Woche 5/2024: Führungskultur und eine Schönheitsschramme

Montag: Bereits seit gestern verunziert eine Verwundung meine Stirn, die am Vorabend durch einen Kratzunfall in gänzlich unamourösem Zusammenhang gerissen wurde. Im Gegensatz zum berühmten Zauberlehrling Harry P. aus H. erlaubt sie keine Schlüsse auf etwaige magische Fähigkeiten meinerseits, vielmehr auf die gewisse Dusseligkeit einer mir nahestehenden Person. Zu recht könnte ich mich nun entstellt fühlen, bemühe mich jedoch, es als vorübergehende Schönheitsschramme zu betrachten.

„Was hast du denn da gemacht?“ – „Das trägt man jetzt so.“

Stets nur vorübergehend auch das Dasein auf Erden: Der kurzfristig durch seinen obersten Dienstherrn abberufene Bonner Stadtdechan wird in der Zeitung in bestem Katholikengeschwurbel als „Hirte und Menschenfischer“ bezeichnet. Da lohnt eine nähere Betrachtung: Ein Hirte beraubt friedliche Schafe oder Ziegen ihrer Bewegungsfreiheit, indem er sie mit Hunden bedroht. Was ein Fischer mit dem ihm ins Netz gegangene Fang anschließend macht, ist auch nur bei sehr großer Phantasie (es misshagt mir weiterhin, das Wort mit F zu schreiben, obwohl ich ansonsten ein Freund der „neuen“ Rechtschreibung bin) als Nächstenliebe zu betrachten. Für einen Kirchenmann passt es wohl.

Dienstag: Der Fußweg ins Werk war begleitet von Morgenröte über dem Siebengebirge und Himmelszeltverschmutzung durch ausgefranste Flugzeughinterlassenschaften.

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Eines der Wörter, die nicht aussterben, obwohl ihre Zeit längst abgelaufen ist: Auch etwa fünfundzwanzig Jahre nach Ausmusterung der letzten Tageslichtprojektoren, die Älteren kennen die Dinger noch, werden Seiten einer Powerpoint-Präsentation als „Folien“ bezeichnet.

Am Futterteller vor dem Bürofenster sah ich erstmals eine Amsel, die sich wesentlich weniger scheu zeigte als die dort sonst sich labenden Elstern und Rabenkrähen. Auch das Rotkehlchen kam ab und zu und griff einige Körner ab. Nur die Halsbandsittiche, sonst alles andere als zurückhaltend, verschmähen das Angebot.

Mittwoch: Die Stadt Bonn hat begonnen, die Adenauerallee, eine vierspurige Ausfallstraße Richtung Bad Godesberg, probeweise mit gelben Linien und Baken umzugestalten; den Autos stehen nur noch zwei Fahrspuren zur Verfügung zugunsten breiter Fahrradspuren. Das war und ist sehr umstritten, nicht nur allgemein, auch innerhalb unseres Haushalts. Mit dem zugegeben einseitigen Blick des radfahrenden Autoskeptikers und unter Inkaufnahme innerfamiliärer Meinungsverschiedenheit begrüße ich die Maßnahme sehr und würde mich freuen, wenn es dauerhaft so bleibt.

Im Maileingang morgens die Einladung einer mir unbekannten Kollegin mit dem Betreff »Glamour! Stars! Euer Ticket nach Hollywood!« – Im Einladungstext ging es ähnlich weiter: »… ein neues Abenteuer … Shooting-Star … spannendes neues Vorhaben … damit wir es gemeinsam rocken können … Es werden geniale Sachen entstehen 😊 … Ich kann es kaum erwarten, euch alle beim Meeting zu sehen!« Dabei geht es nicht um ein Event in loser Bekleidung, sondern um irgendein neues IT-System, das da vorgestellt werden soll. Bei solchen Gelegenheiten fühle ich mich zunehmend alt und frage mich, ob das noch meine Arbeitswelt ist. Dennoch sagte ich zu. Wenn die Dame so überdreht ist wie ihre Einladung, wittere ich Blogfutter.

Mittags Hochbetrieb in der Kantine. Schon vor zwölf waren die meisten Tische belegt, zahlreiche Hungrige streiften mit ihren Tabletts durch die Reihen auf der Suche nach einem freien Platz. Dessen unbeeindruckt bleiben viele nach dem Essen sitzen und plaudern mit ihren Tischgenossen, manche fast so lange wie das Mahl zuvor gedauert hat. Im Gegensatz zu den Sitzenbleibern räume ich nach dem Dessert meistens sofort den Platz, nicht oder nicht nur, weil ich ein freundlicher Mensch bin, sondern weil es mir mit zunehmender Belegung viel zu unruhig wird.

Die hängenden Zweige der Trauerweiden im Rheinauenpark beginnen, grün zu schimmern. Jedes Jahr wieder ein tröstlicher Anblick. Im Übrigen endet heute der Januar. Das ist nicht schlimm, ich halte diesen Monat für entbehrlich. Ähnliches gilt, wenngleich darin geboren, für den Februar.

