Woche 22/2024: Kafka gab mir den Rest

Montag: Gegen vier Uhr dreißig endete für mich die Nacht, ich war wach und schlief nicht mehr ein, jedenfalls nicht dass ich es bemerkt hätte. Vielleicht waren Leib und Seele vom vorangegangenen Wochenende schlafsatt. Vogelgesang vor dem Fenster und Menschengeräusche direkt neben mir erschwerten zudem die Rückkehr in behagliche Träume. Auf die Tagesmüdigkeit und Arbeitslust hatte das keinen Einfluss, die waren so wie stets zu Wochenbeginn.

Eine der ersten Tätigkeiten eines jeden Tages nach Ankunft im Büro ist ein Blick auf die Seite des Kantinenbetreibers, auf dass mich Vorfreude über den Vormittag trage. Heute im Angebot: »Vegane Schwarzkohl-Pilz-Pasta mit Salat dazu geschmorte Schweinebauchwürfel und Salat Bunter Salat.« Das erste Wort verschwand bis zum Mittag, vermutlich hatten sie es selbst gemerkt; der dreifache Salat blieb. Wie auch immer, es schmeckte gut.

»Die Katzenkriegerin« übertitelt der SPIEGEL einen Artikel über die taiwanische Vizepräsidentin. Kurz wunderte ich mich darüber, dass die Frau Katzen gebiert, ehe das Ach-so-ja eintraf.

Dienstag: Die Radionachrichten morgens begannen mit einer Fußballmeldung. So ernst kann die Weltlage demnach nicht sein.

Seit längerem versuche ich, mich in der Kantine nicht ganz so fleischhaltig zu ernähren, im Zweifel wähle ich das vegetarische Gericht, womit ich meistens sehr zufrieden bin. Zu Tofu hatte ich bislang keine Meinung und mied ihn. Zu recht, wie ich nun weiß. Unbeabsichtigt wählte ich heute was damit, fand ihn sowohl vom Geschmack als auch von der Konsistenz her unansprechend, pickte die Brocken heraus und legte sie an den Tellerrand, über den hinauszuschauen man sich bekanntlich nicht scheuen soll und was ich hiermit, wenn auch ungewollt, getan habe. Immerhin habe ich nun zu Tofu eine Meinung; fast alles ist für irgendetwas gut.

Gehört, nicht zum ersten Mal, dafür länger nicht mehr: „… um da etwas Erwartungsmanagement zu betreiben“, eine aufgeschäumte Variante von „Ich will nicht zu viel versprechen“.

Auch gehört: „aufspenden“. Das bedeutet nicht, eine milde Gabe zu erhöhen, vielmehr kennen Sie das vermutlich, wenn Ihre Bank Ihnen eine neue Kreditkarte zuschickt und die so auf dem Briefpapier fixiert ist, dass man sie ohne größere Mühe abnehmen kann, vielleicht mit Kaugummi. Die ist dann nicht aufgeklebt, sondern aufgespendet. Vermutlich ein Anglizismus, ich bin zu müde, es zu recherchieren.

Mittwoch: „Bitte finde anbei unsere Rückmeldung“ steht in einer Mail. Ein Suchspiel.

Er sei bis zum 2. Juni im Urlaub, lässt ein Kollege per Abwesenheitsnachricht wissen, nachdem ich ihm eine Mail geschickt hatte. Kurz darauf beantwortete er meine Nachricht. Offenbar ein sehr langweiliger Urlaub.

Abends wurde ein feiger Anschlag auf unsere Wohnung verübt

Donnerstag: Die Deutschen arbeiten zu wenig, findet nicht nur der Finanzminister. Nach Einschätzung von Ökonomen kostet ein Feiertag die Wirtschaft mehrere Milliarden. Mein schlechtes Gewissen, heute nicht das Werk aufzusuchen, hielt sich in überschaubaren Grenzen, stattdessen widmete ich mich der ganz persönlichen Care-Arbeit in Form eines langen Spaziergangs auf die andere Rheinseite.

Uferpromenade vor Beuel

Wir haben uns auf ARD die Dokumentation »ESC-Legenden: ABBA – Die ganze Geschichte« angeschaut. Beginnend mit dem Sieg beim Grand Prix de tralala 1974, ihr Aufstieg, die Schmähungen im Heimatland, Agnetas Zerrissenheit zwischen Kind und Band, die erste, dann die zweite Scheidung, schließlich das Ende Anfang der Achtziger. Das wars. Fast alles schon mal gesehen und gelesen. Worüber nicht berichtet wurde: wie es danach weiter ging – die Soloprojekte der Damen, die weiterhin erfolgreichen Musikproduktionen der Herren, die Abbatar-Show in London. Vor allem: wie sie wieder zusammenfanden und 2021 das Album Voyager herausbrachten. Das hat mit etwas enttäuscht. Für die ganze Geschichte hätte das dazugehört.

Freitag: Morgens wartete ich mit dem Fahrrad vor einer roten Fußgängerampel, neben mir weitere Personen zu Fuß, unter anderem ein uniformierter Polizist. Von gegenüber näherte sich eine junge Frau, das rote Männchen missachtend, den Blick auf das Datengerät gerichtet. Gespannt schaute ich zum Polizisten, ob und wie er ordnend eingreifen würde. Der zog an seiner Zigarette und ignorierte das Displaygirl, war wohl nicht im Dienst. Das fand ich enttäuschend.

Wenn einem in einer Besprechung der Satz „Ich melde mich gleich bei dir“ zu profan erscheint, kann man stattdessen sagen „Wir können uns dazu gerne im Nachgang bilateral austauschen“. Muss man aber nicht.

Letzte Bürotätigkeit des Tages war, vom Wandkalender den Mai abzureißen. Dabei klingt „Ich gehe erst wieder im Juni ins Büro“ toller als es ist.

