Woche 10/2023: Jede wie er mag

Montag: „Was gibt es schöneres als Reisen?“ fragte morgens der Mann im Radio. Das ist schnell beantwortet: nicht zu reisen.

Heute vor hundert Jahren wurde Jürgen von Manger geboren, bekannt geworden in der Rolle des Ruhrgebietsbewohners und Menschenerklärers Adolf Tegtmeier, die Älteren erinnern sich vielleicht an ihn, gleichsam Vorfahre von Herbert Knebel. Komisch, an seinem Vornamen haben wir uns seinerzeit nicht gestört, heute undenkbar. Achtung Wortspiel: zu recht.

Laut kleiner kalender ist heute Tag der Tiefkühlkost. Dazu passend betrug die Temperatur im Büro bei Ankunft morgens fünfzehn Grad, im Laufe des Tages stieg sie nicht über siebzehn. Vielleicht war das der Grund für den akuten Arbeitslustverlust, der mich nach dem Mittagessen ereilte und bis in den frühen Nachmittag anhielt. – Bei Twitter las ich von Habecks Heizungsvorstoß und mir wurde sofort warm ums Sprachherz.

Abends hielt ich bei der Fahrradwerkstatt des Vertrauens an, um eine Inspektion zu vereinbaren. Zu meiner Überraschung konnte ich es gleich dort lassen. Nun habe ich für zwei bis drei Tage kein Fahrrad. Das macht nichts, ich habe Schuhe.

Dienstag: Wie bei Wikipedia zu lesen ist, führte im Jahre 1973 die Entdeckung eines Kometen zu einer allgemeinen Kometenbegeisterung. Auch ich bin begeistert: von diesem wunderbaren Wort, auch wenn ich dafür voraussichtlich kaum Verwendung finden werde.

Begrenzt begeistert dagegen von „Jekami“, ein sächliches Substantiv, das laut Duden etwas bezeichnet, bei dem jeder ohne spezielle Voraussetzung mitmachen kann, denn daher kommt es: „Jeder kann mitmachen“. Sollte das jemand in einer Besprechung gebrauchen, wäre ihm ein „Was?“ meinerseits sicher.

Stattdessen heute gehört: „Da müssen wir zeitnah am Ball bleiben.“ Was so gesagt wird, wenn jemand meint, was Bedeutendes sagen zu müssen.

Da ich während der Seuchenzeit fast nie zu Hause arbeitete und immer ins Büro fuhr oder ging, bin ich es seitdem gewohnt, mittags alleine zu essen, entweder, als die Kantine geschlossen war, die Mitnehmgerichte auf einer Parkbank oder im freien Besprechungsraum, später, seit sie wieder geöffnet ist, dort. Und das mittlerweile sehr gerne, wie ich bereits erwähnte. Es ist sehr entspannt gegenüber einer größeren Gruppe Mitesser, deren Gespräche ich wegen des Gemurmels und Gerausche im Hintergrund nur schwer folgen kann und auch gar nicht will. Heute war ich wegen einer Besprechung spät dran und traf beim Verlassen des Büros auf eine Kollegengruppe im Aufbruch zur Kantine, derer mich nicht anzuschließen womöglich das Licht eines sozialen Sonderlings auf mich hätte scheinen lassen, daher ging ich mit ihnen. Doch das Schicksal meinte es wie so häufig gut mit mir: Da nun wieder viele in die Büros kommen, ist die Kantine gegen zwölf dermaßen gut besucht, dass es aussichtslos ist, einen freien Tisch für vier oder mehr Personen zu finden. Daher wählte ich, während die anderen vielleicht noch suchten, nach Inempfangnahme der Bratwurst einen freien Einzelplatz am Fenster und genoss den ungestörten Verzehr.

Mittwoch: Über Nacht kehrte der Winter zurück. Sogar hier in Bonn lag Schnee, der sich erst ab Mittag in Matsch und großflächige Pfützen wandelte. Da es morgens weiterhin schneite, brach ich mein Vorhaben ab, mangels Fahrrad zu Fuß ins Werk zu gehen, und fuhr mit der Bahn weiter; wozu zahlt man immer noch für ein Jobticket, wenn man es nicht wenigstens ab und zu nutzt.

Rätselhafte Spuren im verschneiten Werkshof

Im Büro ist es weiterhin kalt. Wie mir der Hausservice auf Anfrage mitteilte, arbeite man bereits an der Behebung der Heizungsschwäche. Da sich mangels Inspiration warme Gedanken nicht einstellten und diese alleine nur unzureichende Linderung brächten, fragte ich nach einem Heizlüfter, der kurz darauf gebracht und sogleich in Betrieb genommen wurde. Lobenswert, wenn etwas schnell und unbürokratisch erledigt wird. Das Gerät klingt zwar wie ein kleines Propellerflugzeug und roch anfangs etwas streng, aber es wärmt zufriedenstellend. Nicht immer nur meckern.

Unerwartet schnell ging auch die Inspektion des Fahrrades, bereits heute Abend konnte ich es abholen, werde es allerdings angesichts der Wetteraussichten in dieser Woche voraussichtlich nicht mehr benutzen, da bin ich mittlerweile etwas weicheiig.

Dass auch die erstaunlich zahlreichen Menschen, die in der Bahn noch immer Maske tragen, verweichlicht sind, unterstelle ich ihnen keinesfalls, auch wenn ich für mich dazu keine Notwendigkeit mehr sehe. Recht haben sie: Gegenüber einer Infektion mit was auch immer ist eine beschlagene Brille zweifellos das kleinere Übel.

Gedanke: Ist vielleicht die Jahreszeit auch nur ein soziales Konstrukt?

Donnerstag: Morgens spielte „The Show Must Go On“ von Queen im Radio, eins der beiden Lieder, von denen ich mir wünsche, sie werden auf meiner hoffentlich fernen Beerdigung gespielt. (Das andere ist die Arie „Ebben ne andro lontana“ in der Interpretation der Kölner Spitzbuben, zu hören hier:

Wisst ihr bescheid, meine Lieben, wenn mal was passiert, wie man so schön sagt, wenn das Unausweichliche unausgesprochen bleiben soll.)

Noch immer fiel Regen, daher war auch heute die Bahn das Verkehrsmittel der Wahl, um ins Werk zu gelangen. Erst nachmittags ließ es nach, zudem war es unerwartet mild geworden, daher ging ich zu Fuß zurück. Vor dem World Conference Center parkten in großer Anzahl pastellfarbene Autos der Stuttgarter Marke, die augenscheinlich alle einer gewissen Mary Kay gehörten.

Passend zum Wetter hatte der Geliebte morgens schlechte Laune ohne erkennbaren Grund, die sich bis in den Abend zog. Das kommt vor und gibt sich für gewöhnlich früher oder später wieder. Meine Laune dagegen war ganz passabel, auch wegen der Erbsensuppe, die es mittags in der Kantine gab.

