Woche 37/2025: Einige beeindruckende Aussichten und eine Stimmungsschwankung mit Außenwirkung

Montag: Vergangene Nacht träumte ich, meine Kollegin M. und ich seien zu einem Gespräch in der Personalabteilung geladen worden. Dort wurden wir informiert, dass unsere Arbeitsplätze demnächst wegfallen und wir im kommenden Jahr in den Vorruhestand gehen könnten. Als ich später, weiterhin träumend – nun wird es etwas unlogisch, das ist bei Träumen ja nicht ungewöhnlich – als ich also später M. von meinem Traum erzählte, berichtete sie, das gleiche geträumt zu haben. Als noch später Maybrit Illner Herrn Merz dazu befragte, zog er die Stirn kraus und sagte: „Das wird es mit mir nicht geben.“ (Gut, das mit Illner und Merz habe ich nicht geträumt sondern mir gerade ausgedacht, aber es hätte den Traum abgerundet.)

Ansonsten ein angenehm ruhiger Start der nächsten Urlaubswoche. Das Grundstück verließ ich nur für etwa eine halbe Stunde zur Müllentsorgung, die hier ja, wie bereits früher dargelegt, nicht in eigene Mülltonnen erfolgt, sondern in Müllcontainer an öffentlichen Sammelstellen in fußläufiger Nähe, also stets mit einem willkommenen Spaziergang verbunden. Bei der Gelegenheit entsorgte ich auch das Altglas, es hatte sich wieder einiges angesammelt in den letzten Tagen; es ist mir ein Rätsel.

Liegestuhlperspektive, nachmittags

Dienstag: Während das heimische Rheinland in Regenfluten versank (so schlimm war es dann zum Glück doch nicht), fuhren wir mit den Fahrrädern nach Vaison-la-Romaine, wo heute Markt war. Der ist riesig und war stark besucht, augenscheinlich größten Teils von Touristen wie uns, auch auffallend viele Hunde und eine Katze waren unter den Besuchern, von denen wiederum viele nicht selbst laufen mussten, vielmehr wurden sie von ihren Haltemenschen getragen oder in Wägelchen durch das Getümmel geschoben. Das Marktangebot schien überwiegend touristisch: Neben Ständen für Taschen, Hüte, Portemonnaies, Gürtel und Stoffe waren vergleichsweise wenige Händler mit Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln vertreten.

Hinfahrt, bei Entrechaux
Nach Ankunft in Vaison-la-Romaine

Nach Rückkehr am frühen Nachmittag waren Leserückstände in Blogs und der Zeitung aufzuholen. Die Stadtwerke Bonn haben neue Elektrobusse erhalten. Darüber berichtet der General-Anzeiger: „Außen klingt er wie eine Straßenbahn, die sich auf Samtpfoten bewegt. […] Ein Detail, das zeigt, dass die Busse nicht nur für Technikfans, sondern auch für den Alltag gebaut wurden.“ Bis heute wusste ich nicht, dass Busse auch für Technikfans gebaut werden. Eine Straßenbahn mit Samtpfoten wäre schon eine kleine Sensation, nicht nur für Technikfans.

Dann senkte sich schon wieder die Sonne über der Provence und der Apéro war vorzubereiten.

So kommet und schmecket, denn siehe, es ist angerichtet.

Abends fuhren wir zum Restaurant in Beaumont-de-Ventoux, von wo aus es ein beeindruckendes Abendrot zum Abendbrot zu betrachten gab. Fast alle Tische waren belegt, zu den Essgästen kamen später noch zahlreiche liebestolle geflügelte Miniameisen hinzu, die sich jedoch friedlich verhielten.

..
Und Händewaschen nicht vergessen

Mittwoch: Für diesen Urlaub hatte ich mir vorgenommen, zu schreiben, nicht nur die tägliche Notiz hier und den Tagebucheintrag vor dem Schlafen, sondern auch ein paar längere Blogtexte vorzubereiten, an der Romandauerbaustelle zu arbeiten und Postkarten. Immerhin letzteres konnte ich heute, drei Tage vor Abreise, erledigen, somit treffe ich voraussichtlich vor den Kartengrüßen in Deutschland ein, was solls; den Empfängern wird es egal sein. Nach dem Besuch des Wochenmarktes mittags kaufte ich die Karten mit den erforderlichen Timbres, nachmittags verbanden wir den Einwurf in den örtlichen Briefkasten mit einem Getränk im Café, immer auch kleine Erfolge feiern, ganz wichtig.

Apropos Café – der Liebste weiß über die französische Gastronomie: „Biergarten kennen die hier nicht, durch Weingärten fährt man hier ständig. Im Café gibt es auch Kaffee, aber keinen Kuchen, denn ein Café ist eigentlich eine Kneipe. Und hier trinkt man auch Bier, aber traditionell eher Pastis. Also ist es eher ein Pastisserie. Nicht zu verwechseln mit einer Patisserie, da gibt es dann wiederum Kuchen.“

Gunkl schreibt:

Der Beruf der Person, die bei Kampfmittelräumungen, wenn die Bombe auf freies Gelände geschafft worden ist, den Countdown zur Sprengung einleitet, ist mit „Platzwart“ zutreffend beschrieben, aber unkorrekt benannt.

