Woche 45/2022: Weiterhin mild

Montag: Ein Wochenbeginn ohne nennenswerte Ereignisse. Vielleicht dieses: Auf der Rückfahrt vom Werk wurde ich auf dem kombinierten Rad-/Fußweg von einem Fußgänger beschimpft, nachdem ich zunächst wegen Gegenverkehrs einige Meter hinter ihm her und dann, als frei war, langsam an ihm vorbeifuhr. Seine in äußerst unfreundlichem Ton vorgetragene und mit wachsender Entfernung leiser werdende Anregung, ich solle gefälligst auf der Straße fahren, nahm ich unkommentiert hin, zumal eine Diskussion über die Bedeutung des Verkehrszeichens 240 wenig zielführend erschien. Stattdessen nahm ich mir vor, es abends im Blog zu vermerken, was hiermit erledigt ist.

Dienstag: Mittags in der Kantine gab es für mich, da sich vor beiden (!) Currywurst-Schaltern lange Schlangen gebildet hatten, Pappadelle Pomodoro, zu Deutsch Breitbandnudeln mit roter Soße. Der Mann hinter der Nudeltheke fragte jeden, obwohl es dort nur dieses eine Gericht gab: „Für Sie die Pasta?“ Ich war kurz versucht, Nein zu sagen, nur um zu sehen, was er dann macht, nahm davon aber Abstand, weil ich Hunger hatte (wegen einer Präsentation der obersten Werksleitung war ich eineinhalb Stunden später dran als üblich), zudem wollte ich den Betrieb nicht unnötig aufhalten.

Auf dem Rückweg zu Fuß war es schon fast dunkel und weiterhin ungewöhnlich mild. Ich mag es, wenn die Lichter der Radfahrer nebenan (sofern sie es anschalten und auf dem Radweg bleiben), Jogger (außer wenn mir ihre Stirnlampen ins Gesicht blenden) und Rheinschiffe an mir vorbeiziehen. Und am Rheinpavillon ist schon die Glühweinbude aufgebaut, heute noch geschlossen; somit dauern die Rückwege demnächst wieder eine Glühweinlänge länger.

Mittwoch: Im Friseursalon, den ich seit Jahren besuche, arbeitet eine sehr nette Dame am Empfangstresen. (Es ist ein ziemlich großer Salon, daher allein zu Empfangs- und Kassierzwecken eine eigene Mitarbeiterin ohne Frisierbefugnisse.) Bislang siezte sie mich, was weder zu hinterfragen noch zu beanstanden war. Bis heute: Bei meinem Besuch am Abend duzte sie mich mit irritierender Selbstverständlichkeit. Ich sprach sie darauf an, vorausschickend, dass es mich nicht stört und wir gerne dabei bleiben können. Mich interessierte nur, warum; vielleicht war ja ein Gebot der Geschäftsleitung ergangen, auf dass ab sofort ein jeder Kunde ungeachtet des Alters und Vertraulichkeitsgrades zu duzen sei, so wie es nicht nur der schwedische Möbelhändler schon lange in klebrig-anbiedernder Weise tut. Es schien ihr ein wenig peinlich, sei ihr gar nicht aufgefallen, sagte sie. Wie auch immer – seit heute duze ich mich mit der sehr netten Dame. Das muss ich mir jetzt nur noch merken bis zum nächsten Haarschnitt.

Während ich mich bei gereichtem Tee im Wartebereich fläzte, bis die mich behandelnde (und weiterhin siezende) Friseurin frei war, sah ich einen offenbar fertig frisierten Mann mittleren Alters an den Tresen meiner neuen Duzbekanntschaft treten. Er wies gewisse Ähnlichkeit mit den üblich Darstellungen des Jesus von Nazareth (oder Darstellungen Jesu, wenn Ihnen das lieber ist) auf: üppiger Bart, lange Haare. Wie mochte er ausgesehen haben, als er das Geschäft betreten hatte? Aber vielleicht hatte er auch nur Maniküre oder Augenbrauenfärben gebucht.

Donnerstag: Morgens war es kühl. Also nicht für Mitte November, aber verglichen mit der spätsommerlichen Anmutung der Tage zuvor. Bei Ankunft im Büro zeigte das Thermometer auf dem Schreibtisch gerade mal siebzehn Grad an; daran gemessen fühlte es sich wesentlich wärmer an. Kalt – und doch nicht so kalt, da soll man noch durchsteigen. Im Laufe des Tages stieg die Innentemperatur auf bis zu fünfundzwanzig Grad, als die Sonne nachmittags ums Haus kam. Beziehungsweise das Haus um die Sonne, Sie wissen schon, Galileo und so.

Mittags im Park

Abends auf dem Rückweg wurde es wieder kühl, dafür ließ intensives Abendrot die westlichen Glasfassaden der Bürohäuser erstrahlen; bitte denken Sie sich hier entsprechende Bilder. Die Glühweinbude am Rheinpavillon war trotz angemessener Kühle noch immer geschlossen. Die Vorfreude steigt.

(Während der Niederschrift vorstehender Zeilen scheint der abnehmende Vollmond durchs dunkle Geäst der Bäume gegenüber. Auch hierzu dürfen Sie sich gerne ein Bild denken, wenn Sie mögen.)