Wie kürzlich dargelegt, beabsichtige ich, das Trommeln zu erlernen, um wieder im Musikzug der Karnevalsgesellschaft mitzuwirken. Heute Abend war die erste Unterrichtsstunde, nicht auf einer Trommel, sondern auf so einem flachen, schallarmen Übungsdings, das man am Notenständer befestigt, die Nachbarn wird es freuen. Mein erster Eindruck: Das macht wirklich Spaß.

Freitag: Ich weiß, das klingt vielleicht pingelig, aber zucken Sie auch immer ein wenig, wenn jemand „Stati“ oder gar „Statis“ sagt, wenn er den Plural von Status meint?

Vormittags war Betriebsversammlung mit anschließender Möglichkeit, Fragen zu stellen. Frage des Tages: „Kann man es sich angesichts steigender Kosten künftig noch leisten, für dieses Unternehmen zu arbeiten?“ Fragesteller war keineswegs ein Mitarbeiter der unteren Entgeltgruppen, sondern ein AT-Angestellter, also ein übertariflich bezahlter Kollege. Ich bewunderte die sachliche Gelassenheit, mit der die Personalchefin darlegte, dass in dieser Gehaltsklasse nun wirklich keine baldige Hungergefahr besteht. Ich an ihrer Stelle hätte ihn wohl gefragt, ob er noch bei Verstand ist. Was geht in solchen Menschen vor?

Samstag: Ich fühlte mich leicht matschig im Kopf, obwohl es am Vorabend in alkoholischer Hinsicht im Rahmen geblieben war. Vielleicht liegt es am Wetter: Gestern war es erst trocken, ab Mittag Regen, abends Sturm, später schneite es. Heute hingegen schien die Sonne, als wäre nichts gewesen. Da kann man wohl matschig werden.

Warum es im bayrischen Grünwald nicht angezeigt ist, Tempo dreißig einzuführen, ist hier nachvollziehbar dargelegt. Kurz zusammengefasst: Weil man mit großen Autos gar nicht langsam fahren kann. (Danke an Herrn Fischer für den Link.)

Ich wurde nach meinem zweiten Vornamen gefragt, und ob er eine besondere Bedeutung hat. Ja, ich habe einen: Rainer. Ob er eine besondere Bedeutung hat, weiß ich nicht, nur weiß ich, warum er in meinem Ausweis steht. Das kam so, vielleicht habe ich das bereits erzählt: Bei meiner Geburt wollte mein älterer Bruder, dass ich Rainer heiße, weil sein Schulfreund so hieß. Meine Eltern bevorzugten hingegen Carsten. Da kann man jetzt geteilter Meinung sein, was besser ist, mit Carsten bin ich seitdem recht zufrieden, Rainer wäre auch akzeptabel gewesen, Sie wissen schon, Schall und Rauch und so. Jedenfalls, um ihrem Ältesten entgegen zu kommen, einigten sie sich auf diesen Kompromiss. Später hatte ich selbst einen Schulfreund dieses Namens. Leider trennten sich unsere Wege in den Neunzigern, ich habe lange nichts mehr von ihm gehört. (Lieber Rainer, wenn du das hier lesen solltest, melde dich mal, ich würde mich sehr freuen.) Kleines Detail am Rande: In den Achtzigern fand ich es eine Zeit lang schick, beim Unterschreiben zwischen Vor- und Nachnamen ein „R.“ zu setzen, wie es in Wichtigtuerkreisen üblich ist. Zum Glück habe ich mir diesen Unfug bald wieder abgewöhnt.

Sonntag: Während des Spaziergangs kam es beinahe zu einer Kollision mit einer dem Anschein nach nichtbinären Person. Ich schließe das aus der Kombination einer männlichen Physiognomie mit Rock und Strumpfhosen, vielleicht liege ich mit meiner Vermutung auch daneben. Egal, es liegt mir fern, darüber zu spotten oder nur zu werten; jede, wie er mag. Die Ursache des Beinahe-Zusammenstoßes war nicht (non-)binärer, sondern digitaler Natur, da die Person bis kurz vor unserer Begegnung aufs Datengerät konzentriert war.

Derart konzentrierte Autofahrer (m/w/d) müssen bekanntlich mit Bestrafung rechnen, auch wenn ihr Verteidiger darin einen staatlichen „Eingriff in das grundrechtlich geschützte Recht auf informationelle Selbstbestimmung“ sieht, wie die Sonntagszeitung berichtet. Immerhin ein netter Versuch.

Der für heute angekündigte Regen blieb oben
An dieser Remise bin ich schon oft vorbeigegangen. Erst heute fiel sie mir auf. Sie ist nicht schön im ästhetischen Sinne, gleichwohl irgendwie zeigenswert, nicht wahr.

Im übrigen bin ich der Meinung, dass die FDP verboten werden muss. Und die CSU, siehe Samstag.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 9/2023: Was?

Montag: Die Woche begann mit einer Dienstreise nach Göttingen. Mit der Bahn – trotz ihrer Unzuverlässigkeit bleibt sie mein bevorzugtes Verkehrsmittel für längere Strecken. Bei Verlassen des Hauses meldete die Bahn-App eine Verspätung von zehn Minuten wegen eines defekten Stellwerkes. Diese hielt sich bis kurz vor der neuen Abfahrtszeit, dann kam per Ansage die Verlängerung auf ca. fünfundzwanzig Minuten, die Stellwerksstörung war inzwischen zu einem Schaden an der Strecke mutiert. Ich sah es gelassen; da ich keinen Termin mehr hatte, war es egal, wann ich in Göttingen ankam, außerdem saß ich auf einer sonnenbeschienen Bank am Ende des Bahnsteigs, von wo aus ich in aller Ruhe zur Halteposition meines Wagens in Abschnitt F gehen würde, wenn die Einfahrt des Zuges in Aussicht gestellt wird, und fragte mich ein weiteres Mal, welcher Sitzmöbeldesigner aus der Hölle dieses kalte und unbequeme Teil aus Drahtgeflecht zu verantworten hat. Während ich saß und fragte, kam plötzlich und unangekündigt mein Intercity um die Ecke gebraust und nötigte mich zu einem Sprint in Abschnitt F.

Am Fahrtverlauf gab es nichts zu beanstanden. Etwas fragwürdig der Begriff „Komfort Check-in“ dafür, dass ich selbst über die App melde, den reservierten Platz eingenommen zu haben. Worin genau liegt hier der Komfort, und für wen?

Wenige Sitzreihen vor mir hörte jemand Kirchenchormusik, zur Freude der Mitreisenden nicht über Kopfhörer. Mich störte das nicht, jedenfalls nicht mehr als das Dauergequatsche der beiden Damen nebenan, deren eine zwei- oder dreimal die sakrale Musik beklagte, indes nichts dagegen unternahm und weiter mit ihrer Sitznachbarin schnatterte.

