Woche 36/2023: Fünfzehn Minuten Ruhm und ein neu gestarteter Bus

Montag: Größere Unsicherheit scheint es bei deutschen oder wenigstens Bonner Autofahrern noch immer zu geben über die Bedeutung des grünen Pfeils. Bereits zum zweiten Mal wurde ich auf dem Rückweg an einer Kreuzung in der nördlichen Innenstadt Zeuge einer Situation. Dort gibt es eine allgemeine Ampel für alle Fahrtrichtungen und zusätzlich eine für die Rechtsabbiegerspur. Als erstes zeigt die Ampel für die Rechtsabbieger grün, etwa einige Sekunden später ergrünt auch das universelle Verkehrslicht und die Abbiegerampel erlischt. Die Komplikation: Neben der Rechtsabbiegerampel ist ein Grüner-Pfeil-Schild angebracht mit dem Zusatz „Nur für Radfahrer“, womit nämlichen amtlich erlaubt ist, was die meisten ohnehin längst tun, nämlich auch bei Rotlicht abzubiegen. Heute nun stand neben mir auf der Rechtsabbiegerspur ein junger Autofahrer mit seinem Wagen. Als die Abbiegerampel grün zeigte, fuhr er nicht los, was seinen Hintermann zum Hupen veranlasste. „Grün!“ rief der Hintere, „Nur Radfahrer!“ war vom Jungfahrer durch das heruntergelassene Fenster zu vernehmen. Vielleicht war er in der Fahrschule vom Datengerät abgelenkt gewesen, als der Grüne Pfeil durchgenommen wurde.

Dienstag: Schon morgens beim Fußweg ins Werk war es sehr warm, oder „schönes Wetter“, wie das Personal des Radiosenders WDR 4 es weiterhin nennt, wenn die Sonne im September über dreißig Grad produziert.

Andere machen Urlaub

Seit letzter Woche Freitag verwendet WDR 4 neue Nachrichtenbegleitmusik, Jingles, wie das wohl heißt, die ein wenig an den Kaspersender SWR 3 erinnert. Am Musikprogramm hat sich nichts geändert, weiterhin „Achtziger und die größten Klassiker“, wie zu betonen man auch mit neuen Jingles nicht müde wird. Unmittelbar nach einer derartigen Betonung spielten sie morgens Ed Sheeran, eindeutig nicht aus den Achtzigern. Ob er mal ein Klassiker wird – man wir hören.

»Spannende Pilze kann jeder finden« übertitelt die Zeitung einen Artikel zum Thema Pilzsuche. Pilze können vieles sein: essbar, giftig, schleimig, bunt, unscheinbar, groß, klein, gelegentlich auch halluzinogen oder schlumpfbehausend. Eins sind sie jedoch nicht: spannend. Es sei denn, »Bei dem feuchtwarmen Wetter schießen die Exemplare aus dem Boden«, wie es in dem Artikel weiter heißt. Mit Knall, Funkenflug und Rauch. Das wäre recht spannend.

Spannend fand offenbar am vergangenen Sonntag ein Säugling Beethovens neunte Sinfonie. Wie die Zeitung berichtet, begleitete er/sie/es die Aufführung in der Bonner Oper durch anhaltendes Schreien. Dem Kind ist das nicht vorzuwerfen, ich hätte an seiner Stelle und in dem Alter, durch Paukendonner und Chorjauchzen erschreckt, wohl nicht anders reagiert. Doch was geht in Eltern vor, die es nicht für angezeigt halten, in dieser Situation mit dem Kind den Konzertsaal zu verlassen?

Unverlassen vom Publikum blieb abends auch der Vortragsraum der TapetenPoeten in Bonn-Beuel, wo ich nach drei anderen Vorträgen meine fünfzehn Minuten Ruhm auskosten durfte, als ich dieses, das, das und dieses vorlesen durfte. Angesagt wurde ich als „vierter Autor, beziehungsweise erster“, da vor mir drei Damen aus ihren Werken lasen. Geschlechtergerechte Sprache ist nicht immer einfach, gleichwohl bin ich dem Moderator und Initiator der Veranstaltung sehr dankbar, mich nicht als Autor:in angekündigt zu haben. Dankbar bin ich auch für seine gar wunderbare Idee, zur Vorbereitung des Abends die künstliche Intelligenz zu beauftragen, über die Vorlesenden eine Laudatio zu verfassen. In meinem Fall ging die so:

Carsten Kubicki: Der Blogger des Alltäglichen und des Ausgedachten
Willkommen in der Welt von Carsten Kubicki, dem Meister des Ungewöhnlichen und des Alltäglichen zugleich. Sein Blog, treffend betitelt „Blog von Carsten K. für den Hausgebrauch,“ ist eine Oase der Absurdität und des scheinbar Banalen. Kubicki selbst schreibt über sein Werk: „Was hier zu lesen ist, erhebt keinerlei Anspruch auf Relevanz, Wahrheit, Vollständigkeit, Differenziertheit, Reichweite, Neutralität, (politische) Korrektheit, stilistische Brillanz, Originalität, Weisheit, Sinn und allgemeines Interesse.“ Doch gerade in dieser selbstironischen Verweigerung jeglicher Konventionen und Ansprüche findet sich der einzigartige Charme seines Blogs.
Carsten Kubicki setzt sich auf humorvolle Weise mit den Abgründen des Alltags auseinander und deckt dabei sprachliche Verfehlungen auf, die uns allen tagtäglich begegnen. Seine umfangreiche Liste sprachlicher Verfehlungen, genannt „Floskelschaumkraut – Die Liste des Grauens“ […] ist ein wahrer Schatz trostloser Phrasen und Plattitüden. […]
Carsten Kubickis Blog ist ein Ort des Schmunzelns und Nachdenkens zugleich. Seine unkonventionelle Herangehensweise an den Alltag und die Sprache regt zum Innehalten und Hinterfragen an. In einer Welt, in der oft Oberflächlichkeit und Konformität vorherrschen, erfrischt sein Blog mit einem Hauch von Ironie und einer Prise Wahnsinn. Lassen Sie sich von Carsten Kubicki auf eine Reise in die Tiefen des Alltäglichen und des Ausgedachten entführen, und vergessen Sie nicht, sich von Zeit zu Zeit ein Schmunzeln zu erlauben.

