Woche 35/2024: Facebook-Geschwätz und komische Prosa

Montag: Meine vorläufig letzte Woche als Vollzeit-Arbeitskraft ist angebrochen. Das ist kein Grund, an fünf Tagen werktätig zu sein, am Donnerstag habe ich schon wieder frei.

Trotz schlecht durchschlafener Nacht war der Tag recht erträglich, im Büro kam ich mit der Aufarbeitung von in der vergangenen Woche aufgelaufenen Bearbeitungsrückständen gut voran, abends zierten mehrere Häkchen die Aufgabenliste.

Am Mittagstisch tauschten sich die Kollegen über ihre Brut aus. „Kinder geben ja so viel zurück“, wobei die Ironie in der Stimme des diesen Satz sprechenden Vaters nicht zu überhören war. Erneut dankte ich stumm kauend dem Universum, bei dem Thema weder mitreden zu können noch zu müssen.

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Erst am Freitag werde ich wieder im Büro sein, dazwischen liegen zwei Tage Tagung in Bad Breisig und, siehe oben, ein Urlaubstag, über dessen Gründe ich Sie zu gegebener Zeit in Kenntnis setzen werde.

Dienstag: Noch vor dem Aufstehen ließ eine Radiomeldung die Mundwinkel erheblich nach oben ausschlagen, wonach gerüchteweise die für mich größte Band aller Zeiten, Oasis, wieder gemeinsam auftreten will. Im Laufe des Morgens dann die offizielle Bestätigung, die zänkischen Gallagher-Brüder haben sich offenbar vertragen (oder brauchen Geld) und geben demnächst mehrere Konzerte. Seit sie sich vor fünfzehn Jahren trennten, habe ich die Hoffnung nie aufgegeben, diesen Tag noch zu erleben, ich freue mich sehr.

Weniger erfreulich nach Ankunft in Bad Breisig die Erkenntnis, dass ich zwar das Ladekabel für das iPad, nicht jedoch das für das iPhone eingesteckt hatte. Seit die unterschiedlich sind, jedenfalls bei der von mir verwendeten Gerätegeneration, ist das Leben nicht einfacher geworden. Doch konnte mir ein lieber Kollege aushelfen, Nachhausetelefonieren war zu jeder Zeit sichergestellt und für die Bevölkerung bestand keine Gefahr.

Bad Breisig. Finde den Fehler.
Blick aus dem Zimmerfenster. Das Hotel könnte hier und dort einen Pinselstrich vertragen, doch die Lage ist wunderbar.

Mittwoch: Kaum war ich aufgrund örtlicher Nähe des Tagungsortes bereits am frühen Nachmittag wieder zu Hause, musste ich bald wieder los, ein Stress ist das aber auch. Mir blieb nur Zeit, frische Socken und Schlüpfer einzupacken und kurz in die Zeitung und die Blogs zu schauen, dann machte ich mich auf nach Porz-Wahn, wohin zu einem kollegialen Sommerfest geladen wurde. Für die Hinfahrt nahm ich nicht die Stadtbahn bis Siegburg und ab da die S-Bahn, sondern die relativ neue Buslinie 117, die in Haustürnähe abfährt und nahe des Festlokals endet. Das dauert vermutlich etwas länger, erspart aber einen Umstieg. Von der Haltestelle erst ins Hotel, wo auf die Schnelle diese Notiz entstand, gleich weiter zur Feier. Da dort eine gewisse Feuchtfröhlichkeit nicht ganz auszuschließen ist, habe ich für morgen einen Tag Urlaub genommen. Somit wissen Sie das jetzt auch.

Donnerstag: Fröhlich war das Fest, die Feuchte und ihre Nachwirkungen hielten sich dank strenger Disziplin *räusper* im Rahmen. Daher wäre der Urlaubstag heute nicht zwingend erforderlich gewesen, andererseits störte er nicht das Wohlbefinden.

Nach Rückkehr aus Porz-Wahn (dieses Mal mit der Bahn) entschloss ich mich spontan zu einem Mittagessen in der Außengastronomie des Vertrauens, aus Vernunftgründen und wegen der Hitze mit alkoholfreiem Weizenbier. Danach suchte ich eine schattige Bank am Rhein auf, wo Leserückstände der vergangenen Tage aufgeholt und Textverarbeitung vorgenommen wurden. Nebenbei schaute ich auf Menschen im Vorbeigehen. Warum eigentlich kucken so viele junge Frauen derart genervt-unfroh in die Gegend?