Um kurz nach elf teilte mir die DB Reisebegleitung per Mail mit, ich hätte in Hannover eine Minute Anschlusszeit. (Der Streckenschaden vor Bonn hatte sich mittlerweile in eine Bahnübergangsstörung gewandelt.) Eine Minute. In Hannover. Mit Wechsel von Gleis 10 nach Gleis 4. „Das merkt ihr selbst, oder?“ war ich kurz versucht, zu antworten.

Nach einem Halt auf freier Strecke vor Lindhorst war der Anschlusszug in Hannover weg. Das war nicht schlimm, der nächste ICE Richtung Göttingen kam bereits wenige Minuten später, er war angenehm unvoll und brachte mich mit nur fünfzehn Minuten Verspätung gegenüber der ursprünglich geplanten Ankunftszeit am Ziel an. Da kann man nun wirklich nicht meckern.

Dienstag: Tagungsbedingt mangelte es heute an Alleinzeit, um hier was aufzuschreiben, wobei es auch nicht viel Aufschreibenswertes gab. Vielleicht dieses: »Der Hidden-Bar-Trend ist ein Spin-off des international wachsenden Mixology-Booms« war in einem Zeitungsbericht über sogenannte Flüsterbars zu lesen. Manchmal lautet die einzig angemessene Reaktion: Was?

Vielleicht noch dieses, aus der Weinkarte des Hotelrestaurants: »Was du heute kannst entkorken, das verschiebe nicht auf morgen.«

Mittwoch: Zwischen Tagungsende und Abendessen machte ich einen Spaziergang durchs Dorf, das Groß Ellershausen heißt (ein Ortsteil von Göttingen), es ist ganz idyllisch und nicht sehr groß. Es gibt wohl kleinere Ellershausens, sonst hieße es nicht so.

Donnerstag: Es gibt Arbeitstage, mit denen man uneingeschränkt zufrieden sein kann. So einer war heute: Das von mir initiierte und geleitete Arbeitstreffen lief sehr gut; fast möchte ich so weit gehen zu schreiben: Es hat Spaß gemacht. Auch die Bahn zeigte sich ungewohnt zuverlässig: Die Züge waren pünktlich und nicht allzu voll, auch traten keine menschlichen wie sakral-musikalischen Störgeräusche auf.

Abends zu Hause wurde nach dem Abendessen Likör gereicht. Da kann man zufrieden sein.

Freitag: Aus den Tagesnachrichten: Erdogan wird wahrscheinlich wiedergewählt, der weltweite CO2-Ausstoß hat ein Rekordniveau erreicht, die FDP fordert die Produktion von Verbrenner-Motoren über 2035 hinaus (und kommt damit womöglich durch), das Verkehrsministerium erwartet eine Zunahme des LKW-Verkehrs bis 2051 um mehr als die Hälfte (weshalb mehr Autobahnen benötigt werden), der Deutschlandtakt bei der Bahn wird erst 2070 vollständig eingeführt sein. Man braucht schon einen robusten Fatalismus, um nicht zu verzweifeln. Oder hilfsweise Likör.

„Postfiliale nach Raub auf dem Prüfstand“ schreibt das Darmstädter Echo. Journalismus vom Feinsten.

Kurt Kister über die Liebe der Menschen zu ihren Datengeräten:

Manchmal, wenn ich in der Stadt Dinge zu erledigen habe, denke ich an Meeresküsten. Dort nämlich, zum Beispiel auf dem Darß oder auf El Hierro, gibt es diese schiefen Bäume, deren Wuchs dauerhafte Winde zurechtgeblasen haben. Man nennt sie auch Windflüchter. Die Leute, die immer auf ihr Mobiltelefon blicken, während sie gehen, sind auch leicht schief. Sie halten das Gerät in einer Hand, der obere Rücken ist etwas nach vorne gebeugt, der Hals auch, das Gesicht halb nach unten gerichtet. Ich glaube, wenn das jemand drei, vier Jahre lang konsequent macht, wird er oder sie insgesamt auch schief werden. Vielleicht nicht so wie der Wacholder auf den Kanaren. Aber doch merkbar schief. Und in ein, zwei Jahrzehnten wird das große Sonstewas aus vielen Stadtbewohnern Handyschieflinge gemacht haben.

Deutscher Alltag

Samstag: Gestern Abend schauten wir den ESC-Vorentscheid. In diesem Jahr wird in Liverpool also eine alberne, brüllende Rockband unser Land vertreten ganz weit hinten platziert sein. Bezeichnenderweise nennen sie sich „Lord Of The Lost“, somit werden gar nicht erst falsche Hoffnungen geweckt. Ich wüsste nicht, welchem Beitrag ich bessere Chancen zugetraut hätte. Jedenfalls verstehe ich nicht, warum seit Jahren kein deutschsprachiges Lied mehr auf die Bühne gebracht wird, warum immer Englisch? Gut: Dieser Kasper, der sich Ikke Hüftgold nennt, wäre auch nicht besser. Aber wer weiß, man denke an den Auftritt von Gildo Horn 1998. Vielleicht sollte man einfach Barbara Schöneberger dorthin schicken, die die Sendung gestern nicht nur in bewährt-sympathischer Weise moderierte, sondern auch bewies, dass sie ziemlich gut singen kann.

Heute war nur der übliche Samstagskram ohne besonderen Notierenswert.

Sonntag: Den Sonntagsspaziergang vollzog ich heute erstmals mit Musikbegleitung aus den kabellosen Kopfhörern des Liebsten. Das ist einerseits angenehm, besonders bei Liedern, deren Takt dem meiner Schritte entspricht. Andererseits entgehen mir dadurch die Umweltgeräusche, was für viele vor allem junge Menschen ein wesentlicher Grund sein mag, niemals ohne – teils absurd große – Kopfhörer aus dem Haus zu gehen; mir indessen fehlt da was. Deshalb werde ich auch künftig hin und wieder ohne Elektrobeschallung rausgehen.

Der Weinkolumnist der Sonntagszeitung gibt Tipps zum Verschließen nicht leergetrunkener Wein- und Sekt-/Champagnerflaschen. Somit die Lösung für ein Problem, das in unserem Haushalt allenfalls theoretischen Charakter hat.

Zucken Sie auch innerlich ein wenig, wenn jemand „diesen Jahres“ sagt oder schreibt? Dieser und viele weitere beliebte Fehler sind aufgelistet auf der Seite Korrekturen.de, auf die ich ebenfalls durch die Sonntagszeitung aufmerksam wurde. Sich dort ein wenig umzuschauen ist lohnend. (Nicht enthalten ist dort übrigens „lohnenswert“. Auch der Duden führt es auf und findet daran nichts zu beanstanden. Offenbar bin ich der einzige, der das Wort für falsch hält.)

