Woche 15/2025: Ist doch nicht so schlimm

Montag: Bereits um viertel vor fünf in der Frühe verließ der Liebste das Tuch, da er geschäftlich bis Freitag nach Spanien reisten musste oder durfte, je nach Betrachtungsweise. Nachdem die Wohnungstür ins Schloss gefallen war, konnte ich nicht mehr einschlafen. Stattdessen, wie stets bei solchen Gelegenheiten, malte ich mir aus, was nun alles schiefgehen könnte: Stadtbahnstörung zwischen Bonn und Siegburg, Zugausfall oder wenigstens Verspätung bis zum Flughafen Frankfurt, Bombendrohung, Meteoriteneinschlag. Ich kann da leider nicht aus meiner Haut, mit zunehmendem Alter wird das immer schlimmer, wohingegen der Liebste bei sowas gelassen bleibt. Zu recht: Alles lief zur Zufriedenheit, zur vorgesehenen Zeit kam er am Ziel an.

Mein Tag verlief in montagsüblicher Unlust. Nach dem Mittagessen wünschte ich mir sehnlichst einen Mittagsschlaf, leider ist derlei in unserer Unternehmenskultur nicht vorgesehen und ich habe wenig Hoffnung, dass sich daran bis zu meiner Zurruhesetzung (ist das nicht ein wunderbares Wort?) noch Wesentliches ändern wird. Apropos Mittagessen: Fragte man mich nach meiner Lieblingsspeise, stünde Entenbrust mit Orangensoße weit oben auf der Liste. Genau die gab es heute in der Kantine. Doch war deren Launenhebungsfaktor gering: Die beigelegten Kartoffeln waren teilweise matschig, das Selleriepurree schmeckte seltsam; immerhin war das Fleisch akzeptabel.

Im Rahmen der Gesundheitswochen sind die Mitarbeiter aufgerufen, öfter die Treppe statt Aufzug zu nutzen. Als Challenge kann man sich in ein Portal eintragen und die täglich gestiegenen Stufen angeben. Einen Aufruf, eine Challenge gar brauche ich nicht: Seit Beginn des Jahres gehe ich konsequent jeden Mittag 487 Stufen hoch, ein wenig staune ich selbst darüber. Auch heute Mittag sah ich niemanden im Treppenhaus, vermutlich ist der Aufruf noch nicht überall vernommen worden.

Dienstag: Nach Ankunft im Büro und Hochfahren des Rechners fuhr die Laune ein wenig runter, als ich die Diskrepanz zwischen besprechungsvollem Kalender und der Aufgabenliste für heute bemerkte. Ich schaffte dann doch einiges weg, weil manche Termine früher endeten und einige Aufgaben weniger Zeit in Anspruch nahmen als angenommen.

Mittags aß ich ein Schupfnudelgericht mit wesentlich größerem Genuss als die Ente gestern. Vielleicht werde ich auf meine alten Tage noch zum Vegetarier, wer weiß.

Dienstags und donnerstags gehe ich grundsätzlich zu Fuß ins Werk und zurück, so auch heute. Was ich dabei überhaupt nicht gebrauchen könnte wäre eine Begleitung mit Gesprächsbedarf, vor allem nicht morgens. Manchmal kommt mir Kollege C. bei seinem Morgenlauf entgegen, wir grüßen uns dann mit einem knappen „Morgen“, das ist schon das Äußerste, was ich auf dem Weg zu reden bereit bin. Auf dem Rückweg heute sah ich auf der Rheinpromenade ungefähr dreißig Meter vor mir jemanden gehen, der möglicherweise ein Kollege war. Ein netter, angenehmer Kollege, mit dem ich gerne einen Plausch halte. Nur eben nicht während des Rückwegs, zumal ich dann GenZ-Ohrstöpsel eingesteckt habe, aus denen GenX-Musik kommt. Also verlangsamte ich meine Schritte. Doch es gelingt mir nicht, beim Gehen eine gewisse Mindestgeschwindigkeit zu unterschreiten, der Abstand zum Vielleicht-Kollegen verringerte sich. Mir blieb nichts anderes übrig, als auf einer freien Bank am Wegesrand Platz zu nehmen und einen Blogartikel zu lesen. Danach war der Abstand groß genug, um ohne Gesprächsgefahr den Weg fortzusetzen. Man schafft sich aber auch manchmal Probleme.

Weg ins Werk, ungestört

Mittwoch: Der Geliebte hat beim Discounter T-Shirts zu einem fragwürdig günstigen Preis erstanden, laut Kennzeichnung gleichwohl fair hergestellt. „Die dürfen sie ja nichtmal hauen“ sagt er. Es hat das Prinzip fair offenbar verstanden.

Gefreut habe ich mich über eine Postkarte, die im Briefkasten lag, und deren Beantwortung ich abends sogleich in Angriff nahm. Was du heute kannst besorgen und so.

Donnerstag: Heute war Inseltag, das heißt ich hatte frei. Anstatt zu wandern, wofür das Wetter bestens gewesen wäre, trocken und nicht so warm, fuhr ich mit der Bahn nach Dortmund, wo ich die Intermodellbau-Messe besuchte, um das Modelleisenbahnerherz zu erfreuen.

Die große Bahn bot das gewohnte Bild, auf dem Hinweg mit Verspätung im Rahmen der Erwartung, zurück etwas mehr. Als unser Regionalexpress mit bereits zwanzigminütiger Verspätung am Düsseldorfer Flughafen wegen der Überholung durch zwei Fernzüge warten mussten, ließ der Triebfahrzeugführer per mehrminütiger Durchsage seinen Frust über die zuständigen Entscheider raus. Fast war ich versucht, nach vorne zu gehen, ihm über den Kopf zu streichen und zu sagen: Ist doch nicht so schlimm.