Quelle: ChatGBT

Ich fühle mich geschmeichelt.

Vorher

Mittwoch: Vorletzte Woche Donnerstag habe ich, wie berichtet, einen neuen Personalausweis beantragt. Bereits heute erhielt ich die Mitteilung der Stadt Bonn, dass der neue Ausweis zur Abholung bereit liegt. Daher nicht immer nur über die öffentliche Verwaltung herziehen, sondern sie auch mal loben, was hiermit getan sei.

Donnerstag: Ausnahmsweise nicht zu Fuß ins Werk sondern mit dem Fahrrad, da ich an einer Tagung in einem nahegelegenen Hotel teilnahm, die bis zum frühen Nachmittag ging. Nach Rückkehr ins Büro überkam mich eine seltsame Übelkeit, die zum Glück nicht lange anhielt, vielleicht lag es an der Hitze. Im Büro wollte keine rechte Arbeitslust aufkommen, zumal die defekte Jalousie noch immer nicht repariert ist und die Nachmittagssonne direkt auf meinen Schreibtisch und mich scheint. Vergangenen Donnerstag war mal wieder ein Techniker da gewesen, er schaute, sagte, er müsste nochmal telefonieren und käme spätestens morgen (also letzten Freitag) wieder. Da er nicht kam, rief ich heute den Hausservice an; sie werde sich kümmern, sagte die freundliche Dame. Ich musste an meinen alten, längst pensionierten Kollegen Heinz B. denken, der bei solcher Gelegenheit gesagt hätte: „Es ist alles so maßlos traurig.“ Da lächelte ich.

Ein Schild sagt mehr als tausend Worte, wobei dieses Exemplar Raum für Interpretation lässt

Freitag: Vergangene Nacht träumte ich, ich säße in konzentrierter Tätigkeit im Büro, als es klopft und ein Haustechniker herein kommt. Er wollte nur schauen, ob die Jalousie nun funktioniert, sagte er. Erst jetzt bemerkte ich, dass auch das defekte Drittel heruntergefahren war, und freute mich.

In echt erschienen heute gegen Mittag zwei Techniker, schraubten ein wenig am Schalter, einer ging raus und kehrte bald zurück, und siehe, die Jalousie senkte sich vollständig. Er habe nur den Bus neu gestartet, so seine Auskunft an den anderen. Ich weiß nicht, was das bedeutet und wohin der Bus fuhr, jedenfalls hat er sein Ziel offenbar erreicht, die Jalousie funktioniert wieder, die Sonne blieb nachmittags draußen und ich freue mich. „Dass ich das noch erleben darf“, hätte Kollege Heinz vielleicht gesagt.

Die Tagesschau um zwanzig Uhr wurde eröffnet mit einer Basketball-Meldung. Ein Grund, warum ich Fernsehnachrichten nur noch unregelmäßig schaue. In der Zeitung kann ich bei Sport einfach weiterblättern.

Samstag: Es ist weiterhin heiß, sehr heiß. Das sei keine Klage, nur Feststellung. Ansonsten der übliche Samstagskram ohne nennenswerte Bloggenswürdigkeiten.

Gelesen bei Thomas: »… aber ich habe es verlernt, einfach so da zu sitzen und nichts zu tun. Ich bewundere Menschen, die das noch können, bin aber gleichzeitig zu faul, es wieder zu lernen.« Ich kann das sehr gut, sitzen und nichts zu tun, wenn es was zu schauen gibt, und das gibt es ja fast immer; während Bahnfahrten mit Fensterplatz gerne stundenlang. Auch glaube ich nicht, dass man das mühsam erlernen muss und verlernen kann.

Sonntag: In der Sonntagszeitung ein interessanter Artikel über Bürokratie in Deutschland und warum wir so viel davon haben. Mit eigenen Worten zusammengefasst: Die deutsche Mentalität umfasst zwei Eigenheiten, die dazu führen. Die erste ist ein ausgeprägter Gerechtigkeitssinn, der insbesondere dann empfindlich gestört wird, wenn öffentliche Zuwendungen Leuten zukommen, denen sie nicht zustehen. Die zweite ist das unbedingte Verlangen, gegen jede noch so abseitige Eventualität abgesichert zu sein, und wenn sie doch eintritt, jemanden ausfindig machen zu können, der schuld und schadensersatzpflichtig ist. Als Beispiel werden die immer umfassender werdenden Bestimmungen zum Brandschutz genannt, wohingegen beim Sport fast jedes Risiko akzeptiert wird. Wenn jemand klagt, weil er sich aufgrund einer Regelungslücke benachteiligt oder geschädigt fühlt und Recht bekommt, wird die Lücke gefüllt, und wieder ist die Bürokratie ein Stückchen gewachsen. Wir sind also selbst schuld, weil wir nicht gewillt sind, manches als allgemeines Lebensrisiko zu akzeptieren, etwa im Winter Schnee und Eis auf ungeräumten Gehwegen. Ich finde das einleuchtend.

Von Schnee und Eis sind wir weit entfernt: Bei über dreißig Grad führte der Spaziergang über die Rheinbrücke ans andere Ufer, über die Nordbrücke zurück, mit Besuch des Biergartens am Rhein. Dort haben die Kastanien begonnen, die ersten Blätter abzuwerfen, immer wieder fielen fünfblättrige, bräunlich-gelbe Laubeinheiten zu Boden, vielleicht gelockert von in den Bäumen balgenden Halsbandsittichen, die nicht zu sehen, dafür deutlich zu hören waren. In der Ferne auf der gegenüberliegenden Rheinseite sieht man das Riesenrad der Großkirmes Pützchens Markt, die an diesem Wochenende läuft, und ein weiteres Fahrgeschäft mit langen, vertikal rotierenden Armen, an deren Enden Sitzkabinen angebracht sind. Nichts für mich, der gerne untätig sitzt.