Donnerstag: Der Vormittag war ausgefüllt von einer am Bildschirm zu verfolgenden Informationsveranstaltung des Vorstands, nicht als „Townhall“ tituliert, vielleicht haben sie selbst gemerkt, wie albern das ist. Auf der Bühne die für uns zuständige Vorstandsdame (etwas in mir sträubt sich gegen die Verwendung des Begriffs „Vorständin“, auch wenn das mittlerweile allgemein gebräuchlich ist), und die nächste Führungsebene darunter, zufällig nur Herren. Es war interessant, kurzweilig, angenehm.

Warum ich das berichte: Ich finde, die Führungskultur bei uns hat sich in den letzten Jahren sehr zum Guten geändert. Nicht nur äußerlich ist das erkennbar, niemand trug heute Anzug und Krawatte, stattdessen einheitlich Polo mit Unternehmenslogos. Man duzt sich untereinander, geht freundlich und respektvoll miteinander um. Ich habe das anders in Erinnerung*. Bis vor wenigen Jahren führte uns ein Vorstandshengst mit Starallüren, der über den Wassern schwebte, darunter C[irgendein Buchstabe]O‘s, für die Angst ein gängiges Führungsinstrument war. Niemals wäre einem von ihnen, wie heute geschehen, ein Anflug von Selbstkritik über die Lippen gekommen, diese Herren waren gleichsam Götter, sie machten keine Fehler. Inzwischen haben fast alle Göttlichen, darunter zum Glück auch der Hengst, den Konzern mehr oder minder freiwillig verlassen, nur einer von ihnen ist noch da, in einem anderen Unternehmensbereich, wo er dem Vernehmen nach weiterhin sein Unwesen treibt. Auch seine Zeit wird ablaufen, weil diese Art der Führung zu nichts Gutem führt. Nein, früher war nicht alles besser. So wie es jetzt ist, darf es bis zu meinem Ruhestand gerne bleiben.

*Vgl. hier

Heimweg zur blauen Stunde

Freitag: Die Schönheitsschramme auf der Stirn ist weitgehend weggebröckelt, nur bei genauem Hinsehen ist noch eine kleine Macke zwischen den Sorgenfalten auszumachen. Alles wird gut.

Nicht gut: Der neue Fahrradstreifen an der Adenauerallee wird gegenüber dem Beethoven-Gymnasium gerne von autofahrenden Eltern missbraucht, um die schulpflichtige Brut abzusetzen, nun müssen sie dazu nicht mehr recht umständlich in die Ladebucht für Elektoautos einparken. Darüber wird zu reden sein.

Gut zu wissen: Hadelog hat heute Namenstag. Der hatte es wohl auch nicht leicht auf dem Schulhof.

In letzter Zeit stoße ich gehäuft auf die Verwendung von „so“ anstatt „sehr“, zum Beispiel wenn es heißt „Dieser Steckrübeneintopf ist so gut“. Das ist ohne Zweifel völlig unerheblich, und doch lässt es meinen Sprachnerv ein wenig zucken.

Ähnliches gilt für „Happy Flow“, wenn etwas so funktioniert wie es soll.

Samstag: In Münster kann man jetzt nackt ins Museum gehen, um die Akt-Ausstellung „Nudes“ zu betrachten, ist dem Kulturteil der Zeitung zu entnehmen. Ob das den Kunstgenuss steigert, vermag ich nicht zu beurteilen, indes warum nicht, wer es mag.

Bekleidet in Uniform war nachmittags ein Auftritt auf einer karnevalistischen Großveranstaltung im Bonner Südwesten zu absolvieren. Gesamtdauer mit An- und Abfahrt sowie Wartezeit etwa zweieinhalb Stunden, Dauer unseres Auftritts etwa drei Minuten. Das nimmt man im Kampf gegen Griesgram und Muckertum selbstverständlich gerne auf sich.

Sonntag: Letztlich ist es nur die Erhöhung einer unbedeutenden, wenngleich mittlerweile erschreckend großen Zahl, die zu würdigen die Menschheit für notwendig befindet. Jedenfalls danke ich allen, die sich heute extra die Mühe gemacht haben, mich deswegen in Wort oder Schrift zu kontaktieren, mache es gleichzeitig niemandem zum Vorwurf, nicht daran gedacht oder es nicht für erforderlich gehalten zu haben.

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Kommen Sie gut und unverletzt durch die Woche, wenn Sie mögen auch nackt, mit oder ohne Karneval.

Woche 4/2024: Schnee von vorgestern und ungewohnte Unruhe

Montag: Über Nacht ist der Schnee, der bis gestern die Stadt bedeckte, weitgehend weggeschmolzen, bis auf ein paar letzte schmutzig-weiße Flecken am Wegesrand und Resteis auf den Gehwegen, das morgens noch manchen Schritt rutschen ließ und bis zum Abend vollständig verschwunden ist. Geblieben ist ein grau-brauner Belag, der alles recht unfröhlich erscheinen lässt.

Vormittags erläuterte der Chefchefchef in einer großen Informationsveranstaltung die anstehenden Umstrukturierungsmaßnahmen. Aus mir nicht bekannten Gründen heißen solche Zusammenkünfte bei uns „Townhall“, auch wenn sie in einem internen Konferenzsaal abgehalten werden. Alles andere wäre faktisch unmöglich, da die örtliche Stadthalle seit geraumer Zeit wegen Baufälligkeit nicht betreten werden darf. Townhall also, das macht es nicht besser und nicht schlechter. Im übrigen ist es ruhegehaltsfähige Arbeitszeit, und da Präsenz ausdrücklich gewünscht war, kam man währenddessen nicht in Versuchung, nebenbei Mails zu bearbeiten.

