Fundsache: Food Porn

Früher beteten die Menschen vor dem Essen und dankten dem Herrn für das karge Mahl, heute machen sie ein Foto davon, auf dass allen da draußen vor ihren Bildschirmen via Instagram oder Facebook der Speichelfluss ausgelöst werde. Hierfür gibt es einen (zumindest mir) neuen Begriff: Food Porn. In der Januar-Ausgabe des KulturSPIEGEL findet sich dazu der folgende lesenswerte Text.

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Im Restaurant fotografieren – DARF MAN DAS?
Von Tobias Becker

Treffen sich ein Hai und ein Surfer. Sagt der Hai: „Bitte lächeln!“ Fragt der Surfer: „Was hast du vor?“ Sagt der Hai: „Ich will mein Essen für Facebook fotografieren.“

Der Witz karikiert eine Unsitte, die häufig in Restaurants und zunehmend auch bei privaten Einladungen zu beobachten ist. Der erste Griff vieler Gäste geht nicht zu Messer und Gabel, sondern zur Kamera. Sie fotografieren ihr Essen, um es in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Pinterest zu posten. Der Begriff Nahrungs-Aufnahme erhält dort einen ganz neuen Sinn.

Der Trend lässt sich leicht als unmoralisch abtun: Mit Essen spielt man nicht. Als unhöflich: Ein Blitzlichtgewitter am Nebentisch nervt. Als dumm: Das Essen wird kalt. Umso absurder ist es, dass sich dem Trend gerade jene Menschen hingeben, die sich für besonders kultiviert und klug halten. Sie wollen ihren Kontakten auf Facebook und Co. signalisieren, dass sie gutes Essen zu schätzen wissen, dass sie komplizierte Kochtechniken beherrschen, dass sie sich ein teures Restaurant leisten können. Die Nahrungs-Aufnahme vor der Nahrungsaufnahme dient der Distinktion.

Für den Trend hat sich der Begriff Food Porn eingebürgert. Das führt in die Irre: Im Food Porn mag es um Voyeurismus gehen, um Fleischeslust, um (Kalorien-)Sünden, aber es geht nie um den Akt. Die Aufnahmen zeigen keine essenden Menschen, nur jungfräuliche Gerichte – unberührt und scheinbar unberührbar, wie Hochglanzerotik. Sie verherrlichen nicht den lustvollen Moment des Drauflosmampfens, sondern den Moment der Selbstkontrolle, der ihm vorausgeht. Das passt zum asketischen Furor unserer Zeit, zu Rauchverbot und Halbfettmargarine. Und ist so erbärmlich wie ein Porno, in dem nicht gevögelt wird.

Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/kulturspiegel/d-124096876.html

Nicht lustig: wenn es knallt

Als ich gestern Abend, etwa eine halbe Stunde vor Mitternacht, mit der Zigarette vor dem Restaurant stand und die ersten Böller vorzeitig in näherer und ferner Umgebung knallten, da kam mir plötzlich dieser Gedanke an die Menschen in Aleppo, die diese Geräuschkulisse seit Monaten ertragen müssen, Tag und Nacht. Das ist leider nicht lustig.

20 Nicht-Vorsätze für 2014

feuerwerk

Am Jahresende erstellen viele Mitmenschen eine Liste mit den Dingen, die sie im neuen Jahr besser, öfter, weniger, gar nicht mehr oder überhaupt endlich machen wollen. Würden sie diese Liste am darauf folgenden Jahresende erneut lesen, stellten sie fest, dass sie nichts, aber auch gar nichts von alledem in die Tat umgesetzt haben. Und weil das so ist, haben sie die Liste spätestens Ende Februar vergessen.

Ich dagegen habe wieder eine Liste aufgestellt mit den Dingen, die ich 2014 nicht angehen, umsetzen, erreichen oder ändern will. Das Erfolgserlebnis am Jahresende ist garantiert. Da ich nicht weiß, ob ich morgen, am Silvestertag, dazu komme und übermorgen dazu in der Lage sein werde, gebe ich Sie Ihnen bereits heute zur Kenntnis.

