Singkrähe

Es ist Sommer. Die Tage sind länger, die Beinkleider kürzer, der Mensch zeigt seine Tätowierungen, Mauersegler jagen piepsend um das Haus, Balkons und Gärten erblühen in bunter Pracht, die Botten aus der Nachbarschaft kiffen in lauer Nacht auf dem Kinderspielplatz gegenüber.

Und es wird lauter, jedenfalls bei uns. Geräuschquelle ist eine Dame schräg über den Hinterhof, die ohrenscheinlich große Freude am Gesang hat. Singen macht bekanntlich glücklich, wovon ich mehrere durch eigene Erfahrung komponierte Lieder singen kann: im Chor, unter der Dusche, auf dem Klo, beim Laufen – wo auch immer einem gerade der Sinn danach ist und die persönliche Hemmschwelle es zulässt. „Wo Musik ist, lass dich nieder – böse Menschen haben keine Lieder“, so der Volksmund. Daraus folgend ist besagte Dame gegenüber ein grundguter Mensch, denn sie hat Singstar. Also dieses Dings für den Computer zum Mitsingen, nicht eine heimtückische Erkrankung wie Grauer Star, wobei, ganz sicher bin ich mir nicht.

Auf dass alle Welt, oder jedenfalls der Teil der Inneren Nordstadt, in dem wir wohnen, in den Genuss ihrer Kunst komme, gibt sie sich leidenschaftlich hin, stundenlang, bei weit geöffnetem Fenster, wer singen will braucht Luft; immer dasselbe Lied – gestern zum Beispiel ‚Roxanne‘ von The Police, Sie kennen es sicher, dieser Song, bei dem Herr Sting kreischt, als habe er sich mit dem Hammer mehrfach auf den Daumen gehauen: „Rooxanne…. Rooooxanne…“. Sie singt nicht schön, dafür laut, manchen Ton trifft sie sogar. Und wer bin ich, ihr dieses zu verübeln, jedem sein Glück, siehe oben.

Bei der zirka dreihundertfünfzigsten Strophe erschien es indes meinem eigenen Glück zuträglicher, das Fenster zu schließen. Während ich bei nur leichter Überschreitung der akustischen Schmerzgrenze Bruckners neunter Sinfonie lauschte, freute ich mich gegen Ende des ersten Satzes ein ganz klein wenig auf den Winter.

Aller Anfang

Eine der wohl sinnvollsten Erfindungen neben dem Rad, der Geschirrspülmaschine, dem Stoppschild und dem elektrischen Rasenkantenschneider, dabei jedoch weitgehend unbeachtet vom öffentlichen Diskurs, ist der Daueranfangsfinder; zugleich ein wunderbares Beispiel deutscher Wortbildungskunst, welches der Doppelhaushälfte in keiner Weise nachsteht. Ich entdeckte ihn eher zufällig auf einer Packung Frischhaltefolie.

Daueranfangsfinder

Sie kennen das vielleicht (andere würden den Satz auch einleiten mit Wer kennt das nicht): Vom Heißhunger auf vitaminreiche Kost getrieben (beziehungsweise heißhungertechnisch unterwegs) öffnen Sie in Ermangelung eines gefüllten Obstkorbes eine Büchse Dosenmandarinen, beginnen darin zu löffeln und bemerken spätestens beim Zerkauen des achten Stücks, wie scheußlich die Dinger schmecken.

Da sich die (groß-)elterliche Mahnung, Lebensmittel zu achten („die armen Kinder in Afrika“ – „Altes Brot ist nicht hart. Kein Brot, das ist hart!“ – „Es gab ja nichts. Wir haben damals den Kitt aus den Fensterrahmen gefressen!“ – und so weiter) seit frühester Kindheit eingebrannt hat, beschließen Sie, die Dose mit Frischhaltefolie zu verschließen und in den Kühlschrank zu stellen, wo sie im Laufe der Zeit unbeachtet vom Weltgeschehen immer weiter nach hinten rückt zu den alten Gläsern mit selbst gemachter Marmelade, die Ihnen gutmeinende Menschen einst schenkten; in dösiger Vergessenheit legen die Früchte bald einen grünlichen Pelz an, welcher es Ihnen endlich ermöglicht, die Dose guten Gewissens zu entsorgen, sollten Sie sie zufällig nach acht Wochen entdecken.

