Woche 19/2023: Schmusen statt Cruisen

Montag: Die Woche begann zumindest in meteorologischer Hinsicht trübe und recht kühl, die persönliche Stimmung war trotz Aussicht auf eine gewöhnliche Fünftagewoche zufriedenstellend. Am Nachmittag kam die Sonne raus und ließ die Kastanienblüten aufleuchten, sofern sie nicht bereits nach dem Regen des zurückliegenden Wochenendes abgefallen sind und sich am Fuße der Bäume zu einer bräunlich-weißen beziehungsweise -roten Matsche sammeln. Vergänglichkeit des Frühlings.

In der Kantine gab es Land-Zanderfilet. Landzander? Warum nicht, es gibt ja auch Flughunde, wenn auch nicht oder allenfalls selten in gastronomischen Einrichtungen.

Der einundzwanzigste Hochzeitstag heißt „Opalhochzeit“, aus gegebenem Anlass habe ich das recherchiert. Aus ebendiesem Anlass machte ich pünktlich Feierabend und suchte ein floristisches Fachgeschäft auf, wo ich zum Zeichen der Zuneigung in entsprechender Anzahl Rosen erstand. Man unterstellt blumenschenkenden Männern ja gerne ein schlechtes Gewissen gegenüber der/dem Beschenkten, was ich von mir weise. Andererseits, hat man in einer Partnerschaft nicht permanent ein schlechtes Gewissen, vielleicht nur ein wenig, oder sollte wenigstens ab und zu eins haben? Jedenfalls ist der Hochzeitstag in jedem Jahr der Tag, an dem ich mich frage: So lange hält der das schon mit mir aus?, und tiefen Dank dafür empfinde, der mit ein paar Rosen (oder „Gefühlsgemüse“, wie ein früherer Freund sagte) nicht auch nur ansatzweise angemessen zum Ausdruck zu bringen ist.

Als ich nach Hause radelte, querte kurz vor mir einer mit Kinderwagen den Radweg, ohne auf Radfahrer zu achten. Ich blieb ruhig, da ich mir vorgenommen habe, mich über derartiges nicht mehr aufzuregen. Und doch wünsche ich mir in solchen Momenten eine schallende Straßenbahnklingel für mein Fahrrad statt dieses lächerlichen Pling-Glöckchens am Lenker.

Frau Kraulquappe nimmt unterdessen Anstoß an Anglizismen und schreibt mir damit aus der Seele, wie so häufig.

Abends stellte plötzlich und unerwartet nach zehn Jahren treuer Dienste mit einem zarten Knall der Backofen voraussichtlich für immer seinen Betrieb ein. Das ist nicht schön, aber nicht dramatisch.

Dienstag: Die Wildgänse in den Rheinauen haben Nachwuchs, und das nicht zu knapp. Allüberall trifft man auf Jungtiere in bräunlichem Flaum, die unter Aufsicht ihrer Erziehungsberechtigten piepsend Gräser zupfen. Trotz meiner antinatalistischen Grundhaltung finde ich das ganz entzückend.

Eher zufällig erfuhr ich von den regelmäßigen Lesungen der TapetenPoeten, einer kleinen Lesebühne in Bonn-Beuel, wo jeder, der mag, etwas Selbstgeschriebenes zum Vortrage bringen kann. Heute war es wieder soweit, und also machte ich mich abends bei Regen auf nach Beuel zur Atelierbühne, gelegen in einem Gewerbegebiet, wohin ich mich sonst eher nicht verirrt hätte, schon gar nicht nach Einbruch der Dämmerung. Gleichwohl: Es war ein netter Abend. Die Räumlichkeit ist klein, nicht viel mehr als zwanzig Plätze, L-förmig um die aus einem Teppich bestehenden Bühne angeordnet, darauf ein Stehtisch und ein Barhocker für die Vortragenden, außerdem eine Getränkeausgabe gegen Spende. Sehr freundlich und familiär. Vorgetragen wurden: ein lyrischer Rückblick auf einen längeren Aufenthalt in Japan und den Kulturschock bei Rückkehr ins unfreundliche Deutschland; Auszüge aus einem im Entstehen begriffenen Krimi, den ich nicht verstand, was an meiner grundsätzlichen Abneigung gegen dieses Genre liegen mag; mehrere Kapitel einer Erzählung über eine Wohngemeinschaft, die mithilfe eines zufällig erstandenen Massentoasters ein Toast-Restaurant zu eröffnen beabsichtigt und auf der Suche nach Geldgebern ist; und nochmal Krimis, die aufgrund ihrer kompakten Kürze auf Postkarten Platz finden und deshalb „Postkartenkrimis“ heißen. Zuvor, zur Einstimmung, las der Gastgeber daselbst Anmerkungen über Duftbäume und Tante Hedwig, was mir persönlich am besten gefallen hat.

Unterhaltsam war auch Rahmenprogramm: Im Publikum Vater und Sohn, ersterer im Renten-, der andere im Studentenalter. Schon vor der Eingangstür giftete der Junge den Alten aus nichtigem Grunde an, der Vater, derartiges womöglich gewohnt, blieb freundlich. Im Lesezimmer saßen sie getrennt, der Sohn direkt vor mir, der Vater mit mehreren Stühlen und einem Sofa Abstand weiter links. Er zeigte sich äußerst kommunikativ: Einer hustenden Dame bot er ein Bonbon an, was an die Konzertszene von Loriot erinnerte („oh mo ne la Sa mit los fett Brat …“ – Sie wissen schon), die Darbietungen kommentierte er jeweils nach dem Vortrag freundlich, was ausdrücklich erlaubt war. Derweil tat der Sohn unbeteiligt, las gar, statt den Lesenden zu lauschen, den ganzen Abend in einem Buch, vielleicht hatte er das Wort „Lesung“ falsch verstanden. Warum er seinen Vater dorthin begleitet hatte, war unklar.

Bis September machen die Poeten Pause, danach lesen sie wieder monatlich. Ich werde wohl wieder hingehen, und bin versucht, mich selbst mal mit einem Aufsätzchen auf den Teppich zu begeben. Vielleicht ist der Vater dann wieder da und preist meine Ausführungen, derweil der Sohn in seinem Buch liest.

Mittwoch: Vormittags, während ich im Werk den Geschäften nachging, debattierten auf dem Dach nebenan mehrere Wildgänse lautstark; mit hoch gereckten Hälsen und flatternden Flügeln standen sie sich Schnabel an Schnabel gegenüber und beschimpften sich über einen längeren Zeitraum. Vermutlich waren sie kinderlos und hatten Zeit.

Mittags in der Kantine gab es Himmel un Ääd, das rheinische Nationalgericht. Es war gut, wobei Blutwurst am besten schmeckt, wenn man nicht darüber nachdenkt, wie sie gemacht wird. Wie so vieles.