Wegen Bauarbeiten wurden wir umgeleitet über Gelsenkirchen, Wanne-Eickel, Herne und Castrop-Rauxel, nur in Herne wurde gehalten. Wieder wurde deutlich: Das Ruhrgebiet ist wesentlich grüner als man es erwartet, wenn man es nur aus dem Erdkunde-Unterricht kennt. Außerdem sah ich während der Fahrt zu blühen beginnende Rapsfelder, jedes Jahr wieder ein beglückender Anblick.

Die Messe war gut besucht, in den von mir aufgesuchten Hallen überwiegend von alten Männern, nicht wenige noch älter als ich. Zum letzten Mal war ich vor Corona dort gewesen, somit vor sechs Jahren, ist es denn wahr. Interessant war es auch wieder, wenngleich ich da nicht jedes Jahr hin muss. Sechs Jahre muss es indes auch nicht wieder dauern.

Nicht Castrop-Rauxel sondern Frankreich
Harz

Freitag: „Änderungen sind spannend verpackte Chancen“ las ich wo und musste mich schütteln, vor allem wegen des mittleren Wortes. Sonst auch.

Am frühen Abend kehrte der Liebste aus Spanien zurück. Neben Wurstspezialitäten für die nächsten Wochen brachte er einiges zu erzählen mit, deshalb fällt der Beitrag für heute kurz aus.

Samstag: Nicht nur Post verbindet, wie in den Achtzigern ein Werbespruch der Bundespost lautete, sondern auch Bloggen. So traf ich heute den geschätzten Mitblogger T. wieder, der uns als Schreiblehrling regelmäßig mit seinen Texten erfreut. Wir kennen uns schon sehr lange, kennengelernt haben wir uns vor Jahren bei einem Twittertreffen; so etwas gab es damals, als Twitter noch jung und schön war und niemand ahnte, welch unheilvolle Entwicklung es mal nehmen würde. Nachdem ich mich dort verabschiedet hatte, blieben wir über das Bloggen und unregelmäßigen Briefaustausch in Verbindung, zuletzt gesehen hatten wir uns vor (vermutlich) dreizehn Jahren. Daher erschien ein Treffen längst überfällig. Wie bei einem Date hatten wir uns am Beethovendenkmal auf dem Münsterplatz verabredet, wo wir uns sofort wiedererkannten, das ist nach so langer Zeit nicht selbstverständlich und spricht für einen zufriedenstellenden Erhaltungszustand auf beiden Seiten. Die folgenden Stunden in einem Café vergingen schnell, es war sehr angenehm und unterhaltsam. Deshalb wollen wir das wiederholen, möglichst nicht erst wieder in dreizehn Jahren.

Durch T. wurde ich auf einen Trend aufmerksam, der bislang völlig an mir vorbeigegangen ist: Zimtschnecken. In der Fußgängerzone gibt es ein Geschäft, das ausschließlich diese anbietet in unterschiedlichsten Farben und Varianten. Warum auch nicht. Ansonsten sind bei frühsommerlichem Wetter Innen- und Innere Nordstadt, wo weiterhin die Zierkirschen vor sich hinblühen, voller Menschen, vor den Eisdielen lange Schlangen. Wir sind uns einig, etwas, wofür man lange anstehen muss, nicht unbedingt haben zu müssen.

Sonntag: Gegen Mittag ging der erste leichte Regenschauer herab, dem im Laufe des Nachmittags weitere folgten. Die Zierkirschen in der Inneren Nordstadt und anderswo haben begonnen, die Blütenblätter abzuwerfen. Dafür übernehmen nun Flieder und Blauregen, auch erste Kastanien zieren sich mit Blütendolden. Ansonsten ein angenehm ruhiger Sonntag mit Ausschlafen, Frühstück, Zeitungslektürezeit und Spaziergang.

Purpurrot
Wenn ich das wüsste
Lindengrün in der Lessingstraße, Südstadt

Zum guten Schluss: Erfreulich in dieser Woche waren die beginnende Raps-/Flieder-/Kastanienblüte, ein Wiedersehen und Spazierzeit.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche und, wenn wir uns vorher nicht mehr sehen oder lesen, jetzt schon schöne Ostertage.

Woche 14/2025: Was kommt da auf uns zu?

Montag: Die Uhrenumstellung wirkte sich nicht auffallend beschwerlich aus. Jedenfalls war ich nicht müder und lustloser als an anderen Montagen.

In den Büros auf dem Flur herrschte freitägliche Leere, aus der Ferne nur die Stimme einer Kollegin, die viel und laut telefoniert. Da die Chefs zu einer Tagung ausgeflogen sind, hielten die meisten Mitarbeiter Anwesenheit offenbar auch nicht für sinnvoll und erforderlich. Mir soll es recht sein. Im Übrigen schien es eine geheime Absprache zu geben, mich per Mail und Teams-Anruf mit möglichst seltsamen Anliegen zu belästigen.

Gelesen und zustimmend genickt – das e13-Blog über künstliche Intelligenz.

Dienstag: In der Kantine gab es Currywurst. Da mir die Warteschlange zu lang war, wählte ich stattdessen Röhrchennudeln mit Pesto, Ziegenkäse und Salat, auf die Walnüsse verzichtete ich. Und ich sah (bzw. schmeckte), dass es gut war.