Donnerstag: Heute war Wandertag. Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Auto nach Beaumes-de-Venise, von dort wanderten wir um den Berg nördlich des Ortes. Mit gut sieben Kilometern eine kurze Strecke, üblicherweise sind meine sonntäglichen Spaziergänge zu Hause länger, doch die hatte es in sich. Vor allem der Abstieg von der Chapelle Saint-Hilaire hinunter zur Chapelle Notre-Dame d’Aubune war steil und steinig, jeder Schritt musste wohl überlegt und gut gesetzt sein, um nicht abzurutschen oder wenigstens umzuknicken. Zudem hatte ich morgens die Wetterlage falsch eingeschätzt, für lange Jeans war es zu warm. Jedenfalls bot die Strecke einige beeindruckende Aussichten, und das pique-nique nach dem Abstieg im Schatten der Chapelle Notre-Dame d’Aubune hatten wir uns verdient. Dabei wurden wir Zeuge, wie eine Hornisse eine Wespe erlegte und als Abendessen nach Hause trug. Offensichtlich wusste sie nicht, dass Wespen unter Naturschutz stehen, oder ignorierte es wissentlich; das passt in diese Zeiten abnehmender Bereitschaft, sich an Regeln zu halten.

Ausblick auf die Dentelles de Montmirail
Ausblick auf den Mont Ventoux
Chapelle Saint-Hilaire
Der Weg beim Abstieg
Pique-nique

Am frühen Abend brachten wir die Fahrräder zurück zum Verleih, das Urlaubsende rückt näher. Am Ende ist auch die Pastis-Flasche, einen Tag zu früh. Was soll man machen.

Freitag: Der faktisch letzte Urlaubstag ist stets von einer gewissen Urlaubsendemelancholie untermalt, dieses Mal wieder besonders ausgeprägt. Dessen ungeachtet fuhren wir vormittags nach Avignon, um die Markthalle leerzukaufen. Erstmals stellten wir den Wagen auf dem großen Parkplatz vor der Stadt ab, der wesentlich einfacher zu erreichen ist als die örtlichen Parkhäuser, zudem kostenlos. Von dort kann man entweder einen Spaziergang in die nahe Innenstadt machen, oder man nimmt einen der kleinen Elektrobusse, die in enger Taktung nach wenigen Minuten Fahrt intra muros ankommen, ebenfalls kostenlos. Wir entschieden uns für letztere Variante.

Mehr Bilder zum Tag finden Sie hier.

Abends gesehen: Das in Deutschland beliebte Busfahrtziel „Betriebshof“ heißt in Frankreich „Sans voyageur“.

Aus der Zeitung: „Ed Sheeran will die Vergangenheit hinter sich lassen“. Wo denn sonst?

Samstag: Nach urlaubsunangemessen frühem Wecker räumten wir die letzten Sachen, leerten den Kühlschrank und zogen die Betten ab. Nach kurzem Kaffee und ansonsten ungefrühstückt fuhren wir um kurz nach acht los, mit Halt an der nächsten Müllsammelstelle und der Boulangerie, um Reisegebäck zu kaufen.

Meine persönliche Stimmung am Abreisetag ist stets gemischt: einerseits Abschiedsschmerz von diesem wunderschönen Ort, andererseits der dringende Wunsch, nach Hause zu kommen; selbst die intensiven Farben der Provence erscheinen dann deutlich blasser, was heute auch am bewölkten Himmel gelegen haben mag. Deshalb verstehe ich die Freude mancher Pauschalurlauber nicht, wenn am Abreisetag der Bustransfer zum Flughafen erst nachmittags erfolgt und sie bis dahin noch einige Stunden am Pool rumlungern können.

Während der ersten Kilometer bis nach Bollène, durch Weinfelder und Dörfer der Drôme, überwog noch Wehmut, doch mit Auffahrt auf die Autobahn der Drang, wegzukommen. Das gelang mittelgut: Durch den üblichen Stau in Lyon waren wir bald durch, dafür hielt uns ein Bouchon vor einer Baustelle bei Toul längere Zeit auf, auch, weil wir den Vorschlag von Frau Navi ignoriert hatten. Zudem gerieten wir in eine gefährliche Situation, als unmittelbar vor uns ein Wohnmobil aus Erlangen auf die linke Spur wechselte und nur durch eine heftige Bremsung meinerseits schlimmeres verhindert werden konnte. Wenig später Ähnliches, als vor uns ein belgischer PKW auf die Autobahn auffuhr und Anstalten machte, wegen eines LKW direkt auf die mittlere Spur zu wechseln; nur durch mahnendes Hupen konnte er in der Spur gehalten werden. Derartige Rücksichtslosigkeit, im wörtlichen Sinne, beobachte ich zunehmend, auch bei Radfahrern. Der von hinten kommende sieht mich ja, er kann ja bremsen. Erwähnte ich schon, dass mir Autofahren zunehmend zuwider ist?

Nach Ankunft, Auspacken und Wiedersehensgetränk mit dem Geliebten gingen wir spanisch essen. Nach zwei Wochen Frankreich auch mal schön.

Sonntag: Aus nichtigen Gründen traf mich gegen Mittag eine Stimmungsschwankung mit Außenwirkung, vielleicht ein weiter Ausdruck von Urlaubsendeschmerz. Die davon betroffenen Lieben bitte ich um Entschuldigung. Nach dem Spaziergang durch sehr freundliches Wetter mit Besuch des Lieblingsbiergartens ging es wieder.

Innere Nordstadt zu Bonn – nicht ganz so malerisch wie Malaucène, aber auch schön
Am Rhein ist es auch schön. Nur das Farbenspiel aus Grüntönen der Pinien und Weinreben bekommen sie hier nicht so hin.

Ach ja, da war noch was:

Frage 10 lautet: „Kannst du gut vorlesen?“ Ja, ich glaube schon ganz passabel. Jedenfalls sind sie bei Lesungen bislang nicht weggerannt.

