Privatsache

Als kürzlich ein ehemaliger Fußballnationalprofi öffentlich bekannt gab, er sei mehr dem eigenen Geschlecht zugetan, gab es – neben reichlich Lob und Anerkennung – auch Stimmen, die da fragten: Wen interessiert das, warum muss er das rausposaunen? Das ist doch Privatsache!

Gegenfrage: Warum muss ich in einem Zeitungsartikel über den Eintritt eines ehemaligen BDI-Präsidenten in eine zweifelhafte Partei völlig zusammenhanglos lesen, er sei „in zweiter Ehe verheirateter Vater“? Warum enden so viele Reportagen und Berichte über Personen, die irgendwas mehr oder weniger bedeutendes getan oder gesagt haben, mit dem Satz „A. ist verheiratet und hat drei Kinder“? Wen interessiert das? Das ist doch Privatsache!

Aber wenn schon Privatangelegenheiten ohne Grund oder erkennbaren Zusammenhang vom Licht der Öffentlichkeit angestrahlt werden müssen, warum dann immer nur dieser Familienstandskram und nicht zur Abwechslung mal andere, ähnlich interessante Fakten? Hier einige Vorschläge:
„A. hat blaue / grüne / graue / braune Augen“ oder „ein Glas- / Hühnerauge.“
„… der bekennende Raucher / Nichtraucher B. …“
„C. rasiert sich / rasiert sich nicht die Schamhaare.“
„Der Kronzeuge D. kann nicht singen.“
„Die Rechtsanwältin E. kann nicht klagen.“
„Der Kirchenkritiker F. bevorzugt rote Götterspeise.“
„Der begeisterte Porschefahrer G. hat einen enorm großen Penis.“
„Der bekennende Heterosexuelle H. mag Analsex, passiv.“

Das interessiert keinen? Ach…

So geht normal

Aus aktuellem Anlass ein Nachtrag zu meinen Zeilen vom letzten Samstag:

 

 

Heute berichtet der Bonner General-Anzeiger über Michael Salomo, den Bürgermeister der (ausgerechnet!) baden-württembergischen Gemeinde Haßmersheim, mit 25 Jahren der jüngste seiner Zunft, wodurch er nun das Presseinteresse auf sich zieht. Berichtet wird über seine ersten Arbeitstage, seinen Werdegang und seine Pläne; er sagt kluge Sätze wie „Eine Verwaltung ist nur effizient, wenn die Mitarbeiter auch gute Stimmung haben“, also alles recht unspektakulär.

 

Man muss sich weder den Namen Salomo merken, noch bei Google Maps nachschauen, wo genau Haßmersheim liegt. Was den kurzen Artikel für mich so bemerkenswert macht, ist folgende Textstelle: „Erst mal hat er sich in Haßmersheim ein Haus gesucht. Bis das saniert ist, pendelt er von Stuttgart aus in die Gemeinde. Sein Lebenspartner soll bald nachziehen.“ Dä!

 

Das ist alles. Weder weist der Text die Wörter „schwul“ oder „homosexuell“ auf, noch „bekennt sich“ Herr Salomo zu irgendetwas, außer dass er verständlicherweise ein bisschen aufgeregt ist. So könnte die Normalität irgendwann mal aussehen, die ich mir in diesem Zusammenhang wünsche. Danke, General-Anzeiger!

Galaktika in der Hosentasche

Neulich fragte unserer Nachbar, jenseits der siebzig: „Was macht ihr da eigentlich immer, wenn ihr auf eure Dinger kuckt?“ Gemeint waren die iPhones. Antwort: Twitter, Facebook, Whats App, die Uhrzeit, das Wetter, Spiele, Nachrichten, jetzt auch noch Quizduell, es ist eine verdammte Sucht. Die Antwort hätte auch sein können: auf Grindr und Gayromeo schauen, ob kopulationsbereite Kerle in der Nähe sind, Wunder gibt es immer wieder, wovon schon Katja Ebstein ein Lied singen konnte.

 

Wie auch immer die Antwort lautet, die Frage bleibt im Raume stehen, und ich stelle sie mir selbst immer öfter: Was mache ich da eigentlich? Schon vor geraumer Zeit beklagte ich die freiwillige Selbstversklavung durch unser Modag (*1. Schlimmer noch ist die Belästigung durch die Geräte anderer. Damit meine ich nicht den viel besungenen Trottel, der mobilquatschend einen Bus beschallt, hierüber wurde bereits genug geklagt und geschrieben. Ich meine die Mitmenschen, die Ihnen ungefragt ihr Gerät vor die Nase oder ans Ohr halten, damit Sie die süßen Babyfotos, das lustige Katzenfilmchen sehen oder den neuesten Hit von Lady Gaga hören können, ob es Sie interessiert oder nicht.