Die theoretische Idee der Frischhaltefolie ist nahezu genial – aus irgendwelchen elektrostatischen Gründen, welche zu recherchieren ich zu bequem bin, haftet das Zeug an Schalen und Tellern (jedoch nicht an Blechdosen) und ermöglicht auf physikalisch-phantastische Weise die nahezu luftdichte Abdeckung des Frischzuhaltenden.

Vor der praktischen Anwendung der Folie steht jedoch eine Herausforderung, welche auch das sanfteste Gemüt in den Wahnsinn zu treiben vermag. Zunächst gilt es, den Anfang der Rolle zu finden, welcher fest an selbiger haftet und sich trotz intensiven Suchens, Tastens und Fühlens nicht zu erkennen gibt. Ist dies dann doch endlich gelungen, o Triumph menschlicher Überlegenheit gegen die Tücke des Objekts, kommt die große Stunde des Daueranfangsfinders, einer kleinen klebrigen Fläche an der Außenseite der Packung, auf welcher der Anwender das mühsam gefundene Ende der Rolle fixieren kann, auf dass es ihm fortan jederzeit zur Verfügung stehe.

Doch vermag dieser kleine klebrige Helfer das Hauptproblem der Frischhaltefolie nicht zu lösen. Theoretisch ganz einfach, reißt man das benötigte Stück Folie über die metallene Sägezahnklinge ab. Praktisch denkt die Folie gar nicht daran, sich gerade dort von der Rolle zu trennen, stattdessen zerfetzt sie in kleine, unbrauchbare Knäuel, blutige Fingerkuppen inbegriffen (beziehungsweise vorprogrammiert).

Indes liegt es mir fern, den Nutzen des Daueranfangsfinders kleinzureden, die grundsätzliche Idee dahinter ist gut und erscheint der Ausweitung auf andere Lebensbereiche würdig: Sie müssen Ihre Steuererklärung machen, können sich aber nicht dazu aufraffen? Mit dem Daueranfangsfinder sind die benötigten Unterlagen bald zusammengebracht und die Formulare ausgefüllt. Sie haben ein Rendezvous, schon das Objekt Ihrer Begierde bei Tee und Naschwerk neben sich auf dem Sofa und trauen sich nicht, den ersten Schritt zu tun? Der Daueranfangsfinder verhilft Ihnen bald zu sinnlichen und körperlichen Höhenflügen im achten Himmel.

Sie müssen einen Text erstellen, weil Sie sich absurderweise die Pflicht auferlegt haben, einmal wöchentlich was in ihr Blog zu schreiben, aber Ihnen fällt nichts ein? Der Daueranfangsfinder lässt die Worte nur so fließen. Und vielleicht ermöglicht es der technische Fortschritt eines fernen Tages sogar, dass dann etwas weithin beachtetes dabei rauskommt. Man soll die Hoffnung niemals aufgeben.

***

Nachsatz für die Leser des *.txt-Projektes: Das war jetzt sehr weit hergeholt, das gebe ich zu.

Noch nicht

Hinweis: Die nachfolgende Geschichte ist frei erfunden. Eventuelle Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Firmen wären rein zufällig.

***

Noch immer ging er morgens einigermaßen gerne ins Büro, montags etwas weniger, aber grundsätzlich schon. Mit seinem Chef und den Kollegen der Abteilung kam er gut aus, und seine Tätigkeit machte ihm Spaß, auch wenn sie Außenstehenden nicht so leicht zu erklären war wie zum Beispiel die eines Dachdeckers. Allein schon deshalb vermied er es möglichst, in der Freizeit über den Job zu reden; die Trennung Arbeit und Privatleben war ihm heilig, ‚Homeoffice‘, allein schon das Wort, ein Gräuel, Zuhause und Büro, das schloss sich gegenseitig aus wie Öl und Wasser.

