#Twexit – Der letzte Tweet hat keine Pointe

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Nun bin ich also seit zehn Jahren bei Twitter. Das erscheint mir als der richtige Zeitpunkt, mein Konto zu löschen. Die Beweggründe dazu habe ich schon hier dargelegt, dem ist nicht mehr viel hinzuzufügen.

Vielleicht noch dieses: Twitter ist mittlerweile das Sprachrohr von Leuten wie Donald Trump geworden. Alle verfallen in Aufruhr, wenn er dort mal wieder irgend einen Unfug abgesondert hat. Viele andere Spinner verbreiten über Twitter ihren Hass und Falschinformationen, jedes Mal ein kleiner Angriff auf das menschliche Miteinander. „Social Media ist die Toilette des Internets“, wird Lady Gaga zitiert. Dafür bekäme sie von mir ein Herzchen.

Zehn Jahre Twitter – es gab sehr schöne Zeiten, besonders auch die persönlichen Treffen mit anderen Nutzern, für die ich manchmal gar längere Reisen auf mich nahm, etwa bis nach Oberhausen, Wiesbaden und Berlin. Viele nette Menschen habe ich dadurch persönlich kennen gelernt. Besonders danke ich dem @vergraemer und @johannes, die es mir ermöglicht haben, eigene Texte vor Publikum zu lesen, was mir stets eine große Ehre und ein Vergnügen war; mit beiden wäre ich ohne Twitter niemals in Kontakt gekommen.

Vielen Dank an alle, die mir bis heute die Treue gehalten haben, und das sind noch immer erstaunlich viele. Vielleicht haben sie es auch einfach nur versäumt, mir die Gefolgschaft zu kündigen, weil sie das Interesse genauso verloren haben wie ich.

Machts gut, weiterhin viel Spaß und gute Unterhaltung, bitte lasst euch nicht aufhetzen!

In tiefer Verbeugung

Carsten / Postwestfale / @PlanC_

schlusstweet

Woche 9: Jecke und Irre

Montag: Laut Zeitungsbericht streben über neunzig Prozent der älteren Arbeitnehmer einen vorgezogenen Ruhestand an. Umgekehrt bedeutet das, fast zehn Prozent wollen bis zum Schluss arbeiten. Was mag bei denen schief gelaufen sein?

„Und – noch Spaß am Beruf?“ fragte früher ein Kollege, der längst den Ruhestand genießt.  Selbstverständlich, lautete auch heute noch meine Antwort. Auch wenn manches vorstellbar ist, das ich noch lieber täte, als mich morgens ins Werk zu schleppen.

Dienstag: „Theresa May gerät weiter unter Druck“, so die Nachrichten. Es fehlt nicht mehr viel, und sie ist zu einem Diamanten gepresst.

Ein Juwel ist auch der Liebste, denn er hat Getränke gekauft. Natürlich nicht nur deswegen, aber auch das ist eine Facette des Schliffes. Am Abend tragen wir die Kästen vom Auto hoch in die Wohnung. Er einen, ich drei. Auf dieses Ungleichgewicht angesprochen, bekomme ich zur Antwort: „Du bist manchmal etwas bequem.“ Vermutlich hat er recht.

Mittwoch: Den zweiten Morgen in Folge bin ich vor dem Wecker wach und stehe auf. Kommt jetzt diese präsenile Bettflucht? Was unterdessen immer deutlichere Gestalt annimmt, ist der Drang zur Büroflucht.

Donnerstag: „Schlechte Sänger sind immer schlecht, da helfen weder Bier noch Wein“, lese ich in der Zeitung. Ethanolhaltige Getränke schaden in dem Falle aber auch nicht, füge ich hinzu. In diesem Sinne gebe ich heute bei sechs Auftritten mein Bestes. Alaaf!

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(Foto: Anja Profitlich)

Auf der Rückfahrt nach Hause ist es eher nützlich, ein wenig dem Alkohol zugesprochen zu haben: Unser Taxifahrer liefert sich auf der B9 ein Rennen mit einem von einem Testosteronäffchen gelenkten, auspuffknallenden „Sportwagen“. Nüchtern hätte ich womöglich unter mich gelassen.