Samstag: Zurzeit überall Franz Kafka, heute auf den Titelseiten von SPIEGEL und Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die seit geraumer Zeit bereits samstags zugestellt wird. Meine Berührungspunkte mit Kafka waren bislang wenige. In der Mittelstufe lasen wir einen kürzeren Text, „Die Heimkehr“, soweit ich mich erinnere. In der Oberstufe dann „Die Verwandlung“, daran erinnere ich mich gut: Nachdem ich den ersten Satz gelesen hatte, sie wissen schon, Gregor Samsa wacht morgens als Insekt auf, stellte ich die weitere Lektüre ein und wählte das Fach Deutsch ab, damals ging das noch. Schon zuvor bereitete es mir keine Freude, Texte zu interpretieren, Dinge herauszulesen, die dort nicht standen, was wesentlicher Bestandteil des oberstuflichen Deutschunterrichts und der Klausuren war; Kafka gab mir den Rest. Viel später fiel mir „Das Urteil“ in die Hände und ich begann es zu lesen, legte es jedoch bald wieder an die Seite. Irgendwo müsste ich das Buch noch haben, vielleicht nehme ich es mir nochmal vor, mag sein, dass ich inzwischen besseren Zugang finde.

In der FAS ein Interview mit Elke Heidenreich, die ich weniger als Literaturerklärerein wahrgenommen habe, umso mehr als Metzgersgattin Else Stratmann, die in den frühen Achtzigern in Ruhrpott-Deutsch, in meinen Ohren der schönste deutsche Dialekt überhaupt, ganz wunderbar die Welt erklärte. Wunderbar auch das Interview, das so endet:

»Ach, bleiben! Wir haben es doch gar nicht in der Hand. Wer weiß, wie sich die Zeiten ändern und was in hundert, in fünfhundert Jahren geblieben sein wird. Vielleicht gar nichts. Ist doch auch egal, oder? Wenn man tot ist, ist man tot. […] Ich empfinde es als großes Geschenk, einen guten Wein zu trinken, dazu auch mal eine schöne Zigarette zu rauchen, die ich mir, trotz meiner kaputten Lunge, von keinem Arzt verbieten lasse. Ich atme, die Sonne scheint, der Hund guckt mich an – Herrgott, es ist doch so schön zu leben! Und wenn es vorbei ist, sag ich Danke und mach die Augen zu.«

Das hätte Else Stratmann nicht schöner sagen können.

Werbung in der Tageszeitung:

Was nützt Reichtum, wenn man dazu verdammt ist, einen hässlichen Schnauzbart zu tragen

Sonntag: Anlässlich seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens veranstaltete der Kölner Bahnfreundeverein, dem ich genauso lange angehöre, eine Straßenbahnsonderfahrt durch Köln. Zur großen Freude kam dabei ein Zug des Straßenbahnmuseums Thielenbruch zum Einsatz, der bis 2006 in Köln noch alltäglich war, bis heute wusste ich nicht, dass es davon noch ein fahrbereites und bestens gepflegtes Exemplar gibt.

Wagen 3764 in der Wendeschleife Ubierring. Ist er nicht wunderschön?

Im Anschluss gab es eine Führung, Essen und Trinken im Museum. Die Rückfahrt nach Bonn gestaltete sich über Siegburg etwas umwegig, weil die Bahnen zwischen Köln und Bonn mal wieder nicht so fuhren wie sie sollen. Das war nicht weiter schlimm, die Freude über den Tag wirkte noch länger nach.

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Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 21/2024: Es hat keine Eile

Montag: Ein sonniger, ruhiger Pfingstmontag ohne notierenswerte Ereignisse, jedenfalls im persönlichen Erlebnis. Auf der Treppe zur Innenstadt, die nach Wochenenden üblicherweise vollgemüllt ist mit Glasscherben, Zigarettenkippen, Durstlöscherpackungen und anderem Unrat, stand eine große Lachgaskartusche, drumherum eine größere Anzahl schwarzer Luftballons. Was halt so erforderlich ist, um in Stimmung zu kommen und zu bleiben. Ob das besser oder schlechter ist als die vergorenen Getränke, die uns gestern Abend beim Grillen begleiteten, kann und möchte ich nicht beurteilen.

Dienstag: Der Rhein führt nach den Regenfällen der vergangenen Woche im Saarland und in Rheinland-Pfalz viel Wasser, wie morgens auf dem sonnenbeschienen Fußweg in die neue Arbeitswoche zu besichtigen war.

Vergleichen Sie gerne mit den Vorwochen

In den Büros nebenan wenig Betrieb, auch ich hatte meine Zelle für mich allein, woran nichts auszusetzen ist. Mein Arbeitstag endete frühzeitig, was nicht ein Ausdruck nachpfingstlicher Arbeitsunlust war, vielmehr stand am Nachmittag der nächste Termin beim Orthopäden an. Der ließ mich erst eine halbe Stunde warten, dann wurde wieder gebogen, massiert, akupunktiert, geklopft und elektrisiert, zum vorerst letzten Mal, wie wir übereinkamen. In den nächsten Tagen muss ich dann mal eine Physiotherapiepraxis mit Krankengymnastik an Geräten (KGG) finden. Es hat keine Eile.

Gelesen bei Herrn Kiezschreiber und zustimmend genickt:

»Warum hatte die Generation meiner Eltern keinen Burn-Out? Weil sie klar zwischen Berufs- und Privatleben, zwischen Arbeit und Familie trennen konnte. Dienst ist Dienst und Schnaps ist Schnaps, so sagte man damals. Heute ist Burn-Out ein Massenphänomen, weil viele glauben, diese Grenzen nicht mehr respektieren zu müssen.«

Mittwoch: Aus hier nicht näher darzulegenden Gründen ein Tag für den A die südliche hintere Körperregion.

