Woche 2/2026: Kein Ernteglück in Erndtebrück

Montag: Da für den Nachmittag stärkerer Schneefall in Aussicht stand, verzichtete ich auch heute auf das Fahrrad und fuhr mit der Bahn in die neue Arbeitswoche. Eine gute Wahl, wie ich zwischen Ausstieg und Turm bemerkte, als mir eisiger Wind ins Gesicht blies. Macht sich da eine gewisse Verweichlichung bemerkbar?

Nach der Ruhe der vergangenen Woche kommt wieder Geschäftigkeit auf. Das erste Füll-„tatsächlich“ des Jahres hörte ich in einer Besprechung um 9:47 Uhr.

Wie versprochen begann es kurz vor Arbeitsende heftig zu schneien, die Wahl des Verkehrsmittels war die richtige Entscheidung. Nach Rückkehr fand ich im heimischen Briefkasten eine Postkarte aus Duisburg vor und freute mich, nicht nur über die Karte, sondern auch über die Tatsache, nicht in Dänemark zu wohnen, wo die Beförderung von Briefsendungen durch die Post seit diesem Jahr eingestellt ist. Zufällig habe ich gerade heute frische Briefmarken gekauft.

Anschließend suchte ich das Sportstudio auf. Ja, ich mache das immer noch, zweimal wöchentlich, Sie dürfen mich gerne loben. Gegen Ende meiner dritten und letzten Parcours-Runde wurde es relativ voll, innerhalb weniger Minuten trafen mehrere Personen ein, als wäre ein Bus vorgefahren. Vielleicht die guten Vorsätze für das neue Jahr.

Dienstag: Auf dem Fußweg ins Werk bei Schnee und Minusgraden staunte ich über die Läufer am Rheinufer, nicht nur über den einen in T-Shirt und kurzen Hosen, sondern vor allem, dass sie überhaupt liefen, es war stellenweise ziemlich rutschig.

Die Büros im Turm sind wieder bevölkert, die (nach-)weihnachtliche Ruhe endgültig vorüber. „Frohes neues Jahr, kann man wohl noch sagen.“ Ja, kann man. Muss man aber nicht.

Ab dem Mittag fiel Schnee

Auf dem Rückweg schaute ich, ob der Dreikönigsmarkt auf dem Remigiusplatz wirklich noch geöffnet war.

Ja, war er.

Aus der Zeitung:

WC im Keller (im benachbarten Migrapolis-Haus gibt es eine rollstuhlgerechte Toilette, die genutzt werden kann bei Anmeldung im Restaurant einen Tag zuvor).

Winter in Europa: Selbst Spanier frieren bei Minusgraden

(General-Anzeiger online)

Mittwoch: Mit der täglichen Blognotiz ist das so eine Sache. An manchen Tagen kommt die erste Inspiration schon mit den ersten Radionachrichten, an anderen fällt mir bis zum späteren Abend nichts Mitteilenswertes auf oder ein. So ein anderer Tag war heute. Ich könnte berichten über einen planmäßigen Zahnreinigungstermin morgens, erneut schneebedingte ÖPNV-Nutzung, Erbseneintopf zum Mittagessen, die unruhige Kollegin nebenan und den einen jungen Kollegen, der bei Begegnung auf dem Flur oder in der Kaffeeküche weiterhin nicht grüßt oder auch nur Notiz nimmt, weiteren Schneefall ab dem frühen Abend und ausgefallenen Sport, weil die Sportstätte krankheitsbedingt ab nachmittags schloss, doch möchte ich Sie damit nicht unnötig langweilen. (Kann man auch nötig langweilen?)

Den ausgefallenen Sport hole ich morgen nach (bzw. werde ich, wenn Sie es lesen, morgen nachgeholt haben), denn morgen habe ich frei und das Wetter soll ab mittags äußerst unwanderlich werden. Und den sozialinkompetenten Kollegen werde ich künftig konsequent ignorieren. Das wird ihn nicht interessieren, trotzdem.