 

Früher diskutierten wir leidenschaftlich über so wichtige Fragen wie die, ob das letzte Oasis-Album 2009 oder 2010 heraus kam. Das ist heute nicht mehr möglich, denn erstens kommt kein Oasis-Album mehr heraus, und zweitens zückt nach spätestens zwei Minuten einer in der Runde sein Ding und fragt das Netz. Google statt Galaktika (2*. Über 50 Prozent der Menschen finden es Umfragen zufolge normal, wenn ihr Gegenüber mitten im Gespräch sein Gerät zückt und eine Nachricht beantwortet.

 

Ich will das nicht mehr, jedenfalls nicht ständig. Daher erkläre ich hiermit den Offline-Donnerstag für mich. Das bedeutet: das iPhone wird einen Tag lang ausgeschaltet, private E-Mails werden nicht gelesen. Einen Tag in der Woche ohne Twitter, ohne Facebook sowieso. Wenn mir ein Tweet einfällt, schreibe ich ihn auf einen Zettel, um ihn später zu zwitschern beziehungsweise zu merken, wie schwachsinnig er ist und den Zettel wegzuwerfen. Will ich wissen, wie spät es ist, schaue ich auf die Armbanduhr, die beste Wetterinformation bietet ohnehin ein Blick aus dem Fenster. Die allgemeine Kopulationsbereitschaft der näheren Umgebung hat eh schon lange stark nachgelassen.

 

Wer mich anrufen will, soll auf die Mobilbox quatschen oder es morgen wieder versuchen. Oder eine Postkarte schreiben, es wird ohnehin viel zu wenig geschrieben, fragen Sie Ihren Briefträger. 

 

Ja, so mache ich das. Nächsten Donnerstag fange ich an. Spätestens übernächsten, oder nächsten Monat. Mal schnell in der Kalender-App nachschauen, wann es am besten passt.

 

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*1) Mobiles Datengerät

*2) Wer als Kind brav „Hallo Spencer“ geschaut hat, kennt sie noch. Sobald Poldi, Lexi, Kasi und Konsorten nicht mehr weiter wussten, sangen sie einen zweifelhaften Reim ab, und schon fuhr Frau Galaktika in ihrem Ufo vom Himmel, für jedes Problem die passende Lösung im Handschuhfach.

Eine Schwalbe, Sommer und so

schwulball

Fußball interessiert mich bekanntlich kein Stück. Die Bundesliga ist mir vollkommen egal, und auch in diesem Jahr werde ich die Weltmeisterschaft im Rahmen bestehender Möglichkeiten ignorieren. So verwundert es nicht, dass ich den Namen Thomas Hitzlsperger in dieser Woche zum ersten Mal hörte. Jener Fußballprofi a. D., der nun bekannt gab, schwul zu sein. (Ich vermeide bewusst die Formulierung „sich dazu bekannte“. Man kann sich schuldig bekennen, jedoch nicht seiner sexuellen Orientierung. Es bekennt sich ja auch niemand seiner Linkshändigkeit oder Abneigung gegen Ingwer. Er/sie sagt es einfach.)

Thomas Hitzlsperger erfuhr viel Lob, Anerkennung und Respektsbekundungen von allen Seiten, Sportfunktionäre, Politiker, Fernsehgrößen, Nachrichten- und Zeitungskommentatoren beglückwünschten ihn zu seinem mutigen Schritt an die Öffentlichkeit, auch der Regierungssprecher Steffen Seibert äußerte sich zustimmend. Man spricht gar schon von einer Wende in der bislang höchst homophoben Männerdomäne des Profifußballs.

Doch langsam mit den jungen Pferden! Ja, in den letzten Jahren hat sich viel getan in Sachen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Liebe, zahlreiche Prominente wie Politiker machen kein Geheimnis mehr aus ihrer Lebensweise, und das ist auch gut so, um Klaus Wowereit zu zitieren. Wie schwer diese Entscheidung ist, weiß ich aus eigener Erfahrung, und ich bin nun wirklich nicht prominent; lange Zeit wartete ich damit aus Angst vor beruflichen Nachteilen und persönlichen Anfeindungen, die sich zum Glück im Nachhinein als unbegründet erwiesen hat. Und doch – noch heute habe ich manchmal Hemmungen, gegenüber Leuten, die meine persönlichen Verhältnisse nicht kennen, von „meinem Mann“ zu sprechen, mit dem ich nun schon so lange zusammenlebe.

Es ist noch gar nicht lange her, da wurden – im Iran, wenn ich mich recht erinnere – zwei Jungs öffentlich erhängt, nur weil sie sich geliebt hatten. In vielen arabischen Ländern ist Homosexualität bei hoher Strafe verboten, in Russland ist es gar verboten, nur darüber zu sprechen. Der Fifa-Präsident Blatter hat schwule Fußballfans, die beabsichtigen, 2022 der WM in Katar beizuwohnen, dazu aufgerufen, dort auf Beiwohnung zu verzichten, „aus Respekt vor dem Gastgeberland“, das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Doch müssen wir gar nicht so weit schauen. Auch hierzulande werden hohe Vertreter der katholischen Kirche nicht müde, Homosexualität als widernatürlichen Verstoß gegen Gottes Schöpfung zu geißeln, und Norbert Blüm (Sie erinnern sich, der kleine Mann mit der sicheren Rente) belehrt mit einem Aufsatz in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung das Bundesverfassungsgericht, die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare widerspräche dem Willen des Verfassungsgebers, mit der weder nachvollziehbaren noch totzukriegenden Logik, eine Gleichstellung benachteilige „richtige“ Ehepaare. Während ich diese Zeilen schreibe, hat eine Online-Petition, die sich gegen die Aufklärung baden-württembergischer Schüler über sexuelle Vielfalt richtet, über 95.000 Unterzeichner. (Zur Gegen-Petition bitte hier entlang.)