Während des Mittagessens wurde fast nur über Fußball gesprochen. Nachmittags als Ohrwurm in Dauerschleife Lena Valaitis mit José, dem Straßenmusikanten, woher und warum auch immer. Das hat den Tag nicht besser gemacht.

Donnerstag: Abends nahm ich mit den Wahl-O-Mat vor. Das Ergebnis überrascht: An erster Stelle, gleichauf mit der veganen V-Partei3, von der ich noch nie hörte, die Freien Wähler, die ich dank Herrn Aiwanger ganz bestimmt nicht wählen werde. Erst an fünfter Stelle die SPD, bei der ich mir auch nicht sicher bin, ob sie noch die beste Wahl ist. Etwas dahinter die GRÜNE, auf einer Höhe mit Die Partei von Herrn Sonneborn, auch das ist interessant. Weit dahinter die FDP, aber noch vor CDU/CSU, wie kann das sein. Letztere wiederum ist gleich bewertet wie die Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung, diese seltsamen Vögel, die das ewige Leben anstreben. Andererseits, das versprechen die Christen auch seit zweitausend Jahren, insofern passt es. Immerhin, das ist beruhigend: An letzter Stelle kommt die AfD. – Und wo mache ich nun das Kreuzchen?

Lichtblick am Abend

Freitag: Jeden Freitag haben wir Team(s)besprechung, in der jeder und jede sagt, was sie in der zurückliegenden Woche gemacht haben. Die einen gehen dabei mehr ins Detail, die anderen weniger. Ich zähle mich eher zu den anderen. Manche – immer dieselben – Kollegen sagen, wenn sie dran sind, nach einigen Sekunden Stille: „Ich sollte mich erst entmuten.“ Jede Woche. Das ist nicht schlimm, es ist bezahlte Arbeitszeit.

Unerwartet geriet ich in eine Besprechung auf Englisch. Als wenn das ob meiner verbesserungsbedürftigen Englischkenntnisse nicht schon schlimm genug wäre – einer der Teilnehmer war Inder. Hätte er in seiner Muttersprache gesprochen, hätte ich nicht viel weniger verstanden.

Auch Kurt Kister beschäftigt sich mit den Parteien zur Europawahl:

»Weil ich am 9. Juni nicht im heimischen Wahllokal sein kann, füllte ich jetzt den Briefwahlzettel für die Europawahl aus. Er ist lang, und man kann sich zwischen drei Dutzend Parteien entscheiden. Es ist ein bisschen wie auf einer Website: Je weiter man nach unten scrollt, desto seltsamer werden die Angebote. […] Besonders angetan hat es mir die „Partei für schulmedizinische Verjüngungsforschung“. Keine Sorge, ich werde jetzt und im Folgenden nicht erläutern, was diese Parteien von sich selbst sagen und was sie wollen. Das kann man, wenn’s einen interessiert, nachlesen. Aber ein EU-Kommissar für langes Leben, am besten für die Abschaffung von Krankheiten überhaupt, wäre eine feine Sache. […] Auch gut hören sich zwei Parteien an, in deren Namen das vorkommt, was einerseits Grundlage jeder Politik sein sollte und andererseits das, was Politik erreichen sollte. Das eine ist die „Partei der Vernunft“, der ich mich, ohne bis dato gewusst zu haben, dass es sie gibt, schon lange angehörig fühlte, wenn auch nicht im parteiorganisatorischen Sinne. Und das andere ist die „Partei des Fortschritts“, deren Namensmilieu ich mich nicht nur als Wanderer verbunden fühle, sondern auch als jemand, der daran glaubt, dass es trotz allem besser werden kann, als es schon mal war.«

Zum Gesamttext bitte hier entlang.

Übrigens ist die Erdbeere keine Frucht, sondern eine Scheinfrucht, steht in der Zeitung. Welch wunderschönes Wort.

Ein anderes schönes Wort hörte ich in der oben genannten Teambesprechung: gottseidankerweise.

Samstag: Anlässlich fünfundsiebzig Jahre Grundgesetz war der Bundespräsident in Bonn, zu Tausenden strömten die Leute ins ehemalige Regierungsviertel, deshalb nahmen wir Abstand von einem Besuch. Auch die Letzte Generation beteiligte sich laut Zeitung mit einer eigenen Aktion, dazu ein Sprecher: »Der Tag der Demokratie wird in Bonn, seiner Wiege, an diesem Tage ganz besonders gefeiert.« Bestimmt fallen auch Ihnen die diesem Satz innewohnenden Fehler sofort auf.

(Ich könnte nun berichten, dass ich stattdessen eine Modelleisenbahnbörse in Wesseling besuchte, wo ich nichts kaufte, dafür an einem Servicetisch ein freundlicher und geduldiger Herr nur gegen eine Spende zwei defekte Triebfahrzeuge aus meiner Sammlung wieder ans Laufen brachte, worüber ich mich sehr freute, nehme allerdings an, das wird Sie nicht interessieren.)

Bekanntlich lehnte Bayern das neue Grundgesetz ab. Das hielt uns gottseidankerweise nicht ab von einem bayrischen Abend zu Hause mit Weißwurst, Wurstsalat, Obatzda, Brezen, Blasmusik und Bier.

Pfundig

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang führte heute erst am späteren Nachmittag über die Rheinbrücke nach Beuel zur vergnüglichen Lesung der TapetenPoeten. Übrigens, falls Sie am 8. September in der Nähe sein sollten und nichts Besseres zu tun haben: Dann habe ich die Ehre, dort wieder was vorlesen zu dürfen, schauen Sie also gerne rein. Selbstverständlich sind Sie auch zu anderen Terminen willkommen, wenn ich nichts vorlese.

Auf das Schild?