***

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Falls Sie ebenfalls Urlaub hatten, einen angenehmen Start, übertreiben Sie es nicht gleich am ersten Tag mit der Arbeit. Ich strebe es jedenfalls an.

Woche 25/2024: Im Schatten der Zypresse

Montag: Auch im Urlaub lese ich die Bonner Tageszeitung, man will ja informiert bleiben. Ein gewisser Martin Kessler ist offenbar ein kluger Mann, denn er schreibt Leitartikel für den General-Anzeiger. In der heutigen Ausgabe nimmt er Anstoß an neuen Regelungen, wonach die Städte künftig mehr Freiraum erhalten, Tempo dreißig anzuordnen. Dazu der kluge Herr K: „Selbst Millionenstädte, die flächendeckend Tempo 30 einführen, leisten damit einen Beitrag zum Klimaschutz, der gegen null geht. […] Die Kommunen wollen Klimaschutz vorantreiben, obwohl das Aufgabe internationaler Konferenzen ist.“ Das ist so ziemlich das Dümmste, was ich in letzter Zeit zu dem Thema gelesen habe. Doch steht K mit dieser Ansicht nicht alleine da. Genau deshalb habe ich keine Hoffnung mehr für das längerfristige Fortbestehen der Menschheit.

Nach spätem Frühstück unternahmen wir eine Radtour von knapp zwanzig Kilometern Länge. Dabei kamen wir an einem instagramtauglichen Lavendelfeld vorbei:

Vielleicht ist es auch Lavandin

Ich könnte es als Statusbild bei Whatsapp verwenden, aber warum sollte ich das tun? Ich meine: Wie verzweifelt vor Langeweile muss man sein, um sich bei Whatsapp den Status anderer Leute anzusehen?

Nach Rückkehr trug ich den Liegestuhl in den Schatten der Zypresse im Garten und holte darin den Tagebucheintrag für gestern nach, nachdem mir das am Vorabend aus Weingründen nicht mehr gelungen war. Danach las ich im SPIEGEL der Vorvorwoche den Artikel über Kafka zu Ende und meine, ich sollte mich doch noch mal daran wagen, von ihm zu lesen.

Währenddessen stutzte ein Motorsensenmann an der Zufahrt zu unserem Haus den Bewuchs. Als er fertig war, setzte sich in Hörweite eine Baumaschine oder ähnliches in Gang und erfreute längere Zeit das Ohr mit Rückwärtsfahrpieptönen. Das zu beklagen wäre unangemessenes Jammern auf höchstem Niveau, es können nicht alle Urlaub haben.

Dienstag: Um fünf Uhr vierzig wurde die Baumaschine oder ähnliches gestartet und sie begrüßte rückwärts piepend den jungen Morgen. Nach Schließen des Fensters, was sich, da man schon mal auf war, mit einem Toilettengang verbinden ließ, gelang noch einmal die Rückkehr ins Reich der Träume.

Der Tag zeigte sich bewölkt mit Sonnenlücken, trocken und warm. Im Gegensatz zu Bonn, wo Regen und Gewitter geplant waren.

Während des Frühstücks erreichte mich per Mail die Mai-Abrechnung von epubli. Demnach wurde ein weiteres Buch verkauft. Vielen Dank an den Käufer oder die Käuferin, sofern er oder sie hier mitliest. Sonst auch.

Nachmittags las ich mich durch die Blogs, die im UberBlogr Webring versammelt sind. Auch dieses Blog ist dort seit geraumer Zeit vertreten. Nach Mailaustausch mit dem Initiator des Rings habe ich inzwischen auch das Prinzip mit den drei Links verstanden, die man auf der eigenen Startseite hinterlegen muss.

Abends grillten wir, so dass ich das Grundstück heute gar nicht verlassen musste. Beim anschließenden Nachtglas schauten wir den zahlreichen Fledermäusen beim Jagen zu. Zwei davon waren einander sehr zugewandt, sie flederten stets umeinander und schienen dabei viel Spaß zu haben.

Apropos Grillen: Der Liebste hörte am späteren Abend in den Bäumen eine Grille zirpen. Ich hörte sie nicht, so sehr ich auch lauschte. Anscheinend ist diese Frequenz meinem Gehör nicht mehr zugänglich. Das wäre ein bisschen schade.

Mittwoch: Der Tag begann schwül-warm. Nach dem Frühstück gingen wir runter in den Ort, wo heute Wochenmarkt war. Dort kauften wir ein Grillhuhn mit Zubehör für das Abendessen, außerdem Tomaten und zwei Flaschen Rosé. Unser Verbrauch an letzterem ist hier wieder recht hoch, was bitte nicht als Prahlerei zu verstehen ist, vielmehr als eher bedenkliche Tatsachenbeschreibung.

Der Rückweg bergauf durch die Mittagshitze war auch ohne vorherigen Roséverzehr recht anstrengend. Nach Ankunft gab es Erdbeeren mit Creme Fraiche und selbstgemachtem Erdbeer-Granité. Ich verzichtete auf zusätzliche Zuckerung. Noch nie habe ich verstanden, warum man die natürliche Erdbeersüße mit Zucker übertünchen muss, aber das ist wohl, wie so vieles, Geschmacksache.

Danach begab ich mich wieder mit dem Liegestuhl in den Zypressenschatten, wo bei leichtem Wind vorstehende Zeilen niedergeschrieben wurden.

Liegestuhlperspektive
Von der anderen Seite

Nachmittags unternahmen wir eine Ausfahrt nach Nyons und zu unserer Lieblings-Domaine in Vinsobres, wo einige Weinkartons eingeladen wurden. Währenddessen fielen ein paar Tropfen Regen, die sandige Flecken auf dem Auto und anderen glatten Flächen hinterließen.

