Woche 16/2024: Heftiger April, Wanderlust und ein Umzug

Montag: „Ganz NRW ist stolz auf Leverkusen“ lobte der Ministerpräsident die örtliche Fußballmannschaft, die offenbar irgendwas gewonnen hat. Dem erlaube ich mir zu widersprechen. Ich gönne allen, die aktiv daran beteiligt waren sowie allen anderen, denen es was bedeutet, diesen Sieg, doch warum sollte er mich mit Stolz erfüllen? Ich habe nichts dazu beigetragen.

Die letzte Woche in meinem jetzigen Büro ist angebrochen. Vor viereinhalb Jahren zogen wir auf Wunsch und Weisung des damaligen Chefchefs vom nahen Mutterhaus in dieses Gebäude. Das fand ich erst blöd, allein schon wegen der Aussicht auf den Rhein vom bisherigen Schreibtisch aus, doch nach dem Umzug fühlte ich mich hier von Anfang an sehr wohl, weil es im Gegensatz zum Mutterhaus sehr ruhig ist. (Noch ruhiger wurde es mit Corona, darauf hätte ich gerne verzichtet.) Ab kommender Woche sind wir wieder drüben, daran werde ich mich gewöhnen müssen, vor allem die Menschengeräusche. Ein wenig freue ich mich auch drauf, allein schon wegen der Aussicht.

Nachmittags zeigte sich das Wetter sehr unfreundlich, Windböen umwehten das Werk, die App kündete von stärkerem Regen, der auf dem Bildschirm schon fiel, während es hinter dem Fenster noch trocken war. Das motivierte mich zu einem zeitigen Arbeitsende, was sich als gute Entscheidung erwies: Etwa eine halbe Stunde nach Heimkehr setzte erhebliches Brausen und Tosen an, das vom Sofa aus wesentlich angenehmer anzuschauen war als vom Fahrradsattel.

Übrigens ist die Rheinnixe wieder da; als ich gegen den Wind und mit bangem Blick gegen dunkles Gewölk nach Hause radelte, lag sie wieder an ihrem Anlegeplatz vor dem Rheinpavillon, als wäre sie nie weg gewesen.

Später zeigte sich aprilgemäß wieder die Sonne

Dienstag: Auch heute heftiger April. Morgens kam ich noch trocken zu Fuß ins Werk, die meiste Zeit mit tief in den Hosentaschen vergrabenen Händen, weil die Temperatur nach der Regenfront gestern Nachmittag (die Zeitung nennt es „Gewittersturm“, obwohl es meines Wissens weder geblitzt noch gedonnert hatte, Drama muss sein) deutlich gesunken ist. Nach Ankunft im Büro verdunkelte es sich, bald schlug starker Regen gegen die Fenster und labte die ergrünte Flora. Keine guten Aussichten für den geplanten Wandertag am Donnerstag.

Kalt
Da ist sie wieder

„Wer hat für das Thema die Hosen an?“ sagte eine in der Besprechung.

Abends holte ich Döner für uns. Auf dem Rückweg hörte ich einen zum anderen sagen: „Du kannst dich influencen lassen oder eben nicht.“ Vorher stellte ich fest, dass der schöne große Regenschirm, den mir die Lieben letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatten, nicht an seinem Platz hing. Da ich ihn als Einziger benutzt habe, liegt es nahe, dass ich es war, der ihn irgendwo vergaß. Wenn ich nur wüsste, wo.

Mittwoch: »Glück ist, wenn das Orchester einsetzt«, steht auf Werbeplakaten für eine örtliche Musikveranstaltung, darauf ein augenscheinlich glücklicher Dirigent. Wobei Zweifel aufkommen an seiner Kompetenz und Autorität, wenn das Anheben der Instrumente Glückssache ist.

Das Rätsel der Rheinnixe ist teilgelöst: Laut Zeitungsbericht war sie am Wochenende in der Werft, sie soll demnächst verkauft werden. Vollständig geklärt ist der Verbleib des Regenschirms: Ich vergaß ihn vergangene Woche beim Friseur, wo ich ihn heute unversehrt abholen konnte.

Der Schauspieler Wichart von Roël ist gestern gestorben. Wieder ein Ach-der-lebte-noch?-Moment. Die Älteren kennen ihn vielleicht noch als Opa in der legendären Klimbim-Familie, „Damals in den Ardennen“ und so. Auch eine Art von Humor, die heute, wenn überhaupt, allenfalls mit vorangestelltem Warnhinweis auf mögliche moralische Bedenklichkeiten gesendet würde.

Abends besuchte ich erstmals das Treffen der Bonner Ortsgruppe vom Bundesverband junger Autoren und Autorinnen e.V. (BVjA). Der Schwerpunkt lag eindeutig bei den Autorinnen, ich war der einzige anwesende – nun ja: Autor, das war nicht schlimm. Auch trete ich den anwesenden Damen wohl nicht zu nahe, wenn ich meiner Freude Ausdruck verleihe darüber, dass das j im Vereinskürzel aus gutem Grund klein geschrieben ist; soweit ich es sah, hob ich den Altersdurchschnitt durch meine Anwesenheit nicht wesentlich an.

Gehört zum Thema Ernährung: „Ich bin der Überzeugung, der Mensch ist gebaut wie ein Schwein.“ Bei manchen beschränkt sich das nicht auf die Bauweise, wäre ohne jeden Bezug auf Anwesende zu ergänzen.