Eine weitere Folge der Reihe „Warum sind Dinge, wo sie sind?“
Idyll vor Schwarzrheindorf
Innere Nordstadt

***

Kommen Sie gut durch die Woche.

Woche 35/2023: Tapfer bleiben

Montag: Mein Arbeitseifer zu Wochenbeginn tendierte gegen Null, obwohl genug zu tun ist, darunter jedoch nichts, was nicht auch ab morgen anzugehen früh genug wäre. Da kam mir eine mehrstündige virtuelle Einweisungsveranstaltung entgegen mit nur geringem Redeanteil meinerseits und viel Gelegenheit, konzentriert zuhörend *hüstel* aus dem Fenster zu schauen. Danach erledigte ich eine Aufgabe, die überwiegend aus Kästchenausfüllen bestand und beendete den Arbeitstag nicht allzu spät. Ab morgen wieder voller Einsatz für das Firmenwohl. So der Plan.

Eine ansonsten deutschsprachige Mail endete mit „Thanks & cheers“. Was Leute so schreiben, wenn sie busy sind.

Mein Rechner zeigt merkwürdige Meldungen:

Ich kann es auch nicht rendern

Abends nach den Nachrichten im Fernsehen Reklame für Hundefutter mit hundert Prozent Kennerfleisch. Pansen, Schwein und Geflügel waren gestern, heute muss es von Experten sein. Cheers.

Dienstag: Übermorgen beginnt der meteorologische Herbst. Bereits heute zeigte sich der Morgen kühl und herbstlich, das Siebengebirge war fast vollständig in Wolken gehüllt. Endlich kehrt mit der Jackenzeit wieder eine gewisse Ordnung ein; Aufbewahrung und Mitführen von Portemonnaie, Schlüssel, Notizbuch und Pfefferminzbonbons werden dadurch enorm erleichtert.

Vorherbst

Die Arbeitslust war gegenüber gestern erheblich verbessert. „Tapfer bleiben“ schrieb mir mein früherer Chef, was zu beherzigen ich mir fest vornehme.

Auf dem Rückweg sah ich am Rheinufer einen älteren Herrn Turnübungen ausführen: die Arme nach vorne und nach hinten; nach vorne bäugen, ein Hohlkreuz mit nach hinten gestreckten Armen; die Schultern kreisen lassen; den Oberkörper nach links und rechts; Laufschritte auf der Stelle; Hüpfen. Dass er dabei einen schwarzen Anzug und Krawatte trug, irritierte wohl nur mich ganz kurz.

Mittwoch: Der Arbeitstag verlief recht angenehm ohne nennenswerte Blogabilitäten. Nachmittags setzte Regen ein. Um einigermaßen trocken nach Hause zu kommen, vertraute ich auf eine bei WetterOnline in Aussicht gestellte Regenlücke. Das war ein Fehler: Als ich am Rhein entlang radelte ohne jede Unterstellmöglichkeit in absehbarer Entfernung stürzten die Himmelsfluten herab und durchnässten in kurzer Zeit alles unterhalb der Regenjacke. Wäre ich – entsprechenden Pegel vorausgesetzt – bis kurz unter Klötenhöhe durch den Rhein nach Hause gewatet statt mit dem Rad zu fahren, hätte ich nicht nasser werden können. Ich mag den Moment, ab dem das nur noch egal ist. Tapfer bleiben.

Donnerstag: Der Fußweg ins Werk morgens war sonnenbeschienen.

Und das Siebengebirge wieder da.

„Wir arbeiten mit Hochdruck an der Behebung des Fehlers“, las ich in einer Mitteilung. Ein wenig klingt das immer nach „Wir haben keinen blassen Schimmer, was wir tun können“.

„Erwartungshaltung“ ist auch so ein Wort, das den Schein von Bedeutung erzeugen soll, dabei doch nur mit lauer Luft aufgeblasen ist.

Freitag: Der Tag begann mit einem Schrei, nachdem der Geliebte im morgendlichen Halbdunkel des Schlafzimmers ein „Viech“ wahrgenommen hatte, das sich nach Abklingen der ersten Aufregung als Nachtfalter herausstellte, der sich anscheinend über den Schrei ebenso erschrak, denn er verschwand hinter dem Kleiderschrank und wurde für den Rest des Tages nicht mehr gesehen.

Heute vor siebenunddreißig Jahren war mein erster Tag beim Arbeitgeber, der mir nicht nur noch immer ein erfreuliches Gehalt überweist, sondern mich auch regelmäßig mit Bemerknissen für dieses Blog versorgt wie nämliches: „Ich bin heute komplett durchgetaktet“, wie eine wichtige Person in einer Besprechung die Teilnehmenden wissen ließ. Die nächsten maximal neun Jahre werde ich dort voraussichtlich auch noch ganz gut aushalten und tapfer bleiben.

Wegen eines Vereinsvergnügens am Abend beendete ich die Arbeitswoche zeitig, nachdem ein Blick aus dem Fenster und ein weiterer in WetterOnline eine Schauerlücke in Aussicht stellten. Sie ahnen es vielleicht – etwa auf halber Strecke am Rheinufer ging es wieder los, heute nicht ganz so heftig wie am Mittwoch, doch genug für einen erforderlichen Hosenwechsel nach Ankunft. Kaum stand das Fahrrad in der Garage, schien wieder die Sonne. Ich beginne, WetterOnline ein wenig zu hassen, bei aller Tapferkeit.

Samstag: Der Vereinsabend wirkte nach, weshalb wir etwas länger im Tuch blieben und spät, immerhin mit zufriedenstellendem Appetit frühstückten.

Das Jackenwetter ist schon wieder vorüber, der Sommer noch einmal zurückgekehrt. Die Innenstadt voller Menschen, die langsam vor mir gingen und stehen blieben, eine lange Schlange bildeten vor einem Geschäft, wo es diesen albernen Blasentee zu kaufen gibt, den ich noch nie probiert habe und den zu probieren ich nicht beabsichtige, schon gar nicht, wenn ich dazu in einer Schlange stehen muss. Zudem laute Livemusik von einer Bühne auf dem Münsterplatz, die meine Schritte beschleunigt hätte, wären vor mir nicht diese langsamen Leute gewesen.