Freitag: Der letzte Arbeitstag in Vollzeit geriet recht lang, da wegen der Abwesenheit an den Vortagen einiges aufzuarbeiten war. Aber das war in Ordnung. Jede Stunde zählt für künftige Frei-Tage.

Aus der Zeitung: „Die Clubs sind auf verschiedene Distrikte innerhalb von Deutschland aufgeteilt und werden auch von den jeweiligen Mitgliederinnen und Mitgliedern verwaltet.“ Das tut ein bisschen weh.

Bleiben wir bei der Zeitung: Offenbar begibt sich nun auch der Bonner General-Anzeiger auf das Niveau von Qualitätsmedien wie Der Westen online. So berichtet er heute von einem beschädigten Linienbus, der im Stadtteil Duisdorf an einem Bahnübergang gesichtet wurde. Der Bericht beginnt mit dem Zitieren mehrerer Kommentare und Mutmaßungen in einer örtlichen Facebook-Gruppe, einer will gar einen Brand des Busses wahrgenommen haben. Erst eine Anfrage der Zeitung bei den Stadtwerken ergab die wenig konkrete Auskunft, der Bus sei an einem Unfall beteiligt gewesen, bei dem niemand verletzt wurde, gebrannt hat er nicht. Fazit: fünf Spalten Bericht mit Bild des Bahnübergangs (ohne Bus), vier davon mit Facebook-Geschwätz, insgesamt mit einem Informationsgehalt, für den wenige Zeilen ausgereicht hätten. Man hätte auch ganz auf den Bericht verzichten können. Vielleicht mussten sie die Zeitung voll kriegen.

Aus einer Ankündigung für die Lesung der TapetenPoeten am 8. September: „Diesmal dabei: Carsten Kubicki, komische Prosa“ – ja, passt; muss ich mir merken, wenn mal jemand fragt, was ich so schreibe. Oder beruflich mache, da passt es meistens auch.

Samstag: In der Stadt sah ich beim planmäßigen Glasentsorgungsgang fröhlich gekleidete Menschen auf dem Weg zu Jeck im Sunnesching, einer sommerlichen Karnevalsveranstaltung im Rheinauenpark. Der strenggläubige Karnevalist mag dadurch in seinen närrischen Gefühlen verletzt sein, weil es Fastelovend nur zwischen dem elften Elften und Aschermittwoch geben darf. Doch gilt auch hier wie für Spekulatius im September: Niemand wird dazu gezwungen.

Abends waren wir bei der Lesung des Bloggerkollegen Satzverstand. Das war sehr unterhaltsam.

Sonntag: Heute ist der erste September. In den Blogs schaut man schon sehnsüchtig dem Herbst entgegen, wie ich während des in den Sonntagsspaziergang integrierten Biergartenbesuches las. Dabei ist heute bereits meteorologischer Herbstanfang. Dessen unbeeindruckt brannte die Sonne vom blauen Himmel und trieb die Thermometer auf über dreißig Grad, was mich nicht stört.

Der erste September ist für mich auch immer Dienstjubiläum, heute das achtunddreißigste, die Zeit rast. Ab heute gilt für mich außerdem die Fünfunddreißigstundenwoche mit einem freien Donnerstag in jeder zweiten Woche. Beziehungsweise de facto ab morgen. Die kommende Woche wird indes eine Fünftagewoche mit der vorläufig letzten Geschäftsreise von morgen bis Mittwoch, auf die ich mich – ohne jede Ironie – ein wenig freue.

Im Übrigen ein Sonntag wie nach Musterblatt A: katerfreies Erwachen, Frühstück mit den Lieben auf dem Balkon, Lesen der Sonntagszeitung (wo man im Feuilleton-Teil die Wiederbelebung von Oasis eher kritisch beurteilt), Spaziergang durch die Nordstadt und am Rhein, kühlende Stärkung im Lieblingsbiergarten. Alles in allem sehr zufriedenstellend.

Literatur am Wegesrand

Hier eine kleine Vorschau auf kommendes, auch wenn es noch etwas dauert.