Freitag: In den Medienberichten über das Treffen von Donald Trump und Kim Jong Un wird der eine stets als „Präsident“, der andere als „Machthaber“ bezeichnet. Als ob Trump von der Mehrheit der Bürger gewählt und damit der Gute sei, nur Kim hingegen durch dunkle Machenschaften die Herrschaft ergriffen hätte. Insofern erscheint eine einheitliche Bezeichnung angemessen. Vielleicht „Jeck“. Aber damit kämen sie wohl zu gut weg. Eher „Irrer“.

Samstag: Der Rheinmetall-Konzern freut sich über eine dank voller Auftragsbücher fast fünfzigprozentige Steigerung des Betriebsgewinns in der Militärsparte. Mir fällt spontan nur weniges ein, das geeignet wäre, mich noch mehr anzuwidern.

Den karnevalsfreien Tag nutze ich für einen längeren Spaziergang auf die andere Rheinseite durch die Schwarzrheindorfer Auen, unter anderem um den Kopf freizubekommen von ein paar beruflichen Dingen, die ich entgegen sonstiger Gewohnheit mit ins Karnevalswochenende genommen habe, was nicht gut ist und nicht sein sollte, auf welche ich indes nicht näher eingehe, es würde Sie langweilen. Auf der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, die ich tun würde, wenn ich nicht mehr ins Werk müsste, steht dieser Gang als tägliche Übung weit oben. Neben Singen macht auch Gehen glücklich. Singen beim Gehen erst recht, wobei das auf Außenstehende befremdlich wirken mag. Der Besitz eines Hundes steht nicht auf der Liste, was vermutlich noch zu einigen Diskussionen führen wird.

Auf dem Rückweg sehe ich am Radweg vor der Kennedybrücke einen „fliegenden“ Anbieter von Dienstleistungen zur Fahrradwartung: Ein Campingtisch mit diversen Flick- und Putzutensilien, davor und dahinter jeweils eine große Tafel mit Anpreisung des Wartungsservices. Eine ebensolche Tafel hält der Betreiber des Standes jedem Radfahrer entgegen, der vorbeikommt. Leider ohne Erfolg, keiner hält an, anscheinend ist der Bedarf an fliegender Fahrradwartung nur gering. Vielleicht sollte der Mann sein Geschäftsmodell noch einmal überdenken. Kleiner Tipp: Das Ausbringen von Nägeln im Abstand von ein- bis zweihundert Metern vor dem Stand könnte dem Geschäft Anschub verleihen. Das ist zwar ein wenig fragwürdig, aber immer noch viel sympathischer als Rheinmetall.

Sonntag: De Zoch kütt in Bad Godesberg. Ich bin übrigens der Grün-weiße mit der schräg klingenden Trompete. Das kann ich nämlich auch nicht.

Woche 8: Stirbt der „Modezar“ jetzt aus?

Montag: Donald Trump versetzt Europa mal wieder mit ein paar Twitter-Absonderungen in Aufruhr. Warum hören Politiker und Presse nicht einfach auf, ihm zu folgen? Schon wäre Ruhe.

Ansonsten verlief der Montag zufriedenstellend. Die Aufgabe, für deren Erledigung ich mich auf einen späten Feierabend eingestellt hatte, war bereits am Vormittag abgeschlossen, und eine Besprechung endete eine Stunde vor dem angesetzten Ende. Zitat des Tages: „Das ist mein persönlicher Viewpoint.“ Wurde natürlich umgehend notiert.

Dienstag: Karl Lagerfeld hat diese Welt verlassen. Oder seine; ich glaube, er lebte vielmehr in seiner eigenen Welt. Welche auch immer, mit ihm verliert sie einen außergewöhnlichen Menschen, über den ansonsten alles geschrieben ist. Niemals sterben wird hoffentlich sein legendärer Satz über Jogginghosen und ihre Träger, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat, auch wenn es Menschen gibt, die diese abscheulichen Teile für straßentaugliche Mode halten.

Mittags in der Kantine gabs was mit grünem Spargel, woran ich auch noch abends beim Wasserlassen erinnert werde.