Also – ich werde 2014 nicht:

1) die Welt retten,
2) in die USA reisen, (*1
3) im Lotto gewinnen,
4) Facebook verstehen,
5) freiwillig Casper hören,
6) in den Skiurlaub fahren,
7) mich über die NSA empören, (*2
8) weniger auf mein iPhone starren
9) die Sockenschublade aufräumen,
10) endlich ein guter Patenonkel sein,
11) ‚Herr der Ringe‘ lesen oder anschauen,
12) mehr arbeiten für Konzern und Karriere, (*3
13) ‚Tatort‘ gut finden und sonntags darüber twittern,
14) ein Spiel der Fußballweltmeisterschaft anschauen,
15) mich für Internetkrams oder Netzpolitik interessieren,
16) beim ‚Rosenkrieg‘ über die Vorrunde hinauskommen, (*4
17) mich über alberne Managerfloskeln nicht mehr lustig machen,
18) meinen Bestseller schreiben oder wenigstens damit anfangen,
19) einen Sohn zeugen, einen Baum pflanzen und ein Haus bauen, (*5
20) jeden Donnerstags (oder anderen Wochentag) vegetarisch essen.

Ich bin sehr zuversichtlich, in einem Jahr die Liste komplett abhaken zu können. Ein frohes neues Jahr Ihnen allen!

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*1) Nicht, so lange sie dort ihre Waffen mehr mögen als ihre Kinder.
*2) Keineswegs heiße ich ihr Tun gut, aber es gelingt mir einfach nicht. Vielleicht fehlt mir (noch) der persönliche Schmerz dazu. Bislang erscheint es mir so ärgerlich wie ein kalter, verregneter Juni, über den sich aufzuregen nichts nützt, weil man nichts dagegen tun kann. Ja ich weiß, dass das dumm und naiv ist.
*3) Aber voraussichtlich auch nicht weniger.
*4) Beziehungsweise überhaupt noch einmal teilnehmen.
*5) Gut, vielleicht das mit dem Baum doch.

Über das Kristkind

stern

Nun feiern wir wieder das Fest des Kindes. Der Legende nach wurde es vor etwa zweitausend Jahren in Bethlehem geboren, nachdem es auf rätselhafte Weise in den Bauch einer gewissen Maria geraten war. Mit Vaterschaftstests und Unterhaltsklagen waren sie damals noch nicht so weit, daher kam Josef mit seiner War-ich-nicht-Nummer irgendwie durch, genützt hat ihm das wenig, er musste die Dame auf ihrem Weg durch Nacht und Kälte begleiten. In Bethlehem hatten sie Pech: Wegen einer Verbrauchermesse waren alle Hotels und Pensionen belegt oder überteuert, daher rasteten sie in einem zugigen Stall, wo das Kind schließlich unter den desinteressierten Blicken eines Ochsen und eines Esels zur Welt kam.

Drei Messeteilnehmer aus dem Morgenland waren spät dran, weil sie sich uneins waren über den Weg nach Bethlehem, bis einer von ihnen das Laserlicht entdeckte, das seit Tagen von der Messehalle aus in die Wolken strahlte. Als sie endlich ankamen, entdeckten sie den Stall, irrtümlich hielten sie das ganze für die sehr gelungene Warenpräsentation eines innovativen Leuchtmittelherstellers, dessen Produkte offenbar ganz ohne Flamme auskamen, die Kopfbeleuchtung des Babys strahlte besonders hell. Daher überreichten sie ihre Karten und einigen Kram von geringem Gebrauchswert, den sie in ihren Jackentaschen gefunden hatten. Josefs Frage nach einem wärmenden Schluck beschieden sie hingegen abschlägig, da ihre Cognacvorräte auf der langen Anreise schon draufgegangen waren.

