Konferenzgedöns

Besprechungen und Telefonkonferenzen sind ein nicht versiegender Quell der Qual, erst recht, wenn der Gegenstand der Diskussion nur mäßig bis gar nicht interessant ist. Wobei der Vorteil einer Telefonkonferenz darin liegt, dass man sich während der Veranstaltung ungeniert in der Nase bohren oder an beliebigen Körperstellen kratzen oder Grimassen schneiden und den anderen Teilnehmern den schlimmen Finger zeigen kann, ohne dass es zum Eklat führt – vorausgesetzt, man verfügt über ein nicht einsehbares Einzelbüro. Manchmal wünsche ich mir, ein talentierter Stimmenimitator zu sein; mit den Sätzen, die ich anderen Teilnehmern in den Mund legen würde, machte ich jede Telefonkonferenz zu einem unvergesslichen Erlebnis für alle Beteiligten.

Die Tage war es wieder so weit, eine halbstündige Telefonkonferenz stand an. Da mich das Thema halbwegs interessierte, hörte ich zu, doch fiel es mir zunehmend schwer, mich auf den Inhalt zu konzentrieren, denn der Hauptredner verwendete in jedem Satz mindestens einmal das Wörtchen „quasi“. Und nicht nur das, die Verwendung des Wortes war offenbar ansteckend, denn bald benutzte es auch der nächste, bis ich nur noch ein Rauschen aus „Blablabla quasi bla quasi blablablabla quasi quasi“ wahrnahm. In meiner Verzweiflung griff ich zum Stift und zählte mit, hier das Ergebnis:

quasi

Da kam mir folgende Idee: Viele Menschen fangen in Besprechungen früher oder später an zu malen oder kritzeln, um wach zu bleiben, zum Beispiel
– Ausmalen von Buchstaben,
– Das Haus vom Nikolaus,
– heimliches Porträtieren anderer Teilnehmer,
– phantasievolle Zeichnungen und Bilder ohne realen Hintergrund,
– das bekannte Bullshit-Bingo spielen oder
– Tic Tac Toe spielen gegen sich selbst oder den Sitznachbarn.

Daher nun mein Aufruf: Schickt mir eure schönsten Besprechungskritzeleien, gerne auch mit ein paar erläuternden Worten zu den Umständen, unter denen sie entstanden sind. Ich werde sie dann hier veröffentlichen. Die E-Mail-Adresse für diese Aktion ist meetingmurx@gmx.de

Ich freue mich auf eure Zuschriften!

Eigentlich wunschlos glücklich

Meine persönliche Lebenssituation ist, zusammengefasst, mit „wunschlos glücklich“ wohl ganz gut beschrieben. Ja, mir fällt in der Tat nichts ein, was, wenn es käme beziehungsweise wegfiele, meine Zufriedenheit dauerhaft zu steigern vermöchte: kein Geldgewinn, keine neue Liebe, kein Abenteuer, keine große Reise, auch nicht ein neuer Job; nichts könnte mich glücklicher machen, als ich bin. (Na gut, weniger krumme Füße vielleicht, aber irgendwann hätte ich mich auch an die gewöhnt.)

Und doch – manchmal habe ich diesen Traum:

Ich bin jung, um die fünfundzwanzig, und studiere, vielleicht Chemie, Architektur oder Literatur, egal, Hauptsache nicht Medizin, Jura oder BWL.

Mit zwei anderen Jungs wohne ich in einer WG in der Altstadt; abends sitzen wir in unserer Küche, essen Pizza, trinken Bier, rauchen was, nennen uns gegenseitig „Alda“, dann reden wir bis in die Nacht über Fußball und Frauen oder zocken Computerspiele. Mein gesamtes Zeugs findet locker Platz in meinem WG-Zimmer, oder in einem Kleintransporter, wenn ich umziehen muss. Und das muss ich irgendwann, aber noch nicht. Auf dem Dachboden bei meinen Eltern liegt auch noch einiges, zum Beispiel meine früher so geliebte Carrera-Bahn. Muss ich irgendwann mal holen, aber das hat Zeit.