Früher war er stolz darauf gewesen, für dieses Unternehmen zu arbeiten. Heute? Es gab sicher schlechtere Arbeitgeber als diesen, aber stolz? Es hatte sich vieles geändert seit damals, als er angefangen hatte, vor über zwanzig Jahren. Das Management hatte die Schraube kontinuierlich angezogen, zum Wohle des Gewinns und der Aktionäre, auch zur Sicherung der Arbeitsplätze, aber immer weniger Mitarbeiter verstanden noch die Strategie, und das nicht nur, weil die letzte große Kommunikationskampagne so viele englische Begriffe enthielt. EBIT, Effizienz, Herausforderungen, Performance, Wettbewerb waren die Schlagworte; wir müssen die größten am Markt werden, über Ländergrenzen hinweg, koste es, was es wolle. Parolen nach innen und nach außen, die ein schlecht programmierter Phrasengenerator erzeugt haben könnte und die oft an die Propaganda früherer Ostblockstaaten erinnerten. Und der eine Großkunde, der das Unternehmen fest in seiner Zange hatte, dem jeder Wunsch erfüllt wurde, und wenn es der größte Unfug war, aber das sagte man besser nicht laut.

Schon lange hatte er für sich beschlossen, keine weitere Karriere machen zu wollen, sich mit dem zufrieden zu geben, was er erreicht hatte, und das war nicht schlecht. Karriere, das überließ er gerne den jungen dunkelbeanzugten Typen mit den streng gescheitelten Gelfrisuren, die das Gebäude erst spät abends und nie ohne Laptoptasche verließen und die im Aufzug nicht grüßten, weil sie wie hypnotisiert auf ihr Datengerät starrten; die die Parolen glaubten und nachplapperten wie Dohlen, die für einen tollen Titel gerne ihre Seele an das Unternehmen verkauften, immer erreichbar, Tag und Nacht, am Wochenende und im Urlaub.

Also spielte er ihr Theater mit, solange er noch eine aktive Rolle innehatte, immerhin bezahlten sie ihn gut dafür. Das konnte sich jederzeit ändern, dessen war er sich bewusst, schon mancher Kollege wurde von heute auf morgen zum Statisten oder gar Zuschauer, „der macht jetzt Projekte“ hieß es dann. An konspirativem Gewisper in der Kaffeeküche beteiligte er sich nicht. Nein, innerlich gekündigt hatte er nicht. Noch nicht.

"Keine Diskriminierung"

Manches würde ich niemals tun, zum Beispiel mich entgeltpflichtig an einem Gummiseil von einem Kirchturm stürzen oder einen Leserbrief an die Tageszeitung schreiben. Dachte ich bis gestern. Dann tat ich es doch, also nicht den Gummiseilsprung, sondern das mit dem Leserbrief. Grund dafür war der Leitartikel im Bonner General-Anzeiger am Dienstag zur aktuellen Diskussion über die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, nachdem sich die Iren am vergangenen Wochenende mit deutlicher Mehrheit dafür entschieden haben. Hier der Auslöser:

GA-1

Da ich nicht unbedingt davon ausgehe, dass der Leserbrief den Weg in die Zeitung finden wird *, erlaube ich mir, ihn Ihnen hier zur Kenntnis zu bringen.

***

Sehr geehrte Damen und Herren,

den Kommentar von Norbert Wallet zum Thema Öffnung der Homoehe las ich mit einer Mischung aus Ärger und Verwunderung, steht er doch im krassen Gegensatz zu der ansonsten sehr ausgeglichenen Berichterstattung Ihrer Zeitung zu diesem Thema. Es ist absurd, die Lebenspartnerschaft gleichzusetzen mit der Gemeinschaft Eltern / Kinder und Bruder / Schwester, fehlt nur noch Herr / Hund.

Weiter bemüht Herr Wallet die altbekannte, vom Bundesverfassungsgericht schon lange als unzutreffend erklärte hervorgehobene Stellung der klassischen Ehe als „Keimzelle“ der menschlichen Spezies, die angeblich Artikel 6 des Grundgesetzes fordert. Folgte man dieser Argumentation, müsste jede Ehe per Gesetz annulliert werden, die kinderlos bleibt. Kein einziges heterosexuelles Paar wird durch Öffnung der Ehe daran gehindert, zu heiraten und Kinder großzuziehen.