Gunkl schrieb: „Venedig ist das Venedig Italiens. Manchmal isses so einfach.“

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Kommen Sie gut durch die Woche, lassen Sie sich nicht ärgern.

Gehampel und Glücksgefühl

Nachdem hier in letzter Zeit fast ausschließlich Wochenrückblicke erscheinen, heute mal wieder ein Aufsatz ohne tagesaktuellen Bezug. Das nachfolgende Textlein schlummerte schon seit längerem in den Entwürfen, höchste Zeit, es in des Netzes Weiten zu entlassen.

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Etwas, wozu ich nur noch selten, viel zu selten komme ist Tanzen. Also nicht als Paar: langsamer oder schneller Walzer, Tango, Cha Cha Cha, Foxtrott, all dieses Gehampel, das man mir in der Jugend erfolglos samstagnachmittags in der Tanzschule beizubringen suchte; noch immer denke ich mit Grausen an diese Zeit zurück und an das Glücksgefühl, als nach Grundkurs und Abschlussball diese wöchentliche Pein für mich überstanden war. Ohnehin besuchte ich die Tanzschule nur aus Gruppenzwang und auf mütterliches Flehen, aus mir selbst heraus wäre ich nie auf die Idee gekommen. Bis heute meide ich Aufforderungen zum Tanz, weil ich es nicht kann und nicht will; ebensogut könnte man mich zum Fußballspielen einladen oder vorschlagen, mir mit einem Hammer auf den Daumen zu hauen.

Was ich meine: Ich möchte mal wieder tanzen, alleine mit vielen auf einer Tanzfläche, zu Oasis, New Order, Tears For Fears. Am besten etwas, das ich mitsingen kann, wobei da nicht viel in Frage kommt, da mich Liedtexte nie interessierten und ich sie zumeist nicht verstehe, weder die englischen noch viele deutsche. „Bochum, ich komm aus dir, Bochum, ich häng an dir, aaafrika …“ Egal, Mitsingen macht auch Spaß, wenn es überhaupt keinen Sinn ergibt, jedenfalls solange keiner zuhört. „Sorry for the rock“ statt „Solid like a rock“. Ganz egal, Hauptsache es rockt. Mich im Takt der Musik bewegen, mich fallen lassen im Rausch des Klanges. Auch wenn es vielleicht komisch aussieht, ich weiß, ich bewege mich nicht gerade elegant (weshalb mich mal wer als „Bewegungslegastheniker“ bezeichnete), auch das ist egal, ich muss in der Menge der Tanzenden niemandem gefallen.

Die Zeiten regelmäßiger Tanzgelegenheiten sind lange vorbei, lange bevor Corona alles durcheinanderbrachte. Längst schon fuhren wir an den Wochenenden nicht mehr regelmäßig nach Köln zu irgendwelchen Partys, was ich keineswegs beklage; mit dem Fortschreiten der Jahre steigt das Ruhebedürfnis und man setzt andere Schwerpunkte. Und doch wäre es mal wieder schön.

Wobei, das letzte Mal ist noch gar nicht so lange her, das war am Sonntag nach dem Godesberger Karnevalszoch, als wir vereinsintern noch ein wenig in der Stadthalle nachfeierten. Zwischen den üblichen Karnevalsliedern und zweifelhaften Schlagern („Der Zug hat keine Bremse“) spielte der Musikbeauftragte immer wieder Hits der Achtziger, meiner großen Fetenzeit. Das war fast so schön wie früher, auch wenn es ganz sicher wieder komisch aussah. Das macht nichts. Hauptsache Glücksgefühl.

Woche 3/2023: Beschimpfender Unfug

Montag: Als solchen Geräten mit einer gewissen Skepsis begegnender Mensch schenkte ich unserer digitalen Personenwaage im Bad nicht allzu viel Glauben, als sie gestern Morgen ein unplausibel hohes Gewicht anzeigte, zumal es sich wenig später nach dem Duschen um ein halbes Kilo verringerte; soviel Dreck wird da wohl nicht weggebraust worden sein. Heute früh spannten die Knöpfe der Strickjacke deutlich, die vor einem Jahr noch tadellos saß. Sicher ist das auf unsachgemäße Wäsche zurückzuführen. Kann ja nur.

