Woche 8: Stirbt der „Modezar“ jetzt aus?

Montag: Donald Trump versetzt Europa mal wieder mit ein paar Twitter-Absonderungen in Aufruhr. Warum hören Politiker und Presse nicht einfach auf, ihm zu folgen? Schon wäre Ruhe.

Ansonsten verlief der Montag zufriedenstellend. Die Aufgabe, für deren Erledigung ich mich auf einen späten Feierabend eingestellt hatte, war bereits am Vormittag abgeschlossen, und eine Besprechung endete eine Stunde vor dem angesetzten Ende. Zitat des Tages: „Das ist mein persönlicher Viewpoint.“ Wurde natürlich umgehend notiert.

Dienstag: Karl Lagerfeld hat diese Welt verlassen. Oder seine; ich glaube, er lebte vielmehr in seiner eigenen Welt. Welche auch immer, mit ihm verliert sie einen außergewöhnlichen Menschen, über den ansonsten alles geschrieben ist. Niemals sterben wird hoffentlich sein legendärer Satz über Jogginghosen und ihre Träger, der bis heute nichts an Aktualität verloren hat, auch wenn es Menschen gibt, die diese abscheulichen Teile für straßentaugliche Mode halten.

Mittags in der Kantine gabs was mit grünem Spargel, woran ich auch noch abends beim Wasserlassen erinnert werde.

Mittwoch: Die Zeitung zitiert Christian Lindner zum Tod von Karl Lagerfeld. Das hat der Verblichene nun wirklich nicht verdient.

Singen macht glücklich, keine Frage. Ein unverhofft freier Abend aufgrund ausfallender Chorprobe ist indes dem Wohlbefinden auch nicht abträglich.

Donnerstag: Nachmittags geschäftlicher Termin in Brühl. Als kosten- und umweltbewusster Mensch wähle ich zur Anreise die Stadtbahn. In Alfter (für Nichtrheinländer: kein Schreibfehler, sondern ein Ort bei Bonn) sehe ich mehrere Einfamilienhäuser, deren Eigentümer augenscheinlich anstatt eines grünen Vorgartens mit Rasen und Beeten eine öde Schotterwüste vor der Tür als zierend erachten. Welcher irregeführte Sinn für Ästhetik mag hier gewütet haben? Aber vielleicht sind sie auch nur zu faul zur Grünpflege. Wenige Kilometer weiter steht eine ältere Dame auf einem Balkon, fuchtelt wild mit den Armen und scheint der Bahn etwas hinterherzurufen. Vielleicht dieses: „Ja, fahret nur dahin, doch werdet ihr nicht ankommen!“

Womit sie recht hat: Die Fahrt endet wegen einer Betriebsstörung in Schwadorf, Schienenersatzverkehr sei eingerichtet. Da ich gut in der Zeit liege, warte ich mit den Mitreisenden auf den Bus. Die allgemeine Stimmung ist gut, abgesehen von den üblichen Zeitgenossen, die in allem ein Haar in der Suppe finden („Ich möchte EINMAL erleben, dass bei der Bahn nichts schiefgeht“, kennt man ja, diese wehleidigen Klagen). Es beginnt zu regnen. Kein Bus. Noch knapp eine Viertelstunde bis zum Termin. Was tun? Ein Taxi nehmen? Nach sorgfältiger Abwägung der Notwendigkeit meiner Teilnahme an der Veranstaltung gegen die meinem Arbeitgeber entstehenden Taxikosten entscheide ich mich für die kostengünstige Variante und nehme die nächste Bahn zurück nach Bonn. Ob die Dame immer noch fuchtelte, entging meiner Aufmerksamkeit. Vielleicht besser so, wer weiß, welche Imponderabilien sie sonst noch herbeigefuchtelt hätte.

Freitag: Es ist vollbracht – vielleicht geht der 22. Februar dereinst als Gedenktag in die Geschichte ein, an dem die vorläufige Kostenschätzung für die Sanierung der Bonner Beethovenhalle die 100-Millionen-Grenze überschritten hat.

Zudem wird bekanntgegeben, dass das Geburtshaus des Komponisten, auf den sich die Bonner so viel einbilden, wegen Renovierung für mehrere Monate geschlossen wird. Das lässt nichts Gutes hoffen.

Auf dem Rückweg vom Werk erblicken meine müden Augen in der Bahn Zehenschuhe, die ein junger Mann trägt. Heißen die so? Sie wissen vielleicht, was ich meine, wie Fingerhandschuhe, nur für unten. Benötigt man dazu auch entsprechende Zehensocken, oder trägt man die ohne? Wie auch immer, die Dinger sehen ganz schön albern aus, ich würde mir die nicht kaufen (zumal es die vermutlich auch gar nicht passend für meine krummen Füße gibt). Was hätte Karl Lagerfeld dazu gesagt?

Abends Auftritt in Bad Godesberg. Auch als Kunde und Hotelgast ist man für klare Hinweise auf korrektes Verhalten immer dankbar:

KW8 - 1

Samstag: Noch ein abschließender Gedanke zu Lagerfeld: Vielleicht stirbt mit ihm ja der unsägliche Pressekasper-Begriff „Modezar“ endlich aus. Das wäre nun wirklich nicht das Schlechteste.

Unterdessen ist der Geliebte schlechtlaunig, weil er sich benachteiligt fühlt gegenüber Choupette, Lagerfelds Katze.

Übrigens ruft man in Bacharach am Rhein „Helau“, wenn man „Alaaf“ meint. Der Auftritt wurde dennoch sehr schön, und ganz schön spät.

Sonntag: Der Autor Thomas Glavinic schreibt in der FAS:

„Beim Schreiben geht es darum, so gut wie möglich zu kaschieren, dass man eigentlich gar nicht schreiben kann. Egal wie viel ein Autor kann, noch mehr kann er nicht.“

Einmal mehr fühle ich mich enttarnt, mal davon abgesehen, mir nicht die Bezeichnung „Autor“ anzumaßen.

Auch bei uns zu Hause laufen die tollen Tage nun auf ihren Höhepunkt zu.

Rufen Sie deswegen dreimal mit mir aus:

Bonn – Alaaf!

Godesberg – Alaaf!

Choupette – Alaaf!

2 Gedanken zu “Woche 8: Stirbt der „Modezar“ jetzt aus?

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