Donnerstag: Während normaler Arbeitswochen denke ich: Wie schön, schon wieder Donnerstag. Hier und heute: Och nö, schon Donnerstag. Man kann es mir wirklich nur schwer recht machen.

Nachdem es gestern Abend begonnen hatte, regnete es die ganze Nacht durch. Da unser Haus, wie üblich in dieser Region, keine Dachrinnen besitzt, läuft das Wasser direkt ab und es erzeugte auf dem Vordach unter dem Schlafzimmerfenster ein als Schlafbegleitung durchaus angenehmes Dauerprasseln.

Nach dem Frühstück, wetterbedingt heute am Esstisch in der Küche statt vor dem Haus, fuhren wir nach Avignon zum Besuch der Markthalle, auch dort bestand auf dem Weg zwischen Parkhaus und les halles Regenschirmerfordernis.

Schließlich, da das Auto schon mal fuhr, fuhren wir nach Piolenc, wo wir direkt beim Erzeuger einen größeren Posten frisch geernteten Knoblauchs erstanden.

Nach Rückkehr zeigte sich das Wetter weiterhin unentschieden, nicht warm und nicht kalt, bewölkt, immer wieder wieder ein paar Regentropfen. Immerhin: Die angekündigten Gewitter blieben bis zum Zeitpunkt des Aufschreibens am frühen Abend aus. Später zeigte sich doch noch die Sonne.

Durch den Dunst wirkte sie eher wie ein etwas überbelichteter Vollmond

Freitag: Der Wecker ging in unurlaublicher Frühe, weil eine Fahrt nach Marseille geplant war. Nicht einfach so mit dem Auto hinein, was in dieser Stadt vermutlich ein noch geringeres Vergnügen ist als Autofahren ohnehin, vielmehr mit der Bahn ab Miramas entlang der Côte Bleue, eine sehr schöne Strecke mit zahlreichen Aussichten auf das bleue Mittelmeer.

Miramas, vor Abfahrt
Kurz vor Ankunft in Marseille Saint-Charles (bei uns hieße das einfach Marseille Hbf)

Auch die gut zwei Stunden in Marseille waren angenehm, die Stadt zeigte sich längst nicht so laut und schmuddelig wie befürchtet. Nur die Straßenbahnwagen sind die hässlichsten, die ich jemals sah.

Vielleicht denkt sich der Designer im Hauptberuf Kaffeemühlen aus
Oberhalb des alten Hafens
Bahnstation Arenc Euroméditerranée. Ein Ort, den man nach Einbruch der Dunkelheit lieber meidet

Den Zug zurück hätten wir fast verpasst. Nicht, weil wir zu spät gewesen wären an der Station Arenc Euroméditerranée, von wo aus wir nach Miramas zurückfahren wollten. Doch als der Zug fast pünktlich eintraf, fiel mir auf, dass es sich um einen Elektrotriebzug handelte. Das konnte nicht sein, die Strecke war größtenteils nicht elektrifiziert, wie mir während der Hinfahrt aufgefallen war. Nach kurzem Zögern stiegen wir dennoch ein, als das Türzuwarnpiepen schon tönte. Das war gut und richtig, mir war nicht bewusst, dass die französische Staatsbahn SNCF Hybridtriebzüge hat, die unter Fahrdraht elektrisch, sonst mit Dieselmotor fahren. Es ist nicht immer von Vorteil, von Dingen Ahnung zu haben, wenn es nur eine Ahnung ist. Der ahnungslose Fahrgast steigt ohne darüber nachzudenken ein und gerät nicht in derartige Bedrängnis.

Meerblick auf der Rückfahrt mit Marseille im Hintergrund. Die Bildstörungen sind den nach Saharastaubregen nicht ganz sauberen Fenstern geschuldet.

Zur französischen Bahn ist anzumerken: Die Züge waren nicht die allerneuesten, aber sauber und pünktlich. Die Bahnhöfe unterwegs wirkten gepflegt, die Bahnhofsgebäude konnten noch zu Wartezwecken betreten werden und waren nicht verkauft oder abgerissen. Und dank einem Sonderticket für diese Strecke kostete die Fahrt für zwei Person nur fünfzehn Euro.

Abends blieben wir zu Hause und grillten. Der am Donnerstag gekaufte Knoblauch ist ausgezeichnet, roh ziemlich scharf. Es wurde nicht besonders spät.

Abendrot I
Abendrot II

Samstag: Vormittags kam der Vermieter und entfernte die Sahara aus dem Schwimmbecken.

„Sternstunden demokratischer Debatten finden oft zu einer Uhrzeit statt, zu der Schichtarbeiter schon im Bett liegen.“ Über den Satz bitte nochmal nachdenken, lieber General-Anzeiger.

In einer Buchbesprechung bezeichnet dieselbe Zeitung die Autorin als „bekennende Berlinerin“. Man kann sich zu vielem bekennen: als Katholik, Eierbechersammler, FDP-Wähler, Fan einer Fußballmannschaft, Alkoholiker, auch in beliebiger Kombination. Aber als Bewohner einer bestimmten Stadt? Entweder man wohnt dort oder eben nicht, das bedarf nun wirklich keines Bekenntnisses. Nicht einmal, wenn man in Bielefeld wohnt.

Mittags unternahmen wir eine kürzere Radtour, bei der sich das Wetter als wärmer erwies als zunächst angenommen. Besser als umgekehrt.