Nach mehr als acht Monaten Unterbrechung lief ich abends in einer Regenpause endlich mal wieder. Zunächst nur eine kurze Strecke am Rhein und wieder zurück, doch bin ich fest entschlossen, das ab sofort wieder regelmäßig zu tun und mich mit der Zeit zu steigern, bis ohne größere Mühen die Zweibrückenrunde ans andere Ufer gelingt. Das genügt dann auch.

Donnerstag: Durchaus nachvollziehbar beanstanden Leserbriefschreiber in der Tageszeitung den alljährlichen Betriebsausflug der Bonner Stadtbediensteten am Montag vergangener Woche, wodurch der städtische Betrieb stillstand und das für seine Bürgernähe nicht gerade gerühmte Bürgeramt geschlossen blieb. Mindestens so bemerkenswert wie die planmäßige Montagssause die Begründung des Stadtdirektors, warum sie nicht auf das Wochenende gelegt werden kann: Das sei ein Eingriff in die Freizeit der Beschäftigten.

Dieses Fahrzeug stand morgens am Mutterhaus. „Alles von Relevanz“, vielleicht auch eine passende Überschrift für dieses Blog.

Die Dienstfahrzeuge der Bundesnetzagentur tragen übrigens das Kennzeichen „BN-A …“. Oft sind es Kleinigkeiten, die sich sinnergebend zu einem großen Ganzen fügen.

Freitag: Morgens wurde der neue Backofen geliefert. Wie sich beim Ausbau des alten zeigte, war wohl nicht das Gerät defekt, vielmehr war der Stromanschluss dahinter beeindruckend verschmort. Das hätte anders ausgehen können – gegen eine abgebrannte Wohnung ist eine vorübergehend kalte Küche fraglos das kleinere Übel. Der Elektrolaie fragt sich, wie so etwas möglich ist, warum die Sicherung das nicht verhindert hat. Da die Entsorgung des Altgerätes nicht mitgebucht war, trugen meine Lieben es vor das Haus und brachten einen Zettel „Zu verschenken“ an. Zu meinem Erstaunen war es bereits am Abend verschwunden. Wer nimmt einen alten Backofen mit, und warum? Immerhin: Wenn er dadurch womöglich demnächst woanders backt, ist das die bessere Lösung gegenüber Elektroschrott.

Stark. Strom.

»Wahlkampf endet: In Bremen ging es um Bremen«, meldet die tagesschau auf Twitter. Also nicht um Lübeck, wer hätte das gedacht.

Kurt Kister über Robert Habeck: »… weil außer einem schuldbewussten Jungwaschbären niemand sonst so zerknirscht niedlich schauen kann, wenn er sich selbst bezichtigt.« Zu lesen hier.

In einer Fernsehwerbung für ein Arzneiprodukt hörte ich das Wort „entblähend“ und fand es notierenswert, auch wenn ich dafür in absehbarer Zeit keine Verwendung sehe.

Am frühen Abend lief ich erneut auf der Rheinpromenade Richtung Norden und wieder zurück. Da staunt der innere Schweinehund.

Samstag: Morgens am Frühstückstisch fiel als Produkt eines Verhörens das Wort „Durchfallerhitzer“, notierenswert zwar, indes voraussichtlich ohne praktischen Gebrauchswert.

»Make Love, not Treibhausgas«, ist derzeit an zahlreichen Bushaltestellen als klimaschonende Botschaft plakatiert, mit freundlichen Grüßen aus der Texterhölle. Prägnanter wären »Schmusen statt Cruisen« oder »Vögeln statt Fliegen«.

Sonntag: Der deutsche ESC-Beitrag hat gestern Abend mal wieder den letzten Platz erreicht, völlig zu recht. Warum Schweden gewonnen hat ist mir weniger klar, gefallen hat es mir auch nicht. So richtig begeistert hat mich gar kein Lied, doch wer bin ich schon, das zu beurteilen. Wie lange wird man noch Musiker finden, die freiwillig für Deutschland antreten?

Frühlingsgefühle: Endlich hat der Lieblingsbiergarten geöffnet, was beim Spaziergang mit einer Einkehr gewürdigt wurde, und die Singstarkrähe von gegenüber beschallt die Siedlung mit ihrem Geschrei, irgendwas mit „Caaan‘t you see“.

Gott erhalts

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 18/2023: Viertagewoche und eine Sprengung zwischen Rasur und Brausebad

Montag: Wie der Zeitung zu entnehmen ist, gibt es einen Interessenverband für Fußgänger, Fuss e. V. Als begeisterter Gernegeher begrüße ich das sehr, doch warum nennen die sich „Fuss“? Nach englischer Lesart bedeutet das Getue, Gedöns, Gewese, Buhei. Damit tun sie ihrem berechtigten Anliegen, Städte fußgängerfreundlicher zu machen, sicher keinen Gefallen.

Heute ist der Tag der Arbeit. Die IG Metall fordert eine Viertagewoche, was der Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände ablehnt, stattdessen fordert er ein weiteres Mal „mehr Bock auf Arbeit“, man mag es nicht mehr hören. Nach allem, was ich über die Viertagewoche bei vollem Lohn gelesen habe, bringt sie allen Beteiligten nur Vorteile: Die Mitarbeiter sind zufriedener, arbeiten produktiver, werden seltener krank, neue Leute sind einfacher zu bekommen und zu halten. Und die Arbeit wird erbracht. Also worauf noch warten? Aber ein freier Tag, einfach so, ist in unserer Fleißkultur, wo es immer was zu tun gibt, nicht denkbar. Noch nicht. Liebe Generation Z, bitte übernehmen! Als Boomer stimme ich nicht in allem mit euch überein, in diesem Punkt sind wir uns einig.

Anstatt zu arbeiten nutzte ich den Tag für einen langen Spaziergang ans andere Rheinufer und zurück.

Durch die Hüchten
Ölfeld
Streuobst
Siegauen
Einkehr

Dienstag: Nach zwei richtigen Frühlingstagen lag heute Morgen ein Grauschleier über Stadt, Land und Fluss, dazu ganz feiner Niesel, geradeso zu spüren, indes zu wenig, um dafür den Schirm aufzuspannen. Erfreulicherweise blieb meine persönliche Stimmung davon ungetrübt, daher kam ich einigermaßen wohlgelaunt durch diesen Quasimontag.

Die Linden am Rheinufer schlagen aus, wie man so sagt, was in etwa so unsinnig ist wie aus dem Boden schießende Pilze

Abends schien wieder die Sonne, daher hielt ich spontan Einkehr in der Außengastronomie einer innenstädtischen Gaststätte mit dem Namen Varie Tee. Aus Protest gegen dieses Wortspiel bestellte ich statt des ursprünglich beabsichtigten Pfefferminztees einen Rosé. (Ja ich weiß … Jeder hat halt seinen Dämonen.)