Einer Initiative der Bonner IHK, die die Infragestellung der jahrzehntelangen, natürlichen Vorherrschaft des Kraftfahrzeugs auf städtischen Straßen doof findet, nennt sich ausgerechnet „Vorfahrt Vernunft“.

Sonntag: Auch dieser Tag zeigte sich sonnig und warm, wodurch sich im Rahmen des Spaziergangs ein Besuch des Lieblingsbiergartens geradezu aufdrängte. Wer weiß, wie lange noch. Ansonsten bot der Tag nichts Berichtenswertes, daher will ich Sie nicht länger aufhalten.

Vielleicht das noch, zur Erinnerung und Werbung: Am kommenden Dienstagabend, 5. September, ab 20 Uhr ist die nächste Lesung der TapetenPoeten in Bonn-Beuel, an der teilzunehmen ich das Vergnügen habe. Wenn Sie zufällig in der Nähe sind und nichts Besseres zu tun haben, kommen Sie gerne. Weitere Informationen hier.

***

Kommen Sie gut durch die Woche, bleiben Sie tapfer.

Woche 34/2023: Kulturelle Aneignung im Schienenersatzverkehr

Montag: Outlook auf dem Bürorechner hatte morgens zunächst Startschwierigkeiten, wie der davor sitzende Nutzer. Ansonsten unterschied sich der erste Arbeitstag nach dem Urlaub bezüglich Unwilligkeit kaum von einem gewöhnlichen Montag. Was sich bewährt hat: den Tag komplett zu blocken und die Abwesenheitsnachricht bis zum Mittag aktiviert zu halten.

Das angestaute Mailaufkommen blieb im Rahmen, darunter eine interne Mitteilung über die bevorstehende Umorganisation eines Bereichs, mit vertrauten Versen versehen: »Um diesen Herausforderungen zu begegnen und Anbieter erster Wahl zu bleiben, müssen wir unsere Organisation noch stärker auf die Marktbedingungen ausrichten, Strukturen und Prozesse vereinfachen und Synergien nachhaltig heben. Ein konsequenter Fokus auf eine ganzheitliche Kundenorientierung  ist dabei unverzichtbar. […] um diese Herausforderungen zu adressieren […] Mit der Komplettierung der Themen stellen wir eine 360 Grad – Sicht auf die Stimmen unserer Kunden sicher […] und  stärken unseren Kundenangang.« Kundenangang ist ein schönes Wort, was auch immer es bedeuten mag.

Mittags in der Kantine gab es Currywurst. Angesichts der Waagenanzeige morgens – die vergangene Urlaubswoche mit viel Essen, Trinken und wenig Bewegung wirkt nach – entschied ich mich indes für das vegetarische Gericht. Hat gar nicht weh getan. Nur auf das Dessert (Vanillepudding mit Schokoladensoße) zu verzichten, soweit wollte ich nicht gehen.

Dienstag: Bereits letzte Woche trafen der Liebste und ich den Beschluss, zum Zwecke der körperlichen Ertüchtigung künftig regelmäßig gemeinsam radzufahren, also nicht so ein gemütliches Dahinradeln mit Einkehr am Wegesrand, sondern mit Tempo und Schweiß und selbstverständlich ohne Elektrounterstützung. Diesen Beschluss setzten wir heute Abend erstmals in die Tat um, wobei das Tempo noch steigerungsfähig ist. Ich fürchte, die Götterspeise mit Erdbeerschaum, die es mittags in der Kantine gab und die ich unmöglich stehen lassen konnte, wurde dadurch noch nicht völlig kompensiert. Immerhin, der Wille zählt und ein Anfang ist gemacht.

Mittwoch: Heute vor hunderfünfzehn Jahren wurde Arthur Adamov geboren, Autor des Absurden Theaters. Dem verdanken wir das also alles. Ob der sich wohl vorstellen konnte, dass Menschen sich mal massenhaft die Beine tätowieren lassen und sowas wie Donald Trump zum Präsidenten wählen, oder wäre selbst ihm das zu absurd erschienen?

Wurde schon untersucht, welcher Mehraufwand Medien dadurch entsteht, dass sie jetzt jedes Mal, wenn eine vermeintlich bedeutende Person etwas in Elons Schwätzwerk absondert, schreiben müssen „auf der Online-Plattform X, vormals Twitter“?

Donnerstag: Falls Sie mich in der Kantine suchen – ich bin der, der allein isst und dabei nicht aufs Datengerät schaut.

Abends hatte ich einen Termin im Bürgeramt der Stadt, weil mein Personalausweis im November ausläuft. Zuvor suchte ich den Selbstbedienungsapparat auf, um ein Foto zu erstellen, außerdem Unterschrift und Fingerabdrücke zu hinterlegen. Dabei fielen meine Zeigefinger durch die Qualitätskontrolle, die Daumen wurden nach mehrfachem Auflegen schließlich akzeptiert. Was ist falsch an meinen Zeigefingern? Ich finde das empörend.

Als vorsichtiger Mensch fand ich mich lange vor dem Termin im Stadthaus ein, man weiß ja nie, wie lange sowas dauert mit der Selbstbedienung. Abgesehen vom Zeigefingeraffront ging es jedoch ganz einfach und schnell. Ich hätte mir dennoch Zeit lassen können, laut Anzeige kam es bei der Bedienung zu Verzögerungen von anfangs sechzig, später dreißig Minuten, da statt der planmäßig fünfzehn Stadtbediensteten krankheitsbedingt heute nur fünf anwesend waren, wie gegen achtzehn Uhr ein freundlicher Mitarbeiter den noch Wartenden erklärte. Kurz darauf wurde meine Wartenummer angezeigt, der Rest ging dann schnell. Für sechsundsechzig Prozent Personalausfall finde ich eine halbstündige Wartezeit akzeptabel.

Finde den Fenler

Freitag: Nachmittags schloss ich die Bürofenster, weil draußen zwei Grünschnittexperten mit einer lärmenden Motorheckenschere eine Hecke frisierten und sich dabei ständig anschrieen. Ansonsten verlief der letzte Arbeitstag der Woche in angenehmer Unaufgeregtheit.