Donnerstag: Seit gestern Abend haben die Stadtteile im Südwesten von Berlin wieder Strom, nachdem bereits am vergangenen Wochenende irgendwelche linken Vollidioten mutwillig eine Stromleitung zerstört hatten, um nach eigenem Bekenntnis den Wohlhabenden das Licht auszuknipsen oder wie auch immer sie zu schwadronieren beliebten. Wieder einmal wurde deutlich, wie sehr unser Wohlergehen im Zeitalter fortschreitender Elektrifizierung und Digitalisierung von einer zuverlässigen Stromversorgung abhängt und wie leicht sie anzugreifen ist, nicht nur durch linke oder rechte Spinner. Dafür weiß ich keine Lösung, fordere keineswegs die Rückkehr zu Pferdefuhrwerk, Dampfmaschine und Petroleumlampe. Doch eine gewisse Skepsis sei gestattet.

Keine neue Erkenntnis, dennoch der Notiz wert: Es bedarf keiner besonderen Aktivität wie Wandern, um einen freien Tag angenehm zu verbringen, ohne auch nur für einen Augenblick so etwas wie Langeweile zu empfinden. Vielmehr genügt länger schlafen, gemütliches Frühstück außer Haus, hier schauen, dort flanieren, etwas Sport, etwas Computer, etwas Sofa, und schon wird es wieder dunkel. Mehrerer Stunden im Büro bedarf es dazu nicht, des daraus resultierenden Lohnes freilich schon.

In Erndtebrück ist eine Cannabisplantage aufgeflogen, hieß es in den Radionachrichten. Alle Pflanzen fliegen hoch, kein Ernteglück in Erndtebrück.

Unterdessen erwartet Deutschland das Sturmtief Elli, das uns ab dem Abend mit Schnee und Eisglätte heimsuchen soll. Die Deutsche Bahn stellt vorsorglich teilweise den Betrieb ein. Auch wenn es ein Alter-weißer-Mann-Satz sein mag oder, wie der Hamburger Mitblogger es auszudrücken pflegt, Krückstockgefuchtel: Das hätte es bei der Deutschen Bundesbahn nicht gegeben, die fuhr so lange, bis nichts mehr ging. Und da ging einiges.

Bis zum späteren Abend brachte Miss Elli zumindest in Bonn vor allem Regen bei etwas milderer Temperatur.

Freitag: Nachmittags wurde in einer Besprechung ein neues Projekt vorgestellt, das Anfang 2027 abgeschlossen sein soll. Währenddessen erwischte ich mich im Hinblick auf die aktuelle Weltlage bei dem Gedanken: Wer weiß, was bis dahin ist. Ich sollte gelegentlich meinen Optimismus optimieren.

Was schön war: der Fußweg ins Werk morgens, kein Schneesturm, jedenfalls nicht hier, und Grünkohl abends auf der anderen Rheinseite.

Werbung mit unfreiwilliger Komik

Samstag: Mittags stand eine karnevalistische Vereinspflicht in Bad Godesberg-Pennenfeld an, wo unsere Garde einen Auftritt hatte und von uns Musikern begleitet wurde. Auf größeres Unverständnis einer nahestehenden Person stieß meine Wahl des Verkehrsmittels. Gewiss, mit dem Auto wäre ich schneller dort und wieder zurück gewesen, praktischer wäre es wegen der Uniform und der Trommel auch gewesen. Aber meine Abneigung gegen das Autofahren und die Aussicht auf einen Fußweg zwischen Stadtbahnhaltestelle und Veranstaltungsort, zudem die Möglichkeit, das Gelingen des Auftritts anschließend guten Gewissens mit einem Bier zu begießen, waren für mich die stärkeren Argumente.

Man muss nicht alles wissen, ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn eine zufällig aufgekommene Frage unbeantwortet bleibt und greife deswegen nicht sofort zum Datengerät, um das allwissende Netz zu befragen. Ähnlich sieht es Gunkl, der da schreibt:

Wenn ich einmal wissen will, ob es so ist, werde ich recherchieren, ob es ein Telephonzellenmuseum gibt. Bislang bin ich mit der Ungewißheit, was das angeht, einigermaßen zufrieden.

Sonntag: Um mir nicht die Stimmung zu trüben, mied ich bei der Lektüre der Sonntagszeitung alle Artikel, in denen es um Trump, seine Leute und Launen ging.

Die Nacht war sehr kalt, auch tagsüber blieb die Temperatur knapp unter dem Gefrierpunkt. Das hinderte mich nicht am sonntagsüblichen Spaziergang, heute wieder auf die andere Rheinseite durch die Auen vor Schwarzrheindorf. Dort war erhöhtes Spaziergängeraufkommen, mit und ohne Hunde; vermutlich lockte der weiterhin liegende Schnee die Leute nach draußen. Erneut wunderte ich mich über das Temperaturempfinden mancher Menschen, dieses Mal ein junger Radfahrer in sommerlich kurzen Hosen und T-Shirt. Ist das ein neuer Trend oder irgendeine Schellensch, die mal wieder an mir vorbeigegangen ist?