Ich bin kein Gendergegner, kann das darin enthaltene Anliegen nachvollziehen. Meines völlig unmaßgeblichen, in diesem Blog allerdings vorherrschenden Erachtens überwiegen die nachteiligen Auswirkungen auf das Sprach- und Schriftbild die erhofften Vorteile für die Mitgedachten (m/w/d), daher sehe ich auch weiterhin davon ab; bislang hat das keine Leserin beanstandet. Dessen ungeachtet staunte ich heute einmal mehr, wie andere Zeit und Geld für dieses Thema aufwenden:

Um den Reim zu wahren: „Geländer“ ist ein gängiges Synonym für Treppenhandlauf, aber das wissen Sie sicher.

Vielleicht noch das dazu: Gegendert wird gerne mit Sternchen, Doppelpunkt, Binnen-I, der etwas sperrigen Nennung beider Geschlechter („Hosenträgerinnen und Hosenträger“), Partizip („Gastgebende“), sich für besonders fortschrittlich haltende nutzen konsequent das generische Femininum. Kann man alles machen, habe ich nichts gegen. Was ich indes richtig schlimm finde, ist die irritierende Mischform, für die sich unter anderem manche Zeitschriften inzwischen entschieden haben: „Busfahrerinnen und Altenpfleger fordern mehr Lohn.“ Ob sich da alle mitgedacht fühlen?

Mittwoch: „Wenige Tage vor der Keulung von König Charles …“ hörte ich morgens den Nachrichtensprecher im Radio sagen. Vielleicht war das Gehör kurz nach dem Aufwachen noch nicht voll betriebsbereit.

Gehört und notiert in einer Besprechung: „Es müssen mal alle zusammenkommen, die da einen Löffel im Topf haben.“ Das klingt jedenfalls wesentlich netter als Stakeholder.

Als abends vier von fünf Leuten, die mir begegneten, mit ihrem Datengerät beschäftigt waren, entweder indem im Gehen ihr Blick darauf gerichtet war oder sie damit telefonierten, fiel mir wieder ein Artikel in der vorletzten Sonntagszeitung ein. Darin listete eine offenbar junge Redakteurin mit einem Augenzwinkern diverse Dinge auf, die sie an Boomern befremdlich findet, unter anderem (erwartungsgemäß) deren Genderverweigerung. Ein anderer Punkt lautete sinngemäß so: „Ihr habt es nicht gelernt, im Gehen das Smartphone zu benutzen, deshalb steht ihr uns oft im Wege herum.“ Dem ist zu entgegnen: Dafür können wir problemlos größere Strecken gehend oder radfahrend zurückzulegen ohne Kopfhörer und ohne überhaupt das Telefon zu benutzen. Und ohne Kaffeebecher.

Donnerstag: Heute feiert Deutschland den Erdüberlastungstag, an dem wir alle natürlich nachwachsenden Ressourcen für dieses Jahr verpulvert haben. – Der Verband der Automobilindustrie erwartet für dieses Jahr in Deutschland eine Verdopplung des Zuwachses an Neuzulassungen auf vier Prozent, demnach werden 2,8 Millionen neue Autos unsere Straßen bereichern. Hätte ich ein Schamgefühl, wäre es verletzt.

Mittags in der Kantine in der Rubrik „Tradition“: Gyros von der Bio-Landpute mit Bratkartoffeln und Gurkensalat mit Dill. Es gibt schon seltsame Traditionen.

Spontane Frage: Wurde bereits die Halbwertszeit von Vollwertkost erforscht?

Was nervt: das Gechatte auf Teams. Ständig geht unten rechts auf dem Bildschirm das Fensterchen auf, weil einer mal eben was will. Wie auf dem Marktplatz, wo mich Leute ungefragt anquatschen, um mich für Kinder- oder Tierschutz zu begeistern. Der Vorzug von Gruppenchats: Man kann sie stummschalten, was ich konsequent mache.

Aufkleber an einem Lampenpfahl: »Therapie für alle«. Sehr guter Vorschlag, wo kann ich mich anmelden?

Freitag: „Ich habe nächste Woche Urlaub, bin aber erreichbar“, sagt ein Kollege in der Besprechung. Auch hier scheint eine Therapie dringend angebracht.

Nachmittags gab es Gebäck und Sekt anlässlich der Verabschiedung des großen Vorsitzenden, der nun den Stab übergeben hat an den jüngeren Nachfolger. Nach launigen Ansprachen begab er sich in die Menge, die sich sogleich um ihn scharrte für ein Selfie mit dem Scheidenden. Das ganze fotografiert von einem Fotografen der Kommunikationsabteilung, auf dass demnächst zahlreiche Bilder von Leuten, die zusammen mit dem Ex-Chef gequält in ihr eigenes Datengerät grinsen, im Intranet zu sehen sind. Als Selfiesdämlichfinder hielt ich Abstand und griff lieber ein weiteres Gläschen vom gereichten Tablett ab. Prioritäten setzen, so wichtig.

Samstag: Mit einem halben Auge schaute ich die Krönung in London an. Nicht weil es mich sonderlich interessierte oder ich eine Monarchie im Jahre 2023 noch für zeitgemäß und erforderlich hielte, doch wenn der Fernseher läuft, weil andere Haushaltsmitglieder die Zeremonie verfolgen, dann komme ich nicht umhin, ab und zu hinzuschauen. Warum auch nicht, das war schon sehens- und hörenswert. Ich möchte nicht mit denjenigen tauschen, die Verantwortung tragen für die Vorbereitung und Durchführung einer solchen Veranstaltung, die man ja nicht im vollen Umfang vorher proben kann, dennoch müssen alle Beteiligten, egal ob Chorsängerin, Soldat oder König, genau wissen, wann sie wo zu sein, was sie dort zu tun und gegebenenfalls sagen haben. Dafür meine volle Hochachtung. Der Stein, der ihnen danach vom Herzen fällt, wenn alles gut gelaufen ist, dürfte ähnliche Erschütterungen auslösen wie die Rahmedetalbrücke an der Autobahn 45, wenn sie morgen gesprengt wird.