Mal wieder erhalte ich seit Tagen per Mail eine Benachrichtigung darüber, dass mir jemand in irgendeiner Teams-Gruppe eine Aufgabe zugewiesen hat. Leider verzichtete er bei der Erstellung auf eine nähere Beschreibung seines Begehrs. Seit Tagen bereitet es mir großes Vergnügen, diese Mail zu löschen.

Samstag: Mit Freunden fuhren wir ins Ahrtal, zunächst mit der Bahn und Schienenersatzverkehr, auch so ein wunderschönes Wort, das die deutsche Sprache ermöglicht, bis Bad Neuenahr, von dort zu Fuß weiter über den Rotweinwanderweg, ein nicht minder schönes Wort, bis Walporzheim zum örtlichen Weinfest. Aufgrund unglücklicher Kommunikation führte dieser spontan von einer einzelnen Person getroffene Wanderbeschluss zu Unmutsäußerungen innerhalb der Gruppe, die jedoch unmittelbar nach Ankunft in Walporzheim abgelöscht wurden und verstummten.

Hier werden Wurzelbehandlungen noch auf dem Amboss vorgenommen

Die gute Stimmung hielt sich im Bus auf der Rückfahrt. Während im vorderen Busteil Erbrochenes aufgewischt wurde, tönte hinten Musik aus einer von jungen Leuten mitgeführten Lärmbox; bei „Kölle Alaaf“ sangen fast alle mit. Als später „Africa“ von Toto spielte, fragte ich mich: Wenn Zwanzigjährige diese ungefähr vierzig Jahre alte Lied aus meiner Jugend spielen, ist das dann nicht auch so etwas wie kulturelle Aneignung?

Sonntag: Ein Weinfest gab es auch in der Bonner Innenstadt. Dort war ich mittags verabredet, wodurch der Spaziergang sehr kurz beziehungsweise ganz ausfiel. Ich gelobe baldige Besserung.

Per Mail wurde ich an meine aktive Teilnahme an der Lesung der TapetenPoeten am 5. September in Bonn-Beuel erinnert, als ob ich das vergessen könnte. So langsam sollte ich mal entscheiden, was ich dort vorlesen werde. Falls Sie am übernächsten Dienstagabend in Bonn sind und nichts besseres zu tun haben, kommen Sie gerne. Näheres hier.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche.

Woche 33/2023: Menschen in der längeren Schlange

Montag: Eine Woche auf dem Rhein an Bord des Flussschiffs „Alisa“ liegt vor uns, wo wir, wie bei solchen Reisen üblich, durch unsere Anwesenheit den Altersdurchschnitt geringfügig senken. Noch ist das so, mit jedem Jahr verringert sich der Abstand, was will man machen. Nachdem wir gestern Nachmittag wie berichtet in Köln-Deutz losgefahren waren, legten wir nachts in Koblenz an. Dank Ohrstöpseln schlief ich gut und bekam weder von der nächtlichen Fahrt noch vom Anlegemanöver etwas mit.

Auf einen Landgang verzichteten wir, stattdessen nutzte ich die Zeit zum Lesen der Tageszeitung und Nachlesen der Blogs, wozu ich gestern nicht gekommen war, weil es ständig was zu kucken, essen oder trinken gab. Kurz vor Mittag legten wir in Koblenz ab mit Tagesziel Rüdesheim. Während der Fahrt fielen ein paar Tropfen Regen, die uns nicht vom Oberdeck vertreiben konnten, wo wir uns dem schauenden Genießen im Mittelrheintal hingaben.

Sankt Goarshausen

Nach Ankunft und Abendessen gingen wir eine kurze Runde durch Rüdesheim, unter anderem durch die für was und warum auch immer berühmte Drosselgasse. Es war überraschend warm geworden. Anschließend ließen wir den Abend an Deck ausklingen und gingen zeitig zu Bett.

Regionaltypisches Kunsthandwerk
Dämmerung über dem Mittelrhein, Blickrichtung Westen. Links Bingen, rechts Rüdesheim

Dienstag: Nach nächtlicher Abfahrt aus Rüdesheim hatte sich das Erscheinungsbild der vorüberziehenden Landschaft morgens grundlegend geändert. Anstelle von Mittelrheinromantik mit Burgen, pittoresken Orten und Weinbergen nun Industrieanlagen von BASF am Rheinufer, auf jeden Fall auch sehenswert.

BASF-Werk, Teilansicht

In Ludwigshafen legten wir direkt vor einem riesigen Einkaufszentrum an, in das man mühelos hinein und nur mit einigem Suchen wieder hinaus gelangte. (Welch Alptraum: gefangen in einem Einkaufszentrum.) Nachdem uns das gelungen war, besuchten wir die Innenstadt, an deren städtebauliche Ästhetik ich keine hohe Erwartung hatte; ich wurde nicht enttäuscht.

Das Rathaus. Fast so ästhetisch wie das Bonner Stadthaus.

Nachmittags nutzen wir den angebotenen Bustransfer ins nahe Mannheim, wo wir durch die berühmten Planquadrate flanierten und die Eisdiele aufsuchten, in der angeblich einst das Spaghettieis erfunden wurde. Zurück nach Ludwigshafen gings mit der Straßenbahn.

Planquadrat C4

Mittwoch: Heute standen wir unzeitig früh auf, da wir einen Ausflug nach Straßburg gebucht hatten. Zur Frühstückszeit legten wir gegenüber einem Containerumschlag an. Für mich ist es ein logistisches Wunder, wie es gelingt, die angelieferten Stahlblechkästen sinnvoll hochzustapeln und sie anschließend in angemessener Zeit auf die richtigen Schiffe, Eisenbahnwagen und LKW zu verladen. Wie hat man das früher gemacht ohne Unterstützung durch künstliche Intelligenz?

