Apphängig

Machen wir uns nichts vor: wir leben in einer GmgB, einer Gesellschaft mit gesenktem Blick, nicht weil des Lebens Last uns drückt, sondern weil wir allesamt versklavt sind, jawohl, wir sind alle Sklaven, Sie, ich, alle anderen um uns herum, alles Sklaven, und das freiwillig und gerne. Dabei ist es nicht ein grausamer, feudaler Herrscher, der uns in Ketten legt, täglich auspeitscht – was manchem vielleicht gar gefallen mag – und uns unschöne Arbeiten verrichten lässt wie das Klo putzen oder das Altglas zum Container schleppen.

Unser Herr und Gebieter ist ein kleines, handliches Gerät, das wir ständig mit uns führen und auf das wir starren, wo auch immer wir gerade sind und was auch immer wir gerade tun: auf die Bahn warten, kacken, kopulieren, duschen, fernsehen, essen, schlafen, gehen. Wie die Gemeinschaft deutscher Krankenversicherer mitteilt, hat die Zahl der Kopfverletzungen nach Kollision mit Laternenpfählen und unaufmerksamen Personen seit 2007 sprunghaft zugenommen, Tendenz steigend. Schaut man sich um, auf der Straße, in der Bahn etwa, so ist man umgeben von Menschen, die ihr Gerät fixieren (oder umgekehrt) und darauf herum tippen, wenn sie es nicht gerade ans Ohr halten und „Wo bist du“ sagen, oder die es, während sie fixieren und tippen, mit einem Kopfhörer verbunden haben, gegen den der Gehörschutz eines Flugzeugeinparkers in Berlin-Tegel zierlich wirkt. Setze ich mich heute mit einem Buch in die Bahn, also so einem Ding aus Papier, so komme ich mir altmodisch und spießig vor, als führe ich nachts mit Licht Fahrrad oder hielte mit demselben vor einer roten Ampel.

Gingen verliebte Paare früher ins Restaurant, unterhielten sie sich beim Essen und zwischen den Gängen. Heute starrt jeder schweigend aufs Display, derweil der Salat welk und das Steak kalt werden; wo früher Worte wechselten, unterbricht heute das „Düdeldü“ eines Tweets oder das „Bing“ einer eingegangenen Mail die einvernehmliche Stille:

Düdeldü – „@Hasi schmeckt es dir schatz?“
Düdeldü – „@Mausi ja wunderbar. reichst du mir mal das salz?“

Die Halluzination 2.0 ist das gefühlte Vibrieren des Smartphones in der Hosentasche, selbst wenn es mit leerem Akku auf dem Tisch liegt oder man gar keine Hose anhat.

Kürzlich war ich es leid: Ich wollte nicht länger Smartphonesklave sein, endlich die Ketten der Vernetzung sprengen. So machte ich ein Experiment: einen Tag ohne. Entschlossen schaltete ich es aus (nachdem ich in der Bedienungsanleitung nachgeschaut hatte, wie das geht), legte es in die Schublade und verließ das Haus. Noch auf dem Weg zur Bahn verhöhnte ich innerlich die App-abhängigen um mich herum – doch kaum saß ich, spürte ich die innere Unruhe, verstärkt mit jedem „Bing“, welches meinem Sitznachbarn den Eingang einer neuen Mail verkündete; meine Hände wurden feucht und die Buchstaben in meinem Buch tanzten wild durcheinander. Seitdem weiß ich, wie es sich anfühlt, unter brennender Sonne durstig in einem kleinen Boot auf dem Ozean zu dümpeln, umgeben von nichts als Wasser.

Ich muss der Wahrheit ins Auge sehen: Ohne professionelle Hilfe schaffe ich es nicht, mich aus dem mobilen Joch zu befreien. Doch verzweifle ich nicht daran – irgendwann gibt es dafür bestimmt eine App.

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