Nach drei Jahren Zwangspause gab es in Bonn wieder Rhein in Flammen, dessen Höhepunkt am späten Abend stets ein grandioses Feuerwerk im Rheinauenpark ist. Zu diesem Anlass hatte der Liebste einen Tisch reserviert im Restaurant im Obergeschoss eines nahe dem Veranstaltungsort gelegenen Hotels, oder Rooftop Restaurant, wie das wohl jetzt heißt. Die Hoffnung war, nach dem Mahl mit einem Getränk in der Hand von dort aus das Feuerwerk zu betrachten. Daraus wurde nicht viel, denn das Spektakel wurde fast komplett durch das frühere Abgeordnetenhochhaus, auch als „Langer Eugen“ bekannt, verdeckt, nur ein paar wenige Male überragten die Lichter das Gebäude. Das einzige, was wir neben Lichtblitzen und Knallen mitbekamen, war die beeindruckende Rauchwolke, die über den Rhein nach Beuel zog. Rhein im Feinstaub statt in Flammen.

Nach Hause gingen wir zu Fuß, weil die Bahnen in Richtung Innenstadt überfüllt waren von Veranstaltungsbesuchern, ein Taxi war nicht zu bekommen. Das war überhaupt nicht schlimm, zum einen gehe ich diese Strecke ohnehin zweimal wöchentlich freiwillig, zudem kam nach der umfassenden Weinbegleitung zum Abendessen etwas Bewegung an der frischen Luft sehr gelegen. (Der Feinstaub war ja rüber nach Beuel gezogen.)

Sonntag: Durch das Programm am Vorabend kamen wir heute Morgen erst etwas später aus dem Tuch. Immerhin schaffte ich es, zwischen Rasur und Brausebad im Fernsehen die Sprengung der Rahmedetalbrücke mitzuerleben, die um zwölf planmäßig zusammenbrach und die Umgebung in eine Staubwolke hüllte. Der Sprengmeister zeigte sich mit seinem Werk sehr zufrieden.

Nach spätem Frühstück ging ich raus, es war warm, man trug T-Shirt und kurze Hose. Und die Kastanien stehen endlich in voller Blüte, nicht nur an der Poppelsdorfer Allee.

Hier ein besonders hypsches Exemplar in der Inneren Nordstadt

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 17/2023: Von höheren Mächten veräppelt

Montag: Ein recht angenehmer, ereignisarmer Wochenbeginn ohne berichtenswerte Bermerknisse. Morgens während der Radfahrt in die Werktätigkeit blies der Wind von vorne, abends auf dem Rückweg ebenfalls, solche Tage gibt es, da muss man im wahrsten Sinne durch.

In einer Besprechung fiel das Wort „Blaupause“ und es erinnerte mich daran, nachdem es vergangene Woche nicht so richtig gelungen war, diese Woche auf Alkohol zu verzichten, also jedenfalls bis zum Freitagabend. Da muss ich auch durch.

Dienstag: Ich zweifle nicht im Geringsten an der Erderwärmung. Umso befremdlicher erscheint es mir, kurz vor Mai morgens noch immer mit Daunenjacke, Schal und Handschuhen aus dem Haus zu gehen.

„EAT PUSSYS NOT ANIMALS“, hat jemand in roten, krakeligen Lettern an die Rückseite eines Rhein-Kilometerschildes geschrieben. Vielleicht ist die Legalisierung von Cannabis doch keine gute Idee? Wenige Meter weiter hat jemand mit Sorgfalt in silbernen Buchstaben „LIEBE IM HERZEN WEGEN DIR!“ an einen Lampenpfahl geschrieben, man kann die Liebe geradezu spüren. Wer da nicht wenigstens kurz lächelt, hat kein Herz.

In der Kantine erlebte ich mittags eine Szene. Ein Kollege trat unmittelbar vor mir mit dem Tablett, darauf ein gefüllter Teller, an die Kasse und sprach zum Kassierer, dem auch die Suppenausgabe obliegt: „Eine Suppe bitte.“ – „Eine Suppe …“ sagte der Kassierer und machte sich daran, einen Teller zu füllen. Nachdem er einige Zeit gefüllt hatte, der Kollege: „Ich wollte nur eine kleine, keine große.“ – „Das haben Sie nicht gesagt.“ – „Sie haben auch nicht gefragt.“ Der Kassierer entleerte den Teller wieder in den Topf, füllte eine Suppentasse und gab sie dem Kollegen. „Nächstes Mal sagen Sie das gleich.“ – „Sie haben doch gesehen, dass ich schon was habe und nur eine Beilage brauche.“ – „Manche essen viel.“ – „Sehe ich so aus? Schönen Tag noch.“ – „Ihnen nicht.“

Ein sich neben „tatsächlich“ und „genau“ zunehmender Beliebtheit erfreuendes Füllwort ist „natürlich“. Ich benutze es selbst regelmäßig, wie ich heute während eines kurzen Vortrages bemerkte; man selbst merkt sowas ja normalerweise nicht. Da muss ich an mir arbeiten.

Ernst Huberty und Harry Belafonte sind gestorben. Wieder zwei, bei denen ich dachte: Ach, der lebte noch? Unterdessen hat der achtzigjährige Joe Biden angekündigt, im nächsten Jahr nochmal als Präsident zu kandidieren. Wenn er dann noch lebt.

Übrigens heißt es nicht mehr „behindert“, sondern „leistungsgewandelt.“ Natürlich.

Mittwoch: Da sich meine Brille wegen einer lockeren Schraube in ihre Bestandteile zu zerlegen begann, hatte ich abends einen Servicetermin beim großen Brillendiscounter, wo ich sie erstanden habe. Da ich zehn Minuten zu früh dort war, wurde mir vom freundlichen jungen Mann am Empfang bedeutet, im ersten Stock Platz zu nehmen, man werde sich zu gegebener Zeit meines Anliegens annehmen. Um noch ein paar Blogs zu lesen, holte ich das Datengerät hervor und stellte fest, dass der Wartebereich, obwohl mitten in der Innenstadt, keine Mobilfunkverbindung aufweist. Daher suchte ich nach WLAN und wurde fündig. Aber ach, nach einem Passwort wurde verlangt, daher steckte ich das Gerät wieder weg, nahm eine bequeme Sitzposition ein und schaute untätig herum, wozu ich durchaus in der Lage bin; dieses Gefühl, unbedingt etwas tun zu müssen, ist mir fremd. In Sicht- und Hörweite zwei Optiker im Sehhilfengespräch jeweils mit ihren Kunden gegenüber am Tisch. Dann sah ich, direkt mir gegenüber, das Schild mit dem Namen des WLAN-Netzes, das ich bereits selbst gefunden hatte, und dem Passwort. Es hieß „Nulltarif“. Darauf hätte ich selbst kommen können. Zum Nulltarif wurde schließlich auch die Brille repariert. Ich bin sehr zufrieden.

Donnerstag: Morgens in den Radionachrichten die Meldung, dass der Sieger der Schneepflugmeisterschaft feststeht. Demnach kommt der beste Schneepflüger aus dem Münsterland. Abgesehen von der Frage, wie genau ein solcher Wettbewerb ausgerichtet wird und warum: Wie schafft es eine solche Meldung in die Nachrichten?