Freitag: Heute ist der elfte Elfte, somit offizieller Beginn der Karnevals-Session. Morgens, als ich mit Schal und Handschuhen ins Werk radelte, sah ich drei Jungjeckinnen in kurzen Röckchen und fror spontan mit ihnen. Ansonsten wurde mein Tag nicht närrischer als sonst.

Rheinischer Karneval ist eng mit Kölschbier verbunden, doch sollen auch andere Biere nicht unbeachtet bleiben: Heute vor 180 Jahren wurde erstmals Bier Pilsener Brauart ausgeschenkt, ist bei Wikipedia zu lesen.

Erstmals las ich von der „Igelstellung“. Das ist ein gänzlich unsexueller Begriff, so interessant es auch erscheinen mag; vielmehr bezeichnet er laut Duden eine militärische Stellung zur Verteidigung nach allen Seiten.

Vader Abraham ist im Alter von siebenundachtzig Jahren gestorben. War der nicht vor über vierzig Jahren, als er mit den Schlümpfen sang, schon um die achtzig?

Samstag: Aufgrund alkoholischer Ereignisse am Vorabend lag über der ersten Tageshälfte eine gewisse Blümeranz. Das hielt uns nicht davon ab, zur Eröffnung der Karnevals-Session in Godesberg zu fahren, wo der Verein einen Bierstand betrieb. Das erste Kölsch lief noch etwas unwillig ab, mit jedem weiteren wurde es besser.

Kaputt.

Anlässlich der demnächst beginnenden, als Fußballweltmeisterschaft deklarierten Großwerbeveranstaltung in Katar fragen sich nun viele, ob es trotz der regional eigentümlichen Auslegung der Menschenrechte und der zahlreichen beim Stadienbau verunglückten* Bausklaven moralisch vertretbar sei, sich die Spiele überhaupt anzuschauen. Mir als in Fußballdingen umfassend Uninteressiertem stellt sich diese Frage zum Glück nicht. Auch nicht, wenn „Wir“ spielt.

*Auch ein interessantes Wort. Das Gegenteil wäre dann wohl „verglückt“.

Sonntag: Sehr gut und lange geschlafen. Nach dem Frühstück und Lektüre der Sonntagszeitung führte der Sonntagsspaziergang bei mildem Sonnenschein ans andere Rheinufer.

Gelesen in der PSYCHOLOGIE HEUTE über Perfektionismus: »Nur das Sichzufriedengeben unter Verzicht auf die optimale Lösung stellt eine den Grenzen des Lebens angemessene Verhaltensweise dar.« Als Lebensmotto durchaus geeignet.

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 9: Ein Idiot auf dem Bahnsteig, angemessene Saftgläser am Frühstücksbuffet und eine Ahnung von Frühling in der Luft

Montag: Notiz an mich: nächstes Jahr auch noch den Dienstag frei nehmen.

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Dienstag: Als ich mittags die Dienstreise nach Celle antrat, ging auf dem Bahnsteig des Bonner Hauptbahnhofs ein älterer Mann schnellen Schrittes hinter mir vorbei. Kurz danach sagte er laut: „Auf in die Türkei zu Erdogan“. Erst mit einigen Sekunden Verzögerung begriff ich, das dies einer Dame mit Kopftuch galt, möglicherweise türkischen Ursprungs, vielleicht auch nicht. Da war er schon zu weit weg für einen Kommentar meinerseits. Darum hole ich das jetzt nach: Sie sind ein Idiot.

Mittwoch: Warum sind Hotels nicht in der Lage, in den Zimmern einfache Jackenhaken an die Wand zu schrauben? Effizienzgewinn durch Verschlankung von Produktionsprozessen? Dem Hotel Celler Tor sind indes Saftgläser in angemessener Größe am Frühstücksbuffets zugute zu halten.

Donnerstag: Fieses Wetter in Celle. – Wie erträgt es ein Mensch, im ICE von Hannover bis Wuppertal nahezu ununterbrochen zu telefonieren? Und wie erst der Sitznachbar, also ich? Ich kann übrigens im Zug nicht schreiben, wenn einer daneben sitzt. Das ist so ähnlich wie der manchen Männern bekannte Pissrinneneffekt: Trotz höchstem Blasendruck kommt kein Tropfen heraus, solange einer daneben steht.

Freitag: Abends das traditionelle Fischtrinken bei den Fidelen Burggrafen. Die ursprüngliche Idee, die Veranstaltung gegen 22 Uhr zu verlassen, wurde nicht weiter verfolgt. Damit ist die Session nun endgültig beendet und ich kann aufhören, darüber zu schreiben. Apropos darüber schreiben: Mein Aufsatz brachte mir erstaunlich viel Lob ein, wobei ein mündliches Lob von Angesicht zu Angesicht das Herz um ein vielfaches mehr wärmt als ein geschriebener Kommentar oder ein Gefällt-mir-Sternchen. Danke dafür!

Samstag: Leichte Blümeranz am Morgen. Vielleicht wären wir doch besser um 22 Uhr gegangen. Abends schmeckte es schon wieder. Die Idee der menschlichen Vernunft und Selbstbestimmung ist ein alternatives Faktum.

Sonntag: Spaziergang zur (enttäuschend kleinen) Modelleisenbahnbörse in Endenich. Nichts gekauft. Dank einer Ahnung von Frühling in der Luft hat es sich dennoch gelohnt. Die Forsytien beginnen gelb zu knospen und die Singstar-Krähe von gegenüber erfüllt die Siedlung mit schiefem Gekreische.

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