Zurück auf dieser Rheinseite, beobachtete ich unter der Nordbrücke eine Frau und ihren mutmaßlichen Sohn, die Sperrmüll aus dem Kofferraum ihres Autos holten und neben den dortigen Altglas- und Altkleidercontainern ablegten. Sollte ich sie ansprechen? Sie dabei filmen oder wenigstens fotografieren? Was hätte das gebracht, außer Ärger? Zumal der ganze Bereich um die Container und unter der Brücke ohnehin großflächig vermüllt ist, da kommt es auf die paar Sachen auch nicht an. Ja ich weiß, nichts zu tun ist da nicht richtig und ich ärgere mich auch etwas über meine fehlende Courage. Immerhin habe ich mir das Kfz-Kennzeichen notiert, vielleicht überlege ich es mir noch und melde es dem Ordnungsamt.

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Vielen Dank für die Aufmerksamkeit, kommen Sie gut durch die Woche. Und bleiben Sie zuversichtlich.

Woche 5/2025: Plakatwände mit den üblichen Gesichtern und inhaltslosen Parolen

Montag: Zu den Kindern kommt abends das Sandmännchen, um sie in den Schlaf zu geleiten. Mich besuchte hingegen sein fieser, pickeliger Bruder, das Weckmännchen. In der Frühe gegen halb vier holte es mich aus ereignislosen Träumen, erst gegen fünf durfte ich noch ein knappes Stündchen schlafen, ehe der erste Wecker zur neuen, großen Arbeitswoche rief. Das Arsc Der Bursche erscheint unregelmäßig zumeist in Nächten auf Montag nach einem langen, schlafreichen Wochenende wie dem vergangenen, da machste nix. Weder Meditieren noch (selbstverständlich tonlos) Gedichte von Eugen Roth und Heinz Erhardt zu rezitieren helfen dann, wach ist wach, in Seit- wie Rückenlage; Bauchlage habe ich nicht probiert. Immerhin kam mir währenddessen eine Idee, wie es auf meiner Romanbaustelle weitergehen könnte, falls ich da nach monatelanger Untätigkeit mal dran weiterzumachen mich aufraffen sollte. Außerdem bemerkte ich, wie nah die Wörter Dekret und Sekret nach der Wiederwahl des amerikanischen Präsidenten nicht nur sprachlich beieinander liegen.

Die Radfahrt zum Werk erfolgter bei ungewöhnlicher Milde, nicht einmal Handschuhe waren erforderlich. Auch die angekündigten Windböen erwiesen sich als gemäßigt. Erst im Laufe des Vormittags tosten sie um den Turm und trieben großflächige Wolken über das Firmament, wie ich während mehrerer Besprechungen vom Arbeitsplatz aus betrachten konnte. (Eigentlich müssten sie mir für die Aussicht was vom Gehalt abziehen, woanders zahlt man dafür Eintritt. Das bleibt bitte unter uns.)

Gegen Nachmittag machte sich der Schlafmangel bemerkbar in Form stark verringerter Arbeitslust, daher verließ ich das Büro nach Erledigung kleinerer Restarbeiten zur vorgesehenen Zeit. Auch das Wetter hatte sich wieder beruhigt, Restwinde schoben mich auf der Rückfahrt freundlich an.

Aus der Zeitung:

Man muss schon sehr genau hinschauen. (General-Anzeiger Bonn)

Dienstag: Viele Menschen fürchten offenbar, augenblicklich zu Staub zu zufallen, wenn sie warten müssen. Nicht zum ersten Mal sah ich, wie der Fahrer eines Lastenfahrrads mit hoher Geschwindigkeit eine rote Ampel ignoriert, vorne in der Ladekiste ein Kind, das Papis Fehlverhalten aufmerksam verfolgt. Es komme mir niemand mehr, ich müsse vor einer roten Fußgängerampel warten, vor allem wenn Kinder in Sichtweite sind. (Manchmal warte auch ich nicht gern.)

Die Stadt ist vollgehängt mit Wahlplakaten des örtlichen CDU-Kandidaten, alle paar Meter grinst er einen an. Das wäre schon Grund genug, ihn nicht zu wählen.

