Woche 13: Tatsächlich

Montag: Manche Menschen sind auf Anhieb unsympathisch, denken Sie nur an J. R. Ewing oder Alexander Dobrindt. Heute Vormittag im Aufzug: Ein junger Mann um die dreißig, nach hinten geschmierte Haare, weißes Hemd mit Manschettenknöpfen, Kopfhörer im Ohr, unbedingte Strebsamkeit im Blick. Grußlos betrat er die Kabine, den strebsamen Blick auf sein Datengerät gerichtet, ohne Gruß verließ er sie wieder, wobei ich einräume, auch meinerseits keine Veranlassung für einen Gruß gesehen zu haben; vielleicht wollte ich sein geschäftiges Tun nicht unterbrechen, vielleicht war es etwas anderes, das meine Lippen einem „Guten Tag“ oder einfachem „Hallo“ verschlossen hielt. Dabei ist er vielleicht ein liebevoller Vater, oder er spendet regelmäßig größere Summen an Bedürftige, wer weiß, man sieht den Leuten so etwas ja nicht an.

Gegen Abend komme ich in Cottbus an, wo die Geschäfte bis Mittwoch meine Anwesenheit erfordern. Vom ersten Eindruck her ist mir die Stadt ebenfalls nicht sonderlich sympathisch, aber das kann ja noch werden.

Dienstag: Frau Marie schreibt wieder schön über den Wahnsinn im Werk: „Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erledigung zur Verfügung steht.“

Die Litfaßsäulendichte in Deutschland nimmt laut einem Zeitungsbericht ab, ein hierzu befragter Experte befürchtet gar „das Ende vom Stadtbild, wie wir es kennen“. Hm. Also ich könnte auf die Dinger verzichten, vermissen würde ich sie eher nicht. Im Übrigen stünde so mancher Stadt eine Änderung ihres Bildes gut zu Gesicht, wobei es hierzu wohl mehr bedarf als einer Reduzierung der beweinten Reklametürmchen.

Mittwoch: Ob Vorstehendes auch auf Cottbus zutrifft, enthalte ich mich zu beurteilen. Der Nachteil von Tagungen ist ja oft, dass man vom Tagungsort wenig bis gar nichts mitbekommt.

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Auch über die Schönheit von Calau erlaube ich mir kein Urteil. Nach eigenem Bekunden erfreut es sich jedenfalls bester Gesundheit, wie ich auf der Rückfahrt sehe. Im örtlichen Bahnhof steht ein ausgemusterter Eisenbahnwaggon mit der Aufschrift „Herzlich Willkommen in Calau, kerngesunde Kleinstadt mit Witz“, wobei das letzte Wort besonders hervorgehoben ist, als wollte man hinzufügen „Verstehste, zwinker zwinker, Witz, Calau, Kalauer!“ Da fand ich das Motto, welches sich die Stadt Bielefeld 2014 zum achthundertjährigen Bestehen gab, deutlich witziger: „Gibts ja gar nicht.“

Im Regionalexpress von Cottbus nach Leipzig hörte ich einen jungen Mann zu seiner Begleiterin sagen: „Sowas solltest du haben, weil es einfach doof ist, sowas nicht zu haben.“ Das fand ich auch ohne Kenntnis des Zusammenhangs recht witzig, weshalb ich es Ihnen nicht vorenthalte.

Nicht witzig, eher schlampig der folgende Satz, der heute im General-Anzeiger zu lesen ist: „Während einer zwölftägigen Kreuzfahrt entlang der norwegischen Westküste war die „Viking Sky“ am Samstagnachmittag aufgrund von Problemen mit seinen Motoren in dem Küstengebiet Hustadvika in Seenot geraten.“ Das Küstengebiet hatte Probleme mit den Motoren?

