Woche 31/2021: Wenn ein Sachse „Workflow“ sagt

Montag: Ich möchte Sie nicht mit Details aus dem Werksalltag langweilen. Vielleicht kennen Sie auch das beglückende Gefühl, wenn der Schmerz nachlässt, etwa nachdem man mit dem Schienbein vor den Couchtisch geknallt ist oder sich – vornehmlich als Mann – die äußeren Genitalien in der Autotür geklemmt hat, kann ja alles passieren. Ähnlich beglückend fühlte es sich an, als am späteren Nachmittag der Bürorechner herunterfuhr.

Ein kleiner Ohrwurm gefällig? Bitte sehr: Heute vor fünfzig Jahren sangen Roy Black und Anita den Hit „Schön ist es, auf der Welt zu sein.“ Gern geschehen.

Dienstag: Wenn ein Sachse in einer Besprechung oder überhaupt „Workflow“ sagt, klingt das lustig.

Ich sollte aufhören, in jedem Porsche ein Arschlochauto zu sehen. Wenigstens könnte ich mir vielleicht abgewöhnen, es ihm jedesmal laut hinterherzurufen.

Heute gab es zwei Gewitter: eins am Nachmittag draußen, das andere abends am Küchentisch. Danach war die Luft vorerst gereinigt, sowohl nach dem ersten als auch dem zweiten, wobei letzteres noch ein wenig nachgrummelte.

Das Buch „Wer alles weiß, hat keine Ahnung“ von Horst Evers ausgelesen, hat mir gut gefallen. Wegen Stellen wie dieser:

„Der Freund meiner Tochter freut sich total, dass die Fitnessstudios wieder öffnen. Ich denke: Mein Leben ist ärmer, weil ich bei den Fitnessstudios vom Vermissen ausgeschlossen war.“

Als nächstes „Das Glück des Gehens“ von Shane O’Mara.

Mittwoch: Glück des Gehens am Morgen ins Werk – nur im Gehen ergeben sich oft Wahrnehmungen, die dem Auge des geräderten Verkehrsteilnehmers zumeist verborgen bleiben.

Im Übrigen ist es oft sehr einfach, meine persönliche Stimmung zu heben.

(Für das Plastikbesteck bitte ich ausdrücklich um Entschuldigung. Die Hoffnung, ab sofort wieder direkt in der Kantine von einem richtigen Teller essen zu dürfen, erfüllte sich leider nicht, stattdessen immer noch nur zum Mitnehmen, warum auch immer. Ab morgen stecke ich mir wieder Messer und Gabel ein, bevor ich zum Mahl aufbreche.)

Donnerstag: Meinem Desinteresse an Olympia (wie an Sportereignissen generell) verlieh ich schon gelegentlich Ausdruck, dennoch kann man dem als Zeitungsleser und Fernsehnachrichtenkucker nicht völlig entgehen, ist auch nicht schlimm, man kann währenddessen auf das Klo gehen und die Zeitungsseiten rasch überblättern. Was mir auffällt: Es scheint aus der Mode zu sein, für die Kameras und Pressefotos auf Goldmedaillen herumzubeißen, was mir immer schon ausgesprochen sinnlos erschien. Gilt das mittlerweile auch irgendwie als rassistisch, diskriminierend oder gesundheitsschädlich, oder weigern sich die Sportler einfach, weil sie selbst nicht erkennen, wozu das gut sein soll?

„Impfen ist ein patriotischer Akt“, sagt der Gesundheitsminister. Das wäre nun wirklich einer der letzten Gründe, die mich überzeugen könnten, wenn ich denn überzeugt werden müsste.

Freitag: Da es morgens stark regnete, fuhr ich mit der Bahn ins Werk. Die Stadtwerke weisen nun per Durchsage in Dauerschleife darauf hin, dass der Aufenthalt auf den Bahnsteigen nur im Falle von (Originalton) „Reiseabsichten“ zulässig ist, man möge die Haltestelle verlassen, wenn man nicht „auf einen Zug beziehungsweise eine Bahn“ wartet, wozu auch immer diese Differenzierung. Vielleicht aus Gendergründen? Und gilt die Fahrt ins Werk auch als Reise?

Der Arbeitstag begann mit einer Besprechung bereits um acht, in der alle durcheinander redeten. Wegen Chefteilnahme musste ich trotz tageszeitlich bedingten Desinteresses gewisse Aufmerksamkeit walten lassen. Es wurde dann dennoch ein recht angenehmer Tag.

Im Haus nebenan ist einer gestorben. Erst sechs Wochen später ist das den Hausbewohnern aufgefallen, wegen des Geruchs. Wie schlimm muss es sein, wenn einen niemand vermisst.

Samstag: Laut Zeitung sind zweiundsiebzig Prozent der Berufstätigen auch im Urlaub für Werksgedöns erreichbar. Da bin ich gerne Teil einer Minderheit, die nicht mal am Wochenende und außerhalb der Bürozeiten erreichbar ist.

Sonntag: „Es ist kein Privileg junger Menschen mehr, sich öffentlich danebenzubenehmen“, steht in der FAS. War es das jemals?

Beim Gehen gesehen:

Golgatha 2.0

Kommen Sie gut durch die Woche!