Donnerstag: Der erste Inseltag des Jahres, also ein freier Tag zwischendurch. Bis zuletzt war aus Wettergründen offen, ob ich wie geplant wandern kann. Da es morgens trocken war und die Wetter-App für den weiteren Tag keine Regenfälle in Aussicht stellte, entschied ich mich für die Wanderung: dritte Rheinsteig-Etappe von Linz nach Bad Honnef, die ich vor drei Jahren (so lange ist das schon wieder her) schon einmal gelaufen war, in umgekehrter Richtung. Dabei hatte ich mich an einer Stelle gründlich verlaufen und es erst so spät bemerkt, dass auch die Wander-App nichts mehr retten konnte, es sei denn, ich wäre einige Kilometer zurück gegangen, das wollte ich nicht. Deshalb die Strecke heute nochmal, nur andersrum.

Nach Ankunft mit der Bahn in Linz ein kleines Frühstück (Rosinenschnecke und Kaffee) in einem Café, bevor es losging: Immer den blau-weißen Wegmarkierungen nach, die offenbar erst kürzlich erneuert worden sind; nur wenige Male benötigte ich die App, um nicht vom rechten Wege abzukommen. Immer wieder erstaunlich, wie neu eine Wegstrecke erscheint, wenn man sie andersrum geht. Die Entscheidung für die Wanderung heute war richtig: Das Wetter blieb trocken bis auf wenige Regentropfen gegen Mittag, die die Wanderlust nicht zu trüben vermochten, erst etwas kühl, was sich mit der ersten längeren Steigungsstrecke verlor, immer wieder zeigte sich auch die Sonne. Erkenntnis, wenn auch keine neue: Weniges ist beglückender, als frisch ergrünende, vögelbesungene Wälder zu durchstreifen.

Vergangene Pracht oberhalb von Linz
Hier meinte man es besonders gut mit der Wegweisung
Blick von der Erpeler Ley: rechts der namensgebende Ort, gegenüber Remagen
Insgesamt vier Trafotürme für die Sammlung säumten den Weg. Ein besonders schöner in Orsberg.
Beglückendes Grün
Allee oberhalb von Unkel
Moosansicht

Als am Nachmittag das Etappenziel Bad Honnef erreicht war, schien mir das zu früh zum Aufhören, obwohl ich da schon fünf Stunden gewandert war. Deshalb entschied ich mich, eine Teilstrecke der zweiten Etappe (Bad Honnef – Königswinter) anzuhängen, die beim letzten Mal im Juli 2020 wegen offenbar kurz zuvor gefällter, kreuz und quer auf den Wegen herumliegender Baumstämme und von Fahrzeugen zerfurchter Wege unpassierbar gewesen war.

Danach reichte es. Die Füße verlangten nach einer Pause, der Magen nach Nahrung. Beides fand sich in einem Imbisslokal in Bad Honnef. Manchmal lautet die einzig sinnvolle Antwort auf alle Fragen: Currywurst mit Pommes, dazu ein Weißbier.

Freitag: Anscheinend hatten die für das Wetter zuständigen höheren Mächte gestern Rücksicht genommen auf meine Wanderabsichten, bereits heute regnete und wehte es wieder heftig, deshalb war die Stadtbahn Verkehrsmittel der Wahl.

„Das ist – sportlich dürfen wir ja nicht mehr sagen – herausfordernd“, sagte eine in der Besprechung. Wer hat das wann verfügt? Warum wurde der Gebrauch von herausfordernd nicht gleich mit verboten? Ich hätte da noch ein paar weitere Vorschläge.

Es sportlich zu nennen wäre übertrieben, jedenfalls blieb ich in Bewegung, weil von unsichtbaren Mächten gesteuert die Sonnenschutz-Jalousien mehrfach versuchten, herunterzufahren, was mangels Sonnenschein besonders unsinnig war. Um sie daran zu hindern, musste ich mich jedes Mal zum Schalter neben der Bürotür begeben und sie wieder hochfahren. Anscheinend ein weiter verbreitetes Phänomen, wie bei Frau Kaltmamsell zu lesen ist.

Nachmittags bezog ich mein Büro im Mutterhaus und begann, mich einzurichten. Als erstes baute ich den zweiten Monitor ab, weil er für mein Empfinden zu viel Platz auf dem Schreibtisch beanspruchte und schon auf einem genug Unbill erscheint. Ich weiß nicht, wozu so viele mittlerweile mindestens zwei Bildschirme und ein aufgeklapptes Laptop benötigen. Die Aussicht auf Rhein, Siebengebirge und Bad Godesberg ist erfreulich, heute war sie durch heftigen Regen getrübt. Alles Weitere kommende Woche, sofern die beiden Umzugskartons aus dem bisherigen Büro gebracht werden. Es hat keine Eile.

Samstag: Morgens spielten sie bei WDR 2 wieder dieses Jerusalema-Lied. Seit den frühen Achtzigern bis vor nicht langer Zeit war WDR 2 ein von mir bevorzugt gehörter Radiosender, gerade auch wegen der Musik, das erwähnte ich sicher schon. Das hat sich geändert, seit man auch dort als Hörer ungefragt geduzt wird. Ein weiterer Grund ist vorgenanntes Lied, ich finde es gar grauenvoll, es steht auf meiner ungeschriebenen Liste der Radioabschaltgründe gleich hinter dem Wellerman und noch vor Giesingers frustrierter tanzender Mutter.