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die FDP verboten werden muss.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 8/2023: Flugmodus ist ein schönes Wort für Unerreichbarkeit

Montag: Nachlese zum Zoch in Bad Godesberg gestern: Es hat Spaß gemacht, wieder dabei zu sein. Auch wenn es zwischendurch kurz und zum Glück nur leicht regnete und die Fortbewegung immer wieder für mehrere Minuten stockte, unter anderem weil das Technische Hilfswerk mehrere Begrenzungspfähle aus dem Weg flexen musste, bevor es weitergehen konnte. Kann ja passieren.

Foto: Wolfgang Sitte

Am Ende reichte es auch und es war angenehm, in die warme Godesberger Stadthalle zurückzukehren (also den Teil, der nicht wegen Einsturzgefahr gesperrt ist), wo sich der Tag in einer vereinsinternen Party fortsetzte. »Der Zug, der Zug, der Zug hat keine Bremsen« lautet der inhaltlich eher flachwurzelnde Text eines Liedes, unter bestimmten Voraussetzungen* dennoch geeignet, erwachsene Menschen jauchzend hintereinander weg durch den Saal sausen zu lassen, den Verfasser dieser Zeilen eingeschlossen *räusper*. Die Halle hielt, auch der einsturzgefährdete Teil.

Eher gebremst war heute unser Elan, ab Mittag den Bonner Zoch anzuschauen, obwohl er in Hör- und Laufweite zu unserer Wohnung durch die Innere Nordstadt führte. Auch eine aufziehende Erkältung ließ es ratsam erscheinen, stattdessen diesen freien Tag überwiegend sofalesend zu verbringen und das Jecksein den anderen Jecken zu überlassen. (Zum Zeitpunkt der Niederschrift war der Bonner Zoch gerade durch, wohingegen in Köln die letzten Wagen und das Dreigestirn noch gar nicht gestartet sein sollen. Wird wohl ein später Feierabend.)

*Siehe Eintrag von vergangener Woche Sonntag, letzter Absatz.

Dienstag: Über Dienstage, die sich wie Montage anfühlen, ist alles geschrieben. Dabei gab es am ersten Arbeitstag nach insgesamt fünf freien Tagen nichts zu beanstanden, die für Karnevalstage ungewöhnlich hohe Zahl an Mails war recht schnell abgearbeitet. Zudem schien nachmittags die Sonne ins Büro, wodurch es zeitweise wegen defekter Jalousie schon wieder zu warm wurde. Man kann es mir manchmal wirklich nur schwer recht machen, ich weiß. Unbehagen entstand vielmehr aus der sich gestern andeutenden, heute im Laufe des Tages zu voller Pracht erblühten Erkältung.

»Blau ist Wow« las ich morgens auf dem Hinweg an einem Lieferwagen angeschrieben. Das stimmt, wobei zwischendurch mal nüchtern auch nicht schlecht ist. Während es gestern gelang, gar keinen Alkohol zu trinken, womit der Tag wohl als erster alkoholfreier Rosenmontag seit der Mittelstufe in meine persönlichen Annalen eingehen dürfte, wird der heutige Tag mit einem Schluck achtzehnprozentigen Erkältungstrunk für die Nacht enden. Wohlsein.

Mittags auf dem Weg zur Apotheke sah an mehreren Stellen gefüllte Hundekotbeutel fernab von Müllbehältern in der Gegend herumliegen. Was denken sich diese Leute nur? Koten die zu Hause einfach ins Wohnzimmer?

In einem Zeitungsartikel über das leidige Thema kulturelle Aneignung wird eine afroamerikanische Soziologieprofessorin zitiert mit Kritik an Frauen, die sich die Haare blond färben: »Künstlich Blondierte beanspruchen die Symbolik der begehrten Haarfarbe, die nicht ihre natürliche ist, für sich. Weil es sich bei blonden Haaren um ein ausschließliches genetisches Merkmal von Weißen handelt, scheint der Wunsch danach besonders problematisch.« Auch nach mehrmaligem Lesen verstehe ich nicht, was daran falsch sein soll, und wer darin Häme liest, irrt. Vermutlich, weil ich ein alter, weißer Boomer bin, zu bequem, mich damit genauer auseinanderzusetzen.

Mittwoch: Laut Kleiner Kalender ist heute nicht nur Aschermittwoch, sondern auch Sei-bescheiden-Tag, somit ein Tag des Verzichtes. Ich verzichtete auf die Arbeit und blieb wegen der Erkältung heute zu Hause. Da der Beschluss dafür bereits gestern gefasst worden war, hatte ich den dienstlichen Rechner mitgenommen, der sonst grundsätzlich im Büro bleibt. Den schaltete ich morgens nur kurz an, um alle Termine für heute und morgen abzusagen und mich im Zeiterfassungssystem als krank zu buchen. Danach frühstückte ich knapp (der Appetit ist kaum beeinträchtigt, nur der Geschmackssinn ein wenig) und ging wieder ins Bett, wo ich die meiste Zeit des Tages verschlief.

Nicht nur ich blieb weitgehend untätig: »Die Zinsangst lähmt die Anleger« schreibt die Tagesschau bei Twitter.

Apropos Wirtschaft: Da bleibt man mal krank zu Hause, schon fällt der Aktienkurs des Arbeitgebers. Für einen kurzen Moment erlag ich einer Illusion von Relevanz.

Donnerstag: Da Husten und Schnupfen nachgelassen haben, schlief ich bis fast neun Uhr. Nur eine gewisse Duseligkeit im Kopf ließ das Bett weiterhin als den zu bevorzugenden Aufenthaltsort erscheinen, deshalb begab ich mich nach kurzem Müslifrühstück wieder dorthin.

Zwischendurch schaute ich kurz zur Gewissensberuhigung in das dienstliche iPhone, ob irgendetwas war, was mein sofortiges Handeln erforderte. Natürlich war nichts, was sollte auch sein. Mein Arbeitsplatz birgt keine Gefahren, die bei Versäumnissen aller Art Menschen zu Schaden kommen oder in lebensbedrohliche Situationen geraten lassen. Alles andere muss ich halt nacharbeiten oder liegen lassen, bis es sich von selbst erledigt hat. Der Aktienkurs steigt auch schon wieder. Daher schnell das Gerät wieder in den Flugmodus, ein schönes Wort für Unerreichbarkeit, wenn man mal darüber nachdenkt. Und mit meinem Gewissen sollte ich gelegentlich ein ernstes Wort reden.

Zurück im Bett las ich die Zeitung zu Ende und die Blogs. In der Zeitung neben den aktuellen Unbillen in der Welt ein Artikel über das Aussterben des deutschen Mittagsgrußes „Mahlzeit“, dem nun wirklich nicht nachzutrauern ist. Nach der Lektüre überkam mich erneut Schläfrigkeit, wogegen mich zu wehren ich keine Veranlassung sah.