Die Amerikanische Regierung fordert in diesen Tagen europäische Unternehmen schriftlich auf, alle Programme zur Förderung von Vielfalt und Gleichstellung einzustellen, ist zu lesen. Noch weisen sie die Forderung zurück, nur wie lange noch? Was kommt da auf uns zu?

Im Übrigen fiel ich heute auf keinen Aprilscherz herein. Vielleicht habe ich es auch nur nicht gemerkt.

Die schönste Magnolie der Stadt steht am Rheinufer

Mittwoch: Es muss kein schlechter Tag sein, dessen nicht nur kulinarischer Höhepunkt eine Portion Erbseneintopf zu Mittag ist.

Manche Autos, vor allem, aber nicht nur die protzig-mattlackierten Modelle, fallen durch ein besonders markantes, vermutlich künstlich erzeugtes Motorgeräusch auf, das entfernt wie das Brüllen einer Raubkatze klingt, was vielleicht genau die Absicht der Motorklangdesigner ist. Wenn ich so ein Fahrzeug höre und sehe, stellen sich spontan und ohne sexuellen Hintergrund Mutmaßungen über die Genitalgröße des Fahrers ein. Oder, wesentlich seltener, die Körbchengröße der Fahrerin.

Donnerstag: Zu Fuß ins Werk und zurück bei frühlingshafter Milde. Der Tag erstrahlte in Vorfreude auf das Feierabendbier auf dem Rückweg. Sie wurde erfüllt.

Erfüllung

Jedes Mal, wenn ich wen mit stetem Blick auf das Datengerät essen, gehen oder radeln sehe, glaube ich, der Veropferung der Menschheit beim Wachsen zuzuschauen. Über das Fernsehen sagte man einst Ähnliches. Nicht nur RTL beweist: Es stimmt.

Auch sonst ist die allgemeine Verblödung nicht zu übersehen
Frühling

Das Blättchen der Krankenkasse ist gekommen. Früher warf ich es ungelesen weg, heute blättere ich wenigstens einmal kurz durch. Vielleicht auch ein Zeichen des Älterwerdens.

Freitag: Es ist soweit, die Kirschbäume in der Inneren Nordstadt haben die meisten ihrer Blüten entfaltet, somit blüht uns an diesem Wochenende wieder ein erheblich Andrang.

Morgens war es noch leer
Nachmittags nicht mehr

Kein größerer Andrang hingegen heute auf dem Büroflur. Nur die markante Stimme der dauertelefonierenden Kollegin war aus der Ferne zu vernehmen. Spontaner Gedanke: Wenn ich die zu Hause hätte, würde ich mir eine Pistole besorgen. Ob ich damit sie oder lieber mich selbst erschießen würde, bleibt offen. Selbstverständlich nur ein theoretischer, sogleich wieder verworfener Gedanke.

Samstag: Morgens erreichte mich ein Hilferuf, ob ich morgen bei der Lesung der TapetenPoeten aushelfen könnte, da zwei Vortragende spontan abhanden gekommen sind. Das trifft sich doppelt gut: Zum einen wollte dort ohnehin als Zuhörer hin, zum anderen ist es mir stets ein besonderes Vergnügen.

Meine Erwartung größerer Menschenansammlungen in der Stadt wurde nicht nur erfüllt, sondern übertroffen. Nicht nur die Innere Nordstadt ist voller Kirschblütenkucker, auch in der Fußgängerzone kommt man kaum durch, wobei es eine geheime Absprache zu geben scheint, möglichst langsam zu gehen und oft stehen zu bleiben.

Die samstäglichen Be- und Entsorgungen verband ich mit einem längeren Spaziergang, der zufällig am Lieblingsbiergarten am Rheinufer vorbeiführte, der seit gestern geöffnet ist. Im Gegensatz zur Innenstadt herrschte dort noch nicht viel Betrieb, ich fand ausreichend Platz, um bei einer Halben die Blogs zu lesen.

Lieblingsbiergarten

Sonntag: Wenig überraschend war auch die Lesung nur schwach besucht; die Konkurrenz durch blühende Kirschen, Bonn-Marathon und sonniges, wenn auch deutlich kühleres Wetter war groß. Spaß gemacht hat es dennoch, gerne jederzeit wieder. Unter anderem las ich dies und das vor.

Zum guten Schluss: Erfreulich waren in dieser Woche Erbseneintopf ohne Gesprächseinlage, etwas Applaus und Vorfreude auf die kommende kleine Woche.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche mit genussvollen Momenten.

Woche 13/2025: Wanderlust, Wiedersehen in Ostwestfalen und (noch) keine Kirschblüte

Montag: Schon beim Aufstehen morgens bemerkte ich eine dumpfe Lustlosigkeit, die sich bis zum Nachmittag hielt, manchmal ist das so. Vor der Werktätigkeit lag ein Kontrollbesuch beim Zahnarzt, der sich die Stelle ansah, wo er vor zwei Wochen den Weisheitszahn gezogen hatte. Bis auf eine schwache, von mir unbemerkte Restreizung ist alles in Ordnung. Zur Sicherheit benetzte er die Stelle mit einem Mittel, dessen übler Geschmack mich noch ein wenig begleitete und mit dem ersten Bürokaffee verschwand.

Im Laufe des Arbeitstages schaffte ich es, das Rechnerpasswort dreimal falsch eingegeben. Es ist zwar lang, aber nicht schwer zu merken, vermutlich auch nicht leicht zu erraten. Immerhin passierte das nicht direkt nacheinander, das wäre schlecht, beim dritten Mal sperrt sich der Rechner und man muss irgendwo anrufen und es dauert lange und man muss viele Fragen beantworten, bis man ein neues Passwort bekommt und wieder arbeiten kann. Daher unbedingt immer Sorgfalt walten lassen beim Eintippen. Warum mir die Eingabe dennoch mehrmals misslang, ich weiß es nicht. Vielleicht wollten die Finger noch nicht so wie das Hirn.