Blaue Stunde morgens

Mittwoch: Auf dem Rückweg vom Werk telefonierte ich über Hörsprechstöpsel in den Ohren mit einem Geburtstaghabenden, anschließend koordinierte ich per Kurznachrichten mit den Lieben die Speisefolge für das Abendessen. Von einem Gen Z-ler nur dadurch zu unterscheiden, dass ich nicht im Stande bin, im Gehen beiddäumig zu tippen.

Anschließend vor mir eine Kundin in der Bäckerei: „Genau … dann nehme ich tatsächlich so ein Dinkelbrot.“ Das danach vor mich hin gemurmelte „tatsächlich“ wird sie nicht gehört haben.

Der Tag lag im Schatten der Abstimmung im Bundestag über den Antrag der CDU zur Asylpolitik, der mit Zustimmung der AfD angenommen wurde. Abends schrieb ich ins Tagebuch: „Das könnte der Beginn einer unheilvollen Zeitenwende sein.“ Siehe dazu auch hier.

Donnerstag: Der mittägliche Treppengang musste aus Zeitgründen leider ausfallen, weil der Chef etwas zu verkünden hatte. Mit dem Verkündeten hatte ich gerechnet, irgendwann, jedoch nicht so bald. Ob sich dadurch für mich etwas verschlechtern wird, bleibt abzuwarten. Besser wird es jedenfalls nicht, besser als es zurzeit ist kann es kaum werden.

Nachmittags begann es zu regnen, deshalb fuhr ich mit dem Bus nach Hause. Als ich vom Busbahnhof (warum eigentlich „bahn“?) durch die Stadt ging, rief vor mir einer mehrfach: “Warum?“ Eine berechtigte Frage, die ich mir auch immer öfter stelle.

Freitag: Das Passwort meines Bürorechners war abgelaufen und musste erneuert werden. Ständig wird man aufgefordert, Passwörter zu aktualisieren oder erstmals sich auszudenken. Dabei werden die Kriterien für ein halbwegs sicheres Passwort immer komplexer: mindestens acht Zeichen lang, bestehend aus Groß- und Kleinbuchstaben, Sonderzeichen und Ziffern, deren Quersumme nicht zwölf ergeben darf. Es darf nicht leicht zu erraten sein, etwa aufsteigende Zahlenfolgen, den Namen des Nutzers oder das Geburtsdatum enthalten, zudem darf es nicht übereinstimmen mit den dreizehn zuletzt vergebenen. Dann muss man es sich auch noch merken können, ohne es irgendwo zu notieren. Vielleicht kommt es irgendwann zum Atomkrieg oder zur Kernschmelze, weil an entscheidender Stelle jemand das erforderliche Passwort vergessen oder dreimal falsch eingegeben hat.

Übrigens: Die Weltuntergangsuhr steht auf 11:58:31.

„Außer Trump und Merz, außer AfD und Wahlkrampf gibt es auch noch andere Menschen und Dinge, mit denen man sich beschäftigen kann, beschäftigen sollte“ schreibt Kurt Kister in seiner Kolumne „Deutscher Alltag“, die wieder da ist. Das heißt, sie war nie weg, nur erhielt ich sie nicht mehr wöchentlich zugesandt, weil ich anscheinend aus dem Verteiler gefallen war. Da er in früheren Texten angedeutet hatte, aus Altersgründen nicht mehr zu schreiben, nahm ich an, nun wäre es soweit. Durch eine Kollegin, die die Kolumne weiterhin erhält, erfuhr ich eher zufällig, dass es sie weiterhin gibt, und abonnierte sie umgehend. Heute erhielt ich sie erstmals wieder, somit kann ich mich freitags wieder darauf freuen. (Es soll auch Menschen geben, die sich montags auf diesen Wochenrückblick freuen. Das freut mich sehr.)

Samstag: Nun also schon wieder Februar. In elf Monaten wird voraussichtlich wieder über ein Böllerverbot dabattiert. Wie bereits vergangene Woche dargelegt, empfand ich den Januar weder als unangenehm noch endlos. Der erste Tag des neuen Monats war sonnig und kalt, Dächer und beschattete Flächen waren mit Raureif* überzogen. Die wöchentliche Altglasentsorgung verband ich wie üblich mit einem Spaziergang durch die Nordstadt und an den Rhein, wo die Uferpromenade gut besucht war. In der Nordstadt werben große Plakatwände mit den üblichen Gesichtern und weiterhin inhaltslosen Parolen um meine Kreuze bei der Bundestagswahl. Dieses Mal fällt es mir wirklich schwer, zu entscheiden, welche Partei ich für die beste oder wenigstens für das kleinere Übel halte.