Mittwoch: Die Zeitung zitiert Christian Lindner zum Tod von Karl Lagerfeld. Das hat der Verblichene nun wirklich nicht verdient.

Singen macht glücklich, keine Frage. Ein unverhofft freier Abend aufgrund ausfallender Chorprobe ist indes dem Wohlbefinden auch nicht abträglich.

Donnerstag: Nachmittags geschäftlicher Termin in Brühl. Als kosten- und umweltbewusster Mensch wähle ich zur Anreise die Stadtbahn. In Alfter (für Nichtrheinländer: kein Schreibfehler, sondern ein Ort bei Bonn) sehe ich mehrere Einfamilienhäuser, deren Eigentümer augenscheinlich anstatt eines grünen Vorgartens mit Rasen und Beeten eine öde Schotterwüste vor der Tür als zierend erachten. Welcher irregeführte Sinn für Ästhetik mag hier gewütet haben? Aber vielleicht sind sie auch nur zu faul zur Grünpflege. Wenige Kilometer weiter steht eine ältere Dame auf einem Balkon, fuchtelt wild mit den Armen und scheint der Bahn etwas hinterherzurufen. Vielleicht dieses: „Ja, fahret nur dahin, doch werdet ihr nicht ankommen!“

Womit sie recht hat: Die Fahrt endet wegen einer Betriebsstörung in Schwadorf, Schienenersatzverkehr sei eingerichtet. Da ich gut in der Zeit liege, warte ich mit den Mitreisenden auf den Bus. Die allgemeine Stimmung ist gut, abgesehen von den üblichen Zeitgenossen, die in allem ein Haar in der Suppe finden („Ich möchte EINMAL erleben, dass bei der Bahn nichts schiefgeht“, kennt man ja, diese wehleidigen Klagen). Es beginnt zu regnen. Kein Bus. Noch knapp eine Viertelstunde bis zum Termin. Was tun? Ein Taxi nehmen? Nach sorgfältiger Abwägung der Notwendigkeit meiner Teilnahme an der Veranstaltung gegen die meinem Arbeitgeber entstehenden Taxikosten entscheide ich mich für die kostengünstige Variante und nehme die nächste Bahn zurück nach Bonn. Ob die Dame immer noch fuchtelte, entging meiner Aufmerksamkeit. Vielleicht besser so, wer weiß, welche Imponderabilien sie sonst noch herbeigefuchtelt hätte.

Freitag: Es ist vollbracht – vielleicht geht der 22. Februar dereinst als Gedenktag in die Geschichte ein, an dem die vorläufige Kostenschätzung für die Sanierung der Bonner Beethovenhalle die 100-Millionen-Grenze überschritten hat.

Zudem wird bekanntgegeben, dass das Geburtshaus des Komponisten, auf den sich die Bonner so viel einbilden, wegen Renovierung für mehrere Monate geschlossen wird. Das lässt nichts Gutes hoffen.

Auf dem Rückweg vom Werk erblicken meine müden Augen in der Bahn Zehenschuhe, die ein junger Mann trägt. Heißen die so? Sie wissen vielleicht, was ich meine, wie Fingerhandschuhe, nur für unten. Benötigt man dazu auch entsprechende Zehensocken, oder trägt man die ohne? Wie auch immer, die Dinger sehen ganz schön albern aus, ich würde mir die nicht kaufen (zumal es die vermutlich auch gar nicht passend für meine krummen Füße gibt). Was hätte Karl Lagerfeld dazu gesagt?

Abends Auftritt in Bad Godesberg. Auch als Kunde und Hotelgast ist man für klare Hinweise auf korrektes Verhalten immer dankbar:

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Samstag: Noch ein abschließender Gedanke zu Lagerfeld: Vielleicht stirbt mit ihm ja der unsägliche Pressekasper-Begriff „Modezar“ endlich aus. Das wäre nun wirklich nicht das Schlechteste.

Unterdessen ist der Geliebte schlechtlaunig, weil er sich benachteiligt fühlt gegenüber Choupette, Lagerfelds Katze.

Übrigens ruft man in Bacharach am Rhein „Helau“, wenn man „Alaaf“ meint. Der Auftritt wurde dennoch sehr schön, und ganz schön spät.