Nur selten rasiere ich mich, laufe meistens mit einem Dreitagebart herum; meine Haare trage ich mittellang und kümmere mich nur wenig um die Frisur. Erst wenn es gar nicht mehr geht, gehe ich zum türkischen Zehn-Euro-Frisör um die Ecke und lasse sie ganz kurz schneiden, sechs Millimeter. Meine Kumpels ziehen mich gerne auf wegen meiner starken Brustbehaarung, aber das ist nur der Neid der kindlich-glatten. Meine Freundin fährt voll darauf ab. Alda…

Meine Jeans trage ich tief, so dass die Boxershorts über den Bund hinausschauen. Im Sommer laufe ich in T-Shirt, Shorts und Flip Flops durch die Stadt. Mit den Jungs verbringe ich viele Stunden im Freibad oder auf der Wiese im Hofgarten, flirte lieber mit den Mädels auf der Decke nebenan, statt für die Klausur zu lernen.

Ich bin sportlich aktiv, laufe dreimal die Woche, gehe regelmäßig zu McFit, und samstags treffen wir uns zum Bolzen im Hofgarten. Wir schauen Bundesliga in der WG, WM und EM beim Rudelgucken in der Kneipe, manchmal fahren wir ins Stadion. Ein Leben ohne Fußball ist für mich nicht vorstellbar.

Mein bester Freund kennt mich schon sehr lange und sehr genau, wir lachen über denselben Scheiß, während die anderen sich fragen, was daran jetzt lustig ist; wir haben denselben Musik- und Filmgeschmack, manchmal labern wir stundenlang nur in Filmzitaten. Er ist da, wenn ich scheiße drauf bin, Stress mit dem Studium oder der Freundin habe, und er tritt mich in den Arsch, wenn ich nicht aus dem Quark komme. Seine direkte Ehrlichkeit ist manchmal brutal, aber wäre er sonst mein bester Freund?

Meine Freundin. Sie ist der beste Kumpel von allen. Klar, manchmal schaue ich schon anderen Frauen hinterher, dann sagt sie Sachen wie „Meine Titten sind dicker“, anstatt rumzuzicken. Wir haben viel und ziemlich versauten Sex, auch an ungewöhnlichen Orten, in der Zugtoilette, im Maisfeld oder im Kino, als wir fast alleine in der Vorstellung sind. Sie will ständig, ich kann fast immer. Manchmal schauen wir zusammen Pornos, anschließend filmen wir uns beim Ficken und stellen es hinterher bei Youporn ein. Es ist einfach geil mit ihr.

Dann endet der Traum. Ginge er weiter, dann vielleicht etwa so:

Vor mir liegen massenhaft Klausuren, Hausarbeiten und Prüfungen, für die ich was tun muss, erst noch in sicherer Entfernung, doch je näher sie rücken, desto hektischer und panischer werde ich, und hinterher frage ich mich, für was ich das alles gelernt habe.

Völlig offen ist, wovon ich mal leben werde. Werde ich, nach unzähligen Bewerbungen und Praktika, einen Job finden, für den sich das Studium gelohnt hat, der gut bezahlt ist und Spaß macht? Oder werde ich mich von einem Aushilfsjob zum nächsten hangeln, kann gerade mal meine Einzimmerwohnung in einem heruntergekommenen düsteren Plattenbau bezahlen?

Aber vielleicht läuft es ja gut, ich ziehe mit meiner Freundin zusammen, hundert Quadratmeter Vierzimmer Altbau renoviert im Musikerviertel. Irgendwann wollen wir nicht mehr im Aufzug und für Youporn vögeln, sondern wir wollen Kinder, denen wir dann so Namen wie Maximilian und Paula geben, und ohne es zu merken, habe ich bald auch diesen unerträglich süßen Tonfall junger Väter drauf, wenn ich mit ihnen spreche.

Mit Ende dreißig wohnen wir in einem Haus inmitten vieler ähnlicher Häuser in der Neubausiedlung vor der Stadt, haben zwei Kinder und einen Hund; samstags mähe ich den Rasen, wie alle hier, sonntags besuchen wir die Schwiegereltern, damit sie uns wohlgesonnen bleiben und auf die Kinder aufpassen, wenn wir mal in Ruhe ins Restaurant oder Kino wollen. Ohne zu vögeln freilich.