Der Feuilleton-Teil der Tageszeitung enthält an Montagen mittlerweile als festen Bestandteil eine Tatort-Kritik. Mord und Totschlag als Kultur zu betrachten finde ich reichlich unangemessen. Dann bitte auch eine regelmäßige Rezession der neuesten Filme auf XHamster. Ich kann das gerne übernehmen.

Dienstag: Der Rhein hat Hochwasser. Die Anlegestege der Ausflugsschiffe und Rudervereine, üblicherweise Richtung Flussmitte abwärts geneigt, stehen waagerecht oder neigen sich nach oben. Frachtschiffe, auf die man sonst vom Ufer aus herabschaut, fahren auf Augenhöhe. Und es ist kalt, was erstaunlich viele Läufer nicht davon abhält, in kurzen Hosen das noch morgenmüde Auge zu reizen.

Das Leben überrascht manchmal durch erstaunliche Zufälle. Gestern beim Abendessen noch beklagte ich im Kreise der Lieben, dass der neue Kantinenbetreiber keinen Wackelpudding mehr anbietet. Raten Sie mal, was es heute Mittag zum Dessert gab. Vielleicht durch die heimischen Lausch- und Laberdosen, in denen die dämliche Frau Siri wohnt?

Vergangene Woche beklagte ich das jahreszeitlich durchaus begründete Verschwinden der Glühweinbude am Rheinpavillon. Hierbei handelt es sich um eine Gaststätte am Rheinufer im typischen Baustil der Fünfzigerjahre, vermutlich und wenn dann zu recht denkmalgeschützt. Im Obergeschoss befindet sich ein Café, dort hielt ich auf dem Rückweg spontan Einkehr und bestellte einen Pfefferminztee, jaha, ich kann auch ohne Alkohol. Es war voller als es von außen schien, ich fand noch einen Platz mit Blick auf den Fluss. Statt der erwarteten Tasse wurde eine ganze Kanne serviert, daher saß ich etwas länger als geplant, was überhaupt nicht schlimm war; da zu sitzen ist sehr angenehm, man kann während des Verzehrs vorüberfahrende Schiffe und gegenüber am anderen Ufer die Lichter von Beuel betrachten. Hier war ich sicher nicht zum letzten Mal.

Archivbild aus Dezember 2021

»Thee und Bier stellten mich aus der Erschöpfung wieder her«, schrieb passend Thomas Mann heute vor vierundachtzig Jahren ins Tagebuch.

Eine Bierlieferung wurde mir vom Lieblingspaketdienstleister per Mail angekündigt. Die anfängliche Vermutung, da ich nichts bestellt hatte, es könnte sich um eine der üblichen Spam-Mails handeln, bewahrheitete sich nicht. Wer mag die Lieferung veranlasst haben? Ich habe einen vagen Verdacht.

Mittwoch: Warum eigentlich glauben Menschen, sich im Straßenverkehr wie Irre verhalten zu dürfen, denen alle anderen Verkehrsteilnehmer zu weichen haben, sobald sie ein Lastenfahrrad führen?

Auf dem Weg zur Kantine begegnete mir ein ehemaliger Abteilungskollege, der vor geraumer Zeit zum Leiter einer anderen Abteilung ernannt wurde, von der ich nie hörte; seitdem sehe ich ihn nur selten, weil er in einem anderen Gebäudeteil seinem leitenden Wirken nachgeht. Da er den Blick auf sein Datengerät gerichtet hatte und auch zum Zeitpunkt unserer Begegnung nicht davon abließ sah ich davon ab, ihn anzusprechen und auf die Briefe hinzuweisen, die noch in seinem Postfach auf unserem Flur liegen. Man will ja nicht stören.

Nach Rückkehr am Abend war das Bier geliefert, fünf Halbe aus bayrischer Klosterherstellung und ein Glas. Meine Vermutung die Bestellerin betreffend traf zu. Herzlichen Dank, liebe N.!

Donnerstag: Morgens schneite es überraschend heftig, was mich nicht davon abhielt, zu Fuß ins Werk zu gehen. Flockenumtost genoss ich den Gang am allmählich wieder abschwellenden Fluss, gelegentlich begegnet und überholt von Läufern, die der Schnee ebenfalls nicht von ihrem Morgenlauf abhielt und deren Fußspuren schon bald wieder weggeschneit waren. Erst nach Ankunft im Büro bemerkte ich, wie nass die Jacke geworden war.