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Danke fürs Lesen, kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 20/2024: Therapeutische Unterstromsetzung, Spätburgunder und Selbstbeherrschung

Montag: Der Tag bot Positives. Das Büro hatte ich für mich allein, auch sonst wurde ich weitgehend in Ruhe gelassen, in den Nebenbüros und auf dem Flur nur wenig Betrieb. Der Maileingang, per Teams in Wort und Schrift vorgetragene Anliegen und Besprechungen waren überschaubar. Dennoch war gut zu tun. Vormittags erschien ein Techniker und beseitigte das bei Einzug vor drei Wochen an die Haustechnik als störend gemeldete Brummen der Raumlüftung, mittlerweile hatte ich mich daran gewöhnt. Dennoch erfreulich, dass désormais brummfrei gelüftet wird.

Da meine neuen Mitesser wegen einer Besprechung erst verspätet zu Tisch gingen, nahm ich das Mittagessen allein zu mir, was mir durchaus gelegen kam. Anschließend erlaubte ich mir eine Runde durch den Park.

Das Wetter zeigte sich weiterhin vorsommerlich, die für den Abend angekündigten Regenfälle blieben aus. Nur kurz vor Mittag fiel ein kurzer, heftiger Schauer, der mich am Schreibtisch nicht weiter störte.

Die aktuelle PSYCHOLOGIE HEUTE wurde zugestellt, für mich zum letzten Mal, da ich das Abo nach etwa fünfundzwanzig Jahren gekündigt habe, um mehr Lesezeit für Bücher zu gewinnen. Auch stört mich, wie bereits dargelegt, die mittlerweile nicht nur dort praktizierte Form des Genderns, die mal die männliche, mal die weibliche Form verwendet. Ich bin kein Freund von Sternchen, Binnen-I und -Doppelpunkten, und das von manchen auch männlichen Schreibern mittlerweile verwendete generische Femininum erscheint mit ein wenig störrisch-albern, weil es das Grundproblem nicht löst. Doch dieses Durcheinander halte ich für die schlimmste Form.

Im Übrigen lag wieder eine leichte Montäglichkeit über dem Tag. Die geht vorüber, spätestens morgen.

(Dafür, dass mir zunächst für heute nicht viel eingefallen war, ist es doch recht umfangreich geworden.)

Dienstag: Bereits morgens beim Fußweg ins Werk war es ziemlich warm, ich beklage das nicht.

Ein Farbtupfer der Anmut am Wegesrand

Der Arbeitstag war, verglichen mit gestern, lebhaft: zu zweit im Büro, nebenan und auf dem Flur emsiges Treiben, Mittagessen in größerer Gruppe, auch das alles nicht zu beklagen. Ebenfalls nicht zu beklagen, immerhin werde ich gut dafür bezahlt, allenfalls anzumerken ist, dass ich relativ plötzlich in ein Projekt mit hoher Management Attention und sportlicher Zeitplanung involviert bin; ich nehme an, in nicht allzu ferner Zukunft, jedenfalls lange vor meinem Ruhestand, wird sich niemand mehr dafür interessieren. Wie auch immer – ich werde mein Möglichstes dazu beitragen, auf dass ein mögliches Scheitern nicht mir anzulasten ist.

Vormittags irritierte mich das Verschwinden einer wichtigen Outlook-Aufgabe, die ich regelmäßig fortschreibe, gleichsam als Journal für ein längerfristiges Vorhaben. Heute war sie plötzlich aus der Aufgabenliste verschwunden, weder hatte ich sie versehentlich gelöscht noch auf „erledigt“ gesetzt. Erst nach einiger Zeit fand ich sie im Online-Archiv, wohin sie wegen ihres Alters von zwei Jahren automatisch verschoben wurde. Immerhin beruhigend: Es geht nichts verloren, oder jedenfalls nur selten etwas.

Blogvorschlag des Tages: Ich möge meine fünf Lieblingsfrüchte auflisten. Nun denn: Kirsche, Mirabelle, Spätburgunder, Riesling und Grenache.

Mittwoch: In der Zeitung fand ich zwei bemerkenswerte Berufe: Feelgood-Managerin und Crossover-Performer. Ich habe keine Ahnung und will es auch gar nicht wissen, worin deren Tagwerk besteht, doch das lässt sich Außenstehenden über einen Senior Specialist, was auf meinen Visitenkarten stünde, wenn ich welche hätte, auch nicht immer ganz leicht erklären.

Ansonsten war der Tag recht angenehm. In zwei Angelegenheiten konnte ich wenigstens für mich etwas Struktur bringen, zudem wird sich voraussichtlich auch hier wieder der alte Grundsatz bestätigen, wonach nichts so heiß gegessen wie gekocht wird.

Wichtigste Tätigkeit des Tages: in Outlook eine Abwesenheitsmeldung für den morgigen Inseltag einzustellen.

Die für nachmittags angekündigten starken Regenfälle erwiesen sich als radfahrerverträglich, nach Rückkehr vom Werk musste nicht einmal die Hose getauscht werden.

Vielleicht bin ich mit den Jahren empfindlicher geworden, jedenfalls habe ich den Eindruck, die Leute werden immer lauter. Immer öfter nehme ich wahr, sei es im Werk oder auf der Straße, manchmal auch zu Hause, dass jemand meint, herumblöken zu müssen. Vielleicht irre ich mich auch.

Donnerstag: Ein freier Tag. Wegen ungünstiger Wetterprognose keine Wanderung, stattdessen morgens der lange fällige Termin beim Orthopäden. Seit Monaten* plagt mich zeitweise der untere Rücken mit Schmerz, vor allem nach längerem Liegen. Da ich sehr gerne lange liege, ein auf Dauer inakzeptabler Zustand. Gedacht hatte ich es mir so: Kurz nach neun verlasse ich das Haus, um halb zehn ist der Termin. Vorher nimmt die freundliche Arzthelferin (heißt das noch so?) meine Personalien auf, da ich neuer Patient in der Praxis bin, danach empfängt mich Herr Doktor, hört sich mein Leiden an, schaut, untersucht, verschreibt Tabletten, Salbe, vielleicht Massagen; am Ende mahnt er zu mehr (oder überhaupt) sportlicher Betätigung. Spätestens um halb elf ist alles erledigt, danach frühstücke ich gemütlich im Kaufhof-Restaurant.