Dienstag: Morgens zu Fuß ins Werk durch fast frühlingshafte Milde. Nur zahlreiche Pfützen entlang der Uferpromenade hatte der Schnee von vorgestern hinterlassen. Einige davon noch komplett vereist, andere direkt daneben bereits verflüssigt. Das als Wunder der Natur zu bezeichnen ist wohl etwas übertrieben, gewundert habe ich mich dennoch.

Jan Wiefels vom General-Anzeiger über den derzeitigen Zustand der Bahn in Bonn und Umgebung:

»Für zwei Wochen war die Bahnstrecke zwischen Köln und Bonn gesperrt, dann kam der Lokführerstreik dazu und zum krönenden Abschluss gab es – für rheinische Verhältnisse – noch jede Menge Schnee. Hätte man in dieser Zeit unter dem Hauptbahnhof auch noch eine Terrakotta-Armee entdeckt, es hätte mich nicht gewundert.«

Zum ganzen Text bitte hier entlang

Das mit der Terrakotta-Armee muss ich mir merken.

Mittwoch: Die Lokführer streiken bis nächste Woche. Ich möchte das nicht bewerten, es gibt gute Gründe dafür, man kann es indes auch für überzogen halten. Zum allgemeinen Sympathieträger macht sich Herr Weselsky damit nicht, das ist sicher auch nicht sein Hauptanliegen. Was man in diesem Zusammenhang und vergleichbaren Ausständen nicht mehr hören und lesen möchte: Die Bevölkerung würde von den Eisenbahnern „in Geiselhaft genommen“. Das ist Unfug und eines der zahlreichen schiefen Bilder, die irgendwann mal jemand, vielleicht ein FDP-Politiker oder Bild-„Journalist“, ich weiß es nicht, gemalt hat und das seitdem zu unterschiedlichen Anlässen gerne abgemalt beziehungsweise nachgeplappert wird.

Hyperaktiv dagegen die Sonnenschutz-Jalousien im Werk. Sobald Wind bläst, und der blies heute den ganzen Tag recht lebhaft, fahren sie ungefähr im Fünfminutentakt automatisch runter und kurz darauf wieder hoch, es scheint da einen irregeleiteten Sensor am Gebäude zu geben. Anfangs lief ich jedes Mal, wenn sie herunterzufahren begannen, zum Schalter neben der Bürotür, um sie daran zu hindern, was mich in Bewegung hielt; ungefähr nach dem zwanzigsten Mal ließ ich sie fahren.

Donnerstag: Wie üblich zu Fuß ins Werk, heute bei interessantem Licht.

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Vormittags gab es Abschiedsgebäck des scheidenden Chefchefs. Dadurch waren die Büros heute überdurchschnittlich stark besucht, was ungewohnte Unruhe in die Flure brachte.

Das Casino am Mutterhaus (das wäre vielleicht ein schöner Titel für eine Vorabendserie im ZDF), umgangssprachlich Kantine, wirbt mit authentischen Gerichten aus aller Welt, saisonal und regional hergestellt. Heute im Angebot:

Wir wünschen „Guten Appetit“.

Tagebucheintrag vom 24. Januar 2004: »Mit einer gewissen Fassungslosigkeit sehe ich der Tatsache entgegen, daß ich bald 37 Jahre alt werde.« Derartige Unbehaglichkeiten haben sich in den letzten Jahren zum Glück völlig gelegt, keinesfalls möchte ich heute zwanzig Jahre jünger sein.

Freitag: Aus einem Zeitungskommentar über SUV: »Besonders unter geltungssüchtigen Männern, Helikopter-Eltern und Rentnern sind die Autos mit den großen Abmessungen beliebt.« Der darauf Bezug nehmenden Leserbriefempörung der oben Genannten sehe ich mit Freude entgegen.

Der Liebste hatte seinen letzten Arbeitstag bei der Firma in Ratingen, im Februar fängt er bei einem anderen Unternehmen in Köln an. Auf der Rückfahrt heute spielten sie „Don’t Look Back In Anger“ von Oasis im Radio. Künstliche Intelligenz?

Abends: „Hey Siri, spiel Humba Täterä!“ – Daraufhin wurde „I‘m still standing“ von Elton John gespielt. Bis auf Weiteres müssen wir uns wegen der Machtübernahme durch künstliche Intelligenz wohl keine großen Sorgen machen.

Samstag: Gestern Abend trafen wir uns mit einer Freundin in einem Weinlokal in der Südstadt. Das war sehr schön, erforderte heute allerdings ein etwas längeres Imbettbleiben.