Herzlichen Glückwunsch dem Liebsten zum Geburtstag und allen, die Wiho heißen, zum Namenstag. Aus erstem Anlass suchten wir abends ein (für uns) neues Restaurant in der Nordstadt auf. Wir waren sehr zufrieden mit Qualität, Service, Preisen und voraussichtlich nicht zum letzten Mal dort.

Sonntag: Katja Scholtz in der FAS über den Verzehr von Meeresgetier:

»… ich habe es genau beobachtet in französischen Restaurants — man benötigt ein kompliziertes Operationsbesteck, lebenslange Erfahrung und vor allem sehr viel Geduld, um aus winzigen Krustentierenscheren zwei Milligramm Fleisch herauszufriemeln und dabei auch noch gut auszusehen.«

Das kenne ich gut.

Während des Spazierganges sah ich ein rätselhaftes Verkehrsschild:

Wer oder was ist frei? Halbierte Autos?

Da hat wohl jemand zu viel Pantothensäure verabreicht bekommen:

Auf einer Schachtel mit Vitaminpillen

***

Kommen Sie gut durch die Woche. Ziehen Sie sich warm an, es soll kalt werden.

Woche 15/2024: Sprich ens schön

Montag: Der April bringt dieses Jahr eine Art Vorsommer mit sich, jedenfalls ab Mittag; morgens war noch die leichte Daunenjacke angebracht, nachmittags zurück wäre ein T- oder Poloshirt ausreichend gewesen. Das führte auf der Heimfahrt zu einer etwas kuriosen Situation, die vermutlich nur ich wahrgenommen habe: Während ich mit Jacke bekleidet zurück radelte, weil ich zuvor zu bequem gewesen war, sie anderweitig zu verstauen, ich weiß, eine äußerst faule Begründung, aber so war es, kam mir auf der Gegenspur ein Radler mit freiem Oberkörper entgegen. Spätestens da wurde mir heiß.

Dienstag: Bereits gegen halb fünf wachte ich auf und schlief nicht wieder ein. In dieser Zeit kam mir eine fabelhafte Schreibidee.

Zu Fuß ins Werk wie dienstagsüblich, wegen Regengefahr nicht am Rheinufer entlang, sondern an der Adenauerallee, um im Niederschlagsfalle rasch in die nächste Stadtbahnhaltestelle huschen zu können. Jedoch bestand kein Huschbedarf, die paar Regentropfen konnte der Schirm abwehren, so dass ich trockenen Fußes und Hosenbeins das Büro erreichte.

Auf der Adenauerallee, die, wie berichtet, zugunsten der Fahrräder von vier auf zwei Kraftfahrspuren reduziert wurde, war auch heute nichts von den vielbeschrienen Staus zu sehen, der Verkehr floss flüssig dahin.

Mittwoch: Frühmorgens wurde ich im Traume von einem Unbekannten an den Füßen aus dem Bett gezerrt. Beim Aufwachen schlug ich auf den Liebsten neben mir ein, vielleicht war er deswegen heute Morgen ein wenig unleidlich. Danach lag ich längere Zeit wach, ehe ich wieder einschlief. Während des Wachens stellte sich keine neue Schreibidee ein; immerhin ergab sich daraus diese Notiz.

Verkehrsbeobachtung: Immer wieder drollig, wenn Autofahrer glauben, indem sie mehrfach ein paar Zentimeter verrollen, könnten sie die Ampel zum Ergrünen bewegen.

Donnerstag: Auch heute wachte ich vorzeitig auf, immerhin erst kurz nach fünf. Was ist nur los mit meinem Schlaf? Vielleicht zu wenig Alkohol, den letzten gab es am Sonntagnachmittag. Ob ich danach wieder einschlief, kann ich nicht sicher sagen. Manchmal meint man ja, man hätte stundenlang wach gelegen, obwohl man zwischendurch schlief, ohne es zu merken.

Die Rheinnixe ist weg. Wie berichtet lag sie nach ihrer Außerbetriebnahme erst längere Zeit am Beueler Ufer, vor einigen Monaten wurde sie verlegt an ihre alte linksrheinische Anlegestelle, warum auch immer. Nun ist sie verschwunden. Leb wohl, kleine Personenfähre, die ich nur selten nutzte. Hoffentlich tut man dir nichts Böses.

Vorletzte Woche Dienstag
Heute Nachmittag

Freitag: Heute vor fünfundzwanzig Jahren zog ich von Bielefeld nach Bonn, wie die Zeit vergeht. Während der Fahrt wurde im Autoradio von dem schweren Unfall bei der Wuppertaler Schwebebahn mit Toten und Verletzten berichtet, das sich am Morgen desselben Tages ereignet hatte. Deshalb werde ich beides immer miteinander in Verbindung bringen, wenngleich es außer dem Datum keine gibt.

Vormittags auf der Betriebsversammlung sagte der Personalvorstand einen klugen Satz zu Work-Live-Balance, den ich nur sinngemäß wiedergeben kann: „Das bedeutet: hier Arbeit, da Leben. Im Idealfall lebt man auch während der Arbeit.“

„Laufen Sie am Wochenende auch Marathon?“, fragte mich mittags der Mann hinter dem Postschalter. Anschließend lachten wir beide herzlich.