Auf dem Weg ins Werk, der am Rheinufer entlangführt, sah ich etwa hundert Meter vor mir das Rheinschiff „Goethe“ rheinaufwärts fahren. Die* Goethe ist ein besonderes Schiff, weshalb ihr ein paar Zeilen gegönnt seien. Sie war das letzte Dampfschiff auf dem Rhein, bis sie vor einigen Jahren wegen eines Schadens an der Dampfmaschine aus wirtschaftlichen Gründen auf Dieselmotorantrieb umgebaut wurde. Nach Bonn kommt sie nur selten, meistens ist sie südlicher im Raum Koblenz im Einsatz. Offenbar nach wie vor dampfbetrieben ist die Schiffssirene: Als der Ex-Dampfer etwa einen Kilometer entfernt war, stieß er eine weiße Dampfwolke aus, Sekundenbruchteile später erfüllte ein lautes, mehrtöniges Heulen das Rheintal, als riefe er: Warum habt ihr mir das angetan?

Die Goethe

Klanglos dagegen starb gegen elf Uhr vormittags mein Festnetztelefon im Büro, weder plötzlich noch unerwartet. Die Stilllegung der Telefone war bereits vor Wochen angekündigt worden, heute erlosch das Display, verstummte der Hörer für immer. Ab sofort Ferngespräche nur noch über Teams oder Mobil. Der Dampfer der Telekommunikation hat ausgedient. Ich beklage das nicht, trauere dem Telefon nicht nach; ohnehin rief nur noch selten jemand darauf an. Ich stöpselte es aus, wickelte die Schnur um den Apparat und stellte ihn weg, auf dass er bald abgeholt und dem Elektroschrott zugeführt werde. Etwas mehr Platz auf dem Schreibtisch. Das einzige, woran ich mich gewöhnen muss, ist, nicht mehr auf das Display zu schauen, um die Uhrzeit oder das aktuelle Datum zu erfahren.

*Eine sprachliche Eigenart: Schiffe sind immer weiblich, auch wenn sie Ludwig, Herbert, Kevin oder eben Goethe heißen. Warum auch immer.

Freitag: Als ich mittags nach vollzogenem Mahl die Kantine verließ, setzte Regen ein, zunächst sanftes Nieseln, daher sah ich keinen Grund, zu warten. Doch mit jedem Meter wurde es stärker, aus Niesel wurden fiese Tropfen, die auch durch Bäume, die einzige Unterstellmöglichkeit auf dem Rückweg, kaum aufgehalten wurden. Aus optimistischen Gründen hatte ich keinen Schirm dabei. Bei Rückkehr im Büro war ich nass, die Haare tropften. Kaum saß ich mit klebenden Hosenbeinen wieder am Schreibtisch, schien die Sonne ins Fenster, als wäre nichts gewesen. Da fühlte ich mich von höheren Mächten ein wenig veräppelt.

Merke: Wenn interne Mitteilungen mit vermeintlich wörtlichen Manager-Zitaten garniert werden, wirkt es zumeist lächerlich. „Die Kommunikationsabteilungen sollten das unterlassen, die Leser merken das“, so der erfolglose Kleinblogger Carsten K.

Samstag: Bereits zum zweiten Mal schreibt mir Maria Elisabeth Schaeffler eine Mail, Milliardärin und Gesellschafterin der gleichnamigen Unternehmensgruppe, mir bislang nicht durch übermäßige Sympathie in Erscheinung getreten. Nun will sie mir eine Million Euro zukommen lassen, das ist wirklich sehr großzügig: »Ich habe 25 Prozent meines persönlichen Vermögens für wohltätige Zwecke verschenkt. Und ich auch zugesagt, die restlichen 25 % in diesem Jahr 2021 zu verschenken Einzelpersonen.« Offenbar muss man Sprache und Prozentrechnung nicht bis in alle Einzelheiten beherrschen, um reich zu werden.

Übermäßige Sympathie empfinde ich bislang auch nicht für die Idee, Kerbtiere zu verspeisen; vielleicht kommt das noch, wenn die Million von Frau Schaeffler eingetroffen ist. Laut SPIEGEL wurden im vergangenen Jahr fast einundzwanzig Tonnen Speiseinsekten importiert. »Das entspricht etwa einem halben Mehlwurm pro Einwohner«, so das Magazin. Mahlzeit.

Manchmal fragt man sich, warum Dinge sind, wo sie sind.

Habe ich Ihnen eigentlich schon die zweiwöchig erscheinende Wittkamps Woche empfohlen? Lesen Sie mal:

»Die Evolution stand vor einem Problemfall. Entweder Menschen entwickeln, die immer größere Gehirne und Becken besitzen. Die wären dann recht klug, könnten aber damit nicht so viel anfangen, weil sie nicht gut laufen können. Oder Menschen entwickeln, die schmale Becken und eher kleinere Gehirne besitzen. Die wären dann sehr sportlich, wüssten aber oft gar nicht so genau, wie sie daraus Kapital schlagen können. Ein bisschen wie Boris Becker.«

Bei Gefallen hier entlang.

Sonntag: Der Frühling ist da mit Sonne und Wärme, ob er bleibt, wird man sehen. In der Stadt noch immer Lenzskeptiker in Daunenjacke (wie mich), andere bereits in kurzen Hosen. An der Poppelsdorfer Allee ist ein Pop-up-Verkauf für Maibäume eingerichtet, wo stapelweise erlegte Birken darauf warten, von jungen Männern gekauft, mit bunten Kreppschleifen und mit dem Namen der/des Liebsten beschrifteten roten Herzen behängt vor dere:ssen Fenstern aufgestellt zu werden, auf dass wir ihnen in den nächsten Monaten beim Verdorren und Verbleichen zusehen können, was für das derart bekundete Liebesglück hoffentlich nicht zutrifft.

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Ich wünsche Ihnen einen erfreulichen ersten Mai und eine angenehme Woche.

Woche 16/2023: Dicht an der Kante

Montag: Wie morgens im Radio gemeldet wurde, wird es in dieser Woche besonders viele Geschwindigkeitskontrollen auf den Straßen geben. Schon höre ich die Empörten wieder schreien, während sie die Melkkuh der Nation aus dem Stall zerren, um sie durchs Dorf zu treiben.

Der erste Arbeitstag nach dem Urlaub zeigte sich angenehm bei guter Stimmung, obwohl ich vergangene Nacht nicht sehr gut schlief, weniger wegen Vorfreude aufs Werk, vielmehr wegen urlaublicher Schlafsättigung des Körpers. Selbst das an Montagen besonders dunkle 14-Uhr-Lustloch tat sich nicht auf. Bis zu dem Zeitpunkt, da ich in einer Präsentation nämliches las: »Fokus: Basierend auf der Klassifikation der Epics nach den Dimensionen Impact und Aufwand konzentriert sich die Task Force auf „Low Hanging Fruits“ & „Quick Wins“.​« Danach fühlte ich mich wieder urlaubsreif.