Da der Tag ansonsten ohne nennenswerte Aktivitäten und Erkenntnisse verlief, schauen wir auf die WordPress-Tagesfrage, die heute lautet: »Welche Bücher möchtest du lesen?« Der Stapel der ungelesenen Bücher umfasst zurzeit zwanzig Stück, zumeist welche, die ich während sonntäglicher Spaziergänge aus öffentlichen Bücherschränken entnommen habe. Darunter „Lichtenberg Aphorismen“, „Wörter machen Leute“ von Wolf Schneider, „Das Ringelnatz Lesebuch“ (ohne Bindestrich, man kann nicht alles haben), „Vom Wandern“ von Ulrich Grober und „Die Leiden des jungen Werther“ von Goethe. Hinzu kommt eine lange Liste von Büchern, die mir aufgrund gelesener Beschreibungen mal beschaffenswert erschienen, wobei ich bei den meisten inzwischen vergessen habe, warum, etwa „Komplett Gänsehaut!“ von Sophie Passmann und „Kurz über lang“ von Nina Goldberg. Klar ist es dagegen bei „Faul! Vom Nutzen des Nichtstuns“ von Bernd Imgrund und „Porno. Eine unverschämte Analyse“ von Madita Oeming. Es erscheint unwahrscheinlich, dass ich es in der zur Verfügung stehenden Zeit schaffe, die alle zu lesen und frage mich immer wieder, wie andere das schaffen und darüber dann auch noch ausführlich bloggen. Aus Gründen, die ich selbst nicht erklären kann, komme ich außerhalb von Urlauben nur abends im Bett vor dem Einschlafen zum Bücherlesen. Das ist eindeutig zu wenig.

Aktuelle Bettlektüre ist übrigens „Die Welt ist laut – Eine Geschichte des Lärms“ von Kai-Ove Kessler. Sehr zu empfehlen.

Sonntag: Auch über diesen Tag gibt es nicht viel zu berichten, ein Sonntag, wie er sein soll: Ausschlafen, Erwachen ohne nennenswerte Nachwehen des Vorabends, ein Spaziergang, sonst keine aushäusigen Pflichten, kein Besuch, reichlich Sofalesezeit (Sonntagszeitung, Blogs, Spiegel; kein Buch, siehe oben).

Die Sonne schien durchgehend vom wolkenlosen Himmel, dazu ein kühler Wind. Daher hielt ich Schal und Handschuhe für angebracht, während in der Innenstadt ein Kellner die Gäste auf den Außenplätzen im Kurzarmhemd bediente. Warum auch nicht, wenn es ihm zum Wöhlnis gereicht. („Wöhlnis“ las ich vor einiger Zeit und notierte es für die spätere Verwendung. Also heute.)

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme, möglichst lärmarme Woche.

Woche 3/2024: Nicht unerwartet, gleichwohl gruselig

Montag: Angeblich ist der dritte Montag im Januar der traurigste Tag des Jahres, so ist zu lesen, wobei unklar bleibt, ob das eine Erkenntnis der Wissenschaft oder aus dem Tourismus-Marketing ist.

Beim Mittagessen mit einem Kollegen sprachen wir über die aktuellen politischen Entwicklungen und waren uns einig, dass die Aktivitäten und Erfolge der sogenannten Rechten äußerst beängstigend sind, was die Stimmung zu drücken vermag.

Erst abends zu Hause hellte sie deutlich auf, als ich nach längerer Zeit und viel Quengeln endlich mal wieder den Ofen anheizen durfte. Insgesamt war der Tag somit gar nicht so schlecht; wenn es der traurigste des Jahres war, könnte das Jahr ganz gut werden.

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Dienstag: Über Nacht hat es geschneit. Während die Rheinuferpromenade fast vollständig schneebedeckt war, waren in der Innenstadt nur vereinzelte weiße, wenige Quadratmeter große Flecken vorzufinden, als hätte jemand punktuell hier und da, ohne erkennbares Muster, eine Schubkarre voll Schnee ausgekippt und das ganze mit einer sehr feinen Harke anschließend glattgezogen.

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Bereits im vorletzten Jahr hat die Rheinnixe, eine Personenfähre, aus wirtschaftlichen und personellen Gründen dauerhaft den Betrieb eingestellt, ich berichtete. Seitdem lag sie vor dem Beueler Ufer und harrte ihrem ungewissen Schicksal entgegen. Angeblich war sie von dort auch nicht mehr ohne weiteres wegzubewegen, weil sich inzwischen größere Mengen Kies um sie herum abgelagert hatten, nur mit erheblichen Kosten zu entfernen, die keiner übernehmen wollte. Wie ich heute Morgen sah, wurde sie umgeparkt, sie liegt nun an ihrem alten Anlegeplatz auf der Bonner Seite, im Führerhaus brennt Licht, als warte sie nur auf die nächsten Fahrgäste und legte gleich ab. Vielleicht konnte das Hochwasser der vorletzten Woche genutzt werden, um sie zu befreien. Was auch immer der Grund für den Standortwechsel sein mag, mit der Wiederaufnahme des Fährbetriebs rechne ich nicht.

Womit hingegen zu rechnen war: Donald Trump hat die Vorwahl in Iowa gewonnen. Nicht unerwartet, gleichwohl gruselig.

Mittwoch: Wie angekündigt schneite es ab Mittag heftig, deshalb nahm ich statt des Fahrrades die Bahn zum Büro. Auch der Arbeitstag verlief in geregelten Bahnen ohne nennenswerte Vorkommnisse, während draußen die Schneedecke wuchs. In den Büros waren mehr Leute anwesend als erwartet, angesichts der Wetteraussicht rechnete ich damit, dass alle im Heimbüro blieben. Nur der gut gefüllte Futterteller vor dem Fenster blieb unbesucht, weder Raben noch Elstern schienen heute Lust auf Auswärtsessen gehabt zu haben.