Wer noch wegen der Kirschblüte nach Bonn zu reisen beabsichtigt, sollte sich beeilen

Samstag: »Wo verbringst du die Ewigkeit?«, fragt eine sich Seelenretter nennende Gruppierung per Banner hinter einem Flugzeug, das vormittags beim Balkon-Frühstück über die Innenstadt flog. Darüber habe ich mir bislang keine Gedanken gemacht, zumal ich davon ausgehe, dass die Ewigkeit ohne mich beziehungsweise meine möglicherweise rettungsbedürftige Seele ganz gut klarkommen wird.

»Wo siehst du dich in zehn Jahren?« lautet thematisch ähnlich die Tagesfrage. Vorausgesetzt, ich lebe dann noch, was keineswegs sicher ist, wie im aktuellen SPIEGEL zu lesen ist, sind wir der Auslöschung durch einen Atomkrieg näher als je zuvor, auf jeden Fall im Ruhestand. Alles andere wird man dann sehen.

Aus der Reihe Dat is rheinisch in der Tageszeitung: „Sprich ens schön!“ ermahnten rheinländische Eltern früher ihre Kinder, hochdeutsch zu reden, um außerhalb familiärer Runde einen guten Eindruck zu hinterlassen, etwa wenn man zu Besuch war. Ein Satz, der sich auch gut in Besprechungen anbringen ließe, wenn eine, wie erst gestern gehört, so etwas sagt wie „Wir sind gut ongeboardet“.

Übrigens: Der Gebrauch von „natürlich“ ist meistens genau so überflüssig wie „eigentlich“. „Tatsächlich“ sowieso.

Nach dem Frühstück zog es mich raus in die Stadt, zum einen wegen des sommerlichen Wetters, zum anderen weil der Geliebte umfangreiche Raumpflegeabsichten hegte, da will man nicht im Wege sitzen. Außerdem beabsichtigte ich, mir weiße Turnschuhe zu kaufen, da die alten mittlerweile rissig geworden sind. Ich bin nicht der Meinung, dass man mit siebenundfünfzig unbedingt weiße Turnschuhe benötigt, aber heute war mir danach, es ist nicht immer alles rational zu erklären.

Nach Erwerb der Schuhe, die ich ohne langes Suchen sofort im ersten Laden fand, verließ ich das Menschengewusel der Fußgängerzone und setzte mich auf eine Bank am Rheinufer, um Blogs zu lesen. Dabei hob ich immer wieder den Blick, um zu sehen, was es sonst noch zu sehen gab. Unter anderem auf dem Rhein einen Wassersportler auf einem Brett etwa von der Größe eines Skateboards, das, mutmaßlich elektrisch angetrieben, gut eine Handbreite über dem Wasser zu schweben schien. Was es alles gibt.

Sie können nicht anders
Begleitgetränk bei Niederschrift. Für manches ist es nie zu früh.

Sonntag: In Bonn ist Marathonlauf. Auch einem an Sportereignissen Uninteressierten wie mir entgeht das nicht, etwa durch zahlreiche Menschen zu Fuß und Rad in der Stadt mit Insignien der Teilnahme wie Trikot, Startnummer, Rucksack und Umhängeband in den Farben des großen Sponsors, der, nebenbei bemerkt, auch mich seit vielen Jahren sehr zuverlässig sponsort, wenn auch nicht für Marathonlaufen. Das ist überhaupt das Beste an so einem Lauf, die Teilnahme ist völlig freiwillig.

..

In einer Nebenstraße zur Laufstrecke war der Gehweg trotz eindeutiger Halteverbotskennzeichnung durch zahlreiche Autos zugeparkt, die meisten bereits mit einem Gruß des Ordnungsamts unter dem Scheibenwischer. Das führt vielleicht wieder, wie bereits bei anderen Anlässen geschehen, zu Empörungsäußerungen gegen die Stadt mit der absurden Begründung, man habe doch immer zu Marathon dort geparkt, niemals hätte man dafür einen Strafzettel erhalten. Regelverstoß als Gewohnheitsrecht.

Auch so eine dumme Gewohnheit

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Kommen Sie gut durch die Woche.

Gut gemeint – eine Fabel

Die alte Eule hatte ihr Leben weitgehend gelebt. Nachdem der alte Euler erst erkrankt, dann gestorben war, hatte sie die gemeinsame Wohnhöhle verlassen und sich im selben Wald eine neue, kleinere gesucht. Darin hatte sie sich behaglich eingerichtet und fühlte sie sich sehr wohl. Sie blühte noch einmal auf, den alten Euler vermisste sie nicht allzu sehr. Sie war noch im Besitz ihrer Kräfte, fing sich Mäuse, besuchte die anderen alten Eulen im Wald oder empfing sie bei sich in ihrer gemütlichen Höhle. Ihre Kinder waren schon lange ausgeflogen in andere, entfernte Wälder, wo sie ihr eigenes Leben lebten. Manchmal besuchten sie die alte Eule, dann freute sie sich. Wenn sie danach wieder weg waren, freute sie sich auch.

Eines Tage lernte die alte Eule bei einem Ausflug im Wald die junge Elster kennen, sie freundeten sich an. Von da an kam die Elster häufig zu Besuch, sie brachte der Eule Mäuse und andere Leckereien mit, auf dass die Eule nicht mehr selber jagen musste. Manchmal, wenn es der Eule nicht so gut ging, blieb die Elster über Nacht bei ihr; wenn die Eule zu Doktor Uhu musste, kam die Elster mit und gab dem Doktor Ratschläge, was der Eule fehlte. Bald sah man die beiden nur noch gemeinsam. Die anderen Tiere im Wald fragten sich, warum die alte Eule nur noch in elsterlicher Begleitung anzutreffen war. Kam sie nicht mehr allein zurecht?