*Weiterhin widerstrebt es mir, das Wort ohne h zu schreiben, aber es hilft ja nichts

Februarblau

Sonntag: Der Sonntagsspaziergang musste wegen Dienst an den Trommelstöcken (in meiner ostwestfälischen Kindheit sagte man Stöckern) leider ausfallen, weil zwei Auftritte der Karnevalsgesellschaft in Euskirchen und Bad Godesberg sich mit den üblichen Wartezeiten (wer selbst im Karneval aktiv ist, weiß vermutlich, was ich meine) bis in den späten Nachmittag zogen.

Kleiner Nachtrag zu Dienstag: Laut einer Messung des ADAC im vergangenen Jahr ignorieren acht Prozent der Radfahrer rote Ampeln, steht in der FAS. Das erscheint mir sehr wenig, oder sie haben nicht in Bonn gemessen

Das Gute zum Schluss: Erfreulich waren in dieser Woche die wiederentdeckte Kister-Kolumne, ein eingetroffenes, erst am Dienstag zu öffnendes Päckchen und die Sofalesezeit nach den Auftritten.

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche. Lassen Sie sich nicht um den Schlaf bringen, weder vom Weckmännchen noch von Friedrich Merz.

Woche 20/2023: Eisheilige, Imkernde und (kein) Brückentag

Montag: Vergangene Nacht träumte ich von einer erheblichen Mailflut im Büro. Kaum war eine Nachricht bearbeitet, trafen zwei neue Imponderabilien ein, zeitweise im Minutentakt, es nahm kein Ende. Die Wirklichkeit zeigte sich heute wesentlich ruhiger, es kostete Mühe, in die Gänge zu kommen und die anstehenden Aufgaben anzugehen. Stattdessen kam eine weitgehend unnötige und an anderen Tagen als lästig empfundene Besprechung gelegen, die keine aktive Teilnahme meinerseits erforderte und es mir stattdessen ermöglichte, eine halbe Stunde lang aus dem Fenster zu schauen und Strichliste zu führen, wie oft jemand „tatsächlich“ sagt (vierzehn mal).

Immerhin trat ich optisch hervor. Einem inneren Bedürfnis folgend wählte ich morgens nach längerer Zeit einen Anzug und ordentliche Schuhe als Arbeitskleidung. Nachdem in den zurückliegenden drei Jahren diesbezüglich eine gewisse allgemeine Lotterei zu beobachten ist, fühlte es sich gut und richtig an, auch wenn es nicht zur Gewohnheit werden muss. Auf eine Krawatte verzichtete ich.

Als ich abends Brötchen für das Abendessen holte, kam ich an einer Dreiergruppe vorbei, zwei Damen und ein Herr (letzterer in Anzug mit Krawatte), die in der Fußgängerzone standen und den Vorübergehenden Druckwerke zur Mitnahme reichten. Daneben ein Schild mit der Aufschrift »Für eine gesunde Psyche«. Wie gesund mag es für deren Psyche sein, wenn niemand stehen bleibt für ein Gespräch, oder wenigstens im Vorbeigehen ein Heft abnimmt?

Dienstag: Heute war es wieder ziemlich kalt, mutmaßlich Nachwirkungen der Eisheiligen. Fragte man mich nach deren Namen, so antwortete ich als weitgehend ungläubiger Mensch Malaga, Waldmeister, Langnese, Schöller und Fürst Pückler. Wie auch immer – Der Wind, der mir auf dem Rückweg vom Werk die ganze Zeit kühl ins Gesicht blies, rüttelte am fragilen Kartenhaus meiner guten Laune.

Mittwoch: Wegen des Feiertages morgen und der sich daraus ergebenden Gelegenheit eines langen Wochenendes wird heute mit zahlreichen Staus auf deutschen Straßen gerechnet. Dazu einst ein gewisser Blaise Pascal: »Tout le malheur des hommes vient d’une seule chose, qui est de ne pas savoir demeurer en repos, dans une chambre.« Übersetzt: »Das ganze Unheil der Menschen kommt nur daher, dass sie nicht gelernt haben, in Ruhe in einem Zimmer zu bleiben.« Ein Satz voller Wahrheit.