Auch ohne verirrte Finger schien der Rechner unter Montagsunlust zu leiden, mindestens zweimal wurde die Bluetooth-Verbindung zum Sprechkopfhörer getrennt und die Stimme des Teams-Anrufers kam aus dem in den Bildschirm integrierten Lautsprecher, bis die Verbindung wieder hergestellt war, nachdem ich herausgefunden habe, wie das geht. So ein Tag war das heute. Morgen wird wieder besser.

In der Zeitung ein Artikel über das Geschwisterpaar, dessen Name mir wieder entfallen ist, das uns in diesem Jahr beim ESC vertreten wird. Nach Anschauen des Liedes auf Youtube habe ich wenig Hoffnung auf eine Platzierung in der ersten Hälfte der Tabelle. Und warum zertrümmert die Frau am Ende das Cello ihres Bruders, was soll das? Danach lag mir das Stakkato ihres Gesangs noch länger unangenehm in den Ohren, verschwand jedoch bald wieder wie das übelschmeckende Mittel des Zahnarztes.

Dienstag: Der Tag begann mit einem handkühlen Fußmarsch ins Werk und endete mit einem dienstlich veranlassten Restaurantbesuch in Rhöndorf mit den Kolleginnen und Kollegen der neu zusammengesetzten Abteilung. Beim nicht sehr späten Verlassen der Gaststätte verabschiedete ich mich von einer Gruppe Rauchern vor der Tür und bemerkte erst, nachdem sie meinen Abschied fröhlich erwidert hatten, dass sie gar nicht zu unserer Gruppe gehörten. Wir ließen uns gegenseitig nichts anmerken.

Morgens am Rheinpavillon
Gebirge oberhalb von Rhöndorf

Mittwoch: Bereits gestern Vormittag zeichnete sich bei einem Projekt, an dessen Umsetzung ich beteiligt bin, eine Komplikation ab, für die ich auch heute noch keine Lösung weiß. Deshalb dachte ich erstmal nicht weiter darüber nach; es hat sich bewährt, solche Fragen zunächst unbeantwortet im Hinterstübchen des Bewusstseins abzulegen, oft kommt die Lösungsidee dann von alleine. Vielleicht am freien Tag morgen beim Wandern. Doch werde ich währenddessen nicht aktiv darüber nachdenken, so weit kommt das noch.

Donnerstag: Wandertag, heute die 5. Etappe des Rheinsteigs von Leutesdorf nach Bad Hönningen. Die Anreise mit der Bahn verzögerte sich um etwa eine Stunde wegen „Reparatur an einem anderen Zug“. Ich sah es gelassen, die Sonne schien auf den Beueler Bahnsteig und ich hatte genug zu lesen. Auf der Karte wirkt die Wanderstrecke harmlos, doch sie hat es steigungsmäßig in sich. Bereits zwanzig Minuten nach Abmarsch in Leutesdorf war ich das erste Mal außer Atem, trotz täglichem Turmtreppentraining.

Unterwegs sah ich den ersten Schmetterling des Jahres, ein Tagpfauenauge, später mehrere Zitronenfalter, Kohlweißlinge und Kleine Füchse, zudem zwei Eidechsen. Hinter dem Ort Hammerstein ging es, stets bergauf, in den Wald, wo erstmals und vorübergehend das permanente Rheintalrauschen von jeweils zwei Bundesstraßen und stark befahrenen Bahnstrecken verstummte.

Nach ziemlich genau fünf Stunden Wanderung erreichte ich den Bahnhof von Bad Hönningen. Die Rückfahrt verzögerte sich wiederum, zur Auswahl standen abwechselnd „ein defektes Stellwerk“, „Verspätung aus vorausgegangener Fahrt“, „Reparatur an einem Signal“ und „Stellwerksstörung in Leutesdorf“. Es fügte sich dann alles zum Guten, mit Currywurst und Bier auf dem Bonner Marktplatz.

Aufstieg bei Leutesdorf
Drogenanbau
Der perfekte Platz für die Mittagspause
Relikt vergangener Zeiten in Hammerstein
Finde den Fehler
Waldesruh oberhalb von Hammerstein
Oberhalb von Rheinbrohl
Blick auf nämliches
Vor Rheinbrohl
In Rheinbrohl
Geschafft

Freitag: Meine Gesichtsfarbe spielte morgens ins Rötliche, die Nase stünde einem professionellen Säufer gut zu Gesicht. (Gut, Grund genug hätte sie dazu.) Die Sonne hatte beim Wandern gestern doch stärker geschienen als erwartet, und natürlich hatte ich keine Sonnencreme dabei.

„Ich wechsle jetzt ins Homeoffice“ sagte mittags jemand, die ich auf dem Rückweg von der Kantine traf. Homeoffice. Freitagmittag. Ist klar. (Bitte denken Sie sich ein vom Zeigefinger heruntergezogenes unteres Augenlid.)

Für die am Mittwoch genannte Komplikation habe ich weiterhin noch keine abschließende Lösung gefunden, stattdessen das Problem und mögliche Lösungen strukturiert aufgeschrieben. Grob gesagt suche ich jemanden für die Erledigung einer künftig aufkommenden Tätigkeit, die ich selbst nicht übernehmen möchte, weil das auf Dauer nicht sinnvoll wäre.