Sainte-Marguerite wirkte um die Mittagszeit verschlafen, machte jedoch nicht den Eindruck, zu anderen Tageszeiten wacher zu sein

Nachmittags schickte der Geliebte aus Bonn beunruhigende Bilder aus unserer Wohnung, die auf einen schon länger vor sich hin schleichenden Wasserschaden unter der Küchenzeile schließen lassen. Freuen wir uns also auf eine größere Baustelle. Aber erst nach dem Urlaub.

Gegen Abend kühlte es ab, dazu leichter Regen. Deshalb kam es gelegen, dass im Restaurant nur noch im Innenraum ein Tisch für uns frei war. Dort war es nicht nur angenehm warm sondern auch unangenehm laut durch eine Gruppe Belgier, die erst zur Ruhe kamen, als irgendein Fußballspiel begann, dessen Verlauf sie auf ihren Datengeräten verfolgten.

Der Chronist in seinem natürlichen Element (Foto: der Liebste)
Immer wieder schön, wenn Selbstverständliches der Beschreibung bedarf. (Falls Sie es aus Designgründen nicht sofort erkennen: Es handelt sich um den Wasserhahn des Waschbeckens in der Toilette)

Sonntag: Der Tag war sonnig, jedoch windig. Mistral trieb die Wolken nach Süden und lutschte sie dabei klein. Ab dem frühen Nachmittag ließ er nach, als hätte jemand den großen Ventilator einige Stufen kleiner gestellt, aber immer noch genug, um mich aus dem Zypressenschatten unter das windgeschützte Terrassendach zu treiben. Urlaubsstress.

Bitte denken Sie sich dazu eine Bewegung der Wölkchen an den linken Bildrand

Wesentliche Aktivität des Tages war das Einkochen von Knoblauchzehen, beim vorbereitenden Entpulen der Knollen ging ich dem Liebsten etwas zur Hand.

Hierzu denken Sie sich bitte wunderbaren Knoblauchduft

„Wie praktizierst du Selbstfürsorge?“, lautet die WordPress-Tagesfrage. Antwort: Durch konsequente Trennung von Beruflichem und Privat. Während hier meine größte Sorge ist, wo der Liegestuhl am besten steht, befindet sich mein dienstliches Laptop im Büro, das dienstliche Datengerät ausgeschaltet zu Hause in Bonn. Nicht im Traume fiele mir ein, hier nach geschäftlichen Mails zu schauen.

***

Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 15/2023: Fontaine ohne Wasser und Menschen mit Kirschblütenhintergrund

Montag: Gestern Abend nach Redaktionsschluss besuchten wir ein Restaurant, das bis vor geraumer Zeit ein Michelin-Stern zierte. Für nicht regelmäßige Sternrestaurantesser wie mich immer wieder erstaunlich, dass nur übersichtlich gefüllte Teller eine derart sättigende Wirkung entfalten.

Den heutigen Tag verbrachten wir mit einem Ausflug in die Camargue, erst nach Aigues-Mortes, dann weiter nach Saintes Maries de la Mer, wo ich nach langer Zeit mal wieder Gelegenheit hatte, den Blick über das Mittelmeer, überhaupt irgendein Meer schweifen zu lassen. Dazu kommt man viel zu selten.

Aigues-Mortes mit Meersalzproduktion im Hintergrund rechts
Camargue-Bewohner
Gegend mit Pinien und Wolken. Der Filter wurde nicht künstlich gesetzt, sondern entstand durch die Tönung der hinteren Autoscheibe, da ich hinten sitzen darf und den Beifahrersitz gerne dem Geliebten überlasse.
La Mer
Einkehr nach Rückkehr

Recht abenteuerlich gestaltete sich die Rückkehr nach Avignon, wo es auch nach mehreren Versuchen nicht gelang, das angestrebte Parkhaus über der Markthalle zu erreichen, von dem wir morgens losgefahren waren. Immer wieder endete die Weiterfahrt vor einer Einbahnstraße oder hochgefahrenen Absperrpollern, bis wir endlich eine andere Parkmöglichkeit in einer etwas weiter entfernten Tiefgarage fanden. Avignon hat bereits umgesetzt, was sich die Bonner Oberbürgermeisterin noch vorgenommen hat, nämlich das Autofahren in der Innenstadt grün(d)lich zu vermiesen. Ich finde das grundsätzlich richtig und sympathisch. Für den Ortsunkundigen ist es nur unschön, wenn Beschilderung und Navigationssysteme nicht mehr den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen. Aber vielleicht ist das Teil der Pointe.

Etwas Sprachkunde anhand eines zufällig mitgehörten Dialogs: „Les Halles, wie spricht man das aus?“ – „Lesall, die Franzosen sprechen das H nicht mit.“ – „Und wie sagen die Herbert?“ – „Erbér.“ – „Ach …“ – „Sie sagen auch nicht ach, sondern ac.“ – „Arscloc.“

Dienstag: Heute machten wir einen Ausflug in vertraute Gefilde: Vinsobres, Baumes-de-Venise und Vacqueyras, jeweils mit Besuch der bekannten Weingüter, Verkostung der neuen Jahrgänge und Erwerb einiger Kartons, auf dass die heimischen Vorräte nicht zur Neige gehen. Dabei kamen wir auch durch Malaucène, jenen Ort, in dem wir sonst weilen, wenn wir hier in Südfrankreich sind. Es war ungewohnt, ohne Halt einfach hindurch zu fahren. Im Juni werden wir wieder dort sein; es ist immer gut, wenn man sich auf etwas freuen kann.