Mit unserem lagen insgesamt acht Hotelschiffe am Kai, jeweils in Zweierpaaren nebeneinander („Päckchen“, wie es nautisch korrekt heißt) festgemacht, auf dem Parkplatz davor mindestens genauso viele Busse. Es dauerte einige Zeit, bis die ausflugswilligen Touristen auf die Busse verteilt waren, mehrfach wurde durch die gleichbleibend gut gelaunten Reiseleiterinnen nachgezählt, auf die vorgesehene Schiff-Bus-Zuordnung hingewiesen und nachgefragt, ob Kabine 123 vollständig anwesend sei; insgesamt ein Vorgang, der dem Containerumschlag an Komplexität recht nahe kommt.

In der Straßburger Innenstadt ging es ähnlich weiter: Da vier der Busse ihre Fahrgäste zur selben Zeit am selben Ort aussetzten, liefen erstmal alle wild durcheinander und es dauerte einige Zeit, bis jede Gruppe und ihre jeweilige Stadtführerin zusammengefunden hatten.

Zweifellos.

Straßburg ist sehenswert, wenn auch touristisch etwas überlaufen, woran wir heute unseren Anteil hatten, wie ich selbstkritisch bekenne. In der Nähe des Münsters gibt es eine öffentliche Toilette, zu erreichen über einen Treppenabgang. Davor zwei Schlangen, eine kurze aus Männern mit zügigem Fortgang und eine lange mit größerem Geduldsbedarf aus Frauen, naturgegebene Ungerechtigkeit, oder Gender-Pee-Gap, wie es auf neudeutsch heißt. Frauen darf man auch nicht mehr einfach so sagen, wie gewisse Kreise fordern, deshalb mein Alternativvorschlag zu „Mensch:innen mit Gebärmutter“: Menschen in der längeren Schlange.

Die Weiterfahrt nach Basel gestaltete sich etwas ungemütlich, da wegen der beschränkten Durchfahrthöhen mehrerer zu passierender Schleusen immer wieder zwei der drei Sonnendächer an Deck ab- und wieder aufgebaut wurden, das dritte wurde gar nicht erst aufgestellt. Vor jeder Schleuse wurden die Reisenden unter den Segeln vertrieben, die Harten blieben oben und trotzten der stechenden Sonnenglut, die anderen flüchteten nach unten. Nach den Schleusen drängte man wieder mit Stuhl in die Schatteninseln. Immer in Bewegung bleiben, auch und gerade im Urlaub ganz wichtig.

Donnerstag: Ja, schon Donnerstag. In Arbeitswochen löst diese Erkenntnis regelmäßig Mundwinkelhebungen aus, in einer einwöchigen Urlaubswoche dagegen bedauerndes Staunen ob der Vergänglichkeit der Zeit.

Am Morgen erreichten wir Basel, den südlichen Endpunkt der Reise. Nach dem Frühstück erkundeten wir zu Fuß und ungeführt die linksrheinische Innenstadt, die sich durch mehrere Baustellen, wenig Auto-, dafür viel Straßenbahn- und Fahrradverkehr auszeichnet, wobei die Radfahrer verglichen mit Bonn insgesamt disziplinierter und rücksichtsvoller gegenüber Fußgängern erscheinen, vielleicht täuscht das auch, weil man im Urlaub entspannter und toleranter ist.

Eine Baseler Besonderheit ist das Rheinschwimmen. Während in Bonn und Umgebung immer wieder eindringlich davon abgeraten wird, weil schon viele nicht mehr lebend ans Ufer zurückkehrten, sind in Basel rechtsrheinisch längere Schwimmstrecken amtlich ausgewiesen. Wie ich vor längerer Zeit las, nutzen die Baseler das nicht nur zum Freizeitvergnügen, sondern auch zur regulären Fortbewegung von A nach B, auch als Arbeitsweg. Dafür wurde ein spezielles Hilfsmittel geschaffen, der sogenannte Wickelfisch, ein wasserdichter Beutel, in den man während des Schwimmens Kleidung und andere mitgeführte Gegenstände verstaut. Selbst wenn es in Bonn möglich und erlaubt wäre: Mir wäre es zu umständlich, mich nach einem Arbeitstag am Rheinufer zu entkleiden und nach Ankunft unter Passantenblicken zu trocknen und wieder anzuziehen. Und viel zu kalt.

Gewitter mit Kurzregenbogen hinter Basel
Das Schönste sind die getränkbegleiteten Abendfahrten.

Aus einem Zeitungsbericht über Restaurants in der Bonner Gegend: »Beide sind weiterhin beliebte Adressen für Foodies.« Mir vergeht der Appetit.

Freitag: Der Tag begann mit Nana Mouskouri und „Guten Morgen Sonnenschein“ aus dem Bordlautsprecher, das danach noch mehrere Stunden ohrwurmend nachhallte. Immerhin besser als Rammstein oder Max Giesinger.

Über Nacht waren wir in Breisach angekommen, wo sich der Anleger direkt vor einem Betrieb befindet, der Steinwürfel und -quader in diversen Größen und Split produziert. Nach dem Frühstück spazierten wir zum und durch den recht hübschen Ort, wo an ungefähr jedem dritten Gebäude eine Erklärtafel zur Geschichte des Bauwerks angebracht ist, was eine leicht museale Anmutung erzeugt.

Finde den Fehler

Da nach Rückkehr bis zum Mittagessen noch etwas Zeit war, gaben wir uns an Deck der Lektüre hin, derweil vor uns mehrere LKW mit Split beladen wurden; die aufgestapelten Steinwürfel blieben hingegen unangetastet. Mittags legten wir ab mit dem nächsten Ziel Worms.

Beachten Sie das Fabrikschild an dem Kran.

Samstag: Aufgewacht vor Worms. Auch hier flanierten wir vormittags durch die Stadt, deren Schönheit sich vermutlich, soweit ich es nach dieser kurzen Runde zu beurteilen mir anmaße, erst auf den zweiten oder dritten Blick offenbart; uns war heute nur der erste Blick gewährt.

