Woche 21: Sommer, Wein und Abgründe

Montag: Gilt „Moinsen“ am Montagmorgen eigentlich als hinreichender Grund, eine Telefonkonferenz grußlos zu verlassen? – Summer in the city mit allen optischen und akustischen Begleiterscheinungen, wie der Singstarkrähe von gegenüber. Es ist nicht eindeutig zu erkennen, ob sie übt oder ihr ein schwerer Gegenstand auf den Fuß gefallen ist.

Dienstag: Obwohl ich am Vorabend aus Gründen des Mitredenkönnens einen Blick in besonders tiefe Abgründe menschlichen Daseins wagte, indem ich mir auf RTL II Naked Attraction ansah, schlief ich vergangene Nacht ganz gut, wobei ich nicht mit Sicherheit sagen kann, was mich an der Sendung mehr entsetzte: zu sehen, wie weit Menschen für Geld gehen, oder die auffallende Unattraktivität des dargebotenen metallgespickten und großflächig tätowierten Fleisches.

Mittwoch: Andererseits – vielleicht ist Naked Attraction ja auch Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, an dessen Ende Nacktheit nicht mehr mit „igitt“ und „kuck mal“ verbunden ist, und jede(r) sich so zeigen kann wie er/sie ist, auch wenn es nicht dem gemeingültigen Schönheitsideal entspricht. Das wäre wohl nicht das schlechteste. Dennoch sehe ich mich nicht veranlasst, die Sendung noch einmal anzusehen.

Donnerstag: Auch am sogenannten Vatertag sollte es selbst in intimster Partnerschaft eine Selbstverständlichkeit sein, sich der Darmentleerung nur hinter geschlossener Toilettentür hinzugeben.

Freitag: Wie ich hörte, soll zur Vermeidung von Getränketransporten eine Bier-Pipeline zum Festgelände von Wacken gelegt werden. Seitdem träume ich von einer Rosé-Leitung, welche die südliche Côte-du-Rhône mit unserer Küche verbindet.

Samstag: Da der Wein mangels Leitung vorläufig nicht zu uns kommt, müssen wir uns zum Wein begeben, genauer: ins Ahrtal.

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Sonntag: Wie ich heute lernte, werden Menschen, die Sex mit Bäumen haben, Dentrophile genannt. Ob es auch eine Bezeichnung gibt für Leute, die zur Kopulation mit dem amerikanischen Präsidenten bereit sind, entzieht sich meiner Kenntnis.

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Galaktika in der Hosentasche

Neulich fragte unserer Nachbar, jenseits der siebzig: „Was macht ihr da eigentlich immer, wenn ihr auf eure Dinger kuckt?“ Gemeint waren die iPhones. Antwort: Twitter, Facebook, Whats App, die Uhrzeit, das Wetter, Spiele, Nachrichten, jetzt auch noch Quizduell, es ist eine verdammte Sucht. Die Antwort hätte auch sein können: auf Grindr und Gayromeo schauen, ob kopulationsbereite Kerle in der Nähe sind, Wunder gibt es immer wieder, wovon schon Katja Ebstein ein Lied singen konnte.

 

Wie auch immer die Antwort lautet, die Frage bleibt im Raume stehen, und ich stelle sie mir selbst immer öfter: Was mache ich da eigentlich? Schon vor geraumer Zeit beklagte ich die freiwillige Selbstversklavung durch unser Modag (*1. Schlimmer noch ist die Belästigung durch die Geräte anderer. Damit meine ich nicht den viel besungenen Trottel, der mobilquatschend einen Bus beschallt, hierüber wurde bereits genug geklagt und geschrieben. Ich meine die Mitmenschen, die Ihnen ungefragt ihr Gerät vor die Nase oder ans Ohr halten, damit Sie die süßen Babyfotos, das lustige Katzenfilmchen sehen oder den neuesten Hit von Lady Gaga hören können, ob es Sie interessiert oder nicht.

 

Früher diskutierten wir leidenschaftlich über so wichtige Fragen wie die, ob das letzte Oasis-Album 2009 oder 2010 heraus kam. Das ist heute nicht mehr möglich, denn erstens kommt kein Oasis-Album mehr heraus, und zweitens zückt nach spätestens zwei Minuten einer in der Runde sein Ding und fragt das Netz. Google statt Galaktika (2*. Über 50 Prozent der Menschen finden es Umfragen zufolge normal, wenn ihr Gegenüber mitten im Gespräch sein Gerät zückt und eine Nachricht beantwortet.

 

Ich will das nicht mehr, jedenfalls nicht ständig. Daher erkläre ich hiermit den Offline-Donnerstag für mich. Das bedeutet: das iPhone wird einen Tag lang ausgeschaltet, private E-Mails werden nicht gelesen. Einen Tag in der Woche ohne Twitter, ohne Facebook sowieso. Wenn mir ein Tweet einfällt, schreibe ich ihn auf einen Zettel, um ihn später zu zwitschern beziehungsweise zu merken, wie schwachsinnig er ist und den Zettel wegzuwerfen. Will ich wissen, wie spät es ist, schaue ich auf die Armbanduhr, die beste Wetterinformation bietet ohnehin ein Blick aus dem Fenster. Die allgemeine Kopulationsbereitschaft der näheren Umgebung hat eh schon lange stark nachgelassen.

 

Wer mich anrufen will, soll auf die Mobilbox quatschen oder es morgen wieder versuchen. Oder eine Postkarte schreiben, es wird ohnehin viel zu wenig geschrieben, fragen Sie Ihren Briefträger. 

 

Ja, so mache ich das. Nächsten Donnerstag fange ich an. Spätestens übernächsten, oder nächsten Monat. Mal schnell in der Kalender-App nachschauen, wann es am besten passt.

 

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*1) Mobiles Datengerät

*2) Wer als Kind brav „Hallo Spencer“ geschaut hat, kennt sie noch. Sobald Poldi, Lexi, Kasi und Konsorten nicht mehr weiter wussten, sangen sie einen zweifelhaften Reim ab, und schon fuhr Frau Galaktika in ihrem Ufo vom Himmel, für jedes Problem die passende Lösung im Handschuhfach.