Freitag: Nach schlecht durchschlafener Nacht zurück im Werk, begann der Arbeitstag mit einer Besprechung bereits um acht Uhr, also deutlich vor meiner üblichen Sprechzeit. Obwohl ich mich noch nicht zu hundert Prozent genesen fühlte, ging die Arbeit recht gut von der Hand und es gelang in angemessener Zeit, die Rückstände der Vortage abzuarbeiten.

Kurz vor Mittag spürte ich einen Stich ins Kreuz, der meine ohnehin nicht sehr ausgeprägte Bewegungsfähigkeit bis zum Abend und darüber hinaus beeinträchtigte. Es wird immer deutlicher: Die Sechzig liegt wesentlich näher als die Dreißig.

Mit fünfundsechzig hat sich nun der ehemalige Frontmann der Kölner Band De Höhner seinen charakteristischen Schnauzbart abrasiert, was großes öffentliches Interesse erregt und ihm optisch durchaus zum Vorteil gereicht. Das sei vielen wesentlich jüngeren Männern zur Nachahmung sehr empfohlen. Wenn ich meinem Teenager-Ich einen Rat geben könnte, so lautete dieser: Rasier dir diesen lächerlichen Schnäuzer ab.

Archivbild. Ja, auch die Frisur bietet Anlass zur Kritik.

Hauptthema der Medien heute ist der erste Jahrestag des russischen Angriffs auf die Ukraine. Manchmal stelle ich mir vor, wie die Evolution vor dem Fernseher sitzt, fassungslos zuschaut, wie die Menschen Kriege führen und die Natur zerstören, und sich sagt: Es reicht. Zeit für Mutationen.

Samstag: Nachdem der Geliebte gestern wegen eines unerfreulichen Vorfalls auf dem Nachbargrundstück vergangene Woche als Zeuge bei der örtlichen Polizei geladen war, erwägt er eine berufliche Veränderung in den Staatsdienst. Warum nicht, als Übungskrimineller könnte er ganz gute Dienste leisten.

Nach spätem Frühstück und dem samstagsüblichen Altglasentsorgungsgang verzichtete ich aus verschiedenen Gründen auf den Besuch der Weinbar. Stattdessen ging ich spazieren an den Rhein, wo mich das Fünfzigerjahre-Design des Lampenmodells Milano immer wieder begeistert.

Sind sie nicht wunderschön?

Über das Mit- und Gegeneinander der verschiedenen Verkehrsteilnehmer hat Herr Formschub hier einen sehr lesenswerten Aufsatz verfasst.

Sonntag: Lange geschlafen, einen langen Spaziergang gemacht, die Sonntagszeitung gelesen. Der übliche Sonntagskram halt.

Während des Spazierens nahm ich erfreut die ersten Forsythienblüten und Magnolienknospen zur Kenntnis. Außerdem wunderte ich mich über einen Wagen, der mitten auf dem Weg stand, augenscheinlich schon etwas länger, wie aus dem ordnungsamtlichen Zettelchen unter dem Scheibenwischer zu schließen war. Unmittelbar davor drei umgefahrene Absperrpömpel. Ob zwischen Wagen und Pömpeln ein Zusammenhang bestand, war nicht zu erkennen.

Die Sonntagszeitung spottet, zu recht, über Klimaaktivisten, die durch hirnrissige Aktionen ihrem wichtigen Anliegen schaden. Zum einen, indem sie vor dem Berliner Kanzleramt einen Baum abgesägt haben. Das muss man sich mal vorstellen: Um gegen unzureichende Klimamaßnahmen der Regierung zu protestieren, sägen die einen Baum ab. Was machen die als nächstes, Eisbärenbabys grillen? Dann war da noch eine Gruppe, die sich bei Wien an einer Schilderbrücke über einer Autobahn festklebte, um Tempo 100 zu fordern. (Auf dem Autobahnabschnitt, über dem sie klebten und forderten, waren 80 km/h erlaubt.) Da die Aktion keine störenden Auswirkungen auf den Verkehrsfluss hatte, ließ die Polizei die Klebenden kleben und unternahm nichts. Das fanden die Klebenden ungehörig und forderten per Twitter (einhändig?) die Polizei auf, sie zu lösen. Da die Polizei weiterhin untätig blieb, mussten sie sich schließlich selbst aus ihrer Lage befreien, was nach einiger Zeit wohl gelang. Was geht nur vor in diesen Leuten? Denken die nicht darüber nach, wie das ankommt bei denen, die den Ernst der Lage noch nicht erkannt und deshalb noch nicht ganz so verzweifelt sind wie sie?

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Falls auch Sie gerade von einer Erkältung gepeinigt sind, baldige Genesung.

Woche 7/2023: Frohsinn, Kölsch und Lautstärke

Montag: Der erste Tag der Woche zeigte sich fast frühlingshaft sonnig, er verlief in milder Montäglichkeit. Viel mehr gibt es dazu nicht zu vermerken.

Dienstag: Ab Mittag Abteilungstagung in Königswinter (kurz davor, nicht dahinter; ha ha, Spaß muss sein). Wegen Streiks der öffentlichen Verkehrsmittel reiste ich mit dem Fahrrad an, was, abgesehen von stetigem Gegenwind, angenehm war.

Ich gehöre einer sehr großen Abteilung an, daher zog es sich im Ganzen etwas; nach zahlreichen Vorträgen und Powerpointen verließ mich gegen Ende etwas die Lust, zumal wegen Überziehung die Stunde Freizeit zwischen Ende der Tagung und Abendessen auf knapp zwanzig Minuten schmolz. Doch beklage ich es nicht, es gibt abends freie Getränke, daher entschuldigen Sie mich jetzt bitte.

Mittwoch: Aufgrund eiserner, mindestens jedoch blecherner Trinkdisziplin am Vorabend erwachte ich ohne nennenswerte Blümeranz, da muss ich mich mal selbst loben. Lobenswert auch die Herberge, in der wir untergebracht waren: Offenbar zur Förderung körperlicher Bewegung ist im Bad der Shampoospender außerhalb der Duschkabine angebracht.

Nach dem Mittagessen verließ ich die Tagungsstätte in Richtung Werk, wo ich ein paar liegengebliebene Mails umschichtete und mich nach einem nicht sehr späten Feierabend bis einschließlich Montag ins Karnevalsfinale verabschiedete.

Gelesen bei Herrn Emil: »Es sollte daher eine allgemeine Menschenpflicht zum täglichen Aus­schlafen gelten; und vorm Wachsein darf – außer in wirklich dringenden Notfälllen – niemand belästigt werden.« Eine Forderung, die ich jederzeit unterzeichnen würde.