Um halb zehn das erste Jour Fixe der Woche. Das bedeutet: Jeder erzählt, an welchen Themen er gerade arbeitet. Die, die es interessiert, wissen es bereits. Alle anderen bearbeiten Mails, schauen aus dem Fenster oder womöglich gar sittenlose Filmchen. Vorteil der bei uns nach wie vor überwiegend videofreien Fernkommunikation.

Kirschblüte auch hinter dem Werk
Mein Humor

Dienstag: Am frühen Morgen wurde ich Zeuge eines Flugzeugabsturzes. Nach dem Start zog die Maschine in etwa tausend Metern Höhe einen beeindruckenden Feuerschweif hinter sich her, vollzog damit einen engen Looping und stürzte dann senkrecht, die Nase voraus, in den Rhein. Bei Berührung der Wasseroberfläche bremste sie ab und versank dann ganz langsam, wie einst die Titanic, bis sie vollständig untergegangen war. Danach wachte ich auf. Menschen kamen zunächst nicht zu Schaden.

Auf dem Rückweg von der Kantine begegnete mir eine Kindergartengruppe, jeweils in Zweierreihe Hand in Hand, dazu zwei Betreuerinnen und ganz hinten ein Großraumkinderwagen für die ganz Kleinen, die noch nicht laufen konnten oder wollten. Plötzlich schrie die vordere der Betreuerinnen: „Jeremy! Wo gehen wir? Ist das die sichere Seite? Hab ich dir nicht gesagt, du sollst …“ – und so weiter, sie war kaum zu bremsen, auf das Kind einzuschelten. Anscheinend waren Jeremy und sein Reihenpartner nach links in Richtung Bordstein beziehungsweise Straße abgedriftet, was der Hüterin Zorn erregte. So lernt das Kind frühzeitig: Nicht aus der Reihe tanzen, immer schön auf der sicheren Seite bleiben.

Der Arbeitstag endete mit Häppchen und Kaltgetränken anlässlich eines erfolgreichen Projektabschlusses, an dessen Gelingen ich einen minimalen bis keinen Anteil hatte, gleichwohl freute ich mich über die Einladung. Soviel zum Vorsatz einer alkoholfreien Woche; was soll man machen.

Die Zeitung berichtet über eine Seniorinnen-Tanzgruppe, die regelmäßig mit selbstgestalteten Kostümen bei Festen und Veranstaltungen auftritt. Nun wollten die Damen mit ihrem Programm „Weltreise in einem Traumschiff“ bei der Mannheimer Bundesgartenschau auftreten, doch konnten sie beinahe die Reise nicht antreten, da ihnen aufgrund der Kostüme, unter anderem japanische Kimonos und mexikanische Sombreros, ein Mangel an „interkultureller Sensibilität“ unterstellt wurde. Erst nach Änderung einiger der anstößigen Verkleidungen dürfen sie nun doch, mit anschließenden Diskussionsveranstaltungen. An einer solchen würde ich wirklich gerne teilnehmen. („Frau Schröder, was haben Sie sich dabei gedacht, in einem Dirndl aufzutreten?“ – „Eigentlich nichts, wir wollten den Leuten nur eine Freude machen.“ – „Aber Sie sehen doch ein, dass das Dindl ein Symbol ist für die jahrhundertelange Unterdrückung der Alpenländerin durch schuhplattelnde Seppen in albernen Lederhosen?“ – „Nein, so habe ich das noch nicht gesehen, aber jetzt, wo Sie es sagen …“)

Wirklich anstrengend finde ich übrigens das Rumgeeiere über das „N-Wort“, wie etwa in einem Artikel über die derzeitige Bereinigung zahlreicher literarischer Werke um abwertende Begriffe und Passagen: »Das heute völlig indiskutable „N-Wort“ war in Deutschland bis weit in die 70er Jahre die gängige Bezeichnung für Schwarze.« Meine Güte, ja, es ist zweifellos falsch und verletzend, jemanden als Neger zu bezeichnen, und ja, als Kinder haben wir das getan und uns nichts Böses dabei gedacht, zumal uns niemand ermahnte. Ich will das nicht beschönigen und verharmlosen, es war eben so. Heute sagt das keiner mehr, der klar bei Verstand ist, und das ist gut so. Aber ist es richtig, das Wort gänzlich aus der Literatur zu tilgen? Aus Kinderbüchern wie Pippi Langstrumpf vielleicht ja. Aber aus alten Romanen, wie von Thomas Mann? Ich weiß nicht, ob in den Werken von Thomas Mann „Neger“ vorkommt, vorstellbar ist es. Wenn ja, sollte es meiner unmaßgeblichen Meinung nach dort stehen bleiben. (Dass der oben erwähnte Jeremy dunkelhäutig war, war sicher Zufall, ich will der Frau da nichts unterstellen.)

Aus einem Zeitungsartikel über Wärmepumpen: »Zudem sollte die Wärmepumpe so aufgestellt werden, dass diese nicht direkt in den Blick fällt, weil man sie dann nicht sofort als eine geräuschintensive Maschine wahrnimmt.« Logisch, was man nicht sieht, hört man auch nicht.

Mittwoch: Morgens wurde ich auf dem Fahrrad von einer Autofahrerin zum Anhalten genötigt, die vor mir auf dem Radstreifen anhielt, um ihr Blag vor der Schule auszusetzen. Anstatt mich lautstark zu erregen, machte ich ein Foto und überlegte, was zu tun sei.

Wenn man die Leute beschimpft, nützt es nichts, gesund ist es auch nicht. Tut man nichts, werden sie ihr Verhalten erst recht nicht ändern. Daher entschloss ich mich abends, ein Meldeformular der Stadt Bonn über Parkverstöße auszufüllen und abzusenden. Nicht aus Rachegelüsten, jedenfalls nicht vorwiegend; vor allem aus Interesse, was jetzt passiert.

Wie bei Ankunft am Werk einmal mehr ersichtlich wurde, können nicht nur Autofahrer ziemlich dämlich parken.

Drei blockierte Stellplätze für ein Leihrad, das genauso gut abseits des Fahrradständers abgestellt werden könnte, sind eine beachtliche Leistung

In Kärnten wurde gewählt. Als Landeshauptmann wurde laut Meldung der bisherige Kaiser (er heißt nur so) angelobt. Das ist ein wundervolles Wort, nicht wahr?

Donnerstag: Ein ebenfalls schönes und mir bislang unbekanntes Wort ist „Kaltlufttropfen“. Ein solcher blies heute den soeben erst angebrochenen Frühling wieder aus dem Land, hoffentlich nur vorübergehend.