Mittwoch: In den frühen Morgenstunden geriet ich wieder in eine der seltenen Phasen, die ich als „Episodenschlaf“ bezeichne, vielleicht gibt es ein besseres Wort dafür, mir fällt gerade keins ein. Gemeint sind kurze Schlafphasen, jeweils unterbrochen durch Aufwachen und sogleich wieder Einschlafen, mit separaten Träumen. Manchmal schließt das Traumthema an das der vorherigen Sequenz an, meistens entsteht ein neues. Wie ein Kurzfilmabend im Kino, ohne das Programm zu kennen. Ein interessanter, angenehmer Zustand.

Nach sonnigen Vortagen lag Avignon heute unter Wolken, das war nicht schlimm. Mittags brachen die Lieben auf, einen örtlichen Supermarkt leer zu kaufen. Da ich längere Supermarktaufenthalte in etwa so interessant finde wie Fußballkucken und ein paar Stunden Alleinzeit sehr schätze, blieb ich in der Wohnung und holte einige Leserückstände auf, unter anderem Blogs. Trotz Urlaub finde ich hier zwischen gemeinsamen Tagesaktivitäten und Abendprogramm weniger Lesezeiten als an normalen Werktagen.

Artikelüberschrift in der Bonner Tageszeitung: »Kaspertheater im Pfarrheim«. Nicht nur dort, füge ich gedanklich hinzu.

Donnerstag: Heute schien wieder die Sonne, wir unternahmen einen Ausflug in die nähere Umgebung. Zunächst nach Fontaine-de-Vaucluse, wo der berühmte Quelltopf unterhalb der Felswand trocken lag, soweit man das aus der zulässigen Entfernung erkennen konnte.

Fontaine ohne Wasser und Touristen

Vergleichsbilder von 2014 und 2015:

Nach dessen Sichtung kehrten wir in das nahe, direkt an der soeben entsprungenen Sorgue gelegene Café Philip ein, für mich immer wieder ein magischer Ort, wo wir lebenserhaltende Maßnahmen ergriffen …

Blick von der Terrasse des Lokals in Richtung Ort
Farbenspiel

…und das über die Toilette mit der wohl schönsten Aussicht Frankreichs verfügt.

Das Auge pisst mit. (Verzeihung.)
Idyll am Ortsrand

Danach fuhren wir weiter nach L‘Isle sur la Sorgue, wo wir ohne Einkehr eine Runde durch den Ort gingen.

Oft haben gerade die Motive, es nicht auf Postkarten schaffen, einen besonderen Reiz

Bei Rückkehr in Avignon das übliche Verkehrsrätsel „Finde das Parkhaus“, das der Liebste in bewundernswerter Weise unter großzügiger Auslegung einer Einbahnstraßenregelung souverän löste. Ich selbst gerate in fremden Städten schon als Beifahrer regelmäßig in Panik.

Freitag: Im Erdgeschoss des Hauses unserer Ferienwohnung liegt ein Supermarkt, der in den frühen Morgenstunden beliefert wurde, was mich nach bizarren Träumen erwachen ließ. Hinzu kam das Lied der Kehrmaschine, die ihre Runden über den Platz drehte. Dies sei nicht als Klage verstanden; Supermärkte müssen beliefert und öffentliche Flächen gereinigt werden, wann, wenn nicht zu Zeiten, da der Urlauber noch zu liegen geruht. Auch dass während der Belieferung die ganze Zeit der Motor des zu entladenen LKW lief, hatte bestimmt seine Notwendigkeit.

Was das Wiedereinschlafen ebenfalls erschwerte, war ein Zank am Vorabend, an dem ich nicht unmittelbar beteiligt war, dessen Reste indes noch die Atmosphäre trübten, sich jedoch bis zum Frühstück auflösten. Spätestens nach dem zweiten Rosé in der Markthalle war der Frieden wieder hergestellt. (Ich muss dringend über meinen Weinverbrauch nachdenken und nehme mir für die kommende Woche zwischen Sonntagabend und Freitagnachmittag schon mal eine Abstinenz vor.)

Samstag: Am Abreisetag möchte ich vor allem eines: abreisen. Deshalb erfüllte es mich mit einer gewissen Ungeduld, als die Lieben vorher nochmal durch die Markthalle mussten, um weitere Lebensmittel zu kaufen. (Die voraussichtlich teilweise ungegesssen im Müll landen werden. Ein weiterer Punkt der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, über die ich mich wegen Unabänderlichbarkeit nicht mehr ärgern möchte.)

Die Rückfahrt verlief entspannt und ohne nennenswerte Ereignisse; nach zehn Stunden kamen wir bei Regen und etwa zehn Grad niedriger Temperatur in Bonn an, wo an diesem Wochenende zwei Straßen in Wohnungsnähe gesperrt sind wegen des Andrangs zur Zierkirschblüte. Somit kamen wir gerade rechtzeitig zurück, um sie im Rahmen der Möglichkeiten zu ignorieren.

Rapsfeld im südlichen Burgund, mit Dorf und Fensterfilter

»Für die Anwohner bestand laut den Einsatzkräften zunächst keine Gefahr« steht in der Zeitung, wobei es nicht um Kirschblüten geht, sondern einen Kampfmittelfund. Warum „zunächst“ bleibt offen, jedenfalls enthält der Artikel keine Hinweise auf eine später sich verschärfende Gefährdungslage. Dieses „zunächst“ scheint beliebt bei Zeitungsschreibern: »X war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen« ist regelmäßig zu lesen; auch hier bleibt stets offen, ob X später noch zurückgerufen hat. Was bin ich wieder pingelig.

Sonntag: Wie die Waage morgens anzeigte, ist eine Woche mit wenig Bewegung, gutem Essen und viel Wein nicht spurlos am Körper vorbeigegangen. Egal – den Glücklichen lastet kein Kilo.