In den zuständigen Apps unterdessen Warnungen vor Unwetter, Leib und Leben. Wir haben anscheinend Glück gehabt: Die Eisregenfront zog haarscharf südlich vorbei, hier bei uns nur Schnee, wenn auch mehr als reichlich davon. Warum auch nicht (bzw. „Aber hey“, wem das lieber ist), es ist Januar, da kann es schneien, auch viel. Ich erinnere mich an den Rosenmontag 1987, als über Ostwestfalen heftiger Eisregen niederging. Nach wenigen Stunden war alles mit einer Eisschicht überzogen: Straßen, Gehwege, Autos, Fahrräder, Bäume; letzteren knickten unter der Eislast die Äste ab. So etwas hatte ich vorher noch nicht gesehen. Dasselbe im Dezember 1988 nochmal, ich arbeitete an dem Tag in Werther und hatte Mühe, nach der Arbeit meine Autotür zu öffnen und die festgeeisten Scheibenwischer zu lösen. Irgendwie gelang es mir schließlich und ich kam unfallfrei nach Hause. Soweit ich mich erinnere, sprach beide Male niemand von Unwetter oder Katastrophe, vielleicht irre ich mich auch.

Zur Abwechslung mal wieder die WordPress-Tagesfrage, die heutet lautet: »Kannst du eine Situation schildern, in der du dich geliebt gefühlt hast?« Eine besondere Situation vergangener Zuneigungsbekundung zu nennen fällt mir schwer, vielmehr fühle ich mich durchgehend ausreichend geliebt. Auch wenn meine Lieben bisweilen eine sehr spezielle Art an den Tag legen, das zum Ausdruck zu bringen. Passt schon. (Bitte denken Sie sich hier ein zweifaches herzverziertes Kuss-Emoji.)

Donnerstag: Bonn liegt weiterhin unter einer dichten Schneedecke. Morgens schneite es noch, deshalb wählte ich statt des üblichen Fußmarsches auch heute die Bahn, die mich pünktlich und mit reichlich Platz zum Werk fuhr, das ist zu loben.

Vormittags eine Besprechung in größerer hybrider Runde, die einen saßen am Tisch im Besprechungsraum, die anderen waren zugeschaltet über eine kleine flache Lautsprecherbox auf dem Tisch. Es wurde viel durcheinander geredet. Ich schwieg, schaute nach draußen in den Schnee und fand es schön.

Schön auch die Schlussformel „Gehab dich wohl“, empfangen zum Abschluss eines Telefongesprächs. Die sollte viel öfter Anwendung finden, allemal besser als „Ciao“ oder, was zunehmend am Ende von Mails zu lesen ist: „Cheers“.

Mittags im Park

Zurück ging ich zu Fuß über die immer noch weiße Uferpromenade. Der Schnee ist inzwischen festgetreten, es ließ sich gut und ohne zu rutschen gehen. In der Innenstadt hingegen ist er auf Straßen und Gehwegen zu bräunlichem Matsch angetaut.

Die Rheinnixe an ihrem neuen alten Platz

Nach der Arbeit ging ich zum Zahnarzt wegen der in der vergangenen Woche abgelösten Zahnkrone. Obwohl der Zahn mittelfristig raus soll, erhielt er eine letzte Gnadenfrist, die Krone wurde noch einmal befestigt. Nach Karneval, haben wir vereinbart, melde ich mich wieder wegen der Ziehung. Nach Karneval ist ein dehnbarer Zeitraum.

Freitag: Mittags wurden bevorstehende organisatorische Änderungen bekanntgegeben. Ich behalte meine Aufgaben, meine Kollegen und meinen Chef, darüber bin ich sehr froh. Einzig an eine neue Abteilungs- und Stellenbezeichnung werde ich mich gewöhnen müssen, nicht zum ersten und vermutlich nicht letzen Mal. Ich freue mich nun auf die entsprechenden Mitteilungen dazu, in denen voraussichtlich von verschlankten Strukturen, zu hebenden Synergien und Konzentration auf das Kerngeschäft zu lesen sein wird. Cheers.

Auf dem Heimweg sah ich die ersten Frühblüher ihre Spitzen durch die Schneedecke stechen und freue mich, dass die Natur sich trotz allem offenbar auch in diesem Jahr noch einmal entschlossen hat, zu erwachen.

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Satz des Abends: „Es ist eigentlich traurig, dass man Modern Talking mitsingen kann. Aber man kann es.“

Samstag: Während ich nach dem Frühstück lesend auf dem Sofa weilte, vernahm ich aus der Küche folgenden Dialog: Siri: „Was kann ich für dich tun?“ – Der Geliebte: „Mich am A … lecken.“ – Siri: „Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll.“

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Das schrieb einst der Philosoph Ludwig Wittgenstein.

Sonntag: Auch in Bonn wurde heute gegen die zunehmende Bräunung politischer Ansichten demonstriert. Ich war beeindruckt: Bis zum Marktplatz, Ort der Kundgebung, drang ich gar nicht vor, weil bereits die Straßen drumherum voller Menschen mit bunten Schildern und Regenbogenfahnen waren. Hoffentlich nützt es was.