Aus terminlichen Gründen fuhr ich nachmittags mit der Straßenbahn nach Hause. In der Südstadt stieg ein Vater mit seinem vielleicht sechsjährigen Sohn zu (oder Onkel mit Neffe oder was auch immer). Beide trugen Maske und mussten mangels freier Sitzplätze stehen. Dabei mieden sie es konsequent, die Haltestangen mit bloßen Händen zu berühren, allenfalls, wenn es gar nicht anders ging, mit über die Hände gezogenem Jackenärmel. In einer engen und ruckeligen S-Kurve, wo die Straßenbahn die Eisenbahn unterquert, stand der Vater breitbeinig und leicht gebeugt, mit vorgestreckten Armen die Balance haltend, auf dem runden Drehteller am Boden, der zwei Wagenglieder verbindet, wie ein kalifornischer Wellenreiter. Das sah ziemlich komisch aus.

Bei der französischen Bahn SNCF feiern die Beschäftigten heute den „Tag des Ausdrucks des Eisenbahnerzorns“, stand in der Zeitung.

Freitag: Demnächst gibt es ein Gesetz gegen Belästigungen am Arbeitsplatz, wenn ich das richtig verstanden habe. Meine Hoffnung, dass dadurch unsinnige Powerpoint-Präsentationen, spontane Einladungen in laufende Teams-Besprechungen und Anrufe vor neun Uhr unter Strafe gestellt werden, ist allerdings gering.

Gelernt: Statt „Die macht nicht mehr lange“ kann man auch sagen: „Die ist dicht an der Kante“.

Samstag: Mit Leuten eines Kölner Eisenbahnfreundevereins, dessen Mitglied ich seit vielen Jahren bin, begab ich mich heute auf eine Bahntour nach Heimbach in der Eifel. In den letzten Jahren ließ meine Teilnahme an den Vereinsaktivitäten stark nach, aus terminlichen, bequemlichen und schließlich pandemischen Gründen. Umso mehr hat es mich gefreut, heute dabei zu sein und die Leute wiederzusehen, auch wenn ich dazu samstagsunüblich früh aufstehen musste. Mit Details zum Reiseverlauf will ich Sie nicht langweilen, möchte indes nicht versäumen, DB Regio und die Rurtalbahn GmbH für die Pünktlichkeit der Züge nicht nur anzuloben.

Heimbach. Man beachte das „by“.
Hey Yo: Gangsta-Szene in Obermaubach.
Die unbedingt bereisenswerte Rurtalbahn am Stausee von Obermaubach

Das Motto der FDP-Parteitages lautet „Machen, was wichtig wird.“ Was auch immer es bedeutet.

Sonntag: Nach mehrjähriger Zwangspause fand heute wieder der Bonner Marathon statt. Warum auch nicht: Die einen unternehmen Lustfahrten mit der Bahn, die anderen laufen über vierzig Kilometer und lassen sich dabei von anderen lautstark antreiben. Ich zog es beim Spaziergang vor, die Laufstrecke zu meiden, allein schon aus akustischen Gründen, und den Frühlingsfortschritt an der Poppelsdorfer Allee zu inspizieren, die bereits unter einem grünen Blätterdach der Kastanien liegt, deren Blüte jedoch noch etwas auf sich warten lässt.

Immerhin: es grünt

Was auch noch auf sich warten lässt ist die Maibocklieferung an eine Gaststätte mit Außengastronomie in der Innenstadt. Deshalb nahm ich mit einem normalen Hellen vorlieb, was das Vergnügen des ersten Freiluftbieres des Jahres nur unwesentlich trübte.

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Kommen Sie gut durch die Woche und machen Sie, was wichtig wird. Oder so.

Woche 15/2023: Fontaine ohne Wasser und Menschen mit Kirschblütenhintergrund

Montag: Gestern Abend nach Redaktionsschluss besuchten wir ein Restaurant, das bis vor geraumer Zeit ein Michelin-Stern zierte. Für nicht regelmäßige Sternrestaurantesser wie mich immer wieder erstaunlich, dass nur übersichtlich gefüllte Teller eine derart sättigende Wirkung entfalten.

Den heutigen Tag verbrachten wir mit einem Ausflug in die Camargue, erst nach Aigues-Mortes, dann weiter nach Saintes Maries de la Mer, wo ich nach langer Zeit mal wieder Gelegenheit hatte, den Blick über das Mittelmeer, überhaupt irgendein Meer schweifen zu lassen. Dazu kommt man viel zu selten.

Aigues-Mortes mit Meersalzproduktion im Hintergrund rechts
Camargue-Bewohner
Gegend mit Pinien und Wolken. Der Filter wurde nicht künstlich gesetzt, sondern entstand durch die Tönung der hinteren Autoscheibe, da ich hinten sitzen darf und den Beifahrersitz gerne dem Geliebten überlasse.
La Mer
Einkehr nach Rückkehr

Recht abenteuerlich gestaltete sich die Rückkehr nach Avignon, wo es auch nach mehreren Versuchen nicht gelang, das angestrebte Parkhaus über der Markthalle zu erreichen, von dem wir morgens losgefahren waren. Immer wieder endete die Weiterfahrt vor einer Einbahnstraße oder hochgefahrenen Absperrpollern, bis wir endlich eine andere Parkmöglichkeit in einer etwas weiter entfernten Tiefgarage fanden. Avignon hat bereits umgesetzt, was sich die Bonner Oberbürgermeisterin noch vorgenommen hat, nämlich das Autofahren in der Innenstadt grün(d)lich zu vermiesen. Ich finde das grundsätzlich richtig und sympathisch. Für den Ortsunkundigen ist es nur unschön, wenn Beschilderung und Navigationssysteme nicht mehr den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen. Aber vielleicht ist das Teil der Pointe.

Etwas Sprachkunde anhand eines zufällig mitgehörten Dialogs: „Les Halles, wie spricht man das aus?“ – „Lesall, die Franzosen sprechen das H nicht mit.“ – „Und wie sagen die Herbert?“ – „Erbér.“ – „Ach …“ – „Sie sagen auch nicht ach, sondern ac.“ – „Arscloc.“

Dienstag: Heute machten wir einen Ausflug in vertraute Gefilde: Vinsobres, Baumes-de-Venise und Vacqueyras, jeweils mit Besuch der bekannten Weingüter, Verkostung der neuen Jahrgänge und Erwerb einiger Kartons, auf dass die heimischen Vorräte nicht zur Neige gehen. Dabei kamen wir auch durch Malaucène, jenen Ort, in dem wir sonst weilen, wenn wir hier in Südfrankreich sind. Es war ungewohnt, ohne Halt einfach hindurch zu fahren. Im Juni werden wir wieder dort sein; es ist immer gut, wenn man sich auf etwas freuen kann.