Manchmal, wenn die Elster bei ihr war und auf sie einschnatterte, wünschte sich die Eule Ruhe, mehr Zeit allein mit sich. Auch merkte sie, wie für sie das Mäusefangen immer beschwerlicher wurde, da sie zunehmend aus der Übung kam. Manchmal stritten sie sich, was die Eule sehr traurig machte; früher hatte sie sich nie gestritten, selbst die Marotten des alten Eulers hatte sie stets mit Gleichmut ertragen. Dann flog die Elster weg, kehrte aber bald zurück.

„Sollen wir mit der Elster mal ein ernstes Wort reden?“, fragten die Eulenkinder, als sie zu Besuch waren. Nein, das wollte die Eule nicht, tat doch die Elster so viel für sie, viel mehr, als die Kinder von ihren fernen Wäldern aus zu tun vermochten, und wofür sie der Elster sehr dankbar waren. „Komm in unseren Wald, dort ist es auch schön. Dann bist du in unserer Nähe“, sagte der eine Eulensohn. Das wollte die Eule auch nicht, zu sehr hätte sie ihre Höhle, ihren Wald und die anderen alten Eulen vermisst. Doch die wurden immer weniger, eine nach der anderen starb oder wurde vom Fuchs geholt. Auch für sie würde vielleicht bald die letzte Nacht anbrechen, aus der kein neuer Tag erwacht. Bis dahin hätte sie gerne, wenigstens ab und zu, in Ruhe weitergelebt. Und die eine oder andere Maus selbst gefangen, damit sie es nicht ganz verlernt.

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Ähnlichkeiten mit lebenden Personen, Eulen und Elstern können nicht ganz ausgeschlossen werden.

Woche 14/2024: Voller Einsatz und ein spontanes Wiedersehen

Montag: Mein Dank gilt der Christenheit für diesen weiteren arbeitsfreien Tag*. Da morgens anhaltender Regen auf das Fensterbrett vor dem Schlafzimmer prasselte und keine besonderen Verpflichtungen anstanden, blieben wir auch heute etwas länger liegen. Das Frühstück begann erst, als in anderen Haushalten schon das Osterlamm (oder der -blumenkohl, je nach Ernährungsgewohnheiten) aufgetischt wurde.

Danach hielten mich Regen und Feiertag nicht davon ab, Flaschen zum Altglascontainer zu bringen, wir waren diesbezüglich seit Rückkehr aus Frankreich recht produktiv. (Dort im Übrigen auch, jedoch kümmerten sich andere um die Entsorgung geleerter Flaschen.) Ich weiß, an Feiertagen darf man keine Flaschen einwerfen, doch schert mich das nicht: Erstens befindet sich in Hörweite der Container keine Wohnbebauung, zweitens ist es Motorrädern auch an allen Tagen erlaubt, ungehemmt durch die Gegend zu knallen.

Die Entsorgung verband ich mit einem Spaziergang an den Rhein und durch die Innere Nordstadt, die auch heute von Kirschblütenbegeisterten gut besucht war, nicht ganz so stark wie an den Vortagen. Dabei wunderte ich mich über mehrere Menschen, die trotz Trübnis Sonnenbrille trugen.

* Gab es schon Überlegungen, nur noch Kirchenmitgliedern den freien Tag zu gewähren, um den zunehmenden Kirchenaustritten zu begegnen und die darbende Wirtschaft zu stärken? Nur ein Gedanke, um Himmels Willen kein Vorschlag an gesetzgebende Stellen oder die FDP.

Dienstag: Wie üblich nach einem Urlaub kostete es am ersten Arbeitstag wieder erhebliche Energie, Interesse aufzubringen, für was zu interessieren ich gut bezahlt werde. Hinzu kam ab Mittag schwere Müdigkeit, zumal ich in der letzten Nacht nicht sehr gut geschlafen hatte. Zudem mutet ein leichtes Kratzen im hinteren Rachen wie der Beginn einer neuen Erkältung an, was ich, da die alte kaum vollständig abgeklungen ist, dem Körper persönlich übel nehmen würde.

Ansonsten zeigte sich der Arbeitstag gnädig: die Zahl der Mails überschaubar, darunter keine heute zu erledigenden Dringlichkeiten, nur eine Besprechung. Ab morgen dann wieder voller Einsatz.

Woanders is‘ auch sch …
Verstehe ich nicht

Mittwoch: Wegen Regens nahm ich morgens die Bahn. Am Hauptbahnhof stieg ein mitteljunges Paar mit geöffneten Handbieren ein, setzte sich in die Vierergruppe neben meiner und begann, sich über einen offenbar unwohlmeinenden Kioskbesitzer auszulassen, unter anderem fiel das Wort „Gammler“. Kurz darauf setzte sich ein junger Mann ihnen gegenüber, der sogleich ins Gespräch einbezogen wurde, indem sie ihm als erstes Bier anboten, das er dankend ablehnte mit Hinweis auf anstehende Werktätigkeit. Sie ließen nicht locker und entlockten ihm, dass er ein in Bonn geborener und lebender Kroate ist, woraufhin der Mann sagte: „Kroatien … da fällt mir gleich Cevapcici ein. Isst du gerne Cevapcici, oder ist die Frage diskriminierend?“ – „Fühlst du dich mehr als Deutscher oder Kroate?“ – „Wenn Deutschland gegen Kroatien Fußball spielt, für wen bist du dann?“ So ging das weiter, geduldig und schüchtern beantwortete der Junge alle Fragen. Ich bewunderte ihn, gleichzeitig tat er mir leid. Ich an seiner Stelle hätte mir wohl einen anderen Platz gesucht oder wäre ausgestiegen und mit der nächsten Bahn weitergefahren. Womöglich sind Kroaten geselliger oder toleranter gegen dummes Geschwätz als Ostwestfalen, aber vermutlich ist das wieder eine unzulässige Verallgemeinerung.