Samstag: Vereinspflichten bei der Dampf-Kleinbahn erforderten meine Anwesenheit in Ostwestfalen, weshalb ich zur Unzeit das Bett zu verlassen und zu einer längeren Autofahrt genötigt war. Die war dann gar nicht so schlimm, ich ärgerte mich weniger als sonst über andere Verkehrsteilnehmer und kam zeitig an. Erkenntnis während der Fahrt: Wenn man sein Fahrzeug in Köln angemeldet hat und beispielsweise Otto Theesen heißt, sollte man nicht unbedingt ein Autokennzeichen mit seinen Initialen wählen. Wohnt man hingegen in Hagen und heißt Siegmund Ippendorf, ist das recht putzig.

Die Vereinspflichten waren frühzeitig erfüllt. Nach nettem Plausch, einige hatte ich länger nicht gesehen, fuhr ich weiter nach Bielefeld zur Mutter. Dort verbrachten wir einen angenehmen Abend zusammen mit Mutterfreunden und Begleitgetränken, der für mich wegen Müdigkeit nicht sehr spät endete. Stolz präsentierte der Mutterfreundesohn seine frisch großflächig tätowierte Wade. Ich kam nicht umhin, meine Missbilligung darüber zum Ausdruck zu bringen, was der Stimmung indes nicht abträglich war.

Dampf-Kleinbahn

Sonntag: Aus Sommerzeitgründen blieb ich morgens etwas länger liegen, die Vorabendgetränke wirkten hingegen nicht nach. Nach dem Frühstück mit der Mutter fuhr ich zurück nach Bonn. Im Gegensatz zu gestern gestaltete sich die Fahrt äußerst langwierig mit einem gut einstündigen Stau vor dem Kamener Kreuz, einem kürzeren bei Remscheid und einer unnötigen, völlig absurden Umleitung durch Wuppertal, zu der mich Frau Navi verleitete. So wurden aus normal zwei Stunden Fahrt mehr als vier. Erkenntnis: Weniges trainiert so sehr Gelassenheit wie ein Stau, weil man als Fahrer überhaupt nichts tun kann, nicht einmal Blogs lesen. Man kann schon, darf aber nicht.

Die Muslime feiern Ramadan, wenn der Neumond zum ersten Mal gesichtet wird, sagte die Frau im Autoradio. Vielleicht habe ich mich aber auch verhört.

Kurz vor Ankunft zu Hause der nächste Verdruss: Wegen der weltberühmten Kirschblüte sind die Straßen in die Innere Nordstadt für den Autoverkehr gesperrt, an den Zufahrten stehen Sperrbaken und Kontrollposten in gelbleuchtenden Westen mit dem Auftrag, nur Anlieger durchzulassen. Erstmals ist in diesem Jahr ist auch unsere Straße betroffen, obwohl dort keine Kirschen blühen. Nachdem mein Anliegen durch Vorlage des Personalausweises bewiesen war, durfte ich passieren und ich war froh, als das Auto endlich auf dem Abstellplatz geparkt war. Bis auf Weiteres ist mein Bedarf am Autofahren gedeckt.

Nach Begrüßung meiner Lieben und telefonischer Ankunftsmeldung nach Bielefeld unternahm ich mit Verspätung den Spaziergang, heute etwa kürzer. Unter anderem durch die Breite- und Heerstraße, wo die Kirschen weiterhin noch gar nicht blühen. Das hält weder die Stadtverwaltung von Straßensperren ab noch zahlreiche Besucher, mit teilweise riesigen Kameraobjektiven die Knospen zu fotografieren. Was soll erst werden, wenn die Bäume wirklich blühen.

Breite Straße
Heerstraße
Michaelstraße – wenigstens dort blüht was

Zum guten Schluss: Erfreulich waren in dieser Woche ein Abteilungsessen, Wanderlust und Wiedersehen mit lange nicht Gesehenen.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche ohne Verdruss und Uhrenumstellungswehen.

Woche 12/2025: AFAICS

Montag: An den inflationären Gebrauch des Wortes „spannend“ als Synonym für interessant hat man sich inzwischen gewöhnt, selbst Pilze und Schnecken können heutzutage spannend sein. Eine gewisse Steigerung stellt da die Ankündigung von „exciting news“ dar, heute gleich zweimal in unterschiedlichen Zusammenhängen gelesen. Meine Aufregung über das derartig Verkündete hielt sich in Grenzen.

Dienstag: Der strahlende Sonnenschein bildete einen deutlichen Kontrast zum kalten Wind, der mir morgens auf dem Fußweg ins Werk entgegen blies. Auch die Läufer am Rheinufer liefen überwiegend langebehost, wer wollte es ihnen verdenken. Verdenken kann man einigen von ihnen allenfalls, dass sie dabei konsequent und ohne Not auf dem Radweg laufen, das aber unabhängig von Temperatur und Hosenlänge.

Nachmittags hatte ich einen Termin beim Hals-Nasen-Ohren-Arzt, um das Hörvermögen mal wieder überprüfen zu lassen. Während ich – wie schon mehrfach geschrieben – es keineswegs als Nachteil empfinde, nicht mehr alles so genau zu hören, erst recht nicht das Gerede fremder Menschen am Nebentisch oder in der Bahn, liegt mir der Liebste schon lange in den Ohren, endlich was gegen meine Hörschwäche bei Hintergrundgeräuschen zu unternehmen. Indes der Befund: Keine Verschlechterung zum letzten Mal, weiterhin keine Hörhilfe erforderlich. Mit meinem Hinweis, er müsse einfach deutlicher sprechen, wenn wir etwa in einer Gaststätte sind, stoße ich regelmäßig auf taube Ohren.