Dann wache ich auf und bin froh, dass es nur ein Traum war. Dann bin ich wieder wunschlos glücklich.

Apphängig

Machen wir uns nichts vor: wir leben in einer GmgB, einer Gesellschaft mit gesenktem Blick, nicht weil des Lebens Last uns drückt, sondern weil wir allesamt versklavt sind, jawohl, wir sind alle Sklaven, Sie, ich, alle anderen um uns herum, alles Sklaven, und das freiwillig und gerne. Dabei ist es nicht ein grausamer, feudaler Herrscher, der uns in Ketten legt, täglich auspeitscht – was manchem vielleicht gar gefallen mag – und uns unschöne Arbeiten verrichten lässt wie das Klo putzen oder das Altglas zum Container schleppen.

Unser Herr und Gebieter ist ein kleines, handliches Gerät, das wir ständig mit uns führen und auf das wir starren, wo auch immer wir gerade sind und was auch immer wir gerade tun: auf die Bahn warten, kacken, kopulieren, duschen, fernsehen, essen, schlafen, gehen. Wie die Gemeinschaft deutscher Krankenversicherer mitteilt, hat die Zahl der Kopfverletzungen nach Kollision mit Laternenpfählen und unaufmerksamen Personen seit 2007 sprunghaft zugenommen, Tendenz steigend. Schaut man sich um, auf der Straße, in der Bahn etwa, so ist man umgeben von Menschen, die ihr Gerät fixieren (oder umgekehrt) und darauf herum tippen, wenn sie es nicht gerade ans Ohr halten und „Wo bist du“ sagen, oder die es, während sie fixieren und tippen, mit einem Kopfhörer verbunden haben, gegen den der Gehörschutz eines Flugzeugeinparkers in Berlin-Tegel zierlich wirkt. Setze ich mich heute mit einem Buch in die Bahn, also so einem Ding aus Papier, so komme ich mir altmodisch und spießig vor, als führe ich nachts mit Licht Fahrrad oder hielte mit demselben vor einer roten Ampel.

Gingen verliebte Paare früher ins Restaurant, unterhielten sie sich beim Essen und zwischen den Gängen. Heute starrt jeder schweigend aufs Display, derweil der Salat welk und das Steak kalt werden; wo früher Worte wechselten, unterbricht heute das „Düdeldü“ eines Tweets oder das „Bing“ einer eingegangenen Mail die einvernehmliche Stille:

Düdeldü – „@Hasi schmeckt es dir schatz?“
Düdeldü – „@Mausi ja wunderbar. reichst du mir mal das salz?“

Die Halluzination 2.0 ist das gefühlte Vibrieren des Smartphones in der Hosentasche, selbst wenn es mit leerem Akku auf dem Tisch liegt oder man gar keine Hose anhat.

Kürzlich war ich es leid: Ich wollte nicht länger Smartphonesklave sein, endlich die Ketten der Vernetzung sprengen. So machte ich ein Experiment: einen Tag ohne. Entschlossen schaltete ich es aus (nachdem ich in der Bedienungsanleitung nachgeschaut hatte, wie das geht), legte es in die Schublade und verließ das Haus. Noch auf dem Weg zur Bahn verhöhnte ich innerlich die App-abhängigen um mich herum – doch kaum saß ich, spürte ich die innere Unruhe, verstärkt mit jedem „Bing“, welches meinem Sitznachbarn den Eingang einer neuen Mail verkündete; meine Hände wurden feucht und die Buchstaben in meinem Buch tanzten wild durcheinander. Seitdem weiß ich, wie es sich anfühlt, unter brennender Sonne durstig in einem kleinen Boot auf dem Ozean zu dümpeln, umgeben von nichts als Wasser.

Ich muss der Wahrheit ins Auge sehen: Ohne professionelle Hilfe schaffe ich es nicht, mich aus dem mobilen Joch zu befreien. Doch verzweifle ich nicht daran – irgendwann gibt es dafür bestimmt eine App.