Schöne Fliesen

Mittags legten wir ab nach Mainz. Wie bereits angedeutet, liegt der Altersdurchschnitt der Mitreisenden eher im Spätherbst menschlicher Lebenserwartung, nur drei Fahrgäste sind deutlich jünger, also auch jünger als wir. Darunter ein Mädchen mit permanent mürrischem Teenager-Gesichtsausdruck. Ich kann das gut verstehen. Hätten mich meine Eltern mit fünfzehn oder sechzehn dazu gedrängt, eine Woche mit ihnen und zahlreichen Greisen an Bord eines Schiffes zu verbringen, mit zielgruppenentsprechendem Unterhaltungsprogramm wie Bingo, einer Tombola und einem lethargischen Bordmusiker, der im Salon auf einem Keyboard eher deprimierende Melodien erzeugt, dazu womöglich Übernachtung mit den Eltern in derselben Kabine, hätte ich auch nicht anders geschaut.

Bei Ankunft in Mainz wurde das Schiff schmeißfliegengleich umschwirrt von diesen ein- bis zweisitzigen Wassermopeds, die ungefähr achtzig Prozent der eingesetzten Energie in Lärm umwandeln. (Der Postillion bezeichnete sie mal treffend als „Düsenbarke“.) Darauf zumeist dunkelhaarige, bärtige junge Männer, ähnlich denen, die in Bonn und anderen Städten mit auspuffknallenden Autos ihre Mitmenschen terrorisieren. Auch hier gilt: Offenbar ist Treibstoff immer noch zu billig. (Ja ich weiß, so ein Schiff verbraucht auch Treibstoff, und das nicht zu knapp.)

Mainz

Zu Mainz fällt mir ein alter, nun ja: Witz ein, der nur mündlich funktioniert. Er geht ungefähr so: „Sie finden, <beliebige Stadt> ist ein Drecksloch? Dann sollten Sie erstmal Mainz sehen.“

Sonntag: In den frühen Morgenstunden endete die Reise im Hafen von Köln-Deutz, wo sie eine Woche zuvor begonnen hatte. Nach dem Frühstück wurden vom Bordpersonal alle Koffer von Bord geschafft. Erst nachdem alle Gepäckstücke vor dem Schiff aufgereiht waren, durften es auch wir Fahrgäste verlassen. Der Koffer des Liebsten schien zunächst verschwunden, fand sich jedoch bald unter einer darauf abgelegten Fremdtasche ein.

Bereit zur Ausschiffung

Nach kurzer Regionalbahnfahrt trafen wir ungefähr zur an gewöhnlichen Sonntagen üblichen Frühstückszeit zu Hause ein, wo der Geliebte angemessene Wiedersehensfreude zeigte. So lag noch ein ganzer Sonntag vor uns, was es mir wesentlich erträglicher machte, bereits morgen wieder ins Werk zu müssen; üblicherweise lege ich auf einen freien Tag zwischen Rückkehr und Arbeitsbeginn großen Wert, aus für Sie völlig uninteressanten Gründen ist das dieses Mal nicht angezeigt.

Daher konnte ich nachmittags den üblichen Sonntagsspaziergang antreten mit Einkehr im Lieblingsbiergarten und der Erkenntnis: Hier in Bonn ist es auch schön, zumal auch hier der Rhein fließt.

Ein beliebtes Modewort in Wohlfühlkreisen ist „Entschleunigung“. So ein Schiffsaufenthalt ist auch sehr entschleunigend: Ich kann stundenlang ohne erkennbare Aktivitäten an Deck sitzen und die vorbeiziehenden Ufer betrachten, stundenlang vor einer Schleuse warten, bis es weitergeht, und im engen Flur hat man immer wieder Rollatornutzer vor sich, an denen man nicht vorbei kommt. Im Gegensatz zum letzten zweiwöchigen Südfrankreichurlaub, wo ich gerne noch viel länger geblieben wäre, genügt auf dem Schiff eine Woche. Irgendwann werden wir das wieder machen, nächstes Jahr wohl nicht, übernächstes … mal sehen. Spätestens, wenn wir den Altersdurchschnitt an Bord nicht mehr senken.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche und mir einen nicht allzu trüben Start in den Alltag.

Woche 32/2023: Im Weinberg des Herrn

Montag: Die Sommerferien sind vorüber, angesichts des derzeitigen Wetters könnte man auch annehmen, es wären Herbstferien gewesen. Daran gemessen hielt sich die Anzahl der Menschen auf den Straßen und in den Büros sowie die der eingehenden Mails und Anrufe in erfreulichen Grenzen; die Zurückgekehrten waren wohl noch mit ihrem eigenen Maileingang beschäftigt, bevor sie wieder beginnen, andere zu belästigen. Als Schüler mochte ich den ersten Schultag nach den Sommerferien: Man sah sich nach sechs Wochen wieder, manche lieber, andere weniger gerne. Der Schultag war nicht allzu lang, statt Unterricht wurde Organisatorisches bekanntgegeben. Erst ab dem nächsten Tag wurde es wieder beschwerlich.

„Ich kann das mal screenshoten“, sagte eine in der Besprechung. Was so aus Sprachfaulheit geplappert wird.

»Diese Baby-Tiere werden ihren Tag um einiges verbessern« steht in einer Werbeanzeige auf der Wetter-Internetseite, die in letzter Zeit meine erhöhte Aufmerksamkeit erfährt. Aufgrund des kleingeschriebenen Pronomens ist nicht ganz klar ist, wessen Tag sie verbessern werden. Während die meisten Betrachter wohl in erhöhter Tonlage juchzen, weil sie das abgebildete Eselchen niedlich finden, denke ich als erstes an eine Tagesoptimierung durch Lammkoteletts und Wiener Schnitzel und schäme mich ein wenig dafür.

Dienstag: Wenn ich von einer begehbaren Dusche höre oder lese, frage ich mich jedes Mal: Was denn sonst? Befahrbar, oder nur liegend oder sitzend zu benutzen? Dasselbe gilt sinngemäß für akustische Gitarren, optische Anzeigen und Funktionsjacken.

Jedes Mal, wenn ich jetzt noch wen mit Schutzmaske sehe, etwa in der Kantine oder der Bahn, erwische ich mich bei dem Gedanken: Die stellt sich aber an. (Männer sind selbstverständlich mitgemeint.) Ich kann es nicht ändern.