Wie mir Epubli schrieb, hat im Februar jemand mein Buch gekauft. Ich sage herzlichen Dank und wünsche viel Vergnügen damit.

Wie die Zeitung berichtet, hat in Gera ein Mann in der Straßenbahn seine Gattin mit einer brennbaren Flüssigkeit in Brand gesetzt. Dazu die Zeitung: „Die Tat in Gera lässt den Atem stocken: Am helllichten Tag brennt eine Frau“ – hätte er sie etwa besser abends anzünden sollen? „Das ist kein alltägliches Geschehen“, wird dazu eine Polizeisprecherin zitiert. Die Frau versteht ihr Hand- beziehungsweise Mundwerk.

Herr Gunkl schreibt: »Der* Erwiderung „Das ist polemisch!“ wird meist dann gebracht, wenn der Formulant dieses Vorwurfs gerade bemerkt hat, daß seine Argumente einem deutlichen, sauberen Schachmatt erlegen sind.«

*Das sollte wohl „Die“ heißen. Trotzdem treffend.

Mittwoch: Ein (mir) neuer Gruß aus der Küche der Kommunikationshölle erreichte mich morgens: „AFAICS“. Wie eine kurze Recherche ergab, steht das für „as far as I can see“. Soweit ich das sehe, vollendeter Bullshit.

In Zeiten zunehmender Falschmeldungen ist ein Abo für Qualitätsmedien gut angelegtes Geld: Laut Zeitung ist der Trigema-Chef Wolfgang Grupp im echten Leben niemals dem Affen Charlie begegnet. Für diese Nachricht zahlt man doch gerne.

Abends schrieb ich einige Zeilen an meinem nur langsam vorankommenden Romandings, das, so viel sei verraten, völlig ohne Liebe und Triebe auskommt. Es ist nicht so, dass mir dazu die Zeit fehlte, es mangelt nur am regelmäßigen Aufraffen und Machen. Ich weiß nicht, woran das liegt; dieses Blog regelmäßig zu befüllen schaffe ich ja auch.

Donnerstag: Da große Woche ist, musste ich heute arbeiten, das war nicht schlimm. Auf dem Rückweg erlaubte ich mir, da es deutlich milder geworden ist, das erste Freiluftbier der Saison, wofür die Norweger das Wort Utepils verwenden, ich erwähnte es schon in den Vorjahren. Ort des Genusses war der Außenbereich des Rheinpavillons, auf einer Schräge unmittelbar am Ufer, gleichsam auf (Bull-)Augenhöhe mit den Schiffen. Nächsten Donnerstag habe ich wieder frei, voraussichtlich ohne Freiluftbier, weil es wieder kühler werden soll. Haben die Norweger auch ein Wort für Bier in geschlossenen Räumen? Wobei der Bedarf für ein solches Wort überschaubar sein dürfte, aber hey, das gilt ja für viele Wörter, dennoch werden sie häufig hergeplappert. (Woher kommt eigentlich dieses pubertär-dämliche „aber hey“?)

Hinweg
Utepils

Freitag: Eine nicht neue, heute bei Ankunft im Turm bestätigte Erkenntnis ist, manchen Menschen geht die Kombination der Wörter „guten“ und „Morgen“ nur schwer über die Lippen. Vielleicht hat man es ihnen nicht beigebracht. Das ist indes kein Hindernis, um Teamleiter zu werden.

Ebenfalls nicht neu die Frage, warum Toilettenkabinen nicht schall- und geruchsdicht gebaut werden. Zu den Dingen, die ich ganz besonders wenig schätze, gehört die akustische und olfaktorische Zeugenschaft anderer Leute Darmentleerung. Nicht zu Hause und erst recht nicht in Gemeinschafts-Verrichtungsorten wie in Bürogebäuden und Gaststätten.

„Älterwerden hat nicht viele, aber doch einige Vorteile“ schreibt Kurt Kister in seiner wöchentlichen Kolumne Deutscher Alltag, die ich seit heute nach Neuanmeldung wieder empfange, nachdem ich aus rätselhaften Gründen schon zweimal aus dem Verteiler gefallen bin.

Der Meister des Symbolbilds stellt wieder sein Können unter Beweis:

(General-Anzeiger Bonn)

Samstag: In der Inneren Nordstadt hat die Kirschblüte begonnen und sie lockt die ersten Fotografenden an. Falls auch Sie deswegen in nächster Zeit eine Reise nach Bonn planen, warten Sie noch etwas, die Bäume in den beiden Hauptblühstraßen brauchen noch etwa zwei Wochen, bislang sind nur erste, wenig fotogene Knospen erkennbar, die von einigen ebenfalls fotografiert werden, warum auch immer.

Frühblüher in der Maxstraße

Sonntag: Ein großer Textilhändler in der Innenstadt bietet laut Schild im Schaufenster Styles ab 25,99€ an, wie ich während des Spaziergangs sah. Warum auch nicht. Ansonsten lockt der Frühling wieder zahlreiche Menschen nach draußen, das jahreszeittypische Nebeneinander von T-Shirts und Daunenjacken. Auch die Natur hat umgestellt auf Frühling: Forsythien und Magnolien stehen in voller Blüte, die Kastanien in der Südstadt bringen zartes Grün hervor. In der Außengastronomie auf dem Münsterplatz fand ich einen freien Platz, aus Vernunftgründen bestellte ich eine Limonade. Direkt gegenüber, am Fuße des Beethoven-Denkmals, säugte unter den Augen zahlreicher Cafébesucher eine Frau an freigelegter Brust ihr Kind, das für einen Säugling ungewöhnlich groß wirkte.

