtour zurück kam, ist das menschliche Dasein von Verboten bestimmt. Viele davon leuchten unmittelbar ein: anderen grundlos den Schädel einzuschlagen gilt als eher unhöflich, und besoffen Autofahren und Kopulieren auf offener Straße sind in weiten gesellschaftlichen Kreisen überwiegend unerwünscht, zu recht. Auch an die gelben Schilder, die etwa das Betreten von Rasenflächen oder Baustellen oder laufende Motoren in geschlossenen Räumen verbieten, haben wir uns in Deutschland schon lange gewöhnt, irgendwie gehören sie dazu, Eltern haften für ihre Kinder.

Dann gibt es zahlreiche Verbote, deren Sinn nicht unmittelbar einleuchtet, und das werden täglich mehr. Die katholische Kirche verbietet Kondome und Sex vor dem ersten Kind (hierzu läuft in Österreich eine staatlich geförderte Kampagne mit „Känguru Keuschi“, keine Satire!* ), die EU verbietet Glühbirnen, und die Grünen sind gegen Getränkedosen, Raucherkneipen, Heizpilze, ja sogar Motorroller, warum auch immer, und neuerdings auch gegen das Recht auf die tägliche Currywurst in der Kantine.

Kann ich die vatikanischen Verbote noch mit einem Schulterzucken als päpstliche Püpse abtun und einfach ignorieren, so sehe ich die staatliche (und keineswegs nur grüne) Reglementierung unseres Alltags mit wachsender Sorge und frage mich: was verbieten sie uns als nächstes? Volksmusik? Bier? Wein? Schokolade? Kaffee? Tee? Cola? Facebook? Sonnenbaden? Freibäder? RTL? Mainzelmännchen? Fußball? Popcorn? Party? Porno? Porsche? Karneval? Urlaubsreisen über 300 Kilometer? Für all dieses ließen sich sicher gute Gründe finden, alles nur zu unserem besten.

Ich hätte auch noch ein paar Vorschläge: Laubbläser, Sprechen in Bahnen, Bussen und Aufzügen vor neun Uhr morgens, vor zehn Uhr aufstehen, Radiowerbung für Möbelhäuser, Müsli und Radiowerbung, Kirchenglocken, Tragen von Flip-Flops in der Öffentlichkeit, Lady-Gaga-Handytöne, seinen Kindern Namen wie „Jimmy Blue“ geben, „Verzögerungen im Betriebsablauf“ bei der Bahn, Mitführen von Fahrrädern in der Straßenbahn, Abspielen von Jan Delay in öffentlichen Radiosendern, „Gesundheit“ rufen, wenn einer niest, sowie den Gebrauch des Wortes „Mahlzeit“.

Ach ja, das wichtigste: unsinnige Verbote gehören als erstes verboten. Und die Grünen? Nun gut, so weit will ich nicht gehen.

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* Nachtrag: Hier irrt der Schreiber, es handelt sich sehr wohl um eine Satire: http://www.heise.de/tp/artikel/39/39537/1.html
Aber zugetraut hätte ich es ihnen!

Wenn es der Banane zu warm wird…

In der (inneren) Nordstadt zu Bonn trifft man immer wieder mal auf recht nette Straßenkunst, die sich angenehm von den üblichen Schmierereien abhebt.

Das folgende Werk – vom Künstler 1zwo3 geschaffen – befindet sich zurzeit an einer Hauswand im Annagraben, Ecke Alexanderstraße:

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Ein paar Meter weiter an einem Stromkasten dieses, vermutlich vom selben Künstler:

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Eher Schmiererei denn Kunst, dennoch irgendwie für fotografierenswert befunden (Römerstraße / Ecke Augustusring):

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Alles umsonst und draußen.

Summernight City

http://www.youtube.com/watch?v=TuZEVL61uFI

Kommt der Sommer nicht im Juni, meckern alle über Kälte, Regen und trüben Himmel. Kommt er dann im Juli endlich, meckern sie auch wieder, über die „unerträgliche“ Hitze. Das ist normal, jedes Jahr wieder. Ich meckere nicht, ich liebe den Sommer mit all seinen Begleiterscheinungen: Temperaturen über 30 Grad, brennende Sonne, Biergarten, Balkon, die Stadt voller Leben, auch nachts, leicht bekleidete Menschen in den Straßen, laue Nächte, in denen man kaum richtig schlafen kann. Na gut, auf diese Gewitter mit Starkregen und Hagel kann auch ich gut verzichten, aber die gibt’s ja nicht nur im Sommer.

Genau so war die vergangene Woche, gleichzeitig die erste Arbeitswoche nach dem Urlaub. Jeden Abend auf dem Balkon mit mindestens einer Flasche Rosé zu zweit, mit dem Wein kommt die Lust auf Zigaretten, die Stimme der Vernunft, welche gemahnt, besser langsam ins Bett zu gehen, wird ignoriert, es ist ja noch so schön gerade. Am nächsten Morgen mit trüben Augen und Blümeranz ins Büro, und mit dem festen Vorsatz, heute früher ins Bett zu gehen, aber dann ist es wieder so schön, siehe oben.

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Dann das Wochenende: Freitagabend Bierbörse in den Rheinauen mit den großartigen QUEEN KINGS, und viel Bier, wie der Name schon sagt, gestern mit schwerem Kater zum Altglascontainer, Weinflaschen entsorgen. Wenn er könnte, würde er mich wohl schon mit Namen begrüßen. Abends Grillen mit dem Nachbarn und (immerhin nicht ganz so viel) Wein. Lange schlafen, trotz Hitze.

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Heute legt der Sommer eine kleine Pause ein, trübe, aber nicht kalt, ab und zu ein paar Tropfen Regen, die Sonne hat Mühe, sich durch die Wolkenschleier zu kämpfen; immerhin, die Unwetterzentrale meldet „alles grün“. Zum Abendessen wird wohl wieder eine Flasche Wein aufgemacht, danach die erste Zigarette des Tages. Aber mein Körper und ich sind uns einig, dass wir danach zeitig ins Bett gehen. Wenn es nicht gerade wieder so schön ist.