Woche 14: Ein Höllenjob

Montag: Für mich immer wieder unfassbar, wie viele Worte um so einen Unfug wie Fußball gemacht werden. Mit der dafür aufgewendeten Energie könnten vermutlich mehrere Kernkraftwerke ersetzt werden.

Dienstag: Schaun mer mal. Auch so eine abgegriffene Phrase aus der Kaiserzeit, welche zu hören körperliche Schmerzen verursacht.

Mittwoch: Weltweites Entsetzen wegen des Giftgasangriffs in Syrien. In diesem Zusammenhang hört man immer wieder von „illegalen Waffen“. Mein persönliches Entsetzen über die daraus folgende Idee, es könnte auch legale Kriegswaffen geben, ist nur unwesentlich geringer.

Unterdessen steht in der Zeitung, De­niz Yü­cel leide unter der Einzelhaft. Was haben die denn erwartet: freudiges Jubilieren?

Donnerstag: Manchmal stellt sich beim Hochfahren des Rechners spontan gute Laune ein.

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Freitag: Wenn ich das richtig verstanden habe, kam es zu einem Skandal um ein niederländisches Kindermalbuch, weil es einen Erdogan zum Ausmalen enthielt. Vielleicht habe ich das auch falsch verstanden.

Heute hielt ich mich in Dortmund auf. Noch immer erfüllt es mich mit Wehmut, wenn der Zug bei der Ankunft in den dortigen Bahnhof einfährt. Die Gründe können Sie in meinem Bestseller nachlesen, sollte er irgendwann mal fertig werden.

Samstag: Fahrt mit meinen Lieben nach Avignon, wo in der kommenden Woche die Weinmesse Découvertes en Vallée du Rhône ausgerichtet wird, auf welcher ich wieder meine dekorativ-repräsentative Funktion als Importeursgattin wahrzunehmen habe.

Sonntag: Es ist ein Höllenjob.

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Nie wieder

Das April-Wort des von mir sehr geschätzten Blog-Projektes *.txt lautet ‚Alkohol‘. Als dieser Substanz nicht grundsätzlich abgeneigtem Menschen fällt es mir nicht sonderlich schwer, ihr ein paar Zeilen zu widmen.

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Alkohol

„Trink Wein auf Bier“,

so riet man mir,

„Zu Bier nach Wein

sag auch nicht nein!“

Doch waren dies schlechte Berater,

am Morgen schnurrt ein fetter Kater

in meinem Kopf auf feuchtem Zwirn

und schlägt die Krallen in mein Hirn.

Vernehmt drum folgende Parol‘:

Ich trink nie wieder Alkohol!

Kein Bier, kein Schnaps, nicht Wein noch Sekt,

nur Wasser noch, auch wenn‘s nicht schmeckt!

Des Katers Krallen längst vergessen,

des Koches Kunst bei gutem Essen

ist rein mit Wasser nicht zu loben.

Des Liedes Ende: Siehe oben.

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Schon vor sechs Jahren schrieb ich nach feuchter Nacht dieses zum Thema. Es gibt Dinge, die hören nie auf. Begießt mein hoffentlich noch fernes Grab mit Rosé.

Woche 13: Uns blüht was

Montag: Während der Frühling sein blaues Band flattern lässt, verursacht der Schulz-Effekt bei mir vor allem so langsam eine tiefe Abneigung gegen dieses Wort.

Dienstag: Erster Balkonabend des Jahres. Blitze zucken in der Ferne. Egal, es gibt Rosé.

Mittwoch: Laut einer Radiomeldung sollen demnächst keine öffentlichen Aufträge mehr vergeben werden an Firmen, die den Terror unterstützen. Das dürfte Unternehmen wie Rheinmetall (Panzer), Heckler & Koch (Sturmgewehre) und Einhell (Laubbläser) Probleme bereiten.

Donnerstag: Der neue Anzug sitzt bequem wie ein Pyjama. Die Auswirkungen auf die Qualität des Büroschlafs sind indes marginal.

Freitag: In diesen Tagen blüht uns wieder was.

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Samstag: Kein Scherz. In Zeiten ganzjähriger fake news und alternativer Fakten verliert der 1. April langsam an Bedeutung.

Sonntag: Als bekennenden Schönwetter-Radfahrer führte mich heute die erste Fahrt des Jahres zur Siegmündung.

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Woche 12: Irgendwas ist ja immer

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Montag: Vergangene Nacht träumte ich von einem Skorpion auf fleckigem Betttuch, welchem ich verständlicherweise mit einer gewissen Furcht begegnete. Als ich heute in ruhiger Minute nach der darauf zutreffenden Angst (vielleicht Cnidophobie – Angst vor Stacheln) recherchierte, stieß ich auf Anatidaephobie: die Angst, von Enten beobachtet zu werden. Gibt es eigentlich einen Begriff für die Angst davor beziehungsweise Abneigung dagegen, am Montagmorgen zum Sprechen genötigt zu werden?

Dienstag: Nachdem die Erkältung halbwegs abgeklungen ist, hindert mich nun leichter Schmerz im rechten Oberschenkel am Laufen. Irgendwas ist ja immer. Vielleicht das Alter? Immerhin: Das schont die neuen Laufschuhe. – Unterdessen ist heute die neue Waschmaschine eingetroffen. Vorläufig hört sie auf den Namen Bärbel.