Zum guten Schluss: Erfreulich in dieser Woche waren der Hörbefund, das erste Freiluftbier und mehrere geschriebene Zeilen.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 11/2025: Einfache Lösungen und liederliche Possessiv-Verschiebungen

Montag: Neben der montagsüblichen Unlust lag eine gewisse – wie nennt man das Gegenteil von Vorfreude? Vorfurcht, Bammel? Na Sie wissen schon – so etwas lag über dem Tag wegen der Zahnziehung am Nachmittag. Die war dann gar nicht so schlimm. Selbst die Injektionen des Betäubungsmittels spürte ich nicht, obwohl der Zahnarzt mehrfach „Das drückt jetzt etwas unangenehm“ sagte, während er stach und spritzte. Etwas unangenehm das anschließende, gefühlt minutenlange Zerren und Ruckeln, vermutlich ging es viel schneller, jedenfalls auch das völlig schmerzfrei. Dann war mir zunächst nicht klar, ob der Zahn schon raus oder eine Unterbrechung zum Werkzeugwechsel erforderlich war. Doch als er mich aufforderte, langsam zuzubeißen, wusste ich, es war überstanden, alles in allem dauerte es vielleicht eine Viertelstunde.

Anschließend musste ich zwei Stunden lang auf ein Stück Vlies beißen, was mich beim Sprechen beeinträchtigte. Aber das kommt mir ja generell entgegen, gerade am Montag. „Ich kann schweigen wie ein Grab“ sagt, wer Diskretion verspricht. Ich kann schweigen wie ein Ostwestfale am Montag, das ist noch etwas ruhiger.

Dienstag: Ich würde mich nicht grundsätzlich als verstockt charakterisieren, manchmal dauert es halt etwas länger, bis Gewohnheiten, die für andere längst selbstverständlich sind, auch bei mir auf zumindest probeweise entgegengebrachtes Interesse stoßen. So benutzte ich im Büro heute erstmals zwei Bildschirme, nachdem der Kollege vom Schreibtisch gegenüber mir kurz gezeigt hatte, wie das geht. Für die Zusammenführung zweier Dokumente erwies sich das als sehr hilfreich, komme ich nicht umhin einzugestehen, daher ist nicht auszuschließen, dass ich das künftig öfter machen werde.

Der Frühling macht Pause, der Fußweg nach Hause erwies sich bei Nieselregen und kaltem Wind von vorne als äußerst ungemütlich. Normalerweise hätte ich daher die Stadtbahn genommen, allein die fuhr nicht wegen Streiks. (Das ist keine Anklage, ich habe dafür Verständnis und finde es lächerlich, wenn behauptet wird, irgendjemand würde für Tarifforderungen in Geiselhaft genommen.) Alternativ hätte ich mit dem Bus fahren können. Zwar streikten auch die Busfahrer der Stadtwerke, aber das Subunternehmen mit den blauen Bussen, die im Gegensatz zu den Stadtwerkebussen stets blitzsauber sind, fuhr. Allerdings erschien mir aufgrund der Menschenmenge an der Haltestelle der Fußmarsch als das kleinere Übel.

Die Stelle, wo bis gestern Nachmittag ein entkrönter Weisheitszahn steckte, zeigt sich ruhig, weder Schmerz noch Schwellung machen sich bemerkbar. Wirklich rein zufällig bekommt morgen auch der Liebste einen Zahn gezogen, sein Termin steht schon länger fest, während meiner sich kurzfristig letzte Woche ergab. Hoffen wir also, dass es auch bei ihm so problemlos läuft.

Mittwoch: Heute vor fünf Jahren wurde weltweit die Covid-19-Pandemie ausgerufen, wohl keiner hätte da vermutet, wie lange uns dieses Unheil begleiten würde. Unglaublich, wie lange das schon her ist. Meine persönlichen Erinnerungen und Gedanken dazu habe ich vor längerer Zeit hier aufgeschrieben.

„Ich bin für einfache Lösungen“ sagte eine in der Besprechung. Niemals hörte ich jemanden sich als Freund komplizierter Lösungen bekennen, was eigentlich erstaunlich ist angesichts der zahlreichen unnötigen Komplikationen überall, nicht nur im beruflichen Umfeld. Allein das Einschalten des Radios in der Küche: Früher drückte oder drehte man einen Knopf am Apparat, heute diskutiert man mit Siri.

Auch der Liebste hat seine Zahnziehung gut überstanden, somit verfügt dieser Haushalt ab dieser Woche über zwei Zähne weniger. Viel weniger sollten es aber auch nicht werden in nächster Zeit.

Ansonsten empfand ich ganztägig Vorfreude auf morgen, denn morgen habe ich frei, es ist kleine Woche. Wie ich den Tag verbringen werde hängt vom Wetter ab, jedenfalls wird keine Langeweile aufkommen, so viel ist sicher.

Donnerstag: Der freie Tag begann mit dem Frühstück im Kaufhof-Restaurant, wie üblich gut besucht von Personen überwiegend im Rentenalter.

Danach wanderte ich durch die Südstadt, die Ortsteile Kessenich, Dottendorf und Friesdorf über den Venusberg, durch das Melbtal zurück bis Poppelsdorf. Das Wetter blieb trocken, ab und zu schimmerte die Sonne als blasse Scheibe durch den Dunst. Von der Temperatur her ließ es sich ohne Schal und Handschuhe gut aushalten. Dennoch hätte ich bei der nächsten Wanderung gegen ein paar Grad mehr nichts einzuwenden, auch Blätter auf den Bäumen wären wieder ganz schön.