Im Büro der übliche Kram. Wenn eine Mail beginnt mit »Hi, wie beim letzten Meeting zum Thema schon anmoderiert«, tendiert meine Lust zum Weiterlesen gegen Zero.

Es ist nicht mehr zu übersehen: Diese Spezies wird zunehmend irre. Wenn Sie mal wirklich nichts besseres zu tun haben, rufen Sie den angegebenen Link auf, das ist recht unterhaltsam zu lesen.

Donnerstag: Die Tage las ich einen interessanten Artikel darüber, dass Produkte durch scheinbare Innovationen für den Anwender schlechter werden. Als Beispiele wurden Herde und Autoarmaturen genannt, die statt über klassische Drehknöpfe und Schieberegler nur noch über unverständliche Displays zu bedienen sind.

Ähnliches erfuhr ich gestern, als Microsoft mir vorschlug, die App To Do zu verwenden statt der Outlook-Aufgabenverwaltung, die mir ein wichtiges Werkzeug bei der täglichen Werktätigkeit ist. Neuerungen gegenüber durchaus aufgeschlossen stimmte ich zu und war sogleich enttäuscht, was nicht oder allenfalls sehr entfernt an der Bezeichnung der App lag. Sie ist unübersichtlich, ich vermisse die Gruppierung nach „Nicht begonnen“, „In Bearbeitung“, „Wartet auf anderen“ usw., auch empfand ich die Nutzung als wenig selbsterklärend. Daher nutze ich ab heute wieder die Outlook-Funktion und bin damit sehr zufrieden.

»Welche olympischen Sportarten siehst du dir am liebsten an?« lautet die Frage des Tages. Da fragen sie den Richtigen. Mangels Interesse schaue ich mir niemals sportliche Aktivitäten irgendwelcher Werbeträger an. Hinzu kommt, ich halte das IOC für eine korrupte Verbrecherbande, genauso die FIFA. Aber wenn man mich unter Gewaltandrohung und Alkoholentzug zwingen würde, wähle ich Turmspringen der Männer. Nicht aus sportlichem Interesse, rein aus optischen Gründen.

Freitag: Aus zeitlichen Gründen war es mir heute nicht möglich, mich an der Aktion #WMDEDGT von Frau Brüllen zu beteiligen. Das ist nicht als Klage zu verstehen, ganz im Gegenteil. Grund war ein recht spontanes Wiedersehen am Nachmittag und Abend mit der lieben Blogfreundin Frau Kraulquappe, über das ich mich sehr freute.

Foto: Der Liebste

Samstag: Lästige Vereinspflichten erforderten unzeitiges Aufstehen in der Frühe und eine Autofahrt nach Ostwestfalen. Beides, sowohl die Fahrt als auch die Pflicht, verliefen zufriedenstellend; im Anschluss besuchte ich die Mutter in Bielefeld, mit der ich einen erfreulichen Abend zu zweit verbrachte. An dessen Ende saßen wir in milder Abendluft mit einem Abendglas auf dem Balkon und schauten, die Straßenbahnendhaltestelle in Sichtweite, den Bahnen beim Ankommen und Abfahren zu. Das war sehr schön.

Pöter (m), ostwestfälsche Bezeichnung für eine hintere südliche Körperregion

Sonntag: Auch die Rückfahrt verlief ohne nennenswerte Ereignisse, noch vor Einsetzen des Oster-Rückreiseverkehrs kam ich nach gut zwei Stunden in Bonn an. Gleichwohl wurde meine grundsätzliche Abneigung gegen das Autofahren bestätigt. Augenscheinlich ist es nicht mehr erforderlich, beabsichtigte Fahrstreifenwechsel zuvor durch Blinken anzukündigen; die diesbezügliche Anpassung der Straßenverkehrsordnung muss mir entgangen sein.

Apropos Autobahn: Hat unser großartiger Verkehrsminister wirklich geäußert, ein Tempolimit sei schon deshalb nicht sinnvoll, weil der dadurch entgangene Zeitgewinn viele Autofahrer dazu bewegen würde, stattdessen die kürzere Strecke über die Dörfer zu wählen, das wäre der Landbevölkerung nicht zuzumuten?* Das ist ja noch besser als das Argument fehlender Verkehrsschilder vor einiger Zeit, Sie erinnern sich vielleicht. Fast kommt es heran an den von Marie Antoinette mutmaßlich nie gesagten Satz mit dem Brot und dem Kuchen. Es ist offensichtlich: Die FDP will uns hinter die Fichte führen.

*Aufgelesen hier im LandLebenBlog

Nach Rückkehr und kurzem Erlebnisaustausch mit meinen Lieben begab ich mich auf den üblichen Spaziergang, nach längerer Autofahrt besonders erforderlich. Die Innere Nordstadt lockt weiterhin zahlreiche Kirschblütenposer aus aller Welt, doch nicht mehr lange: Die ersten grünen Blätter wachsen aus dem pinken Gewölk, die Blütenblätter werden blasser und beginnen, abzufallen.