Donnerstag: »Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker«, mit diesem Hinweis, mehr oder weniger rasch vorgetragen, enden bislang Reklamen für Durchfallhemmer und Produkte gegen Scheidentrockenheit. Nicht mehr lange: Laut Zeitungsbericht plant das Bundesgesundheitsministerium gendergerechte Formulierungen auch in der Werbung. Künftig fragen Sie daher »… Ihre Ärztin oder Ihren Arzt oder fragen Sie in Ihrer Apotheke«. Werbende Medikamentehersteller und Reklameerdulder wird es freuen.

Ähnlich jeck verlief dieser Weiberfastnachtsdonnerstag, den ich erstmals nach sechs Jahren wieder im Kollegenkreis beziehungsweise in der Kolleginnenkreisin verbrachte, da unsere Karnevalsgesellschaft, der ich sein 2016 angehöre, heute keine offiziellen Auftritte hatte; vielleicht weil überall gespart werden muss und sich viele noch nicht wieder auf Sitzungen trauen. Derart ungebucht verbrachten meine Lieben zusammen mit den Vereinsleuten den Tag in Beuel, während ich vormittags zu den Fröhlichkeiten ins Werk fuhr. Schön wars. Gegen achtzehn Uhr war mein Bedarf an Frohsinn, Kölsch und Lautstärke vorläufig gedeckt, daher beschloss ich den Polnischen Abgang, das heißt ich verließ die Veranstaltung ohne Verabschiedung, manchmal ist das besser. Bereits vor zwanzig Uhr lag ich im Bett. Das kommt auch nicht sehr häufig vor. (Dieser Eintrag entstand aus sicher nachvollziehbaren Gründen erst am Freitag.)

Freitag: Erfreulich katerlos aufgewacht, aus Sicherheitsgründen bis etwa zehn Uhr im Bett geblieben. Nach dem nicht allzu üppigen Frühstück und dafür ausgiebiger Zeitungs- und Bloglektüre unternahm ich einen Spaziergang bei sonnigem Frühlingswetter. Dabei unterlief mir etwas, worüber ich mich bei anderen heftigst aufregen würde: Als ich unter Missachtung des Fußgängerrotlichtes eine Einbahnstraße querte (ein Regelverstoß, den ich, sonst höchst regelverliebt, für vertretbar halte, Eltern und Erziehungsberechtigte mögen es mir verzeihen), schaute ich nur nach rechts, von wo Autos kommen könnten, vergaß jedoch den Blick in die andere Richtung, aus der auch Fahrräder fahren dürfen, und lief beinahe einem Radfahrer vor den Lenker. Der reagierte jedoch entspannt und fuhr wortlos an mir vorbei, wofür ich ihn bewundere. Als Radfahrer ist er es wohl gewohnt, stets für andere mitzudenken. Ich an seiner Stelle hätte mich angemessen beschimpft.

Auf dem Zuweg zum Rhein wünscht die örtliche SPD-Bundestagsabgeordnete auf einem Plakat immer noch „Frohe Weihnachtstage & ein glückliches neues Jahr“, außerdem stellt sie ab dem ersten Januar dieses Jahres mehr Kinder-, Wohn- und Bürgergeld und einen massiven Rentenanstieg in Aussicht. Warum nicht – über gute Wünsche freut man sich immer.

Zusammenhangloses Spaziergangsbild

Bitte rufen Sie mit mir aus ein dreimol hääzlich: Benignus – Alaaf!, Bonosus – Alaaf!, Evermod – Alaaf! Diese drei haben laut Zeitung heute Namenstag.

Heute ist der Schlagersänger Tony Marshall gestorben, auch ein Star meiner Kindheit, wie Roy Black und Peter Alexander. Bereits am Abend lief im Fernsehen ein längerer Nachruf auf ihn, und ich frage mich: Wie haben die das in der Kürze der Zeit hinbekommen? Das muss doch alles recherchiert, arrangiert, kommentiert und produziert werden, das kann unmöglich innerhalb weniger Stunden geschehen. Oder hatten die das in Erwartung seines baldigen Ablebens – es war schwer krank – bereits fertig und mussten es nur noch senden? Wenn ja, wie viele Nachrufe auf derzeit noch lebende Prominente mögen schon vorproduziert sein?

Samstag: Nach dem Frühstück fuhren der Liebste und ich ins Zeughaus* der Karnevalsgesellschaft, um eine Musiker-Uniform zu holen, die ich erst im vergangenen Jahr, vielleicht etwas voreilig, zurückgegeben hatte. Das kam so: 2016 hatte ich mich entschieden, oder vielleicht eher: überreden lassen, dem Musikcorps beizutreten, als Sänger, der während der Auftritte den Saal zum Mitsingen animiert. Das klappte trotz langjähriger Chorerfahrung im wahrsten Sinne solala. Es ist ein großer Unterschied, ob man im Chor als einer unter vielen singt oder als Einzelner rheinischen Frohsinn unter die Leute zu bringen sucht. Hinzu kam, dass mir als geborenem Ostwestfalen die rheinische Sprooch, die die meisten Lieder erfordern, nicht gerade angeboren ist. Kurz: Ich war mit mir nicht zufrieden. Die anderen auch nicht, auch wenn sie es nicht direkt sagten; als sensibler Sänger merkt man das. Da ich grundsätzlich Freude am Musizieren hatte und die Leute sehr mochte, versuchte ich mich als Trompeter, zumal mir dieses Instrument aus früheren Bläserzeiten im Posaunenchor des CVJM Bielefeld-Stieghorst nicht fremd war. Das klappte leider noch schlechter als das Singen – um einigermaßen trompeten zu können, auch hohe Töne über einen längeren Zeitraum, muss man üben. Regelmäßig und viel – mehr, als ich selbst bereit und unseren Nachbarn zuzumuten war. Dann kam Corona, es hatte sich für längere Zeit ausgeblasen. Zudem empfand ich es als recht angenehm, donnerstagabends nicht zur Probe fahren zu müssen. Daher beschloss ich, das Musikcorps zu verlassen und künftig nur noch in dekorativer Funktion an den Vereinsaktivitäten teilzunehmen.

Dann zog sich Corona langsam zurück**, Auftritte sind wieder möglich. Bereits beim Ordensfest im vergangenen November, als ich in meiner neuen Litewka das Musikcorps auf der Bühne spielen sah und hörte, kam mir der Gedanke: Warum stehst du hier unten und nicht bei ihnen dort oben? Da kam mir die Idee: Ich will trommeln! Auch das hatte ich damals im Posaunenchor gelegentlich gemacht, wenn auch nur unregelmäßig, da Choräle selten schlagwerkbegleitet dargebracht werden. Der Herr Kommandeur des Musikcorps zeigte sich angetan, ab März erhalte ich Trommelunterricht, in der nächsten Session bin ich wieder dabei. Dieses Mal freue ich mich richtig darauf. Die Nachbarn werden sich auch freuen.

Morgen beim Godesberger Zoch laufe also ohne Instrument mit, immerhin schon in Musikeruniform. Darauf freue ich mich auch.