Heute ist Weltfernmeldetag. Eine schöne Gelegenheit, an das verblichene Fernmeldewesen zu erinnern, das längst durch die Telekommunikation abgelöst worden ist.

Die Zeitung berichtet über einen Straßenbaum in der Bonner Innenstadt, der gestern ohne Ankündigung und nachvollziehbaren Grund einfach umgekippt ist. Dazu der Leiter des für die Stadtbegrünung zuständigen Amtes: »Bäume sind Lebewesen, die manchmal unberechenbar reagieren.« Besondere Vorsicht daher im Mai, wo sie laut traditionellem Liedgut zum Ausschlagen neigen.

Donnerstag: Vielen Dank den Christen für diesen arbeitsfreien Tag, den ich wenig blogabel verbrachte mit lange Schlafen, einem längeren Spaziergang über den Rhein (also über die Brücken, nicht übers Wasser, das konnte nur der Himmelfahrer) und Lesen auf dem Balkon, letzteres erstmals, da die Sonne der Jahreszeit angemessen wärmte, unter der neuen Markise. Ein Lob der Viertagewoche; mit dem Thema bin ich noch lange nicht durch.

Was es alles gibt
Parkidylle mit friedlichen Kastanien

Freitag: Dank dem Brückentag, den andere eingelegt hatten, war es heute im Büro sehr ruhig, ich hatte die Etage, womöglich das ganze Gebäude für mich alleine. Die erste freitägliche Teams-Besprechung fiel dank geringer Teilnehmerzahl erfreulich kurz, die zweite ganz aus. Auch der Maileingang war gering, zudem schien die Sonne, was sich kürzend auf meinen Dortseibedarf auswirkte und mich zu einem zeitigen Feierabend veranlasste.

»In der Bahn sind Slides schneller getauscht, als du „Deadline” sagen kannst«, wirbt die Deutsche Bahn auf Twitter. Welch ein Unfug. Niemals würde ich freiwillig „Deadline“ sagen. – Apropos Tod: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie Sie gerne sterben möchten? Idee: sich selbst verarschen und infolgedessen totlachen.

Abends aßen wir beim Italiener nicht weit von unserer Wohnung entfernt, der das Lokal erst vor kurzem übernommen hat. Wir waren sehr zufrieden und wünschen ihm künftig mehr Gäste als gestern, wo wir das Restaurant fast für uns hatten.

Das Speisenangebot überrascht durch Vielseitigkeit

Samstag: »Bahn will Erde vermarkten«, übertitelt die Zeitung einen Artikel. Darin geht es nicht um eine von Herrn Lutz angestrebte Weltherrschaft, sondern die gewinnbringende Veräußerung von Aushub aus Bahnbaustellen.

Auch aus der Zeitung, in einem Artikel über Bienen: »Der einzige Unterschied zu den Wildbienen ist, dass die Honigbiene eine Lobby hat – nämlich den Imkernden« – Gendern im Singular sollte man Profis überlassen.

Nachmittags freute ich mich über eine Mail im privaten Eingang. Vergangene Woche erzählte ich über meinen Besuch der Lesebühne TapetenPoeten in Beuel und die Idee, dort selbst mal was vorzutragen, Sie erinnern sich vielleicht. Meine diesbezügliche Anfrage von Montag wurde heute positiv beschieden, am 5. September bin ich voraussichtlich dabei. Somit noch genügend Zeit, zu überlegen, was ich dort vortragen werde. Wenn Sie Vorschläge haben, gerne.

Abends gab es Bowle. Das kam so: Der Geliebte hatte in der Woche eine größere Anzahl Nektarinen erstanden. Da ich in diesem Haushalt der einzige regelmäßige Obstesser bin, Früchte in solcher Menge jedoch nicht zu verzehren in der Lage bin, drohten sie, der Überreife und Gammel anheim zu fallen. Daher der Bowlenbeschluss; neben den Nektarinen kamen noch eine Birne und eine Handvoll Erdbeeren unters Messer und in die Schale. Durch ein bedauerliches Versehen erfolgte der Aufguss mit einem höherpreisigen Jahrgangssekt statt des vorgesehenen Erdbeerschaumweins, was zunächst den Unmut des Liebsten hervorrief, dem anschließenden Genuss jedoch nicht abträglich war.