Jeder ist auf seine Art bekloppt

Der Lieblingsbiergarten hat seit gestern wieder geöffnet, das freut mich besonders. Dort hielt ich Einkehr auf ein Dunkles mit Brezen und las die Blogs der letzten drei Tage nach, wozu ich bislang nicht kam. Man war wieder überaus fleißig.

***

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, lassen Sie sich hinter keine Fichte führen, weder von der FDP noch sonst wem.

Woche 13/2024: Nahezu unerschütterliche Höflichkeit und instagramable Gesichtszüge

Montag: Da man auch im Burgund nicht permanent nur essen und Wein trinken kann, liehen der Liebste und ich uns heute die hoteleigenen Fahrräder und fuhren damit durch Weinberge und -dörfer bis ins etwa fünfundzwanzig Kilometer entfernte Santenay, nach kurzer Rast mit Pain au chocolat und Rosinenschnecke (ohne Weinbegleitung) aus der örtlichen Boulangerie wieder zurück. Wie bereits im letzten Sommerurlaub wusste ich die bedarfsweise Unterstützung durch einen Elektroantrieb bei solchen Touren wieder sehr zu schätzen.

In den Weinbergen wurde emsig gearbeitet an den noch blattlosen Reben, auf dass der Jahrgang 2024 gelinge und von Kennern zu Höchstpreisen gekauft werde. Währenddessen stellte ich mir vor, statt Wein würde man seit Jahrhunderten Hanf anbauen und in Deutschland würde jetzt über die Legalisierung von Alkohol debattiert.

Kirschblüte bei Meursault
Vergangene Pracht in Meursault
‎⁨Chassagne-Montrachet⁩
Bei ‎⁨Chassagne-Montrachet⁩
Nicht nur dieser Ort steht zurzeit Kopf. Mehr dazu bei Bedarf hier.

Der Geliebte blieb unterdessen in Beaune und kaufte den hiesigen Lidl leer, auf dass wir am Samstag nicht mit zu viel Luft im Wagen nach Hause fahren.

Dienstag: Im Gegensatz zu gestern zeigte sich der Tag regnerisch-trüb. Nach dem deutlich späteren Frühstück begaben wir uns in die örtliche Kultur, genauer ins Cité des Climats et vins de Bourgogne, ein neu gebautes Informationszentrum über, wie sollte es anders sein: Wein. Thematisch reicht die gut gemachte, teilweise interaktive Ausstellung von der erdgeschichtlichen Entstehung der Region über Anbau und Herstellung bis zum korrekten Servieren von Wein und Cremant, wobei über den weit verbreiteten Irrtum aufgeklärt wird, Rotwein und Käse seien natürliche Verbündete; zu vielen Käsesorten passt Weißwein viel besser. Damit die Wissensvermittlung nicht zu theoretisch-trocken bleibt, wird auch ein Probierschlückchen gereicht.

Une œvre d’art
Die Bedürfniseinrichtungen in der zugehörigen Gastronomie sind sehr sauber

Mittwoch: Mindestens zweimal fand ich heute das Verhalten von Menschen, sagen wir: bemerkenswert. Zuerst im Frühstücksraum des Hotels, wo sich morgens eine größere Gruppe aufhielt, deren Mitglieder sich offenbar kannten, vielleicht Angehörige derselben Firma auf einer geschäftlichen Veranstaltung. Nach vollzogenem Frühstück hielt man sich noch länger auf, lief von Tisch zu Tisch und blieb dort schwatzend stehen. Eine Frau stand längere Zeit direkt an unserem Tisch und telefonierte. Nur meine nahezu unerschütterliche Höflichkeit hielt mich ab, ihr einen Platz auf meinem Schoß oder direkt meinen Stuhl anzubieten.

Vormittags nahmen wir an einer durch das Hotel vermittelten Führung durch ein örtliches Weingut teil. Mit uns vier Amerikaner, deren eine äußerlich gewisse Ähnlichkeit mit Yoko Ono aufwies. Sie verbarg ihr Antlitz zeitweise hinter einer riesigen Sonnenbrille und widmete ihre Aufmerksamkeit lieber ihrem Datengerät statt dem Vortrag. Das fand ich ungezogen gegenüber der jungen Erklärerin.

Donnerstag: Nachdem die Business-Bande offenbar abgereist war, herrschte morgens im Frühstücksraum wieder angenehme Ruhe. Zu hören waren nur leises Gemurmel, Frühstücksgeklapper, dezente Hintergrundmusik und das Rauschen des Eierkochbeckens. Am Ende kamen wir mit einem deutschen Paar ins Gespräch, das sich dankbar zeigte für ein paar Tipps zu Unternehmungen in der Umgebung, deren wir reichlich geben konnten.

Nach dem Frühstück fuhren wir nach Dijon, berühmt für seinen Senf, den es immer noch gibt, obwohl dort inzwischen weder welcher angebaut noch hergestellt wird, sagt der Liebste; ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln. Ansonsten machten wir dort außer ein paar Einkäufen (Textilien und Tee) und der Stärkung in einem Bistrot nichts erwähnenswertes. In der Markthalle herrschte eine Stunde vor Schließung schon Abbaustimmung, viele Stände waren bereits abgeräumt, die Bar zu unserem Bedauern geschlossen.