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Gehaben Sie sich wohl, kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 2/2024: Ein entkrönter Zahn und gefrorene Überschwemmungsreste

Montag: Die Schulferien sind zu Ende, auf Straßen und Radwegen wieder ein Sausen und Brausen. Was ein wenig nervt, vor allem dort, wo man schlecht überholen kann, sind Mitradfahrer, zumeist jüngere, die vor mir in den Pedalen stehend trampeln, sich nach wenigen Tritten setzen und das Rad fast ausrollen lassen, sich dann wieder stellen und ein paar mal trampeln, sich setzen, ausrollen lassen, und so weiter. Warum tun die das? Haben die nicht verstanden, dass man auch im Sitzen radfahren kann, kontinuierlich kurbelnd mit in etwa gleichbleibender Geschwindigkeit? Nicht nachvollziehbar auch die nicht mehr ganz so junge Radfahrerin, die morgens ohne Licht und Helm komplett dunkel gekleidet auf dem schmalen Schutzstreifen der von Autos stark befahrenen Adenauerallee fuhr. Überhaupt habe ich in letzter Zeit den Eindruck, die Anzahl unbeleuchteter Fahrräder ist gestiegen. Denken die Leute nicht nach, oder ist es ihnen egal?

Vormittags hörte ich vom Büro aus hupende Bauernproteste über die B9 treckern. Ich habe mich zu wenig mit dem Thema befasst, um dazu eine fundierte Meinung zu haben. Deshalb ist es nur so ein Gefühl, dass ich die Aktionen für überzogen halte. Vielleicht stimmt mit meinem Gefühl was nicht.

Dienstag: Morgens auf dem Weg ins Werk war es sehr kalt, dafür optisch ansprechend.

Bitte beachten Sie die Mondsichel

Satz des Tages, gehört in einer der zahlreichen Besprechungen: „Es stehen zwei ziemliche Dickschiffe auf der Agenda.“

Wie sich im Übrigen gerüchteweise abzeichnet, könnten die kommenden Wochen im beruflichen Umfeld interessant werden.

Mittwoch: Die Tageszeitung berichtet kolumnenmäßig über eine Maus in Wales, die nachts in einer Garage kleine herumliegende Gegenstände in eine Schachtel räumt, wie Videoaufnahmen belegen. Der Artikel endet mit dem Satz »Es ist eigentlich ganz nett, eine Maus zu sehen, die ein Verhalten an den Tag legt, das keinem notwendigen Zweck dient.« Das kommt mir in ähnlicher Form bekannt vor.

Beim Mittagessen in der Kantine mit drei weiteren Kollegen löste sich eine Zahnkrone, oben rechts ganz hinten. Schon seit längerem empfiehlt mir mein Zahnarzt, den Zahn, der schon etwas locker ist, zu entfernen. Da er bislang beschwerdefrei seinen Kauzweck erfüllte, sah ich dazu bislang keine Notwendigkeit. Nun scheint die Zeit des Abschieds gekommen, werde mal einen Termin vereinbaren. Aber diese Woche nicht mehr, es hat keine große Eile.

Die Krone barg ich dezent aus dem Kauraum und verstaute sie zunächst in der kleinen Zusatztasche der Jeans oberhalb der rechten Hosentasche, irgendeinen Zweck muss die ja haben. Als Jugendlicher trug ich darin meine geliebte Taschenuhr, die ich zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, mit Kette an der Gürtelschnalle befestigt. Ich fand es recht schick, bei Zeitablesebedarf nicht wie alle anderen aufs Handgelenk zu schauen, sondern die Uhr an der Kette aus dem Täschchen zu ziehen. Als sie irreparabel für immer stehen blieb, kaufte ich mir eine neue. Erst mit vierundzwanzig kehrte ich zurück zur Armbanduhr, deren Bahnhofsuhrdesign mir so gut gefiel. Noch heute besitze ich eine Taschenuhr, habe sie lange nicht benutzt. Vielleicht funktioniert sie gar nicht mehr.

Donnerstag: Der Tag begann mit Schlummertastenterror. Ich benutze diese zweifelhafte Weckerfunktion nie, da sie meines Erachtens das Leiden der Lakenvertreibung nur unnötig verlängert. Nicht so der Geliebte: Vier- bis fünfmal forderte er nach dem Piepen Aufschub an, ehe er endlich aufstand. Bis dahin gähnte und wälzte er sich genüsslich neben mir. Das sind diese Momente, in denen mir temporäre Taubheit als wünschenswerte Option erscheint.

Nachdem die bisherigen Vorräte aufgepickt waren, nahm ich einen großen Beutel Vogelfutter mit ins Werk, um es vor dem Bürofenster zum allgemeinen Verzehr bereitzustellen. Das sah äußerst schmackhaft aus, optisch von Müsli kaum zu unterscheiden, sogar Rosinen entdeckte ich darin; fast war ich versucht, ein Schälchen für den Eigenbedarf abzuzweigen. Auch bei der Kundschaft fand es baldigen Anklang, neben den üblichen Elstern und Raben heute erstmals Halsbandsittiche.

Während einer längeren Besprechung am Nachmittag sah ich aus dem Fenster nicht nur den Vögeln zu, sondern am kaltklaren Himmel erheblichen Flugverkehr Kondensstreifen hinter sich her ziehend. Es verging kaum eine Minute, in der nicht ein neuer Strich gezogen wurde. So wird das nichts mit einskommafünf Grad, aber diese Hoffnung habe ich eh längst aufgegeben.