*Aufgrund eines Verschreibers stand hier erst „Montagen“. Das ist eine interessante Variante, allerdings plagen mich montags zumeist andere, zusätzliche Unpässlichkeiten.

Und so war es wirklich: Man nahm meine Personalien auf, ich musste für alles Mögliche unterschreiben, sogar ein Foto von mir wollte man gerne haben für die Akten, letzteres freiwillig, wozu auch immer, aber von mir aus. Dann zu Herrn Doktor. Er hörte, schaute, untersuchte und befand: alles schief, krumm, fehlgestellt, verwachsen und verspannt, als sei ich der Glöckner vom Bonner Münster. Anschließend wurde ich geröntgt, hin und her gebogen, bis es mehrfach leicht knackte (aber nicht weh tat), akupunktiert, behämmert, mit Elektroden beklebt vermessen und unter Strom gesetzt; insgesamt dreimal durfte ich mich aus- und wieder ankleiden. Am Ende erhielt ich einen neuen Termin, weitere folgen, sowie eine Verschreibung zu zehn Gerätetherapien beim Physiotherapeuten meiner Wahl. Erst um halb zwölf verließ ich die Praxis. Da das Frühstücksbüffet im Kaufhof dann schließt, frühstückte ich vor einem Café auf dem Marktplatz.

Während der oben genannten therapeutischen Unterstromsetzung las ich den Anfang eines interessanten Zeitschriftenartikels. Wie die Autorin darin beklagt, genügt es heute nicht mehr, sich als lesbisch oder schwul zu bezeichnen, vielmehr muss man (m/w/d) queer sein. Als nur Lesbische oder Schwuler grenzt man andere aus, insbesondere Transsexuelle und Nonbinäre, somit gehört man zu den Bösen. Welch irre Zeiten. Hiermit sei erklärt: Ich bezeichne mich weiterhin (ungern zwar, weil es kein besseres Wort dafür gibt) als schwul, und es liegt mir fern, irgendwen wegen dessen, als was er/sie/es sich fühlt, auszugrenzen. Nicht einmal Heteros.

Freitag: Auch für heute waren wieder erhebliche Regenfälle angekündigt, deshalb war morgens die Stadtbahn das Verkehrsmittel der Wahl. Der Tag zeigte sich trübe, der Regen blieb – im Gegensatz zu südlicheren Regionen, die es heftig traf -, aus, das ermöglichte nachmittags einen außerplanmäßigen Fußmarsch nach Hause.

Viel heller wurde es nicht

Auch am Rheinufer jede Menge beschädigter und abgerissener Wahlplakate, was geht nur vor in den Leuten. Wobei, selbstverständlich ohne das gutzuheißen: Wofür braucht man überhaupt Wahlplakate? Glauben die Parteien wirklich, mit ihren austauschbaren, aussagefreien Phrasen könnten sie weitere Wähler gewinnen?

In der Innenstadt ging ich unter einem Baugerüst hindurch, daran ein Schild »Vorsicht Dacharbeiten«. Was will mir dieses Schild sagen? Durchgang nur mit Helm und auf eigene Gefahr, oder besser gar nicht?

Gunkl schreibt: »Da eine herkömmliche Bestattung eine Beerdigung ist, müßte ein Seemannsbegräbnis Bewässerung heißen. Naja, im Anlaßfall sollte man diese Überlegung aber eher für sich behalten.«

Wenn etwas gerade wunschgemäß funktioniert, heißt es oft „Das läuft wie geschmiert“ oder „wie ein Uhrwerk“, etwas überschwänglicher formuliert „geht es ab wie Schmidts Katze“, wer auch immer Schmidt ist. Etwas robuster formuliert man offenbar im Münsterland, wie bei Frau Anje zu lesen ist; dort heißt es: „… das läuft grade wie Rotz am Ärmel.“

Samstag: Als ich nachmittags im Hof Fahrradpflege betrieb, sah ich durch das Torgitter, wie vor dem Haus ein Auto abgestellt wurde, so dass sein Heck in unsere Einfahrt ragte. Die Beifahrerin hatte mich offenbar gesehen und fragte freundlich, ob es in Ordnung wäre, wenn sie kurz dort parkten. Ebenso freundlich verneinte ich mit dem Verweis darauf, dass dies nunmal eine Einfahrt sei, außerdem ohnehin absolutes Halteverbot. Das sah sie ein. Nicht so der Fahrer, der meinte, mich anpampen zu müssen, sinngemäß ob ich überhaupt Auto fahre und ich solle mich nicht so anstellen. Das veranlasste mich, zurückzupampen, worüber ich mich sogleich ärgerte, mehr als über den uneinsichtigen Fahrer; ich hasse es, in solchen Situationen die Selbstbeherrschung zu verlieren. Immerhin fruchtete es, man stieg wieder ein und fuhr ab, im Vorbeifahren winkte der Fahrer drohend und hupte zweimal. Ich antwortete mit Kusshand und lächelte zurück. Die Selbstbeherrschung war wiederhergestellt.

Der für die vergangenen Tage angekündigte und ausgebliebene heftige Regen fiel am Nachmittag.

Sonntag: Ich verschone Sie mit der alljährlichen Frage, was genau nochmal an Pfingsten passiert sein soll.

Ansonsten bei Sonnenschein die üblichen Sonntäglichkeiten: lange geschlafen, spätes Frühstück, Spaziergang, Sonntagszeitungslektüre auf dem Balkon.