»Was hast du in deinem Leben über die Liebe gelernt?« lautet die WordPress-Tagesfrage. Nämliches: 1) Wer suchet, der findet nicht; am ehesten findet, in einem unerwarteten Moment, wer nicht sucht. 2) Liebe und Lust sind trennbar, Monogamie wird völlig überbewertet. 3) Aller guten Dinge sind drei. Mindestens.

Freitag: Die Arbeitswoche endete angenehm mit Schnee am Nachmittag, der nur kurz liegenblieb, und einer karnevalistischen Großveranstaltung mit zehn Karnevalsgesellschaften und Musik in der der Bonner Innenstadt, an der ich mangels Uniform nur in begleitender Funktion teilnahm und die in alkoholischer Hinsicht glimpflich endete.

Das Musik-Corps der Fidelen Burggrafen Bad Godesberg, Rück(en)ansicht

Samstag: In Bonn ist laut Zeitungsbericht ein Obdachloser zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt worden, weil er im vergangenen Jahr einen menschlichen Kopf vor dem Bonner Landgericht ablegte, den er zuvor seinem Kumpel abgetrennt hatte, ich erzählte es, Sie erinnern sich vielleicht. Was ihn zu der Tat bewogen hatte, verschweigt er nach wie vor. Dem ursprünglichen Kopfinhaber wird es egal gewesen sein, da er bereits vor dem Kopfverlust infolge einer Krankheit gestorben war. Die Anklage lautet deshalb nur auf „Störung der Totenruhe“. Der hier einschlägige Paragraph 168 des Strafgesetzbuches lautet im Absatz eins: »Wer unbefugt aus dem Gewahrsam des Berechtigten den Körper oder Teile des Körpers eines verstorbenen Menschen, eine tote Leibesfrucht, Teile einer solchen oder die Asche eines verstorbenen Menschen wegnimmt oder wer daran beschimpfenden Unfug verübt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.« Klingt wie aus einer anderen Zeit. Am besten gefällt mir das mit dem beschimpfenden Unfug.

Nach samstäglichen Besorgungen hielt ich kurze Einkehr in der Lieblingsweinbar, direkt an einer Straßenbahnhaltestelle gelegen. Während des Rieslings sah ich einen Straßenbahnfahrer mit Krawatte, ein sehr seltener Anblick. Die Bus- und Straßenbahnfahrer früherer Zeiten trugen blaue Uniformjacke, Schirmmütze und selbstverständlich Krawatte. Das ist lange her. Heute muss man fast froh sein, wenn sie überhaupt einigermaßen bekleidet sind.

Es ist ein durchaus angenehmes Merkmal fortschreitenden Alters, wenn man am Samstagabend statt aushäusigen Fetenrausches auf ARTE eine Dokumentation über Moose anschaut, eine faszinierende Lebensform, die selbst unter widrigsten klimatischen Unbequemlichkeiten noch gedeiht. Vielleicht sind es Moose, die bald die Weltherrschaft erlangen, nachdem wir uns erfolgreich ausgelöscht haben. Eine noch faszinierendere, geradezu unheimliche Lebensform ist Physarum polycephalum, auch Blob genannt, über den anschließend berichtet wurde. Er verfügt über erstaunliche Intelligenz, obwohl er kein Hirn hat, im Gegensatz zu vielen Menschen, die trotz Hirn nennenswerte Intelligenz vermissen lassen.

Sonntag: Während des Spazierens sah ich am Rhein einen Mann, der mit Flusswasser seinen kleinen Hund hinten reinigte. Der Hund ließ es über sich ergehen, begeistert wirkte er nicht, was bei der Wassertemperatur und überhaupt nachvollziehbar ist.

Auf dem weiteren Weg durch den trüben, sich scheinbar endlos ziehenden Januar sah ich die erste Schneeglöckchenblüte und einen Kleinbus mit der Aufschrift »Es gibt Hoffnung«, was wie ich finde ganz gut zusammenpasst. Außerdem sah ich jede Menge Moos, die Dokumentation gestern Abend hat mir diesbezüglich die Augen geöffnet. Es ist kaum möglich, auch nur wenige Meter durch die Gegend zu gehen, ohne irgendwo die grünen Polster zu erblicken.

Es gibt Menschen, die ihre Lebensaufgabe darin sehen, über Moose zu forschen. Das muss wunderbar sein.