Sonntag: Der Autor Thomas Glavinic schreibt in der FAS:

„Beim Schreiben geht es darum, so gut wie möglich zu kaschieren, dass man eigentlich gar nicht schreiben kann. Egal wie viel ein Autor kann, noch mehr kann er nicht.“

Einmal mehr fühle ich mich enttarnt, mal davon abgesehen, mir nicht die Bezeichnung „Autor“ anzumaßen.

Auch bei uns zu Hause laufen die tollen Tage nun auf ihren Höhepunkt zu.

Rufen Sie deswegen dreimal mit mir aus:

Bonn – Alaaf!

Godesberg – Alaaf!

Choupette – Alaaf!

Woche 7: Ich bereue nichts

Montag: „Damit schaffen wir die Grundlage, die bereits erfolgreich begonnene Modernisierung und Weiterentwicklung der operativen Prozesse durch Automatisierung und Digitalisierung kontinuierlich voranzutreiben und die operativen Synergien künftig noch stärker zu nutzen.“ In gewisser Weise bewundere ich Menschen, die solche Sätze hervorbringen können. Wobei zweimal „operativ“ leichten Punktabzug nach sich zieht.

Laut einem Zeitungsbericht wurde in Argentinien eine bislang unbekannte Saurierart entdeckt und mit dem schönen Namen Bajadasaurus pronuspinax versehen. Die Biester wiesen bis zu einen Meter lange Stacheln am Hals auf, über deren Zweck die Forscher noch rätseln. Möglicherweise sollen sie gar die sexuelle Attraktivität ihrer Träger gesteigert haben. Na ich weiß nicht.

Dienstag: „Das soll kein Fingerpointing sein, wie man auf neudeutsch sagt“, erklärt der Projektleiter in einer Besprechung. Einmal mehr möchte ich aufstehen und ihm zurufen: „Das ist weder neu noch deutsch!“ – Merke: Wer unnötige Anglizismen in Umlauf bringt oder nachplappert, ist nicht klug, sondern nur zu faul.

„Was hält dich momentan am meisten auf?“, lautet die Frage des Tages bei Quergefönt. Ganz klar: Besprechungen.

(Bitte denken Sie sich hier das Bild eines wunderschönen Abendrotes über dem Bonner Venusberg zur Feierabendzeit, welches ich in Ermangelung eines geeigneten Fotostandpunktes nicht anfertigte. Gleichsam Verbal-Instagram.)

Frau Marie greift die Frage auf, ob es angezeigt ist, „Gesundheit!“ zu rufen, wenn jemand in der Nähe niest. Auch ich widmete mich vor längerer Zeit diesem Thema, (oder dieses Themas? Sebastian Sick wüsste es), und an meiner Meinung hat sich seitdem nichts geändert: Es ist Unfug. Nicht weil ich es sage, sondern ich sage es, weil es so ist.

Mittwoch: Am Ende eines Satzes „Punkt“ zu sagen, zur Bekräftigung des zuvor gesagten, ist ja auch eher so eine dumme Angewohnheit. Punkt.

Donnerstag: Gemäß vielfach verbreiteter Meinung ist der Valentinstag eine Erfindung der Blumenindustrie. Das schließe ich nicht völlig aus, glaube jedoch vielmehr, die Radiosender haben ihn sich ausgedacht, damit sie an diesem Tag die Hörer befragen können („Schreibt uns auf Facebook, was ihr vom Valentinstag haltet, oder ruft uns an unter …“), und sie, im Falle des Gutfindens, erzählen lassen, womit sie ihre Liebsten zu bestechen versuchen. Irgendwie muss die Sendezeit zwischen den Werbeblöcken ja gefüllt werden.