Aus einer Pressemitteilung der Stadt Bonn: »Ziel ist es, die freie Kulturszene bei der Entwicklung von Projekten im Bereich der ökologischen Nachhaltigkeit zu unterstützen und die interkommunale Kooperation sowie den Aufbau nachhaltiger regionaler oder nationaler Netzwerke im Kulturbereich zu stärken.« Auch nach mehrmaligem Lesen will sich mir nicht erschließen, was genau unterstützt und gestärkt werden soll. Jedenfalls erinnert es an die Vereinssitzung in Loriots „Ödipussi“.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 19/2024: Schmuck am Nachthemd und unnütze Kommata

Montag: Trotz trüber Regenkühle war ich in Anzuglaune. Das Problem: Erst beim Anziehen des Jacketts kurz vor Verlassen des Hauses bemerkte ich, dass es inzwischen merklich spannt, wenn ich die Knöpfe schließe. Daher blieben sie geöffnet und schweren Herzens beschloss ich, dass dies heute sein letzter Einsatz werden würde. Ich fürchte, vorstehendes gilt für die meisten Anzüge in meinem Schrank, die ich lange nicht trug. Ob ich in absehbarer Zeit einen neuen kaufen werde, ist fraglich, im Grunde genommen brauche ich keinen mehr, seit sich die Kleidungsgepflogenheiten im Werk deutlich gelockert haben, was einerseits nicht zu bedauern ist, andererseits doch, da ich ab und an sehr gerne einen Anzug trage.

Der Tag blieb trüb mit nahezu ununterbrochenem Regen; das Siebengebirge, auf das ich vom Büro aus schaue, lag in Wolken gehüllt. So ähnlich fühlte ich mich auch.

Aus einem Leserbrief über Auswüchse der Political Correctness: »Peinlich, dass den Moralaposteln und Gendersensiblen bislang entgangen ist, dass der allseits gebräuchliche Genderstern nicht wenige Menschen an unsere tiefbraune Vergangenheit erinnert.« Bei aller geteilten Skepsis zu diesem Thema: Das erscheint nun doch etwas weit hergeholt.

Dienstag: Statt Anzug- weiterhin Daunenjackenwetter. Morgens leichter Niesel, gerade so wenig, dass es sich nicht lohnte, den Faltregenschirm aus der Tasche zu holen. Der für nachmittags in Aussicht gestellte Sonnenschein zeigte sich nur kurz, ehe aus Nordosten erneut Gewölk mit Regen aufzog. Lichtblick am trüben Himmel war ein Luftschiff, das rheinaufwärts flog und mich kurz von der Werktätigkeit innehalten ließ.

Morgens. Die Rheinuferlinden wirken unvorteilhaft gerupft.
Ich wär‘ gerne mitgeflogen …
Es klärt sich auf zum Wolkenbruch

„Das ist Schmuck am Nachthemd“, hörte ich in einer Besprechung, was sinngemäß eine gewisse Überflüssigkeit zum Ausdruck bringen sollte; vielleicht kennen Sie diese Redewendung längst, mir war sie neu. Im Übrigen bin ich der Meinung, wenngleich ich, im Gegensatz zu meinem vergangenen Vater, derartiges nicht tragen würde, auch Nachtwäsche muss nicht zwingend grau-beige sein.

Mittwoch: Der zweiundzwanzigste Hochzeitstag heißt Bronzehochzeit. Dazu alles Liebe, mein Liebster, und danke, dass du es immer noch mit mir aushältst! – Offenbar hatten wir beide denselben Gedanken, abends kam es zum Austausch von Herzlichkeiten und Blumensträußen.

Vormittags geriet ich in einen intensiven Mailaustausch, weil ein Großkunde einen Wunsch geäußert hat. „Kann man nicht …“, „Man müsste doch …“, „Bis wann geht das …“ und so weiter. Als fachlich Verantwortlicher für das IT-System, das könnte und müsste, teilte ich der Runde mit, dass es dazu bereits lange eine Anforderung gibt auf der langen Liste unerfüllter Wünsche. Nun müsste sich nur noch einer finden, der es bezahlt, dann kann man auch. Ich fürchte nun, irgendwo wird das erforderliche Budget locker gemacht werden mit der Vorgabe der kurzfristigen Umsetzung und ohne Rücksicht auf die bestehende Planung. Dann wird es wieder unnötig hektisch.

Mittags im Park

Was ich in den letzten viereinhalb Jahren überhaupt nicht vermisste waren Aufzuggespräche, wie ich bemerkt, als ich nach der Mittagspause wieder hoch zum Büro fuhr.

Donnerstag: Schon wieder Feiertag, danke den Christen und Vätern, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Schnittmenge; wenn Sie in den Siebzigern Grundschüler waren, kennen Sie bestimmt noch die Mengenlehre, eigentlich ganz einfach, viele Eltern überforderte sie jedoch, was erst zu einem Skandal, dann zu ihrer Abschaffung führte. Ich schweife ab.

Eine Menge unterhaltsamer Texte gab es nachmittags bei der Bonntastik-Lesung im Stadtteil Niederholtorf zu hören. Sieben Autorinnen lasen ihre Werke vor, inspiriert durch Bilder eines Bonner Künstlers. Das ganze ist auch in Buchform erhältlich. Da sich das Wetter maimäßig-sonnig zeigte, verband ich den Hinweg mit einem längeren Spaziergang, der mich einigermaßen ins Schwitzen brachte, da Niederholtorf, anders als der Ortsname vermuten lässt, einige Meter höher liegt. Erfreulicherweise fand die Lesung in einer Gaststätte statt, wo des Anstiegs Mühe mit kühlendem Kristallweizen belohnt wurde.

Freitag: Büros und Kantine waren erwartbar leer, weil viele brückentäglich frei hatten, andere lieber zu Hause arbeiteten.