Aus dieser mündlich überlieferten Begebenheit sind schließlich Weihnachten, Lichterketten und Glühweinbuden entstanden. Seitdem hat sich viel getan. Heute glauben die Kinder nicht mehr an drei nette Herren aus dem Osten, sondern an einen dicken Mann in rotem Gewand mit weißem Rauschebart und das Christkind, die unter Absingen von ‚Last Christmas‘ die Geschenke bringen, bevor sie wieder durch den Schornstein verschwinden, im Zeitalter der feinstauboptimierten Zentralheizung schon schwer vorstellbar, selbst für das gutgläubigste Kind. Apropos kindlicher Glaube: Früher, so mit vier oder fünf, glaubte ich, es hieße ‚Kristkind‘, weil es, während es die Geschenke verteilt, sagt: „Du krist (= ostwestfälisch für ‚kriegst‘) dieses Geschenk, du krist das und du das.“

Längst vorbei sind auch die Zeiten, da Neugeborene in Windeln gewickelt in einer Futterstelle für Nutztiere aufbewahrt werden, außer vielleicht in besonders ökoideologisch-traditionellen Haushalten. Dafür gibt es heute technologisch hochentwickelte Tragegefäße, welche sich mit wenigen Handgriffen in eine Babybox für Brust-, Auto- oder Fahrradbefestigung verwandeln lassen, um den Nachwuchs zum Geschenkeempfang oder zur Niedlichfindeaufforderung in die Verwandtschaft oder die Firma zu verbringen. Wer kennt das nicht: Der Kollege, dessen Frau in freudiger Erwartung liegt, verabschiedet sich für die nächsten Monate in den Vaterschaftsurlaub. Wenige Tage später hört man auf dem Büroflur das hochfrequente Juchzen der Kolleginnen, mindestens eine Oktave über ihrer üblichen Sprechstimme. Ein vorsichtiger Blick aus der Bürotür verrät den Grund: der junge Vater steht mit dem Tragekörbchen auf dem Flur, umringt von vor Entzückung entrückten Menschen.

Ein paar Minuten später steht der vaterstolze Kollege dann mit seinem Ableger in meiner Bürotür und sagt so etwas wie „Sieh mal, Paul-Luca, und das ist Carsten… sag mal hallo zu Carsten!“ Während ich mich mit gequältem Lächeln von meinem Platz erhebe und mir ein „ganz der Papa“ abringe, nimmt Paul-Luca keine Notiz von mir, das Desinteresse ist beiderseitiger Natur, mit Hunden geht mir das übrigens genau so.

Ich gebe zu: meine Begeisterung für Neugeborene, Kinder generell, ist begrenzt, für mich sind sie so etwas wie Wesen von einem anderen Stern, mit denen ich nicht so recht etwas anzufangen weiß. Das war schon immer so, auch als ich selbst noch ein Kind war. Wenn in der Verwandt- oder Nachbarschaft ein neuer Mensch die Bühne betrat, hielt ich mich stets in sicherer Entfernung, und das Gewese, welches um diesen Neuankömmling gemacht wurde, fand ich unangemessen, schließlich hatte er bislang noch nichts geleistet außer schreien und kacken. Na ja, viel mehr konnte ich auch nicht aufweisen zu der Zeit.

Meine Kinderlosigkeit empfand und empfinde ich eher als Segen denn als Mangel, ich vermisse diesbezüglich absolut nichts. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht habe ich Angst, meine Kinder könnten so werden wie ich. Wobei, die Geschichte mit dem Töpfchen, der A-A und der mit der Zahnbürste braun angemalten Tapete haben sich meine Eltern bestimmt nur ausgedacht um mich zu ärgern. Oder um von der Nichtexistenz des Weihnachtsmannes abzulenken.

Trotzdem, oder gerade deshalb: Liebe Kinder, ich wünsche euch ein schönes Weihnachtsfest mit vielen pädagogisch wertvollen Geschenken! Und wie das Kind in Marias Bauch kam, fragt euren Papa.