Ganz wunderbar muss es auch sein, sein Moos zu verdienen mit Schreiben, wenn man es kann wie Max Goldt, der sich ausnahmsweise interviewen ließ, anzuschauen hier:

Ach ja, dies noch:

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Ich wünsche Ihnen eine angenehme Woche, möglichst ohne Mord, Totschlag und anderen Unannehmlichkeiten.

Woche 8: Träume von Buchstabensuppe

Montag: Am Morgen sah ich auf dem Bahnsteig zwei etwa elfjährige Mädchen, augenscheinlich Zwillinge, zudem exakt gleich gekleidet, etwas, was man nur noch selten sieht. Wie lange mag es noch dauern, bis zwei identische Tätowierungen ihre Knöchel und Waden verunzieren?

Beim Holen des ersten Kaffees sah ich eine volle Flasche Jever Fun in der Kaffeeküche des Werkes. Welche Marketing-Spacken kamen wohl auf die Idee, ausgerechnet ein alkoholfreies Bier mit dem Attribut „Fun“ zu versehen?

„Wir müssen hier noch die Akronyme ziselieren“, sagt einer in einer Besprechung, was für mich so gar keinen Sinn ergibt, erst recht nicht, nachdem ich die Wörter im Duden nachgeschlagen habe. „Wir werden dazu ein kleines Übergangssystem bauen, geboren um zu sterben“, sagt ein anderer, was wesentlich mehr Sinn ergibt; in diesem Sinne sind wir letztlich alle kleine Übergangssysteme.

Unterdessen schlägt Verkehrsminister Scheuer vor, Pakete künftig per U-Bahn auszuliefern. Das ist toll: Dann gehen wir nicht nur zum Lachen in den Keller, sondern auch, um ein Paket in Empfang zu nehmen.

Laut Tageszeitung haben heute Namenstag:  Benignus, Bonosus, Evermod. Liest sich wie Scrabble nach drei Kästen Jever Fun.

Dienstag: Aus einer Reklame für Zigaretten: „Fashion Statement. Mit dem Oversized Model.“ Rauchen kann tödlich sein. Und Werbung kann wehtun.

Tagung in Bad Breisig. Vor mir sitzt einer mit Camp-David-Hemd. Für die kommende Nacht erwarte ich Träume von Buchstabensuppe.

Auch hier sollten die Marketing-Strategen vielleicht noch mal in sich gehen:

Lautes Gähnen in öffentlichen Verkehrsmitteln gehört auch zu den Dingen, die völlig zu unrecht unsanktioniert sind.

Mittwoch: Die Träume von Buchstabensuppe blieben aus; was ich stattdessen träumte, habe ich vergessen.

Nun kann man zu Camp-David-Hemden stehen, wie man will, wie so vieles auf Erden ist das Geschmackssache. Was allerdings mag im Leben des Menschen schiefgelaufen sein, der an der Tagung in einem Trainingsanzug im Design der Neunziger teilnahm? Karl Lagerfeld würde im Grabe rotieren. (Das mit den Neunzigern ist nur eine ungeprüfte Behauptung von mir. Jedenfalls so ein Teil aus einer anderen Zeit, mit dem die Generation Alda-Knöchelfrei nicht aus dem Haus gehen würde.)

„… wie man auf Neudeutsch sagt“, höre ich mehrfach in einem Vortrag, wobei das derart Beschriebene wie gewohnt weder neu noch deutsch ist.

Nicht Neu- sondern eher typisch Deutsch dieses: In den Bahnhöfen von Sinzig und Bad Breisig wurden die Bahnsteige erhöht, so dass der Reisende ebenerdig ein- und aussteigen kann. So weit, so löblich, nur: Vermutlich aus Kostengründen erfolgte die Erhöhung nicht auf voller Länge, an den Enden wurde über einige -zig Meter die ursprüngliche Höhe beibehalten. Macht ja nichts, ging ja vorher auch, denken Sie? Sie irren: Aufgrund irgendwelcher Eisenbahnbau- oder Betriebsvorschriften dürfen die niedrigeren Bereichen, also die mit der ursprünglichen, vor kurzem noch ausreichenden Höhe, nicht mehr genutzt werden. Stattdessen macht der Triebfahrzeugführer des Rhein-Express nun bei jedem Halt eine Durchsage, wonach aufgrund der verkürzten Bahnsteige die hinteren drei Türen nicht geöffnet werden können. Wenn man also ganz hinten steht und die Durchsage nicht durch den Kopfhörer gedrungen ist, hat man Pech gehabt und darf noch etwas weiter reisen.