Nachmittags machte ich bei immer noch Daunenjackenwetter einen Spaziergang, unter anderem durch die Innere Nordstadt, wo sich Menschen mit Kirschblütenhintergrund instagramgerecht in Szene setzten.

Auf dem weiteren Weg sah ich außerhalb der beliebten Instagramzonen weitere Kirschblüten ohne Touristen:

Der »Club der Väter« wirbt per Aufkleber an einem Lampenpfahl. Früher nannte man das Frühschoppen, wenn unsere Väter am Sonntagmorgen ins Wirtshaus gingen, um ein paar Stunden Ruhe vor den Blagen zu haben.

***

Ich wünsche Ihnen (und mir) einen guten Start die Woche, kommen Sie gut durch.

Woche 38/2021: Le bonheur de congé sans bisou

Montag: Der Tag begann mit Appetitlosigkeit, eine direkte Auswirkung des von Urlaubseuphorie geprägten Vorabends. Nach Pre-Aperitif, Aperitif und vorzüglichem (weinbegleitetem) Essen im Lieblingsrestaurant hatte es einen Absacker gegeben, danach, weil der Wirt uns wohl mag, noch einen zweiten auf Kosten a) des Hauses und b) des heutigen Wohlbefindens. Und weil es so schön war, wurde nach Rückkehr noch ein Rosé entkorkt und auf der Dachterrasse unseres Hauses geleert, was sein muss, muss sein.

Nachmittags waren die Kräfte wieder hergestellt für einen ersten Ausflug in die Umgebung, die noch immer genauso schön ist wie ehedem, warum sollte sie auch nicht. Dabei besuchten wir zwei Weingüter in Beaumes de Venise und Vacqueyras, die augenscheinlich und erfreulicherweise gut durch Pandemie und Lese gekommen sind.

Auch ich habe gelesen: Das Militär soll klimafreundlicher werden, steht im SPIEGEL. Nachhaltiger töten also. Unterdessen sind die Franzosen angepisst, weil die Australier lieber amerikanische U-Boote kaufen, wodurch der französischen Rüstungsindustrie Milliarden entgehen. Der Umweltgedanke – amerikanische Atom- statt französischer Diesel-U-Boote – dürfte für die Entscheidung wohl ein eher untergeordnetes Kriterium gewesen sein. Ich hätte übrigens eine Idee, wie der durch Armeen verursachte Kohlendioxid-Ausstoß ganz auf Null zu reduzieren wäre.

Abends beim Essen kamen wir mit einem Ehepaar aus Bochum ins Gespräch, was, gemessen an meiner grundsätzlichen Abneigung, mit fremden Leuten zu sprechen, recht angenehm war.

Dienstag: Wie zu lesen ist, sieht der AfD-Chef Chrupalla in sich den „Schwiegermuttertypen“. Den will ja nun wirklich niemand zur Schwiegermutter haben.

Dazu passend gelesen hier: „Das Wort Arschloch ist genderneutral.“

Nachmittags besuchten wir eine befreundete Winzerfamilie in Vinsobres. Auch hier wirkt sich Covid-19 aus, wenn auch nicht nur zum Schlechten: Statt Bisou-Bisou zur Begrüßung gabs zum Abschied eine alte Flasche vom besten Produkt des Hauses.

Hier kann man Rosé beim Werden zusehen.
..
Ein 1989er Cuve Charles Joseph der Domaine du Moulin in Vinsobres

Mittwoch: Heute durchwanderten wir die Region nördlich von Malaucène, wobei wir einem wesentlichen Element jeder Wanderung, dem pique-nique, einen angemessenen Zeitrahmen einräumten.

..
..

Donnerstag: „Endlich Donnerstag“, denke ich in einer normalen Arbeitswoche, heute indessen „Was, schon wieder Donnerstag?“, mit Blick auf die schon baldige Rückreise. Tagsüber fuhren wir nach Avignon und Châteauneuf-du-Pape, wo mehrere Weinkisten und andere Lebensmittel Eingang in den Kofferraum fanden. Nach dem Besuch der Markthalle von Avignon überquerten wir einen kleinen Flohmarkt mit bemerkenswertem Angebot.

..
..

In der Gaststätte, wo wir regelmäßig das Nachmittagsgetränk zu uns nehmen, saß am Nebentisch eine Frau mit einem Buch, das sie verkehrt herum hielt. Vielleicht eine Detektivin auf Observation? Man kennt das ja aus diversen Szenen, die Zeitung mit Loch in der Mitte oder eben das verkehrt herum gehaltene Buch. Vielleicht ist das auch ihr Lieblingsbuch, das sie, schon hunderte Male gelesen, in- und auswendig kennt, dennoch nicht davon lassen kann, in der Hoffnung, auf diese Weise eine neue Perspektive zu finden. Oder sie übt einfach Überkopflesen, eine Fähigkeit, die man immer mal gebrauchen kann, auch wenn mir gerade kein Verwendungszweck einfällt.