Mittwoch: Trotz eher mäßigem Lesegenusses heute die aktuelle Stadtbahnlektüre „Ich hasse dieses Internet“ von Jaret Kobeck ausgelesen. Es gelingt mir fast nie, ein Buch vorzeitig zu beenden, weil es sich anfühlt wie eine persönliche Beleidigung des Autors, was meinem krankhaften Harmoniestreben zuwider läuft. Außerdem könnte ja am Ende doch noch was Lesenswertes kommen. Kam aber nicht.

Donnerstag: Ein herrlicher Frühlingstag mit Fußmarsch zur Arbeit am Morgen. An anderen, seltenen Tagen, an denen Widerwille mein Wegbegleiter ins Büro ist, motiviert mich die Erkenntnis, es gibt viel schlimmere Jobs als meinen. Zum Beispiel Sprecher der Deutschen Bahn. Überhaupt Sprecher. Es sei denn, man heißt Andrea Titz und ist Sprecherin des Oberlandesgerichtes München. Äußerlich Evelyn Hamann nicht unähnlich, tritt sie regelmäßig vor die Fernsehkameras und berichtet mit sonorer, von bayrischem Akzent verzierter Stimme über den Sachstand der ganz großen Verfahren, in dieser Woche etwa des Prozesses gegen Georg Funke, den ehemaligen Chef der Hypo Real Estate. Bekannt geworden ist sie durch regelmäßige Auftritte anlässlich des NSU-Prozesses, mittlerweile gewissermaßen der Hauptstadtflughafen unter den Strafverfahren. Sie sehen in mir einen großen Bewunderer von Andrea Titz.

Laut einer Zeitungsmeldung würde fast ein Drittel aller Menschen zwischen neunzehn und achtunddreißig eher auf Sex verzichten als auf ihr Smartphone, so weit ist es schon gekommen. Ich wäre immerhin zum Verzicht bereit auf Sex mit dem Smartphone.

Freitag: Iktsuarpok kommt aus dem Inuit und bezeichnet die Vorfreude, wenn man auf jemanden wartet. Ich kenne Iktsuarpok gut. Jeden Freitag aufs Neue.

Samstag: Reisen bildet. Auf der Rückfahrt aus Köln wurde ich in der Mittelrheinbahn Zeuge eines Gespräches, in dessen Verlauf eine Dame ihrem Sitznachbarn und allen anderen Mitreisenden drumherum mitteilte, sie nehme nie das Mobiltelefon mit auf die Toilette.

Das Ende des Internets finden Sie übrigens hier: http://endedesinternets.de/

Sonntag: Die Zeitumstellung auf Sommerzeit ist in etwa so notwendig wie ein Porsche.

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Fastenverzicht ist kein Charakterriss

In diesen Wochen gefallen sie sich wieder darin, zu fasten. Nicht aus religiösen Gründen, auch nicht so sehr als Wiedergutmachung für die dem eigenen Körper in den karnevalistischen Wochen zugefügten Schändungen. Die meisten tun es, weil man es jetzt einfach tut, weil es hip ist, weil sie dann sagen können „nein danke, ich faste jetzt“, wenn sie ein angebotenes Craft-Bier oder eine Einladung in den nächsten hippen Burgerladen, den mittlerweile siebenundzwanzigsten in der näheren Umgebung, ausschlagen. Fasten ist mittlerweile so angesagt wie politisch korrekt in die (linke) Armbeuge zu husten, Vollbart zu tragen (zumeist Männer), sein Gemüse in einer alten Kiste im Innenhof zu ziehen, was die Möglichkeit eröffnet, beiläufig den Begriff urban gardening ins Gespräch einzuflechten, sich von püriertem Gemüse der absonderlichsten Sorten zu ernähren, während der Arbeitszeit auf dem Büroflur eine Runde zu kickern, mit Laktosinkompetenz / Brokkoliunverträglichkeit zu prahlen, seine täglichen Schritte elektronisch zählen zu lassen oder seinen morgendlichen Kaffee bei einer dieser hippen fahrenden Buden in einen Pappbecher oder den mitgebrachten Thermobecher abfüllen zu lassen, um ihn anschließend auf dem Weg zum Büro im Minutentakt nippend zu verzehren. Wann fing das eigentlich an, dass Menschen sich gezwungen fühlen, überall einen gefüllten Kaffeebecher mit sich herum zu tragen?

Beliebte Objekte des ritualisierten Verzichts sind Alkohol, Snacks, Zigaretten sowieso, und das nicht nur zu Fastenzeit, Fleisch, also nur, wer sich immer noch nicht vegan oder wenigstens vegetarisch ernährt; manche behaupten gar, sie wären weniger online, was von allem am wenigsten glaubhaft erscheint. Früher galt es als hart, im Winter ein Loch ins Eis zu hacken, um darin zu baden, heute, fünf Minuten auf den Bus zu warten und dabei nicht auf das Smartphone zu schauen.

Ich mache das nicht mit, halte  den Verzicht auf das Fasten keineswegs für einen Charakterriss, andererseits stört es mich nicht, wenn andere es tun, solange sie mir mein Abendglas und die Feierabendzigarette nicht madig zu machen suchen. Ich hätte indes noch zwei Fastenvorschläge: Verzichtet doch mal vier Wochen lang darauf, ständig „okay“ zu sagen, wenn man euch was erzählt, und sagt nicht andauernd „genau“, wenn ihr eigentlich „äh“ meint. Damit wäre schon vielen geholfen und die Welt wäre eine etwas schönere. Auf weitere Ratschläge verzichte ich.