Mittags im Park sah ich mehrere Gänsefamilien mit Nachwuchs in unterschiedlichen Wachstumsstufen Gras zupfen; Schildkröten, die erheblich gewachsen sind, seit ich sie das letzte Mal in ihrer üblichen Teichecke sah, reckten die Köpfe in die Sonne. Nutrias sind keine mehr zu sehen, seit die Stadt sie abknallen letal entnehmen ließ, nur hier und da deutet noch eine zerwühlte Uferkante auf ihr Wirken hin.

Nach der Mittagspause machte ich erstmals von der Möglichkeit Gebrauch, die Schreibtischplatte elektrisch hochzufahren und stehend zu arbeiten*, was aufkommender Müdigkeit entgegen wirkt. Das sollte zur Gewohnheit werden.

*d.h. den Pressespiegel zu lesen wie jeden Tag nach dem Essen

Wie Mittwoch geahnt, wurde heute entschieden, die IT-Anforderung so bald wie möglich umzusetzen, auch das Geld steht bereit. Das ging nun doch überraschend schnell.

Kurt Kister über Sprache:

»Sprache entwickelt sich nicht, sie wird entwickelt. Menschen entwickeln Sprache, verändern sie. Diese Veränderungen der Sprache spiegeln meistens Veränderungen im Denken, häufiger noch im Fühlen der Menschen wider. Es sind nicht einmal die Menschen, die sprachliche Gewohnheiten verändern, sondern Milieus, Schichten oder Interessengruppen, die der Auffassung sind, dieser oder jener Sprachgebrauch entspreche nicht mehr der modernen Sicht der Wirklichkeit, jedenfalls der Wirklichkeit, so wie sie die Angehörigen der sprachverändernden Gruppe(n) wahrnehmen. Die Veränderung von Sprache ist oft auch ein Versuch, „Wirklichkeit“ zu verändern. Und um die aus subjektiven Motiven vorgenommene Veränderung nicht zuletzt gegenüber Skeptikern zu objektivieren, heißt es dann: Sprache entwickelt sich nun einmal.«

Zum Gesamttext hier entlang

Samstag: Mittags brachte ich fast alle Anzüge und mehrere Sakkos zu Oxfam, die gestern Abend nach Anprobe kurzentschlossen ausgemustert wurden. Alles, was am Bäuchlein spannte, flog raus. Mein Lieblingsanzug, den ich vor Jahren im Schaufenster sah und in den ich mich, trotz des nicht gerade günstigen Preises, spontan verliebte, sitzt erfreulicherweise noch immer ganz passabel, nur sehr ungern hätte ich auch ihn weggegeben.

»Wegen einer Störung, kommt es zurzeit zu Verspätungen«, ließ die Laufschrift an einer Straßenbahnhaltestelle die Fahrgäste wissen. Dieses unnütze Komma, nach Satzeinleitungen mit oder unmittelbar vor einer Präposition setzt sich immer mehr durch.

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang führte heute wieder, bei bestem Sommerkurzehosenwetter, ans andere Rheinufer. Diese Strecke mag ich besonders, nach knapp einer halben Stunde Fußweg befindet man sich auf dem Land, wo Vogelgezwitscher das vorherrschende Geräusch ist. Heute wurde die Akustikidylle ein wenig getrübt durch ein Partyschiff, dass basswummernd den Rhein auf und ab fuhr.

Bitte denken Sie sich dazu das Lied „Polka, Polka, Polka“.

Die Sonntagszeitung stellt jede Woche im Feuilleton vier Fragen an jemanden aus der Kulturszene, heute den (mir unbekannten) Sänger Dagobert. Eine der Fragen lautet: »Was nervt Sie?« Aus der Antwort: »Schlimmer […] sind eigentlich nur Steinmännchen, die manchmal von bösartigen Wanderern an Flussufer oder Strände gebaut werden und deren einzige Bestimmung es ist, mich zu ärgern. Ihr Anblick löst in mir zuverlässig Aggression und Zerstörungswut aus.« Ähnlich geht es mir bei aus Fingern geformten Herzen, gestern Abend wieder zahlreich zu sehen bei der Übertragung des European Song Contest. Immerhin, der deutsche Beitrag lag verdientermaßen nicht auf dem letzten Platz. Warum die Schweiz gewonnen hat, erschließt sich mir allerdings nicht. Interessanter die Frage, ob der Finne wirklich ohne Hose aufgetreten ist.

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Kommen Sie gut durch die Woche, lassen Sie sich nicht nerven.

Woche 18/2024: Öler klingt wenig verkehrswerbend

Montag: Seit nunmehr einer Woche weilt der Liebste aus beruflichem Anlass in Atlanta. Mehrmals täglich telefonieren wir mit sechsstündigem Versatz und tauschen unsere Erlebnisse aus, wobei er mehr zu berichten hat, ich bin von Natur aus eher der Zuhörer beim Telefonieren. Anfangs rechnete ich immer, wie spät es bei ihm jetzt wäre, dabei ist es gerade als Besitzer einer Analoguhr ganz einfach: Man muss sich den kleinen Zeiger nur genau gegenüber vorstellen.

So langsam könnte er aber auch mal zurück kommen.

Dienstag: Zu Fuß ins Werk und zurück, es ist deutlich wärmer geworden. Bald Anzugwetter.

Das muss nun wirklich nicht sein

Im Rheinauenpark, in Sichtweite meines neuen Arbeitsplatzes mit Aussicht, wurden ein Riesenrad und weitere Fahrgerätschaften aufgebaut für das Spektakel Rhein in Flammen am Wochenende, wo Feuerwerk, Musik und Außengastronomie die Menschenmassen erfreuen werden. Wegen letzteren werden wir es auch in diesem Jahr wieder meiden. Auf dem Rhein sind, neben den ganzjährig üblichen Frachtschiffen, wieder mehr Hotelschiffe zu sehen, zudem die Ausflugsdampfer (freilich keine Dampfer mehr, aber Dieseler oder Öler klingt wenig verkehrswerbend) der Köln-Düsseldorfer und Bonner Personenschifffahrt bis Linz und zurück. Damit könnten wir auch mal wieder einen Ausflug machen, vielleicht kann ich meine Lieben dazu motivieren.