Dijon mit beeindruckenden Schornsteinen

Beim Überfliegen eines Zeitungsartikels über einen Bonner Sternekoch (beziehungsweise Sternkoch, er hat nur und immerhin einen) empfand ich Dankbarkeit dafür, dass meine Eltern für mich die Namen Carsten Rainer und nicht Rainer Maria ausgewählt haben.

Freitag: Heute ist Karfreitag. Die Franzosen, seit geraumer Zeit die saubere Trennung von Staat und Religion gewöhnt, schert das nicht. Derweil wird in Deutschland, wie jedes Jahr, darüber diskutiert, ob das Verbot von Tanzvergnügen an stillen Feiertagen noch zeitgemäß ist. (Meines Erachtens nicht. Wer Jesus betrauern möchte, kann das tun, doch sollte die ungläubige Mehrheit dadurch nicht behelligt werden.)

Nach dem Frühstück gingen meine Lieben mit kommerziellen Absichten in die Stadt. Da mich Einkäufe eher langweilen, machte ich einen Spaziergang in die nähere Umgebung des Hotels, unter anderem durch einen recht hypschen Park. Wegen einsetzenden Regens ging ich bald zurück mit feuchten Zehen und der Erkenntnis, dass die letztens erstandenen Adidas-Schuhe nur für trockenes Wetter geeignet sind.

Beeindruckende Unterwasservegetation
(Keine) Einkehrmöglichkeit im Parc de la Bouzaise

Samstag: Die Woche in Beaune ist vorüber. Nach dem Frühstück und Begleichung der beachtlichen Hotelrechnung (im Rahmen der Erwartung, das war es wert) machten wir uns bei trübem Regenwetter auf den Rückweg nach Bonn.

Kurz vor Luxemburg plagte meine Lieben Appetit auf Schnellessen, deswegen suchten wir an einer Raststätte das dortige Restaurant zum güldenen M auf. In einem solchen war ich schon seit Jahren nicht mehr. Man bestellt nicht mehr persönlich am Tresen unter Beantwortung zahlreicher Fragen, sondern wählt und bezahlt das Gewünschte an einem großen Bildschirm, erhält einen Beleg mit Wartenummer und holt das Mahl nach Aufruf nämlicher Nummer am Tresen ab. (In unserem Fall musste erst eine Servicedame den Beleg operativ aus dem Bestellapparat entnehmen, da er ihn nicht freiwillig preisgab. Ganz ohne Menschen geht es eben nicht, hat auch was Tröstliches.) Mein erster Cheeseburger nach langer Zeit zeigte mir, wie sehr ich derlei vermisst habe: überhaupt nicht. Aber wahrscheinlich war ich einfach nur verwöhnt nach einer Woche burgundischer Küche.

Danach suchten der Geliebte und ich die Toilettenanlage im Untergeschoss auf. Nach Überwindung der Bezahlschranke gerieten wir versehentlich in die Damenabteilung, wie wir erst beim Verlassen der Anlage bemerkten; bei der Beschilderung sehe ich Verbesserungspotential. Erstaunlicherweise wurden wir weder beschimpft, noch sind Verluste primärer Geschlechtsorgane zu beklagen.

Sonntag: Morgens um sieben von Blasendruck geweckt hörte ich in der Ferne zahlreiche Glocken durcheinander läuten, ganz leise und nicht störend. Vielleicht, weil die österliche Läuteordnung das so vorsieht, ich kenne mich da nicht aus. Nur die nahe Stiftskirche schwieg ohrenscheinlich, vielleicht hatte der zuständige Glöckner verschlafen, oder die Glocken waren mit der Bahn nach Rom gereist und standen nun auf der Rückreise wegen einer Stellwerksstörung vor Koblenz. Oder ein Anwohner hat erfolgreich gegen das Frühläuten geklagt.

Die Uhrenumstellung hatte ich erst für die kommende Nacht im Sinn (oder „auf dem Schirm“, wie es im Werk oft heißt), war deswegen etwas überrascht, bereits heute eine Stunde später das Bett zu verlassen. Das ist nicht schlimm, bis zum Montagmorgen, der in der kommenden Woche auf Dienstag fällt, wird sich das eingependelt haben.

Nach dem späten Frühstück, erstmal in diesem Jahr auf dem Balkon, unternahm ich einen besonders langen Spaziergang, zumal das wöchentliche Gehpensum urlaubsbedingt nicht erreicht war. In der Inneren Nordstadt zieht die berühmte Blüte der Zierkirschen wieder zahlreiche Besucher aus aller Welt an, um instagramable Fotos von sich zu machen beziehungsweise machen zu lassen. Dabei stellen sie, insbesondere die jungen Frauen, Posen und Gesichtszüge zur Schau, die nur schwer zu beschreiben und erst recht nicht nachzuahmen sind.

So jedenfalls nicht

Am frühen Abend unterbrach heftiger Regen mit Gewitter das Treiben, dies bitte ich ohne jede Schadenfreude zu verstehen. Nachdem der Regen durch war, der Himmel im Osten noch dunkel, füllte sich die Breite Straße wieder, auch die Blüten haben keinen Schaden genommen, ich habe extra noch mal für Sie nachgeschaut. Wenn Sie also ebenfalls eine Reise nach Bonn zum Blütenschauen planen, lassen Sie sich nicht davon abhalten, noch lohnt es sich.

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Kommen Sie gut durch die Woche. Joyeuses Pâques.