Am späten Abend kreiste für längere Zeit ein Hubschrauber mit erheblichem Lärm über der Stadt, zeitweise verharrte er minutenlang an einer Stelle. Vielleicht Räuber und Gendarmen für Große.

Sonntag: Erstmals in diesem Jahr erlaubte die Außentemperatur das Frühstück auf dem Balkon, bowlenbedingt noch von einer leichten Appetitlosigkeit begleitet.

Doch kommt Appetit bekanntlich beim Trinken. So schmeckte das Spazierbier nachmittags in einer Südstadt-Außengastronomie schon wieder gut. Dabei störte es mich überhaupt nicht, dass aus dem geöffneten Fenster der Gaststätte immer dasselbe Lied in Dauerschleife zu hören war, ein spanisches Stück mit bekannter Melodie und mir unbekanntem Titel. Wie mögen das die Angestellten des Lokals empfinden (beziehungsweise was macht das mit ihnen, wie manche sagen), die das stundenlang anhören müssen? Oder merken die das gar nicht mehr, so wie man sich ja angeblich auch an das Dauerrauschen gewöhnt, wenn man nahe einer Autobahn wohnt?

Wo wir gerade bei Fragen sind: Was veranlasst immer mehr junge Männer zu dieser albernen Kleinlockenfrisur bis weit über die Stirn? Wer hat ihnen gesagt, das sähe gut aus?

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Kommen Sie gut durch die Woche. Ich sehe ihr mit Vorfreude entgegen: Arbeitstage sind nur Montag und Freitag, dazwischen bin ich privat in München und ich bin mir sicher, das wird gut.

Woche 50: Habemus balneum

Montag: Die Verbraucherschutzkommision der Europäische Union warnt vor bestimmten Feuerwerkskörpern, weil mit deren Gebrauch Verbrennungen und Gehörschäden einhergehen können. Ach was. Warum wird nicht auch vor finanziellen Einbußen nach deren Erwerb gewarnt?

Zurecht weist Frau Marjorie auf das Fehlen des Wortes „tatsächlich“ in der jüngst fortgeschriebenen Floskel-Liste hin. Das ist umso unverzeihlicher, als dass ich mich bereits an einem Freitag im April über seinen übermäßig-unsinnigen Gebrauch ausließ. Vielen Dank für den Hinweis, das Wort wird selbstverständlich bei nächster Gelegenheit ergänzt.

Dienstag: „Das hat eine gewisse Ambivalenz. Reibung erzeugt Wärme“, sagte morgens in der Bahn eine Frau zu ihrem Nebenmann. Wie kann man am frühen Morgen schon so einen Unsinn reden.

„Das ist wie das Henne-Huhn-Prinzip“, sagte die Kollegin später in der Besprechung. Ich war zu müde, mir von ihr das Prinzip erläutern zu lassen.

„Ein Smoking ist auch nichts, was man nicht nicht haben müsste“, sagte der Liebste am Abend. Darüber muss man erstmal nachdenken. Braucht man so ein Ding nun oder nicht oder nicht nicht oder doch? Rein mathematisch bedeutet eine dreifache Verneinung „nein“, doch bin ich mir nicht sicher.

Bereits ab 2021 soll Tabakwerbung in Deutschland schrittweise verboten werden, welch politischer Donnerschlag. Ein im Fernsehen sich äußern dürfender Tabaklobbykasper sieht darin indes einen gesundheitspolitischen Rückschritt, werde der Tabakindustrie dadurch doch die Möglichkeit genommenen, über weniger gesundheitsschädliche Produkte wie Elektrozigaretten zu „informieren“. Auf diese Argumentation muss man auch erstmal kommen.

Apropos Jugendschutz:

KW50 - 1 (2)

Ein wenig fühlt es sich an wie ein Ritterschlag.

Gelesen hier, und das gefällt mir richtig gut, das sollte man sich immer wieder bewusst machen:

„Man sollte Alltag sehr viel mehr schätzen; man merkt das, wenn der Alltag zwischendurch mal wegbricht. Deswegen mache ich soviel Alltag wie möglich.“

Aus gegebenem traurigen Anlass:

Mittwoch: Diese Woche gab es nur ein dienstlich veranlasstes vorweihnachtliches BesoffenBeisammensein, mit teambildendem Aufenthalt in einem sogenannten „Escape-Room“. Kann man mal machen, doch bedarf es keiner kurzfristigen Wiederholung. – Erwähnte ich schon meine Abscheu gegen Event-Gruppenbilder? Auf solchen erkennen Sie mich stets als denjenigen, der niemals in die Kamera schaut.