Porno

Mit Musik geht bekanntlich alles besser, weniges nur befreit Herz und Seele so sehr wie ein fröhliches Lied, erst recht wenn man es selbst singt. Wer das nicht glaubt, den lade ich heute dazu ein. Gesungen wird es nach der Melodie „Cello“ von Udo Lindenberg / Clueso, die Begleitmusik finden Sie hier.
Ich wünsche viel Vergnügen!

(Hinweis: der nachfolgende Text ist für Jugendliche unter 16 Jahren nur bedingt geeignet.)

***

Zu Hause auf dem Sofa
mit dem iPhone in der Bahn
wo immer ich auch war, hatte ich Youporn an

Schaute zu wie sie es trieben, Mann mir Frau, Mann mit Mann,
doch hätte ich es nie gedacht
dass ich mich in wen verlieben kann

Sah dich im Porno
Sah deine Lendengegend
Konnt‘ meinen Blick nicht mehr abwenden
Und ich fand dich so erregend

Porno

Du warst ein Sexgott für mich
Und immer sah ich dich an
Und ich dachte: Was für‘n Mann
Noch mal hin und her, dann war ich fertig
Du du du du du du du du du…

Ja ich war ständig scharf
Denn du hast mich überzeugt
Ich wollt‘ so gerne es mit dir treiben

Und überhaupt, da dein Dings, das war so groß
Das kann man gar nicht beschreiben

Und heute bist du nicht mehr dort
Auf Youporn nur noch „Hühner“
Komm pack dein Ding doch noch mal aus
Und mach‘s so geil wie früher.

(Zwischenspiel)

Sah dich im Porno
Sah dich die Lenden bewegend
Konnt‘ meinen Blick nicht mehr abwenden
Und ich fand dich so erregend

Porno

Du warst ein Sexgott für mich
Und manchmal sahst du mich an
Und ich dachte: Was für‘n Mann
Noch mal hin und her, dann war ich fertig
Du du du du du du du du du…

Tagebuch

In seinem Blog schmerzwach forderte Jannis Ende November dazu auf, in unseren alten Tagebüchern zu stöbern, Fotos davon zu machen und daraus zu zitieren. Ich halte das für eine wunderbare Idee, daher folge ich seinem Aufruf gerne. Seit 1986 schreibe ich mehr oder weniger regelmäßig Tagebücher, bis heute, ich erwähnte es schon. Im Gegensatz zu heute, wo man gar nicht genug Leser haben kann für seine Blogs, Tweets und so weiter, hatte ich damals eine geradezu panische Angst, jemand könnte mein Tagebuch lesen. Daher schrieb ich in deutscher Sütterlin-Schreibschrift, die ich mir kurz zuvor selbst beigebracht hatte. Die Schrift habe ich bis heute beibehalten, denn auch heute noch möchte ich nicht alles, was den Weg in mein Tagebuch findet, von anderen gelesen wissen, zumal das meiste eh höchst uninteressant sein dürfte.

Zur Sache nun: Der nachfolgende Eintrag ist vom 29.11.1992. Ich war mal wieder verliebt (das waren immer die Zeiten, wo meine Tagebücher Hochkonjunktur hatten); leider währte die Gegenliebe nur kurz und erodierte bald zu „Wir können ja Freunde bleiben“. Im Abklingbecken meiner Gefühle entstanden die beiden folgenden Gedichte. Ich neige sonst nicht zu Lyrik, aber hier passte es ganz gut:

*

Chaos
Ich sage dir, daß alles in Ordnung ist zwischen uns.
Ich sage dir, daß ich darüber hinweg bin.
Ich erzähle dir sogar alles von dem anderen.
Ich bemühe mich, das alles selbst zu glauben.
Ich versuche zu vergessen, was war.
Doch wie die Sonne an einem bewölkten Tag
kommt die Wahrheit immer wieder durch
und wirft mich zu Boden.
Dann tut es noch so weh wie am Anfang.
Aber ich weiß, daß die Zeit für mich arbeitet…
Und das gibt mir wieder Hoffnung!

Am selben Tag schrieb ich:

Cognitive Dissonanz
Du sagst, wir passen nicht zusammen.
Mein Verstand sagt das auch.
Nur mein Herz will das einfach nicht begreifen.
Und du wunderst dich, daß ich unausgeglichen bis?

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