Dazu passt ganz gut das Zitat von Kurt Tucholsky, das ich neulich las und notierte: „Wenn der Deutsche hinfällt, steht er nicht auf, sondern sieht sich um, wer schadensersatzpflichtig ist.“

Donnerstag: Dank karnevalistischer Aktivität gehöht nunmehr auch Flerzheim nicht länger zu den Orten, die ich trotz über zwanzig Jahren InBonn-Wohnens bislang allenfalls von den Zielanzeigen der Omnibusse her kannte. Ansonsten verliefen die drei Auftritte des Tages zufriedenstellend und ohne größere Schäden an Mensch und Trompete.

Im krassen Gegensatz zu Karneval und Spaß stehen die Ereignisse in Hanau, von denen ich erstmals während der Busfahrt nach Flerzheim erfuhr. Hierzu erlaube ich mir zu wiederholen, was ich schon vor einiger Zeit schrieb: Wir erleben gerade den doppelten Klimawandel. Einen meteorologischen, der die Welt aufheizt, und einen gesellschaftlichen, der sie bräunt. Ich weiß nicht, welchen wir mehr fürchten müssen.

Wenig Sorgen bereitet mir hingegen bislang das Coronavirus. Warum auch immer.

Freitag: „Keine Klärschlammverbrennung in Bonn aus Umweltgründen“, fordert eine örtliche Partei auf einem Plakat. Woanders demnach schon, weil die Umwelt dort weniger schützenswert ist?

Weil das alte ziemlich verschlissen war, kaufte nachmittags ich ein neues Armband für die Uhr mit DHL-Logo, die ich vor Jahren geschenkt bekam. Ich ließ es gleich im Laden austauschen, was wohl aufgrund der Bauart der Uhr ziemlich schwierig war und relativ lange dauerte. „Hoffentlich verstehen die von Logistik mehr“, sagte die Dame, als sie mir die Uhr zurück gab.

Bei Herrn Buddenbohm las ich zum ersten Mal das Wort „Erikativ“. Freu. Staun. Recherchier: Soweit ich mich erinnere, und das ist wirklich lange her, wurde mir in der Schule diese Wortart noch als Interjektion beigebracht.

Samstag: „Behörden sind fieberhaft mit einer Neubewertung der Rolle der Partei in Politik und Gesellschaft beschäftigt“, steht in der Zeitung. Es wäre besser, sie gingen das mit kühlem Kopf an.

Sonntag: Aus Zeitgründen bereits notiert am Samstagabend, somit eher eine vage Ahnung des Kommenden. Dieses kann (mindestens) zwei Ausprägungen haben. Erstens: Wir werden morgen um sechs Uhr aufstehen, um am Godesberger Zug teilzunehmen. Zweitens: Wegen Sturmtief Yulia wird der Zug, Achtung, Wortspiel: abgeblasen, früh aufstehen werden wir trotzdem, weil die Abblaseentscheidung erst um elf fallen soll. Ich werde berichten.

Nachtrag Sonntagabend: Nachdem sich Frau Yuilia zumindest in Bonn-Bad Godesberg von relativ sanfter Seite zeigte, konnte der Zug ziehen. Nach stundenlangem Trompetenspiel sind meine Lippen nunmehr erschlafft. Mit letzter Kraft nippen sie am Champagner.

Woche 9: Jecke und Irre

Montag: Laut Zeitungsbericht streben über neunzig Prozent der älteren Arbeitnehmer einen vorgezogenen Ruhestand an. Umgekehrt bedeutet das, fast zehn Prozent wollen bis zum Schluss arbeiten. Was mag bei denen schief gelaufen sein?

„Und – noch Spaß am Beruf?“ fragte früher ein Kollege, der längst den Ruhestand genießt.  Selbstverständlich, lautete auch heute noch meine Antwort. Auch wenn manches vorstellbar ist, das ich noch lieber täte, als mich morgens ins Werk zu schleppen.

Dienstag: „Theresa May gerät weiter unter Druck“, so die Nachrichten. Es fehlt nicht mehr viel, und sie ist zu einem Diamanten gepresst.