Es bedarf noch zahlreicher Hitzlspergers, nicht nur aus dem Spitzensport, sondern zum Beispiel auch aus dem Kreise hoher Manager, bis wir uns vielleicht wirklich eines Tages ein Stück weit in Richtung Normalität bewegen. Wobei ich heute keinem aktiven Fußballprofi anraten kann, sich zu offenbaren, er hätte vermutlich auf dem Spielfeld und in der Kabine nichts mehr zu lachen. So lange Leute wie Hitzlsperger Lob und Respekt für ihren mutigen Schritt erfahren anstatt eines achselzuckenden Na-und-ist-eben-so, so lange ‚schwul‘ eines der beliebtesten Schimpfwörter unter Jugendlichen ist, so lange bleibt noch viel zu tun.

Aber ich will nicht pessimistisch oder undankbar sein – es besteht Hoffnung. Und vielleicht fragt ja eines Tages auch niemand mehr, wer bei uns die Frau ist. Gut, das ist dann vielleicht doch etwas zu viel erwartet.

Die Tragödie des M. S.

Am Sonntag vor Silvester hatte der berühmte Formel-1-Fahrer Michael Schumacher einen schweren Skiunfall. Abseits der ausgewiesenen Pisten stürzte er bei offenbar sehr hoher Geschwindigkeit und schlug mit dem Kopf auf einen Stein, trotz Helm erlitt er schwere Verletzungen und liegt bis heute im Koma, sein Zustand wird als kritisch beurteilt. Das ist schlimm, alle, mich eingeschlossen, wünschen Herrn Schumacher eine baldige Genesung ohne bleibende Folgeschäden.

Schlimm ist auch, was die Medien und die Öffentlichkeit daraus machen. Die Nachrichten berichten täglich groß und ausführlich über den aktuellen Stand, vermutlich gab es auch einen ARD-Brennpunkt und ein ZDF-Spezial dazu, ich habe das nicht so genau verfolgt, und im SPIEGEL dieser Woche ist der Vorfall Titelthema. Noch schlimmer: die damit verbundenen Rückblicke auf die spektakulärsten Skiunfälle Prominenter in der vergangenen Jahren, eine echte Seuche, Sie kennen das – sobald etwas schlimmes passiert, bringen die Zeitungen und Fernsehsender eine Übersicht vergleichbarer Ereignisse aus der Vergangenheit, gleichsam eine Hitparade des Horrors.

Auf Facebook wurden zahlreiche Gute-Besserung-Gruppen gegründet (warum sagt man eigentlich „Gute Besserung“? Es heißt doch auch nicht „schnelle Beschleunigung“ zur Anpreisung eines Sportwagens oder „warme Erwärmung“ angesichts eines Tauchsieders oder des Klimawandels), auf Twitter gibt es mitfühlende Hashtags, Prominente und solche, die sich dafür halten, rufen zum Gebet auf, und die Bundeskanzlerin ließ über ihren Regierungssprecher ihr Bedauern und ihre Genesungswünsche erklären. (Fast schon ironisch mutet es da an, dass sie nun ihrerseits unter den Folgen eines Skiunfalls leidet, wenn auch nicht so schlimm wie Schumacher, jedenfalls dürfte sie wesentlich langsamer gewesen sein, auch können wir davon ausgehen, dass sie die gespurten Loipen nicht verlassen hatte.) In allen Bundesbehörden sind die Hausmeister Tag und Nacht in Bereitschaft, um in dem Fall, der hoffentlich nicht eintritt, die Deutschlandfahne auf Halbmast zu kurbeln, auf der ISS wurde die Arbeit vorübergehend eingestellt und die Polkappen legen eine Schmelzpause ein.

An einem Donnerstag im März 2013 verließ der IT-Experte Martin Stein* wie jeden Morgen seine Wohnung und stieg in den Bus zu seinem Büro. Dort kam er nie an, weil ihn unterwegs ein Herzinfarkt ereilte, der Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen. Er war aufgrund seiner freundlich-menschlichen Art und seines immensen Fachwissens beliebt von allen sehr geschätzt, hinterließ eine fassungslose Familie und eine schockierte Kollegenschaft, zumal er, wenngleich schon jenseits der sechzig, augenscheinlich kerngesund gewesen war.

Hiervon stand nicht eine Zeile in der Zeitung.

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* Name geringfügig geändert