Auch die Rheinnixe wurde nochmals bewegt, sie liegt nun wieder vor Beuel und harrt dort ihrer ungewissen Zukunft entgegen.

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Auf dem Heimweg sah ich zwei junge Frauen auf zwei geschobenen Fahrrädern einen Maibaum transportieren; es ist ein Schaltjahr, da werden die Herren mit geschmücktem Totholz beglückt. Kurz darauf zwei junge Männer zu Fuß mit einem Bierkasten zwischen sich. Klare Aufgabenteilung.

Als ich mir im Außenbereich eines Lokals in der Fußgängerzone einen Feierabend-Maibock (ich schrieb erst Mailbock, interessante Variante) genehmigte, platzierte sich davor einer mit Klarinette, aus der er wenig hörenswerte Melodien hervorbrachte. Nach dem dritten oder vierten Lied ging er durch die Tische, um Kleingeld zu ernötigen. Ich gab ihm nichts. Dabei fühle ich mich immer ein wenig wie ein Arschloch, aber ich sehe es nicht ein, für etwas zu bezahlen, das ich nicht bestellt habe und das mir keinerlei Nutzen oder wenigstens Freude bringt.

Abends wurden der Geliebte und ich im Restaurant Zeuge einer Begebenheit: Eine mittelalte Frau kam herein und fragte die Kellnerin nach einem Telefon, bei ihrem eigenen wäre der Akku leer. Es wurde ihr gebracht, damit setzte sie sich an einen Tisch nahe unserem, breitete einen Notizblock und andere Sachen vor sich aus und begann zu telefonieren, ohne etwas zu bestellen. Nachdem sie mehrere Gespräche geführt hatte, auch auf Englisch, kam ein anderer Kellner und bat sie freundlich um Rückgabe des Telefons, da man es benötigte, außerdem bat er sie, zu gehen. Nach einigen unfreundlichen Worten gegen den Kellner verließ sie empört das Lokal. Ein Blick auf das Telefon ergab: Sie hatte nicht ein einziges Telefonat geführt.

Mittwoch: Wenn man es sich zur Aufgabe gemacht hat, täglich etwas ins Blog zu schreiben, ist es an manchen Tagen nicht einfach, was geeignetes zu finden. Nicht so am 1. Mai, an dem wie in jedem Jahr gilt: Es ist paradox, zugleich erfreulich, am Tag der Arbeit nicht zu arbeiten.

Dazu passend Balkonliegestuhlwetter. Im SPIEGEL las ich erstmals von einem Hohlraumforscher und freute mich ein weiteres Mal darüber, was es alles gibt.

Donnerstag: Nach Rückkehr des Liebsten am Vormittag ist die Welt wieder etwas mehr in Ordnung, jedenfalls der winzige Teil davon, den ich überblicke.

Der Tag war sonnig und warm, für den Abend waren starke Gewitter angekündigt. Die kamen auch, allerdings nicht hier in Bonn. Während des Fußweges nach Hause baute sich ringsherum dunkles Gewölk auf, Windböen wirbelten Staub und Abfälle auf und ließen die bunten Bänder in den gestern aufgestellten (in diesem Jahr nach meinem Eindruck wenigen) Maibäumen flattern, ab und an war in der Ferne ein Grollen zu vernehmen. Nach Rückkehr verzogen sich die Wolken zunächst, sogar die Sonne schien zwischendurch wieder. Erst jetzt am späteren Abend, zum Zeitpunkt der Niederschrift, regnet es dicke Tropfen, laut Vorhersage wird sich daran in den nächsten Stunden nicht viel ändern. Bestes Schlafwetter.

Gewölk über Köln

Aus einem Zeitungsbericht: »Auch die Frösche gaben am 1. Mai ein so lautes Konzert, dass Spaziergänger am Weiher anhielten und fotografierten.« Anscheinend Tonbilder, wieder so ein neumodischer Kram, der an mir vorbeigegangen sein muss.

Freitag: Der Regen hielt bis zum Mittag an, gegen Abend zeigte sich die Sonne. Im Gegensatz zu anderen Regionen, wo die Meteorologie gestern heftig tobte und schädigte, hatten wir mal wieder Glück.

Um halb vier nachmittags erreichte mich überraschend per Mail die Einladung zur Eigentümerversammlung eine halbe Stunde später. Kurz empörte ich mich über die Kurzfristigkeit, dann schaute ich in den privaten Maileingang, und siehe da: Bereits im März wurde fristgerecht eingeladen, ich hatte es versäumt, den Termin im Kalender einzutragen. Das ist mir völlig durchgegangen und angemessen peinlich. Nicht, dass mir Eigentümerversammlungen größeres Vergnügen bereiteten, doch das sollte nicht passieren.

Unterdessen berichtet die Zeitung über einen Amerikaner, dem sein Therapie-Aligator abhanden gekommen ist. Dagegen ist eine versäumte Eigentümerversammlung vergleichsweise unerheblich.

Samstag: Unerwartet humorlos reagierten laut Zeitungsbericht Angestellte der LVR-Klinik, die auch eine Psychiatrie betreibt, auf eine Werbeaktion ihres Arbeitgebers um neues Personal. Hierzu hatte die Klinik rosa und grüne Postkarten drucken und in Kneipen verteilen lassen mit der Aufschrift „Klapsenbeste“ (rosa) beziehungsweise „Klapsenbester“ (grün) auf der Vorderseite. Darauf muss man auch erstmal kommen.

Sonntag: Heute ist der Fünfte im Fünften, somit #WMDEDGT-Tag. Alles weitere hier.

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Kommen Sie gut durch die Woche, verlieren Sie nicht den Humor.