Freitag: Im Radio wurde morgens vor Eisglätte gewarnt. Als ich das Haus verließ, fiel leichter Niesel auf den eiskalten Boden, ohne zu gefrieren. Daher wagte ich mich auf das Fahrrad, was, wie sich zeigte, problemlos möglich war. Dennoch prüfte ich bei jedem Ampelhalt per Schuhsohle den möglichen Glättegrad und nahm Kurven vorsichtshalber langsam.

Glatt verlief die Prunksitzung unserer Karnevalsgesellschaft am Abend, somit kann der Programmpunkt für dieses Jahr auch abgehakt werden. Ob ich wieder singen werde, frage mich eine unbekannte Person. (Bis vor einigen Jahren bestätigte ich mich bei unseren Auftritten mit mäßigem Erfolg als Bühnensänger, dem wohl eine gewisse unfreiwillige Komik innewohnte, zumal wenn ein geborener Ostwestfale versucht, rheinisches Liedgut vorzutragen.) „Ein Glück“ sagte er auf meine Verneinung hin. Das hätte er sich nun wirklich sparen können. – Gefreut habe ich mich hingegen über die Verleihung des Godesberger Prinzenordens durch die amtierende Godesia, auch wenn ich nicht weiß, wodurch ich mich des Ordens würdig erwiesen habe. Die werden es schon wissen.

Geschafft – der Elferrat verlässt die Bühne. (Zwei sind schon fott.)

Samstag: Gestern saß der Liebste als Mitglied des Elferrats den ganzen Abend neben einem Virologen, heute ist er krank. Ein Zusammenhang ist weitgehend auszuschließen.

Sonntag: Ein trüber Tag, an dem es nicht richtig hell wurde. Nach dem Frühstück und Sonntagszeitungslektüre führte der Spaziergang an die andere Rheinseite, wo gefrorene Überschwemmungsreste aus der Vorwoche zu besichtigen sind.

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Auch wenn es nicht mehr ganz so kalt ist wie an den Vortagen, staune ich, wie viele Menschen die Außengastronomien nutzen, selbst ohne Wärmung durch umstrittene Heizpilze.

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Kommen Sie gut und ohne Rutschen durch die Woche.

Woche 1/2024: Auf ein Neues

Montag: Auf ein Neues. Den Silvesterabend gestern verbrachten wir ruhig und entspannt, fast bin ich versucht zu schreiben: altersgerecht, bei vorzüglichem Essen und begleitenden Weinen in einem Restaurant in Bad Godesberg. Bereits kurz nach 23:30 Uhr kehrten wir zurück, rechtzeitig, um mit einem Glas Champagner in der Hand vom Balkon aus zuzuschauen, wie andere Leute ihr Geld statt ins Restaurant zu tragen lieber in die Luft jagten. Ein jeder wie er mag, ich bewerte das nicht, womöglich gar mit einem kopfschüttelnden „Wie-kann-man-nur“.

Dank gemäßigter Alkoholzufuhr am Vorabend erwachten wir heute katerfrei, dennoch fiel das Frühstück wegen allgemeiner Appetitlosigkeit aus, was auf die immensen Nahrungsmengen der Vortage zurückzuführen ist, irgendwann ist es mal gut. Für alle Fälle beziehungsweise später aufkommenden Hunger holte ich dennoch Brötchen und verband das sogleich mit einem Spaziergang an den Rhein, der sich inzwischen wieder in sein Bett zurückgezogen hatte.

Blick Richtung Norden

Gemessen an den erheblichen Geldmengen, die vergangene Nacht augenscheinlich in Knall, Licht und Rauch verwandelt wurden, lagen heute erstaunlich wenige Böller- und Raketenabfälle auf den Straßen. Nur die Rheinuferpromenade war nennenswert beschmutzt.

Nachmittags verfasste ich einen ausführlichen Jahresrück- und ausblick, allerdings nicht hier, sondern im nichtöffentlichen Papier-Tagebuch.

Gelesen im Jahresrückblick von Frau Anje und zustimmend gelacht: »Ich habe […] einen Hörtest gemacht und wenn ich es richtig verstanden habe, sagte man mir, ein Hörgerät wäre sehr sinnvoll für mich, ich bin aber nicht daran interessiert, noch mehr mitzubekommen.«

Dienstag: Morgens auf dem Fußweg in den ersten Arbeitstag des Jahres fegte vor mir auf der Uferpromenade eine Kehrmaschine lärmend das alte Jahr auf. Die neue, vergangene Woche in Beaune spontan erworbene Jacke ist bequem wie ein Federbett, ich bin sehr zufrieden. »Merry Christmas« wünschte eine Leuchtschrift am Konferenzzentrum, „… gehabt zu haben“ fügte ich gedanklich hinzu und schüttelte mich sogleich innerlich ob dieser schauderhaften Floskel, die ich während des Tages erfreulicherweise nicht zu hören bekam. Am Rheinufer besang eine Amsel den milden Morgen, in den Bäumen nahe dem Mutterhaus trafen sich Krähen (oder Raben?) wild durcheinander käckernd zum Neujahrsempfang.

Kurz zuvor hatte die Kehrmaschine das Bild verlassen
Raben oder Krähen

Im Büro herrschte noch neujährliche Ruhe, nur wenige Mails im Eingang, zwei Anrufe mit Neujahrswünschen und ein kurzes Schwätzchen im Nachbarbüro. Dafür mittags in der Kantine erstaunlich viel Betrieb. Wichtigste Aufgabe des Tages war, die geplanten Urlaube ins Zeiterfassungssystem und den Outlook-Kalender einzutragen, auf dass man sich auf etwas hinfreuen kann.