Ich habe mir meine sexuell Präferenz wahrlich nicht ausgesucht, bin jedoch damit sehr glücklich und lebe seit nunmehr 13 Jahren in einer eingetragenen Partnerschaft. Ohne Frage würde ich meinen Mann heiraten, wenn ich denn dürfte. Aber ich darf nicht. Wenn das keine Diskriminierung ist, was dann? Auf den kirchlichen Segen verzichte ich dabei gerne, Gottes Segen genügt mir. Und den habe ich, dessen bin ich mir sicher, immerhin hat er mich so gemacht wie ich bin.

***

Indes ist mein Groll inzwischen wieder ein wenig abgeklungen, nachdem der General-Anzeiger heute diesen Kommentar druckte:

GA-2

Auslöser war die Reaktion des Vatikans auf das irische Wahlergebnis, welche erwartungsgemäß wenig begeistert ausfiel. Ein gewisser Pietro Parolin, seines Zeichens Kardinalstaatssekretär, sieht darin eine „Niederlage der Menschheit“ und zeigte sich „sehr traurig gestimmt“. Möglicherweise auch deshalb, weil er wegen des verdammten Zölibats nicht an der Öffnung der Ehe partizipieren kann, wer weiß.

——

* Nachtrag vom 30.5.2015: Doch, fand er heute.

GA-3

Krieg

Manchmal schlafe ich schlecht. Dann wache ich frühmorgens auf, Stunden bevor der Wecker sein unheilvolles Lied anstimmt, und kann nicht mehr richtig einschlafen. In diesem Zustand zwischen Schlaf und Wachheit fließen manchmal merkwürdige Gedanken, halb Traum, halb real. Neulich zum Beispiel dieser:

 

Dürfen Firmen Kriege führen, oder ist das Staaten vorbehalten? Wer entscheidet überhaupt darüber, wer Krieg führen darf und wer nicht, vor allem: Wozu braucht man Kriege? Aber tun sie es nicht längst, die Firmen, Krieg führen?

 

Gegen andere Firmen, das nennt man dann Wettbewerb, gegen Staaten, von denen sie sich nicht regulieren lassen wollen, und manchmal sogar gegen die eigenen Mitarbeiter, weil sie „zu teuer“ sind. Ihre Soldaten kommen nicht im Kampfanzug und mit Sturmgewehr daher, sondern im dunklen Zweiteiler beziehungsweise Kostüm und mit Laptop und Smartphone. Propaganda nach innen und außen beherrschen sie perfekt. Ihre Granaten sind Aktienpakete, die Patronen sind Daten und alberne Businessphrasen. Die Schlachtfelder sind Konferenzräume, die Schützengräben endlose Telefonkonferenzen. Unternehmensberatungen werden unterschätzt. In Wahrheit untergraben sie Konzerne und streben die Weltherrschaft an, vielleicht wohnen sie unter einem Dach mit Sekten und Internet-Versandhändlern. Die Globalisierung ist der Weltkrieg, nur wird er nicht in einigen absehbaren Jahren enden.

 

Müsste ich mal drüber bloggen…

 

Was hiermit geschehen ist.

 

Apropos Granaten I: Anscheinend hält man es für klug, Flüchtlingsboote zu zerstören (ohne Insassen, immerhin), bevor sie den Weg in das scheinbar gelobte Land antreten können. Nun habe ich mich bislang zu wenig mit diesem Thema beschäftigt und bin von daher wohl einer der letzten, die darüber urteilen sollten. Und doch erscheint es mir in etwa so, als schnitte man das Telefonkabel durch, weil man die schlechte Nachricht nicht hören möchte.

 

Apropos Granaten II: Die Bundeswehr soll familienfreundlicher, gar „einer der attraktivsten Arbeitgeber“ werden. Hierzu führte der Bonner General-Anzeiger am vergangenen Samstag ein Interview mit einem Brigadegeneral, welches Loriot sich nicht schöner hätte ausdenken können. Dazu demnächst mehr, falls ich die Zeit und die Lust dazu finde. Lustig finde ich es auf jeden Fall.