Muschelpilze oder Pilzmuscheln auf dem Venusberg
Melbtal bei Ippendorf
Brücke über das Melbtal
Unbekanntes Tier. Immerhin schaut es freundlich

In Poppelsdorf besuchte ich spontan den botanischen Garten, das macht man auch viel zu selten. Beeindruckend die Gewächshäuser, in denen verschiedene Klimazonen mit entsprechender Vegetation nachgestellt werden. Beim Betreten beschlug sofort die Brille, daher konnte ich die exotische Flora zunächst nur erahnen.

Botanischer Garten I
Botanischer Garten II

Praktischerweise befindet sich direkt am botanischen Garten ein Restaurant mit Currywurst auf der Karte. Ein paar Tische weiter rechts saßen vier Personen, darunter ein junger Mann, dem die Natur eine gewisse Schönheit verliehen hat, augenscheinlich war er sich dessen bewusst. Allein durch permanentes Kauen eines Kaugummis setzte er seiner Attraktivität enge Grenzen. Das wusste er vermutlich nicht.

Zu meiner Linken saß eine Frau mit einem etwa sechsjährigen Jungen, unterstellt Mutter und Sohn. Mehrfach versuchte das Kind, mit der Mutter ins Gespräch zu kommen, doch hatte es keine Chance gegen das Datengerät, dem Mutters vollständige Aufmerksamkeit galt. Mir tun solche Kinder immer leid. Oft ist zu lesen von Studien, wonach sich übermäßiger Mobiltelefon-Gebrauch negativ auf die kindliche Entwicklung auswirkt. Ich behaupte, ohne es belegen zu können, das Gebrauchsverhalten solcher Eltern richtet genauso großen Schaden an.

Freitag: Im Büro war gut zu tun, da auch gestern einiges aufgekommenen war. Der Preis des freien Tages, den ich – neben etwas weniger Gehalt – gerne zu zahlen bereit bin. Es ließ sich gut abarbeiten, ich fühlte mich motiviert und kompetent, das ist ja auch mal ganz schön und nicht selbstverständlich. Laut einem Zeitungsbericht fühlen sich nur noch neun Prozent der Arbeitnehmer emotional in starkem Maße mit ihrem Unternehmen verbunden. Aber vielleicht kann man auch mit einer gewissen Distanz gute Arbeit leisten; nur weil ich nicht bei jeder neuen Verkündigung in Jubelgesänge einstimme, bedeutet das noch lange nicht die innere Kündigung. Wie ich schon früher ausführte: Uns verbindet ein Arbeitsverhältnis, keine Liebesbeziehung.

„Die Information ist outdated“ las ich in einer Mail und fragte mich mal wieder, was Leute damit bezwecken, wenn sie sich so ausdrücken. Vielleicht bin ich auch langsam ausdatiert.

Im heimischen Gehege hat sich eine am Dienstagabend jäh aufgekommene, hier nicht näher auszuführende Disharmonie, deren Grund verschwiegen wurde, offenbar wieder aufgelöst. Wäre ich Kafka, würde ich daraus vielleicht eine verstörende Novelle formulieren. Da ich nicht Kafka bin, belasse ich es bei diesen Zeilen und freue mich auf das erste gemeinsame Glas Champagner des Wochenendes.

Samstag: Im Briefkasten lag ein persönlicher Brief, über den ich mich freue. Lieber T., Antwort folgt. (Lieber M., auch dir bin ich noch eine Antwort schuldig, ich weiß.)

Laut kleiner kalender ist heute Sprachlos-Tag. Was soll man dazu sagen. Immer wieder sprachlos machen mich liederliche Possessiv-Verschiebungen in Zeitungsartikeln, heute im General-Anzeiger gleich zweimal:

„Dem Vorschlag hatte die Bezirksvertretung Bonn in seiner jüngsten Sitzung zugestimmt.“

„Nur, weil eine Brücke in seiner Bauweise ziemlich gut konstruiert wurde, …“ (Aus einem Leserbrief)

Apropos Kalender: Heute vor zwanzig Jahren zogen wir in diese Wohnung am Rande der Inneren Nordstadt, zentral und dennoch ruhig gelegen. Ziemlich genau ein Jahr später als vertraglich vereinbart, weil das Haus nicht früher fertig geworden war. Nach wie vor fühlen wir uns hier sehr wohl und ich bin guter Hoffnung, das war bis zum finalen Auszug der letzte Umzug. Aber man weiß nie, vielleicht zieht es uns irgendwann noch aufs Land.

Sonntag: Ein Tag wie aus dem Musterbuch der Wochentage mit Ausschlafen, Frühstück mit den (wieder) Lieben, Sonntagszeitung, darin nichts Erwähnenswertes. Nachmittags ein langer Spaziergang ans andere Ufer, es war sonnig und nicht ganz so warm wie vergangenen Sonntag, so dass es sich mit Jacke gut aushalten ließ. Der Lieblingsbiergarten ist noch geschlossen.

Die Mirabellen blühen
Der Huflattich auch

Abends schrieb ich einen lange überfälligen Brief, nachdem es gelungen war, den mittlerweile eingetrockneten Füller wiederzubeleben. Ich gelobe Besserung.

Zum guten Schluss: Erfreulich in dieser Woche waren zwei problemlose Zahnziehungen, ein Wandertag und ein erhaltener Brief.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Genießen Sie die Sonne.