Aus der Reihe Wirklich schöne Sätze hier eine Fundsache bei Herrn Buddenbohm: „Man kann ja nicht immer geistreiche Bemerkungen machen und auch das Sagen des Offensichtlichen hat seine Berechtigung im sozialen Miteinander.“

Freitag: Eher zufällig bemerkte ich, dass das Tattoostudio in der Fußgängerzone, welches ich vor zwanzig Jahren in einem Anflug spätjugendlichen Übermutes aufsuchte, noch immer besteht. Jahrelang ging ich fast täglich daran vorbei, ohne ihm die geringste Aufmerksamkeit zu erweisen, vielleicht weil es im ersten Stock liegt und man in der Fußgängerzone eher selten den Blick nach oben richtet, man muss ja aufpassen, nicht mit einem anderen, in sein Datengerät vertieften Fußgänger zu kollidieren. Heute schaute ich zufällig doch mal hoch, und siehe da, das Studio ist immer noch an derselben Stelle, wer hätte das gedacht. Erstaunlich, wie man manchmal Dinge völlig aus dem Blick verliert und erst viele Jahre später feststellt, es gibt sie immer noch, sie waren nie weg. Gerade in Zeiten, wo nur weniges mehr gepriesen wird als der ständige Wandel.

Aus heutiger Sicht würde ich die Dienste des Studios wohl nicht mehr in Anspruch nehmen, doch halte ich es diesbezüglich wie Edith Piaf: Ich bereue nichts.

Samstag: Plötzlich ist Frühling. Ich kenne heute schon die Titelseite der Tageszeitungen am kommenden Montag. Dort werden zwei junge Frauen auf einer Parkbank oder vor einem Brunnen sitzend abgebildet sein, die Köpfe zusammengesteckt, jede grinsend an einem Eis schleckend, dazu diese oder eine ähnliche die Bildunterschrift: „Emma und Lisa-Marie genießen bei frühlingshaften Temperaturen das erste Eis.“ Wetten?

Abends Auftritt in Bad Breisig. Manchmal frage ich mich, welchem Zweck manche Dinge dienen.

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Sonntag: Während die ersten Krokusse und Schneeglöckchen blühen, hier und dorten zartes Grün knospt, Kraniche zurück kehren, der Lieblingsbiergarten öffnet und ich den Fellbesatz von der Kapuze abnehme, gehen andere schon deutlich weiter:

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(Gesehen heute gegen 15:15 Uhr)

Woche 6: Sei immer nett zu jedermann

Montag: Geburtstagen messe ich mittlerweile keine große Bedeutung mehr bei, jedenfalls meinen eigenen. Dennoch danke ich allen, die heute mit Worten und Gaben an mich gedacht haben. Ausdrücklich danke ich auch denen, die ihre Grüße und guten Wünsche fernschriftlich per elektronischer Kommunikationsmedien übermittelten. Nicht auszudenken, wenn die alle angerufen hätten. Ich selbst schenkte mir übrigens einen frühen Feierabend, woran zu gewöhnen mir auf Dauer nicht schwer fiele.

Dienstag: Meine Kollegin hat mir ein Buch von Eckart von Hirschhausen geliehen, welchen zu lesen ich bislang keine Gelegenheit hatte. Dabei schreibt er wunderbare Sachen:

„77 Prozent der US-Amerikaner glauben, dass Aliens die Erde besucht haben (Umfrage von 2012, also vor Donald Trump).“

(Aus: „Wunder wirken Wunder“, 2016)

Ansonsten plagt mich ein aufkommender Schnupfen. Der Nachteil: vorübergehende Umstellung von Stoff- auf die von mir ungeliebten Papiertaschentücher. Der Vorteil: eine gute Begründung, um Händeschütteleien zu umgehen.

Mittwoch: Vielleicht hätte ich richtig Karriere gemacht, verweigerte ich mich nicht konsequent der Powerpoint-Nutzung. Heute hätte mir auch das nichts genützt, denn der Rechner meldet „Powerpoint funktioniert nicht mehr“; auch nicht nach zahlreichen Versuchen und Neustart.

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Eine kurze Umfrage im Kollegenkreis ergibt, ich bin nicht der einzige. Welch paradiesische Vorstellung: ein Leben ohne Präsentationen. Wie ich hörte oder las, oder beides, so genau weiß ich es nicht mehr, ist diese Geißel der Bürokommunikation bei Amazon generell verboten. Stattdessen müssen dort Vorlagen und Konzepte ohne dämliche Bildchen und in ganzen Sätzen in ein Textdokument niedergeschrieben werden, auf dass ein jeder, den es betrifft, sich die Zeit nehme, es zu lesen. Wenngleich ich eine Amazon gegenüber äußerst reservierte Haltung zu meinen positiven Eigenschaften zähle, so sehr begeistert mich diese Regelung.