Willkommen zurück

*Ein Zeughaus ist nichts anderes als ein Vereinsheim, bei Karnevalsvereinen heißt das eben Zeughaus. Seien Sie versichert, es wohnt nichts Anrüchiges darinnen.

**Während ich dieses schreibe, erreicht mich nach langer Zeit wieder eine rote Warnmeldung in der App. Das Leben ist manchmal komisch.

Sonntag: (Da ich heute wegen Teilnahme am Godesberger Zoch keine Zeit habe und später voraussichtlich nicht mehr in der Lage sein werde, hier etwas Sinnergebendes aufzuschreiben, entstand diese Tagesnotiz bereits am Samstag. Eventuelle Erwähnenswertigkeiten werden in der kommenden Woche nachgereicht, ich bitte um Verständnis.)

Die Sonntagszeitung widmet dem Thema Alkoholverzehr einen längeren Artikel. Demnach ist Alkohol trotz nachgewiesener Schädlichkeit die am meisten akzeptierte Droge, zudem mit hohem Rechtfertigungsdruck, wenn man darauf verzichtet. Ich erkenne mich darin wieder. Dem Ethanol nicht abgeneigt vergeht fast kein Tag ohne: das Bier zum Abendessen und am Wochenende im Wirtshaus, keine Tagung ohne kollegiales Abendtrinken, ein Restaurantbesuch ohne Wein undenkbar, Karneval ohne Kölsch sowieso. Im vergangenen Jahr gab es eine mehrwöchige Phase, in der ich zumindest vor Arbeitstagen enthaltsam war. Da möchte ich wieder hinkommen. Nach Karneval. Es muss ja nicht gleich eine sechswöchige Fastenzeit sein.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, ob mit oder ohne Karneval. Alaaf!

Woche 6/2023: Geklapper und Geplapper

Montag: Schontag. Einen Teil der Arbeitszeit verbrachte ich mit der Beantwortung von Gratulationen, die mich erst heute erreichten, da dienstliche Kommunikationskanäle außerhalb der üblichen Bürozeiten deaktiviert sind, auch und gerade zu Geburtstagen und ähnlichen Anlässen, da bin ich sehr konsequent.

Ein kleines Heiterlein am Rande: Bereits vor drei Wochen veröffentlichte ich auf der werksinternen virtuellen Pinnwand ein Bild, das ich morgens während des Fußweges gemacht hatte und wie ich es hier in ähnlicher Form schon häufig gezeigt habe: der Rhein, im Hintergrund Mutterhaus und Langer Eugen, Morgenröte und darüber beeindruckendes Gewölk. Dazu schrieb ich nicht allzu originell „Heute Morgen auf dem Weg ins Werk“ oder so ähnlich. Das gefiel der internen Kommunikationsabteilung offenbar so gut, dass sie daraus eine kleine Aktion machten, sogar mit eigenem Hashtag #weginswerk. Noch bis diese Woche sind die Kollegen aufgerufen, ebenfalls Bilder ihres Arbeitsweges zu posten, zu gewinnen gibt es einen Gutschein für einen Kaffee an einer örtlichen Kaffeebude. Ich selbst habe, außer Konkurrenz und gleichsam als Initiator der Aktion, bereits meinen Gutschein erhalten. Jetzt muss ich nur noch diese Bude finden und einmal über meinen Schatten springen, da ich Kaffee aus Pappbechern grundsätzlich ablehne.

Die Zeitung berichtet über eine Landwirtin aus der Uckermark, die per Instagram stets mit einem Augenzwinkern aus ihrem Arbeitsalltag influenciert. »Ihren Mann hat sie beim Melken kennengelernt«, so die Zeitung. Romantik im Rinderstall.

Abends hörte ich vom Sofa aus Trommelnde durch die Innenstadt ziehen, vermutlich keine Karnevalskapelle sondern die montagsüblichen Unmutsgänger. Gegen was gehen die eigentlich jetzt, da Corona und die Schutzmaßnahmen weitgehend abgeschafft sind? Vielleicht gegen den Montag an sich.

Dienstag: Vergangene Nacht träumte ich vom Frühstück. Vor mir standen gruppiert gleich vier Frühstückseier, auf die ich großzügig Salz streute, das eine seltsam puderige Konsistenz aufwies und langsam hernieder wölkte; dadurch wurden nicht nur die Eier, sondern auch das Tischumfeld eingesalzen. Erst dann bemerkte ich, dass die Eier noch gar nicht gepellt waren. Ehe das große Geschrei einsetzte, wachte ich lieber auf.

Morgens war es kalt. Rauhreif lag auf Autos, Sitzbänken und Moospolstern, die Pfützen am Rheinufer eisbekrustet. Am aufblauenden Himmel über dem Siebengebirge waren Flugzeuge zu sehen, die mit ihren nur kurzen Kondensstreifen wie Kometen wirkten, die in unterschiedliche Richtungen zogen.

#weginswerk heute ohne Gewölk, dafür, wenn Sie genau hinschauen, mit zwei Kometen

Auf dem Weg zur Kantine sah ich mittags die ersten Krokus- und Narzissenblüten des Jahres; nur weniges vermag in mir mehr Optimismus auszulösen alle Jahre wieder. Vielleicht Wackelpudding, den gab es heute zum Dessert.

„Gib mir bitte den Kontext“, hörte ich auf dem Rückweg eine beim Laufen in ihr Telefon sprechen. Was Leute so sagen, denen „Um was geht es“ oder „Hä?“ zu profan klingt.

Mittwoch: »Frankreich lässt Wein zu Alkohol verarbeiten« wird gemeldet. Was für eine Nachricht.

Während der Rückfahrt vom Werk erfreute ich mich wieder an Mitradfahrern, die sich einer roten Ampel nähern, kurz vorher auf den Gehweg wechseln und hinter der Ampel wieder zurück auf die Straße. Als ob das irgendwie erlaubter wäre als direkt bei Rot weiterzufahren.

Auf Twitter las ich einen Thread, was ich für gewöhnlich nicht tue. Aber diesen sollten Sie lesen, wenn Sie sich am perfekten Umgang mit einem A…loch erfreuen möchten.