Ich möchte die Betrachtung dieses Tages nicht beenden, ohne mich bei der Deutschen Bahn zu bedanken, welche mich sehr angenehm und bequem von Cottbus nach Bonn beförderte, zwar nicht ganz pünktlich, jedoch mit einer Verspätung, die sich mit einer Viertelstunde im Rahmen des Erträglichen hielt. Das sollte man auch mal erwähnen, nicht immer nur draufhauen.

Donnerstag: „Glyphosat ist und bleibt sicher“, sagt der Bayer-Chef. „Unsere Mitarbeiter sind unsere höchstes Gut“, lese ich in einer internen Mitteilung. Kommt bald eine Erklärung des Papstes, die Erde sei doch eine Scheibe?

Freitag: Ein neuer Stern funkelt am jede Besprechung überspannenden Floskelfirmament, im Sternbild des Füllwortes, gleich neben „quasi“, „irgendwie“ und „genau“: „tatsächlich“. Kaum noch ein Besprecher kann darauf verzichten, es tatsächlich in ungefähr jeden dritten Satz einzuflechten.

(Schon um zwanzig nach sechs, also etwa eine halbe Stunde vor der üblichen Zeit und eine halbe Stunde, nachdem mich der Blasenwecker des Müssens gemahnt hatte, trieb es mich heute – putzmunter – aus dem Bett, um vorstehendes zu notieren. Manchmal wundert man sich über sich selbst.)

„Zuvor hatte die Airline am Morgen bereits erklärt, seine Flugzeuge bis auf Weiteres am Boden zu lassen“, steht in der Zeitung. Ist das wirklich so schwierig?

Nachtrag zu Mittwoch: Auch in Bonn ist man nur mäßig witzig.

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Samstag: An diesem sonnigen Tag sah ich nicht nur den ersten Schmetterling des Jahres, sondern hörte auch erstmalig das Wort „Klabusterbeeren“, welches ich aus Gründen der Rücksichtnahme nicht näher erläutere; es steht Ihnen natürlich frei, es zu recherchieren.

Ein Jugendlicher in der Bahn zu seinen Leuten: „Isch kann misch mit meinen eigenen Haaren nicht mehr ernst nehmen, Alter.“ Junger Freund, möchte man entgegnen, deine Frisur ist nun wirklich nicht dein hervorstechendes Manko.

In Essen fuhr ein Mann eine Stunde lang mit hoher Geschwindigkeit durch einen Kreisverkehr, verfolgt von Polizei und einem Hubschrauber, steht in der Zeitung. Das muss sehr lustig ausgesehen haben. Vielleicht stammt der Bericht auch aus der Feder eines Journalisten-Azubis, der vor einem Kinderkarussell stand.

Sonntag: Ein mir nicht näher bekannter Marc fragt per Mail an, ob ich Lust hätte, einen bezahlten Artikel über Sportwetten zu schreiben. Lieber Marc, nein, habe ich nicht. Dieses Blog dient ausschließlich meinem privaten Freizeitvergnügen, der Lust am Schreiben, Beobachten und Bemerken. Der einzige Lohn sind gelegentliche Gefällt-mir-Bekundungen und Kommentare meiner Leser, hingegen verfolgt es keine finanziellen Interessen. Deshalb rufe ich auch nicht zu „Blogspenden“ und ähnlichem Quatsch auf. Dennoch Danke der Nachfrage. Vielleicht schreibe ich tatsächlich mal was über Sportwetten, dann aber ohne Vergütung und Verlinkung. Allerdings fällt mir im Moment nichts zu dem Thema ein.

Anlass zur Bemerkung bietet ein Spaziergang durch die Bonner Innere Nordstadt. In Heer- und Breite Straße stehen die inzwischen weltberühmten Zierkirschbäume kurz vor der Blüte. Schon jetzt posieren zahlreiche mit Selfie-Stangen bewaffnete Menschen unter den noch geschlossenen Knospen. Das lässt Schlimmes erwarten für die kommenden Tage, wenn die Bäume wirklich blühen. Ich werde berichten.

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