Donnerstag: »Frauen mögen es in der Wohnung wie auch im Büro lieber wärmer, Männer dagegen kühler. Deshalb tobt in vielen Familien und Betrieben der „Kampf um den Thermostat“«, lese ich beim Morgenkaffee in der PSYCHOLOGIE HEUTE. Womit meine weibliche Seite sehr treffend beschrieben wäre, wobei in diesem Haushalt mehr die Balkontür Gegenstand der Kampfhandlungen ist.

Ich bin kein Morgenmensch. Kommunikation vor neun Uhr ist mir ein Graus, insofern verwundert mich immer wieder, wie viele Menschen bereits um kurz nach sieben auf dem Weg ins Werk das Telefon am Ohr haben beziehungsweise, die Jüngeren, wie ein Schmalzbrot vor sich halten. Eine Oase der Stille war bislang die halbe Stunde zwischen Bad (als wir noch eins hatten), Ankleidung und Aufbruch ins Werk. Aufgrund – grundsätzlich begrüßenswerter – organisatorischer Änderungen im unmittelbaren menschlich-persönlichen Umfeld ist es damit auch vorbei: Bereits beim ersten Kaffee des Tages versucht man, mich in Gespräche zu verwickeln, zudem wird die Balkontür aufgerissen, um meine innere Frau zu frösteln.

Später im Werk: „Können wir bitte erstmal nur die Topics aufnehmen, auf gut Deutsch?“, sagte der Projektleiter. Er klang dabei nicht besonders ironisch.

Freitag: Morgens verkündete der Fahrer der Stadtbahn, während wir in der Haltestelle Hauptbahnhof standen, der Zug nebenan fahre vor uns ab, woraufhin etwa sechzig Prozent der Fahrgäste fluchtartig den Wagen verließen und nach nebenan liefen, auf dass sie früher ans Werk kommen. Eine knappe Minute später setzte auch unser Wagen seine Fahrt fort. Was treibt diese Menschen nur?

Habemus balneum – auf gut Deutsch: Nach zwei Monaten und sechzehn Tagen wurde endlich die Dusche installiert. Höchste Zeit; langsam wurde es unbequem und lästig, jeden Morgen runter an den Rhein zu gehen. Weiterhin stößt das morgendliche Leeren des Nachttopfes auf die Straße zunehmend auf Missfallen von Passanten und Anwohnern. Aber wer weiß, vielleicht bekommen wir schon kommende Woche das Klosett eingebaut.

Samstag: Experten forderten kürzlich, Katzen wegen ihres Jagdtriebes und der damit verbundenen weiteren Dezimierung von Singvögeln nicht mehr frei herumlaufen zu lassen, was erwartungsgemäß nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt. Frau Susanne H aus B schreibt dazu in einem Leserbrief an den SPIEGEL:

„Wann immer meine Katzen Jagdglück hatten, hatte sich der Vogel dumm und sorglos angestellt. Hätte er seine Dummheit an seine Nachkommen weitervererben sollen?“

Sonntag: Eines der schönsten Geräusche ist das Prasseln von Regentropfen auf die Fensterbank unseres Schlafzimmers, vor allem wenn ich mich nochmal umdrehen und weiterschlummern kann. Wie heute früh.

Matthias Brandt schreibt in „Blackbird“, meiner derzeitgen Bettlektüre:

„Ich könnte genauso gut jemand anders sein. Alleine schon, wenn ein anderes Spermium ein bisschen schneller gewesen wäre, wäre ich jetzt vielleicht nur eins dreiundfünfzig groß gewesen und hätte eine Riesennase gehabt, also noch viel größer, als mein Zinken ohnehin schon war, und ich würde zu Modelleisenbahnertreffen fahren oder was weiß ich.“

Da ist was dran. Statt in warmer Stube mit der Modelleisenbahn zu spielen, würde ich vielleicht morgens die Balkontür aufreißen und abends Fußball kucken. Was weiß ich.

Verkaufsoffener Sonntag in Bonn. „Genussvoll shoppen im Lichterglanz“, so das Motto. Wenigstens nicht „besinnlich“. Ich ziehe es dennoch vor, die Innenstadt zu meiden.