Abends holte ich für uns Gyros von Janni, dem Griechen unseres Vertrauens. Aus irgendeinem Grund sind wir immer noch per Sie, was einerseits überhaupt nicht schlimm ist, sich andererseits seltsam anfühlt. Vielleicht, weil wir mit den griechischen Gastwirten meiner jüngeren Jahre in Bielefeld-Stieghorst ganz selbstverständlich per Du waren, das hatte nichts zu tun mit deutscher Überheblichkeit gegenüber dem Migranten, das war einfach so, auf Augenhöhe, wie man heute sagt. Christos, Dimi – und Zeus, der hieß wirklich so, vielleicht ließ er sich auch nur so rufen. Irgendwie haben Janni und ich den Zeitpunkt verpasst, zum Du überzugehen, jetzt käme es mir komisch vor, zu sagen „… übrigens ich bin Carsten.“ Nicht, dass ich das nicht wollte, vielleicht ergibt es sich noch; wenn nicht, ist es völlig in Ordnung. Der Ablauf ist immer derselbe: Ich rufe an, bestelle das Gewünschte, Antwort: In einer Viertelstunde kann ich es abholen. Ich mache mich auf den Weg, gut zehn Minuten zu Fuß. Nach Ankunft dauert es dann nochmals zehn bis fünfzehn Minuten, bis es fertig ist, also genau eine Bierlänge, Janni hat gezapftes Bier im Angebot. Ich mag ihn, sein Gyros sowieso, egal ob per Du oder Sie.

Donnerstag: Die Stadt Bonn rühmt sich, in der Innenstadt einen Zebrastreifen in Regenbogenfarben angelegt zu haben als Zeichen für Toleranz und Vielfalt, die in Regenbogenzusammenhängen gerne verwendeten Floskeln sind hinlänglich bekannt. Allerdings, so räumt man ein, handelt es sich hierbei nicht um einen echten Zebrastreifen im Sinne der Straßenverkehrsordnung, vielmehr kreuzt der Überweg eine für den allgemeinen Autoverkehr gesperrte Straße, wo die Fußgänger sowieso Vorrang haben. So weit reicht die Toleranz (der StVO) dann doch nicht.

Darf man überhaupt noch „Zebrastreifen“ sagen, oder zieht man damit Zorn und Empörung von Peta auf sich?

Gelesen in der PSYCHOLOGIE HEUTE:

»Da digitale Geräte Bindungsbedürfnisse schneller und auf scheinbar einfachere Weise per Klick befriedigen, bergen sie auch die Gefahr, zwischenmenschliche Beziehungen zulasten von Mensch-Maschine-Interaktion zurückzudrängen. Diese Problematik deutet sich allerorten etwa bei einem Blick auf die Spielplätze hierzulande an: Nicht wenige Eltern schauen nur mehr in ihr Smartphone, während im Hintergrund ihr Kind spielt.«

Susanne Donner: Die Vermessung des Lebens

Gleiches gilt für Kinderwagen schiebende Eltern, während ihr Kind Kontakt mit ihnen sucht, ich prangerte es bereits an.

Freitag: Über der Friedrichstraße in der Bonner Innenstadt hängen zurzeit Banner großer Karnevalsgesellschaften der Stadt. Abends auf dem Weg zur Friseurin hörte ich dort einen Vater zum Kind sagen: „Karneval wird von Vereinen organisiert. Die haben manchmal komische Namen wie Bonner Stadtsoldaten.“ Der war wohl nicht von hier.

Vor 125 Jahren wurde Berthold Brecht geboren. Aus unerfindlichen Gründen verwechsele ich ihn immer mit Heinrich Böll, vielleicht weil wir beide in der Schule lesen mussten und ich mit beiden nicht viel anfangen konnte. Eine ähnliche unerklärliche Verwechslungsneigung habe ich bei den Paaren Andy Warhol und Oscar Wilde, Wolfgang Bos- und Bodo Hombach sowie den WDR-Wettermännern Sven Plöger und Karsten Schwanke, wobei letztere wirklich schwer auseinander zu halten sind.

Samstag: Aus karnevalistischem Anlass fuhren die Lieben und ich mit dem Wagen nach Stuttgart. Ein sich leerender Tank und eine sich füllende Blase geboten einen Zwischenhalt an einer Tank- und raststelle. Damit auch während der entgeltlichen Erleichterung keine Langeweile aufkommt, sind dort in die Pissoiere oberhalb der Strullöffnung Monitore angebracht. Darin lief allerdings nur auf schwarzem Hintergrund ein rotierender Wartekreisel, daneben stand „Android starting“. Für einen Euro Pullergebühr kann man etwas mehr Urinalunterhaltung erwarten.

Abends nahmen wir teil an der Sitzung der Karnevalsgesellschaft Zigeunerinsel Stuttgart, die heißt wirklich so, mich stört es nicht, das wird seine Gründe haben. Neben weiteren war auch eine Kölner Garde zugegen, die eine größere Menge Freikölsch mitgebracht hatte, woran auch wir Bonner uns laben durften. Nicht nur, aber auch das führte dazu, dass ich bereits vor Mitternacht im Bett lag, was mich gleichfalls nicht störte.

Sonntag: Zu den Orten, an denen ich mich morgens besonders ungern aufhalte, gehören Hotelfrühstückssäle, besonders wenn sie groß und voller Menschen sind, die durcheinander laufen, Warteschlangen vor Kaffee- und Saftzapfstellen bilden und den Raum mit Geplapper und Geklapper füllen. Während mein Morgenappetit nur für einen Teller Müsli, eine Tasse Kaffee und zwei (hinreichend große) Gläser anzitroniertes Wasser reichte, staunte ich einmal mehr, was andere morgens schon von den Buffets zu ihrem Tischen trugen und verzehrten.

Während der Rückfahrt nahm ich zum ersten und voraussichtlich letzten Mal an einem Radioquiz teil. Es galt, folgende Frage korrekt zu beantworten, sie hätte auch Bestandteil einer Büttenrede im rheinischen Karneval sein können: Eine Ellok fährt von Norden nach Süden, der Wind bläst von Osten. In welche Richtung weht der Dampf? (Kein Tusch.) Ungefähr eine Viertelstunde lang wurde die Frage von der Sprecherin und dem Sprecher zunehmend hysterisch wiederholt, dazu die Nummer, unter der man anrufen sollte. Mit jeder Wiederholung erhöhte sich die zu erzielende Gewinn, am Ende waren es tausend Euro. Es riefen Leute an, sagten „nach hinten“ oder „nach oben“. Irgendwann wurde es mir zu bunt, ich wähle die Nummer und verstand spätestens beim zweiten Versuch: „Leider knapp verpasst. Dieser Anruf kostete fünfzig Cent“, sagte eine automatische Stimme. In die Falle getappt. Ein wenig fühlte ich mich veräppelt bis betrogen. Erst ganz am Ende der Sendung nannte eine Anruferin die richtige Lösung, die ich nicht wiedergeben muss, da ich davon ausgehe, Sie kennen sie längst.

Bei Frau Kaltmamsell las ich das schöne Wort „Dyslexie“, laut Duden die mangelnde Fähigkeit, Wörter oder zusammenhängende Text zu lesen, zu verstehen oder zu schreiben. Kenne ich, nicht nur wie Frau K. in lyrischen Zusammenhängen, sondern auch in werktätlichen Angelegenheiten, da es sich augenscheinlich immer mehr verbreitet, Mails und Nachrichten vor dem Absenden nicht noch einmal korrektur zu lesen.

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Kommen Sie gut durch die neue Woche.