Mittwoch: In den frühen Morgenstunden geriet ich wieder in eine der seltenen Phasen, die ich als „Episodenschlaf“ bezeichne, vielleicht gibt es ein besseres Wort dafür, mir fällt gerade keins ein. Gemeint sind kurze Schlafphasen, jeweils unterbrochen durch Aufwachen und sogleich wieder Einschlafen, mit separaten Träumen. Manchmal schließt das Traumthema an das der vorherigen Sequenz an, meistens entsteht ein neues. Wie ein Kurzfilmabend im Kino, ohne das Programm zu kennen. Ein interessanter, angenehmer Zustand.

Nach sonnigen Vortagen lag Avignon heute unter Wolken, das war nicht schlimm. Mittags brachen die Lieben auf, einen örtlichen Supermarkt leer zu kaufen. Da ich längere Supermarktaufenthalte in etwa so interessant finde wie Fußballkucken und ein paar Stunden Alleinzeit sehr schätze, blieb ich in der Wohnung und holte einige Leserückstände auf, unter anderem Blogs. Trotz Urlaub finde ich hier zwischen gemeinsamen Tagesaktivitäten und Abendprogramm weniger Lesezeiten als an normalen Werktagen.

Artikelüberschrift in der Bonner Tageszeitung: »Kaspertheater im Pfarrheim«. Nicht nur dort, füge ich gedanklich hinzu.

Donnerstag: Heute schien wieder die Sonne, wir unternahmen einen Ausflug in die nähere Umgebung. Zunächst nach Fontaine-de-Vaucluse, wo der berühmte Quelltopf unterhalb der Felswand trocken lag, soweit man das aus der zulässigen Entfernung erkennen konnte.

Fontaine ohne Wasser und Touristen

Vergleichsbilder von 2014 und 2015:

Nach dessen Sichtung kehrten wir in das nahe, direkt an der soeben entsprungenen Sorgue gelegene Café Philip ein, für mich immer wieder ein magischer Ort, wo wir lebenserhaltende Maßnahmen ergriffen …

Blick von der Terrasse des Lokals in Richtung Ort
Farbenspiel

…und das über die Toilette mit der wohl schönsten Aussicht Frankreichs verfügt.

Das Auge pisst mit. (Verzeihung.)
Idyll am Ortsrand

Danach fuhren wir weiter nach L‘Isle sur la Sorgue, wo wir ohne Einkehr eine Runde durch den Ort gingen.

Oft haben gerade die Motive, es nicht auf Postkarten schaffen, einen besonderen Reiz

Bei Rückkehr in Avignon das übliche Verkehrsrätsel „Finde das Parkhaus“, das der Liebste in bewundernswerter Weise unter großzügiger Auslegung einer Einbahnstraßenregelung souverän löste. Ich selbst gerate in fremden Städten schon als Beifahrer regelmäßig in Panik.

Freitag: Im Erdgeschoss des Hauses unserer Ferienwohnung liegt ein Supermarkt, der in den frühen Morgenstunden beliefert wurde, was mich nach bizarren Träumen erwachen ließ. Hinzu kam das Lied der Kehrmaschine, die ihre Runden über den Platz drehte. Dies sei nicht als Klage verstanden; Supermärkte müssen beliefert und öffentliche Flächen gereinigt werden, wann, wenn nicht zu Zeiten, da der Urlauber noch zu liegen geruht. Auch dass während der Belieferung die ganze Zeit der Motor des zu entladenen LKW lief, hatte bestimmt seine Notwendigkeit.

Was das Wiedereinschlafen ebenfalls erschwerte, war ein Zank am Vorabend, an dem ich nicht unmittelbar beteiligt war, dessen Reste indes noch die Atmosphäre trübten, sich jedoch bis zum Frühstück auflösten. Spätestens nach dem zweiten Rosé in der Markthalle war der Frieden wieder hergestellt. (Ich muss dringend über meinen Weinverbrauch nachdenken und nehme mir für die kommende Woche zwischen Sonntagabend und Freitagnachmittag schon mal eine Abstinenz vor.)

Samstag: Am Abreisetag möchte ich vor allem eines: abreisen. Deshalb erfüllte es mich mit einer gewissen Ungeduld, als die Lieben vorher nochmal durch die Markthalle mussten, um weitere Lebensmittel zu kaufen. (Die voraussichtlich teilweise ungegesssen im Müll landen werden. Ein weiterer Punkt der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, über die ich mich wegen Unabänderlichbarkeit nicht mehr ärgern möchte.)

Die Rückfahrt verlief entspannt und ohne nennenswerte Ereignisse; nach zehn Stunden kamen wir bei Regen und etwa zehn Grad niedriger Temperatur in Bonn an, wo an diesem Wochenende zwei Straßen in Wohnungsnähe gesperrt sind wegen des Andrangs zur Zierkirschblüte. Somit kamen wir gerade rechtzeitig zurück, um sie im Rahmen der Möglichkeiten zu ignorieren.

Rapsfeld im südlichen Burgund, mit Dorf und Fensterfilter

»Für die Anwohner bestand laut den Einsatzkräften zunächst keine Gefahr« steht in der Zeitung, wobei es nicht um Kirschblüten geht, sondern einen Kampfmittelfund. Warum „zunächst“ bleibt offen, jedenfalls enthält der Artikel keine Hinweise auf eine später sich verschärfende Gefährdungslage. Dieses „zunächst“ scheint beliebt bei Zeitungsschreibern: »X war für eine Stellungnahme zunächst nicht zu erreichen« ist regelmäßig zu lesen; auch hier bleibt stets offen, ob X später noch zurückgerufen hat. Was bin ich wieder pingelig.

Sonntag: Wie die Waage morgens anzeigte, ist eine Woche mit wenig Bewegung, gutem Essen und viel Wein nicht spurlos am Körper vorbeigegangen. Egal – den Glücklichen lastet kein Kilo.

Nachmittags machte ich bei immer noch Daunenjackenwetter einen Spaziergang, unter anderem durch die Innere Nordstadt, wo sich Menschen mit Kirschblütenhintergrund instagramgerecht in Szene setzten.

Auf dem weiteren Weg sah ich außerhalb der beliebten Instagramzonen weitere Kirschblüten ohne Touristen:

Der »Club der Väter« wirbt per Aufkleber an einem Lampenpfahl. Früher nannte man das Frühschoppen, wenn unsere Väter am Sonntagmorgen ins Wirtshaus gingen, um ein paar Stunden Ruhe vor den Blagen zu haben.

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Ich wünsche Ihnen (und mir) einen guten Start die Woche, kommen Sie gut durch.