Auch Herr Firla macht sich Gedanken zu Amazon, schreibt über „Händler, die präamazonal mit einer Schelle bimmelten, um Kunden auf die Straße zu locken.“ Sehr lesenswert.

Trotz erkältungsbedingter Unlust lohnte sich am Abend der Besuch der Chorprobe, denn wir probten mein absolutes Lieblingsstück: „Ebben? Ne andrò lontana“ aus der Oper „La Wally“ von Alfredo Catalani, bekannt geworden unter anderem durch Maria Callas. Vor Jahren sangen wir es schonmal, da klang es so:

Ist das nicht wunderwunderschön? Vielleicht nicht so schön wie von Frau Callas (oder „die Callas“, wie respektlose Medien gerne schreiben), aber doch mindestens so schön wie Modern Talking.

Donnerstag: Das mit Modern Talking war zugegebenermaßen eine unelegante Überleitung auf heute: Dieter Bohlen wird fünfundsechzig, und das Bundeskartellamt untersagt Facebook das Datensammeln. Man nehme die Weisung des Kartellamtes ernst, lässt das Unternehmen den Sprecher sprechen. Die Hoffnung, dadurch würde sich irgendetwas ändern, scheint indes genauso unbegründet wie die, Bohlen könnte jetzt in Rente geht.

Freitag: Im Werk stehen größere Veränderungen an. Wieder gilt: „Sei immer nett zu jedermann / Schon morgen er dein Chef sein kann.“

Samstag: „Man muss da immer sehr aufpassen eine ganz exakte Grenze zwischen wissenschaftlich Nachweisbarem und Fabuliertem zu ziehen, denn in der Grauzone zwischen beidem bereichern sich die Scharlatane“, schreibt Frau Myriade in ihrem Blog. Ein Satz, der mir sehr gut gefällt.

Heute in einem Monat wird mein Twitterkonto zehn Jahre alt. Dann lösche ich es. Darauf freue ich mich schon. Der letzte Tweet hat keine Pointe. #Twexit

Eine weitere Wiederentdeckung von einer alten Musikkassette mit Radioaufnahmen:

Sonntag: Nachdem wir zuvor auf RTL „Take Me Out“ geschaut hatten, diese Verkupplungsshow, die durch ihren Moderator Ralf Schmitz einen gewissen Unterhaltungswert aufweist (aber auch wirklich nur deswegen), träumte ich in der Nacht, durch einen Irrtum, ein grandioses Missverständnis als Kandidat in diese Show geraten zu sein. Schon als ich die Reihe der Damen stolpernd abschreite, drückt jede von ihnen entsetzt auf den Buzzer. „Lisa-Patricia, warum hast du gedrückt?“, fragt Schmitz. „Na hör mal, der geht ja gaaar niiiiich …“, antwortet die Gefragte; „Der geht so komisch“, sagt eine andere, deren Name mir entfallen ist. Nur Marta, eine ganz besonders Dicke mit Glatze, viel Metall im Gesicht und großflächigen Tätowierungen am ganzen Körper, hat noch weißes Licht am Pult. „Ich finde den total scharf“, lässt sie Schmitz mit sonorer Stimme wissen, während sie sich, mich nicht aus den zu messerscharfen Schlitzen verengten Augen lassend, lüstern die Lippen leckt.

Dann wird der kurze Film über mich eingespielt. Als zu sehen ist, wie ich vor meiner Modelleisenbahn sitzend die Schranken herunter kurbele, bricht Panik im Saal aus, die Damen rennen und kreischen wild durcheinander, selbst Ralf Schmitz, sonst niemals um einen Spruch verlegen, starrt mich schweigend an, sichtlich um Fassung ringend. Nur Marta, inzwischen gänzlich unbekleidet, kommt zielstrebig, noch immer die Lippen leckend, auf mich zu. Dann wache ich auf, mit dem Vorsatz, nie wieder vor dem Zubettgehen RTL zu schauen.