Freitag: Mit einer gewissen Urlaubsendmelancholie verfasse ich diese Zeilen, derweil der Liebste noch ein paar Besorgungen in der Umgebung macht. Morgen fahren wir zurück. Nicht zum ersten und bestimmt nicht zum letzten Mal stelle ich mir vor, wie es wäre, dauerhaft hier zu leben. Vielleicht in einem eigenen Haus etwas außerhalb, umgeben von Weinreben und Olivenbäumen, ein Lavendelfeld in Sichtweite, dazu Aussicht auf den Mont Ventoux und unser Schwimmbecken, in dem meine Lieben plantschen, während ich im Schatten der Terrasse belanglose Zeilen im Notizbuch vermerke. Im Winter knackt das Feuer im Kamin, während eisiger Mistral das Haus umtost. So schön das klingen mag – es spricht doch einiges dagegen. Allein schon fehlte mir der Mut, zu Hause alles abzubrechen und hier neu anzufangen, einschließlich Erlernen der Sprache, die ich auch nach Jahren nur rudimentär beherrsche anzuwenden im Stande bin. Und verliert das Schöne nicht irgendwann seinen Reiz, wenn man dauerhaft darin wohnt? Wer weiß, vielleicht werden durch den Kimawandel bald alle Sommer in der Provence unerträglich heiß, oder Marine Le Pen übernimmt die Macht, dann heißt es womöglich „Ausländer raus“ und „Schwule hängen“ mit unabsehbaren Folgen für ausländische Schwule. – Freuen wir uns also lieber auf das nächste Mal.

Samstag: Nach einer Woche Provence ist meine immer schon tiefe Verachtung gegen laute Motorräder wie ihre Fahrer noch um ein paar weitere Zentimeter gesunken. Fahrerinnen dürfen sich ausdrücklich mitgedacht fühlen.

Etwas gestiegen ist dagegen augenscheinlich wieder der Insektenbestand, jedenfalls lassen während der Rückfahrt zahlreiche Kerbtierleichen auf der Windschutzscheibe darauf schließen.

Ankunft in Bonn gegen zwanzig Uhr, wo uns der Geliebte mit der ihm eigenen Wiedersehensfreude empfing.

Sonntag: Statt Worten noch ein paar Bilder.

Der letzte Pastis am Vorabend der Abreise. Da die Flasche danach leer war, blieb uns nichts anderes übrig.
„Quincaillerie“ ist wirklich ein schönes Wort, jedenfalls noch schöner als „Haushaltswaren“.

Zu Hause ist es auch schön, das ist nur eine Frage des Blickwinkels.

..
..

Altglastölpel gibt es in Deutschland wie in Frankreich. Kleines Rätsel: Welches Bild entstand wo?

..
Es kann doch wirklich nicht so schwer sein, Weiß- von Braunglas zu unterscheiden.

Sie können sich vielleicht vorstellen, wie sehr ich mich nun auf die neue Arbeitswoche freue.

Woche 15: Sieben Tage ohne die tanzende Mutter

kw15 - 1 (8)

Montag: Abendveranstaltung der Lirac-Winzer anlässlich der von uns besuchten Weinmesse in Avignon. Das Verhalten der Mitmenschen an den Häppchenplatten inspiriert mich zu einem Gedicht:

Was immer gilt auf dieser Welt,

das gilt auch jetzt und hier:

Sobald umsonst es etwas gibt,

da wird der Mensch zum Tier.

Dienstag: Das Angebot französischer Supermärkte ist für das deutsche Auge bisweilen ungewohnt.

kw15 - 1 (4)

Mittwoch: Laut einem Zeitungsbericht konsumieren die Deutschen jährlich im Schnitt 29,3 Liter Wein. Rein rechnerisch deckt mein persönlicher Konsum somit ungefähr den Jahresbedarf der Mainzelmännchen ab.

Donnerstag: Ein südhessisches Unternehmen vermietet laut Zeitungsbericht Hühner, wobei die während der Mietzeit gelegten Eier dem Mieter zufallen. Das bringt mich auf eine Geschäftsidee: Seit diesem Jahr sind Rauchmelder in Wohnungen Pflicht. Man könnte Hühner zu Rauchmeldern ausbilden und dann mit dem geschützten Warenzeichen ‚Alarmglucken‘ an den Markt gehen.

Unterdessen fordert die AfD, der evan­ge­li­schen und ka­tho­li­schen Kir­che den Sta­tus ei­ner Kör­per­schaft des öf­fent­li­chen Rechts zu ent­zie­hen, was das Ende von Kirchensteuer und Religionsunterricht in Schulen (und vielleicht irgendwann gar des karfreitäglichen Vergnügungsverbotes) nach sich ziehen würde. Ich bin weit davon entfernt, den Ideen der AfD Sympathie zu bekunden, aber diese erscheint gar nicht so verkehrt.

Freitag: Allerdings bedeutete dies, konsequent weitergedacht, auch die Abschaffung aller kirchlichen Feiertage wie diesem. Das mag die Wirtschaft freuen, dürfte jedoch auch beim atheistischstenen AfD-Wähler nur auf wenig Zustimmung stoßen.

Samstag: Ein einwöchiger Frankreichaufenthalt bietet neben vielen anderen auch den großen Vorteil, sieben Tage lang nicht aus dem Radio von einem gewissen Max Giesinger wegen einer tanzenden Mutter belästigt zu werden.

Sonntag: So schön der Urlaub war – das Wohlgefühl ausgehend von der ersten Nacht im eigenen Bett und der ersten Darmerleichterung auf heimischer Brille nach Rückkehr ist kaum zu steigern. Nur an die rheinische Kühle nach einer Woche in provencalischem Kurzehosenwetter muss ich mich noch etwas gewöhnen.

Zum Schluss noch ein paar Bildeindrücke der zurückliegenden Woche:

kw15 - 1 (0)

kw15 - 1 (1)

kw15 - 1 (2)

kw15 - 1 (3)

kw15 - 1 (5)

kw15 - 1 (6)

kw15 - 1 (7)

Zu Hause ist es indessen auch ganz schön:

kw15 - 1 (9)

kw15 - 1 (10)

kw15 - 1 (11)

kw15 - 1 (12)