Mittwoch: Wir haben das jetzt auch mal ausprobiert mit dem Entsorgen überzähliger Haushaltsausstattung per Zu-Verschenken-Zettel vor dem Haus. Nachdem der Geliebte zentnerweise neues Geschirr gekauft hat, nutzten wir die Gelegenheit, da die Erdgeschossnachbarn im Urlaub sind, das nicht mehr benötigte Porzellan auf den Treppenabsatz vor derer Wohnungstür zu stellen, darüber der Zettel. Am vergangenen Sonntag begannen wir mit mehreren Stapeln Teller, Schalen, dazu einige Tassen und Gläser, bereits am Abend war das meiste davon entnommen. Wir legten nach: weitere Tassen und Gläser. Spätestens im Laufe des Montags fanden sie neue Besitzer. Sogar elektrische Zahnbürsten, gestern Abend ausgelegt, waren heute Nachmittag verschwunden; zudem bedankte sich ein Abholer schriftlich auf dem Zettel für die Gläser, sie seien perfekt für die Restauranteröffnung am Wochenende. Das freut uns sehr.

Das Laufen am Abend war anstrengend, vielleicht, weil es wieder wärmer, oder, wie man es früher ausdrückte: das Wetter schöner geworden ist. Immerhin hielt ich die Laufstrecke durch ohne zwischendurch gehen zu müssen, dafür ruhig mal etwas Eigenlob.

Hinter dem Haus schimpft seit Tagen eine Amsel. Wir wissen nicht, worüber, vielleicht die Katze der Nachbarn. Vielleicht ist sie auch mit der Gesamtsituation unzufrieden, wer weiß schon, was in so einer Amsel vor sich geht.

Natur

Donnerstag: „Der Zug ist aus dem Bahnhof“, sagte einer in der Besprechung und verschaffte mir damit einen mehrstündigen Ohrwurm: „Der Zug, der Zug, der Zug ist aus dem Bahnhof …“

In einem Zeitungsbericht beklagen Bonner Unternehmer die Bemühungen der Stadt, die Vorherrschaft des Kraftfahrzeugs gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern zu beenden. »Wir dürfen nicht vergessen, das Auto ist ein wesentlicher Faktor unseres Wohlstands«, so einer der Beklagenden. Damit ist ein wesentliches Problem der letzten Jahrzehnte gut auf den Punkt gebracht.

Ich solle mein Leben in einem alternativen Universum beschreiben, so der Tagesvorschlag des Blogvermieters. Da ich schon lange immer wieder den Eindruck habe, in einem Paralleluniversum zu leben, ist das meiste dazu längst geschrieben.

Freitag: Morgenplausch am Werkstor: „Morgen!“ – „Morgen, wie gehts Ihnen?“ – „Danke gut, Ihnen auch?“ – „Ach ja …Wir alle kämpfen doch im Weinberg des Herrn.“

Das stimmt – Der letzte Arbeitstag vor einer Woche Urlaub zeigte sich relativ ungemütlich: Nach dem Mittag noch zwei Besprechungen, zudem diverse dringliche Anliegen und ein Auftrag des Chefs für den Chefchef, noch heute eob zu erledigen. Auch das gelang, zu einer akzeptablen Uhrzeit hatte ich die Trauben gelesen.

Ungemütlich war es bei Rückkehr auch zu Hause: Nach Wochen mit Regen in herbstlicher Kühle ist plötzlich und unerwartet der Sommer wieder zurück mit Sonne, Hitze und Kurze-Hosen-Alarm. Das schlug sich negativ auf die häusliche Stimmung aus, was mich am frühen Abend veranlasste, eine Außengastronomie aufzusuchen, wo dieser Eintrag zu Display gebracht wurde. Nebenbei vereitelte ich einen Suizid.

Dusselwespe

Auf einem Standbildschirm in Sichtweite wirbt mit der Überschrift „Stadtgestöhne“ ein Anbieter von Mastubatoren und Penispumpen für seine Produktpalette. Warum auch nicht, ein jeder kämpft in seinem Weinberg.

Samstag: Ich fühlte mich angeschlagen, schlapp, müde, als hätte ich am Vorabend im Übermaß dem Alkoholgenuss gefrönt. Zwar gab es am Vorabend das eine oder andere Glas, jedoch nicht in dem Maße, das als Begründung für mein angeschlagenes Wohlbefinden dienen könnte. Krankheit ist keine akzeptable Option, morgen brechen der Liebste und ich auf zu einer einwöchigen Schiffsreise auf dem Rhein. Daher schiebe ich es auf das Wetter, das heute feucht-schwül daherkommt.

Mittags verband ich eine Besorgung mit einem längeren Spaziergang auf die andere Rheinseite nach Beuel. Danach ging es mir immer noch nicht richtig gut, aber etwas besser.

Aus dem Bonner General-Anzeiger von heute:

Artikelüberschrift I: »Selbstfahrende Taxis erobern San Francisco«

Artikelüberschrift II: »Elektrisierendes Sprengpotenzial«

Aus einem Artikel über ein Punkertreffen in der Bonner Innenstadt: »Für das Wochenende hat er nach alter Punkerart eine Alkoholmischung namens Molotow Soda zusammengekippt, die traditionell in einem Fünf-Liter-Benzinkanister serviert wird. Der ursprüngliche Mix besteht aus Blue Curacao, Rum, Eierlikör und wird mit Bitter Lemon abgeschmeckt. Diesmal gibt es die vegane Version – ohne Eierlikör.«

Sonntag: „Keine Termine und leicht einen sitzen ist das wahre Glück“, zitierte eine junge Dame der Schiffs-Crew die Worte ihres Vaters und beschreibt damit meinen Zustand zum Zeitpunkt der Niederschrift zutreffend. Am Nachmittag legten wir in Köln-Deutz ab, seitdem verbringe ich die Zeit kuckend, essend, trinkend und wieder kuckend. Es ist nicht beabsichtigt, daran in den kommenden sieben Tagen Wesentliches zu ändern.

***

Kommen Sie gut durch die Woche.