Ein Juwel ist auch der Liebste, denn er hat Getränke gekauft. Natürlich nicht nur deswegen, aber auch das ist eine Facette des Schliffes. Am Abend tragen wir die Kästen vom Auto hoch in die Wohnung. Er einen, ich drei. Auf dieses Ungleichgewicht angesprochen, bekomme ich zur Antwort: „Du bist manchmal etwas bequem.“ Vermutlich hat er recht.

Mittwoch: Den zweiten Morgen in Folge bin ich vor dem Wecker wach und stehe auf. Kommt jetzt diese präsenile Bettflucht? Was unterdessen immer deutlichere Gestalt annimmt, ist der Drang zur Büroflucht.

Donnerstag: „Schlechte Sänger sind immer schlecht, da helfen weder Bier noch Wein“, lese ich in der Zeitung. Ethanolhaltige Getränke schaden in dem Falle aber auch nicht, füge ich hinzu. In diesem Sinne gebe ich heute bei sechs Auftritten mein Bestes. Alaaf!

KW9

(Foto: Anja Profitlich)

Auf der Rückfahrt nach Hause ist es eher nützlich, ein wenig dem Alkohol zugesprochen zu haben: Unser Taxifahrer liefert sich auf der B9 ein Rennen mit einem von einem Testosteronäffchen gelenkten, auspuffknallenden „Sportwagen“. Nüchtern hätte ich womöglich unter mich gelassen.

Freitag: In den Medienberichten über das Treffen von Donald Trump und Kim Jong Un wird der eine stets als „Präsident“, der andere als „Machthaber“ bezeichnet. Als ob Trump von der Mehrheit der Bürger gewählt und damit der Gute sei, nur Kim hingegen durch dunkle Machenschaften die Herrschaft ergriffen hätte. Insofern erscheint eine einheitliche Bezeichnung angemessen. Vielleicht „Jeck“. Aber damit kämen sie wohl zu gut weg. Eher „Irrer“.

Samstag: Der Rheinmetall-Konzern freut sich über eine dank voller Auftragsbücher fast fünfzigprozentige Steigerung des Betriebsgewinns in der Militärsparte. Mir fällt spontan nur weniges ein, das geeignet wäre, mich noch mehr anzuwidern.

Den karnevalsfreien Tag nutze ich für einen längeren Spaziergang auf die andere Rheinseite durch die Schwarzrheindorfer Auen, unter anderem um den Kopf freizubekommen von ein paar beruflichen Dingen, die ich entgegen sonstiger Gewohnheit mit ins Karnevalswochenende genommen habe, was nicht gut ist und nicht sein sollte, auf welche ich indes nicht näher eingehe, es würde Sie langweilen. Auf der noch ungeschriebenen Liste der Dinge, die ich tun würde, wenn ich nicht mehr ins Werk müsste, steht dieser Gang als tägliche Übung weit oben. Neben Singen macht auch Gehen glücklich. Singen beim Gehen erst recht, wobei das auf Außenstehende befremdlich wirken mag. Der Besitz eines Hundes steht nicht auf der Liste, was vermutlich noch zu einigen Diskussionen führen wird.

Auf dem Rückweg sehe ich am Radweg vor der Kennedybrücke einen „fliegenden“ Anbieter von Dienstleistungen zur Fahrradwartung: Ein Campingtisch mit diversen Flick- und Putzutensilien, davor und dahinter jeweils eine große Tafel mit Anpreisung des Wartungsservices. Eine ebensolche Tafel hält der Betreiber des Standes jedem Radfahrer entgegen, der vorbeikommt. Leider ohne Erfolg, keiner hält an, anscheinend ist der Bedarf an fliegender Fahrradwartung nur gering. Vielleicht sollte der Mann sein Geschäftsmodell noch einmal überdenken. Kleiner Tipp: Das Ausbringen von Nägeln im Abstand von ein- bis zweihundert Metern vor dem Stand könnte dem Geschäft Anschub verleihen. Das ist zwar ein wenig fragwürdig, aber immer noch viel sympathischer als Rheinmetall.

Sonntag: De Zoch kütt in Bad Godesberg. Ich bin übrigens der Grün-weiße mit der schräg klingenden Trompete. Das kann ich nämlich auch nicht.