Woche 49: Geballte Besinnlichkeit

Montag: Zur Erheiterung des Geliebten lief am Morgen mit meiner Frisur etwas schief. Der Tag entwickelte sich dennoch ganz passabel. Zumal eine missratene Frisur ja oft nur der bemerkt, dessen Haupt sie verunziert, und das auch nur beim Blick in den Spiegel oder gegen die Scheibe der Stadtbahn während der Fahrt durch den dunklen Tunnel.

Übrigens, wenn Sie mir Unbehagen einjagen wollen, schicken Sie mir eine Nachricht, die die Begriffe „Offsite“ und „Teambuilding“ enthält.

Dienstag: Oder „Rollenspiel“ oder „Escape Room“.

„Als Kleinkünstler gehört er der Poetry-Slam-Szene an“, schreibt die Zeitung über einen mir bekannten und geschätzten Schreiber. Gibt es eine beleidigendere Bezeichnung für einen Wortschöpfer als „Kleinkünstler“?

Zum Tag:

Mittwoch: „Wolfsverdachtsgebiet“ – welch wunderbares Wort. Schade, dass die Gebrüder Grimm es noch nicht kannten: Welch Zierde hätte es den Märchen von Rotkäppchen und den sieben Geißlein verliehen!

Apropos Märchen: Es liegt mir fern, unangemessen über Heilpraktiker und ihre Methoden und Mittel zu urteilen. Aber was sagt es über diesen Berufsstand aus, wenn eine mir bekannte Vertreterin dieser Zunft ungefähr einmal monatlich eine Erkältung erleidet?

Donnerstag: Heute ein Tag frei. Nach Weihnachtsfeiern gestern und vorgestern ist das sinnvoll und notwendig. Außerdem war ich beim Friseur. Das war auch dringend notwendig.

In einem Leserbrief schreibt ein Alexander T aus B über die Klimadiskussion:

„… sind die Forderungen absurd und fernab jeder Realität. […] Die Annahme, dass ich wegen Kinder-Demonstrationen meinen Lebensstil ändern werde, ist noch abstruser. Ich fahre deswegen nicht weniger Auto, fliege und heize weniger, konsumiere weniger Fleisch oder werde auf Bus und Bahn umsteigen. Zudem leben die auch meisten Menschen weiter wie bisher und lassen sich von dem Klima-Gedöns nicht beeindrucken.“

Klima-Gedöns – auch so etwas muss die Meinungsfreiheit aushalten.

Noch mehr Natur-Gedöns: „Erde gehört nicht in die Biotonne“, steht im neuen Abfallplaner der Stadt Bonn. Dem ist fürderhin nicht zu widerraten – nach all dem Glyphosat und anderem Giftzeugs, das wir versprühen, ist dieser Planet nach Ende der Nutzungsdauer wohl eher als Sondermüll zu behandeln.

Abends die nächste Weihnachtsfeier. Tage voller geballter Besinnlichkeit.

Freitag: In der Bahn saß mir ein Mann mit einer Bouvier-Tasche gegenüber. Für Nicht-Bonner: Bouvier war eine große Buchhandlung in der Bonner Innenstadt, die wahlweise anstatt Plastiktüten rote Stofftaschen mit einem undefinierbaren schwarzen Symbol anbot. Da der Bonner sich gerne kulturbeflissen und naturschonend gibt, gehörten diese Beutel zum Stadtbild wie Beethoven und geschlossene Bahnschranken; ständig sah man jemanden mit einer solchen Tasche. Vor nunmehr sechs Jahren schloss Bouvier für immer, seitdem verschwanden auch die roten Taschen langsam aus dem Stadtbild. Die Bahnschranken in der Südstadt sind unterdessen weiterhin überwiegend geschlossen.

Zur Abwechslung abends mit den Lieben zu Hause, keine Weihnachtsfeier.

Samstag: Wir wohnen in einer Straße, die sehr ruhig wäre, endete sie nicht in der Ein- und Ausfahrt einer öffentlichen Tiefgarage. Zudem ist sie aufgrund am Straßenrand parkender Fahrzeuge stellenweise nur einspurig befahrbar, was gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit immer wieder zu unterhaltsamen Szenen führt, wenn sich zwei Wagen begegnen und nicht aneinander vorbei fahren können. Erst bleiben sie voreinander stehen, auf dass der jeweils andere zurücksetze. Dann hupen sie, schließlich schreien sie sich an, manchmal steigen sie dazu sogar aus, derweil sich hinter beiden Wagen Schlangen bilden, deren Fahrer in das Hupen und Schreien einstimmen. Irgendwann gibt einer der beiden nach, lenkt seinen Wagen über den Bordstein auf den Gehsteig, woraufhin der andere mit aufheulendem Motor und wüsten Beschimpfungen (soeben gehört: „Penner! Wxxxer! Lern erstmal Autofahren!“) auf- und abbraust. Ich liebe es, wenn Menschen Einblicke in ihre Abgründe gewähren. Jedenfalls solange es bei Worten bleibt und ich nicht unmittelbar beteiligt bin.

Sonntag: Nach einer weiteren Weihnachtsfeier bis nach elf im Bett liegen zu bleiben ist auch eine mögliche Form, den Carpe-Diem-Gedanken zu verwirklichen, und sicher nicht die schlechteste an Tagen wie heute, an denen es gar nicht richtig hell werden will.