Mittwoch: Weder Raben noch Krähen, vielmehr Rabenkrähen, wie meine Kollegin, ornithologisch kundig*, auf Anfrage heute erklärte. Es ist immer gut, wenn zu kennen, der/die sich auskennt.

Abends lieferte ich für den Geliebten eine Retourensendung ein im Lotto-Zeitschriften-Tabakgeschäft in der Fußgängerzone, das eine Annahmestelle des blauen Paketdienstleisters beherbergt. An der Wand hinter der Verkaufstheke ein Plakat für eine Tabakmarke, am unteren Rand der obligatorische Hinweis »Rauchen kann tödlich sein«. Direkt darunter ein Foto des früheren, inzwischen gestorbenen Ladeninhabers. Soweit ich mich erinnere bediente er die Kundschaft zumeist rauchend, als es noch üblich war, in Innenräumen zu rauchen. Humor haben sie.

Laut einer Zeitungsmeldung wurde am Neujahrstag in unserer Straße ein Auto aufgebrochen, unter anderem entwendeten die Räuber CDs. Anscheinend nicht die Hellsten und Jüngsten.

*Ein Grobhumoriker hätte stattdessen vielleicht geschrieben: die sich gut auskennt mit Vö … – genug.

Donnerstag: Der übliche Fußweg am Rhein entlang fiel heute ins Wasser, morgens durch Regen, abends aus anderen Gründen.

Die anderen Gründe

Epubli, die Selbstverlegerplattform, auf der ich kürzlich mein vielbeachtetes Buch zum Blog veröffentlicht habe, hat überraschend die Anzeige des Buchcovers und die Vorschau deaktiviert, aus Jugendschutzgründen. Meine Anfrage nach den Gründen beantwortet die Autorenberatung damit, dass »Publikationen anhand bestimmter Schlagwörter automatisch auf potenziell jugendgefährdende Inhalte überprüft und die Vorschau solcher Titel ausblendet« werden. Stimmt, in einem der Aufsätze kommt mehrfach das f-Wort vor (mal so als kleiner Kaufanreiz), das wird der Grund sein. Offen bleibt, inwiefern der unschuldige Titelschlumpf die Jugend auf unzüchtige Gedanken zu bringen vermag; meine diesbezügliche Rückfrage blieb bislang unbeantwortet.

Freitag: Über diesen Tag ist hier alles Wesentlich notiert, dem ist nichts hinzuzufügen.

Samstag: Im Gegensatz zu gestern war heute ein trüber Tag, an dem es nicht richtig hell wurde. Nach dem Frühstück mit den Lieben in einem Café (nachdem wir für das Frühstück im Kaufhof-Restaurant, das uns empfohlen worden war, zu spät dran waren) und einer anschließenden Erledigung ging ich zum Rhein, Hochwasser kucken. So langsam zieht er sich wieder in sein Bett zurück.

Später Zeitungslektüre auf dem Sofa: Auch Tiere haben ein Recht auf eine artgerechte Ansprache, forderte Peta, gleichsam die Klimakleber unter den Tierschützern, bereits vor drei Jahren; die Zeitung berichtete erst heute darüber. So soll man nicht sagen, man habe mit jemandem „ein Hühnchen zu rupfen“ (Alternativvorschlag Peta: „Weinblätter rollen“), nicht „zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen“ (stattdessen „Zwei Erbsen auf eine Gabel laden“) oder „die Katze aus dem Sack lassen“ (sondern „die vegane Calzone aufschneiden“), auch wenn es nicht im Sinne der Katze sein kann, im Sack zu verbleiben. Wer derart unsensibel gegen die Kreatur redet, macht sich laut Peta des Speziesismus schuldig: »Wo solche Phrasen in unserem Alltag gedankenlos verwendet werden, normalisieren sich Formen der Tierquälerei.« Weitere Vorschläge sind bei Bedarf hier zu finden.

Sonntag: Der Wecker ging bereits um acht Uhr, da wir morgens eine karnevalistische Pflicht hatten. Aus nicht von mir zu vertretenden Gründen kamen wir etwas zu spät an, die anderen hatten bereits angefangen zu proben. Mich ärgert so etwas, ich bin ein großer Freund der Pünktlichkeit, bei anderen und erst recht bei mir selbst. Mein Ärger verflog indes bald, zumal ich offenbar der einzige darüber verärgerte war.

Der Sonntagsspaziergang führte nach Endenich, wo der örtliche Modelleisenbahnclub eine Börse veranstaltete. Ich gehe da stets gerne hin, auch wenn für mich wieder nichts Kaufenswertes im Angebot war. Auf dem Rückweg ging ich an zwei jungen Männern vorbei, deren einen ich im Vorübergehen sagen hörte: „Der geht mit seinem Hund im Schnee laufen – nackt.“ Vielleicht hatte ich mich auch verhört, jedenfalls wurde mir sogleich noch etwas kälter als es ohnehin war.

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Kommen Sie gut, trocken und warm durch die Woche, möge die neujährliche Ruhe und Vorfreude noch etwas anhalten.